Die Burg der yarlay von Althopian stand auf einer Anhöhe, einem Hochplateau mit flachem Boden und sehr viel Grasland, das aus dem Wald hervor züngelte und sich darüber erhob. Sie wachte über Weiden und Wipfel, ähnlich wie die Burg daheim die Bucht und das weite Meer hütete. Aber Waýreth Althopians Haus war anders. Die Mauern waren aus braunem und sandfarbenem Stein errichtet und nicht vom Seewind verwittert und gesalzen. Die Burg hatte nur einen eckigen hohen Turm und hohe Mauern mit schindelgedeckten Dächern über dem Wehrgang. Sie kam Raýneta kleiner vor, als sie sich entsann. Als ganz kleines Kind hatte der Vater sie einst hierher mitgenommen. Damals war die Burg riesig gewesen, hatte das Kind aber nicht halb so sehr interessiert wie die vielen schönen Pferde. Davon gab es links und rechts des Weges einige, manche auf eingezäunten Weiden, andere auf Wiesen. Einmal erblickte sie eines, das dem lieben weißen Pferdchen ähnlich sah, und wandte sich rasch ab, bevor es ihr im Herzen wehtat. Pferdehirten in mit lederbesetzten Gewändern achteten darauf, das keines entwischte. Sie winkten, grüßten mit ihren Mützen zu ihrem Herrn und seinen Jagdgehilfen hinüber. Sogar einige Stuten mit staksigen Fohlen waren bei den Herden dabei. In jedem anderen Moment wäre Raýneta entzückt gewesen. Nun aber hatte sie keine Augen dafür.
Waýreth Althopian hatte vorsichtig versucht, sie auszufragen, das aber schnell wieder aufgegeben. Raýneta konnte sich auch gar nicht auf seine ruhigen, freundlichen Worte konzentrieren. Sie blickte bang auf den báchorkor, der immer noch nicht wieder zu Bewusstsein gekommen war. Es war so schrecklich, wie er da zwischen den toten Tieren lag. Das war falsch. Er sollte doch neben dem Pferd herlaufen und Geschichten erzählen!
Die Burg war alt, eng und wehrhaft, aber nicht abweisend. An mehreren Stellen der Außenmauern rankten Kletterrosen auf, hatten aber jetzt im Herbst nur noch wenige duftende Blüten. Das Tor stand weit offen und führte auf einen kleinen, sonnigen Hof. An die Innenseite der Mauern schmiegten sich Unterstände und kleine Gebäude an die Mauer unterhalb des Wehrganges, wo unter anderem ein Schmied und ein Töpfer ihre Arbeit verrichteten. Dem Tor gleich gegenüber war das steinerne Wohngebäude, zu dessen Eingang eine steinerne Treppe hinaufführte. Es war zwischenzeitlich so hell, das geschäftiges Treiben herrschte. Die Burgbewohner gingen ihrem Tagwerk nach, unterbrachen es aber, als die Jäger einritten.
Der Einzug des yarl mit seinen Männern erregte Aufsehen. Man hatte wohl nicht mit einer so frühen Rückkehr ihres Herrn gerechnet. Stalljungen nahmen die Pferde entgegen und stutzten über den Grauen mit ihr, dem schmutzigen, durchgefrorenen Kind in seinem viel zu großen Sattel.
Andere Burgleute blieben auf Abstand, aber sie alle starrten und tuschelten. Neugierig schauten sie, was der Herr aus dem Wald mitgebracht hatte, ganz abgesehen von den Rehen und Waldschweinen, die rasch abgeladen wurde.
Den báchorkor zerrte einer der Jäger vom Packpferd herunter und warf ihn achtlos zu Boden. Beim Verladen des Wildes war er im Weg. Dafür kamen als Althopians Wink die beiden Waffenknechte vom Tor herbeigeeilt.
Raýneta war schneller. Sie wartete nicht, bis ihr jemand vom Pferd half, hangelte sich aus dem Sattel, ließ sich fallen, plumpste schmerzhaft auf das Steinpflaster und hastete zu dem Wehrlosen.
„Wach auf!“, flehte sie und rüttelte an seinem Arm. „Galéon, wach auf!“
Er stöhnte, ganz leise, hatte aber wohl nicht die Kraft, die Augen zu öffnen.
„Bitte“, flehte sie und schubste ihn mit aller Kraft. „Wach auf! Du musst ihnen alles erklären!“
Und schon hatte sie einer der Wächter am Arm und zog sie fort.
