Venghiár Emberbey war ungehalten. Ein turniertaugliches Eisenzeug hatte er sich zwischenzeitlich zusammengesucht und Knechte angewiesen, es zu verpacken. Dann hatte er seine Anweisung widerrufen.
Natürlich hatte man längst die Vorbereitungen für Alsgör Emberbeys Reise zum vasposár getroffen. Die hatten unter anderem den Reisewagen vorgesehen, eine zweispännige Kutsche, auf der das Gepäck transportiert werden sollte. Auch der alte yarl und seine kleine Tochter wären mit diesem Gefährt gereist, denn sicher hätte der alte Mann es nicht geschafft, die zweitägige Wegstrecke fortdauernd im Sattel zu bewältigen. Drei Knechte und eines der Küchenmädchen wären mit ihnen gekommen, um ihren Herrn zunächst nach Althopian und dann weiter nach Wijdlant zu begleiten. Ein Gefolge, das für den Komfort des yarl zu sorgen hatte und sich zum Lohn auf dem Fest hätte vergnügen sollen. Ob dort nicht die Mächte zugleich passende hýardoray hingeführt hatten?
Viel zu viel Aufwand. Wer brauchte das jetzt noch? Was, wenn im unpassenden Moment jemand etwas Falsches ausplauderte?
„Nein“, verfügte Venghiár knapp. „Den Wagen brauche ich nicht. Ich reise allein. Schafft mein Zeug auf ein Packpferd und macht mein Ross fertig.“
Der Stallmeister und seine beiden jungen Gehilfen schauten betreten drein.
„Was ist? Was soll der halbe Hausstand sich auf den Weg machen, in dieser traurigen Zeit? Hevstrid wird sich darum kümmern, dass die Alltagsdinge hier weiter laufen. Cró und Ungro sorgen für die nötige Zucht hier am Ort. Ohne lästigen Anhang bin ich viel schneller in Wijdlant.“
„Herr …“
„Was gibt es?“
„Herr, mit welchem Pferd wollt Ihr zum Turnier reisen?“
Venghiár runzelte wütend die Stirn und hatte schon eine barsche Zurechtweisung auf den Lippen. Aber er hielt sich zurück. So dumm war der Einwand des Stallmeisters nicht.
„Verflucht“, murmelte er, halb zu sich selbst. „Stimmt ja. Der graue Gaul ist fort.“
Er wandte sich um und blickte sich im Stall um. Es waren zu wenig taugliche Pferde anwesend. Die Pferdeknechte begannen, einander verstohlene Blicke zuzuwerfen.
„Nun, da das Ross meines Großvaters von diesem unverschämten Pferdedieb geraubt wurde“, sagte Venghiár, „werde ich wohl mein eigenes nehmen müssen.“
„Herr“, wandte der Stallmeister kleinlaut ein, „wenn Ihr das tut, trefft Ihr wohl nicht rechtzeitig ein.“
„Wieso? Ist es verletzt? Lahmt es?“
„Es ist erschöpft, Herr. Ihr wart damit auf Eurer weiten Reise und danach auf der Jagd nach dem verfluchten Mordstecher. Es braucht eine Weile, um wieder richtig zu Kräften zu kommen.“
Venghiár lehnte sich seufzend an die Trennwand, die einen Pferch von der Stallgasse abschied. Gegenüber hatte sein übliches Reittier seinen Platz. Der Hengst stand still da und döste. Besonders feurig sah er in der Tat derzeit nicht aus. Einen Moment zog der junge Mann in Erwägung, seinen Stallmeister für dessen Einmischung zu schelten, zügelte sich aber. Was nützte es, wenn er nun seine Eitelkeit und seinen Willen durchsetzte und am Ende mit dem Gaul nicht ans Ziel kam?
