Im Pferdestall war es angenehmer als in der Stube. Es roch zwar etwas strenger, aber das Stroh war weich. Die dösenden Tiere strahlten mehr Wärme ab als die Ofensteine in den Kammern und Schlafsälen. Die angenehmste Wärme ging ohnehin von Tridna aus. Sie war weich und roch so gut und fühlte sich in seinen Armen herrlicher an als alles andere, was er jemals berührt hatte.

Láas dämmerte im Halbschlaf vor sich hin. Alles andere wäre Verschwendung gewesen. Wenn sie morgen in Wijdlant waren, wäre es viel schwieriger, Zweisamkeit mit der jungen Frau zu finden, zumindest, solange das vasposár dauerte.

Und dann, so dachte er zufrieden, würde er Tridna den Eltern in aller Form vorstellen. Und wenn das gelungen und geregelt war, dann würde er sie nie wieder loslassen müssen.

Er schmiegte sein Gesicht an ihren Kopf, sein Bart verhakte sich ein wenig in ihren Haaren. Achtsam, ohne sie zu wecken, befreite er sich. Sie regte sich, zog ein Stück mehr von dem Mantel an sich, den sie als Decke über sich ausgebreitet hatten, und kuschelte sich an seine Brust und seinen Bauch.

Nein, wie schade wäre es, das zu verschlafen. Láas seufzte glücklich und streichelte mit der Fingerspitze ihren Arm.

Und dann betrat jemand den Stall. Leise, aber eilige Schritte näherten sich auf dem gestampften Boden.

Nanu, dachte Láas überrascht. Wer hat denn um diese Zeit etwas zu schaffen bei den Tieren?

Sein Messer lag in seiner Reichweite, war allerdings zuletzt ein wenig von umgewälztem Stroh begraben worden. Der Ritter tastete danach, ohne allzu sehr zu rascheln. Erleichtert fühlte er den Griff unter seiner Hand und zog es hervor.

Keinen Lidschlag zu spät, denn tatsächlich drückte sich jemand um die Wand des Verschlages herum, der der Reittiere der Reisegruppe von der Stallgasse abtrennte. Eine Gestalt mit Umhang und Kapuze leuchtete hinein, weckte mit dem Licht die Pferde und Tridnas Esel und schaute sich um.

Die beiden Streitrösser und Tíjnjes Zelter erschienen ihm offenbar nicht passend. Aber eines der Maultiere, das schaute er länger an, als flüchtiges Interesse es rechtfertigte.

„Was treibst du, báchorkor?“, zischte Láas ihn an.

Der Mann fuhr erschrocken herum. Tatsächlich, richtig geraten. Der kahlköpfige Geschichtenerzähler war es, den Tridna so verdächtig fand. Tridna hatte ein gutes Gespür für so etwas. Man lernte es, Menschen zu lesen, wenn man nur lange genug in einer Schenke arbeitete, hatte sie ihm anvertraut.

„Ich … bei den Mächten! Ihr habt mich erschreckt! Seid ihr nicht der junge yarlandor?“

„Bin ich. Und der Braune da ist meiner. Was willst du hier im Stall?“

Tridna regte sich und blinzelte. Dann bemerkte sie den Mann und raffte mit einem verhaltenen Aufschrei den Mantel über sich.

Der báchorkor war ungefähr einen Lidschlag lang überrascht. Dann begann er, zu grinsen.

„Was ich hier mache, Herr? Nun … wahrscheinlich dasselbe wie ihr. Ich kann nicht schlafen im Haus. Zu eng, zu wenig Luft.“

„Hier ist besetzt. Geh rüber in den Viehstall. Oder in den Heuschober.“

„Da liegen auch schon Paare unzüchtig beieinander, Herr. Ist das nicht das Küchenmädchen, da in Eurem Arm?“

„Und wenn?“

„Nichts weiter. Wer bin ich, den das etwas anginge? Jedenfalls weniger, als gewiss mache hochedlen Herrschaften.“

„Was redet der da?“, wisperte Tridna.

„Was sind das für Unverschämtheiten?“, fragte Láas unwirsch und drückte sie beruhigend an sich.

„Habe ich etwas Unverschämtes gesagt? Ich habe doch nur gesagt, dass mich Eure … Angelegenheiten nichts angehen. Und daran will ich mich halten, solange …“

Láas umklammerte das Messer. Aber Tridna legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.

