Farbenspiel hielt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen dem Zeltlager der Ritter und dem Waldbereich neben dem Trampelpfad auf. Dort, wo Advon bei der Fahrt auf dem Heuwagen das bunte Fell gefunden hatte. Allzu nahe bei den Menschen konnte der Hengst jedoch nicht sein. Hätte ihn jemand zufällig entdeckt, hätte das Aufsehen erregt. Bei Tieren spielte es keine Rolle, wie nahe sie einander waren. Den feinen Sinnen eines Pferdes bereitete es keine Schwierigkeit, die Witterung über eine weitere Strecke aufzunehmen, wenn der Wind richtig stand. Mit Sicherheit verströmte Farbenspiel zudem einen besonders intensiven Duft, der die Hengste wütend und die Stuten wollüstig machte. Mit so einer Schwierigkeit hatte Advon nicht gerechnet. Er musste handeln, bevor noch jemandem etwas zustieß!
Der junge Magier wählte also den kürzestmöglichen Weg in die vermutete Richtung und hielt auf das Ritterlager zu. Das Glitzern der Spiegelplättchen auf yarl Ycelias Zelt wies ihm in Pataghíus sinkendem Glanz den Weg.
Natürlich war es unnötig und dumm, das Lager zu durchqueren. Aber Advon streifte den Gedanken beiseite. Schließlich hatte er Dýamirée nur versprochen, den wappenlosen Ritter nicht zur Rede zu stellen, so sehr er sich im Recht fühlte. Wenn er jedoch einfach zügig an dessen Zelt vorbeiging, würde der dreiste Betrüger ihn gar nicht bemerken. So, wie er zurzeit aussah, ohne Rüstzeug, in schlichtem Gewand, ganz zerzaust und mit Resten von Heu im Haar, würde er für einen flüchtigen Blick in der Abenddämmerung als irgendeiner der vielen Knappen und Knechte durchgehen.
Mit diesem Vorsatz erreichte Advon das Zeltgelände. Er ging dem Glänzen nach, zügelte seinen Unwillen und entschied sich dann, einen großen Bogen um das Zelt des Kerls zu machen. Und er wäre auch mit stur geradeaus gerichtetem Blick unbeirrt weiter gelaufen, hätte er nicht aus den Augenwinkeln etwas gesehen.
Advon verlangsamte seine Schritte und schielte hinüber. Vor dem Zelt des Wappenlosen stand ein junger Pferdeknecht, angetan mit einem Überwurf, auf dem das Wappen von Wijdlant prangte; ein Turnierhelfer also. Der Bursche bemühte sich, die beiden Pferde zu beruhigen, auf die er offenbar achtgeben sollte, eines mit einem dunkelgrünen, das andere mit einem weizengelben Wappen auf der Satteldecke. Die Tiere schnaubten, schnarrten und schlugen unruhig mit den Schweifen. Zweifellos witterten sie Farbenspiel ebenfalls.
Advon bog von seinem direkten Weg ab und schlenderte um das Zelt von Ycelia herum, um einen besseren Blick auf die Pferde zu haben. Wenn der Wappenlose Besuch hatte, konnte es nicht schaden, zu erfahren, wer das war. Auf dem grünen Wappen erkannte Advon einen Widder und eine Tanne, auf dem gelben Weizenähren.
Yarl Altabete und yarl Grootplen? Was machten die beiden hier?
Nun, Altabete war davongestürmt, um sich den Wappenlosen vorzuknöpfen. Aber das war nun schon so lange her. Und wieso war Grootplen bei ihm? Der war doch gerade erst nach Wijdlant zurückgekehrt und hätte ihn, Advon, beinahe über den Haufen geritten, als er die Burg verlassen hatte. Was machten die Herren zu zweit hier? Gab es auf der Burg nicht genug zu tun?
Advon runzelte die Stirn. Irgendetwas musste Altabete aufgehalten und Grootplen angespornt haben. Trotzdem waren sie wohl in Eile. Dafür sprach, dass sie ihre Pferde einem Knecht zum Festhalten gegeben hatten. Offenbar lohnte es sich nicht, sie in ein Gatter zu bringen.
