Etwas berührte ihn am Arm, und augenblicklich war Jándris Altabete hellwach und setzte sich ruckartig auf. Noch bevor er die Augen aufschlug, hatte er seinen Dolch in der Hand.
Tíjnje wich verblüfft zurück. Sie hatte eine kleine Flamme auf einem Öllämpchen bei sich. In deren Schein erkannte der junge Mann ihr hübsches Gesicht. Ihre dunklen Locken hatte sie mit einem Schleiertuch gebändigt, in dem Goldfädchen blitzten.
„Ich bins nur“, flüsterte sie. „Leg das Messer weg. Ich muss mit dir reden!“
„Was machst du hier?“, raunte er zurück. „Warum bist du nicht bei den Damen?“
„Großmutter schnarcht. Es ist ein Rätsel, wie Frau Válgundra dabei Ruhe findet. Wo ist Láas?“
Er schaute sich um. Das leidlich luxuriöse Schlaflager neben ihm war leer, die sauberen Decken unangetastet. Im anderen Winkel der Stube ruhte sich yarl Robsténar von seinem langen Ritt aus.
„Draußen, im Stroh, vermutlich“, wisperte Jándris. „Die beiden können doch gar nicht mehr voneinander lassen!“
Tíjnje seufzte, halb ärgerlich, halb sehnlich. Dann setzte sie sich ungeniert auf die Kante des verwaisten Bettes. Sie war in ihrem Unterkleid und hatte sich nur ein Tuch über die Schultern geworfen. Vermutlich hatte sie nicht die Gelegenheit oder Zeit gehabt, sich anzukleiden, ohne die im selben Raum schlafenden Damen zu wecken. Wenn die opayra sie so gesehen hätte, dachte Jándris, würde es Schelte gegeben. Dieser Aufzug war ganz und gar unschicklich. Nicht, dass ihn das gestört hätte.
Dann wurde ihm bewusst, dass er unter der Decke überhaupt keine Kleidung trug. Hastig zog er sich das Tuch bis zum Hals.
„Wenn dich jemand erwischt, bekommen wir alle Ärger!“, flüsterte er.
„Ich muss aber mit dir sprechen, solange niemand zuhört.“ Sie deutete mit dem Kinn in den Winkel. „Schläft er?“
„Wahrscheinlich nicht mehr lange, wenn du nicht still bist! Was gibt es, Tíjnje?“
„Mir geht dieser báchorkor nicht aus dem Kopf.“
„Und das hat nicht Zeit bis morgen?“
„Nein. Mir hat nicht gefallen, was er erzählt hat.“
„Mir auch nicht. Obwohl ich zugeben muss, dass ich noch nie eine Heldengeschichte aus dem teirandon Paludára gehört habe.“
„Nein, ich auch nicht. Zumindest nicht aus jenen Tagen, in denen Rodekliv und Ferocrivé zügellos wurden.“
„Ich glaube, wir sind nicht die Einzigen, die darüber gestaunt haben.“ Jándris besann sich und legte endlich seinen Dolch beiseite. Die Ritter hatten sich angewöhnt, eine Waffe griffbereit zu halten, solange sie in fremder Umgebung waren. Auf Reisen konnte man nicht vorsichtig genug sein, wie das Schicksal des unglücklichen Kerls bewies, der gestern um diese Zeit seinem Mörder begegnet sein mochte. Von Tijnje ging wohl keine Gefahr aus.
„Glaubst du, es war eine echte Geschichte?“
„Warum nicht? Es war alles darin, was ein Märchen aus vergangenen Tagen braucht. Ein heimatloser Krieger, ein mysteriöses Erbe, ein großes Unrecht, das bereinigt werden muss – nichts, was man sich nicht auch in Forétern oder meinetwegen Ghelazia erzählen würde.“ Er legte sich nieder und bettete den Kopf auf seinen Arm. Sie konnte er Tíjnje im Licht ihres Lämpchens viel besser betrachten. Der Kragen ihres Nachtgewandes war hübsch verziert und beschrieb einen sanften Bogen von der einen Schulter zur anderen. „So etwas haben sie allerorten erzählt, schon vor Hunderten von Sommern.“
„Das ist es ja“, flüsterte sie. „Es klang nicht wie vor Hunderten von Sommern. Es klang, als geschehe es gerade jetzt, und er wisse darum.“
„Ganz schön blöd, solches dann in unserer Gesellschaft auszuplaudern.“ Jándris grinste. „Und nun?“
„Mit dem báchorkor stimmt etwas nicht. Mir ist nicht mehr wohl bei dem Gedanken, ihn bei uns zu haben und nach Wijdlant mitzunehmen.“
„Willst du ihn zurücklassen?“
„Wohler wäre mir dabei. Tridna scheint auch so zu denken.“
„Es ist unehrenhaft, Reisegefährten abzuhängen“, gab Jándris zu bedenken. „Wir müssen es schon schlau anstellen.“
„Dann lass dir doch etwas einfallen.“
„Es ist unklug, den Kerl außer Augen zu lassen“, mischte sich Bjöngsten Robsténar ein.