Der báchorkor feixte, unverschämter, als es ihm zustand.

„Was willst du?“, fragte Láas grimmig.

„Nun“, sagte der Mann. „Für gewöhnlich bekomme ich Lohn dafür, dass ich Geschichten erzähle. Wie wäre es, wenn ich gewisse Geschichten nicht erzähle? Oder zumindest gewissen Leuten nicht erzähle.“

„So? Wovon denn?“

„Nun, zum Beispiel von hochedlen Herren, die sich mit schutzbefohlenem Gesinde vergnügen.“

„Oh nein“, wisperte Tridna plötzlich. „Wenn das Eure Mutter, Euer Vater wüsste! Wenn das in Wijdlant Frau Truda zu Ohren käme …“ Sie hob die Hände vors Gesicht und begann, zu schluchzen.

„In der Tat“, sagte der báchorkor nachdenklich. „Es würde dieser Frau Truda wohl das Herz brechen, wenn sie wüsste, was diese Pferde hier wohl gesehen haben. Wie gut nur, dass Pferde schweigen.“

Láas schaute zwischen ihm und dem weinenden Schankmädchen hin und her. Was bei den Mächten sollte denn Truda bei dieser Sache anstellen? Aber dann begriff er.  Natürlich. Woher soll er wissen, was überhaupt kein Geheimnis ist.

„Was verlangst du dafür, um zu schweigen wie ein Pferd?“, fragte er, so zerknirscht, wie es ihm über die Lippen kam.

Der báchorkor ließ sich in der anderen Ecke des Verschlages nieder und raffte sich einen Armvoll Stroh in den Rücken. Das würde die Kälte der Mauer etwas abhalten.

„Bis morgen früh“, sagte er und schlug die Beine übereinander, „fällt mir sicher etwas Angemessenes ein.“

Den Turm zu erklimmen war nicht schwer. Die Mauern waren uralt, ein wenig verwittert und griffig. Sie boten Dýamirées Krallen genug Griff, um hinaufzuhuschen. Der Lichtschein aus dem Fenster wies ihr den Weg. Natürlich kam sie von außen nicht direkt in das Zimmer herein. Eine Butzenglasscheibe versperrte ihr den Weg. Aber in der Nähe war ein geschlossener Fensterladen, der etwas locker hing. Der Spalt zwischen Holzflügel und Wand war breit genug, um ein Eichhörnchen hindurchzulassen. Sie zwängte sich dazwischen, gelangte auf einen dunklen Korridor und folgte dem vagen Schein, der sie zur richtigen Tür führte. Die Schattensängerin vergewisserte sich, dass niemand in der Nähe war, und schlüpfte zurück in ihre Menschengestalt, um eintreten zu können.

Das Licht kam von mehreren Laternen, die im Regal und auf dem Tisch standen. Ein Schlafgemach war es, ganz offensichtlich das eines hochedelen Herrn. Ein gepolsterter Sessel mit Fellen und Decken stand am kalten Kamin. Das Bett war zerwühlt, am Boden auf dem Teppich lag eine Flasche. Sie war geöffnet und leer.

Die Schattensängerin sah sich um. Im Raum verteilt fand sie hier und da Dinge, die offensichtlich einem Ritter gehörten, kleine Rüstungsteile wie Handschuhe und Sporen. Die Ausstattung des Raumes, das Waschgeschirr, die Wandbehänge, sogar ein paar Bücher, das alles war in einem seltsamen Gleichgewicht kostbar und bescheiden zugleich. An der Wand über dem Bett war ein handtellergroßes Brettchen angebracht. Eine hauchdünne Platte aus Horn verdeckte es, wie um das darunter liegende zu schützen.

Eine der Truhen war geöffnet. Auf dem Tisch standen zwei hölzerne Schatullen, beide geöffnet, und aus allem, was offen stand, waren Teile des Inhalts herausgezogen und teils über Möbel und Tischplatte drapiert. Kleider und Tuche, schöne Gewänder und in den Kisten Geschmeide und Haarschmuck mit Perlen und Perlmutt.

Dýamirée wagte es nicht, etwas davon anzutasten. Aber es machte sie auf eine seltsame Art traurig. Es ging sie doch gar nichts an. Das waren Unkundigendinge. Und doch …

Sie griff zaghaft den Horndeckel über dem Brettchen an und öffnete ihn. Das Gesicht einer Frau war darunter verborgen, mit mürben Ölfarben und strengen Strichen gemalt. Blass war sie und wenn der Maler etwas lebendig an ihr abgebildet hatte, dann war es ihre Scheue und Warmherzigkeit. Das Wappen von Ovéstola in der unteren Ecke des Bildes bestätigte Dýamirées Vermutung.

