Osse waren irgendwann in der Nacht doch die Augen zugefallen. Lange geschlafen hatte er allerdings nicht, denn kaum hatte der erste Schimmer von Pataghíus Glanz Noktámas Juwelenschleier einen hellen Saum gefärbt, hatte Merrit ihn auch schon wieder wachgerüttelt. Der Ritter war munter und aufgeheitert nach der kurzen Nacht, nun, da ihr Ziel schon fast in Sichtweite war. Seine Trübsal vom Vorabend schien er auf dem kahlen Feld und dem Baum zurückgelassen zu haben.

Mochten die Mächte geben, dass sie ihn nicht so schnell wieder einholte.

Ohne sich mit einem Frühstück aufzuhalten, waren sie weiter geritten, dem ausgetrockneten Flussbett nach, bis sie schließlich auf die Straße zur Burg von Wijdlant stießen. Als sie wieder auf befestigen Wegen ritten, war es so hell, dass sie in der Ferne bereits die Dächer der ersten Bauerngehöfte sehen konnten.

„Wir sehen aus wie Streuner“, sagte Osse. „Ob sie uns am Burgtor überhaupt hereinlassen?“

„Du siehst tadellos aus. Und es reicht, wenn sie dich einlassen. Ab dem Dorf reitest du den Rest des Weges allein. Auf der kurzen Strecke und am helllichten Tag passiert dir nicht. Da sind genug Leute unterwegs.“

„Gut. Wie erkläre ich, wo mein Gepäck ist?“

„Sag einfach, du wolltest keine Zeit vergeuden und deine paar Kisten bringt dir ein Knecht hinterher. Die anderen können nur einen halben Tag hinter uns sein. Und wenn sie eintreffen, fragt im Trubel keiner, wem welche Kiste gehört.“

„Und du holst dein Pferd, lässt mir Vorsprung und triffst dann ganz zufällig kurz nach mir ein?“

„Ich mache einen großen Bogen, sodass sie mich von Norden kommen sehen.“

Sie trabten einen Moment schweigend weiter. Auf einer Wiese zu ihrer Linken weideten Schafe und Ziegen. Die Hütehunde kläfften sie pflichtbewusst an, die Hirten lüpften ihre Mützen und winkten ihnen zu. Die jungen Männer winkten zurück.

„Was für schönes Wetter“, sagte Merrit. „Hoffentlich hält sich das noch eine Weile bis zum Turnier. Ich mag keinen Regen auf dem Helm.“

„Sie hätten das vasposár im Sommer abhalten sollen.“

„Hast du eine Ahnung, wie heiß es im Sommer unter dem Eisenzeug wird?“

„Nein. Woher soll ich das wissen? Ich hab nie ein Eisenzeug getragen.“

Merrit stutzte. „Entschuldige“, murmelte er dann.

Osse lächelte. „Wenn das sonnige Wetter sich hält, werde ich mir gemeinsam mit den Damen euer Turnier von der schattigen Tribüne aus ansehen. Vielleicht mit einem Becher kühlem Wein in der Hand.“

Merrit lachte. „Nun, dann hoffe ich, dass es euch allen in Strömen in die Becher regnet und euch den Wein verdünnt.“

„Und euch die Gestechbahn zum Morast macht?“

„Ach, das wäre so ein kleiner Preis“, grinste der junge Ritter.

„Einigen wir uns auf ein paar harmlose Wölkchen.“

„Abgemacht. Und wo finden wir den Magier, der das für uns wirkt?“

Sie lachten und ritten weiter. Die Morgensonne wärmte sie nach der kalten, klammen Nacht, und über den Weiden und Äckern zogen Greifvögel ihre Runden.