Tíjnje quietschte erschrocken auf. Dann raffte sie die Bettdecke von Láas‘ Lager auf und bedeckte sich.
Jándris sprang auf und stellte sich schützend vor sie. „Die Augen zu, Herr Bjöngsten!“, warnte er. „Die Dame ist nicht geziemlich gekleidet.“
Robsténar gab einen unwirschen Laut von sich, etwa so, als wäre das nun wirklich ein nebensächlicher Einwand. Er drehte sich zur Wand, sodass die Riemen seines Schlaflagers ächzten. Aber er redete weiter.
„Wer immer der Vogel ist“, sagte er, „ich habe selten einen so miserablen báchorkor gehört. Doch es bringt nichts, wenn wir ihn hier einfach stehen lassen. Dann ist er eben einen oder zwei Tage hinter uns. Auf dem vasposár kommt er doch an.“
„Das stimmt“, gab Tíjnje nachdenklich zu. „In Wijdlant sind alle willkommen.“
„Die Geschichte war nicht gut. Ihr habt ein feines Gespür, Frau Tíjnje. Das waren viele Worte um wenig Taten drinnen. Und selbst wenn es kein langweiliges Märchen war, dem man schon bald nicht mehr zuhört – es war nur seltsam unfertige, verwaschene Ruhmrede darin.“
„Ruhmrede?“, fragte Tíjnje.
„Yarlay und teiranday und berühmte Männer, die es nötig haben“, erklärte Robsténar, „füttern die geschwätzigen Streuner oft durch, um ihre Taten und Tugenden weitertragen zu lassen.“
„Ihr kennt Euch offensichtlich aus“, sagte Jándris, dem die Frechheit zurückkehrte.
„Desgleichen tun es hochehrenwerte Damen, über die man nach ihrem Geschmack zu wenig spricht.“
„Für diese Frechheit“, sagte Jándris ärgerlich, „gibt es bei erster Gelegenheit eins auf Euren prächtigen Helm.“
„Já… Herr Jándris, lasst es gut sein. Das kann unmöglich mich gemeint haben. Nicht wahr, Herr Bjöngsten? Was ist Euer Vorschlag?“
Nun drehte er sich wieder zu ihnen. Tíjnje senkte ihr Lämpchen und machte es dunkler um sich. Robsténar grinste hörbar und fuhr fort: „Nehmen wir nur einmal an, dem báchorkor sei es vor lauter Überraschung eingefallen, uns eine halbherzige Rede über seinen letzten großzügigen Auftraggeber darzubieten. Was haben wir davon? Ein nicht namentlich genannter Herr aus der Gegend von Paludára, im Auftrag eines mysteriösen Herrn, der auszog, um Unrecht zu sühnen und Ruhm zu erlangen.“
„Ja – und?“
„Na, ich bin auch unterwegs, um ruhmvolle Taten zu begehen und die Ehre meiner Familie zu verteidigen.“
„Indem Ihr Merrit Althopian aus seinem Eisenzeug prügelt, ja. Das haben wir bereits zur Kenntnis genommen. Und?“
„Und was, wenn noch so ein zwielichtiger Kerl gerade das vasposár für ähnliche Taten zu nutzen gedenkt? Wenn der den báchorkor vorausgeschickt hat, um sein Loblied zu singen?“
„Da hat er sein Geld bei diesem Stümper schlecht angelegt“, sagte Jándris. „Zumal wir nicht wüssten, vor wem wir zittern sollten.“
„Genau“, stimmte Tíjnje zu und lugte an Jándris vorbei. „Wie dumm ist es, Heldentaten zu preisen, ohne einen Namen zu nennen?“
„Nun ja. Es wäre nicht die erste Geschichte, das erste Märchen, in dem ein unerkannter Held einen Kampf für sich entscheidet. Treten beim vasposár Wappenlose an?“
„Natürlich“, sagte Jándris. „Es gibt genug Gründe für einen jungen Kämpfer, sich nicht sofort zu erkennen zu geben. Nur der Turniermeister kennt und bewahrt alle Namen.“
„Aber es hätte wohl kaum jemand aus Rodekliv oder Ferocrivé ein Interesse daran, sich mit den ehrenhaften Herren zu messen.“
„Tatsächlich?“, fragte Robsténar trocken.