Das war das Gemach von Herrn Alsgör. Offensichtlich war die maedlora Hevstrid gerade dabei, seinen größten Schatz zu durchwühlen. Vielleicht hatte Venghiár ihr das erlaubt.

Dýamirée runzelte die Stirn. Nein, es war nicht recht, sich einzumischen. Aber schließlich galt es, das Andenken der yarlara, die schon so lange hinter den Träumen auf ihren hýardor ausgeharrt hatte, für ihre Kinder zu bewahren.

Dýamirée wirkte einen Bann auf alles, auf den Schmuck und die Gewänder. Nichts davon sollte diese Burg verlassen, es sei denn in den Händen der beiden Töchter oder des Sohnes.

Anschließend schaute die Schattensängerin in weitere Räume auf dem Flur. Eines fand sie, in dem allerlei Spielzeug zu sehen war, mit zwei Betten darin. In einem schlief eine ältere Dame und hatte schwere Träume. Die Schattensängerin wagte nicht, hier einzutreten. Drei kleinere Kammern gab es noch. In der einen gab es nur leere Truhen und wenig Zierrat. Ein großer Spiegel hing darin. Vielleicht war das Trudas Stube, wenn sie den Vater besucht hatte. In der anderen waren ein paar Bücher zurückgeblieben, ganz verloren in ihrem Regal. Fibeln und Lernbücher waren es, die Osse längst nicht mehr benötigte und sich wohl doch nicht davon trennen konnte.

Im dritten Gemach schien jemand zu wohnen, der großen Gefallen an Bögen und Armbrüsten hatte. Eisenzeug und Hiebwaffen fand Dýamirée hier nicht. Also war Venghiár tatsächlich unterwegs zum vasposár. Ob er allen Ernstes dort antreten wollte? Ausgerechnet jetzt, da sein Großonkel ermordet war? Oder gerade deshalb?

Dýamirée schaute sich noch weiter in der Burg um, nun aber zur Sicherheit wieder im Eichhörnchenleib, um nicht unversehens auf einen nichts ahnenden Mann zu stoßen. Aber sie fand nichts außer schlafenden Menschen. Manche träumten ängstigende Dinge.

So arbeitete sie sich durch den Wohnturm und die angrenzenden Gebäude nach unten. Als sie gerade die letzte Treppe nehmen wollte, kam von dort jemand entgegen. Es war Hevstrid mit ihrer Laterne. Die Schattensängerin schlüpfte hinter einen Vorsprung, ließ die junge Frau passieren.

Kaum war sie fort, regte sich etwas in dem dunklen Korridor zu ebener Erde. Dýamirée schaute und war nicht schlecht erstaunt. Zwei Männer schälten sich aus dem Schatten und taten das mit großer Heimlichkeit, aber wenig Geschick. Beide trugen Gepäckbündel bei sich, und Kapuzenumhänge, ganz so, als wollten sie nicht erkannt werden.

„Ist sie weg?“, flüsterte der eine heiser.

„Ich glaub‘, ja.“

„Dann nicht wie raus! Los, lauf! Aber leise!“

Die beiden versuchten, lautlos zu schleichen. Zu ihrem Glück war Hevstrid wohl schon außer Hörweite, sodass sie unbehelligt zu Tür gelangten.

Einer blieb so abrupt stehen, dass sein Begleiter fast gegen ihn prallte. „Hörste das?“

„Was?“

„Da trippelt was!“

„Na und? Wird ‘ne Ratte sein. Los, beeil dich!“

„Und wenn es doch der Kerl ist?“

„Der würde nicht trippeln. Der doch nicht!“

„Cró?“

„Ja?“

„Und wenn er da draußen auf uns wartet, der Schwarzmantel?“

„Dann mögen die Mächte uns gnädig sein“, sagte der, der Cró hieß. Und er sagte es mit so viel Ernst und Schaudern, dass Dýamirée verwirrt innehielt.

Schwarzmantel? Pflegten Unkundige nicht, mit diesem Wort Schattensänger zu schmähen?

