Der Wald war still. Jedenfalls, solange man von nächtlichen Kreaturen wie den Fahlfüchsen und den Eulen absah, die auf der Jagd nach kleinem Getier waren, lautlos und diskret. Das Feuer knisterte, spendete Wärme und hatte die Kastanien in kleine heiße Köstlichkeiten verwandelt. Galéon beobachtete belustigt, wie Raýneta davon aß. Sie war hungrig und hätte die ungewohnte Köstlichkeit genauso gut herunterschlingen können. Aber das tat sich nicht. Sie knibbelte mit spitzen Fingern die heiße, leicht verbrannte Schale fort. Sie aß so manierlich, als habe sie eine edle Speise vor sich, von der man mit feinen Manieren aß. Vielleicht das seltsame Gemüse, dass einem großen Tannenzapfen ähnelte und von dem man Schuppen zupfen musste.

„Nimm.“ Er fischte die letzten Baumfrüchte aus der Glut. „Solange sie heiß sind.“

„Aber du hast kaum gegessen!“

„Ich habe genug. Du musst noch wachsen. Ich werde ohnehin nicht mehr größer.“

Sie zögerte, konnte dann aber doch nicht widerstehen und griff zu.

„Morgen um diese Zeit sitzt du an der Tafel von yarl Althopian. Da gibt es wieder weißes Brot und warme Suppe.“

„Ganz sicher?“

„Wir sind bereits auf seinem Land. Nur noch etwas Geduld, bis es hell wird.“

Sie hörte auf zu kauen und schaute zu ihm hinüber.

„Ich bin froh, wenn du bei ihm bist. Er bringt dich sicher zu deinem Bruder und deiner Schwester. Dann bist du in Sicherheit und nicht mehr auf der Flucht.“

Sie schluckte herunter und schien über etwas nachzusinnen.

„Nun lächle doch“, forderte er sie auf. „Bald ist alles gut. Freust du dich denn etwa nicht, wieder unter freundlichen Menschen zu sein? Unter deinesgleichen? Unter Leuten, die an Tischen sitzen und in Betten schlafen?“

„Na ja“, sagte sie bedachtsam und schälte die letzte Kastanie. „Ein bisschen vermisse ich es schon, von einem Teller zu essen.“

„Und du bekommst dein Festkleidchen. Auf dem Fest der teirandanja werden all die vornehmen Leute dich anschauen und sich fragen, wer wohl diese liebreizende kleine fánjula ist. Und dann werden deine Geschwister stolz berichten, dass du ihre geliebte und liebreizende Schwester bist. Wer weiß? Vielleicht darfst du beim Turnier sogar neben der teirandanja sitzen.“

Sie lächelte, ganz kurz, erlaubte sich vielleicht tatsächlich diesen kleinen, unschuldigen kindlich-eitlen Gedanken. Aber es lenkte sie nicht lange genug von dem ab, worüber er nicht sprechen wollte.

„Ich will, dass du mit mir zum vasposár kommst“, sagte sie schließlich.

„Nein. Es wäre zu gefährlich, euch zu begleiten.“

„Aber yarl Althopian ist ein guter Mann! Er war so oft bei uns. Mein Vater hat ihn sehr gern gemocht. Der freut sich bestimmt, wenn du mit uns kommst. Er hört sicher auch gern schöne Geschichten und gibt dir gute Sachen dafür.“

„Nein. Unsere Wege müssen sich trennen.“

„Und wenn der Schattenmann zurückkommt?“

„Dann könnte mir yarl Althopian auch nicht beistehen. Wenn ich allein weiter reise, dann wird der Schattenmann sich nicht um euch kümmern. Es ist besser so. Ich locke ihn von der Burg fort und von allen, die du lieb hast.“

Sie machte ein Gesicht, so enttäuscht wie ein kleines Mädchen nur aussehen konnte, wenn ihm ein Wunsch verweigert wurde. Aber da war mehr als Missvergnügen. Galéon nahm kindliche Sorge wahr, Mitgefühl. Unbehagen.

„Ich hab dich aber auch gern“, erklärte sie. Das rührte ihn auf eine Weise an, die ihn besorgte.

