Ein dumpfes Geräusch weckte Raýneta. Etwas prallte dicht neben ihr auf dem weichen Waldboden auf. Gleichzeitig ließ Vogel einen keckernden Lauf hören und flatterte mit knatterndem Flügelschlag davon. Dabei hatte sich wohl ein Tannenzapfen oben im Geäst gelöst und das Mädchen um gerade eine Handbreit verfehlt.
Erschrocken schlug sie die Augen auf. Gerade noch hatte sie in diesem schönen silbergrünen Wald gespielt, war mit den kleinen Windninchen um die Wette gelaufen. Ihr war, als hätte Truda sie dabei beobachtet. Sie erinnerte sich, die ältere Schwester nahebei gesehen zu haben, ein vornehmes, bernsteinfarbenes Kleid hatte sie getragen und ein schimmerndes Perlennetz über dem Haar. Aber all das begann bereits, in ihrer Erinnerung zu verschwimmen, wie ein Tropfen Milch ein einem See. Ein Traum musste das wohl gewesen sein. Nicht wahr, aber erquickend. So wohl hatte sie sich gefühlt und so sorglos in diesem schönen friedlichen Wald mit all den bunten Blumen. Sie wäre gar zu gern dortgeblieben.
Nun aber fiel ihr Blick auf nichts anderes als auf trockene Nadeln und dürre Ästchen, die über viele Winter hinweg von den Bäumen herabgefallen waren. Sie hatten den Boden so weich und duftend gemacht. Aber es war ein ganz anderer Wald.
Es tagte bereits. Warmgoldener Glanz strahlte durch die Baumkronen, reichte aber noch nicht ganz, um den Wald richtig zu erhellen. Vor sich am Boden sah Raýneta die Reste von dem kleinen Feuer, das sie am Abend gewärmt hatte. Nun war es erloschen. Nur eine Handvoll grauer Asche war zwischen dem Ring aus Steinen geblieben, den der báchorkor so geschickt zusammengesetzt hatte.
Raýneta gähnte, rekelte sich und fröstelte. Die Luft war kühl und feucht. Der Herbst breitete sich aus und brachte klammen Nebel mit sich, der zwischen den Bäumen hängen blieb. Das Samtblütentuch fand sie zusammengefaltet neben sich. Ihre Wange hatte darauf gelegen wie auf einem bequemen Kissen. Der Mantel des báchorkor lag über ihr ausgebreitet, damit sie es warm hatte.
Der junge Mann schlief neben ihr zu Füßen des alten Baumes, auf der weichen Lage von Tannennadeln. Er hatte seinen Kopf auf die verschränkten Arme gebettet, die Beine angezogen, sich vor der Kälte der Nacht so klein wie möglich gemacht. Sicher fror er sehr in seiner zerschlissenen Kleidung.
Raýneta erhob sich. Das war nicht leicht, denn ihr Körper fühlte sich ganz steif und verbogen an. Der Boden unter der Tanne war zwar leidlich weich, aber uneben, und das lange Reiten und Laufen steckte dem Kind auch noch in den Knochen. Oh, wie fein war die Aussicht auf ein richtiges Bett auf der Burg von yarl Althopian! Wenn sie doch nur schon da wären!
Sie überlegte einen kurzen Moment, ob sie den báchorkor wecken und zum Aufbruch drängen sollte. Aber da er jetzt noch schlief, dann war er bestimmt noch sehr müde. Es wäre selbstsüchtig, ihm nun die paar Momente kostbare Ruhe zu nehmen. Sicher kam er bald selbst zu sich. Vielleicht warf ein anderes Tier einen zweiten Zapfen hinab und traf ihn.
Das Kind reckte sich und wischte sich Tannennadeln von der Wange. Dann zog es sich den Mantel von den Schultern und breitete ihn behutsam über dem jungen Mann aus. Alt und zerschlissen war das Kleidungsstück, aber es sah aus, als hätte es einmal einem vornehmen Herrn gehört. Was mochte der báchorkor für eine Geschichte erzählt haben für ein solches Geschenk?
Sie nahm das Samtblütentuch an sich und tappte zu dem Pferd hinüber. Es stand in der Nähe bei Laubbäumen und fraß trockene Blätter. Als sie näher kam, hob es den Kopf und stellte die Ohren auf. Raýneta streichelte ihm über die Schnauze und wunderte sich. Hatten sie das Tier denn gestern nicht abgesattelt? Sie war sich nicht ganz sicher, aber nun trug es Lederzeug und Gepäck.
