Zwei Sommer waren vergangen, seit Osse das letzte Mal in Wijdlant gewesen war. Der junge Wachmann am Tor schien neu auf seinem Posten zu sein und nicht zu wissen, wen er vor sich hatte. Er beäugte Osse misstrauisch und trat dem Maultier in den Weg.

„Ich bin yarl Osse Emberbey“, sagte Osse. „Ich werde erwartet.“

„Von wem?“

„Soll das ein Scherz sein?“

„Nein, Herr. Ich frage in allem Ernst.“

„Ich gehöre hierher. Ich wohne in dieser Burg.“

„Seit wann, Herr?“

„Seit heute. Ich kehre von einer Reise zurück, um hier mein Amt anzutreten.“

„Könnt Ihr Euch ausweisen?“

„Selbstverständlich.“ Osse schlug seinen Mantel zurück, damit der Mann sein Wappen und seine honigfarbene Tunika besser sehen konnte. „Und meine Siegelmarke habe ich auch.“

Der Wächter kam näher. Er mochte siebzehn Sommer alt sein und hatte unter der Krempe seines Eisenhuts ein knabenhaftes Gesicht mit Sommersprossen, kümmerlichem Bart und klaren blauen Augen. Er war nervös und offenbar nicht allzu vertraut mit seinem Dienst. Das Emblem mit den drei Fischen, das mehrfach auf Osses Kleidung prangte, schien ihn jedenfalls nicht zu überzeugen.

„Habt Ihr einen Geleitbrief?“, fragte er unsicher.

„Natürlich.“ Osse zog Dokumente aus seiner Tasche. „Welchen willst du sehen? Den, den unser teirand Asgaý von Spagor unterschrieben und gesiegelt hat oder den der Gelehrtenschule von Ivaál, von wo ich zuletzt abgereist bin? Ich habe auch noch ein Schreiben meines hochedlen Vaters Alsgör Emberbey, aus dem hervorgeht, dass ich sein leiblicher Sohn bin. Aber das ist den teiranday bekannt.“

Der Wächter schaute verunsichert auf das viele Pergament, das Osse ihm entgegenstreckte.  In die Hand nahm er es nicht.

„Das könnte alles gefälscht sein“, sagte er dann, eher hilflos als überzeugt.

„Gut. Wenn dir das nicht genügt: In der Amtsstube bei yarl Grootplen sollte bei der Wappenrolle die andere Hälfte meiner Erkennungsmarke hinterlegt sein. Wenn du einem maedlor den Aufwand machen wolltest, danach zu schicken…  allzu eilig habe ich es nicht.“

Zwischenzeitlich waren weitere Berittene auf die Brücke gekommen. Osse erkannte einen Ritter mit pelzverbrämten, glitzerndem Gewand, dem ein Knappe in nicht minderer Pracht  nachfolgte. Im hinterher kam auf einem blitzsauber geputzten Schimmel ein zweiter junger Ritter, allein und mit einem blanken Schild. Alles drei schenkten Osse und dem Wächter keine weitere Beachtung. Aber auch sie durften das Tor erst passieren, nachdem sie ein Passierkärtchen vorgezeigt hatten.

„Wo bekomme ich so einen Schein her?“, fragte Osse und nickte zu den anderen beiden Torwächtern hinüber.

„Das ist nur für die Turniergäste“, sagte der junge Wachmann. „Bei der Wappenrolle, sagt Ihr?“

„Warum glaubst du mir nicht einfach, dass ich hergehöre? Sehe ich etwa aus wie jemand, der Übles vorhat?“

„Nein, Herr. Aber es muss alles geprüft werden.“

Nun endlich wurde ein älterer Waffenknecht aufmerksam und kam herbei. Osse erkannte ihn als den altgedienten Wachobersten der Waffenknechte von Wijdlant. Der, an dem sie sich früher, als Kinder mehr als einmal vorbeigeschlichen hatten.

