Kaum hatten sie die Sicherheit von Manjévs Kemenate erreicht, konnte Truda nicht mehr an sich halten. Das Mädchen warf sich auf ihr Bett, verbarg den Kopf unter ihrem Kissen und schluchzte herzzerreißend.
Dýamirée sprang auf den Boden und von dort aus ans Fenster und lugte herunter. Unten im Hof hatte sich die Menschenmenge verändert. Es war immer noch sehr viel los, aber es war weniger geschäftiges Burgvolk zu sehen. Es schienen vielmehr weitere vornehme Gäste hinzugekommen zu sein, Dýamirée sah feine Gewänder, hier und da blitzten blitzte Gold oder ein Edelstein auf. Es waren kaum noch Ritter mit ihren Gehilfen anwesend, zumindest nicht in Eisenzeug. Dafür standen hier und dort jetzt auch Damen und junge Mädchen in Gesellschaft der Männer und plauderten angeregt. Einige Knechte und Mägde, nun mit Überwürfen mit dem Wappen von Wijdlant angetan, gingen herum und reichten den auswärtigen Gästen kleine Tonbecher mit einer dampfenden Flüssigkeit, die gern genommen wurden.
Manjév setzte sich neben Truda und legte ihr vorsichtig die Hand auf den Rücken. Aber was konnte sie tröstendes sagen?
„Wer sind all diese Leute?“, fragte die Magierin.
Manjév zuckte die Achseln. „Das sind yarlay mit ihren Damen und Familien, die von weiter her angereist sind.“
„Mit ihren Töchtern?“
„Möglicherweise bleibt ja der eine oder andere yarlandor übrig, beim Turnier.“
Truda weinte, erstickt unter dem Kissen. „Raýneta“, drang aus ihrem Jammer hervor.
„Ruhig, Truda. Morgen, spätestens übermorgen ist Osse wieder hier. Wenn jemand guten Rat weiß, dann er!“
„Was soll er denn machen?“, jammerte das Mädchen. „Was soll überhaupt jemand machen? Sie ist doch nur ein kleines Mädchen …“
Manjév warf Dýamirée einen hilfesuchenden Blick zu. Aber die Magierin schaute nur unverwandt auf den Hof hinab. Die Abenddämmerung senkte sich langsam über die Burg.
„Ich bin ganz sicher, dass Raýneta nichts zustoßen wird.“
„Und wen der Schurke sie umbringt?“, fuhr Truda auf und kam ruckartig unter dem Kissen hervor. „Wenn er sie umbringt und irgendwo verscharrt? Sie kann sich doch gar nicht wehren!“
„Er wird sie nicht umbringen! Überleg doch mal! Solange er sie als Geisel hat, ist er unangreifbar. Und sobald er an seinem Ziel ist, wird er versuchen, ein Lösegeld zu verlangen. Denk doch einmal nach, Truda! Deine Schwester ist doch nicht irgendein dahergelaufenes Straßenkind.“
„Aber vielleicht ist er gemein zu ihr!“
„Venghiár setzt sicher alles daran, den Kerl zu fassen. Vielleicht kommt morgen schon die nächste Taube und alles ist in Ordnung.“
„Wenn Venghiár den Unhold erwischt hat“, murmelte Truda finster, „dann hat er ihn längst umgebracht.“
„Wir werden nach Raýneta suchen.“
Manjév blickte auf. Dýamirée konzentrierte sich weiter auf das Treiben im Hof. Von unten war sie sicher nicht zu sehen.
„Wir?“
„Ich und Advon. Wir haben Farbenspiel bei uns, und ich kann fliegen.“
„Und wo wollt ihr suchen? Du hast doch gehört, was die Herren gesagt haben! Er könnte in jede Richtung geflüchtet sein.“
„Wir fliegen nach Emberbey. Vielleicht finden wir eine Spur.“
„Jetzt? Aber das Turnier …“
„Das dauert doch noch ein paar Tage.“
„Aber – nein! Ich könnt jetzt nicht weg von hier! Advon muss doch …“ Gerade noch rechtzeitig unterbrach Manjév sich, just bevor sie sie verraten konnte.
„Es geht hier um ein kleines Mädchen in Gefahr“, sagte Dýamirée sanft.
Sie führte das nicht weiter aus, aber Manjév konnte sich denken, welcher milde Tadel unausgesprochen blieb. Sie versuchte, ihren Ärger zu unterdrücken. Nein, nicht ihren Ärger. Ihre Angst. Merrit würde bald eintreffen. Vielleicht waren er uns Osse schon auf dem Gebiet von Wijdlant. Da konnten Advon und Dýamirée doch nicht einfach gerade jetzt losziehen, um sich um etwas anderes zu kümmern.