„Ich bin gespannt, was für ein Pferd Tíjnje besorgt hat“, fuhr Merrit nach einer Weile fort. „Hoffentlich nicht eines von diesen Pferdchen aus Ahcál, wie sie gerade bei den Damen in Mode sind.“

„Die, die aussehen, als hätten sie Daunenfedern anstelle von Haar? Die hab ich in Ivaál oft gesehen.“

„Ich hab bei so einem Gaul mal unter die Behänge geschaut. Die Fesseln sind ganz dürr. Das knickt um, sobald es in eine Kurve geht.“

„Warum sollte Tíjnje so ein Pferd kaufen?“

„Weil sie es ihrem Geschmack entspricht?“

„Das glaube ich nicht.“

„Dann warte ab, bis du die Helmzier siehst, die sie eigenhändig für Jándris gefertigt hat.“

Osse entschied er sich, die Gelegenheit zu nutzen.

„Was hältst du davon?“, fragte er. „Von Jándris und Tíjnje? Ist es so ernst, wie es aussieht?“

„Ja, das ist es. Findest du nicht, sie passen gut zusammen?“

„Doch, schon. Aber ist sie nicht noch ein bisschen jung? Ich meine, sie ist jünger als Manjév.“

„Das macht nichts. Er hat ihr gelobt, auf sie zu warten und nie eine andere anzuschauen. Bis sie alt genug ist, um an seiner Seite zu sein. Und so lang ist das auch nicht mehr hin.“

„Woher weißt du das?“

„Er hat es mir selbst erzählt. Die beiden haben einander als hýardoray erkannt und lieben sich innig. Ich glaube, der Einzige, der es noch nicht von selbst bemerkt hat, ist Herr Jóndere.“

Osse hob die Brauen. Er fand es recht bemerkenswert, dass ausgerechnet der forsche Jándris, der stets so ein lockeres Mundwerk hatte, sich mit Merrit über so tiefe Herzensdinge ausgetauscht hatte. Wie mochte es sich wohl anfühlen, seiner hýardora gegenüberzustehen? Osse hatte viele Lieder und Gedichte darüber gehört. Doch er vermutete, dass es ich dabei nur um einen schalen Abklatsch dessen handeln konnte, was die Mächte Liebenden ins Herz legten.

Merrit schaute sinnend auf den Weg vor sich. Vielleicht dachte er über dasselbe nach.

„Lass uns besser wieder über Pferde reden“, schlug Osse vor.

Darauf ging Merrit nur zu gern ein. Und so plauderten sie über yarl Althopians Herden im Norden und darüber, dass Herr Waýreth plante, einige ausgewählte Stuten mit Feuerbluthengsten zusammenzuführen, die er im Frühling aus Pianárdent holen lassen wollte.

So näherten sie sich dem Dorf.

Hier war ungewohnt viel Betrieb. Osse sah viele Menschen, teils in ungewöhnlicher Kleidung, die von ihrer weiten Herkunft zeugte. Offenbar hatten viele Dorfbewohner die Gelegenheit genutzt, vor ihren Häusern kleine Marktstände aufzubauen, an denen sie Brot und fertige kalte Speisen anboten, einige sogar kleine Handwerkswaren, die die Ritter im Turnierlager gut brauchen konnten. Offenbar hatten viele der angereisten Turnierteilnehmer ihre Knappen zum Einkauf vorangeschickt. Die Dorfleute machten gute Geschäfte.

Wer ihn und Merrit bemerkte, grüßte erfreut, aber kaum jemand fand die Zeit, sich ihnen weiter zu widmen. Ein junges Mädchen schaffte es, seiner Mutter zu entwischen und Merrit mit glühenden Wangen zwei kleine Pasteten zu reichen. Länger aufhalten konnte sie sich zu ihrem offenkundigen Verdruss nicht, denn an ihrem Verkaufsstand war viel zu tun.

Nur die jüngeren Kinder hatten Zeit. Dutzende stürmten herbei und umringten den Ritter, manche noch so klein, dass sie von älteren Geschwistern an der Hand geführt wurden.

„Herr Merrit!“, freuten die Kleinen sich, krähten mit begeisterten hellen Stimmen und winkten um seine Aufmerksamkeit. „Herr Merrit ist wieder da!“ Es war ein triumphaler Empfang. Nur zwei der kleinen Mädchen wirkten verdächtig zurückhaltend in dem Jubel.