Ob der báchorkor bereits wach gewesen war, alles für den Aufbruch vorbereitet und sich dann noch einmal niedergelegt hatte? Vielleicht hatte er sogar versucht, sie zu wecken, aber nicht von der Waldwiese mit den Windninchen fortrufen können.
Raýneta kannte das Gefühl. Wie oft hatte die opayra sie am Morgen zum Aufstehen aufgefordert, und wie oft waren ihr die Augen noch einmal zugefallen, wenn sie dem nicht sofort nachkam. Und das war daheim, in ihrem kuscheligen Bett gewesen.
Nun, sollte er schlafen. Auch die kurze Zeit kam es nun nicht mehr an. Außerdem war es noch gar nicht richtig hell.
„Ich werde yarl Althopian bitten“, sagte sie zu dem Pferd. „Du sollst einen ganzen Haufen Heu bekommen, und leckeren Hafer. Und er dort, der soll warme Kleidung bekommen, und gutes Essen. Und ein Bad. Glaubst du, er hat schon einmal ein richtiges warmes Bad mit guter Seife bekommen? Wie einen Helden sollen sie ihn ehren, wie einen hochedlen Ritter, der eine Dame gerettet hat. Wie …“ Sie stutzte und runzelte die Stirn. Aber sie sah recht: Das Schwert des báchorkor war in seiner Scheide ordentlich am Sattelzeug festgeschnallt.
Das Kind wunderte sich, aber nur kurz. Dass der junge Mann seine Wunderwaffe dem Pferd anvertraut hatte, war ganz vernünftig. Wahrscheinlich war es für das Tier ungefährlich, es bei sich zu tragen. Und wenn der Schattenmann kam, dann konnte es damit schnell fortlaufen und in Sicherheit bringen, bis der báchorkor es rief. Vielleicht hatte der Schwarzgewandete keine Macht über Pferde.
Der Graue nahm sich ein weiteres Maul voll Blätter und schritt gemächlich weiter. Raýneta eilte hinüber zu einem Flecken, wo dichter Farn wuchs, um sich zu erleichtern. Als sie damit fertig war, fiel ihr Blick auf ein Gebüsch nahebei. Leuchtend gelbe Beeren wuchsen dort zwischen weinroten, ledrigen Blättchen, strahlten wie Edelsteine auf einem Samttuch.
Das Kind eilte hin und beschaute sich die Waldfrüchte. Solche diese Beeren kannte sie, die gab es auch in Emberbey. Das Mädchen erinnerte sich nicht, wie man sie nannte, aber die Köchin daheim benutzte sie als Zutat. Erst vor einigen Tagen hatte sie davon welche im Haferbrei gehabt. Ach, wie lange war das her …
Sie probierte eine und fand sie köstlich und reif, herb und süß zugleich.
Die Mächte, wahrscheinlich Pataghíu, hatten sie auf diesen Schatz gestoßen, etwas Essbares, das sie nehmen konnte, ohne den báchorkor danach zu fragen. Der hatte gestern für sie auf die Kastanien verzichtet. Diese Großzügigkeit konnte sie ihm nun vergelten. Sie raffte das Tuch zu einem Beutel zusammen und begann sorgfältig, zu pflücken. Wenn sie ihm süße Beeren brachte, würde er sich sicher freuen. Und dann konnten sie umso schneller aufbrechen.
Doch Raýnetas Ernte war mühsamer, als sie es sich vorgestellt hatte. Die Beeren waren klein, zwischen den Blättern verbargen sich Dornen, die ihr die Haut zerkratzten und hungrige Vögel hatten sich bereits reichlich bedient. Doch es gab genug Büsche. Mit jedem Schritt, den Raýneta in den Wald hinein tat, schienen Neue aufzutauchen. Und so folgte das Kind der Spur der Beerenbüsche immer tiefer in den lichten Mischwald hinein, sacht bergan.