Raýneta würde nichts zustoßen, welche abscheuliche Geschichte sich auch hinter dem Mord an Herrn Alsgör auftun würde. Vernünftig wäre es, zu warten, zu warten und dann gezielt zu handeln. Bei den Mächten, Truda hatte Dýamirée ganz verwirrt mit ihrem Gefühlsausbruch. Aber waren ihre, Manjévs Nöte denn nicht auch wichtig?
„Was ist mit eurer Mission“, fragte Manjév knapp. „Könnt ihr das verantworten?“
„Nein“, sagte Dýamirée ruhig. Ihre Augen schimmerten, ein silberner Schleier in dem Halbdunkel beim Fenster. „Aber vielleicht doch. Wenn Herr Alsgör der erste gefallene Ritter ist, dann ist es wichtig.“
„Und wenn es einfach nur ein Zufall war?“
„Wie soll ich das bewerten, ohne zu wissen was geschah?“
„Was redet ihr da“, murmelte Truda erschöpft. „Was für eine Mission? Was für ein Zufall?“
Dýamirée nahm einen von Tíjnjes Blumentöpfen vom Fenster. Als ihre Hände den Tontopf berührten, schienen die weißen Blüten an den Ranken aufzuglühen; eine zarte, milde Aura, wie man sie manchmal um Noktámas Juwel am Himmel sah. Aber vielleicht war das Einbildung gewesen. Als Dýamirée aus dem Schatten trat, war davon nichts mehr zu sehen. Sie stellte den Topf auf den Schemel neben Trudas Bett. „Ruh dich aus, Truda. Und mach dir keine Sorgen. Advon und ich finden heraus, wo dein Schwesterchen ist. Schlaf.“
„Ich kann nicht-“ Truda wollte aufbegehren, aber da raschelten die Blätter der weißen Blume. Eine der Ranken bewegte sich und schien sich zu dem Mädchen hinüberzustrecken. Truda staunte und hob zaghaft die Hand, wagte aber nicht, die Pflanze zu berühren.
„Zauberst du?“, fragte sie ehrfürchtig.
„Nein“, gab Dýamirée mit unbewegtem Gesicht zurück. „Ich nicht.“
„Aber …“
„Ruhig. Alle beide. Stellt keine Fragen und macht euch keine Gedanken . Die Blume leistet dir Gesellschaft, Truda. Lass sie einfach dort stehen und schlaf. In deinem Traum magst du besseren Trost erfahren, als ich oder Manjév dir nun geben könnten. Manjév, lass mich die Sache mit Advon bereden. Sei du heute Abend eine tapfere teirandanja und zeige dich deinen Schutzbefohlenen und all den wichtigen Leuten dort draußen. Und macht dieses Fenster hier nicht ganz zu. Ein Eichhörnchen oder Vöglein muss hindurch passen, bei Tag und Nacht.“
„Es ist mir nicht recht, dass du gehst“, sagte Manjév leise. Der Schattensängerin in die Augen zu blicken wagte sie nicht. Wer war sie, dass sie einer Magierin Vorschriften zu machen versuchte? Ja .. wer war sie, dass die Freundin sich ihrer Not nicht annahm?
Weil du selbst nicht weißt, was deine Not ist, schalt sie sich selbst. Weil nicht einmal mit Zauberei jemand in dein Herz hineinschauen kann.
„Ich lasse dich nicht allein“, sagte Dýamirée sanft. „Ich bin deine Freundin. Das weißt du. Zum Turnier sind wir wieder da. Spätestens.“
Manjév nickte. Wenn sie nun etwas gesagt hätte, dann mit Sicherheit etwas ziemlich verkehrtes.
Da würde es draußen auf dem Hof lauter. Kein Aufruhr, keine Unruhe. Eher ein überraschtes Stimmengewirr, und die Schritte von Pferden auf dem Pflaster. Berittene Gäste trafen ein, ohne Hast, ohne Aufregung. EIn seltsames Raunen schwoll an, eine Art höflicher, würdevoller Jubel. Jemand wurde von den Menschen im Hof begrüßt, ohne Überschwang, aber wie es ihm gebührte.
„Wer ist das?“, fragte Dýamirée interessiert.