„Gibt es ein Problem?“, rief er im Herannahen, stutzte und rief dann aus: „Yarl Emberbey! Welche Freude! Was ist hier los?“

„Der junge Mann hier“, antwortete Osse, erleichtert, dass jemand ihn erkannt hatte, „will mich nicht ungeprüft einlassen.“

„Dummkopf“, schalt der Wachenmeister peinlich berührt. „Du weißt wohl nicht, wen du vor dir hast?“

„Aber …“, wehrte der Wächter sich halbherzig, aber sein Vorgesetzter fiel im schon ins Wort. „Ich werde dafür Sorge tragen, dass dieser Vorfall angemessene Folgen hat.“

„Hervorragend. Dann sorgt dafür, dass der junge Mann ein Lob bekommt.“

„Ein Lob? Wofür?“

„Offensichtlich hatte er strikte Anweisungen, Fremde genau zu überprüfen, und darin war er unbeirrbar. Aber wozu diese Strenge?“

„Es sind hochedle Gäste in der Burg, Herr. Benjus von Valviant und sein Gefolge sind gestern eingetroffen. Wir haben heute noch nicht mit Euch gerechnet, Herr. Sonst hätte ich meine Leute selbstverständlich eingewiesen.“

„Ich verstehe. Darf ich nun auch eintreffen? Oder wollt ihr die Marke aus dem Archiv holen lassen?“

Der junge Mann trat eilig beiseite. Osse verstaute seine Dokumente.

„Mein Gepäck wird mir hinterher gebracht“, sagte er dabei. „Es sind wichtige Schriftstücke und kostbare Bücher darunter, insgesamt zwei Kisten und etwas Handgepäck. Es wäre mir lieb, wenn das Zeug umgehend in meine Stube gebracht wird. Ich hörte, dass die teirandanja mir bereits Räumlichkeiten zugewiesen hat.“

„Selbstverständlich, Herr.“

„Danke. Und du, junger Mann, wie ist dein Name?“

„Ich? Fanwer, Herr.“

„Du dienst noch nicht lange auf dieser Burg?“

„Nein, Herr, erst seit sechs Monden.“

Osse trieb das Maultier an. „Denkt daran, den jungen Fanwer hier zu belobigen“, erinnerte er den Wachenmeister und ritt den beiden Gastrittern durch das Tor hinterher.

Auf dem Hof herrschte bereits rege Geschäftigkeit, weit mehr, als Osse unter anderen Umständen zu dieser Tageszeit vermutet hätte. Eine Vielzahl Gesinde eilte geschäftig hin und her, nicht nur Leute, die zur Burg gehörten. Es war auch Gefolge der vielen Damen und Herren dabei, die als Turniergäste bereits angereist waren. Osse entdeckte einige Edeldamen und Herren mittleren Alters, die entweder als Gäste oder als Eltern teilnehmender Turnierkämpfer angereist waren. Osse erkannte einige Gesichter oder zumindest die Wappen, die ihm ins Auge fielen. Einige vornehme Mägde und Leibknechte waren auch dabei.

Die üblichen Geschäfte der Dienerschaft ruhten. Vertraute Geräusche wie die Werkzeugschläge von Schmied und Zimmerleuten fehlten, dafür sah Osse viele Wasserträger und Wäschemägde herumeilen. Vor dem Kücheneingang hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Offenbar wurden dort belebende, heiße Getränke und Brühe ausgegeben.

Irgendwie war es wohl sogar gelungen, die Zulieferung für die Küche und die Vorbereitung von Speisen in einen anderen Bereich der Burg zu verlagern. Osse entdeckte nicht einmal einen Hund oder ein verirrtes Huhn. Für Tiere war hier vor lauter Menschen kein Platz.

War Wijdlant schon immer so klein gewesen? Viel zu eng, um all den vornehmen Leuten aus dem ganzen Weltenspiel Platz zu bieten? Osse hatte südlich des Montazíel am Haupthof von Ivaál Festen beigewohnt, die ähnlich viele Gäste angezogen hatten. Dort war es nicht so überfüllt gewesen.

Im Hof war es noch recht kühl. Das lag an dem hohen Turm, der die Wärme von Pataghíus Glanz für eine Weile durch seinen Schatten verdeckte.

Osses Blick blieb unwillkürlich auf dem Gebäude ruhen. Dort hatte man sicher keine Gäste hineingestopft. Der Turm war zugesperrt und verriegelt. Morsche Treppen und Dielen waren der Grund, das wusste Osse noch, aber es gelang ihm nicht, darüber nachzudenken. Lediglich die Kammer unten im Turm wurde noch genutzt. Dort war der Zugang zu den Gewölbekellern unter der Burg, den Lagerräumen und den alten Verliesen, die den teiranday von Wijdlant nur zur Verwahrung von Gerümpel dienten.

