Advon hörte, wie jemand das Zimmer betrat und einen Moment schweigend stehen blieb. Dann schabte Holz auf Steinfliesen. Der Besucher zog sich eine Sitzgelegenheit herbei, ließ sich mit leichtem Metallklirren nieder und schwieg weiter. Advon wandte den Kopf in die Richtung und bereute es sofort, denn ein scharfer Schmerz erinnerte an sein Missgeschick. Das kühle Tuch auf seinen Augen drohte, zu verrutschen. Also biss er die Zähne zusammen und drehte sich stöhnend wieder um.

„Es plagt wohl noch deinen Schädel, nicht wahr? Man trägt einen Helm nicht nur zum Schmuck. Lass dir das eine Lehre sein.“

Die Stimme erkannte Advon. Es war yarl Altabete. Offenbar hatte der Ritter ganz in der Nähe gewartet und die Gelegenheit abgewartet, dass die doayra und ihre gefürchtete Nadel fort waren.

„Ist es“, antwortete der Magier vorsichtig. „Nur weiß ich nicht, ob es ein Hieb war oder mir ein Fels auf den Kopf stürzte.“

„Ein Schild war es wohl, habe ich mir erzählen lassen. Weißt du, wo du bist?“

„Ich schätze, ein barmherziger Retter hat mich nach Wijdlant geschafft. Die doayra hat mich gut versorgt.“

„Du hast sehr viel Glück gehabt. Die Mächte scheinen es mit dir gut zu meinen. Ich bin yarl Andriér Altabete. Wie ist dein Name?“

„Ich bin … ohne Namen. Das heißt, ich trete im Geheimen bei Turnier an.“

„Soso.“

„Soweit ich weiß, ist das gestattet, solange es einen guten Grund gibt.“

„Und der deine wäre?“

„Es … soll mich nicht jeder erkennen oder von meiner Anwesenheit wissen.“

„Bist du ein yarl oder ein yarlandor? Oder womöglich ein teirandanjor?“

„Nein“, antworte Advon.

„Wie kommst du dann zu dem Ansinnen, beim vasposár unserer teirandanja mitstreiten zu wollen?“

„Ich habe … gute Gründe. Und ich bin ein guter Kämpfer.“

„Das habe ich gesehen“, sagte Altabete. Er klang ernsthaft amüsiert. „Hast du dich wenigstens beim maedlor gemeldet, der die vertrauliche Wappenrolle für die arbidray führt?“

„Dazu war ich noch gar nicht gekommen. Ich habe nicht einmal ein Zelt aufgestellt. Darf ich Euch auch etwas fragen?“

„Nur zu.“

„Wieso bin ich auf diesem Lager festgebunden?“

„Ich stand vor der Wahl, dich bis auf Weiteres in Eisen legen zu lassen und im Turmkeller unterzubringen, oder hier, in der Obhut der doayra, die sich um deine Beule sorgt. Bist du damit unzufrieden? Es lässt sich ändern.“

„Nein. Ihr habt das schon gut entschieden. Doch es beantwortet meine Frage nicht, Herr Andriér.“

„Wo kommst du her, namenloser Junker? Ich erinnere mich nicht, dir schon einmal begegnet zu sein.“

„Ich komme …von jenseits des Montazíel. Genügt Euch das?“

„Es genügt mir insofern, dass ich mich frage, ob du zu Fuß übers Gebirge gekommen bist.“

„Natürlich nicht. Wie kommt Ihr darauf?“

„Weil derjenige, der dir den Treffer mit der Schildkante verpasst hat, mir berichtet, er sei dir gestern früh begegnet, wie du in Richtung Turnierlager unterwegs warst. Unberitten . Ganz allein.“

„Das ist richtig.“

„Und wo hast du dein Ross gelassen? Hast du etwa keinen Knappen oder wenigstens einen Knecht mit dir? Oder wolltest du mit bloßen Händen ins Gestech?“

Advon versuchte fieberhaft, sich daran zu erinnern, wie er dem unbenannten Ritter gegenüber das Fehlen eines Pferdes erklärt hatte. Altabete hatte Geduld. Aber jeder Herzschlag erhöhte sein Misstrauen, das spürte der junge Magier ganz genau.