Bald gelangte sie an eine Lichtung in einer weitläufigen Senke, an deren Rand eine ganze Gruppe Beerensträucher stand, nicht nur solche mit gelben Beeren, sondern auch welche mit schwarzen, purpurfarbenen und blutroten, die beim Pflücken zerplatzten und die Finger ganz klebrig machten. Raýneta beschloss, auch von diesen bunten Beeren zu nehmen, wo sie schon einmal hier war. Der báchorkor würde schon wissen, ob sie genießbar waren. Und hier auf der Lichtung waren auch schon die ersten Strahlen von Pataghíus Glanz angelangt, herrlich warm auf ihren klammen Gliedern. Kleine Vögel zwitscherten hier und da. Der Nebel begann, sich zu lichten, schwebte nur noch in federleichten Schleiern über der freien Fläche.
Und so erntete sie und ihre Gedanken schweiften ab, zu Truda, die da in dem Traumwald gesessen und so seltsam starr gewesen war. Zu Osse, der schon bald wieder bei ihr sein würde. Zu Venghiár, vor dem sie geflohen waren und der nun in der Burg saß und bestimmt gemein zu der opayra war. Zum Vater, der … ach, der gute Vater! Mochte er hinter den Träumen ausruhen von seinem langen, ehrenvollen Leben. Raýneta spürte, wie Tränen ihr in die Augen steigen, und sich ihr das Herz enger wurde. Nun, hier war sie allein. Hier durfte sie wohl den Bäumen ihren Schmerz heraus weinen. Der Vater! Mochte er …
Es knackte.
Raýneta zuckte zusammen, wischte sich die Tränen vom Gesicht und schaute sich nach dem Geräusch um. Was sie erblickte, erleichterte, erschreckte und entzückte sie gleichermaßen. Ein paar Schritte neben ihr trat ein großes Tier zwischen den Bäumen hervor auf die vom Morgentau glitzernde Wiese auf der Lichtung. Das Mädchen erstarrte ehrfürchtig. Wenn sie sich jetzt bewegte, würde sie ihn erschrecken und er würde fortlaufen, der herrliche Silberhirsch!
Ein imposantes Geschöpf war es. Der Körper war nicht größer als der eines kleinen Pferdes, aber auf dem Kopf trug es ein imposantes, weißes Geweih, das es wesentlich mächtiger erscheinen ließ. Sein Fell war grau wie das des treuen Pferdes, über Flanke und Kruppe hell gesprenkelt, und an Hals und Schultern hatte es eine zarte weiße Mähne. Raýneta hatte nie zuvor ein so schönes Tier aus der Nähe gesehen, nur in Geschichten davon gehört. Sie hielt den Atem an und staunte.
Der Hirsch hob den Kopf und witterte. Dann wandte er den Kopf und schaute mit großen schwarzen Augen unmittelbar in Raýnetas Richtung. Hatte er sie bemerkt?
Nun, wenn er wusste, dass sie da war, dann kümmerte es ihn nicht.
Der Hirsch schnaubte. Der Atem aus seinen Nüstern verdampfte zu sachten weißen Schleiern in der kalten Morgenluft. Gelassen trat er weiter auf die Lichtung heraus und begann, zu äsen.
Raýneta zog sich leise ein, zwei Schritte hinter die Büsche zurück, um ihn beobachten zu können. Was für ein Anblick! So nah war sie bei ihm. Wie gütig von den Mächten, dass sie ihr dieses scheue Geschöpf gezeigt hatten.
Was würde der báchorkor sagen, wenn sie ihm davon erzählte? Ob er auch schöne Geschichten von den Tieren des Waldes kannte? Sie nahm sich vor, ihn danach zu fragen. Das Kind erfreute sich eine Weile an dem schönen Tier in der noch kühlen Morgensonne, bis ein Zischen sich unter das Gezwitscher der Waldvögel mischte, in ein hohles Ploppen mündete.
Die Vögel verstummten. Der Silberhirsch machte unvermittelt einen Satz nach vorn und sprang los, direkt auf Raýneta in ihrem Versteck zu. Aber er erreichte sie nicht mehr. Wenige Schritte vor dem schreckstarren Kind brach das Tier zusammen und stieß einen tiefen Seufzer aus. Seine Beine kickten noch einen Moment im hohen Gras. Dann brachen die schwarzen Augen. Aus der Seite des Tieres stak ein blausilbern gefiederter Pfeil.
Raýneta biss sich auf die von Beerenmatsch klebrige Handkante, um nicht laut zu schreien. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen. Dann stieg ein Mann von der anderen Seite der Lichtung aus den Hügel hinab. Zielstrebig, aber ohne Eile bewegte er sich durch den Morgennebel.
