Truda weinte nicht mehr. Manjév war sich nicht ganz sicher, ob Dýamirée irgendeine mildernde Form von Magie gewirkt hatte. Vielleicht ging in Trudas Gedanken nun aber vieles um, das sie sie von der überwältigenden Trauer ablenkte. Die Ungewissheit und Sorge um die kleine Schwester mochte den Schmerz des Verlustes übertönen, an dem sich nichts mehr ändern ließ.

Dýamirée hatte das Briefchen mehrfach gelesen und dann eingesteckt. „Ich will es Advon zeigen“, hatte sie erklärt. „Vielleicht kann er dem Papier mehr entlocken, als darauf geschrieben ist.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Truda tonlos. „Das ist ja nicht einmal die Botschaft, die in Emberbey abgeschickt wurde. Es ist nur eine Abschrift, die ein maedlor in Althopian gemacht hat.“

„Einerlei.“ Die Schattensängerin setzte sich neben sie. „Truda, ich will nicht kaltherzig erscheinen. Aber sag mir: Hatte dein Vater Feinde?“

„Nein“, brachte das Mädchen leise hervor. „Nicht, dass ich davon wüsste. Alle hatten Respekt vor ihm. Er war gerecht.“

„Herr Alsgör war hochgeachtet“, erklärte Manjév. Sie hatte das Bedürfnis, zu sprechen, bevor es zu still im Zimmer wurde. Das aufwendige Glasfenster sperrte einen guten Teil des Lärms vom Hof aus. Das Feuerknistern im Kamin war lauter als die Menschenscharen auf dem Hof.

„Vielleicht“, sagte Truda leise, „hatte er Feinde, von denen ich nichts erfahren habe. Ich weiß wenig von dem, was in den letzten Wintern daheim geschehen ist.“

„Hast du denn keine Briefe von ihm bekommen?“

„Doch.“ Sie lächelte matt. „Aber mein Vater hätte doch mit mir nicht über … solche Dinge gesprochen. Das sei nichts für uns, hat er immer zu mir und … Raýneta gesagt.“

Sie schwieg einen Moment. Manjév warf der Schattensängerin einen unschlüssigen Blick zu.

„Er hat die Briefe unserem maedlor diktieren müssen“, fuhr Truda nach einer Weile fort. „Er konnte am Ende keine Feder mehr selbst in der Hand halten.“ Sie hob den Kopf. Ihre blassbraunen Augen waren gerötet vom Weinen. „Meist du, der maedlor hat mir etwas anderes geschrieben, als mein Vater vorgegeben hat?“

„Warum sollte der maedlor das getan haben? Was er denn kein treuer Dienstmann?“

„Doch. Es ist nur … ach, es ist so schrecklich!“

„Jedenfalls hätte der maedlor doch keinen Grund, falsche Botschaften zu versenden.“

„Aber wieso wurde Raýneta entführt? Sie ist doch nur ein kleines Mädchen!“

„Sie ist in Sicherheit, Truda, ganz gewiss. Dieser merkwürdige báchorkor wird sie hüten wie einen Schatz. Als Geisel nützt sie ihm mehr als … jedenfalls, du musst dich um deine Schwester zurzeit nicht sorgen.“

„Wir sind ein wohlhabendes Haus“, murmelte Truda. „Wenn er sie auslösen will, dann muss schnell Geld bereitgeschafft werden.“ Sie sprang auf. „Ich muss unserem maedlor eine Taube schicken, und …“

„Bleib sitzen, Truda!“ Die Schattensängerin nötigte sie wieder auf die Kaminbank. „Ich bin sicher, das wird sich finden.“

„Herr Alsgör war sehr alt.“ Manjév versuchte, das Feuerknistern zu übertönen. „Er wäre sicherlich bald hinter die Träume gegangen.“

„Das steht da aber nicht im Brief!“, brauste Truda urplötzlich auf. „Da steht nicht, dass er vom Alter eingeschlafen ist!“

„Würde es sich dann anders anfühlen?“, fragte Dýamirée geduldig.

„Ich weiß nicht. Vielleicht. Sicher. Dass ihm jemand seine letzten Tage nicht gegönnt hat, das ist verkehrt! So unwürdig und grausam!“

Sie schwieg wieder einen Moment. Dýamirée blieb ihr zugewandt. Manjév seufzte und erhob sich von der Bank. Ein Anflug von Ärger überkam sie, einer, für den sie sich augenblicklich schämte. Es war unrecht, Truda die Aufmerksamkeit zu neiden, die die Schattensängerin ihr nun widmete. Niemand war verantwortlich dafür, dass dieses ebenso ruchlose wie sinnlose Verbrechen Dýamirées und Advons Aufmerksamkeit nun zweifellos mehr beschäftigen würde als ruhelose Gedanken um das eigene vasposár.