„Weg da, Kleines! Bleib zurück!“
„Herr Waýreth!“ Raýneta riss sich los, wurde aber gleich wieder gepackt. „Herr Waýreth, bitte!“
„Lass sie los!“ Der yarl war seinerseits abgestiegen und befreite das Kind ruhig aus dem festen Griff seines Knechtes. „Das ist Raýneta, yarlaranda von Emberbey. Wir haben sie im Wald aufgelesen.“
„Das verschleppte Kind!“, wisperte eine Frau im allgemeinen Getuschel.
Der Wächter trat rasch einen Schritt zurück. Beschämt über seine Respektlosigkeit verneigte er sich tief vor ihr. „Herrin!“, brachte er verlegen hervor. „Vergebt mir. Ich konnte nicht wissen…“
Das interessierte sie nicht. Flehend griff sie nach Althopians Arm. „Bitte, Herr! Bitte, lasst den báchorkor in Ruhe! Er hat niemandem ein Leid angetan!“
„Herr, wer ist der da?“, wollte der andere Wächter wissen.
„Es scheint, dass uns der Verbrecher ins Netz gegangen ist, der in Emberbey gesucht wird,“ erklärte der yarl seinen Leuten.
„Nein!“, zürnte Raýneta und stampfte fest auf. „Nein, das ist nicht wahr!“
„Wie bitter“, sagte der andere Jäger und deute dem zweiten Waffenknecht, ihm zu helfen. „Wie sehr muss er das Kind verängstigt haben!“
„Ist das etwa der Lump, der den yarl ermordet hat?“, fragte ein Hinzukommender, der ähnlich gewandet war wie der maedlor daheim.
„Verschleppt hat der die junge yarlaranda. Im Wald ist sie ihm wohl entkommen.“
„Widerlicher Lump!“, zürnte eine Frau in einem Küchenkittel und einer Kochhaube auf dem Haar. Einen Korb mit Süßkohl und Rüben hatte sie im Arm. Wahrscheinlich kam sie gerade aus dem Gemüsegarten. Ein großes, mit Erde verschmiertes Messer hatte sie in der Hand und sah aus, als sei sie bereit, es zu benutzen.
„Was ist los?“, klang es von der anderen Seite.
„Herr Waýreth hat die Tochter von yarl Emberbey gerettet!“, rief ein nahebei Stehender zur anderen Seite des Hofes, sodass es niemandem entgehen konnte, der gerade in der Vorburg oder an einem Fenster war. „Und den Mörder hat er ergriffen.“
„Pfui!“, ließ sich eine ältere Frau hören. Ein halbgerupftes Huhn hatte sie so fest gepackt, als wolle sie es vor Empörung gänzlich zerfetzen. „Schande über den Mistkerl!“
„Mögen die Mächte seine Seele auslöschen!“, verlangte der vermeintliche maedlor gewichtig und voller empörter Abscheu.
„Der Unhold!“, erzürnte sich eine Frau irgendwo hinter den Pferden. Und dann konnte Raýneta die Worte nicht mehr voneinander unterscheiden. Alle gerieten in Bewegung, und ein Gewirr aus Stimmen verschmolz zu einem Brei, aus dem Mitleid und noch viel mehr Feindseligkeit herauszuschmecken war. Es war fast wie vorhin im Wald, nur mit viel mehr Menschen.
Die Waffenknechte nutzten ihre Wut und ihr Amt und den Gefangenen bei den Armen. Der báchorkor hing wehrlos und so zerbrechlich zwischen ihren kräftigen Händen, seine Beine knickten unter ihm weg. Er war ihnen so ausgeliefert, dass es Raýneta Angst und Bange wurde.
„Mordbube!“, hörte sie einzelne Worte. „Dreckskerl!“ „Abschaum!“ Und: „Ein Ende damit!“
„Ja!“, stimmten andere ein. „Ein Ende mit dem Scheusal.“
Was redeten die Leute da? Sie taten ja, als sei der báchorkor wildes Ungeheuer aus einem Schauermärchen, ein böser Mordkrieger aus den ganz alten Zeiten!
„Herr Waýreth!“, rief Raýneta in Angst. „Ihr habt es versprochen! Die dürfen ihm nicht wehtun!“
Waýreth Althopian hob sie auf seinen Arm und trat mit einem machtvollen Schritt zwischen die Waffenknechte und die aufgebrachten Burgleute. Einige davon hielten Dinge in Händen, mit denen sie gerade noch unschuldig gearbeitet hatten, die sich aber sicherlich auch für anderes eigneten. Ein kräftiger Mann mit rußgeschwärzter Lederschürze ließ ertappt den Hammer sinken, den er schon halb geschwungen hatte,
„Zurück!“, rief der yarl seinen Leuten gebieterisch zu. „Das keiner mir den Kerl anrührt! Hier wird niemand ohne Urteilsspruch gerichtet. Oder seid ihr alle irrsinniges Mörderpack?“
Das wirkte sofort. Die Schutzbefohlenen blieben gehorsam stehen.
