Der Wind hatte sie ein wenig vom direkten Weg abgetrieben. Advon hatte nie gelernt, sich wie ein keptyen an der Anordnung der Sterne auf Noktámas Schleier zu orientieren. Wozu auch? Warum sollte ein Regenbogenritter ausgerechnet in der Nacht eine weite Reise tun? Doch auch am Boden gab es wenig, woran sie sich zurechtfinden konnten, abgesehen davon, dass sie nicht auf die andere Seite des Rífluír wechseln durften. Den konnten sie aus der Höhe sehen. Als dunkles, glänzendes Band strömte er dem Meer entgegen, um sich mit dessen Wasser zu vereinen. So hielten sie sich an das östliche Ufer und überflogen Felder, Weiden und Wälder. Hier und da schienen kleine Lichtpunkte am Boden, Lagerfeuer von Hirten vielleicht. Vielleicht einzelne Häuser von Gehöften und Dörfern, wo aus irgendeinem Grund zu dieser Tageszeit noch Licht benötigt wurde. Aber all das nahm Dýamirée nur mit ihren nachtsichtigen Augen wahr. Für Advon war es kaum zu erkennen. Er konzentrierte sich darauf, Farbenspiel die Richtung vorzugeben, die er für richtig hielt.

Einmal sah Dýamirée ein ganz kleines Licht in der Tiefe, das ihr an einem seltsamen Ort zu sein schien und ein ungewöhnliches Feuer war. Aber es blitzte nur kurz zwischen den herbstlichten Kronen eines Waldstücks auf und war so schnell vorüber, dass sie es nicht genauer betrachten konnte. Ein Stück davon entfernt entdeckte sie eine Burg auf einer Anhöhe, über dem Wald und umgeben von weiten, ebenen Weisen. Es war eine kleine Burg, mit einem trutzigen Turm und wehrhaften Mauern. Mehr war in der Nacht nicht zu erkennen. Das musste die Burg derer von Althopian sein. Bis Emberbey war es also nicht mehr weit.

Sie redeten nicht viel, es wäre zwecklos gewesen. Farbenspiels Flügelschlag und der Wind, der ihnen hier oben entgegen blies, waren viel zu laut und hätten Worte nur davon geweht. Von Gedanke zu Gedanke hatte Dýamirée berichtet, was sie über den Tod von Alsgör Emberbey erfahren hatte, welchen Verdruss dies den Unkundigen nun gerade in diesem Moment bereitete und wie sehr sie Mitleid mit ihnen verspürte, vor allem mit Truda, die um den Vater trauerte. Aber auch mit Manjév. In ihrem Geist focht die teirandanja einen Kampf gegen sich selbst aus. Nicht wie gegen einen Feind, hatte Dýamirée Advon erklärt. Eher als versuche sie, einem inneren Feuer zu entfliehen. Aber solange sie nicht wisse, was es sei, habe sie keine Ahnung, womit sie es löschen könne.

Advon hatte ihr von seinem Abenteuer mit dem wappenlosen Ritter erzählt, und von dem Unfug, den Farbenspiel nahe der Pferdepferche getrieben hatte. Er hatte sie damit aufheitern wollen, aber Dýamirée war noch etwas besorgter geworden.

Sie waren beide viel zu nahe daran, von den Unkundigen bemerkt zu werden.

Schließlich waren sie beide verstummt, denn vor ihnen tat sich in der Entfernung das Meer auf, so gewaltig und ewig und tief. Etwas westlich von ihrem Kurs war mehr Lichtschein in der Nacht, viel mehr. In Virhavét wurde es offenbar nie ganz dunkel. Die Stadt ruhte, aber sie schlief nicht gänzlich. Auf den hohen Türmen links und rechts der Mündung des Flusses und des Hafendamms loderten Signalfeuer.

Advon schauderte und lenkte Farbenspiel nach rechts. Nun lag die Stadt hinter ihnen und unten erschreckte sich zwischen Küste und Meer ein mal breiter, mal schmalerer heller Streifen aus Kies, der schließlich in einen breiten Strand überging. Dort züngelten Wellen in Richtung hoher Dünen, als wolle das Meer mit einem Happs vom Land abbeißen. Darüber wachte eine größere Burg, die aussah, als sei sie aus Steinklötzen zusammengesetzt, seltsam glatt und eckig und fremd anzuschauen. Das war die Burg von Asgaý, dem teirand von Spagor, Manjévs Vater. Die teirandanja hatte Dýamirée einmal anvertraut, dass sie das Haus des Vaters nicht besonders mochte. Die eigentliche, ursprüngliche Burg sei viel schöner gewesen, sie habe alte Zeichnungen davon gesehen. Aber dann waren die Chaoskriege gekommen und hatten das Gebäude zerstört, als sei es aus Sand gebaut. Vielleicht hatte das sogar den Tatsachen entsprochen. Immerhin, die neue Burg sei schwer einzunehmen und böte Platz für all die Schutzbefohlenen. Falls doch noch einmal ein Krieg kommen sollte, was die Mächte verhüten mochten.