„Schon als mein Vater bei Turnieren angetreten ist, waren westlich der Sümpfe keine Herren aus den zügelloses yarlmálon mehr da. Und wie man hört, haben sie derzeit andere Sorgen.“
„Doch, Herr Jándris. Einen kennen wir. Aber der kann es nicht sein.“
Robsténar regte sich, als erhöhe sich schlagartig seine Aufmerksamkeit. „Tatsächlich?“
„Frau Tíjnje!“, warnte Jándris. „Das muss Herr Bjöngsten nicht wissen.“
„Warum nicht? Es kann doch nicht mit diesem báchorkor zusammenhängen. Nie im Leben.“
„Um wen geht es denn?“, fragte Robsténar, ebenso gespammt wie fordernd.
Jándris seufzte. Robsténar würde wohl keine Ruhe geben, bis er eine Antwort hatte. „Um Venghiár Emberbey. Ein entfernter Verwandter von Herrn Osse. Er hat seine Kindheit in Rodekliv verbracht.“
„Aber er wird ganz offen am Turnier teilnehmen, wenn er überhaupt Sinn dafür hat. Mit dem Wappen der Emberbeys. Der ist keinesfalls der Held aus der Geschichte von vorhin.“
„So.“ Das Interesse von Robsténar erlosch merklich. „Nie von dem jungen Herrn gehört. Wie zart muss ich mit dem umgehen?“
„Macht ihn nicht allzu sehr kaputt.“ Jándris war amüsiert. Das wäre ja etwas, wenn Venghiár Emberbey bei den Zweikämpfen dem Hünen mit dem Bärenwappen zugelost würde. Osses Weitvetter würde so sehr vor diesem Gegner erzittern, dass Eisenzeug und Ringpanzer klingelten wie tausend winzige Glöckchen. „Herr Alsgör braucht ihn als Waffenjunker.“
„So? Nun gut. Dann werde ich dem alten Herrn zuliebe Vorsicht walten lassen.“
„Mit dem Bogen ist er sehr gut“, lenkte Tíjnje ein.
„Frau Tíjnje, beim Turnier wird wohl niemand aufeinander anlegen“, sagte Robsténar höflich.
Obwohl sein Wappen eine wunderbare Zielscheibe abgäbe, dachte Jándris insgeheim.
„Wie dem auch sei“, sagt der Ritter, „Wenn der báchorkor etwas von einem wappen- und zügellosen Ritter weiß, der irgendeine Rechnung offen hat, dann sollten wir ihn nicht aus den Augen lassen. Und nun lasst uns den Rest der dunklen Zeit schlafen. Frau Tíjnje, nicht, dass Ihr Euch erkältet. Geht doch zurück in das geheizte Damengemach.“
„Ihr werdet mich doch nicht verraten, Herr Bjöngsten?“
„Natürlich nicht. Vorausgesetzt, Ihr könnt beide auch zur rechten Zeit die Zunge ruhig halten.“
Jándris runzelte die Stirn. Was war denn das für eine rätselhafte Bemerkung?
„Und Ihr geht besser auch wieder ins Bett, Herr Jándris. Oder wollt Ihr Frau Tíjnjes Blick noch länger mit Eurer bloßen Kehrseite empören?“
Tíjnje kicherte und erhob sich. Jándris schaute an sich hinunter und spürte, wie ihm das Blut heiß in den Kopf schoss.
„Gute Nacht“, gurrte sie und warf ihm neckisch das Laken über den Kopf. Dann verschwand sie leichtfüßig aus der Stube der Ritter und drückte die Tür wieder hinter sich zu.
Jándris legte sich ärgerlich hin und wickelte sich so fest in beide Decken, wie er nur konnte. Nun, da Tíjnje das Lämpchen mitgenommen hatte, war es finster im Raum.