„Du bist sehr tapfer, Vögelchen. Ich werde auf meinen Reisen viele Geschichten von dir erzählen.“

„Von mir?“

„Von dir. Ich werde ganz viel von der mutigen yarlaranda erzählen, die einen gefährlichen Feind mit einer Breischüssel abgeworfen hat.“

„Das war doch nun Zufall.“

„Na und? Alle Kinder finden so etwas lustig. Sie werden darüber lachen, wie du das Schlimme lächerlich gemacht hat. Die Erwachsenen werden respektvoll schaudern. Und wer weiß? Vielleicht wirst du eines Tages einen anderen báchorkor in deiner Halle empfangen. Und der wird deinen Söhnen und Töchtern von dem meisterhaften Schüsselwurf der tapferen yarlaranda erzählen. Und du wirst du voller Stolz offenbaren, dass du mit ebendieser yarlaranda sehr gut bekannt bist und jedes Wort die volle Wahrheit ist.“

Sie runzelte die Stirn und dachte nach. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Ich glaube, ich bin schon zu alt für diese Geschichten. Und das Schlimme lässt sich mit Brei nicht besiegen.“

Er verkniff sich ein Grinsen, aber sie bemerkte es und schenkte ihm einen missfälligen Blick. Dann warf sie die Schalen ins Feuer. Es loderte kurz auf und brannte wieder auf die spärlichen Flammen herab, die sie mit feuchtem Reisig und etwas Laub zustande gebracht hatten. Dass er das jämmerliche Feuerchen unauffällig frei von Qualm und züngelnd zauberte, konnte sie nicht wissen. Aber es wärmte kaum über die natürliche Glut heraus, und das war zu wenig.

Das Pferd fraß vom Herbstlaub, das reichlich hier unter dem Bäumen lag. In der Nähe raschelte ein größeres Tier.

„Du solltest versuchen, eine Weile zu schlafen. Es war ein anstrengender Tag.“

„Passt du auf mich auf?“

„Natürlich. Aber ich glaube nicht, dass der Schwarze Meister uns heute behelligt. Ich denke, er ist mit etwas Wichtigerem beschäftigt.“

„Womit?“

„Wer weiß?“

Sie schauderte. Dann stand sie auf und tappte um das Feuer herum auf ihn zu. Wortlos und demonstrativ setzte sie sich neben ihn.

„Du sollst auch in Sicherheit sein“, sagte sie leise. „Du sollst mitkommen. Ich will das so!“

„Du musst dich nicht um mich sorgen. Sobald ich weiß, was der Schwarze Meister vorhat, kann ich ihm begegnen. Aber ich brauche Hilfe.“

„Hilfe? Von wem?“

„Es gibt … andere. Meinesgleichen, wenn auch von anderer Art. Sie müssen erfahren, was sich in Emberbey zugetragen hat und dass er zurückgekehrt ist. Ich bin nicht allein, Vögelchen. Ich muss die anderen nur finden.“

„Wo sind die anderen?“

„Vielleicht schon näher, als man denken mag. Wahrscheinlich haben sie ihn längst bemerkt.“

Sie schaute zweiflerisch zu ihm auf. Dann rückte sie nahe an ihn heran und lehnte sich an seinen Arm, bevor er ihr ausweichen konnte. „Es ist kalt“, klagte sie. „Das Feuer ist nicht warm genug.“

„Feuer gehört zu Pataghiú. Besser kann ich es nicht.“

„Ich friere.“

„Ein warmes Bett“, beschwor er sie. „Warmes Essen. Bestimmt auch ein warmer Badezuber mit duftender Seife. Halt nur noch bis zum Morgen durch. Und nun schließ die Augen und hab keine Angst. Träum etwas Gutes. Sonst wird der Schlaf knapp.“

„Aber die Tiere rascheln. Die machen zu viel Lärm. Und was, wenn ein Wildwolf kommt?“

„Wildwölfe kommen nicht ans Feuer. Ich passe auf.“

„Schläfst du nicht?“

„Später.“

Sie fröstelte. Das Feuer genügte tatsächlich nicht, um sie zu wärmen, war gerade genug gewesen, um die Kastanien zu rösten. Galéon zögerte. Aber wieso eigentlich? Hier war doch niemand, der auf alberne Regeln achtete. Hier im Wald, wo allenfalls die Waldschweine und das Hochwild sie sahen, war Stand und Herkunft doch völlig egal. Sie war eine yarlaranda, aber vor allem war sie ein Kind, das fror. Sanft legte er seinen Arm um sie. So konnte sie sich an ihm wärmen. Als ob sie darauf gewartet hatte, schmiegte sie sich zutraulich an.