Ohne nachzudenken kauerte Raýneta sich tief im Gebüsch zusammen. Sie wäre besser weggelaufen, das war ihr ganz klar. Aber dabei hätte sie mit den Blättern geraschelt und hätte ihn auf sich aufmerksam gemacht. Das durfte nicht geschehen. Was, wenn das ein böser Mann war? Jemand, der sie so knapp vor der Burg abfangen konnte? Jemand, den der Schattenmann geschickt hatte? Jemand, der einfach nur im Wald war, um Tiere totzuschießen?
Der Ankömmling erreichte den Hirsch. Groß war der Mann, sein Gang aufrecht und zielstrebig. Einen Jagdbogen trug er, und einen Kapuzenmantel aus graugrün gefärbter Wolle, der ihn warm und unsichtbar im Dickicht hielt. Raýneta spürte ihr Herz bis zum Hals klopfen. Was, wenn er sie entdecken würde? In seinem Köcher waren noch einige Pfeile übrig.
Der Jäger näherte sich vorsichtig dem Tier, so behutsam, als fürchte er, es doch noch aufzuscheuchen. Als der Hirsch sich aber nicht regte, trat er heran, ließ sich auf ein Knie nieder und tastete den großen Körper an. Doch das Wild blieb leblos liegen.
Das Kind hörte, wie der Mann innehielt und leise etwas vor sich hin murmelte. Es klang, als bitte er das Tier um Verzeihung. Dann schloss er dem Hirsch die Augen, zog ein Messer hervor und stach es tief in das Fleisch hinein, dort, wo der Pfeil stak.
Raýneta drehte sich weg. Eine bizarre Mischung aus Traurigkeit und Empörung wallte in ihr auf. Sie wusste, dass Letzteres nicht vernünftig war. Es war Herbst, die Blätter fielen, und das war die Zeit, in der die Jäger kamen, um etwas aus dem Wald zu nehmen, für den Winter. Aber gerade das hier, da war ihr Hirsch gewesen, und er hatte nichts verbrochen, außer auf der Lichtung zu stehen und Gras zu zupfen. Genauso wie das feine weiße Pferdchen, damals, als ein anderer Pfeil-
Der Jäger richtete sich auf. Ein Signalhorn hatte er am Gürtel, er setze es an die Lippen und tutete damit hinüber zu dem Hügel, von wo er gekommen war.
Dann widmete er sich ruhig und bewandert weiter dem Hirsch. Raýneta schob vorsichtig ein Zweiglein beiseite, um besser schauen zu können. Es ekelte sie, aber sie konnte den Blick nicht abwenden, während der Jäger begann, den Hirsch aufzubrechen. Nun stieg ein weißer Dampf von den Gedärmen des Wildes in die Herbstluft auf.
War der Jäger abgelenkt? Konnte sie es wagen, ganz, ganz leise davonzuschleichen?
Nein, daran war kein Denken. Um sie herum war dürres Geäst, der ganze Boden voll mit mürbem Laub. Aber sie konnte doch auch nicht warten, bis der Jäger den Hirsch zerlegt hatte und von dannen zog!
Auch kam ihr in den Sinn, dass der Mann das schwere Wild wohl kaum allein tragen konnte, selbst wenn er es in Stücke teilte. Nein, natürlich war er nicht allein. Ein einzelner Jäger hätte es auf einen Hasen abgesehen, allenfalls auf ein Reh, aber sicher nicht auf eine so große Beute. Mit dem Horn hatte er andere herbeigerufen, die hier im Wald unterwegs waren. Sie würden kommen, um beim Tragen zu helfen. Und dann? Bei den Mächten, was sollte sie tun? Der báchorkor würde sicher bald bemerken, dass sie fortgegangen war. Er würde sie sicher suchen, und dann …
… dann nahm der Jäger ihr die Entscheidung ab. Sein blutiges Treiben schien anstrengend zu sein. Er wischte sich fahrig mit dem Ärmel Schweiß von der Stirn und streifte dabei die Kapuze beiseite. Raýneta erkannte sein Gesicht, dieses freundliche Gesicht mit den warmen blauen Augen und dem ergrauten Bart. Alle Angst glitt von ihr ab wie ein Regentropfen auf einem Blatt. Freudig sprang sie auf, brach aus dem Busch heraus und flog auf ihn zu.