„Gut“, sagte er dann. „Welches schlagt ihr mir vor? Ich höre.“
„Herr, wären alle unsere Pferde vor Ort, das Rotgescheckte wäre wohl brauchbar. Aber so haben wir nur im Stall, was Euch entbehrlich schien, bevor Ihr aufgebrochen wart.“
„Das sehe ich selbst. Und nun?“
Der Stalleingang verdunkelte sich kurz. Dann trat jemand ein und gesellte sich zu ihnen. Venghiár schloss seufzend die Augen.
„Es hilft wohl nichts“, sagte Hevstrid und streichelte dem Hengst den Hals. „Nehmt irgendeines, das noch geradeaus laufen kann, steckt genug Geld ein und kauft yarl Althopian ein besseres ab.“
„Halt dich da heraus“, murrte Venghiár. „Was verstehst du Weibsbild von Pferden?“
„Genug, um Euch zu beraten. Schließlich bin ich doch jetzt die Dame des Hauses, nicht wahr?“
Die Stallknechte starrten sie ungläubig an. Einem blieb der Mund offen stehen angesichts dieser Dreistigkeit.
„Pass auf, was du sagst!“, wies Venghiár sie mit mühsamer Ruhe zurecht.
„Bitte.“ Sie lächelte, geradezu anmaßend. „Wenn Ihr als letzter ankommen und Euch dann auch noch blamieren wollt. Herr Waýreth wird untröstlich sein. Sicher hätte er Euch angesichts der furchtbaren Umstände einen guten Preis gemacht. Oder Euch eines seiner guten Gestechrösser ausgeborgt. Das würde ihm mindestens der Anstand vor Herrn Alsgör gebieten, möge er hinter den …“
„Schweig und komm mit!“, fuhr Venghiár das Mädchen an, packte es grob beim Arm und zog es energisch ein paar Schritte beiseite und in einen der leeren Pferche.
„Was bildest du dir ein?“Er dämpfte seine Stimme. „Was ist in dich gefahren? Gestern um diese Zeit bist du noch vor mir gekrochen vor Demut. Was ist dir zu Kopf gestiegen?“
„Vorsicht“, zischte sie zurück wie eine Natter. „Wenn du dich vergisst, dann schreie ich so laut, dass man es noch vor der Mauer hört. Und wie stände es einem hochedlen Herrn an, die Hand gegen ein zerbrechliches Weib zu erheben? Soll es sich herumsprechen, dass in Emberbey nun ein hitzköpfiger Grobian herrscht? Einer, der nicht nur alte Diener misshandelt, sondern auch Damen bedrängt?“
„Irgendwas ist dir in den Verstand gekommen, das nicht hinein gehört!“
„Was ist so falsch an meinem Verstand?“, flüsterte sie giftig. „Du brauchst ein gescheites Pferd. Alle Guten sind mit deinen tumben Idioten unterwegs. Du kannst von Glück sagen, wenn die Strolche sie nicht unterwegs verschachert haben und mit dem Erlös übers Meer nach Ovéstola oder noch weiter weg sind. Wo, wenn nicht in Althopian, würdest du ein standesgemäßes Ross finden?“
„Ich will nicht nach Althopian!“
„Nicht? Wohin denn dann?“
Venghiár biss sich auf die Lippen. Die Knechte und der Stallmeister schauten befremdet zu ihnen hinüber. Sie waren allerdings klug genug, nicht näher zu kommen.
„Denk nicht, dass ich dir alles durchgehen lasse“, drohte er. „Während meiner Abwesenheit wirst du genau das tun, was wir besprochen haben. Und denk nicht, dass ich von Eigenwillen nicht erfahre.“
„Ich weiß, dass der Hohlkopf aus Rodekliv ein Auge auf mich hat. Ich werde dir keinen Grund geben, zornig auf mich zu sein.“ Nun lächelte sie wieder, hochmütig und kalt wie ein Block Eis. „Schließlich ist es mein Interesse, dass du zufrieden mit mir bist.“
„Bei den Mächten“, seufzte er verzagend. „Man könnte meinen, dass irgendetwas in dir ausgetauscht wurde.“ Er ließ sie los, stehen und ging bemüht forschen Schrittes zu seinen Knechten zurück. „Ich nehme den Schimmel als Packpferd für meine Waffen und das Eisenzeug. Und den Fuchs als Reittier. Alles Weitere wird sich in Wijdlant finden.“
„Und wer soll Euch begleiten?“, fragte der jüngere Stallknecht schüchtern.
