Rolk war froh darum gewesen, am frühen Morgen endlich das Zelt verlassen zu können. Zwar konnte er sich nicht recht erklären, womit er seinen Herrn so sehr verärgert hatte. Aber es war nicht zu leugnen, dass er äußerst schlechter Laune war.
Wenn Kárar Ferocrivé missgelaunt war, hatte der Knappe keinen leichten Stand. Nicht, dass der Ritter seinen jungen Gehilfen allzu sehr misshandelt hätte. Da war Rolk aus den Lernhäusern in Ferocrivé ganz anderes gewohnt gewesen. Er hatte es damals als großes Glück angesehen, in die Dienste eines jungen yarl gestellt zu werden, eine Gelegenheit, die triste und wenig hoffnungsvolle Umgebung zu verlassen und etwas vom Weltenspiel zu sehen. Dennoch: War Herr Kárar verärgert, ließ er den Jungen das spüren. Mit nur wenigen, schroffen Worten und einer Schicht von Verachtung drum herum.
Rolk war kein kluger Knappe, das wusste er selbst. Aber er stellte Überlegungen an, wie er das Wohlwollen seines Herrn zurückgewinnen konnte. Mit untadeligem Verhalten und ungefragten Diensten etwa. Das hatte er sich vorgenommen, schon in seinem eigenen Interesse. Um nichts in der Welt wollte er seine Anstellung verlieren und womöglich wieder zurückgehen nach Ferocrivé, wo es lange nicht so schön war wie hier. Hier, inmitten der Leichtigkeit, des Prunks und der guten Verpflegung, die sie als Gäste der teiranday von Wijdlant und Spagor genossen, begann Rolk zu ahnen, wie angenehm das Leben sein konnte.
Hier, wo schöne junge Mädchen nachts durch den Wald liefen wie Wesen aus einem Märchen.
Also war der Junge nur allzu eilfertig damit gewesen, sich mit dem ersten Hauch von Pataghíus Glanz nach den Pferden zu schauen. Als es hell genug war, um nicht mehr über die verspannten Zeltschnüre zu stolpern, war Rolk herausgeschlichen, ohne seinen Herrn zu wecken.
Er hatte sich zuerst Herrn Kárars Streitross gewidmet, dem Schimmel, einem der besten Pferde, das in den Ställen der Burg Ferocrivé aufzutreiben war. Ein hervorragendes, ein wunderbares Pferd, wie Rolk bislang gedacht hatte. Bis er hergekommen war und die Rösser der anderen Ritter gesehen hatte. Nun, immerhin war der Schimmel weiterhin ein ordentliches Pferd. Er hatte ihn noch nie angeschrien.
Rolk beschaffte dem Hengst Futter, indem er auf dem Weg durch die Pferche den anderen stolzen Eisenrücken jeweils eine Faustvoll Heu aus ihren Krippen stahl. Während der Schimmel fraß, griff Rolk zu den Bürsten und striegelte ihn, bis kein Stäubchen mehr auf seinem Fell verblieb. Als nach und nach die Knappen und Knechte der anderen Ritter eintrafen, um dasselbe zu tun, war er mit seiner Arbeit schon fast zu Ende.
Lose Gesprächsfetzen drangen zu ihm hin. Knappen unterhielten sich, prahlten mit dem Ruhm ihrer Herren, manche ließen sich zu spielerischen Raufereien zwischen den Pferchen hinreißen. Ein junger Knappe mit einem bunten Wappen auf seinem Wams klagte über Magengrimmen. Offenbar vertrug er die Gewürze schlecht, mit denen man in Wijdlant kochte. Zwei andere fachsimpelten im Vorbeigehen darüber, welche Spiele die teirandanja wohl für den ersten Tag auswählen würde. Denn das war bislang ein Geheimnis geblieben, damit keiner der Wettstreiter schummeln konnte.
Rolk hätte gern mitgeredet. Aber er entschied, dass es besser war, zu schweigen. Das hatte Herr Kárar ihm scharf geraten, denn wie schnell konnte dem Jungen in all seiner Unschuld und Tölpelhaftigkeit ein falsches Wort über Herkunft und die Mission seines Herrn entweichen.
Rolk seufzte und konzentrierte sich auf das Lederzeug, überprüfte jede einzelne Schnalle und alle Riemen. Zweimal. Als er damit fertig war, war immer noch nicht genug Zeit verstrichen, um Herrn Kárars Unmut verfliegen zu lassen. Also packte Rolk die Bürsten zusammen und machte sich auf, um nach dem neuen, dem anderen Pferd zu sehen.
