Der Tag war anstrengend gewesen. Wäre es nach Tíjnje gegangen, wären sie trotzdem den Rest des Weges und die Nacht hindurch weitergeritten. Jeder Herzschlag, der sie näher nach Wijdlant gebracht hätte, wäre ihr recht gewesen.
Aber das war natürlich unvernünftig und rücksichtslos. Die jungen Leute aus Grootplen kamen ohnehin kaum noch mit. Niemand von ihnen war zuvor eine so weite Strecke in so kurzer Zeit zu Fuß gegangen. Was am ersten Tag noch eine Anstrengung gewesen war, zu der sie alle gute Miene gemacht hatten, hatte sich am zweiten Tag gerächt. Kaum einer war unter dem Fußvolk, der nicht über wunde Füße und schmerzende Beine klagte. Nein, sie mussten einkehren und eine Weile ruhen. Nicht auszudenken, wenn sie morgen vor lauter Lahmheit gar nicht mehr vorankamen! Sie waren jetzt schon spät dran, hatten das letzte Stück des Weges bereits im Dunkeln zurückgelegt. Als endlich das Etappenziel in Sicht kam, atmete Tíjnje auf.
Die letzte Herberge an der Straße vor Wijdlant war etwas kleiner als die vom Vorabend. Sie wurden bereits erwartet, die Gastleute begrüßten die eld-yarlara und ihr Gefolge geschäftig. Auf das Essen mussten sie auch nicht mehr lange warten, es duftete bereits gut aus der Küche. Auch für die Tiere war gesorgt, Hafer und Heu für die Pferde, Grünschnitt von Büschen und Bäumen für die Packziegen.
Sie überließen die Tiere den Herbergsknechten und geleiteten die eld-yarlara in den Gastraum, wo sich nur etwa ein Dutzend weiterer Reisender aufhielt. Landvolk, vielleicht Handwerker. Keine Ritter, keine Edelleute mehr. Wahrscheinlich waren alle Turniergäste, die in nordöstlicher Richtung unterwegs waren, längst in Wijdlant angekommen. Drei Wagenräder mit darauf montierten Öllampen hingen unter der Decke und spendeten schummriges Licht. Am hinteren Ende des schlichten Saals, hinter den Reihen von Tafeln und Bänken, war ein Schanktisch vor einer Durchreiche zu einem Nebenraum, vielleicht dem Kühlkeller. Ein Mann stand dort mit einem Humpen in der Hand und missmutiger Miene. Als die Gesellschaft hereinflutete, hob er den Kopf.
„Herr Bjöngsten?“, wunderte sich Jándris. „Ihr hier? Seid Ihr allein?“
Bjöngsten Robsténar nahm einen tiefen Schluck. Erst dann kam er auf die Ankömmlinge zu.
„Hochedler Herr!“, freute sich die eld-yarlara. „Wie schön, Euch wiederzusehen!“
Er grüßte sie mit aller gebotenen Höflichkeit. Dann wandte er sich zerknirscht den Rittern, seiner Schwester und Tíjnje zu.
„Seid Ihr allein?“, fragte Tíjnje aufgeregt.
„Ich habe die beiden nicht gefunden“, gestand der yarl.
„Wieso nicht?“, rief Láas aus.
„Woher soll ich das wissen? Ich hab meinem Ross keine Pause gegönnt! Das wird sich rächen beim Turnier, wenn es zuvor nicht genug zu Kräften kommt. Dreimal hätte ich yarl Emberbey und das Großmaul überholen müssen. Aber nichts!“
„Nun“, sagte Jándris trocken. „Zumindest habt ihr sie nicht irgendwo am Wegesrand im Graben gefunden.“
Tíjnje versetzte ihm einen rügenden Stoß auf sein Armzeug. „Wir danken Euch für Eure Mühe, Herr Bjöngsten. Sicherlich gibt es eine Erklärung, wo die beiden abgeblieben sind.“
Sie setzten sich. Nur Tíjnje blieb unschlüssig stehen. Die Gastleute hatten für die Damen einen hübsch geschmückten Tisch bereitet. Frau Válgundra hatte nur ein Nicken für ihren Bruder übrig gehabt, und bereits dort Platz genommen. Die Höflichkeit gebot, dass sie sich zu ihrer Großmutter und der weit gereisten Dame setzte. Andererseits waren es die Männer, die jetzt etwas Interessantes zu erzählen hatten. Wenn sie sich mehr als zwei Schritte von ihnen entfernte, würde sie nicht mehr mithören können. Die eigene Gefolgschaft machte nun zu viel Lärm, als sie sich an die Bänke setzten. Und schon eilten die Küchenknechte an und brachten Näpfe, große dampfende Schalen und Körbe mit Brot.