Der Magier musste sich entscheiden. Irgendwo im Wald streunte sein Einhorn herum und versetzte die Pferde in Aufruhr. Hier hatten die hochedlen Herren offenbar beschlossen, dem Wappenlosen unbequeme Fragen zu stellen. Das eine war riskant. Das andere interessant.
Advons Neugierde siegte. Verstohlen duckte er sich, stieg achtsam über Pflöcke und Schnüre hinweg und pirschte sich an. Hinter der Zeltplane hörte er den Wappenlosen sprechen.
Das Zelt war etwas abgewetzt und wohl schon seit langer Zeit im Besitz des wappenlosen Ritters war. Advon fand ein Löchlein im Tuch, vielleicht einst vom Funkenflug eines zu nahe entzündeten Feuers hineingebrannt. Er spähte hindurch und erhaschte so einen Blick über die linke Schulter des Wappenlosen. Der hatte sein Eisenzeug abgelegt, war offenbar von den unangekündigten Gästen überrascht worden. Ihm gegenüber, auf dem Bett des Knappen, saß yarl Altabete, mit der düsteren Miene eines Mannes, der einen Gegner erkannt hatte, aber noch nicht angreifen wollte. Die Narbe, die sich von unterhalb seines Auges seine Wange hinabzog, ließ ihn noch grimmiger wirken.
Yarl Grootplen stand daneben. Er wirkte geistesabwesend, so als wäre er in Gedanken gänzlich mit etwas anderem beschäftigte. Jedenfalls zupfte er an seinem buschigen Schnauzbart herum, als sei er ganz für sich.
„Ich weiß wirklich nicht, was ihn so lange aufhält“, sagte der Wappenlose gerade. Es klang nicht, als habe er in Anwesenheit des hochedlen Ritters ein allzu schweres Gewissen. „Ich habe meinen Knappen nur zu einer kleinen Besorgung ins Dorf geschickt.“
„Erledigt er öfter solche Besorgungen?“
„Seit wir hier sind. Seit sieben Tagen etwa, ja.“
Altabete war sichtlich ungehalten. Aber er konnte einem Gleichgestellten schlecht dafür rügen, dass der sich um seine Pflichten kümmerte.
„Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass die Sache sich augenblicklich aufklärt.“
„Aber selbstverständlich! Ihr seht mich mehr als bemüht, die Angelegenheit beigelegt zu sehen, Herr Andriér. Welche Schande, dass das vasposár von solch einer Tat überschattet wird!“
„Das stimmt. Wenn dieses Pferd nicht flugs wieder auftaucht, dann wüsste ich nicht, wie ich es dem Eigentümer gegenüber rechtfertigen sollte. Seit ich mich erinnern kann, ist im Schatten der Burg von Wijdlant nichts so Kostbares gestohlen worden.“
„Glaubt mir nur, es ist mir absolut unerklärlich, Herr Andriér. Mein Knappe hat fragliches Pferd in seine Obhut genommen und hinüber zu den Pferchen gebracht, während ich mit dem Strolch in den Wald ging. Um ihn zu stellen und zur Rechenschaft zu ziehen, wie Ihr wisst.“
„Ist es dort, wo Ihr herkommt, üblich eine Missetat mit scharfer Klinge und ohne Zeugen zu ahnden?“
„Nein“, antwortete der Ritter. „Im Gegenteil. Dort legt man Wert darauf, dass Missetaten öffentlich und streng geahndet werden. Haltet Ihr es hier anders?“
„Es ist selten nötig“, antwortete Altabete knapp. „Und in den seltenen Fällen, da es etwas zu ahnden gibt, legt man hier großen Wert darauf, das Wie und Warum zu verstehen, bevor Gerechtigkeit geübt wird.“ Nun lächelte er grimmig. „Deshalb bin ich hier.“
„Nun, den Missetäter habt Ihr ja. Unfassbar, mit was für einer dreisten Lüge er die Dinge verdreht! Als ob ich eine Ahnung hätte, wo sich hierzulande die guten Pferde verbergen!“
„Na ja“, meinte Grootplen geistesabwesend. „So ein hübsches Pferdchen fällt einem wohl auf, der öfter im Dorf zu tun hat.“
Der Wappenlose richtete sich empört auf. Damit verdeckte er Advon die Sicht. „Was soll das für eine Andeutung werden, Herr Daap?“
„Fühlt Ihr Euch angesprochen?“
„Nein, natürlich nicht. Ich wäre überglücklich, wenn Ihr das Pferd auftriebet.“
„Das muss uns wohl Euer Knappe beantworten. Im Pferch hat er es jedenfalls nicht abgestellt.“
„Ich kann es mir beim besten Willen nicht erklären.“
„Wir haben uns jeden einzelnen Gaul angeschaut. Ihr selbst habt das Tier gesehen. Unverwechselbar ist es.“
„Ja“, bestätigte der Wappenlose. „Ein prächtiges Ross. So edel und schön anzusehen …“
„So schön, dass Ihr vergessen habt, mir zu verraten, dass es in Eurer Obhut ist“, erinnerte Altabete.