Manjév, selbst neugierig geworden, schaute nach. Ein Tross von etwa fünfzehn Leuten zu Pferd und einer Schar Begleiter zu Fuß war eingetroffen. Sieben der Reiter waren Ritter in formellem Eisenzeug, fünf Damen auf eleganten Zeltern waren dabei, zwei davon Mädchen in Trudas Alter. Sie umringten eine prächtige, mit viel Goldfarbe verzierte Sänfte, die von zwei schneeweißen Maultieren getragen wurde.
Von der Halle her eilte der Vater herbei, gefolgt von einem Knecht, der einen kostbaren Krug bei sich hatte. Angesichts der kostbaren Last war der Mann fast unverantwortlich schnell. Die Mutter folgte würdevoll nach, eigenhändig trug sie metallene Becher herbei. Yarl Moréaval ging wachsam an ihrer Seite und trug ebenfalls einen Stapel Trinkgefäße. Manjév erkannte die Wappenröcke der Ritter, die auf der ihr zugewandten Seite der Sänfte warteten. Einer war grün, der andere rot und weiß, einen springenden Hasen führte der Ritter im Schild. Die yarlay Tjiergroen und Lebréoka. Die jüngeren Männer neben ihnen waren dann wohl die Söhne, der eine recht gutaussehend, der andere breitschultrig und wohl noch größer als Láas.
„An die hatte ich gar nicht mehr gedacht“, sagte Manjév verwundert. „Dabei ist für die ein ganzes Nebenhaus frei gemacht.“
„Und für wen kommen deine Eltern selbst herbei, um den Willkommenstrunk zu reichen?“
„Willkommen in Wijdlant“, rief Asgaý von Spagor da aus, ließ sich einen Becher füllen und trat an die Sänfte heran. „Sitzt ab, edle Herren. Welche Freude, Euch begrüßen zu dürfen!“
Zwei junge Burschen aus dem Gefolge eilten heran. Die Person in der Sänfte benötigte offenbar Hilfe beim Aussteigen. Und tatsächlich, kaum waren sie zur Stelle, mühte sich jemand, dort herauszukommen. Ein beleibter und sehr alter Mann war es, seine Körperfülle ein erschreckender Gegensatz zu seiner Gebrechlichkeit. Seine Kleidung war erlesen, mit viel Gold und Pelz verziert und über seinem Kopfputz trug er eine Krone. Ein dritter Diener brachte einen Gehstock herbei, den der alte Mann wortlos in die Hand nahm. Dann nickte er Asgaý von Spagor zu und nahm den Becher entgegen. Seine Hand zitterte, sodass er einen guten Teil des Weines verschüttete, bevor er ihn an die Lippen brachte.
„Willkommen“, sagte nun auch die Mutter, so laut, dass man es auf dem ganzen Hof hören konnte. „Willkommen, Benjus von Valvivant!“
„Das ist der teirand von Valvivant“, erklärte Manjév. „Keiner hatte mehr damit gerechnet, dass der alte Mann noch persönlich kommt. Die Herren sind …“
Aber Dýamirée hörte schon gar nicht mehr zu. Ein kleiner Vogel wischte an Manjévs Ohr vorbei und flatterte ins Abendrot davon. Die teirandanja seufzte und wandte sich um. „Truda, das solltest du dir ansehen.“
Aber Truda würde sich an diesem Abend wohl auch von den schmucken neue angekommenen yarlandoray und ihren Knappen nicht beeindrucken lassen. Sie lag auf ihrem Bett, zusammengerollt wie eine Katze, und schlief. Ranken mit weißen Blumen hatten sich über die Schlafstatt ausgebreitet, eine Decke aus grünen Blättern und mondfarbenen Blüten. Seltsam warm und behaglich sah das aus.
Manjév seufzte und war sich ziemlich sicher, dass sie Truda vorerst nicht würde aufwecken können. Und wozu auch? Um sich das Jammern über Herrn Alsgörs Verlust und die Verschleppung der Schwester anhören zu müssen? Dinge, die bei aller Tragik, nun gerade nicht zu ändern waren?
Die teirandanja seufzte. Dann ließ sie sich an ihrem Spiegeltisch nieder und starrte eine Weile ihr eigenes Bild an. Das Döschen mit dem Edelsteinstaub stand immer noch dort, wo sie es achtlos abgestellt hatte. Manjév von Wijdlant und Spagor warf sich selbst einen missmutigen Blick zu. Dann griff sie sich einen Tiegel mit Haarsalbe und begann, sich zu schmücken.
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