„Ich zeig Euch was“, sagte Herr Bjöngsten und winkte sie hinüber zu der Theke, wo sogleich ein älterer Mann sich eilig daran machte, den hinzugekommen Männern Bier einzuschenken. Aber Robsténar hatte etwas anderes im Sinn. Neben der Theke war eine Holzplatte an der Wand befestigt. Tíjnje hatte sie beim Hereinkommen zunächst für eine Tür gehalten. In Wirklichkeit war es aber eine grob geschnitzte Landkarte. Darauf war das Gebiet von Wijdlant abgebildet, mitsamt den Randbereichen der angrenzenden yarlmálon. Im Norden hatte gerade so noch die Burg Althopian Platz gefunden. Tíjnje staunte, so etwas hier in einem Speisesaal zu sehen, aber es ergab Sinn. Sicher brieten sich hier oft Durchreisende über die weitere Wegstrecke und mochten sich bei der dürftigen Beleuchtung nicht mit papierenen Landkarten plagen.
„Hier“, sagte Robsténar und tippte auf einen Punkt im linken unteren Viertel des Brettes. „Das ist die Herberge von gestern. Hier verläuft der Weg.“ Er fuhr mit seinem gepanzerten Finger eine dicke Linie entlang, die die Hauptstraße darstellen sollte. „Und ungefähr hier, da habe ich die Spur verloren.“
„Eine Spur gab es also?“
„Etwa hier, auf Höhe des Hügelkamms, erinnerte sich ein umherstrolchender báchorkor noch, die beiden gesehen zu haben. Danach bin ich an die Gehöfte heran geritten. Bei einem waren sie wohl tatsächlich aufgetaucht, aber danach hat niemand etwas bemerkt. Sie müssen irgendwo zwischen hier und hier verschwunden sein.“
„Ach ja, der báchorkor. Habt Ihr dem gesagt, er solle sich uns anschließen?“
„Hat er das getan?“
„Auf Euren Rat, ja.“
Robsténar zuckte die Achseln. „Was hätte ich machen sollen? Ich hatte nun wirklich keine Zeit, mir sein Geplapper anzuhören. Ist er bei Euch?“
„Irgendwo da bei unseren Leuten sitzt er.“
Láas nahm einen Schluck aus seinem Humpen. Dann tippte er auf einen anderen Punkt und fuhr mit dem Finger hinüber zur Burg von Wijdlant. Die war auch bei dem geringen Licht gut zu erkennen, denn eine kleine Krone aus Goldblech war daneben angenagelt.
„Wenn ich mir denke, was Herr Merrit sich denken würde, dann hat er wahrscheinlich eine Abkürzung genommen. Hier, quer hinüber. Da ist ein kleiner Talverlauf, kaum zu bemerken, wenn man nicht weiß, dass man drauf achten kann. Vater sagt, das war wahrscheinlich vor ewigen Zeiten mal ein kleiner Flusslauf, der nun trocken liegt.“
„So“, brummte Robsténar abfällig. „Braucht das eitle Jüngelchen also eine Landmarke, der er nachstolpern kann.“
„Habt Ihr das denn nicht bemerkt?“
„Ich musste ja nicht darauf achten.“
„Aber warum sollte Merrit die Straße verlassen? Sie hatten doch genug Zeit. Er wird doch sein Pferd nicht bei einem Geländeritt riskieren?“
„Yarl Robsténar“, mischte Tíjnje sich ein, „Ihr sagt, auch die Bauern hatten beide gesehen? Herrn Merrit und Herrn Osse?“
„Von zwei Reitern war die Rede, ja.“
„Dann sind sie den verdächtigen Vogel irgendwie losgeworden. Den Mächten sei es gedankt.“
„Hoffentlich hat Merrit ihn nicht niedergemacht“, unkte Láas. „Wenn der Kerl etwas Krummes versucht hat, dann ist es ihm schlecht ergangen.“
„Sicher hat er es mit der Angst bekommen, also ihm klar wurde, mit wem er sich abgegeben hat“, grinste Jándris. Der hatte sich auch einen Becher beschafft und schien zufrieden mit den Neuigkeiten.