„Herr, es waren die Umstände. Der Strolch ohne Bewusstsein … bei den Mächten, gepriesen seien dieselben, dass der Kerl noch lebt und Ihr ihn verhören könnt! Das wird wohl die Wahrheit herausbringen.“
„Sicher. Es brennt uns alle zu wissen, wie er auf dreiste Geschichte kam, Euch zu bezichtigen. Unerhört.“
„Das kann man wohl sagen!“ Der Wappenlose erhob sich. „Einen hochedlen Herrn zu beschuldigen! Wer immer dieser Strolch ist, Stroh muss er im Kopf haben, sich einzubilden, dass er mit einer solchen Lügengeschichte davon kommt.“
Advon biss sich auf die Unterlippe. Er musste an sich halten, um nicht laut zu lachen. Zugleich stieg Ärger in ihm auf. War Altabete wirklich so arglos, dass er dem Ritter die fadendünne Ausrede abnahm? Offensichtlich. Immerhin saß der Wappenlose in seinem Zelt, nicht in einer Zelle. Der Magier zupfte sich etwas Heu vom Ohr und horchte weiter.
„Der junge Pferdedieb wird seine Behauptungen von Angesicht zu Angesicht und vor unseren teiranday zu wiederholen“, sagte Altabete. „Nach dem vasposár.“
„Ihr wartet bis nach dem vasposár?“
„Selbstverständlich“, ließ Grootplen sich hören. „Ihr werdet verstehen, dass wir die Geschichte aufklären müssen. Unglücklicherweise gibt es Dinge von größerem Stellenwert. Wir haben schlicht keine Zeit, uns parallel zum Turnier und Fest um solche Lappalien wie einen Pferdediebstahl zu kümmern.“
„In der Tat“, setzte Altabete hinzu. „Für uns ist wichtig, dass das Pferd vor dem Turnier wieder auftaucht. Wer es letztlich entwendet hat, das hat Zeit. Der junge Mann wird scharf bewacht und läuft uns gewiss nicht weg.“
Advon grinste.
„Und solange auch Ihr Euch nicht vorzeitig vom Plane entfernt, gibt es keinen Grund, die Sache über die Maßen zu hetzen. Ach, schaut. Ist das Euer Knappe?“
Der Magier linste durch das Loch. Tatsächlich, nun stand plötzlich der junge Knappe Rolk neben yarl Grootplen im Zelteingang und schaute sich verdutzt um. Er hielt einen Korb und einen Krug in jeweils einer Hand und hatte einen Laib Brot unter seinen Arm geklemmt. Sein Gesicht war rosig. Vielleicht schleppte er schwer an seinem Gepäck. Oder an seinem Gewissen.
„Herr Andriér, Herr Daap, dies ist Rolk, mein Knappe.“
Rolk verneigte sich ungelenk vor den beiden Rittern, soweit das mit seiner Last ging. Andriér Altabete erhob sich. „Du bist also Rolk. Hast du im Dorf alles bekommen, wonach dein Herr dich geschickt hat?“
„Ja, Herr“, antwortete Rolk. „Das Bier und das Brot und ein bisschen Käse und …“
„Das interessiert die Herren nicht“, fuhr der Wappenlose ihm ins Wort.