Er wartete eine Weile vergebens, dass Robsténar wieder leise zu schnarchen begann. Einige Herzschläge vergingen.
„Eine liebreizende fánjula, die Frau Tijnje“, sagte der Ritter plötzlich unvermittelt in die Finsternis. „Habt Ihr die Ehre?“
„Mit Verlaub, das muss ich Euch nicht beantworten.“
„Das dachte ich mir. – Venghiár Emberbey also?“,
„Der braucht Euch auch nicht zu kümmern. Das tun wir schon selbst“, murrte Jándris.
„Habt Ihr Grund dazu?“
„Geht Euch das etwas an?“
„Ich weiß noch nicht. Aber den báchorkor … den überlasst ihr besser mir.“
Jándris wandte sich verwundert der Stimme zu. Aber Bjöngsten Robsténar hatte das Gespräch für diese Nacht beendet.
***
Sie erreichten die obere Kante der Klippe und gelangten auf eine kleine Wiese im Schatten des Burgturms. Nur ein paar Schritte entfernt vom Abgrund ragte ein übermannshoher geschmiedeter Metallbogen auf wie ein Tor ohne Wand oder Zaun. Kahle, struppige Pflanzen rankten darum, Hier und da stand Gestrüpp in auffälligen Inselchen zusammen, doch das meiste davon sah seltsam grob zertreten und verknickt aus. Dýamirée war überrascht, so etwas hier zu finden, denn vieles davon wäre hier nicht natürlich gewachsen.
„Ein Garten“, sagte sie überrascht. „Das hier war einmal ein Garten. Mit Blumenbeeten und Kletterrosen.“
„Zwischenzeitlich nutzen sie es wohl als Pferdekoppel.“ Advon zauberte ein kleines flüchtiges Licht und leuchtete über den Boden. „Alles niedergetreten und aufgewühlt.“ Er stutzte. „Und ganz frisch.“
„Wie gut, dass mein Vater das nicht sieht. Es ist so schade, wenn ein Garten verdirbt.“
„Es ist sehr gut, dass er uns nicht sieht. Wir sollten nämlich nicht hier sein. Wenn er davon erfährt …“
„Dann lass uns keine Zeit verlieren. Dort ist eine Tür.“
Sie gingen hinüber zur Mauer, wo eine kleine Pforte in die Burg hineinführte. Wie zu erwarten, war sie geschlossen. Advon drückte mit der Hand dagegen.
„Das nützt nichts. Es muss dich wohl jemand hineinbitten.“
Er klopfte, aber nichts geschah. Aber warum sollte auch diese kleine Gartentür des Nachts gehütet werden?
Dýamirée verwandelte sich wortlos und kletterte an ihm hinauf. Vielleicht achteten die Wächter am Haupttor bei Nacht nicht auf ein dunkles Stück Pelz an seinem Mantelkragen, solange sie sich ruhig verhielt.
Aber auch das vordere Tor war geschlossen. Das Fallgitter war zwar hochgezogen, die schweren Torflügel aber fest geschlossen und sicher von innen verriegelt. Advon pochte an die im Torflügel eingelassene kleine Tür. Und noch einmal.
Beim dritten Mal öffnete sich eine kleine Klappe auf Augenhöhe. Jemand spähte hindurch und hielt eine Laterne hoch. Eine leidlich helle Flamme beleuchtete ein sehr unfreundlich dreinblickendes Augenpaar.
„Gute Nacht“, grüßte Advon. „Verzeiht die Störung zu dieser seltsamen Zeit. Ich begehre Einlass und ein Nachtlager.“
„Wer bist du?“ Die Stimme des Wächters war zwar gedämpft hinter der Tür, aber sie klang feindseliger als verwundert. Dýamirée spitzte die Ohren. Wie sonderbar.
„Das kann ich nur dem Burgherrn persönlich sagen“, behauptete Advon. „Das ist … geheim.“
„Das kann jeder sagen. Wo kommst du her?“
„Von Spagor“, sagte Advon, was nicht gelogen war. So eine hässliche Burg blieb im Gedächtnis.
„Hier kommt keiner rein“, raunzte der Türwächter. „Schon gar nicht zu dieser Zeit.“
Er wollte die Klappe schließen, aber auf unerklärliche Weise klemmte sie plötzlich.
„Aber es ist dringend“, beteuerte Advon. „Ich habe eine Botschaft für den yarl.“
„Herr Venghiár ist nicht da. Und jetzt verschwinde!“
Herr Venghiár?, stutzte Dýamirée. Wie interessant.