„Los. Wir holen uns Pferde!“

„Nie im Leben! Nie wieder steig ich auf einen Gaul!“

„Und wie sollen wir dann hier schnell wegkommen?“

„Und wenn der Schwarzmantel uns erwischt? Wenn er uns wieder am Sattel festklebt und auf die Felsen hetzt?“

„Ungro, das müssen wir riskieren. Solange der Giftwurm nicht da ist, ist die Gelegenheit!“

„Der Giftwurm hat uns immerhin noch nicht an den Kragen gewollt!“

„Red es nicht herbei!“

„Mir ist jetzt noch schlecht. Das war Zauberei!“

„Still!“

„Natürlich war das Zauberei! Von der übelsten Art!“

„Sei endlich still!“, zischte Cró ihn nieder. „Wir schnappen uns Brot und dann ein Pferd und wenn der Blödmann aus Rodekliv uns nicht rauslässt, dann …“

Sie entfernten sich, miteinander zischelnd. Dýamirée trippelte weiter, huschte an ihnen vorbei und über den Hof hinüber zur Küche. Der Spalt zwischen Türblatt und Boden war breit genug, um sich hindurchzuquetschen. Sie machte sich so klein und flach wie möglich und schlüpfte  unter dem Türspalt hindurch.

Advon saß dort auf einem Hocker neben dem niedrigen Feuer und nippte an einem Becher, in dem etwas aus Kräutern appetitlich duftete. Dýamirée hetzte auf ihn zu und sprang auf seinen Schoß.

Vorsicht, dachte sie. Da kommen zwei.

„Gefährlich?“, flüsterte er.

Möglich.

Er stellte den Becher ab, schaute sie erstaunt an und setzte sie auf seine Schulter.

Und schon stahlen die beiden sich n die Küche und erstarrten bei seinem Anblick.

„Wer biste?“, fand der, der Ungro hieß, die Sprache zuerst wieder.

„Keine Sorge. Ich bin nur ein Gast. Ich wärme mich hier nur auf.“

„Weiß die Dirne – weiß Hevstrid, dass du da bist?“

„Ja. Die hat mich reingelassen.“

„Na gut.“ Cró nickte misstrauisch. „Dann hör zu. Bursche. Wir haben es eilig. Wir wollen nur etwas Brot und dann sind wir auch gleich wieder weg.“

„Gern“, sagte Advon. „Das ist schließlich eure Burg.“

„Und wenn das Weibsbild uns sucht, haste uns nich’ gesehn. Ist klar, ja?“

„Klar. Hab ihr was Geheimes vor?“

„Das geht dich nichts an.“

Frag sie nach dem Schwarzmantel.

Advon stutzte. „Was?“

„Wie?“

Tu es einfach! Frag sie, ob sie einem Schwarzmantel begegnet sind!

„Ich will euch nicht lange aufhalten“, sagte Advon gehorsam. „Aber ihr habt nicht zufällig kürzlich einen Schwarzmantel gesehen?“

Ungro gab ein helles Wimmern von sich. Cró, der sich gerade einen großen Laib Brot in die Tasche stopfte, hielt inne und drehte sich langsam zu Advon um.

„Warum willst du das wissen?“

„Ich … ich bin auf der Suche nach ihm.“

„Verflucht, Cró“, kam es weinerlich von Ungro. „Wir fliegen auf!“

„Was weißt du vom Schwarzmantel? Was will der von dem Giftwurm?“

„Giftwurm?“

„Du weißt genau, wen ich meine!“

„Oh. Also, das ist wirklich kein netter Ehrenname für Herrn Venghiár.“

„Das geht dich nichts an, Kerl!“

„Erzählt mir mehr. Wo ist Herr Venghiár?“

„Weg“, brachte Ungro jämmerlich hervor.

„Mit dem Schwarzmantel?“

„Vielleicht hat der auch die Flucht ergriffen!“, knirschte Cró. „Ist abgehauen, bevor der Schwarzmantel zurückkehrt!“

Frag sie, was der Schwarzmantel getan hat.

„Wieso habt ihr denn Angst vor einem Mann in Schwarz?“, tat Advon unwissend.

„Warum? Fast umgebracht hat der uns! Und die Pferde!“

„Erzählt in Ruhe!“

„Ach“, kam es abfällig von Cró. „Du glaubst uns doch kein Wort!“

„Im Gegenteil. Ich glaube Euch jedes Wort. Redet nur zu.“ Advon setzte sich wieder und griff nach seinem Kräutersud. Die beiden Männer wechselten Blicke miteinander.