„Ihr denkt nicht nach“, schalt der Ritter. „Wenngleich ich verstehe, dass gerechter Zorn lauter ist als Vernunft. Es ist nicht an uns, Vergeltung für den Tod meines Freundes zu üben. Aber es ist meine Pflicht, es seiner Familie zu ermöglichen. Der hier wird eine Menge Fragen zu beantworten haben, aus freien Stücken oder nicht. Fragen, die ich stellen werde. Später.“
Das schienen die Leute einzusehen, wenn auch einige leise murrten.
„Und nun bringt ihn fort, bis ich Zeit für ihn finde! Hier ist viel zu tun! Das Wild muss versorgt und für den Transport nach Wijdlant vorbereitet werden. Los, tummelt euch! Jeder, der dabei mittun kann, der lasse alles andere stehen. Die anderen sind mit einem Hirsch ein Stück hinter uns. Das eilt. Wir haben das Fleisch nicht genommen, damit es verdirbt!“
Diese Anweisung schien zumindest einen Teil der Leute abzulenken. Einige schienen ganz früh, sich entfernen zu können. Raýneta las in den Blicken einiger anderer, dass sie so strenge Rede wohl kaum gewohnt waren.
Sie spürte sacht, beschwichtigend die Hand des Ritters auf ihrer Schulter.
„Ein Bad für die yarlaranda“, wandte er sich an die umstehenden Mägde. „Und zu essen. Und jemand schaffe eine frische Matratze in die Stube meines Sohnes. Der yarlaranda darf es an nichts fehlen nach allem, was sie durchgemacht hat! Worauf wartet ihr?“
Die Frauen verneigten sich und eilten tuschelnd fort. Die Wächter aber standen immer noch unschlüssig da, den báchorkor unter den Achseln gepackt. Sein Kopf hing kraftlos herab.. Es zerriss Raýneta das Herz. Sie hatte gesehen, wie der báchorkor mit dem bösen Schattenmann gekämpft hatte, wie er gezaubert hatte. Warum tat er nichts dergleichen? Das hier waren keine mächtigen Magier, das waren doch einfach nur normale Leute auf einer Burg. Mit Sicherheit würde er sich freizaubern können. Oder war er zu schwer verletzt?
„Bitte“, wisperte Raýneta.
„Keine Sorge“, beschwichtigte der Ritter. „Wir sperren ihn nur ganz sicher ein, damit er uns nicht wegläuft.“ Er strich ihr übers Haar und nickte dann seinen Knechten zu. „In den Keller. Eine Tür sollte genügen, um so einen schmächtigen Burschen zu halten. Beeilt euch.“
„Herr Waýreth …“, bettelte Raýneta matt.
„Ganz sicher“, wiederholte er. „Hinter einer dicken Tür. Wie ein Schild. Er kommt nicht heraus, und niemand hinein. Einverstanden?“
Raýneta verstand. Ja, ein Schild. Hinter einem Schild war man sicher. Da schlug nie ein Pfeil hindurch.
„Danke, Herr Waýreth“, sagte sie leise.
„Gut. Und nun beruhige dich. Du bist in Sicherheit. Ab jetzt soll dich nichts mehr erschrecken und bedrohen.“ Er lächelte. „Es ist gut, dass du hergefunden hast, Raýneta Emberbey.“
„Ja“, murmelte sie. „Allein hätte ich das nicht geschafft.“
„Worauf wartet ihr? Hier gibt es nichts mehr zu bereden. In den Keller. Und kein Wort zu ihm, bevor ich nicht gesprochen habe.“
Raýneta schaute den beiden nach, wie sie den báchorkor über den Hof hinüber zum Wohnturm schleiften. Dann bemerkte sie, wie sich jemand an dem Grauen zu schaffen machte.
„Das Schwert!“, rief sie aus und strampelte sich aus Althopians Griff heraus. „Das ist meines!“
Der Pferdeknecht, der das Gepäck hatte abladen wollen, fuhr überrascht zurück.
„Niemand nimmt es dir weg!“, beteuerte der yarl.