„Begleiten? Wozu?“
„Na, um Euch mit dem Zelt zu helfen. Und falls unterwegs etwas geschieht, damit Ihr Hilfe bekommt.“
„Warst du einer von denen, die zum vasposár hätte mitreisen sollen?“
Der junge Mann errötete bis über beide Ohren. Der törichte Kerl. Wahrscheinlich träumte er seit Monden von lieblichen Mädchen, die ihr Herz an einen wie ihn verschenken konnten. „Ja, Herr. Herr Alsgör hatte es mir versprochen.“
„Ein Jammer, dass Herr Alsgör nichts mehr zu sagen hat. Aber gräme dich nicht. Weibsbilder tun einem nicht so gut, wie man meinen sollte.“
„Eine schlechte Meinung habt Ihr von meinesgleichen“, tadelte Hevstrid.
„Ich reise allein!“, entschied Venghiár energisch. „Und keine Widerworte, von niemandem! Es sind genug sichere Nachtherbergen auf dem Weg. Und ein Zelt brauche ich nicht. Denkt Ihr denn, in Wijdlant hätten sie für meinen Weitoheim nicht eine komfortable Stube freigehalten? Denkt Ihr, sie hätten den alten Herrn und das Kind im Turnierlager untergebracht?“
„Nein, Herr. Bestimmt nicht“, murmelte der Stallmeister. Teilnahmsvoll legte er seinem Gehilfen die Hand auf die Schulter. Der junge Mann starrte beherrscht ein paar Strohhalme am Boden an.
„Und selbst, wenn die ganze Burg bis zum letzten Winkel voller Menschen wäre, es wäre meinem Weitvetter wohl eine Freude, seine Stube mit mir zu teilen“, konnte er es sich nicht verkneifen. Hevstrid schnaubte verächtlich, aber leise.
„Den Fuchs, Herr?“, fragte der Stallmeister sachlich. „Schnell ist der ja. Aber wenn dem in der Bahn einer entgegen kommt, weiß ich nicht, wie es ausgeht.“
„Braucht es nicht.“ Venghiár ging energisch an den Leuten vorbei und ins Freie. Dem erwählten Pferd schenkte er keinen Blick. „Die Albernheit mache ich nicht mit. Ich habe ganz andere Sorgen. An ein paar von den Reiterspielchen nehme ich teil, das gebietet wohl die Höflichkeit. Und wenn sich jemand am Boden mit mir messen will, bitteschön. Aber ich habe es nicht nötig, die teirandanja oder irgendeine alberne hochedle fánjula zu beeindrucken. Nicht, nachdem mein Geist schwer ist von der Trauer und der Verantwortung. Nein, ich habe vielmehr Wichtiges mit den teiranday zu besprechen. So sie denn ein Ohr für mich haben.“
Er trat auf den Hof hinaus und schaute sich um. Hier und dort ging geschäftiges Gesinde seinen Aufgaben nach. Die opayra und die Küchenmeisterin standen beisammen. Als sie ihn bemerkten, warfen sie ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und verneigten sich dann steif. Venghiár überlegte, ob er die Weibsbilder zurück in die Burg scheuchen sollte, aber Hevstrid war ihm auf dem Fuß gefolgt. Bei den Mächten, was hatte er sich nur für eine Last aufgeladen?
„Ich bin nicht so übel, wie du denkst“, sagte sie und blieb neben ihm stehen. „Du brauchst auf dem vasposár nach keiner anderen zu schauen.“
„Nie würde mir das in den Sinn kommen“, murmelte er und versuchte, die geifernden Blicke der opayra und des übrigen Gesindes zu ignorieren.