„Herr Waýreth! Herr Waýreth!“
Yarl Althopian zuckte zusammen. Sie rannte auf ihn zu und in seine Arme, kümmerte sich nicht um seine Verwirrung. Er stand auf und trat ihr rasch einen Schritt entgegen, als wolle er sich schützend vor den Hirsch stellen.
„Was-“, brachte er gerade noch hervor, da hatte sie ihn erstürmt und umarmte ihm unter Schluchzen und Jauchzen.
„Herr Waýreth“, rief sie, „oh, Herr Waýreth! Dass gerade Ihr es seid! Was für ein Glück! Die Mächte haben Euch geschickt!“
„Kind!“, gab er zurück, eine Spur ärgerlich, aber viel mehr verwirrt. „Was fällt dir ein? Was machst du hier?“
„Ich bin so froh! Jetzt wird alles gut, nicht wahr? Jetzt bin ich in Sicherheit, und Ihr passt auf mich auf!“
„In Sicherheit?“
„Ja, der böse Mann … vielleicht ist er ganz in der Nähe! Aber nun wird alles gut!“
Er löste sacht, aber bestimmt ihren Griff von sich und fasste sie an den Schultern, hielt sie auf Abstand und beschmutzte sie mit seinen blutigen Händen. Nun war er nicht mehr verwirrt oder ärgerlich. Alarmiert war er, aber ganz ruhig dabei. Eindringlich schaute er sie mit seinen freundlichen hellen Augen an.
„Ein böser Mann, sagst du? Erzähl, kleines Mädchen. Bist du aus Rodekliv geflohen? Wer hat dich verletzt?“
Rodekliv? Erkannte er sie denn nicht?
„Aber Herr Waýreth“, fragte sie bestürzt, „ich bin es doch. Ich bin Raýneta Emberbey. Ihr wart so oft bei uns zu Gast …“
Nun schien er vollends verdutzt. Raýneta schaute flehend zu ihm auf. Dann begriff sie, was falsch war, noch dazu im Schatten der hohen Bäume am Rand der Wiese.
„Ich bin verkleidet“, erklärte sie. „Das ist nur ein Hafersack. Und meine opayra har mir seit Tagen die Zöpfe nicht schön gemacht. Ich hab vergessen, eine Bürste mitzunehmen. Ich sehe bestimmt furchtbar unordentlich aus.“
„Raýneta Emberbey?“
„So seht mich doch an!“, erzählte sie aufgeregt. „Oh, es war alles so schlimm! Aber nun bin ich bei Euch in Sicherheit.“
Er strich ihr mit seinen hirschblutigen Fingern die zerzausten Haare aus der Stirn, die Spuren zerdrückter Beeren von den Wangen und musterte sie prüfend. Dann lächelte er ungläubig.
„Bei den Mächten“, wisperte er. „Was für eine unglaubliche Fügung führt uns zusammen, kleine yarlaranda.“
„Erkennt Ihr mich jetzt?“
Er antwortete nicht. Aber sie fühlte sich aufgehoben und fest umarmt. Der yarl drückte sie fest an sich und begann flüsternd, mit erstickter Stimme, die Mächte zu preisen. Sie schmiegte sich an ihn und zerquetschte dabei ihr Tragetuch, beschmierte seinen Mantel noch mehr mit den roten und gelben Beeren. Der Freund des Vaters war da! Nun war alles gut!
„Herr?“
Mehr Leute näherten sich, zwei Männer zu Pferd und drei weitere, die Packtiere am Zügel führten. Raýneta spähte über Althopians Schulter. Zwei der Packtiere waren mit Wild beladen; einen zweiten, kleineren Hirsch und zwei Waldschweine hatten sie erbeutet. Einer der Reiter führte ein großes Reitpferd mit gutem Lederzeug am Zügel. Es trug ein Schwert am Sattel, dass Althopian bei der Pirsch im Wege gewesen wäre. Alle waren in schlichtem Gewand und hatten Jagdwaffen bei sich, Bogen und Spieße, und alle fünf waren sichtlich verwundert.
„Ein Meisterschuss, Herr“, sagte einer der Berittenen. „Aber was habt Ihr da gefangen?“
„Einen Dreckspatz?“, scherzte der andere, wurde aber sofort ernst. „Aus Rodekliv entwichen, die Kleine? Sind hier noch mehr von denen im Gebüsch?“
„Gebt acht auf eure Worte,“ wies Althopian sie zurecht. „Dies ist die fánjula Raýneta, die jüngere yarlaranda von Emberbey. Die Tochter meines lieben Freundes, möge er hinter den Träumen in Frieden sein.“
Nun wechselten die Jäger alarmierte Blicke.
