„Ich bringe Euch Euer Essen“, sagte Isan, setzte ihren Korb ab und reichte Gundald Lebréoka eine mit Eintopf gefüllte Schale und ein Stück ofenfrisches Brot.

„Ist das deine Aufgabe? Du bist doch die Gehilfin der doayra?“

„Stimmt. Aber ich schuldete einer der Küchenmägde noch einen Gefallen.“

Der herzensgute yarl lächelte. Das charmante, vorwitzige Mädchen erfreute sich in Valvivant großer Beliebtheit, und gewiss würde sie sich in ein, zwei Sommern vor Burschen nicht mehr retten können, die sie zur hýardora haben wollten. Der Ritter hatte keinen Anlass, ihr zu misstrauen.

Außerdem war dem yarl die mädchenhafte Schwärmerei des Mädchens für Waýreth Althopian nicht entgangen, den zu bewachen im Augenblick seine undankbare Aufgabe war. Die vier Ritter im Hofdienst hatten sich verabredet, sich bei der Wache vor der Stube, die man dem Gast zugewiesen hatte, abzuwechseln, bis der teirand zu sich kam. Dessen Zustand hatte sich, den Mächten sei Dank, seit dem späten Vormittag stabilisiert. Wann der teirand jedoch wieder aufwachen würde und ansprechbar war, konnte die Heilerin beim besten Willen nicht voraussagen.

„Darf ich yarl Althopian seinen Anteil bringen?“, fragte Isan schmeichlerisch. „Oder müsst Ihr das selbst tun?“

Lebréoka öffnete ihr die Tür. „Mach nur, Mädchen. Ich darf dir aber nicht erlauben, mit ihm zu sprechen.“

„Ich wüsste gar nicht, was ich ihm sagen soll“, sagte Isan harmlos und hob die zweite Schale und Brot aus dem Korb.

Waýreth Althopian hatte im Fenstererker gesessen und in die Nacht hinausgeschaut, stand aber auf, als das Mädchen eintrat, sich verneigte und wortlos Schale und Brot auf den Tisch stellte.

„Es überrascht mich nicht, dass gerade du es bist, die zu mir kommt“, sagte er. „Aber ich muss zugeben, du kommst mir recht. Wäre es dir möglich, der … Dame eine Nachricht von mir zu überbringen?“

„Du kennst die Regeln, Waýreth“, mahnte Lebréoka von der Tür her. „Sie darf nicht zu dir reden.“

„Es reicht, wenn sie mir zuhört.“

„Trotzdem ist es sinnlos. Wenn wir alle nun an dieselbe Dame denken – die hat bereits am Mittag Valvivant verlassen.“

Isan sah, wie diese Nachricht dem yarl einen Schock versetzte. Seine gerade noch so beherrschte Miene wechselte für einen winzigen Moment zu einem Ausdruck verstörter Enttäuschung. Doch er war zu diszipliniert, um vor ihren Augen zu wanken. Er nickte langsam und senkte den Blick.

Hatte er etwa nicht gewusst, dass die Damen fort waren? Möglicherweise. Das Fenster seiner Kammer war vom Hof abgewandt, er konnte den Aufbruch somit nicht beobachtet haben. Isan empfand ehrliches Mitleid.

„Warum hast du mir das nicht gesagt, Gundald?“

„Ich wollte nicht, dass du darüber trübsinnig wirst.“

„Hat sie von der Angelegenheit Kenntnis?“

„Sicher. Aber es hat nichts mit dem zu tun, was dir geschieht“, tröstete Lebréoka. „Die yarlaraé waren nur auf der Durchreise. Dass sie weiterziehen wollten, war bekannt, seit sie hier ankamen. Dass es ausgerechnet heute geschieht – ein Zufall.“

Isan durfte hier nicht mehr Zeit verbringen, obwohl es liebend gern zugehört hätte, ob zwischen den Rittern noch etwas Wichtiges gesprochen würde. Sie verneigte sich erneut vor den Herren, nahm ihren nun leeren Korb und ging munter summend ihrer Wege. Sie hatte ihre Sache gut gemacht.

Am Grunde des Erbsenmuses lag ein kleines Döschen. Isan hatte es heimlich mit Siegellack dicht verschlossen, in der für Althopian bestimmten Schale versenkt und darauf vertraut, dass der wachhabende Ritter wohl kaum in dem Brei nach versteckten Botschaften fischen würde. So viel Grund zum Misstrauen gab es schließlich auch wieder nicht. Nun blieb nur noch zu hoffen, dass Waýreth Althopian nicht über seinem Kummer seinen Appetit verloren hatte und die Kapsel auch finden würde.