„Willst du eine Geschichte, Vögelchen?“

„Ja, bitte. Eine schöne mit einem guten Ende.“

Er begann ein Märchen. Eines von einem tapferen Mädchen, das Abenteuer zu bestehen hatte, um seine Geschwister aus großer Gefahr zu retten. Raýneta horchte auf seine Stimme, ohne recht bei der Sache zu sein. Sie kuschelte sich an ihn. Nach und nach sank sie zusammen und die Augen fielen ihr zu. Noch bevor er zu einem Ende kam, war sie eingeschlafen.

Galéon unterbrach die Geschichte. Aufstehen und sich bewegen konnte er sich jetzt nicht mehr. Sie hatte ihren Kopf auf sein Bein gebettet und träumte sanft. Er seufzte lautlos und strich über ihr zerzaustes, schmutziges Haar. Ihre schön geflochtenen Zöpfe hatten sich längst gelöst.

„Mögest du jemandem begegnen, der dich besser beschützt als ich, Vögelchen“, sagte er sanft.

Halte sie besser aus deinem Herzen heraus, empfahl das Traumphantom.

Galéon schaute auf. Aber er konnte seinen geisterhaften Mentor kaum sehen. Er war kaum mehr als ein Zittern, eine kleine Unschärfe in der Dunkelheit.

„Warum sollte ich?“, fragte er trotzig. „Ich habe sie gern.“

Weil es dir wehtun wird, sie zu verlieren. Das Traumphantom kam näher, wurde etwas greifbarer. Es ist nicht gut für uns, unser Herz mit etwas Sterblichem zu belasten.

Galéon antwortete nicht sofort. Dem Traumphantom schien die Stille zu missbehagen.

Du hättest sie nicht mitnehmen dürfen.

„Dann hätte ihr Weitvetter sie ganz beiläufig umgebracht, ohne darüber nachzudenken. Das konnte ich nicht zulassen.“

Das war deine eigenmächtige Entscheidung.

„Nein. Das Licht hat mir die Wahl gelassen. Das solltest du verstehen.“

Ich? Wieso?

„Weil du es warst, der damals mich gerettet hat.“

Das war etwas anderes. Bei dir war es eine Laune, das Kind zu behüten. Für mich war es ein Zeichen, ein Geschenk, dessen ich nicht würdig war.

„Und? Am Ende habe ich nichts anderes getan als du.“

Du irrst dich. Sie ist ein unkundiger Mensch. Du bist das nicht. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

„Und wenn ich ein ganz schlichtes Menschenleben gewollt hätte, mit einer hýardora? Wenn ich gerne eine Tochter gehabt hätte, genau so eine wie sie hier?“

Diese Wahl hattest du nun einmal nicht. Und ich, nebenbei bemerkt, auch nicht.

„Nein“, sagte Galéon müde. „Die Entscheidung hast du mir abgenommen.“

Hättest du damals schon den Verstand zu so einer Wahl gehabt, hättest du allen Ernstes anders gewählt?

„Hättest du mich ernsthaft gefragt?“

Er erwartete, dass das Traumphantom ihn für diese Bemerkung rügen, ihm Undankbarkeit vorwerfen würde. Aber das tat es nicht. Es kam näher und neigte sich über das Kind. Es betrachtete es prüfend. Und offenbar fand es nichts auszusetzen.

Habe ich einen Fehler gemacht?“, fragte Galéon. „Oder habe ich mir letztlich nur selbst wehgetan?“

Es ist nicht klug von unseresgleichen, sich zu sehr mit den Unkundigen einzulassen. Mehr sage ich nicht dazu.

„Aber ist es nicht gerade das, was von mir erwartet wird?“

Du wirst es begreifen, wenn es so weit ist. Mehr darfst du nicht wissen.