„Das Kind, das entführt wurde?“, fragte einer verdattert. „Wie kommt es hierher?“
„Kümmert euch um den Hirsch“, wies Althopian seine Leute an. „Mehr brauchen wir nicht für das vasposár. Ich bringe die yarlaranda augenblicklich zur Burg. Offenbar ist sie ihrem Entführer entwischt.“
„Nein“, wandte Raýneta ein. „Ich bin keinem entwischt. Wisst Ihr, ich bin losgegangen, um Beeren zu suchen, und dann war da der schöne Hirsch.“
„Wie lange irrst du denn schon durch den Wald, Kind?“
„Seit vorhin. Ich bin aufgewacht, und dann wollte ich Beeren.“
Yarl Althopian setzte sie wieder zu Boden und neigte sich zu ihr hinab. „Der Mann, der dich hergebracht hat, kleine yarlaranda – ich der in der Nähe? Bist du ihm davongeschlichen?“
„Ja“, antwortete sie arglos. „Ich wollte ihn nicht aufwecken.“ Vertrauensvoll fasste sie nach Althopians Hand. „Ihr nehmt ihn doch auch mit, oder?“
„Still!“, sagte einer der Knechte plötzlich und hob die Hand.
Althopian nickte, legte seinerseits die Finger an die Lippen und hieß das Mädchen so, stille zu sein. Sie verstummte und horchte, so wie es die Männer taten. Hatten sie ein neues Wild gehört?
„Vögelchen!“, schallte unvermittelt eine weitere Stimme aus dem Wald. „Wo steckst du?“
Raýneta wollte antworten, aber Althopian schüttelte rasch den Kopf. Die sechs Männer verständigten sich mit Blicken und Gesten.
Nun hörte sie es auch, das gelassene Schlurfen des Grauen, und die vertraute Stimme, die nah ihr rief.
„Vögelchen? Versteckst du dich etwa vor mir? Warte nur, dich finde ich!“
Althopian drehte sich um. Die Jäger nahmen aufmerksam Haltung an. Rayneta wurde es plötzlich unbehaglich.
Der báchorkor führte den Grauen am Zügel durch das Dickicht am Rand der Lichtung. Er war so sehr damit beschäftigt, sich einen Weg zu bahnen, dass er die versammelte Jagdpartie erst bemerkte, als er zwischen den Bäumen hervortrat. Etwa fünfzig Schritte rechts von ihnen war das.
Einen Moment stand der junge Mann still und schaute bestürzt zu ihnen hinüber. Der Graue schnaubte freundlich, als er die anderen Pferde bemerkte.
„Ist das der báchorkor?“, fragte Althopian.
„Ja“, sagte Raýneta. „Der hat mich hergebracht.“
Althopian nickte. Zu seinen Knechten sagte er ruhig: „Ergreift den Kerl.“
Augenblicklich wendeten beiden Berittenen ihre Pferde und spornten sie an. Zwei derer zu Fuß gaben dem dritten alle Zügel in die Hand und rannten hinterdrein.
Und der báchorkor, der rannte auch. Nicht zurück in den Wald, sondern hinaus auf die Wiese, ohne Deckung. Wie ein Reh sprang er über Gras und dürres Gestrüpp.
Erst einen Wimpernschlag später erfasste Raýneta, was da passierte. Ruckartig richtete sie sich in Althophians Griff auf. „Nein!“, rief sie aus. „Nicht!“
„Keine Angst“, versicherte er ihr. „Der entkommt uns nicht.“
Raýneta kreischte und riss sich aus dem Griff des Ritters frei. Althopian rannte ihr augenblicklich nach, aber sie war flinker. So schnell ihre Füße sie trugen, schloss sie sich der Jagd auf der Lichtung an.