„Herr?“
Jemand rief nach ihm. Venghiár schaute sich um. Da stand der Wachmann, der Freund des maedlor, an der Torpforte und winkte, um auf sich aufmerksam zu machen.
„Was gibt es?“
„Da draußen“, rief der Mann. „Schaut selbst!“
Das klang dringlich. Venghiár ging hinüber, ohne sich zu sehr zu eilen. Dann wurde er zweier Mägde gewahr, die mit Eimern und Besen oben auf dem Mauergang standen und wie angewurzelt auf irgendetwas vor den Toren starrten. Auf der anderen Seite, über dem Torhaus, stand ein anderer Mann und deutete aufgeregt nach außen und unten.
Venghiár nahm die nächstgelegene Stiege. Von oben sah er sicherlich besser, was dort vor sich ging.
„Was gibt es?“, fragte er und kniff die Augen zusammen. Pataghíus Glanz senkte sich bereits dem Meer entgegen und blendete ihn.
„Schaut doch, Herr“, sagte der Mann. „Der Dunst über der Wiese.“
„Na und? Ein bisschen Nebel.“
„Um diese Zeit? Bei diesem Wetter?“
„Binnen weniger Herzschläge?“, schloss sich die Magd mit dem Besen an.
„Hört!“ Hevstrid stand schon wieder neben ihm, natürlich. Sie klebte an ihm wie eine Fliege.
Sie lauschten. Tatsächlich. Da war ein Geräusch. Ein Laut wie fernes Donnergrollen, wenn auch nicht ganz so eindrucksvoll. Venghiár glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen, als ihm klar wurde, was es war.
„Das Tor zu!“, rief er panisch aus. „Schnell! Macht dicht! Wirds bald?“
Einen viel zu langen Moment zögerten die Männer unten am Tor, so verdutzt waren sie. Dann stützte der Knecht aus Rodekliv herbei. Venghiár hörte, wie sich der Kettenmechanismus des Fallgitters endlich in Bewegung setzte. Als das schwere Metalltor niedersauste, vibrierte die Mauer, auf der sie standen. Zugleich quietschten die schweren Torflügel in den Angeln. Krachend versiegelte das dicke Holz den das Tor hinter dem Gitter.
Eine Zugbrücke, dachte Venghiár mit klarem Entsetzen. Wieso gibt es hier weder Graben noch Brücke?
Und dann gab der Nebel etwas frei, spie es von sich, wie man einen Zerisienkern ausspuckt. In rasendem Galopp sprengten Pferde aus dem Nebel heraus, hielten genau auf die Burg zu und schlugen mit ihren Hufen tiefe Kerben in die gräulichgrüne Herbstwiese. Zwei von ihnen hatten Reiter, die aus Leibeskräften und in Todesangst schrien.
Venghiár hatte bei mehr als einer Gelegenheit die großen Herden auf dem Land von Waýreth Althopian bewundern dürfen. Es war ein imposanter Anblick, wenn die Pferdehirten dort die Tiere von Weide zu Weide und über das weite Land trieben. Dutzende von Pferden lenkten sie mit Leichtigkeit, so wie es anderenorts die Hirten mit Schafen taten. Das hier, das waren nur acht Pferde, angeführt von einem schwarzen Feuerblut, das seinen Reiter offenbar bereits abgeworfen hatte. Es war gesattelt, rannte aber ohne Last. Venghiár bildete sich ein, das weiße in den Augen des edlen Rosses sehen zu können.
Sie werden ungebremst vor das Tor und die Mauer laufen, dachte der junge Mann und fand den Gedanken, ganz wider die Vernunft, furchtbar komisch.
„Bei den Mächten!“, kreischte Hevstrid, viel zu dicht an seinem Ohr. „Das sind deine Tölpel!“
Tatsächlich. Hörte man ganz genau hin, konnte man die Angstschreie von Cró und Ungro irgendwo zwischen dem Donnern der Hufe und pumpendem Keuchen der Pferde hören. Eines davon, das schnellste gleich hinter dem Rappen an der Spitzem war der rote Schecke, den er so dringend fürs Turnier brauchte.