„Warum?“

Weil jedes Wort in dieser Sache dich verwirren könnte. Das Traumphantom richtete sich auf. Es schien mitten im Feuer zu stehen. Die Flammen züngelten um es herum und schärften seine geisterhafte Gestalt. Ich kann und darf nicht werten oder dir raten. Es ist nicht meine Aufgabe. Ich hatte die meine, und ich hatte meine Zeit.

„Ich will dich etwas fragen.“

Nun?

„Ist es nicht großes Unrecht, was geschehen wird? Wer bin ich, dass ich das Recht oder auch nur einen Grund hätte, das Herz der teirandanja anzurühren? Und das des jungen Mannes zu brechen? Was soll das alles bringen außer Leid und Leere?“

Du wirst es begreifen, wenn es so weit ist.

„Und wenn ich es einfach nicht will? Wenn ich es ablehne?“

Das Traumphantom lächelte nachsichtig. Was du willst, das spielt keine Rolle. Du hast keine Wahl. Du hast eine Mission. Warum sträubst du dich plötzlich so sehr?

„Was ist mit dem Schwarzen Meister? Ist er auch Teil des rätselhaften Planes?“

Nicht, bis er sich entscheidet, mitzuspielen. Und wenn das geschieht, dann ist mehr in Gefahr als das Leben des kleinen Mädchens oder das Herz einer teirandanja und ihres Ritters. Im Augenblick ist das für ihn nichts als Geplänkel. Wie leicht könnte es beginnen, ihn zu interessieren.

Galéon strich Raýneta geistesabwesend übers Haar.

„Wo ist er? Hat er tatsächlich aufgegeben? Verfolgt er uns noch?“

Ja. Aber nicht gerade jetzt. Er beschäftigt sich gerade mit einem anderen Spielzeug.

„Mit Venghiár Emberbey? Mit einem einfachen Unkundigen?“

Die machen ihm das größte Vergnügen. Aber das sollte dich nicht in Sicherheit wiegen. Sobald der junge Mann ihn langweilt, wird er sich an dich erinnern. Du musst deine Aufgabe vollenden, bevor er dich daran hindern kann.

Galéon nickte geistesabwesend. Das Traumphantom wartete.

„Und wenn ich es nicht tue?“, fragte der báchorkor. „Wenn ich es ablehne? Wenn ich einfach nicht hingehe?“

Du kannst nicht weglaufen. Du kannst es versuchen. Aber dann wirst du scheitern. Wohin du auch flüchtest, du kannst nichts an dem ändern, was passieren wird. Du machst es dir nur selbst zur Qual.

„Dann zählt mein eigener Wille nichts?“

Es geht nicht um deinen Willen. Du kannst wollen und tun, was du willst. Aber es wird nichts an dem ändern, was vorbestimmt ist.

„Vorbestimmt“, sagte Galéon bitter. „Haben die Mächte den Menschen nicht den Willen gegeben, um ihnen gefällig zu sein.“

Den Unkundigen, sagte das Traumphantom sanft. Nicht unseresgleichen. Nicht dir.

Galéon schwieg. Das Traumphantom verwehte in der Dunkelheit. Zurück blieben das schlafende Kind und das knisternde Feuer.

Der báchorkor horchte. Er hörte die Eulen, die Waldschweine und die Wildwölfe, wie sie in der Nacht ihren Geschäften nachgingen. Nicht weil entfernt schlug eine Finserteule ein Windninchen und riss ihm das Herz heraus.

Der Schwarze Meister war wichtig. Der gehörte nicht hierher, nicht ins Weltenspiel. Der musste besiegt werden. Das mussten die Magier tun.

Aber was konnte so wichtig sein, dass man die Unkundigen mit hineinziehen musste? Wenn das Kind so nebensächlich war, dass das Traumphantom ihn deswegen belächelte, wie konnte die teirandanja im selben Weltenspielplan so unverzichtbar sein?

Er versank in tiefe Gedanken, malte sich das eine und andere aus und hinterfragte alles, was er dachte und gesehen hatte und was das Traumphantom ihn in all der Zeit gelehrt hatte.

„Es ist nicht richtig“, murmelte er wieder und wieder zu sich selbst.

Als das Feuer heruntergebrannt war, hatte er einen Entschluss gefasst.