Robsténar schüttelte den Kopf. „Angst? Vor dem großspurigen Jüngelchen?“
„Täuscht Euch nicht und nehmt Merrit Althopian nicht zu unachtsam.“ Láas grinste. „Es gehört einiges dazu, unsern Freund zu erzürnen. Aber wenn ihn einmal die Wut packt …“
„Láas!“, mahnte Tíjnje. Der Ritter verstummte gehorsam, warf Robsténar aber noch einen bedeutungsvollen Blick zu.
„Tíjnje!“, rief die eld-yarlara. „Nun lass doch die Herren unter sich sein! Komm, leiste uns Gesellschaft, Kind!“
Das Mädchen seufzte. Dann legte sie Jándris die Hände auf die Schultern und beugte ihn zu sich her. Sacht berührten sie einander Stirn an Stirn.
„Halte durch, meine Holde. Ach, so begehrt bist du, wohin man schaut …“
„Ach, du und dein Mundwerk,“ neckte sie ihn. Der junge Mann lächelte, und sie eilte davon.
Weit kam sie nicht. Als sie an der Tafel vorbei ging, wo das junge Burgvolk saß und aß, erhob sich Tridna von der Bank, viel zu eilig, als es ein Zufall sein konnte.
„Herrin! Ein kurzes Wort!“, wisperte das dralle Mädchen.
„Ganz kurz, Tridna! Ich wurde gerufen, ich muss eilen.“
„Der báchorkor“, sagte Tridna. „Der ist … komisch.“
„Komisch?“
„Ja, aber nicht lustig. Ich bin bei meinem Esel.“ Tridna senkte den Blick und verneigte sich vor ihr. Dann ging sie fort und aus dem Saal, so rasch, als müsse sie sehr eilig ins Freie. Tíjnje schaute sich suchend um. Ja, da war er ja, der báchorkor. Aber er saß nicht mit den anderen an einem Tisch. Er hatte seinen Suppennapf mit sich genommen und sich damit in einen Winkel zurückgezogen, ganz am äußersten Ende einer Bank. Für einen Geschichtenerzähler wirkte er nicht sonderlich gesellig.
„Tíjnje!“, rief die eld-yarlara. „Nun lass doch unsere liebe Freundin hier nicht warten und dich nicht immerzu bitten!“
Aha? Eine liebe Freundin war Frau Válgundra also schon geworden. Offenbar war die Dame sehr verständig darin, sich zu präsentieren. Nun, da war es wohl besser, ein Auge darauf zu haben. Das Mädchen setzte sich an die Seite seiner Großmutter. Die ältere Edeldame ließ ihren Blick liebevoll über ihre jungen Schutzbefohlenen schweifen, die sich im Saal an Brei und Brot labten. Erschöpft waren sie alle und lange nicht so lebhaft wie in der vorangegangenen Nacht.
„Haltet Ihr all diese Leute aus?“, fragte Válgundra Robsténar. Man hatte ihr blauen Wein in einem Glasbecher gebracht. Das Trinkgefäß war sehr schlicht, gehörte aber sicher zum Vornehmsten, was die Herberge zu bieten hatte.
„Apfelwein, bitte“, bat Tíjnje den wartenden Schankknecht und streckte die Beine unter dem Tisch aus, soweit es nicht unschicklich war. Viele lieber hätte sie sich einen Augenblick irgendwo niedergelegt. Das Gesäß tat ihr vom langen Reiten weh. Válgundra Robsténar schien diesbezüglich keine Probleme zu haben. Tíjnje nahm sich vor, morgen in der früh unauffällig den Sattel der Dame zu inspizieren. Entweder war der äußerst raffiniert gepolstert, oder die Dame hatte eine gestählte Kehrseite.