„Junge, wir sind den Weg von Wijdlant gekommen, um dir eine Frage zu stellen.“ Altabete hatte sich nun vor dem Jungen aufgebaut. Advon ärgerte sich. Er hätte gern Rolks Gesicht gesehen.
„Herr?“, fragte der Knappe vorsichtig.
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass du heute früher am Tag das Pferd eines jungen Ritters in Verwahrung genommen hast.“
„Ja, Herr. Eine schöne Stute. Ich sollte darauf aufpassen, während die Herren im Wald gekämpft haben.“
„Nun, ebendiese schöne Stute würden wir uns gern anschauen. Aber wir können sie nicht unter all den Pferden finden. Weißt du, wo wir suchen müssen?“
„Ja, Herr. Also, ich wollte das Pferd zu den Pferchen bringen. Damit es Futter bekommt und bewacht ist.“
„Aber dort ist die Stute nicht.“
„Nein“, sagte Rolk.
„Kerl!“, mischte sich der Wappenlose eilig ein. „Du willst doch nicht etwa sagen, dass das Tier dir abhandengekommen ist?“
„Nicht?“, fragte Rolk erstaunt. Dann setzte hastig hinzu: „Doch! Oh doch, Herr!“
„Was? Du hast das Pferd verloren?“
„Nicht verloren, Herr! Weggelaufen ist es! Im Wald!“
„Kerl!“, schrie der Ritter den Jungen an. „Und damit kommst du jetzt erst heraus?“
„Weggelaufen?“ Altabete klang nicht sonderlich erfreut.
„Ja, Herr! Losgerissen hat es sich vom Zügel, und hui! Weg war es, quer durchs Unterholz!“ Rolk versuchte anschaulich, galoppierenden Hufschlag nachzumachen. „Ich kam gar nicht nach!“
„Unglückswur! Wieso weiß ich davon nichts?“
„Aber Herr! Das war doch …“
„Ich bin untröstlich, Herr Andriér! Was haben mich die Mächte mit diesem einfältigen Kerl hier gestraft! So ein Unglück, so eine Schande!“
Altabete aber interessierte sich nicht für den Wortschwall des Wappenlosen. „Die Stute ist dir hier im Wald entsprungen?“
„Ja, Herr! Hat sich wohl erschreckt und ist dann weg wie ein Windninchen! Schneller als ein Feuerblut! Weit rein in den Wald. Ich bin ihr noch nachgelaufen, aber ich hab ja nur zwei Füße und bin nicht so schnell, und…“
„Wohin? In welche Richtung?“
„Keine Ahnung. Weit weg. Westwärts, glaube ich. Weg vom Turnierplatz!“
Grootplen verließ eilig und ohne Gruß das Zelt. „Entsprungenes Pferd im Wald“, rief er dem Turnierknecht knapp zu. „Hurtig, was stehst du hier herum? Schaut, ob ihr noch Spuren findet, solange noch Licht ist.“
Advon hob den Kopf und sah den Pferdeknecht rennen. Einige andere Männer hatten Grootplens Worte mitangehört. Drei oder vier Burschen rannten dem wijdlantischen Knecht nach.
„Kerl!“, brüllte derweil der Wappenlose im Zelten unglücklichen Knappen an. „Nichts kann man dir anvertrauen! Bei den Mächten, was für ein Unglück! Als Nächstes lässt du mein Pferd laufen, was?“
„Aber Herr!“
„Ich werde dir zeigen, was …“
„Hochedler Herr“, fiel Altabete ihm ins Wort. Advon spähte wieder durch das Loch. Der Wappenlose hatte Rolk am Kragen gepackt und schüttelte ihn. Der Junge wirkte verdutzt und verstört. Sein Gepäck hielt er weiterhin fest. Vielleicht hätte es seinen Herrn noch mehr erzürnt, hätte er es fallen gelassen.