Zwischenzeitlich war auch das Turnierlager belebter. Viele Menschen, Turniergäste und Helfer aus Wijdlant liefen geschäftig herum. Nur die Wettstreiter selbst schienen den Tag ruhiger angehen zu lassen. Ein Teil von ihnen war am Abend zuvor lange in der Burg gewesen, hatte Schlaf nachzuholen. Rolk konnte es ihnen nicht verdenken, so lange wie möglich in den leidlich trockenen und warmen Zelten zu verharren, bis der Morgentau getrocknet war und der Glanz höher am Himmel stand.
Hier und da schnappte er viel Geschwätz auf. Er hörte so manche erleichterte Bemerkung darüber, dass die Pferde mit der Abenddämmerung endlich zur Ruhe gekommen waren. Was sie wohl die ganze Zeit so scheu gemacht haben mochte? Vielleicht ein Rudel Wildwölfe oder eine Rotte Waldschweine im Wald? Nun, was immer sie gewittert hatten, offensichtlich war es weitergezogen.
Rolk ging hinüber zu der anderen Koppel, wo all die Hand- und Lasttiere untergebracht waren. Herrn Kárars neue Stute döste und wärmte sich das Fell in den Herbstsonnenstrahlen. Rolk tätschelte ihr den Hals und steckte ihr eine halbe Möhre zu, die er bei den Streitrössern gefunden hatte. Dann schaute er sich sorgsam um. Niemand beachtete ihn. Kaum jemand hatte in seiner Nähe zu tun, und die paar Leute ringsum hatten mit sich selbst und der Pflege der Tiere zu tun.
Verstohlen zog er das Tiegelchen mit der kostbaren Haarfarbe hervor und verteilte mit der Fingerspitze davon etwas auf einer der Bürsten. Ein wenig nachfärben musste er wohl. Und Kárar Ferocrivé würde ihn vielleicht für diesen umsichtigen, eigenen Gedanken loben.
Es war angenehm friedlich hier. Rolk pfiff sich ein Liedchen, hing seinen Gedanken nach und bürstete Mähne, Schweif und Behänge der Stute dunkel und glänzend. Den Neuankömmling vorn am Zaun bemerkte er daher erst, als einer der Pferdeknechte ausrief: „Herr! Welche Freude, Euch endlich hier zu sehen!“
Rolk blickte auf und spähte über den Rücken der Stute hinweg. Am Außenzaun hatte ein junger Ritter auf einem prächtigen braunen Eisenrücken Halt gemacht. Er führte ein Handpferd bei sich und eines auf seinem Wappenschild, silbern auf blauem Grund.
„Ist Herr Daap hier?“, fragte der er den heraneilenden Knecht. „Oder Herr Andriér?“
„Nein, Herr. Noch nicht. Die Herren werden wohl etwas später eintreffen, nach dem Empfang gestern.“
„Empfang?“
„Benjus von Valvivant mit seinem Gefolge, Herr. Aber den maedlor und einen der beiden arbidray habe ich bereits gesehen. Soll ich nach ihnen schicken?“
„Nein, lass nur. So wichtig ist es nicht, dass man jemanden damit von wichtigen Pflichten abhalten müsste.“ Der Ritter saß ab. Ein gut aussehender Junker mit weißblondem Haar war es, sicher nicht viel älter als zwanzig Sommer. Dass die yarlay, nach denen er gefragt hatte, nicht zugegen waren, schien ihn nicht allzu sehr zu bekümmern. Er übergab dem Knecht die Zügel des Handpferdes.
„Hier“, sagte er. „Sorg für den hier und bring meinen Braunen im Turnierlager bei den anderen unter. Der hat sich eine Rast verdient. Und ich brauche ein frisches Pferd, um zur Burg zu reiten.“
„Selbstverständlich, Herr“, sagte der Knecht. Dann fügte er fast etwas erstaunt hinzu: „Ist das das Pferd, das für euch angemeldet ist?“
„Der ist für … mindere Aufgaben.“
„Wo habt Ihr den her, Herr?“
„Gibt es ein Problem?“
„Nein, natürlich nicht. Es ist nur ungewohnt, gemessen an dem, was Euch üblicherweise gefällt..“
Nun wurde Rolk neugierig. Er schlenderte auf die andere Seite der Stute, von wo aus er einen besseren Blick hatte.
An dem Pferd, das nun der Knecht am Zügel hielt, war nichts Besonderes. Erdbraun war es, duldsam, etwas struppig und seichtblütig. Neben dem großen, gepflegten Streitross wirkte es uninteressant wie ein Teller kalter Haferbrei.