„Natürlich“, verriet die eld-yarlara. Die Dame hatte in ihrem Wagen die bei Weitem komfortabelste Reise gehabt. „Wie oft im Leben haben die jungen Leute denn die Gelegenheit, an so etwas teilzuhaben?“
„Es ist überaus großzügig von euch. Allein die Verpflegung und Unterkunft wird Euch ein Vermögen kosten.“
„Es hält sich in Grenzen. Mein hýardor hat schon im vergangenen Winter eine Absprache mit einem Bauern außerhalb der Burg getroffen. Unsere Leute kommen in einer Scheune unter. Das ist besser, als in der überfüllten Burg oder in Zelten zu nächtigen.“
„Eine ganze Scheune? Mädchen und Jünglinge zusammen?“
„Die halbe Scheune. Es werden auch Schutzbefohlene aus dem yarlmálon des hýardor meiner Tochter erwartet. Und aus Altabete kommen auch welche zum fest der teirandanja.“
„Wie kurios.“ Válgundra Robsténar ließ nicht durchblicken, ob sie wohlwollend oder befremdet war. „Am Ende des Festes werden sich wohl viele neue Paare gefunden haben. Das halbe teirandon wird sich miteinander vermischen.“
„Ist das nicht der Sinn eines vasposár? Es ist für die jungen Leute. Und die Liebe.“ Die eld-yarlara lächelte. „Ich selbst habe meinen hýardor bei einem Turnier gefunden. Nun, es war kein vasposár. Aber ich erinnere mich so gut an diesen Tag. Es war-“
„Was erhofft Ihr Euch auf dem Fest?“, fragte Tíjnje, bevor die Großmutter ihre wehmutsvollen Erinnerungen ausbreiten konnte. „Sucht Ihr nicht auch Euer Glück? Oder seid Ihr nur hier, um Euren Bruder zu hüten?“
„Ihr habt eine sehr kecke Zunge, Tíjnje Moréaval.“
„Vergebt mir. Ich wollte Euch nicht in Verlegenheit bringen.“
„Tíjnje!“, mahnte die eld-yarlara.
„Es ist gut“, sagte Frau Válgundra rasch. „Es gefällt mir, wenn eine junge Dame ihre ungestüme Rede führt. Ist die teirandanja auch so forsch?“
„Ich werde nicht über meine Herrin tratschen“, antwortete Tíjnje hoheitsvoll. Wie ärgerlich! Da war ihr die Dame elegant eine Antwort schuldig geblieben.
„Schade.“ Die Dame lächelte belustigt. „So ein bisschen Tratsch heitert doch das Tischgespräch ungemein auf.“
Aus der Küche würde Brot und Mus herbeigebracht. Es war auf besseren Tellern als unten im Saal, und es waren etwas mehr Gewürze und geriebener Käse daran. Aber im Prinzip aßen sie dasselbe wie die Schutzbefohlenen. Unter denen schien sich zunehmend Schläfrigkeit auszubreiten. Aber natürlich würde sich niemand in einen der Schlafsäle zurückziehen, solange die eld-yarlara noch speiste.
Tíjnje beobachtete. Láas, Jándris und Herr Bjöngsten hatten sich an einem kleinen Tisch nahe des Schanktisches niedergelassen, in der schräg gegenüber liegenden Ecke des Saales. Sie aßen, aber Láas schien keinen großen Appetit zu haben. Er leerte seinen Napf, wechselte dann ein paar Worte mit den beiden anderen und verließ den Saal. Jándris grinste ihm geradezu respektlos nach. Tridna war derweil nicht wieder zurückgekehrt. Nun, dachte Tíjnje, wenn sie später den einen suchte, würde sie wohl beide finden. Robsténar schien nicht zu durchblicken, was vorging. Er begann, sich mit Jándris zu unterhalten. Vielleicht wollte er mehr über das Turnier herausfinden.
Der báchorkor saß abseits und blickte finster drein. Vielleicht schmeckte ihm das Bier nicht, das man ihm gebracht hatte.
„Langweilt Ihr Euch?“, fragte Tíjnje.
„Wie könnte ich mich langweilen, wenn ich doch so angenehme Tischgesellschaft habe?“, gab Válgundra Robsténar zurück.
„Ihr könnt es ruhig sagen. Vielleicht haben wir Abhilfe. Ich für meinen Teil hätte jetzt Lust auf eine Geschichte.“
„Oh ja!“ Die eld-yarlara strahlte. „Ich habe schon länger keine Geschichte gehört.“
Tíjnje erhob sich. „He!“, rief sie in den Saal. „Báchorkor! Komm her!“
Der báchorkor schrak auf, aber es war merkwürdig. Es schien für einen Herzschlag, als fühle er sich nicht angesprochen. Doch dann stand er hastig, zu hastig auf und kam zu ihnen. Wie merkwürdig. Was mochte seine Gedanken so beanspruchen?
Jándris erhob sich. Er ließ sich seinen Humpen nachfüllen und schlenderte dann hinter dem Geschichtenerzähler her.