„Ich … hatte mich so darauf gefreut, meinen Vater noch einmal hier in Wijdlant zu sehen“, erzählte Truda leise. „Er konnte seit ein paar Wintern nicht mehr weit reisen. Aber diesmal, dieses eine Mal, hätte er die Beschwerlichkeit noch auf sich genommen. Er hätte es niemand anderem überlassen wollen, Osse den Ring zu geben: Und bestimmt wollte er auch sehen, ob ich vielleicht …“ Sie unterbrach sich und schloss: „Nun, er hätte sicher wissen wollen, ob sich ein hýardor zeigt, der mir angenehm gewesen wäre. Ich hätte ihm hier noch so viel zeigen wollen. Raýneta hatte sich so auf das große Fest gefreut. Ich musste ihr immerzu erzählen, wie es dabei zugeht, schon als sie noch viel kleiner war.“

Darauf ging Dýamirée nicht ein. „Was für ein Ring?“, fragte sie stattdessen.

„Das Amtssiegel“, erklärte Manjév. „Das für das teirandon Spagor. Herr Alsgör war der mynstir meines Vaters. Herr Daap hat das Gegenstück für Wijdlant dazu, aber bei ihm ist es ein Anhänger an seiner Kette.“

„Das ist also die Zeremonie, die vorerst abgesagt wurde. Ich verstehe.“

„Was für ein dummes Gesetz“, zürnte Truda. „Osse hat seinen Vater geehrt. Es ist lächerlich, auch nur daran zu denken, er hätte es nicht erwarten können, seine Nachfolge anzutreten!“

„Es ist eben ein uraltes Gesetz, Truda“, wandte Manjév ein. „Eines, das seinen Sinn gehabt hat und immer noch hat. Du hast es doch selbst gehört, was sie darüber sagen.“

„Warum haben die Unkundigen – die Menschen, meine ich – dieses Gesetz niedergeschrieben?“

„Weil es einst notwendig war, Dýamirée. Es gab Zeiten, da war es nicht ungewöhnlich, dass hochedle Damen und Herren vorzeitig hinter die Träume gingen. Das Gesetz sollte sicherstellen, dass niemand unmittelbar einen Vorteil daran hatte. Manchmal ging es den Erbfolgern nicht schnell genug oder es gab anderweitig Unklarheiten, die jemand mit einem Mord bereinigen wollte.“

„Ein Mord musste also zweifelsfrei aufgeklärt werden, bevor jemand eine Nachfolge antreten konnte?“

„So ist es. Bis der Schuldige überführt ist, wird zwischenzeitlich ein Statthalter eingesetzt.“

„Von wem?“

„Von dem yarlpénar, vor dem sich der jeweilige Nachfolger verantworten muss.“

„Ich verstehe“, wiederholte Dýamirée und versank wieder in Gedanken. Manjév zog in Zweifel, ob sie wusste, was ein yarlpénar war und welche Tragweite es hatte. Aber die Magierin fragte nicht nach. Vielleicht interessierten sie solche Feinheiten nicht.

„Jedenfalls“, erklärte die teirandanja weiter und verfluchte das Summen und Murmeln der Stimmen unten auf dem Hof, „kommt all das zur Unzeit.“

„Und daher wollen deine Eltern und die anderen Herren die Sache nun vorerst vertuschen.“

„Natürlich.“ Manjév lehnte sich an die Wand neben dem Kamin. „Die Leute sind wegen meines vasposár hier, nicht wegen eines yarlpénar für Osse. Wäre das Ganze früher geschehen, hätte man das Turnier noch absagen können. Aber nun sind sie alle schon hier. Das ganze Weltenspiel hätte Kunde davon. Alle werden tuscheln und Mutmaßungen anstellen und Gerüchte schüren.“

„Es ist so demütigend“, murmelte Truda. „So lächerlich, auch nur zu denken, dass Osse einen Meuchelmörder aussenden könnte. Und Raýneta …“

„Welchen Nutzen hätte Venghiár Emberbey daraus?“, fiel Dýamirée ihr ins Wort.

Manjév sah Truda zusammenzucken. Fragend schaute sie die Magierin an.

„Venghiár?“

Dýamirée nickte. „Er wäre doch sicher mit dem Tross von Herrn Alsgör hergereist und hätte sich Herrn Waýreth für den Rest der Strecke angeschlossen, nicht wahr?“

„So war es verabredet“, bestätigte Truda. „Aber wie kommst du dazu, Venghiár zu verdächtigen?“

„Ich bin, gelinde gesagt, erstaunt, dass keinem der Herren oder der teiranda ein solcher Gedanke gekommen ist.“

„Nein, Dýamirée. Das darfst du nicht im Ernst denken. Selbst wenn wir es in Erwägung zögen, wäre es unsinnig, Venghiár zu verdächtigen.“

„Venghiár ist untadelig. Mein Vater war sehr zufrieden, wie er sich angestellt und den Haushalt und die Geschäfte organisiert hat.“

„Die anderen halten nicht allzu viel von ihm. Aber Venghiár ist keiner, der zu einer solchen Hinterlist fähig wäre.“

Truda schaute auf ihre Füße. Einen Lidschlag lang sah es aus, als wolle sie etwas sagen. Aber sie blieb still.