„Nein!“, rief Venghiár aus. Er schwenkte die Arme, gestikulierte wild und wie ein Narr, der sich einem Sturm entgegenwirft. „Nein! Beiseite! So lenkt doch um!“
Das schwarze Pferd bäumte sich auf, mitten im rasenden Lauf, schlitterte und riss eine Furche tief in die Erde, knapp bevor es gegen das Tor prallen konnte. Es legte sich fast waagerecht und jagte dann in gestrecktem Galopp an der Mauer entlang, zog den Rest der Herde und die beiden Männer mit sich. Das ganze hatte eine solche Wucht und Gewalt, dass es selbst den erfahrensten Reiter aus dem Sattel hätte schleudern müssen. Aber die beiden waren wie festgeleimt. Sie klammerten sich an Hälsen und Zügeln fest und schrien um ihr Leben.
Venghiár stieß Hevstrid und die Magd mit dem Eimer beiseite. Entsetzt rannte er oben auf der Mauerkrone entlang, dem schwarzen Pferd hinterher. Die Klippe! Hinter der Burg war die Klippe, und darunter das brodelnde Meer in der Bucht. Die Möwen wurden aufgescheucht und stoben als lärmender Schwarm über die Burg hinweg.
Er hatte erwartet, dass die Pferde in ihrem Wahnsinn einfach über das Stück Wiese hinwegsprengen würden, das einst der Garten der Damen gewesen war. Es konnte nicht anders sein, sie alle würden sich in die Tiefe stürzen. Aber als er auf der rückwärtigen Mauer ankam, schien etwas den Lauf der Pferde zu bremsen. Als sei ihnen ein unsichtbarer Zaun im Weg, jagten die Pferde zuerst nach rechts über den Platz, bremsten dann und stürzten wieder in die andere Richtung fort.
Cró und Ungro lamentierten. Einer der beiden flehte lauthals zu den Mächten, der andere rief noch lauter nach seiner Mutter. Der Rappe tänzelte, nur eine Armlänge vom Rand des Felsens entfernt, bäumte sich auf und ruderte mit den Vorderbeinen in der Luft. Ob es seinen unheimlichen Herrn losgeworden war? Ob der Schwarzmantel sich den Hals gebrochen hatte? Wie herrlich wäre das! Venghiár beobachtete ohnmächtig, wie die Pferde hin und her hetzten, gefährlich nahe am Abgrund, offenbar aber auch nicht mehr näher an die Burg herankamen.
Eine Hand legte sich auf seinen Rücken.
„Verschwinde“, raunzte der junge Ritter und strich die Hand beiseite. „Lass mich endlich in Ruhe, Weibsstück!“
„Seid Ihr Eurer liebreizenden Gefährtin denn so schnell überdrüssig?“ Der Schwarzmantel trat neben ihn und beugte sich interessiert über die Mauer.
Venghiár war, als erstarre ihm das Blut.
„Habt Ihr Eure Sachen schon gepackt?“, fragte der Magier beiläufig.
„J- ich bin beinahe fertig“, stammelte Venghiár Emberbey. „Ich hatte mich gerade um ein Pferd kümmern wollen.“
„Und? Welches soll es sein? Eines von denen?“
„Der Schecke.“
„Eine gute Wahl.“ Der Schwarzmantel hob die Hände ein Stück weit und sang. Seine Melodie begleitete er mit einer Geste, als raffe er vorsichtig Zügel an sich. Der schwarze Hengst und der Schecke lösten sich aus der panischen Herde und galoppierten an die Mauer heran. Dort hatte zwischenzeitlich jemand die kleine Pforte geöffnet. Menschen drängten ins Freie. Einer, Venghiár erkannte den jungen Stallknecht, rannte mutig heraus und packte den Schecken beim Halfter. Andere folgten ihm nach, sie schrien aufgeregt durcheinander, wagten sich aber nicht näher an die weiterhin sinnlos hin- und herjagenden Pferde heran.