Lange dauerte die nicht, war schon vorbei, als sie den báchorkor reichte. Das Mädchen hatte vorgehabt, sich schützend zwischen ihn und die Männer zu stellen, sie von ihm abzuhalten, bis sie in Ruhe erklären konnte. Aber dazu kam es nicht mehr. Die Reiter hatten den báchorkor von beiden Seiten überholt und ihm den Weg abgeschnitten. Nun trieben sie ihn in Richtung des Hirsches, wo er an Althopian würde vorbeilaufen müssen. Spätestens der yarl würde ihn aufhalten, vielleicht auch der Körper des Wildes. Raýneta stürmte blindlings auf ihn zu. „Galéon!“
„Haltet ihn!“, rieft Althopian hinter ihr. „Er darf sie nicht packen!“
So weit kam es nicht. Einer der Reiter war gleichauf mit dem gehetzten Mann und gepackt vom Jagdfieber. Im Vorbeireiten versetzte er dem báchorkor einen heftigen Tritt gegen die Schulter, der dem Flüchtenden zum Taumeln brachte. Er stürzte nicht sofort, konnte sich noch abfangen und kam gewandt wie eine Katze wieder ins Gleichgewicht, noch bevor er dem Pferd unter die Hufe geriet. Aber während er auszubrechen versuchte, eilten ihm die beiden anderen Jagdknechte entgegen, drängte das Kind ab und sie stolperte der Länge nach zu Boden. Ein Ausweichen gab es nicht. Einer der beiden schwang seine Saufeder und rammte sie dem báchorkor mit voller Wucht in die Magengrube. Mit der stumpfen Seite.
Dem báchorkor nahm es schlagartig die Luft. Er stolperte zu Boden und blieb dort zusammengekrümmt liegen. Der Jagdknecht, etwas verwirrt wohl über seinen Erfolg, drehte die Waffe um und zielte damit auf den jungen Mann.
Raýneta rappelte sich auf. „Nein!“, rief sie verstört.
Aber sie wurde nicht beachtet, zu geschäftig waren die Männer.
„Was nun, Herr?“, fragte der zweite Knecht und versetzte dem báchorkor einen unschlüssigen Tritt gegen den Rücken, sodass er mit dem Gesicht im Laub zu liegen kam und schmerzhaft nach Luft schnappte. „Ein Ende damit?“
„Seid Ihr töricht?“, fragte Althopian. Er legte Raýneta wieder die Hand auf die Schulter. Diesmal fühlte es sich an, als wolle er sie festhalten, bevor sie jemandem in eine Klinge lief. „Wie sollen wir denn dann herausfinden, in wessen Diensten der Lumpenkerl steht?“
„Das kriegen wir aus ihm wohl heraus“, knirschte der eine Reiter. „Das soll ihn lehren, kleine Kinder zu rauben!“
„Aber das stimmt doch gar nicht!“, protestierte Raýneta.
„Ihr wisst, was in dem Brief stand. Herr Venghiár will den Unhold lebendig. Wir werden ihm den Wunsch erfüllen.“
„Nein! Bitte, Herr Waýreth! Ihr dürft ihm nichts tun!“
„Du musst dich nicht mehr vor dem da fürchten, junge yarlaranda. Er kann dir nichts mehr anhaben.“
Der báchorkor hustete, regte sich schwach. Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen. Ein kleiner Schwall Blut sprudelte aus seinem Mund. Der Knecht mit der Saufeder setzte den Fuß in sein Genick, aber nur, um ihn am Boden zu halten.
Raýneta schaute flehend von einem zum anderen.
„Bitte, Herr Waýreth! Es ist ganz anders als in dem Brief stand!“
„Dann ist das nicht dein Entführer, kleine yarlaranda?“
„Doch“, gab sie zu. „Irgendwie schon. Aber …“ Sie besann sich. „Aber er hat gut auf mich aufgepasst! Die ganze Zeit.“
„Was muss der Kerl dem Kind für eine Angst gemacht haben, dass es so spricht“, sagte einer der Knechte empört.
„Wenn so etwas meiner Tochter passieren würde, dann …“, sagte der erste Reiter unheilvoll. Er beendete den Satz nicht, begleitete ihn aber mit einer Geste, die Raýneta zwar nicht verstand, aber als Androhung von etwas sehr Schmerzhaftem deutete.
Den Pfeil in seinem Rücken hatte der báchorkor überlebt. Aber wenn die Jäger nun auf die Idee kamen, ihm die Eingeweide herauszuschneiden, wie sie es beim Wild taten? – So hatte sie sich ihre Ankunft in der sicheren Burg nicht vorgestellt!