Ich war einmal auf dem Dach, zuckte es durchs Osses Gedanken. Es war kalt und glitschig und es hat geregnet und ich hatte einen Hammer. Aber warum? Was habe ich dort oben getan? Was haben wir dort oben getan?

Er schauderte, und der Gedanke wehte davon, als hätte ihn jemand aus seinem Hirn herausgepustet.

Das war Wijdlant. Alt und provinziell und eng in Vergleich mit den Städten, die er bereist hatte. Hier gehörte er hin.

„Osse!“, hörte er da plötzlich eine Stimme, so lieb, so vertraut und so lange fern gewesen von seinem Ohr. Er wandte sich um, und da war Truda, dort drüben, bei der Tür zur Halle. Eine kleine Schar junger Damen war dort versammelt. Truda rannte los, so schnell sie es mit der Schleppe ihres Kleides konnte. „Osse!“

„Osse!“ Eine zweite Dame in einem malvenfarbenen Prachtgewand voller Goldfäden und bunten Perlenstickereien war Truda auf den Fersen. Ihr aufwendiger Kopfputz verrutschte, sie musste ihn angreifen, um ihn nicht zu verlieren.

Die drei anderen bleiben stehen. Wer den rennenden Mädchen auf dem Hof im Weg stand, wicht eilig aus.

„Majestät!“

Nun geriet auch ein Mann in Bewegung, der nahe bei den Damen gestanden hatte, gelb-grün und in leichtes Eisenzeug gewandet. Aber Jóndere Moréaval gelang es nicht, seine Herrin zu packen.

Osses Herz klopfte und schien in herrlicher Wärme zu zerschmelzen. Er erlaubte sich ein freudiges Lächeln und verneigte sich.

„Osse!“ Truda hatte ihn erreicht, stutzt und zögerte kurz und umarmte dann kurzerhand sein Bein. Sie schluchzte und klammerte sich an ihm. Das Maultier riss unruhig seinen Kopf hoch.

„Osse!“ Nun war die teirandanja da. „Den Mächten sei Dank! Wo sind Láas und Jándris?“

„Ich bin vorausgeritten, Majestät.“

„Osse! Osse … es … ach!“

Truda klammerte sich an ihn. Und ihr Schluchzen klang nicht nach Jubel.

„Majestät, ich …“

„Truda, lass ihn los! Und du, Osse, sei willkommen und steig ab. Mach schnell!“

Sie zog Truda von ihm weg, sodass er aus dem Sattel klettern konnte. Er war noch nicht ganz mit beiden Füßen auf dem Boden, da hing sie ihm schon wieder um den Hals und weinte heiße Tränen.

Spätestens jetzt waren auch umstehende in weiterem Umkreis aufmerksam geworden und wandten sich der Szene zu. Das bremste yarl Moréaval ein wenig aus.

„Osse,“ wimmerte Truda. „Osse …“

„Still, Frau Truda“, fiel Moréaval ihr hastig ins Wort, und Truda schluchzte tief.

Osse schaute bestürzt in die Runde. Die teirandanja warf ihm einen beschwörenden Blick zu. Dann löste sie Trudas Hände sacht von Osses Schultern.

„Was ist das für ein Empfang?“, fragte Osse. „Herr Jóndere, was ist hier los?“

„Herr Osse, bitte begleitet mich umgehend ins Haus.“

„Warum?“

„Das werdet Ihr sogleich erfahren.“

Die teirandanja nickte und schaute ihn eindringlich an. Truda verzog das Gesicht. Bei den Mächten, da war keine Wiedersehensfreude. Da war nur Leid.

„Was ist passiert?“, fragte Osse leise.

„Vater“, wisperte Truda erstickt und so leise, dass es wohl niemand hören konnte.

Die Wärme wich aus Osses Herzen, als habe jemand Eiswasser darüber geschüttet. Aber sein Gesicht, das hatte er unter Kontrolle. Keine Gefühlsregung hatte darin Platz.