„Aber niemand soll es anfassen!“ Sie packte die lederne Scheide und versuchte, die Waffe des báchorkor vom Sattel zu lösen.
„Herr?“, fragte der Knecht zaghaft. Waýreth Althopian schüttelte den Kopf und trat neben sie hin. Schweigend löste er die Riemen vom Sattel. Das Kind packte das Schwert fest und umklammerte es.
„Das hier ist auch deines, nehme ich an?“ Der Ritter schnallte das Kuscheltier und die mit bunten Borten und Blümchen verzierte Tasche ab.
„Ja“, sagte Raýneta leise. „Und das Tuch. Das ist nämlich mein Festkleid, müsst ihr wissen.“
„Alles andere gehört dem báchorkor?“
„Nehmt es ihm nicht fort. Er besitzt so wenig.“
„Sehe ich aus, als hätte ich es nötig, einen báchorkor zu bestehlen?“
Sie schüttelte den Kopf. Ganz müde und leer fühlte sie sich plötzlich. Aber das war egal. Alles war egal, solange niemand das Schwert nahm.
Althopian nahm die Habe des báchorkor an sich. Ein Knecht führte den Grauen fort. Die paar Burgleute, die noch in der Nähe waren, kamen näher. Die blanke Wut war weg. Stattdessen erntete Raýneta mitfühlende Blicke.
„Die arme Kleine“, raunte jemand im Glauben, sie könne es nicht hören. „Wie durcheinander und erschöpft muss sie sein!“
Althopian breitete das halb zugeschnitte und zum Teil genähte Kleid aus. Im Wald hatte es ein Tragekörbchen ersetzt. Die klebrigen Reste zermatschter Beeren perlten vom Stoff ab wie Wasser von einem Seerosenblatt.
„Ist es dir recht, wenn eine fleißige Näherin es vollendet, Raýneta Emberbey? Damit du es endlich anziehen kannst?“
Das war ein so schöner, wohliger Gedanke. Das schöne Kleid. Auf dem großen Fest würde sie es tragen. Und Osse würde ihr sagen, wie gut es ihr stand, und vielleicht würde Truda sie darum beneiden. Sie versuchte ein Lächeln und nickte Althopian zu.
Eine der jüngeren Mägde kam herbei. Wortlos nahm sie den Stoff entgegen.
Die Köchin stellte den Gemüsekorb beiseite und legte das Messer hinein. Freundlich streckte sie Raýneta die Hand entgegen. „Kommt, junge Herrin. Ich bringe Euch hinüber zur Badestube. Nur einen Moment Geduld. Ich hab heißes Wasser in der Küche, das können wir hernehmen. Kommt die Suppe heute eben etwas später.“
Raýneta wich unwillkürlich zurück und umklammerte das Schwert.
„Das“, erklärte Waýreth Althopian, „ist das Andenken ihres Vaters. Es täte ihrem Geist nicht gut, wenn sie nun davon lassen müsste.“
„Dann nehmen wir es mit zum Zuber“, mischte sich eine andere Magd ein. „Ihr habt es immer im Blick. Keiner fasst es an. Ihr dürft es selbst tragen!“
„Ja“, murmelte Raýneta. Das Schwert in ihrem Arm fühlte sich plötzlich ganz seltsam an. Es war fast, als würde es sie umarmen, nicht umgekehrt. Ganz bestimmt tat es das. Sie konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte. Aber es musste so sein.
„Ihr habt Glück“, plauderte die junge Magd weiter. „Erst letzte Woche war ein Seifenhändler hier. Ganz feine schöne Düfte. Was mögt ihr lieber, Herrin? Süße Blumen oder würziges Kraut?“
Raýneta blinzelte. Seife. Badewasser. Selbst daheim war das kein alltägliches Vergnügen. Vielleicht nickte sie gerade ein und begann, fein zu träumen.
„Aranzien“, sagte sie dann scheu. „Meine Mama hat Aranzienseife aus Forétern so gern gehabt, hat mein Vater oft erzählt. Mein Bruder sagt, sie machen den Duft nicht aus der Frucht, aber aus der bitteren Schale.“
„Aranzien“, lächelte die Magd freundlich. „Na, dann kommt. Schauen wir, ob wir davon auch haben.“
Raýneta nickte und schleppte das Schwert zu der freundlichen jungen Frau hinüber. Einmal sah sie sich noch nach Waýreth Althopian um. Aber der hatte sich bereits abgewandt und trug das Reisebündel des báchorkor hinüber in das Wohnhaus.
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