Advon schien dasselbe zu denken.
„Das muss ein Missverständnis sein“, sagte Advon rasch. „Ich bringe Neuigkeiten für Herrn Alsgör.“
Der Torwächter gab einen unwilligen Laut von sich, „Hier kommt jedenfalls keiner rein. Und wenn du der teirand persönlich wärest- Befehl von Herrn Venghiár.“
„Ach? Ich denke, der ist nicht da?“
„Du kommst dir wohl besonders schlau vor, Bursche, was? Hier kommt keiner rein. Denkst du, wir lassen jeden hergelaufenen Streuner rein? Geh ins nächste Dorf. Immer geradeaus. Bis zum Morgen bist du da.“
„Bis dahin brauche ich kein Nachtlager mehr“, beharrte Advon. „Ich will doch nur meine Botschaft überbringen und ein wenig ausruhen. Es war ein langer Weg hierher.“
„Verschwinde! Wir brauchen keine Vagabunden mit dreisten Geschichten hier! Davon hatten wir genug in den letzten Tagen!“
„Nun gut“, sagte Advon. „Und wenn ich dafür bezahlen kann?“
Er griff in seinen Geldbeutel. Ein paar Silbermünzen hatte er noch dabei. Er hielt eine davon so hoch, dass der Torwächter sie glänzen sehen musste.
Und da geschah etwas Seltsames. Gier blitzte im Blick des Mannes auf, war aber mit einem Wimpernschlag wieder verschwunden.
„Hast du nicht verstanden? Ich lass mich doch nicht bestechen! Hinfort mit dir, Kerl!“
Das war nun wirklich ungewöhnlich!
„Bestechen? Ich will dich doch nicht bestechen! Ich will bezahlen, für ein Stück Brot, einen Moment zum Ausruhen unter einem Dach und ein kurzes Gespräch mit Herrn Alsgör. Er wartet sicher schon ungeduldig auf Nachrichten aus Spagor!“
Nun endlich ging die Tür auf. Der Torwächter trat einen Schritt ins Freie und senkte seine Glefe gegen Advons Brust. „Wenn du nicht sofort verschwindest, dann …“
„Was geht hier vor?“, rief jemand hinter der Tür. Eine weibliche Stimme!
„Ein Landstreicher will sich hier einschleichen“, raunzte der Wächter zurück. „Will ihn gerade wegbefördern.“
„Ich bin ein Bote aus Spagor!“, rief Advon so laut, dass man ihn hinter der Tür hören musste. „Ich habe Nachrichten für Herrn Alsgör!“
Jemand kam heran. Der Wächter trat ärgerlich beiseite und machte einer jungen Frau Platz. Sie hatte ebenfalls eine Laterne, musterte Advon von Kopf bis Fuß und schwieg.
Dýamirée spähte hinter Advons Ohr hervor. Sie hatte erwartet, eine Dienstmagd zu sehen, aber die Frau war sehr vornehm gekleidet, in einem hübsch bestickten, himmelblauem Kleid. Dazu trug sie ein einfaches, aber kostbares Perlengeschmeide. Sie war gekleidet wie eine Edeldame. Aber das passte nicht zu ihrer Frisur. Und auch mit dem Kleid war etwas nicht richtig. Der Saum reichte ihr nur bis zur Wade, so als sei es ihr viel zu kurz.
„Eine Botschaft für Herrn Alsgör, sagst du?“
„Ja. Eine wichtige. Und nur für seine Ohren.“
„Und wo kommst du her?“
„Aus Spagor.“
„In der Nacht und ganz ohne Pferd und Gepäck?“
„Das ist mir weggelaufen“, behauptete Advon. „Treuloses Viech. Mitsamt meinen Sachen. Aber sobald es hell ist, finde ich es wieder. Es kann gar nicht weit weg sein.“
Das war immerhin noch so nahe bei der Wahrheit, dass es Advon leicht von der Zunge ging. Lediglich etwas überholt war diese Geschichte.
„Soll ich die Hunde auf ihn loslassen?“, fragte der Torwächter.