Merrit bemerkte das nicht sofort. Er schwang sich aus dem Sattel und nahm sein Pferd beim Zügel, bevor ihm eines der Kinder vor die Hufe lief.

„Hier“, sagte er und gab die Pasteten zweien in die Hand, die ihm am nächsten standen. „Mehr hab ich gerade nicht. Wenn jeder einen Bissen nimmt, haben alle etwas.“

„Herr Merrit!“, rief einer der Knaben aufgeregt, „es sind ganz viele Ritter zu Besuch!“

„Die haben lauter bunte Zelte aufgestellt!“

„Einer hat ein Sattelzeug, das blinkt wie die Sonne!“

„Einer war da, der hat uns ausgeschimpft!“, empörte sich ein anderes.

„Na so was“, antwortete Merrit. „Warum denn?“

„Wir wollten nur sein Zelt angucken. Das stand so schief.“

„Aber durftet ihr denn ins Turnierlager?“

„Nein“, gab ein kleines Mädchen unbefangen zu. „Aber wir haben ja nur geguckt.“

„Ganz viele schöne Pferde, Herr Merrit! Das wird Euch gefallen!“

Nun wirkten die beiden am Rande geradezu schuldbewusst.

„Werdet Ihr all die anderen Ritter vom Pferd schmeißen?“, fragte ein kleiner Knabe mit verkleckertem Kittelchen begierig.

„Alle“, prahlte Merrit scherzhaft. „Außer Herrn Jándris. Den nehm ich mit der Lanze hoch wie Suppe mit dem Löffel und setze ihn der ehrenwerten opayra auf den Schoß.“

Die Kinder jauchzten bei dieser Vorstellung. Die gestrenge alte Dame kannten sie alle vom Sehen, und fast alle hatten großen Respekt vor ihr.

„Wisst ihr denn, wer mein Freund hier ist?“, lenkte Merrit die Schar ab.

Osse errötete. In die Unterhaltung hineingezogen zu werden, war ihm unangenehm. Aber es gab kein Entkommen.

„Das ist bestimmt Herr Osse“, sagte einer der älteren Knaben.

„Richtig. Sehr gut, Junge. Bestimmt hast du mein Wappen erkannt?“

„Nein, Herr“, sagte der Knabe ehrlich. „Das Ding auf Eurer Nase.“

Einige Kinder kicherten. Der Rest schaute erwartungsvoll. Osse griff sich unwillkürlich an die Augengläser. Hier war das für die Bauernkinder ein fremdartiger Anblick.

„Wozu ist das?“, fragte eines der kleineren Mädchen, das noch nicht alt genug war, Osse zuvor einmal gesehen zu haben.

„Das … das ist, damit ich besser schauen kann. Wenn ich mynstir der teirandanja bin, dann muss ich alles gut im Auge behalten, damit mir nichts Unrechtes entgeht.“

„Könnt ihr damit auch durch die Mauern sehen?“, fragte ein Knabe mit so ernsthaftem Interesse, als wäge er ein Risiko ab.

„Ich wäre vorsichtig, wenn dich einmal der Honigtopf in der Küche lockt“, sagte Osse ernsthaft und zu Merrits Erheiterung.

Der vorlaute Junge kicherte verlegen. Wahrscheinlich überdachte er seine Pläne.

„Ja, das ist wahr“, nahm Merrit den Faden auf. „Wenn Herr Osse sein Amt antritt, dann müssen wir alle uns vorsehen. Da gibt es keinen Unfug und keine Räubereien mehr. Aber keine Sorge: Wenn es zu schlimm wird, dann verstecke ich das ungeheure Ding einfach.“

Diese Bemerkung brachte Merrit die Hochachtung seiner jungen Bewunderer ein. Nur die beiden Kinder, die abseits standen, schienen sich immer unwohler in ihrer Haut zu fühlen. Osse musterte die beiden verwirrt und brachte prompt das kleinere Mädchen aus der Fassung. Es verzog das Gesicht, und Tränen begann, über seine Wangen zu kullern. Das bemerkte nun auch Merrit. Er warf Osse einen überraschten Blick zu und wandte sich der Kleinen zu.