„Mein Reittier musste ich aufgeben“, sagte Advon schließlich vage. „Es war … nicht mehr tauglich fürs Turnier.“

„Jammerschade.“

„Es war ein prächtiges Ross“, fuhr Advon fort, als Altabete keine Anstalten machte, weiterzureden. „Ein starker Hengst, schnell wie der Wind und mutig wie ein Steppenstier.“

„Welche Farbe?“

„… gescheckt. Von jeder Fellfarbe in wenig. Ich … vermisse ihn. Ich wünschte, ich hätte ihn bei mir.“

„Das muss ein prächtiges Ross gewesen sein. Aber sag, was weißt du über eine gewisse Stute? Man sagt, ein auffälliges, ausgesprochen feines Tier. Sandfarben das Fell und das lange Haar hell wie gebleichtes Leinen. Kommt dir das bekannt vor?“

„Das klingt nach dem Pferd, das ich vergangene Nacht gekauft habe.“

Wieder schwieg Altabete. Diesmal hielt Advon sich zurück, zu viel ungefragt preiszugeben.

„Das ist interessant“, redete der yarl weiter. „Just so ein Pferd wurde gestern aus dem Stall eines braven Schutzbefohlenen unserer gütigen teiranday gestohlen. Es war dort zu treuen Händen gegeben und wartete auf seinen Besitzer.“

„Das ist ein erstaunlicher Zufall.“

„Es wäre erstaunlich, wenn das Zufall wäre.“

„Und nun glaubt Ihr, ich sei ein Dieb?“

„Was ich glaube, tut nichts zur Sache. Ich wiederhole nur, was man mir gesagt hat. Wo hast du das Pferd gekauft, von dem du redest?“

„Bei der Schmiede des Dorfes gleich südöstlich von der Burg.“

„Das ist ein ungewöhnlicher Ort, um ein so kostbares Pferd zu kaufen, nicht wahr? Und dann auch noch in der Nacht.“

„Ich weiß, wie sich das für Euch anhören mag. Aber ich sage die Wahrheit! Ich habe das Pferd, sollten wir von demselben reden, nicht gestohlen. Ich habe es rechtschaffen erworben und bezahlt.“

„Darf ich erfahren, um welchen Preis?“

„Dreißig Goldstücke habe ich dafür hergegeben.“

Dreißig Goldstücke?“, rief Altabete fassungslos aus. „Bei den Mächten, ich hoffe, du hast juwelenbesetztes Sattelzeug als Dreingabe bekommen! Mein eigenes Streitross hat mich knapp die Hälfte gekostet. Und mein treuer Gaul ist wirklich nicht schlecht.“

Advon schwieg beschämt. Wenn das stimmte, dann hatte man ihn übervorteilt. Wie dumm, dass er sich tatsächlich nie Gedanken darüber gemacht hatte, was ein Pferd bei den Unkundigen kosten mochte.

„Du willst mir also allen Ernstes weismachen, dass du mitten in der Nacht bei einem einfachen Handwerker eine Unsumme an Gold für ein Pferd bezahlt hast, das ganz offensichtlich nicht in den Besitz des Verkäufers gehörte?“

„Ja“, sagte Advon und hörte Altabete tief seufzen.

„Wenn es so ist, wie du sagst“, sprach der yarl geduldig weiter, „werden wir die Wahrheit wohl schnell heraus haben. Dann sollte dich der Schmied, dem das Pferd zu treuen Händen anvertraut war, sicher Auge in Auge wiedererkennen.“

„Nein.“

„Nein? Was heißt das?“

„Ich habe das Geschäft nicht mit dem Schmied gemacht, sondern mit seinem Sohn. Vielleicht solltet Ihr zunächst den Schmied seinen Sohn ins Auge blicken lassen? Offenbar verkauft er seines Vaters Habe ohne dessen Wissen.“

„Sag, junger Freund, ist dir das alles nicht allzu absonderlich vorgekommen? Ein nächtlicher Handel an seltsamem Ort ist das eine, aber dass du mir, ohne zu zucken, erzählst, du hättest einem Kind dreißig Goldstücke anvertraut …“