„Wo kommt Ihr her?“, fragte Venghiár matt.
„Ich dachte mir, es freut Euch, wenn ich Eure geistesarmen Handlanger einsammele, bevor sie Eure Rösser zu Geld machen können.“
„Das würden sie sich nicht getrauen!“
„Ich seid kein guter Menschenkenner, scheint mir.“ Der Magier schmunzelte. „Braucht Ihr die Pferde noch, auf denen sie reiten?“
„Was habt Ihr vor?“
„Denkt ihr, ich kann die Tiere ewig halten?“ Er öffnete die Finger seiner rechten Hand. Die Pferde wendeten und jagten auf die Klippe zu.
„Ja!“, schrie Venghiár. „Ja! Ich brauche sie noch! Haltet sie auf!“
Der Schwarzmantel zuckte die Achseln und ruckte an der Luft.
Alle sechs Pferde wurden von den Füßen gerissen, als wären sie kleine Spielzeugtiere auf Rollen, mit denen ein wildes Kind spielte. Die Tiere schrillten panisch und stürzten nieder, schlitterten von ihrer eigenen Wucht beschleunigt über das Gras und ein Stück weit in Richtung der Burg, weg von der Klippe. In hohem Bogen segelten Cró und Ungro aus dem Sattel und auf den sicheren Boden. Sie landeten in der entgegengesetzten Richtung, ziemlich nah am Abgrund.
Bis die Rösser sich aufgerappelt hatten, waren schon Menschen bei ihnen, die sie bändigen konnten. Um die beiden Männer kümmerte sich niemand. Cró umklammerte ein Büschel Salzgras und starrte zum Himmel hinauf. Ungro verbarg seinen Kopf unter den Armen. Er schien haltlos zu wimmern.
Venghiár atmete auf. Der Magier wandte sich ihm zu. „Ich erwarte Euch bei Einbruch der Nacht draußen, ein Stück die Straße nach Süden entlang. Allein. Nehmt den Schecken und den Falben von denen da unten. Der taugt besser zum Packpferd als der Fuchs.“
„Woher…“, flüsterte Venghiár matt und sprach gar nicht erst weiter. Es hatte ohnehin keinen Sinn.
„Sorgt Euch nicht um den Zustand der Pferde. Das kann ich richten. Eure unterhaltsamen Trottel werden wahrscheinlich nur wirres Zeug von durchgehenden Rössern von sich geben. Mehr sollte nicht in ihrem kleinen Geist hängen geblieben sein. Eure liebreizende Gefährtin hat keinen Ungehorsam von Ihnen zu fürchten. Und die Hauptsache ist doch, dass keines der kostbaren Tiere zu Schaden kam, nicht wahr?“
„Natürlich.“
„Und solltet Ihr dennoch zögern und Euch eines anderen Planes besinnen“, sagte der Schwarzmantel liebenswürdig, „seid unbesorgt. Ich werde Euch wohl abholen. Mit deutlich verminderter Geduld.“
Venghiár nickte müde, wehrlos. Unten war großer Trubel und Geschrei. Endlich hatte sich auch jemand dazu aufgerafft, Cró und Ungro auf die Füße zu helfen. Venghiár sah, wie die beiden sich zitternd an die Männer klammerten, die sie recht unsanft stützten. So kreidebleich waren beide, dass er es aus dieser Entfernung erkennen konnte.
„Ich werde da sein“, murmelte er. „Ich werde tun, was ihr verlangt.“
„Mit wem redest du da?“, fragte Hevstrid verwirrt und kam zögernd näher. Als er aufschaute, war der Schwarzmantel verschwunden.
Pataghíus Glanz begann, das Meer golden zu färben. Und Venghiár Emberbey begann, lautlos zu kichern.
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