„Herr Andriér?“
„Mögen die Mächte geben, dass die Stute ihre Artgenossen wittert und eigenständig zum Pferch kommt. Tiefer im Wald soll es Wildwölfe geben. Es wäre doch zu schade, wenn die Stute zu Schaden käme.“
„Das … wäre wirklich schade.“
„In der Tat. Denn sollte das Tier gänzlich verschwinden oder zuschanden gehen, wird jemand den Schaden bezahlen müssen. Wie ich hörte, soll das Pferd dreißig Goldstücke wert sein. Ich hoffe für Euch, dass Ihr entsprechend gut bei Kasse seid.“
Der Wappenlose ließ von Rolk ab. Der Junge stolperte, plötzlich dem harten Griff entronnen, mitsamt seinem Gepäck vorwärts und stolperte auf seine Bettstatt.
„Selbstverständlich, Herr Andriér.“
„Hervorragend.“ Altabete schaute sich kritisch im Zelt um. „Nun, wer am Prunk spart, hat umso mehr in der Not. Ihr findet euch morgen Abend beim Empfang der Turnierkämpfer bei Hof ein?“
„Ich … werde da sein.“
„Sehr schön. Und nun werde ich mich um den unglücklichen Pferdedieb kümmern. Die doayra wird ihn wohl soweit versorgt haben, dass er bis auf Weiteres in Eisen kann.“
„He!“, zischte jemand hinter Advons Rücken. Der Magier schreckte hoch. Ein junger Mann stand einige Schritte neben ihm, ein Altknappe oder ungerüsteter Ritter. Er schien es eilig zu haben. Er schaute sich nervös um und zischte: „Nicht hier! Die passen auf!“
„Worauf?“, fragte Advon verwirrt.
Der Bursche trat von einem Fuß auf den anderen. „Die Turnierwachen. Wegen yarl Ycelias Zelt! Geh in die Büsche da hinten, da will ich auch hin!“
„Andriér!“, rief Grootplen ungeduldig. Eines der Pferde wieherte schrill. Der junge Mann und eilte davon, konnte es wohl nicht mehr lange halten. Nun röhrte auch das zweite Pferd. Yarl Altabete verließ eilig das Zelt, sein Eisenzeug klirrte.
„Ho!“, rief er. „Ruhig! Ruhig, mein Guter! Was ist denn los mit dir?“
„Ganz nervös sind sie! Ich kann sie kaum halten! Hier, nimm deinen!“
Advon duckte sich und schlüpfte hinter dem Zelt hervor. Keinesfalls durfte yarl Altabete ihn nun zu Gesicht bekommen. Während die nervösen Rösser die beiden Ritter ablenkten, ließ Advon seinen Zauber aufglimmen und eilte fort, ohne dass jemand in der Lage war, ihm Beachtung zu schenken. Nicht, solange er das nicht wollte.
Kurze Zeit darauf hatte Advon unbehelligt das Lager verlassen. Die tief stehende Sonne tauchte den Wald nun in ein warmgoldenes, langsam der Dämmerung weichendes Licht.
Farbenspiel zu finden, kostete nicht allzu viel Mühe. Es war schwer möglich, ein übermannshohes, geflügeltes Einhorn in einem dämmerigen Wald zu übersehen. Advon erspähte das changierend Schimmern von Farbenspiels Fell schon von Weitem. Der Hengst hatte sich um dichten Gebüsch niedergelegt und war klug genug, nicht aufzuspringen.
„Was fällt dir ein?“, schalt Advon mit gedämpfter Stimme, während er durch das Unterholz auf sein Reittier zustapfte. „Solltest du nicht bei meinem Zeug blieben?“
Farbenspiel senkte den Kopf, blinzelte und drehte seine Ohren zur Seite. Offensichtlich versuchte er, sich zumindest den Anschein eines schlechten Gewissens zu geben. Advon setzte eine gestrenge Miene auf und griff nach den Zügeln. „Komm. Weg von hier, bevor dich noch jemand sieht. Viel zu viele Unkundige. Nur gut, dass es finster wird.“
Farbenspiel wuchtete sich hoch und schüttelte sich Krümel von Waldboden und mürbem Lauf vom Fell. Advon wollte den Hengst weiter in den Wald hineinführen, aber das Einhorn blieb stehen. Es schaute in jene Richtung, wo der Pferdepferch lag, und grummelte tief.