„Gib mir einfach einen Beleg, dass ich es hier eingestellt habe.“
„Nun macht Ihr mich neugierig! Was kann der hier?“
„Was sollte er können?“
„Nun, Ihr werdet doch nicht ohne Grund für so ein Ross die Mühe auf Euch genommen haben. Ihr doch nicht! Verratet Ihr mir das Geheimnis?“
Nun war Rolk ganz Ohr. Ein Geheimnis? Vielleicht würde das Herrn Kárar milde stimmen.
„Geheimnis? Es gibt kein …“ Der Ritter zögerte. Dann endete er bedacht: „Nein, wenn ich es dir verrate, ist die Überraschung dahin.“
„Herr, Ihr kennt mich seit vielen Sommern! Ich habe mich immer untadelig um Eure Pferde gekümmert! Ihr könnt mir vertrauen!“
„Das weiß ich! Aber über dieses Pferd wünsche ich absolutes Stillschweigen.“
Der Pferdeknecht machte ein enttäuschtes Gesicht und wandte sich dem Pferd zu, als hoffe er, etwas Neues daran zu entdecken. Das Tier schien zu dösen.
„Noch etwas“, sagte der Ritter. „Es wäre mir eine kleine Zuwendung wert wenn … wenn niemand von dir erführe, dass dieser brave Gaul meiner ist.“
„Eine Zuwendung, Herr?“
„Würde eine Silbermünze deine Lippen darüber geschlossen halten?“
Der Pferdeknecht schien fassungslos. Dann erhellte sich seine Miene. „Es ist eine Überraschung für die teirandanja, nicht wahr? Das muss es sein! Natürlich ist es das! Wie großartig!“
„Zwei Silbermünzen. Unter der Bedingung, dass vor allem Herr Daap und Herr Andriér nichts von meinem … Zweitpferd erfahren.“
„Ihr könnt auf mich zählen, Herr!“
„Gut. Dann bring jetzt den da zu einer guten Raufe Heu und beschaff mir ein Leihpferd. Ich will meine teirandanja nicht zu lange warten lassen. Peinlich genug, dass ich das Bankett für Benjus von Valvivant versäumt habe.“
„Keine Sorge. Ich bringe ihn persönlich fort und lasse Euch ein frisches Kurierpferd geben. Habt kurz Geduld. He!“ Er winkte einen anderen Stalljungen heran, der gerade mit einem Eimer Wasser des Weges kam. „Du! Kümmer dich um das Ross! Bring ihn rüber zu den Hengsten!“
Der Knabe sauste heran und übernahm das braune Streitross, mit heller Begeisterung, wie es Rolk schien.
Rolk beobachtete mit großen Augen, wie der Ritter dem anderen tatsächlich zwei blanke Münzen zusteckte. Der Turnierknecht zog seine Kappe, verneigte sich tief und führte dann das Pferd fort. Es folgte ihm mit schlurfenden Schritten und hängenden Ohren.
Der junge Ritter, der nun warten musste, verschränkte die Arme und ließ seinen Blick zerstreut über die geringeren Pferde schweifen. Ausgerechnet auf der Stute verweilte er.
Rolk duckte sich unter deren Hals hindurch und wollte sich fortstehlen. Aber es war zu spät. Der Ritter schlüpfte unter dem Absperrseil durch und kam geradewegs auf ihn zu.
„Was für ein hübsches Stütchen“, sagte er anerkennend.
„Ein hübsches … Ja. Ja, Herr. Ein ganz feines Pferdchen. Findet mein Herr auch. Ist eine ganze Menge Gold wert!“
Der Ritter musterte die Stute kundig mit seinen merkwürdig klaren, blauen Augen. Auch das Tier schien Gefallen an ihm zu finden. Es streckte ihm die samtige Schnauze entgegen und schnaubte freundlich.
Bei den Mächten, dachte Rolk entsetzt. Wenn er sie berührt, färbt sie gewiss ab! Nicht auszudenken, wenn er braune Flecken auf seinen Wappenrock bekommt!
„Vorsicht, Herr“, sagte er geistesgegenwärtig. „Ist ein hinterlistiges Biest, das Pferdchen. Sie beißt!“
„Tatsächlich?“
„Ja. Immerzu beißt sie. Tut ganz schön weh, Herr!“
Der Ritter lächelte belustigt. Aber er hielt Abstand.