„Ihr seid doch die Kinder des Schmiedes“, sprach er sie an.  „Zu euch sind wir gerade unterwegs!“

Nun begann auch das andere Mädchen zu weinen. Nur das kleine Brüderchen an seiner Hand schien unbeeindruckt und strahlte Merrit entgegen.

„Kommt mit uns“, sagte Merrit freundlich. „Und ihr anderen, Herr Osse und ich haben wichtige und eilige Dinge zu tun. Geht spielen. Oder denkt euch etwas aus, wie ihr den Rittern beim Turnier etwas zujubelt.“

Die Kinderschar stob davon, bis auf die beiden kleinen Mädchen und deren Brüderchen. Schließlich konnten sie vor dem Ritter nicht so einfach weglaufen.

Merrit wartete, bis die Kinder weit genug weg waren. Die Erwachsenen ringsum waren so geschäftig, dass sie nicht auf ihn achteten.

„Warum denn die Tränen?“, erkundigte er sich besorgt. „Freut ihr euch nicht, dass ich wieder da bin?“

„Nein“, antwortete das kleinere Mädchen ernsthaft, zum Entsetzen des etwas älteren.

„Soll ich wieder davonreiten?“

„Ja“, sagte das Ältere. „Oder … nein. Aber … vielleicht könntet ihr einfach später kommen?“

„Später? Wann denn?“, wunderte Merrit sich.

„Na, wenn unser Vater und yarl Altabete das Pferd wiedergefunden haben“, brachte das kleinere Mädchen hervor.

Merrit erstarrte.

„Wie bitte?“

„Du sollst doch niemandem etwas verraten!“, schalt das Ältere entsetzt.

„Sprecht ihr von dem Pferd, das für mich bereitstand?“

Nun schauten alle zu Boden.

„Ist es euch ausgebüxt? Erzählt, ich muss das wissen!“

„’raubt“, erklärte das Brüderchen unbekümmert.

Merrit richtete sich mit hängenden Schultern auf. Osse hob fragend die Brauen.

„Kommt“, wandte der Ritter sich den verstörten Kindern wieder zu. „Ich will das von eurem Vater hören.“

„Aber Papa hat das Pferd bestimmt nicht weggenommen!“, schniefte das jüngere Mädchen.  „Ganz ehrlich nicht!“

„Seid bitte nicht böse mit unserem Vater“, bat das Ältere innig. „Der war ganz furchtbar aufgeregt und traurig!“

„Kommt mit. Ihr dürft auf meinem Pferd reiten. Das mögt ihr doch so gern, nicht wahr?“

Der kleine Knabe im Kittelchen war begeistert. Merrit hob die drei Kinder kurzerhand in den Sattel seines Braunen und schwang sich selbst auf das Reittier, das sie beschlagnahmt hatten.

So machten sie sich auf den Weg zur Schmiede.

Die furchtsamen Blicke der Mädchen wurden Osse unangenehm. Er versuchte zuerst, ihnen auszuweichen. Dann nahm er kurzerhand seine Augengläser ab und sein Blick verschwamm  etwas. Das war besser.