„Ja, ich weiß“, sagte Advon und tätschelte ihm den Hals. „Aber ich hab sie nicht gesehen. Und wir können sie jetzt nicht suchen und mitnehmen. Sie gehört mir nicht.“
Das beeindruckte Farbenspiel nicht. Er scharrte und zerteilte dabei ein paar dürre Ranken mit seinen scharfen Klauen.
„Wenn sie wirklich da bei den anderen Pferden ist, dann wird sie gut versorgt und bekommt hervorragendes Heu. Glaub mir, ich hab das selbst überprüft. Wir müssen weiter! Dýamirée wartet auf uns.“
Beim Ritterlager schrie einer der Hengste, empört, schrill und nachdrücklich. Gleich fielen mehrere andere mit ein, und das röhrende Wiehern mischte sich mit dem entzückten Quietschen der Stuten. Farbenspiel flehmte und entblößte seine Eckzähne. Seine Flügel zitterten aufgeregt, raschelten dabei leise. Advon seufzte und erklomm seinen Rücken. „Ich will, dass du dich benimmst. Bei Pataghíu, musst du dich ausgerechnet jetzt für Weibchen interessieren? Los jetzt!“
Dem Willen des Magiers konnte Farbenspiel nichts entgegensetzen. Abhold, aber gehorsam setzte er sich in Bewegung. Gut so. Nicht auszudenken, wenn Ritterpferde aus ihren kleinen Pferchen ausbrachen und sich auf die Suche nach dem Nebenbuhler machten. Keiner der Pferdehengst hätte eine Chance, gegen ein Einhorn als Sieger hervorzugehen. Nicht einmal, wenn sie alle gleichzeitig angriffen. Und wenn das passierte, dann konnte Manjév das vasposár absagen.
Advon lenkte Farbenspiel zwischen den Bäumen hindurch. Allzu nahe an den Weg wollte er nicht heranreiten. In der aufziehenden Dunkelheit waren Männer auf die Suche nach der Stute, Altabete und Grootplen ritten zurück zur Burg und der Wappenlose und Rolk entschieden sich möglicherweise zu einem überstürzten Aufbruch. Damit waren im Wald deutlich zu viele Menschen unterwegs.
Nur dass die Stute frei durch den Wald lief, das war auszuschließen. Das Pferd musste nahe beim Ritterlager sein. Auf die Nase des Einhorns war Verlass.
„Wir finden sie“, versprach Advon und zauste Farbenspiels federzarte Mähne. „Hab nur ein bisschen Geduld, mein Guter. Wir … au!“
Ein sachter Schlag hatte seinen Hinterkopf getroffen, etwas sehr Leichtes war dagegen geprallt. Er hörte ein Flattern um sich herum. Offenbar hatte ein Vogel im Zwielicht die Orientierung verloren. Doch noch bevor Advon sich suchend danach umdrehen konnte, legten sich zarte Arme um seine Taille.
„Ich dachte mir, dass ich euch hier finde“, tadelte Dýamirée. „Solltet ihr nicht bei unserem Versteck warten?“
„Schimpf mit dem hier“, murrte Advon. „Der hat seine Wollust nicht unter Kontrolle.“
„Habt ihr denn das Pferd gefunden?“
„Nein. Aber … “
„Egal. Dafür haben wir keine Zeit. Wir müssen noch heute Nacht nach Emberbey.“
„Nach Emberbey? Jetzt? Warum?“
„Weil wir etwas nachprüfen müssen. Etwas Wichtiges. Wie lange braucht Farbenspiel bis dorthin?“
„Hin und zurück? Von hier bis zum Meer reicht eine halbe Nacht. Aber was wird mit Manjév?“
„Wir sind nicht wegen Manjév hier, erinnerst du dich?“
„Aber wir sind wegen Manjévs Fest hier! Um herauszufinden, was es mit der Vision deines Vaters auf sich hat! Deswegen machen wir uns doch all die Mühe.“
„Mag sein.“ Er spürte, wie sie ihre Wange an seinen Rücken legte. Ihre Hände lagen warm und zärtlich an seinem Bauch. „Aber was, wenn wir am falschen Ort suchen?“
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