Isan nahm sich vor, unbedingt später das Geschirr zurückzuholen, sich davon zu überzeugen und im Zweifel einen zweiten Versuch zu wagen.

Das Lehrmädchen der doayra hatte, nachdem die Ritter über Waýreth Althopians weiteres Schicksal beraten hatten, mit Entsetzen festgestellt, dass die yarlaraé von Ivaál sich zum Aufbruch rüsteten. Da ihr klar war, dass sie gegen die Reisepläne der Damen nichts ausrichten konnte, sah Isan ihre Hoffnungen auf das neue Leben, das sie für sich und Waýreth Althopian geplant hatte, zusammenstürzen. Doch da kam eine der Zofen der yarlara auf sie zu und ließ sie wissen, ihre Herrin wünsche, aus der Apotheke der doayra für die Reise etwas Arznei gegen gewisse Leiden der Frauen zu erwerben. Sie warte im Garten hinter dem Haupthaus auf sie. Umgehend.

Das war ungewöhnlich, denn das Mädchen hätte das Mittel gleich selbst aus Isans Händen mitnehmen können, wenn sie nur einen Moment gewartet hätte. Aber die Zofe bestand auf die persönliche Lieferung in den Garten. Isan versprach, alles zu besorgen und stand kurz darauf mit einem Döschen mit dem gewünschten Kräuterextrakt vor der yarlara von Ivaál. Die Dame genoss in Gesellschaft ihrer Dienerinnen und jüngeren Schwester die letzte Zeit bis zum Aufbruch den Duft der prächtigen Rosen. Sie saß am selben Platz wie in der Nacht zuvor an Althopians Seite, wenn auch mit größerem Abstand zu den anderen Frauen als zuvor mit ihm. Isan hatte in der Nacht gesehen, wie ihre Schultern sich fast berührt hätten.

Isan verneigte sich ehrfürchtig und fühlte sich merkwürdig angespannt dabei. Die yarlara strahlte etwas aus, was das Mädchen nur sehr vage hätte beschreiben können. Sie hätte nicht gewagt, in ihrer Gegenwart so zu plappern, wie sie es sonst tat. Entsprechend schüchtern überreichte sie der Dame die verkorkte Schachtel. „Ihr seid mit der Anwendung vertraut? Eine Fingerspitze des Pulvers auf einen halben Becher Wein, und…“

„Ich weiß“, hatte die yarlara sie unterbrochen. Dabei hatte sie die Dose achtlos an eines ihrer Mädchen weitergereicht, das sie umgehend öffnete, den Inhalt in ein kristallenes Fläschchen umfüllte und seiner Herrin den leeren Behälter zurückgab.

„Ich bedauere, was in dieser Nacht in diesen Mauern geschehen ist. Leider ist es uns nicht möglich, den Ausgang der Geschichte abzuwarten. Im Gegenteil. Es eilt meine Mutter nun doch sehr mit unserem Aufbruch. Es ist zu schade, dass der hochedle yarl

Althopian uns nicht begleiten wird. Meine Mutter hatte tatsächlich vor, ihn darum zu bitten. Ein so artiger, gebildeter und den Mächten gefälliger Mann hätte sich ihres Wohlwollens rühmen können und wäre uns allen eine willkommene Reisebegleitung gewesen. Das ist unter diesen Umständen nun leider nicht mehr möglich. Es würde unser beider Ehre in trübes Licht tauchen.“

Isan schaute betrübt zu Boden. Die yarlara sprach mit warmer, ruhiger Stimme, ihre türkisblauen Augen waren voller Freundlichkeit. Was für ein schönes Paar wären sie und der Ritter gewesen! Woher sie wohl von dem Vorfall erfahren hatte? Ob der mynstir in aller Diskretion mit ihrer Mutter geredet hatte? Ob sie doch vorzeitig abreisten, bevor durch Unachtsamkeit ein Gerücht gestreut würde?

„Wir beide, Mädchen, du und ich, und auch gewisse törichte fánjulaé in meinen Diensten wissen, dass der edle Herr unmöglich in diese unglückliche Angelegenheit verstrickt sein kann. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Geschichte zum Guten auflösen wird und die Ehre des Herrn Waýreth geläutert wird. Mir wäre daran gelegen, wenn die Mächte es fügen würden, dass er derweil dies hier erhält.“

Sie ließ sich von ihrer Schwester ein Stückchen hauchdünnes Papier geben, von dem Isan sehen könnte, dass es mit winzigen Buchstaben beschrieben war. Die yarlara faltete es zusammen und drückte es am Boden des Arzneitiegels fest. Dann zog sie sich einen ihrer vielen Ringe vom Finger, einen ganz schlichten ohne Stein, dessen Fehlen wohl nicht sofort auffallen würde, und legte ihn dazu.