„Venghiár hätte also keinen Vorteil, wenn Osses Nachfolge in Zweifel stünde?“

„Nein. Selbst wenn sich der Mord nicht klären ließe und Osse nicht der nächste yarl auf Emberbey würde, wäre es an mir, den Platz meines Vaters einzunehmen. Ich bin die neue yarlara. Und nach mir käme Raýneta.“

Dýamirée hob die Brauen. Manjév verschränkte die Arme. Etwas sagte ihr, dass die Magierin die Sicherheit des Kindes neu bewertete. Im Feuer explodierten winzige Funken. Draußen lachte jemand ungebührlich laut und schrill. Manjev fühlte sich unbehaglich. Wie entrückt von der Wirklichkeit und gezwungen, Gedanken zu denken, die unbequem waren.

„Venghiár hat auch keine Nachteile“, sagte Truda. „Es ist sein Auftrag, an Osses Stelle das Schwert für unser Haus zu führen. Dazu hat mein Vater ihn herbeigeholt und eingesetzt. Schließlich wären weder ich noch Raýneta dazu in der Lage. Wir sind … nun, Mädchen. Frauen. Wir werden nie kämpfen. Egal, wie es ausgeht, es ändert sich für Venghiár schlicht überhaupt nichts. Er vertritt Osse als Schutzherr in Emberbey. Ihm unterstehen der Haushalt und der Hofdienst.“

„Es sei denn“, sagte Manjév, „es findet sich tatsächlich ein hýardor für dich. Einer, der daheim hinter einem älteren Bruder oder Schwester steht.“

„Ach.“ Truda schaute noch unglücklicher drein. Sie schien zu begreifen, dass der Mord nun auch ganz direkt ihre Zukunft, ihre Unbeschwertheit versehrte. Unschuldige Träume begannen zu wanken.

„Wenn Merrit davon erfährt“, sagte sie trotzig, „dann wird er alles tun, um die Sache aufzuklären. Das glaube ich ganz fest. Merrit lässt nichts Ungerechtes zu! Der wird nicht erlauben, dass sein liebster Freund in Schwierigkeiten gerät.“

Manjév verzog schmerzlich das Gesicht. Da war er wieder, dieser Name, dieser Mensch, diese bedingungslose Zuneigung, die jeder für ihn zu empfinden in der Lage war, außer ihr selbst.

Die Schattensängerin erhob sich. „Ich muss mit Advon reden. Lasst euch von yarl Moréaval wieder hinüber ins Haus geleiten.“

Truda erhob sich wortlos und ging hinaus. Manjév hörte sie draußen nach Herrn Jóndere rufen und schließlich mit den Wachen am Ende des Gangs reden.

Die teirandanja ließ überrascht die Schultern sinken. „Du willst schon wieder fort?“

„Ich habe hier genug gesehen und gehört. Ausrichten kann ich für euch beide gerade nichts. Geht, aber lasst mir immer Fenster und Tür angelehnt. Außerdem brauche ich deine Hilfe.“

„Wobei?“

„Advon hat bei seinem völlig unnötigen Abenteuer seine Waffen und seinen Helm eingebüßt. Kannst du mir Ersatz aus dem Keller beschaffen und vor der Mauer verstecken?“

„Nicht vor morgen früh. Ich muss heute Nacht beim Essen die Gastgeberin spielen.“

„Dann muss das reichen.“ Dýamirée wischte mit einer nachlässigen Geste durch die Luft, summte zwei, drei leise Töne. Die Asche, die sie beim Sprung durch den Kamin auf Boden und Teppich verteilt hatte, verwirbelte zu einer kleinen Staubwolke und senkte sich sacht ins Feuer zurück. Manjév bestaunte das Schauspiel, doch noch bevor sich der Magierin wieder zuwenden konnte, sprang das Eichhörnchen ihr auf die Schulter und krallte sich fest. Manjév spürte, wie sich der warme Körper mit dem flauschigen Schweif um ihren Hals legte wie ein Mantelkragen.

„Es kommt zur Unzeit“, sagte Manjév leise zu dem Eichhörnchen. „Alles wird verdorben. Die Mächte gönnen mir das vasposár nicht, nicht wahr? Dein Vater hat das alles vorausgeträumt, und wir können nichts dagegen tun?“

Das Eichhörnchen brummte leise. Dann spürte Manjév eine kleine kühle Nase an ihrer Wange, wie einen winzigen, schwesterlichen Kuss.