Von Spagor aus war es durch die Luft nur noch eine kurze Strecke. Die Dünen gingen in felsiges Land über, das Gelände stieg an. Aus flachem Strand wurde zuerst eine Steilküste und schließlich Klippen, mit einem Plateau unter rauen Salzwiesen und mit nur wenigen Bäumen. An der steilsten Stelle thronte eine Burg mit einem hohen Wohnturm und engen Mauern über der natürlichen Bucht wie ein uralter Wächter. Das Meer hatte sich hier seit Urzeiten so fest am Fels gerieben, dass ein natürliches Becken entstanden war. Wie in einem stillen tiefen Spiegel glänzte der Widerschein von Noktámas Juwel darin. Dort, wo die Wellen an den Felsen brandeten, brodelte das Wasser wie in einem Kochtopf. Doch auf der westlichen Seite war ein Streifen Kiesstrand.

Auf dem Burgturm brannte kein Leuchtfeuer, so wie es eigentlich hätte sein sollen. Die Burg lag im Dunkeln, abgesehen von etwas Flammenschein hinter einem der oberen Fenster. Vielleicht war da ein Kaminzimmer.

Dýamirée bedeute Advon, auf dem Kiesstück zu landen. Der Regenbogenritter schauderte und lenke Farbenspiel dann in den Sinkflug. Sie flogen eine kleine Schleife über das offene Wasser. Die Klauen des Einhorns setzten kurz auf den Wellen auf und spritzen Wasser hoch. Dann erreichte der Hengst den rettenden Strand. Dýamirée rutschte von seinem Rücken herab und tätschelte lobend seinen Hals. Sie erlaubte sich einen Moment des Entzückens, bewunderte das in der Mitte so stille, unterhalb der Burg so aufgestörte Wasser. Dann zog sie kurzerhand ihre Schuhe aus und watete ein paar Schritte hinein. Die Wellen brachen sich plätschernd an Steinen und rollten raschelnd über den Kies aus. Es erschien der Schattensängerin höchst bemerkenswert, dass das Meer seit Anbeginn der Zeit in diesem Lied nicht verstummt war.

„Was machst du da?“

„Es ist Wasser! Ich will es spüren. Ich war nie zuvor in der Nacht hier.“

Advon schwang sich aus dem Sattel und trat zwei Schritte zurück.

„Wie schön“, sagte sie ehrfürchtig. „Es sieht fast so aus wie unser See im Boscargén. Aber es ist salzig, wie Tränen. Und … so alt. Es ist viel tiefer, als es aussieht.“

„Dann komm lieber da heraus.“

„Hast du Angst?“, neckte sie ihn.

„Ja. Das weißt du ganz genau.“

Sie lachte übermütig, nahm eine Handvoll Wasser und spritzte damit in seine Richtung. Advon schnaubte ärgerlich und zog sich noch einen Schritt zurück. „Lass das! Damit scherzt man nicht! Was sollen wir hier unten?“

Dýamirée schloss einen Moment die Augen. Das dunkle Wasser war so gut. Es mochte klirrend kalt sein, aber es verband sich mit ihrer maghiscal und fühlte sich herrlich weich und erfrischend ab. Altes Wasser. Ein besonderer Ort. Wie schade, dass Unkundige das niemals spüren würden. Ein Jammer, dass sie es nicht einmal Advon zeigen konnte. Sie bückte sich nach dem Meerwasser, tunkte ihre Finger hinein und zog im Mondschein glitzernde Tropfen in die Luft, wie Ketten aus klaren Perlen.

„Dýamirée! Hör auf, mit dem Wasser zu spielen. Dafür haben wir keine Zeit.“

Sie seufzte und legte sich die Wasserperlen um Hals und Arme wie ein Geschmeide. Vielleicht war es wirklich nicht recht, sich an etwas zu erfreuen, was Advon so viel Unbehagen bereitete.

„Hier unten bemerken sie uns nicht“, erklärte sie und kam wieder an Land. „Solange es dunkel ist, kann Farbenspiel auf uns warten. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand gerade jetzt die Klippe herunter schaut.“

„Und was tun wir?“

„Wir gehen rauf in die Burg und finden heraus, was Venghiár treibt.“

„Denkst du, er sitzt da drin und wird es dir freiwillig erzählen? Wie willst du dich ihm überhaupt nähern?“

„So, wie ich es immer mache. Ich verwandele mich und horche auf das, was gesprochen wird.“

„Wer soll um diese Zeit etwas sprechen? Die schlafen bestimmt alle.“

„Ich habe Licht in einem Zimmer gesehen. Da schaue ich nach. Ich werde schon etwas finden.“

Der Regenbogenritter nickte. Er hätte ja doch nicht widersprechen können. Und was hätten sie auch anderes unternehmen können?