„Kind? Was für ein Kind?“

„Wie du dir denken kannst, sind wir yarlay von Wijdlant eng vertraut mit dem besten Metallhandwerker weit und breit. Der Mann hält unsere Waffen in Ordnung, unser Eisenzeug in Form und beschlägt unsere Rösser. Wir kennen seine Familie, und ich kenne seinen Sohn. Das Kerlchen würde nicht einmal sein Steckenpferd verkaufen, oder höchstens um Naschwerk. Er ist noch keine vier Sommer alt!“

„Dann war das also nicht … man hat mich betrogen!“

Altabete regte sich. Advon hoffte, er würde nun nicht den Lappen fortnehmen, aber der Ritter schien größten Respekt vor den Anweisungen der opayra zu haben.

„Wie“, fragte der yarl nach einiger Zeit, „bist du in erster Hand auf den Gedanken gekommen, an diesem unwahrscheinlichen Ort überhaupt nach einem tauglichen Pferd zu suchen?“

„Ich bekam einen vertraulichen Hinweis darauf, dass dort ein Pferd zum Verkauf stünde. Ich hatte nicht viele andere Möglichkeiten. Ich brauchte fürs Turnier doch schnell ein neues Ross.“

„Interessant. Und wer hat dir diesen wertvollen Hinweis gegeben und dich damit um dein Geld erleichtert?“

„Ich weiß nicht. Ich meine, ich kenne seinen Namen nicht. Er ist auch ohne Wappen unterwegs.“

„Ich denke, es ist an der Zeit, diese hinderliche alte Regel aufzuheben“, seufzte Altabete, „Sie erschwert mir mein Leben ganz ungemein. War es zufällig der Ritter, gegen den du im Wald so sorglos gefochten hast?“

„Es sollte eine Übung sein“, gab Advon zerknirscht zu.

Wieder war es still, so still, dass man die Menschen draußen auf dem Hof hören konnte.

„Ihr glaubt mir nicht, nehme ich an?“, fragte Advon zerknirscht.

„Es fällt mir schwer, zu glauben. Jedoch nicht deine Geschichte, junger Freund. Es erscheint mir vielmehr unglaublich, wie einfältig du zu sein scheinst. Wahrscheinlich kannst du dir nicht einmal denken, warum der Herr ohne Wappen dich als Pferdedieb beschuldigt hat? Warum er dich so übel niedergeschlagen hat?“

„Vielleicht wollte er einen Mitstreiter ausschalten?“

„Möglich“, sagte Altabete nachdenklich. „Aber schau, was soll ich nun tun? Ich hörte deine Geschichte, so unschuldig und absurd, dass sie dich als Dummling entlarvt. Und ich habe die Anklage eines ehrenwerten yarl und die Aussage eines ehrbaren Schutzbefohlenen der teiranda, dessen Ehrlichkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Das Pferd, das einer hochedlen Dame gehören soll, ist derweil immer noch fort. Pferdediebstahl ist eine sehr ernste Sache, junger Mann, auf die gestrengste Strafe steht. Lass uns die Mächte bitten, dass das Pferd unbeschadet wieder auftaucht. In dem Fall würde ich dich nämlich laufen lassen.“

„Das würdet Ihr verantworten?“

„Ja. Aber nur, weil deine Geschichte so herzerschütternd närrisch ist, dass sie unmöglich ausgedacht sein kann.“

„Das Pferd beschafft Ihr leicht wieder“, sagte Advon. „Das hat Rolk an sich genommen.“

„Wer ist Rolk?“

„Der Knappe des Wappenlosen.“

Der Sitz des Ritters polterte um. Altabete war aufgesprungen und stürmte aus dem Krankenzimmer. Advon hörte, wie er im Hinauseilen um sein Pferd rief.

Der junge Magier seufzte. Erkannt hatte man ihn nicht, dem feuchten Umschlag auf seiner Stirn gedankt. Die doayra war eine sehr vorausschauende Frau, das stand fest.

Losgebunden hatte ihn allerdings auch niemand.