„Ihr sagt also, das Pferd ist weg?“, fragte Merrit beunruhigt. „Seit wann?“

„Seit vorletzter Nacht, Herr Merrit. Es stand am Morgen nicht mehr an seinem Platz.“

„Hast jemand die Tür offengelassen?“

„Nein, Herr Merrit. Ganz bestimmt nicht. Ich hab selbst noch zugesehen, wie Vater es am Abend angebunden und gefüttert hat. Ich hab ihm noch einen Apfel gegeben.“

„Unser Papa ist dann sofort zur Burg gelaufen“, erzählte das Kleinere. „Und dann war yarl Altabete da mit zwei Knechten. Die haben sich alles ganz genau angesehen. Und ganz lange mit Papa gesprochen.“

„Verflucht“, sagte Merrit tonlos. „Wenn Herr Andriér von dem Pferd weiß, dann stecken Jándris, Tíjnje und ich jetzt in Schwierigkeiten.“

„Habt ihr jemand anderem von dem Pferd erzählt?“, fragte Osse. „Oder davon, dass es Herrn Merrit gehört?“

„Nein. Das hat Mama uns verboten.“

„Das ist gut, Herr Merrit. Dann weiß Herr Andriér, dass ein Pferd verschwunden ist, aber nicht, dass es Euer Pferd war.“

„Wenn der Schmied nicht geplaudert hat“, sagte Merrit düster. „Aber das werde ich wohl gleich selbst hören.“

„Hört zu, ihr Kinder. Das ist ganz wichtig. Ihr dürft auch weiterhin niemandem von dem Pferd erzählen.“

„Und wenn jemand fragt“, schniefte die Jüngere. „Herr Andriér hat ganz viele Fragen gestellt.“

„Dann dürft ihr niemandem sagen, dass es Herrn Merrits Pferd war. Könnt ihr das versprechen?“

Die Mädchen nickten. Der kleine Knabe begriff vermutlich noch nicht, worum es ging. Er hüpfte begeistert im Sattel auf und ab, ohne dass Merrits Brauner auch nur mit dem Ohr gezuckt hätte.

„Könnt ihr das auch geloben?“

„Was ist geloben?“, fragte das kleinere Mädchen.

„Etwas ganz, ganz fest versprechen. So fest, dass es unzerbrechlich ist, das Versprechen. Erwachsene machen das bei sehr wichtigen Dingen. Und ihr seid doch schon fast große fánjulaé, nicht wahr?“

Die beiden nickten scheu. Wenn der mächtige, gestrenge mynstir mit der allschauenden Brille es sagte, musste es wohl so sein.

„Ich für meinen Teil“, sagte Merrit, „gelobe euch, dass ich mit eurem Vater nicht schimpfen werde. Ich will nur von ihm wissen, was er mit Herrn Andriér geredet hat. Ich gelobe das bei meiner Ehre. Das ist das Wertvollste, was ich habe.“

„Ich auch“, sagte das ältere Mädchen erleichtert.

„Und ich bei meiner Lieblingspuppe“, schloss das Jüngere sich feierlich an. Der Knabe beschränkte sich darauf, nachdrücklich zu nicken.

Osse fand diesen seltsamen Pakt zu niedlich. Aber das Pferd brachte das nicht zurück. Dennoch, in den kleinen Mächen hatte Merrit sicherlich wertvolle Verbündete.

In seiner Gürteltasche führte er stets griffbereit ein paar kleine Schnittreste von Pergament bei sich. Einen Silbergriffel und ein paar vorgefertigte Siegelplomben aus Blei hatte er auch zur Hand. Er setzte seine Brille wieder auf und begann, zu kritzeln.

„Was war es denn für ein Pferd?“, frage Merrit matt. „Ein Feuerblut? Ein Kurierpferd? Ein Eisenrücken?“

„Ein ganz schönes. Mit hellbraunem Fell und noch hellerer Mähne.“

„Ein Hengst oder eine Stute?“

„Eine Stute, Herr Merrit. Wir haben sie Goldmähnchen genannt.“

„Du liebe Zeit“, murmelte Merrit tonlos.

„Was beschwert Ihr Euch, Herr Merrit? Immerhin kein flauschiges Damenpferd. Hier, ihr Kinder. Nehmt das.“ Er reichte dem älteren Mädchen das Pergamentkärtchen an. Der Knabe grabschte nach dem kleinen baumelnden Siegel, aber sie nahm es fest an sich und schaute ratlos darauf. Dass sie lesen konnte, war nicht anzunehmen.