„Denk nur daran, dass du dich nicht wieder einfangen lässt. Und bitte, sei vorsichtig. Versteck dich gut. Ich glaube nicht, dass Eichhörnchen hier so häufig sind wie in Wijdlant. Der nächste Wald ist weit entfernt. Die Leute werden sich wundern, wo du her kommst.“

„Ich werde unsichtbar sein wie ein Schatten.“

„Gut. Und was mache ich derweil?“

„Du kommst mit.“

„Was?“

„Du klopfst am Tor und begehrst Einlass. Denk dir etwas aus. Die Leute hier kennen dich nicht. Du kannst dich als Wanderer ausgeben. Frag, ob sie dir etwas zu essen verkaufen können.“

„Mitten in der Nacht?“

„Wie du gerade selbst sagtest: Wir haben keine Zeit.“

„Wir gehen zusammen“, entschied er.

Sie lächelte. Das hatte sie von ihm hören wollen. „Dann los.“

„Nicht so schnell. Während du baden warst, habe ich mich hier umgeschaut. Hier ist etwas Interessantes gewesen.“

Sie schaute ihn fragend an. Er grinste, ganz offensichtlich zufrieden, dass er ihr einmal etwas vorauswusste. „Hier war Feuer. Ein großes Feuer. Es sind Spuren von Dornbeerenöl und Rauch und Flammen.“

„Zeig es mir.“

Advon hob die Hand und wirkte lautlos einen Zauber.

Dýamirée staunte. Dort hinten, wo es aufs offene Meer ging, zügelten Flammen auf, aber nicht heiß und grell und lodernd. Es war hell, das wohl, aber es war, als blicke sie durch einen Dunst, einen Schleier, nein, durch mehrere Lagen Schleier. Es war kein echtes Feuer. Es war das Phantom eines Feuers. Es schwamm auf dem Wasser und verblasste vor ihren Augen, verglomm wie eine Kerzenflamme.

„Wann war das?“, fragte sie?

„Ich würde sagen, vergangene Nacht. Es war gerade noch so viel, dass ich die Reste bemerkt habe. Morgen früh hätte ich es nicht mehr gespürt. Dann wäre es erkaltet gewesen.“

„Und was war das?“

„Ich vermute, sie haben Herrn Alsgör dem Meer übergeben. Ich habe einmal in einem Buch gelesen, dass es hier am Meer so Brauch ist.“

„Ich verstehe nicht.“

„Sie machen ein Feuer auf einem Floß und verbrennen den Körper, damit er mit dem Wasser eines wird.“

Sie schauten beide schweigend eine Weile aufs Wasser. Dann sagte Advon: „Da hatte es jemand sehr eilig.“

„Wie meinst du das?“

„Die yarlay haben Truda erzählt, es sei ein Mord gewesen, nicht wahr?“

„Ja, das haben sie.“

„Vor drei Tagen?“

„Das stand wohl so in dem Brief, ja.“

„Dann haben sie den alten Mann, möge er hinter den Träumen frei von Sorgen sein, dem Meer gegeben, bevor irgendjemand sich den Leichnam genauer anschauen konnte. Geschweige denn, dass Truda oder Osse Abschied von ihrem Vater hätten nehmen können. Ich kenne die Gesetze der Unkundigen nicht. Aber ich würde mich wundern, wenn es so rechtens wäre.“

„Du meinst, jemand wollte Spuren verbergen?“

Advon deutete zur Felswand hinter ihnen. „Lass es uns herausfinden. Da führt eine Treppe hinauf. “

Er wies Farbenspiel an, sich brav zu benehmen und sich bis zum Sonnenaufgang nicht zu rühren. Das Einhorn war müde von Flug und schien keine Einwände zu haben. Es faltete die Flügel zusammen und machte es sich an einer windgeschützten Stelle hinter einem kleinen Felsvorsprung bequem. Die Schnauze verbarg es in den Federn und schloss die Augen.

„Bestimmt träumt er jetzt von diesem Pferd“, sagt Advon, während er hinter Dýamirée die steile, in Stein gehauene Treppe hinausstieg. Zwar gab es am Felsen einen Handlauf aus einem dicken Tau, aber die Stufen waren schlüpfrig und ungleichmäßig hoch.

„Wäre das schlimm? Es ist doch nichts Ungewöhnliches dabei, wenn etwas Magisches Gefallen an Magielosem findet. Bei unseren Eltern war es so.“

„Ob das Pferd das auch so sieht?“

„Darum kümmern wir uns später. Wenn der Wappenlose es gestohlen hat, dann kann er es nicht fortbringen, nicht jetzt. Wir finden es wieder.“