„Nein, Dummkopf“, rügte sie ihn. „Wie sieht es denn aus, wenn wir einen Boten mit den Hunden fortjagen, bevor er seine Botschaft überbracht hat? Lass ihn rein!“
„Aber Herr Venghiár hat doch ausdrücklich gesagt …“
„Erzähl mir nicht, was Herr Venghiár gesagt hat! Ich war dabei. Und ich habe gehört, wie er gesagt hat, dass ihr alle meinen Weisungen zu folgen habt!“
Es schien kurz, als wolle der Wächter aufbegehren. Dann tat er einen Schritt beiseite und nahm die Glefe weg. Er warf Advon einen so schneidenden Blick zu, als erfülle der denselben Zweck.
„Komm“, forderte die junge Frau Advon auf. „Es muss ja nicht jeder hören, was hier für ein Aufruhr ist.“
Sie gelangten auf den Burghof. Hier war alles still. Die ganze Burg Emberbey schien in tiefem Schlaf zu sein – oder, als getraue sich niemand, sich zu rühren. Das war beinahe unheimlich. Viel zu still. Dýamirée spähte. Oben im Turm war noch Licht.
„Ich bin Hevstrid,“ erklärte die junge Frau. „Ich bin die maedlora auf Emberbey und vertrete Herrn Venghiár in allen Dingen des Haushalts. Du kannst frei zu mir reden.“
„Das würde ich gern tun, aber meine Botschaft ist nur für die Ohren von Herrn Alsgör bestimmt.“
„Wann bist du in Spagor aufgebrochen?“
„Vorgestern. Ich habe einen kleinen Umweg durch das Hinterland machen müssen. Wieso?“
Sie antwortete nicht sofort, so als wäge sie in Gedanken etwas ab. Vielleicht fragte sie sich, ob Advon den Taubenbrief verpasst haben konnte, der sicherlich auch nach Spagor gesendet worden war.
„Herr Alsgör ist gestern nach Wijdlant zum vasposár aufgebrochen“, behauptete sie dann. „Du hast dir zu viel Zeit gelassen.“
„Wie ärgerlich. Und Herr Venghiár?“
„Der ist mit ihm. Deswegen bin ich gerade hier verantwortlich. Rede mit mir oder lass es bleiben.“
„Bist du befugt, mit Boten zu sprechen?“
„Selbstverständlich.“ Sie lächelte mit einem seltsamen Stolz. „Ich bin die hýardora von Herrn Venghiár.“
Das klang so verkehrt, umso mehr, dass sie zweifellos die Wahrheit sagte, oder zumindest das, was sie für die Wahrheit hielt. Advon bemerkte das.
„Mit meiner Botschaft könntest du nichts anfangen“, wiegelte er schnell ab. „Mehr noch: Ich benötige eine Antwort von Herrn Alsgör persönlich, um sie nach Spagor zurückzubringen.“
„Kannst du mir nicht sagen, worum es geht?“
„Um … um einen Grenzstein“, behauptete Advon. Das war vielleicht das Langweiligste, was ihm auf die Schnelle einfiel. „Ein Bauer am östlichen Ende von Spagor und einer auf dieser Seite sind in Zank darüber. Der Hiesige pocht darauf, dass Herr Alsgör höchstselbst bei der Grenzsetzung dabei war und es bezeugen kann.“
„Ich verstehe.“ Tatsächlich schien sie schlagartig das Interesse zu verlieren. „Dann wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben, als dem Gefolge hinterher zu reiten. Am besten, sobald es hell wird.“
„Ich muss aber zuerst noch mein Ross suchen. Bestimmt treibt es sich hier irgendwo herum.“
„Lass einfach etwas Silber als Pfand da. Im Stall findet sich sicher ein Pferd, das du leihen kannst.“
„Das wäre … sehr großzügig“, sagte Advon mit zögerlicher Überraschung.
„Du musst dich sputen. Sonst verpasst du sie am Flusshafen in Altabete.“
„In … Altabete?“
„Gewiss. Unser alter Herr ist nicht mehr zu gut im Sattel. Sie haben sich entschieden, den bequemeren Weg von Virhavét flussaufwärts zu nehmen. Hier, ich zeige dir den Weg zur Küche. Wärm dich am Feuer und nimm dir vom Brot und was du da noch an offenen Dingen findest. Ich kümmere mich um ein Pferd.“
Dýamirée hatte genug gehört. Sie zwickte Advon sanft ins Ohr und huschte dann seinen Rücken hinab, quer über den Hof und hinüber zum Turm. Wenn sie jemand in der Dunkelheit bemerkte, sah er sicher nicht mehr als etwas, das er für eine Ratte hielt.
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