„Wenn ihr das Goldmähnchen irgendwo entdecken solltet, dann lauft ihr ganz schnell zu Burg. Wenn man euch nicht durch eine Tür lassen will, zeigt ihr das Kärtchen vor.“

„Und was passiert dann?“

„Dann führt man euch unverzüglich mir, Herrn Merrit oder einer der anderen hochedlen Damen oder Herren auf Wijdlant vor, je nachdem, wer von uns gerade am nächsten ist. Dem berichtet ihr von Goldmähnchen. Aber niemand darf wissen, dass es Herrn Merrits Pferd ist.“

„Und wenn die teiranda oder der teirand am Nächsten ist?“, fragte das kleine Mädchen gespannt.

„Dann sagt ihr es denen.“

Nun betrachteten alle drei ehrfürchtig das Kärtchen. Man sah ihnen an, wie wichtig sie sich plötzlich fühlten.

„Und ich gelobe euch bei meiner Ehre, dass ihr eine Belohnung bekommt, wenn ihr keinen Unfug damit treibt und das kleine Geheimnis zwischen uns wahren könnt.“

„Was für eine Belohnung?“, fragte die Jüngere gespannt.

„Was wollt ihr dann haben?“

„Kuchen!“, krähte der Kleine.

„Wir werden das alles so machen, wie Ihr sagt, Herr Osse“, fiel die Ältere ihm eilig ins Wort.

Osse verneigte sich. „Dann haben wir eine Abmachung. So sei es.“

Als sie an ankamen, sah der Schmied sie bereits kommen. Er ließ zum Erstaunen eines wartenden Pferdknechts mit einem kunterbunten Wappen mitten im Beschlagen ein Streitross stehen und stürzte auf Merrit und Osse zu, unter tiefsten Verbeugungen und Beteuerungen.

Aus dem Haus kam die Mutter gelaufen und beeilte sich, die Kinder schnell vom Ross des Ritters zu pflücken.

Der getreue Schmied, dem Tíjnje das wertvolle Pferd anvertraut hatte, war völlig außer sich. Es war fast beschämend, den breitschultrigen Mann zu sehen, wie er da stand und seine Kappe nervös in den Händen knetete. Nein, beteuerte er. Er habe Herrn Andriér nicht gesagt, dass Tíjnje Moréaval das schöne Pferd für ihn, Herrn Merrit eingestellt hatte. Er habe nur von dem diskreten Auftrag einer hochedlen Dame gesprochen. Und das, so wolle er versichern und seine hýardora könne es bezeugen, obwohl Herr Andriér wirklich sehr hartnäckige Fragen gestellt habe.

Man könne sich gar nicht erklären, wohin das Pferd verschwunden sei, jammerte die Frau. Und er, Herr Osse, er möge ihr das bei den Mächten auch glauben!

Nein, ausgerissen sei das Pferd nicht. Der Halfterstrick sei nicht zurückgeblieben, es müsse jemand schon in den Pferch gegangen und die Kette gelöst haben. Wahrscheinlich jemand, der sich gut mit edlen Pferden auskannte.

Hufspuren habe der Herr Andriér gefunden, wusste die Frau. Aber die hätten sich an der Straße verloren.

Warum sie denn um der Mächte willen keinen Wachhund hätten, der auf den Pferch achtgab, hatte Merrit wissen wollen.

Nein, war die Antwort gewesen. Wozu denn? Ein Hund würde doch nur die Pferde der Kunden nervös machen. Und es sei auch noch nicht vorgekommen, dass jemand versucht hätte, einen Amboss zu stehlen.

Merrit gab es auf. Er wies die beiden an, die Augen nach dem Pferd offen zu halten und beteuerte, dem redlichen Familienvater keinerlei Vorwürfe zu machen, so ärgerlich die Sache sei.

Schließlich machten sie sich wieder auf den Weg. Merrit war verärgert. Dass niemand zugegen war, den er für die Schwierigkeiten belangen konnte, die ihm nun dräuten, wurmte ihn.