„Bitte, Herr Osse. Lasst die teiranday nicht warten. Ich bedauere, dass es so eilt.“

„Natürlich, Herr Jóndere. Darf meine Schwester mich begleiten?“

„Unbedingt“, sagte Manjév hoheitsvoll, aber tonlos. „Das Wiedersehen nach all der Zeit verträgt kein Publikum. He!“ Sie klatschte in die Hände. „Jemand soll Herrn Osses Tier versorgen und sein Gepäck fortbringen. Los, eilt euch! Das Muli steht im Weg!“

Das löste den Kreis der Schaulustigen auf. Ein Pferdeknecht eilte herbei, und Osse führte Truda bei der Hand hinter Moréaval her. So kalt waren ihre Finger, so flehend und fest drückten sie zu,

Osse bemühte sich, klar zu denken. Eine Katastrophe musste mit dem Vater geschehen sein. Etwas, von dem niemand sonst etwas mitbekommen sollte.

Die wenigen Schritte hinüber in das Gebäude kamen ihm unendlich lang vor. Der geschäftige Burghof, die Geräusche, die vielen fremden Gesichter, sie verschwanden hinter einer gläsernen Wand und klangen gedämpft wie auf frisch gefallenem Schnee.

Der Vater. Der alte Vater.

Und ganz ohne Abschied.

Osse schluchzte lautlos in seinem Geist, während er den Ort seines künftigen Wirkens betrat. Würdevoll, loyal und diskret. Er hörte Truda leise weinen. Aber jetzt gerade durfte er sich nicht erlauben, Bruder zu sein.

Entschlossen richtete er sich auf. Stolz wäre der Vater gewesen. Osse schluckte Tränen, die noch trocken waren, und ihm wurde übel und elend davon.

***

Manjév war überrascht. Osses unverhoffte Ankunft hatte yarl Moréaval in Alarm versetzt. So sehr, dass ihm wohl gar nicht klar war, dass er sie, die teirandanja, die er auf Schritt und Tritt zu beschützen hatte, mitten auf dem Hof hatte stehen lassen.

Einen winzigen Moment überlegte Manjév, ob sie die Gelegenheit nutzen sollte, um gänzlich zu entwischen. Aber das würde Moréaval in Schwierigkeiten bringen. Und außerdem konnte sie sich nicht so einfach von ihren Gästen entfernen.

Láas und Jándris – und damit auch Merrit – konnten nicht allzu weit fort sein. Das war eine tröstliche Aussicht. Und außerdem standen da noch die drei anderen Edeldamen, die sich ohnehin sicher die ganze Zeit über Trudas Trübsinn gewundert hatten.

Manjév kehrte würdevoll zu ihnen zurück, grüßte huldvoll links und rechts und ohne richtig hinzusehen die Leute, die sich vor ihr verneigten.

Die drei Damen aus Valvivant waren in der Burg einquartiert. Von der, die am Vortag das aufwendige Geschmeide getragen hatte, wusste Manjév nun, dass es sich um die yarlaranda von Valfrontír handelte. Die andere, die so albern gewesen war, hatte sich überraschenderweise als eine Tochter von yarl Lebréoka entpuppt. Vom Haus Lebréoka ging das Gerücht, dass sie ungewöhnlich zahlreiche und nur männliche Nachkommen hatte. Sie war nicht die Schwester, sondern eine Base des yarlandor, der beim vasposár antreten würde.

Die drei waren nicht mehr allein. Die Junker, die beim Turnier für das teirandon Valvivant antreten würden, hatten sich hinzugesellt. Wie sie so schnell mitbekommen hatten, dass Moréaval fort war, ließ sich nur damit erklären, dass sie in der Nähe gelauert hatten. Der drei Ritter verneigten sich.

Manjév sah sie erstmals bei Tageslicht. Nun, ordentlich und schmuck waren alle drei. Der yarlandor vom Lebréoka ragte buchstäblich unter ihnen hervor, er war größer und breiter gebaut als die beiden anderen. Er kam in der Statur nahe an Láas heran, war aber bei Weitem nicht der muskelbepackte Hüne, den die Erzählungen der anderen aus ihm machten.

Ólefá Tjiergroen, mutmaßlich in absehbarer Zeit yarlaranda von Valvivant, nippte von einem Becher mit heißem Kräutersud aus Aurópéa. Sie wirkte nicht ganz so neugierig wie die beiden anderen, aber Manjév beschloss, zu antworten, bevor jemand Fragen stellte.