„Wem gehört sie? Wer ist dein Herr?“
„Ka… kann ich Euch nicht sagen, Herr. Mein Herr tritt mit verdecktem Wappen an. Sehr wichtig. Ein Geheimnis!“ Er legte die Finger an die Lippen und nickte gewichtig.
„So. Verdecktes Wappen und bissiges Pferdchen. Das wird sicher ein Spaß bei den Spielen.“
„Ganz recht, Herr.“
Der junge Ritter grinste gutmütig und setzte zu einer weiteren Frage an. Aber da kam schon ein Pferdejunge herbeigelaufen, einen fuchsfarbenen Feuerblutwallach am Zügel. Der Ritter war ganz offensichtlich in Eile, denn er schwang sich ohne viel Aufhebens in den Sattel. Er nickte Rolk und dem Knaben zu und trabte davon.
Rolk wartete, bis er außer Sicht war und schlenderte dann fort, in die Richtung, in die der so großzügig bezahlte Turnierknecht mit dem müden Pferd verschwunden war. Er fand ihn auf einer der hinteren abgezäunten Weiden, die man vom Hauptweg aus nicht so gut einsehen konnte. Das Pferd stand nun zwischen einigen hübschen Damenpferden und einem Maultier und kaute sehr gemächlich an frischem Heu. Der Turnierknecht hatte die Silbermünzen noch in der Hand, aber sie schienen ihn kaum zu interessieren. Dafür betrachtete er den braunen Wallach so fasziniert, als habe er ein edles Feuerblut vor sich.
„He“, sprach Rolk ihn an. „Was ist das mit dem Pferd da?“
Der Knecht schrak auf und ließ das Geld schnell verschwinden. „Was? Mit dem da?“
„Hab gesehen, wie der Ritter damit ankam. Wer war denn das?“
Der Pferdeknecht räusperte sich und schaute sich um. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
„Der Blonde mit dem braunen Eisenblut. Blausilbernes Wappen mit ’nem Gaul drauf. Hat dir Geld gegeben. Wer war das?“
Der Knecht runzelte die Stirn. „Das solltest du dann doch wissen!“
„Woher denn? Bin ich ein arbidrar? Der junge Herr hat nach meinem Herrn gefragt. Also muss ich es wissen.“
Der Pferdeknecht seufzte. Dann holte er eine seiner Silbermünzen hervor. „Ein Silber dafür, dass du darüber schweigst, dass das Pferd da Herrn Merrit gehört.“
Rolk schnappte nach der Münze, bevor der Knecht es sich anders überlegen konnte, „Geht klar. Wer ist Herr Merrit?“
„Ach, du bist wohl nicht von hier? Das war Herr Merrit, der yarlandor von Althopian.“ Der Turnierknecht grinste. „Gegen den wird dein Herr sich ganz schön tummeln müssen.“
„Althopian?“ Dieser Name kam Rolk bekannt vor. Ja, natürlich. In Ferocrivé fiel er überraschend oft. Das yarlmálon im Westen, im Hochland hinter den Sümpfen von Paludára, das schon so viele Unzufriedene angezogen hatte,
„Unser künftiger teirand“, fügte der Turnierknecht hinzu und ergänzte bescheiden: „So die Mächte es auch wollen.“
„Und warum hat er ein geheimes Pferd?“
„Das weißt du auch nicht? Das Haus Althopian züchtet die besten Pferde nördlich des Montazíel. Er war eigens so kurz vor dem Turnier noch unterwegs, um ein Turnierpferd zu besorgen.“
„Aha.“ Rolk schaute hinüber zu dem langweiligen braunen Pferd, das am guten Heu mümmelte. „Das da?“
„So muss es sein. Wenn einer der jungen Herren etwas von Pferden versteht, dann ist es Merrit Althopian. Wenn er dieses Pferd geheim halten will, dann muss das ein ganz außerordentliches Ross sein. Bestimmt hat es etwas Besonderes damit auf sich! – Du kannst doch schweigen, nicht wahr?“
„Natürlich“, beteuerte Rolk und versenkte sich selbst in den Anblick des Pferdes. Er konnte beim besten Willen nichts daran erkennen, was es von einem gewöhnlichen Packpferd unterschied. Aber vielleicht täuschte er sich. Vielleicht war der Wallach einfach nicht ausgeruht und so schmuddelig nach der weiten Reise. Vielleicht verbarg sich unter dem struppigen Fell etwas, was all die Ritter beim Turnier das Fürchten und Staunen lehren würde.
Verstehen musste er das nicht. Aber das musste er auch nicht. Den Verstand, den hatte schließlich Herr Kárar.
Hinterlasse einen Kommentar