Schließlich ließ sie sich von der ersten Dienerin eine kleine Schere reichen. Vor Isans Augen schnitt sie sich damit eine Strähne aus ihrem dunkel glänzenden Haar. Diese umwand sie mit einem Silberfädchen – Isan staunte, was die Zofen alles griffbereit bei sich

trugen – und formte einen zweiten Ring daraus. Auch der kam in das Döschen hinein. Dann presste die yarlara den Deckel zu und reichte das Kästchen zurück. Isan streckte vorsichtig die Hand danach aus.

„Er mag all dies an seinem Herzen tragen oder es fortwerfen“, sagte die yarlara sanft. „Das muss er selbst mit sich vereinbaren. Wenn er mir aber den Ring zurückbringt, bevor in Ivaál die Zeit des fruchtbaren Regens anbricht, werde ich meine Mutter bitten, ihn erneut anzuhören.“ Sie zögerte und fügte leise hinzu: „Länger kann ich andere Herren nicht vertrösten. Mögen die Mächte geben, dass er uns einholt, bevor wir unser Ziel erreichen. Sie haben mich an diesem Ort diesem Herrn begegnen lassen. Wir sind füreinander. Ich glaube, du verstehst das.“

„Wann ist das, Herrin? Das mit dem Regen?“, fragte Isan scheu, die den Lehrern nicht immer aufmerksam zugehört hatte.

„Dann, wenn sein Land im Norden vom Schnee bedeckt wird“, sagte die Dame milde und erhob sich. „Und wenn dich jemand fragt, Mädchen, was wir hier zu reden hatten – ich habe nur ein Mittel für unsere Reise gekauft. Das Zeug in Forétern taugt mir nichts. Gar nichts.“

„Ich verstehe, Herrin.“

„Ich danke dir. Und nun spute dich. Es ist nicht gut, wenn wir zu lange miteinander reden.“

„Herrin, eine Frage nur: Warum zieht Ihr ausgerechnet mich ins Vertrauen?“

Die yarlara lächelte. „Nun … weil ich weiß, dass er auf dich zählen kann.“

Sie war gegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen, fort. Isan bemerkte vor Verblüffung über ihr Gebaren fast nicht, dass die zweite

Zofe ihr eine große Silbermünze in die Hand drückte, weit mehr als das krampflösende Pulver wert gewesen war.

Geld war lange nicht so wertvoll wie das, was nun irgendwie seinen Weg zu Waýreth Althopian finden musste. Aber das war ja nun wirklich keine Zauberei.

Unten in der Halle war die Stimmung gedämpft. Natürlich war das Burgvolk von Valvivant in Sorge um den teirand, dessen Abwesenheit sich im Laufe des Tages nicht mehr hatte verheimlichen lassen. Allerdings ging man noch von einer plötzlichen Unpässlichkeit aus. Isan hatte tapfer dem Impuls widerstanden, zu plaudern. Es hatte sie alle Willenskraft gekostet, auf die besorgten Nachfragen von allen möglichen Leuten hin dabei zu bleiben.

Anklagend stand der Thron verwaist an der Stirnseite der Halle, an der Tafel saßen heute nur die drei verbleibenden Ritter. Dass auch yarl Althopian fehlte, sorgte hier und dort für Getuschel. Erste zaghafte Gerüchte machten die Runde, fielen aber noch nicht auf fruchtbaren Boden.

Isan ließ sich neben Verta nieder und füllte sich ihre eigene Schale.

„Du siehst unangebracht zufrieden aus, Kind“, sagte Verta, nachdem sie ihr eine Weile beim Essen zugeschaut hatte.

„Ich glaube“, antwortete Isan, „dass alles gut wird.“

Verta nickte. „Der Zustand des teirand hat sich gebessert, seit du dich sonst wo herumgetrieben hast. Ich denke, er ist außer Lebensgefahr, aber nicht, dass er allzu bald wieder unter uns sein mag.“

Isan schaute zu ihrer Lehrmeisterin hinüber, den Löffel nachdenklich im Mund.

„Woher hast du eigentlich gewusst, welche Arznei ihm helfen würde? Hast du geraten?“

„Ja“, sagte Verta knapp.

„Ich wünschte, ich wäre einmal so klug und erfahren wie du.“ Isan aß weiter. Ihre Gedanken kreisten um den Ritter und die Dame und sehr, sehr viel Leidenschaft.

Die alte Verta betrachtete das Mädchen liebevoll und zog sich ihrerseits in ihr Unbehagen zurück.