„Der junge Herr ist yarl Osse Emberbey“, erklärte sie. „Er wird mein mynstir werden und später yarl Grootplen ablösen.“

„Ein herzlicher Empfang für einen Federschubser“, sagte Tessorú Tiergroen. Seine Schwester warf ihm einen unwilligen Blick zu.

„Ein guter maedlor ist Gold wert“, rügte sie ihn.

Der schwarzlockige Junker lächelte dünn. „Die teirandanja wird es wohl als Scherz verstanden haben.“

„Ich denke, Ihr habt mich missverstanden. Mein mynstir, nicht irgendein maedlor. In den besten Gelehrtenhäusern ist er ausgebildet. Wahrscheinlich ist er der klügste yarlandor weit und breit.“

„Wir sehen ihn also wohl nicht auf dem Turnierplatz?“, erkundigte sich der yarlandor aus Valeísé, der keine Geschwister mitgebracht hatte.

„Das wäre wohl auch unfair“, sagte der junge Lebréoka. „Wijdlant wird doch wohl keinen Krüppel antreten lassen.“

„Mäßigt euch!“, fuhr die yarlaranda von Valfrontír dazwischen. Der war nicht entgangen, wie  Manjévs Blick sich verfinstert hatte.

„Spottet nicht“, sagte sie. „Ja, seine Augen sind schlecht und seine Schulter ist zerbrochen. Aber was seinen Mut angeht, auf dem Turnierfeld wäre er jedes Ruhmes würdig!“

„Tatsächlich?“, fragte die yarlaranda von Lebréoka amüsiert.

Nun, dachte Manjév, er hat einen Chaosgeist mit einem alten Brett verprügelt. Aber da warn wir alle noch Kinder.

Sie zuckte zusammen. Das war ein fremder Gedanke in ihrem Kopf, einer, der in ihre Träume gehörte, in die ganz schlimmen, die manchmal nachts noch kamen. Hatte sie laut gesprochen? Sie wusste es nicht. Aber niemand schaute verwirrt drein.

„Jedenfalls kann er sich jetzt um meine Hofdame kümmern. Frau Truda ist eine seiner beiden Schwestern. Der Dame ist seit Tagen das Gemüt so schwer. Vielleicht vermag er sie aufzuheitern.“

„Aber wer wird beim Turnier das yarlmálon Emberbey vertreten?“, erkundigte sich der junge Valeísé, der durch echtes Interesse und Zurückhaltung angenehm auffiel.

„Herr Alsgör wohl kaum“, meinte der junge Lebréoka. „Der ist älter als unser teirand.“

„Ich denke, Venghiár Emberbey wird bald hier eintreffen“, sagte Manjév vage, denn auf dessen Anwesenheit konnte sie gut verzichten. Truda redete oft davon, wie unangenehm er ihr war, obgleich artig und nicht dumm. „Der Tochtersohn von Herrn Alsgörs Schwester.“

„So einer ist mir noch nie auf einem Turnier begegnet“, sagte Lebréoka. „Kann er was?“

Darauf konnte Manjév unmöglich antworten, was sie dachte. „Es wird sich zeigen“, sagte sie unverbindlich.

„Und Eure jungen yarlay?“

„Sollten alle im Laufe des Tages hier eintreffen.“

„Sehr gut. Mit Merrit Althopian habe ich noch etwas auszutragen“, sagte Tjiergroen.

„Da bin ich gespannt“, sagte Ólefá amüsiert.

„Dem werde ich zusetzen, dass der seine Lanze nicht mehr anheben kann.“

Die yarlaranda von Lebréoka prustete unversehens los und verspritzte Kräutersud auf ihr Kleid.

Manjév seufzte still.

„Majestät?“ Ein weiterer junger Ritter war hinzugekommen und verneigte sich tief und formvollendet. Manjév erkannte ihn sofort, denn seinen Anblick würde sie nie vergessen. Sein Gewand glitzerte wie ein riesiger klarer Edelstein. „Darf ich mich dieser Runde zugesellen?“

„Solange Herr Jóndere Euch nicht verscheucht.“ Manjév nickte ihm huldvoll zu. „Yarl Ycelia, nicht wahr?“

„Ihr seid sehr aufmerksam“, sagte der yarl erfreut. „Ich wollte mich erkundigen, ob Ihr Freude an dem Eichhörnchen habt.“

„An dem … ja. Selbstverständlich. Ich bin sehr erfreut über dieses entzückende Geschenk gewesen.“

„Das freut mich“, sagte er höflich und so, als wolle er mehr wissen.