„Herrinnen?“, fragte der báchorkor knapp.
„Wir möchten eine Geschichte hören. Erzähl und etwas, uns und unseren Leuten.“
Der Mann schaute Tíjnje mit einem seltsam blanken Blick an. Es sah aus, als habe ihm ein Windstoß sämtliche Gedanken aus dem Kopf geweht.
„Eine Geschichte?“
„Es muss nichts Langes sein.“ Die eld-yarlara nickte ihm ermunternd zu. „Nur etwas, das uns ein wenig zerstreut nach der anstrengenden Reise.“
„Eine Geschichte“, wisperte jemand nahebei am Tisch. „Wir bekommen eine Geschichte!“
Kurz wurde getuschelt. Dann waren auch die jungen Leute ganz Ohr.
„Ich … es ist spät, edle Damen. Wollte Ihr Euch die Geschichte nicht besser für morgen aufheben? Für den Weg?“
„Ach bitte!“, rief eines der jungen Mädchen aus. „Nur eine ganz kleine!“
„Es darf auch etwas Einfaches sein“, sagte Tíjnje. „Was für Kinder. Ein schönes Märchen für etwas Zerstreuung. Für eine große Erzählung hat hier heute wohl niemand mehr die Aufmerksamkeit.“
„Aber… ich bin erschöpft, Herrinnen. Meine Zunge ist schwer, und …“
„Wie kurios“, sagte Jándris. Er stand nun direkt neben dem báchorkor. „Da muss ich erst hier mitten ins Nirgendwo reisen, um so eine Seltenheit zu sehen.“
„Was?“
„Na, einen báchorkor, der sich die Gelegenheit auf einen so einfachen Lohn entgehen lässt.“
Ein paar Leute im Saal kicherten. Darunter auch die anderen Herbergsgäste, die wohl auch auf eine Erzählung hofften.
Der Weinschenk, der gerade den Apfelwein brachte, stellte den Krug nieder und winkte aufgeregt in Richtung der Küchentür. Zwei junge Küchenmägde und eine rundliche Frau mit einer Kochmütze kamen heran, und ein Junge, der mit einem Tuch eine Servierplatte abtrocknete.
„Ich … brauche keinen Lohn“, behauptete der Erzähler.
„Ich hab schon schöne Geschichten um ein Stück trockenes Brot von deinesgleichen gehört“, sagte yarl Robsténar, den es nicht allein am Ecktisch hielt. Er klang nicht so, als würde er Widerworte von einem báchorkor akzeptieren.
„Ich frage mich, auf wessen Kosten du hier gespeist und getrunken hast“, mahnte nun auch Frau Válgundra.
Fürwahr, dachte Tíjnje. Tridna hat recht. Der Mann ist sonderbar. Er sieht als, als würde er am liebsten weglaufen. Aber an Jándris und Robsténar kommt er nicht vorbei. Nun, vielleicht ist er wirklich nur müde und schlecht gelaunt.
„Bitte“, sagte sie laut. „Wir hätten so gerne eine Kostprobe von deiner Kunst. Weißt du, auf dem vasposár muss auch jemand die teirandanja und ihre Gäste unterhalten. Es wäre nicht schlecht, wenn ich dem mynstir einen báchorkor empfehlen könnte, der zu gefallen weiß. Es würde ihm die Auswahl erleichtern.“
„Dem mynstir?“
„Dem mynstir meiner Herrin. Ich denke, sich um diese kurzweiligen Dinge zu kümmern, wird die Sache von yarl Emberbey sein.“
Schlagartig waren wieder Gedanken im Hirn des báchorkor. Jedenfalls wurde sein Blick fest, fast entschlossen.
„Ein Märchen, ja?“
„Oder ein Abenteuer, wie es dir beliebt“, verlangte die eld-yarlara arglos.
„Nur keine Flüstergeschichte.“ Jándris schmunzelte. „Es sind tugendsame kleine Mädchen im Raum.“
Tíjnje zeigte ihm ihre Zungenspitze, aber er reagierte nicht darauf. Er hatte begriffen, was sie vorhatte.
„Gut“, sagte der báchorkor zu ihrer Überraschung. „Dann kommt näher, damit ich nicht so schreien muss. Ich hab eine Geschichte für euch. Von … von einem Ritter. Einem, der auszog, um Vergeltung zu finden.“
Hinterlasse einen Kommentar