„Also“, begann Cró zögerlich. „Wir waren für Herrn Venghiár unterwegs. Ein Botengang, nichts Großes.“

„Haben die Etappenpferde eingesammelt. Ganz normal. War schönes Wetter. Und dann war da pötzlich dieser Kerl auf seinem schwarzen Pferd.“

Wie sah er aus?

„Wie sah er aus? Ich meine, es könnte sein, dass ich einen anderen Schwarzmantel suche als ihr.“

„Mögen die Mächte verhüten, dass es noch mehr von der Sorte gibt!“

„Beschreibt ihn mir.“

„Naja“, sagte Ungro zögerlich. „Haben ihn nur aufm Pferd gesehen. Groß. Ungefähr so groß wie du, aber nicht so gestählt.“

„Und? Erinnert euch. Wie war sein Gesicht?“

„Er hatte einen Hut auf. Aber nicht so einen feinen wie Herr Venghiár, wenn er keinen Helm trägt. Ein Filzhut mit breitem Rand eben. Und ich meine, er hatte einen Bart über Wangen und Kinn. War kein ganz junger Mann mehr. So über fünfzig Sommer, würd ich meinen.“

„Ja, wird schon grau. Seine Haare auch. Lange Haare bis zu den Schultern.“

„Einmal hab ich gemeint, seine Augen zu sehen. Aber kein Mensch hat silberne Augen.“

„War kein Mensch“, behauptete Ungro.  „So einer ist kein Mensch!“

„Wie war er gekleidet?“

„Schwarz. Ganz schwarz. Sein Mantel hat geglitzert.“

„Ist das der Schwarzmantel, den du suchst?“

„Nun“, sagte Advon bestürzt, „das alles klingt sehr vertraut.“

„Es war furchtbar“, sprudelte Ungro hervor. „Da war plötzlich Nebel und … und dann weiß ich nichts mehr. Im nächsten Moment geht mir mein Gaul durch und das Viech läuft am Rand der Klippen wie von Chaosgeistern. Am Abgrund, hin und her …“

„Und wo war der Schwarzmantel?“

„Weg!“, rief Cró aus. „Der war weg! Und wir konnten die Pferde nicht anhalten. Ich hab versucht, abzuspringen. Nichts! Einfach nichts! Und dann …“

„Rumms! Alle Pferde umgestürzt. Mit einem Mal.“ Ungro zitterte bei der Erinnerung. „Und es war vorbei. Und der Schwarzmantel … weg.“

Dýamirée war betroffen. Das alles war ungeheuerlich.

Und zugleich schien etwas mit Cró und Ungro zu geschehen. Nun, nachdem sie ihre Geschichte erzählt hatte, schien ihr Geist plötzlich aufzuklaren, die Angst von ihren abzufellen. Fast so, als sei ein Siegel gebrochen.

„Und deswegen“, sagte Cró und griff nach einem Fleischmesser, das nahebei auf einem Tisch lag, „werden wir gehen. Und du wirst uns nicht aufhalten!“

Bring uns hier heraus. Lenk sie ab.

„Leg das Messer weg“, forderte Advon ruhig. Ich will euch nicht aufhalten.“

„Du wirst uns an das Weibsbild verraten! Du bist mit dem Schwarzmantel im Bunde!“

„Nein“, sagte Advon und stellte seinen Becher neben dem Herdfeuer ab. „Nicht mit diesem. Leg das Messer weg.“

„Du kommst hier nicht raus“, wisperte Cró. „Du verrätst uns.“

„Ich habe nichts dergleichen vor.“

Ungro entdeckte eine große Fleischgabel. Mit der bewaffnete er sich.

„Hast hier nichts verlorn“, brachte er hervor. Seine weinerliche Stimme wurde fester, misstrauischer. „Bistn Spion!“

„Vom Giftwurm“, pflichtete Cró bei. „Oder vom Schwarzmantel. Ist ganz egal. Mit dir werden wir fertig.“

„Bei Pataghíus Glanz“, seufzte Advon. „Seid ihr immer so reizbar?“

Sie teilten sich auf. Der eine ging links um den Tisch herum, der andere rechts.