„Es … es ist in meinem Gemach. Sicher in einem Käfig. Wir haben es mit Nüssen gefüttert, meine Hofdame und ich. Das war doch richtig, oder?“

„Ja, Majestät“, sagte der junge Valeísé. „Eichhörnchen fressen Nüsse.“

„Ich lasse ein kleines Geschirr für es anfertigen“, erzählte Manjév weiter. Oh weh. Ich beginne zu plappern, dachte sie zugleich. „Es soll nicht gerade jetzt entwischen. Hier zwischen all den Leuten und dem Lärm.“

„Das ist sehr fürsorglich, Majestät.“

Ein fünfter Ritter trat hinzu. Bei dem musste Manjév einen Moment länger überlegen, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte. Dann fiel es ihr ein. Das war der, der sich so seltsam bei der Audienz benommen und Truda gegenüber so seltsame Dinge gesagt hatte.

„Majestät?“, sprach er sie direkt an. „Wie schön, Euch hier anzutreffen. Wo ist denn Euer getreuer Wächter?“

„Herr Jóndere? Der hat zu tun, Herr …“

Er lächelte leutselig und schüttelte den Kopf. „Nein, Majestät. Erst nach dem Turnier.“

„Es ist unhöflich“, grollte Ycelia, „einfach so in ein Gespräch zu platzen.“

„Bei den Mächten“, ließ sich Tjiergroen hören. „Dass ich so etwas noch einmal zu sehen bekomme!“

Der Wappenlose schaute ihn irritiert an. „Wie? Was meint Ihr?“

„Euer Eisenzeug. Ich bin begeistert, Herr. Mein Großvater hatte ganz ein ähnliches. Geerbt. Von seinem Großvater.“

Valeísé und Lebréoka lachten leise. Ólefá Tjiergroen verdrehte die Augen. Wahrscheinlich hatte sie es nicht leicht, wenn sie in Gesellschaft mit Ihrem Bruder war. Die yarlaranda von Valfrontír schaute fasziniert yarl Ycelia an. Vielleicht gefiel ihr, dass er ihre Leidenschaft für Glitzerzeug zu teilen schien. Und dem yarl? Der schien plötzlich ganz geistesabwesend zu sein. Er errötete, erhob sich dann und murmelte eine Entschuldigung, um sich zu entfernen. Manjév entließ ihn mit einem Nicken.

Der Wappenlose bedachte die drei Junker mit einem scharfen Blick, der für das vasposár nichts Gutes verhieß. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Und Eure entzückende Hofdame, die junge yarlaranda von Emberbey? Wo habt Ihr die gelassen?“

„Unpässlich“, sagte Manjév knapp.

„Die ist mit ihrem Bruder im Haus und weint“, verriet die yarlaranda von Lebréoka unaufgefordert, während sie mit einem Taschentüchlein versuchte, sich vom Kräutersud zu reinigen.

„Oh. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes vorgefallen?“

„Nein. Nein, es ist … alles in Ordnung“, behauptete Manjév. Der Wappenlose lächelte, auf eine Weise, die der teirandanja Unbehagen bereitete.

„Könnt Ihr mir dann vielleicht noch verraten, wo ich yarl Altabete antreffen kann?“

„Keine Ahnung, Herr Andriér ist mit einigen Männern gleich am Morgen ausgeritten. Sie hatten Netze und Seile dabei. Vielleicht sind sie auf der Jagd.“

Der Wappenlose hob die Brauen. Dann erhob er sich. „Vortrefflich“, sagte er. „Dann werde ich hier auf ihn warten.“

Er verneigte und entfernte sich, schlenderte ohne Eile hinüber zur Küche, vielleicht, um seinerseits ein Getränk zu erhaschen.

„Wer ist das?“, fragte der junge yarl Valeísé.

Manjév schaute ihm nach. „Das“, sagte sie nachdenklich, „wird uns sicher alle überraschen.“