„Herr Waýreth“, flehte sie innig. „Sagt Euren Leuten, dass sie ihm nicht wehtun dürfen! Das ist ein guter Mann!“
„Sicher glaubst du das, Raýneta Emberbey.“ Althopian bedeutete seinen Männern, sich zu mäßigen. „Vielleicht war er ja tatsächlich freundlich zu dir. Aber vielleicht waren das auch nur Geschichten. Und er hat etwas sehr Schlimmes getan. Das weißt du doch, nicht wahr?“
Raýneta ächzte lautlos. Ob sie dem yarl nicht ganz einfach die Wahrheit erzählen konnte? Oder ob sie die Dinge damit schlimmer machte? Ob sie nicht einfach erzählen konnte, dass der báchorkor zaubern konnte und der Schattenmann sie jagte?
Hilflos schaute sie auf den schwer und schmerzhaft atmenden Mann hinab. War er wirklich so schwer verletzt? Warum gab er sich nicht zu erkennen?
Nein. Es würde ihr niemand glauben. Nicht hier und jetzt, wo alle so aufgeregt waren. Sie musste einen besseren Moment abwarten, um sich jemandem anzuvertrauen.
„Bitte“, wisperte sie flehend. „Bitte, Herr Waýreth. Er erzählt so schöne Geschichten. Und er war immer gut zu mir.“
„Wir nehmen ihn mit“, entschied Althopian. „Dann können wir immer noch überlegen, wie wir mit ihm verfahren. Aber es bringt nichts, hier im Wald nutzlos herumzustehen. Die yarlaranda braucht schleunigst etwas zu essen und Ruhe. Und ein Bad.“
Das schien die Knechte zu belustigen. Der báchorkor sah nicht so aus, als würde er in der nächsten Zeit aus eigener Kraft laufen können.
Raýneta traute den Knechten nicht. Sicher waren das aufrichtige, anständige Männer, nicht solche groben Gestalten wie Venghiárs Freunde. Er sie kamen ihr zu empört vor, als sie den halb bewusstlosen báchorkor vom Boden zerrten. Aber was den Moment betraf, konnte sie wohl nichts mehr für ihn tun.
Der Graue trottete herbei. Althopian fasste ihn beim Zügel, begutachtete den Zustand des Tieres und fand wohl nichts daran zu beklagen.
„Willst du das Ross deines Vaters weiterhin reiten, Raýneta Emberbey? Oder willst du bei mir im Sattel sein?“
Sie schaute müde zu dem Pferd hinüber. Es war sorgsam mit ihren und den Habseligkeiten des báchorkor bepackt. Sein roter Mantel war sorgsam zusammengerollt und mit einem Riemen am Sattel befestigt. Das Kuscheltier klemmte zwischen den Riemen des Schwertgehenks.
Bei den Mächten, das Schwert! Das Schwert, das niemand anfassen durfte!
„Helft mir hier hinauf“, sagte sie eilig. „Da sind meine Sachen. Da muss ich drauf aufpassen.“
„All deine Sachen?“, fragte der yarl. „Du hattest so viel Gepäck, als der Kerl dich verschleppt hat?“
„Ja“, behauptete sie geistesgegenwärtig. „Schon für die Reise zum vasposár zusammengepackt. Aber das Schwert ist meins. Das gehört mir auch.“
„Soso.“
„Eigentlich … gehört es Osse. Meinem Bruder. Ich wollte es ihm mitbringen.“
Er schaute sie einen Moment prüfend an. Raýneta war sich nicht sicher, ob er ihr glaubte. Immerhin bedrängte er sie nicht weiter.
Kurz darauf saß sie im Sattel. Waýreth Althopian führte den Grauen am Zügel durch den Wald. Einer der Berittenen blieb mit einem Packpferdeknecht zurück, um den Hirsch zu versorgen. Den báchorkor nahmen sie mit sich. Benommen und gefesselt hing er bäuchlings zwischen den Waldschweinen auf dem Lastpferd, als sei er selbst eine Beute. Einmal schien er kurz zu sich zu kommen. Raýneta neigte sich vor und versuchte, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Aber er schien nicht mehr bei Bewusstsein zu sein.
Waýreth Althopian sprach während des Rittes kein Wort. Vielleicht wollte er sie nicht unter den Ohren seiner Leute ausfragen. Aber immer, wenn sie zu ihm hinschaute, lächelte er.
Er lächelte auf eine sonderbare, erschöpfte Art. So, als drückte ihm eine unsichtbare Last aufs Herz.
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