„Verflucht“, knurrte er und schwang sich auf seinen Braunen. „Und was sage ich jetzt, wenn Herr Daap oder Herr Andriér das Pferd sehen wollen, wegen dem ich mich vor den Vorbereitungen gedrückt habe?“

„Dass es dir weggelaufen ist?“

„Mir ist noch nie ein Pferd weggelaufen.“

„Sei unbesorgt. Goldmähnchen wird wohl wieder auftauchen. Ein so auffälliges Pferd muss jemand gesehen haben.“

„Schade nur, dass wir keine Belohnung aussetzen können, ohne uns zu verraten.“

„Du hast Glück im Unglück. Jedenfalls kommst du nicht ohne neues Pferd zurück nach Wijdlant.“

Merrit verstand nicht sofort.

„Oh nein!“, wehrte er dann ab. „Nicht dieser Gaul!“

„Das ist kein schlechtes Pferd.“

„Nein, aber auch kein gutes! Herr Andriér lacht mich aus, wenn er den Klepper sieht. Es glaubt keiner, dass ich eigens nach Althopian reise und mit einem langweiligen Kurierpferd zurückkomme!“

„Herr Andriér bekommt dieses Pferd gar nicht erst zu Gesicht. Hör zu: Du reitest nicht von der Nordseite zur Burg. Du kehrst jetzt gleich um und schnurstracks ins Turnierlager. Da lässt du den Gaul einstallen. Dafür solltest du einen Beleg bekommen, den du vorzeigen kannst. Wenn einer der Pferdeknechte sich wundert, sagst du eben, das sei ein Pferd für niedere Aufgaben.“

„Das gibt dumme Nachfragen.“

„Nein. Oder glaubst du, die Pferdeknechte wissen, warum du angeblich in Althopian warst? Das interessiert niemanden. Du könntest einen Ziegenbock in ihre Obhut geben, und keiner würde sich anmaßen, sich zu wundern. Pass nur auf, dass Herr Andriér oder Herr Daap nicht gerade daneben stehen. Aber so früh am Tag sind sie bestimmt noch in der Burg. Vielleicht kann ich die beiden aufhalten und dir Zeit verschaffen. Zurück in der Burg sagst du dann einfach, du hast dein Pferd bereits weggebracht. Und danach muss vorerst niemand davon erfahren, dass dir ein Pferd fehlt. Nun gut, Tíjnje wirst du erklären müssen, was mit Goldmähnchen passiert ist.“

„Das ist ein selten dummer Name für ein Pferd!“

„Derweil sehe ich zu, dass ich irgendwo diskret ein Pferd auftreibe, das du besser brauchen kannst. Spätestens wenn dein Vater eintrifft, fliegt der Schwindel sowieso auf.“

„Ja“, gab Merrit zu und nahm Osse die Zügel des Handpferdes ab. „Aber ihn hätte ich einweihen können. Er hätte Verständnis gehabt.“

„Wofür?“

„Nun, dass es mir wichtiger war, dich sicher herzugeleiten als mit bei Hof zu zeigen, wo alle …“ Er unterbrach sich. Aber Osse wusste, was er sagen wollte.

„Ich bin neugierig, was du für Manjév für ein Geschenk hast“, sagte er sanft. „Sicher ist es das beste Geschenk aller Zeiten.“

„Das hoffe ich. Ich weiß sonst nicht mehr, was noch machen könnte.“

Sie ritten zurück zur Straße. Die drei Kinder winkten ihnen zu.

Dann trennten sich ihre Wege. Merrit trabte an und entfernte sich gen Osten, wo hinter dem Waldstück das Turnierlager war. Das Kurierpferd lief am Zügel nebenher.

Osse aber wendete sein Maultier nach Norden. Dort, nur noch ein paar Hundert Herzschläge entfernt, ragte der hohe Turm der Burg von Wijdlant auf.

Er lächelte und spornte das Maultier an. Endlich gib es nach Hause.