„Keine Sorge, Blondschopf“, wisperte Cró. „Ist gleich vorbei.“

„Ja, wir habens eilig!“

Advon zuckte die Achseln und bückte sich nach dem schwach züngelnden Feuer im Herd. „Schön“, sagte er und schöpfte eine Handvoll rot glühender Kohlen. „Aber es geziemt sich nicht, Unbewaffnete anzugreifen. Hat euch das euer Giftwurm nicht gesagt?“

„Bei den Mächten“, keuchte Cró. „Noch mehr Zauberei!“

Ungro wimmerte.

Und Advon warf die Kohle gegen die Tür. Augenblicklich loderte eine mannshohe Feuerwand auf. In der Küche wurde es taghell.

Die beiden Männer starrten fassungslos auf die fauchenden, gleißende Flammen, die ihnen den Weg versperrten.

„Ihr habt die Wahl“, sagte Advon. „Ihr könnt mich tranchieren, oder ihr versucht, das Feuer zu ersticken.“

Es war Ungro, der zuerst reagierte. Mit einem Aufschrei riss er sich seinen Mantel vom Leib und begann, auf das Feuer einzuschlagen. Cró zögerte etwa einen Herzschlag lang und tat es ihm nach. Beide schrien in Panik aus Leibeskräften.

Advon und Dýamirée sahen ihnen einen Moment lang dabei zu. Aber nun, da die beiden ihre Kapuzen nicht mehr trugen, erkannten sie beide dasselbe.

Der Regenbogenritter verstaute schweigend das Eichhörnchen unter seinem Hemd. Dann schritt er gelassen zwischen Cró und Ungro hindurch mitten durch die Flammen und stieß die Tür auf.

„Feuer!“, schrie er in den menschenleeren Hof hinaus, seine Stimme schallte hohl zwischen den Mauern empor. „Feuer! Es brennt in der Küche!“

Aber er wartete nicht, bis an den Fenstern die ersten erschrockenen Gesichter auftauchten. Noch bevor der erste Burgbewohner das Gebäude verließ, noch bevor der unfreundliche Torwächter herbeistürmen konnte. Und dann war plötzlich alles voller Menschen, die aus den Gebäuden herbeiströmten, die meisten in Nachthemden und viele mit Schlafmützen, Hevstrid panisch und konfus mitten zwischen ihnen in ihrem zu kurzen gestohlenen Kleid. Doch da war Advon schon in den hinteren Burghof gelaufen und entriegelte die Tür. Noch bevor die Burgbewohner bemerkten, dass das Feuer kalt war und nichts verzehrte, während sie es tapfer auslöschten, hastete Advon die Felsentreppe herab, glitt beinahe aus, fing sich wieder am Handlauf und raste hinab.

„Farbenspiel! Farbenspiel!“

Der Hengst trabte heran, ein großes Büschel Seegras im Maul. Advon schwang sich in den Sattel, kniff die Augen zusammen und spornte sein Reittier an. Furchtlos preschte das Einhorn auf das Wasser hinaus, die Spitzen seiner Klauen tippten ins Wasser. Dann griff der Wind unter seine Flügel und hob es hinauf in die Luft.

Hast du die beiden auch erkannt? , fragte Dýamirée.

„Ja. Und ich frage mich, ob sie immer noch so versessen auf Honigkuchen sind.“

Solange sie keine kleinen Kinder mehr in tiefe Höhlen werfen wollen, ist mir das egal. Aber wie kommen sie hierher?

„Vergiss die Gauner aus Aurópéa. Wie kommt ein Schattensänger hierher? Das ist doch viel wichtiger! Und wer bei allen Chaosgeistern ist er?“

Ich glaube, dachte Dýamirée matt, wir sollten uns wünschen, das nie zu erfahren.

Unter ihnen, in der Burg, keifte Hevstrid Cró und Ungro an. Die keiften zurück, klagten, was der junge blonde Mann getan hatte. Zauberei! Mit bloßen Händen hatte er die glühenden Kohlen gehalten! Und vom Schwarzmantel hatte er gewusst. Warum, beim Chaos selbst, glaubte ihnen denn keiner, dass es nicht mit rechten Dingen zuging auf dieser Burg?

Idioten seien sie, törichte Narren und Nichtsnutze, bekamen sie zu hören, schimpfte sie und machte sich mit einer Schar anderer Burgleute auf den Weg, den angeblichen Boten aus Spagor zu suchen.

Dass tatsächlich etwas nicht mit rechten Dingen zuging, glaubte sie erst, als es ihr um keinen Preis gelingen wollte, die Schwelle aus den Burgmauern zu überschreiten. Nicht am Haupttor. Und nicht hinten in den Garten.