Manjév zögerte es bis zum letztmöglichen Moment heraus. Sie hatte am Fenster gewartet, bis die Bankettgäste sich vor der aufsteigenden Kälte in die Halle zurückgezogen hatten. Gedämpft hörte sie das Gewirr ihrer Stimmen. Der Duft der Mahlzeit zog sacht zu ihr empor. Es war erst das kleine Festmahl, weniger zu ihren Ehren denn zur Begrüßung der vornehmen Gäste, bevor das Interesse sich dem Turnier zuwandte. Das Küchengesinde hatte viel Zeit und Mühe aufgebracht, um eine angemessene Speisenfolge vorzubereiten. Bescheiden genug war, um zum großen Fest gesteigert zu werden, ausreichend erlesen, um dem hohen Gast aus dem benachbarten teirandon zu genügen.

Sie durfte es nicht ausreizen. Es wäre eine Undankbarkeit, die Küchenmeisterin und ihre Leute zu nötigen, alles warm zu halten. Immerhin, man hatte noch nicht nach ihr geschickt.

Die teirandanja warf einen bedauernden Blick auf Truda, die tief wie ein Stein schlief. Die weißen Blüten verströmten einen schweren Duft, herrlicher als jedes Duftwasser, das Manjév jemals besessen hatte. So entspannt, so ruhig sah Truda aus.

Aber nein. Tauschen wollte Manjév nicht mit ihr. Mochten die Mächte geben, dass sie noch lange keinen Trost von magischen Blumen benötigte.

Sie seufzte und wandte sich der Tür zu. In diesem Moment regte Truda sich im Schlaf, ein kleines Zucken ihres Fußes nur. Eine der mondweißen Blüten löste sich und glitt zu Boden. Manjév zögerte. Dann nahm sie es für ein Zeichen, bückte sich und hob die Blume auf. Vor dem Spiegel steckte die teirandanja die weiße Blüte in ihrem vom Edelstaub glitzernden Haar fest und öffnete dann die Tür.

Jóndere Moréaval nahm Haltung an. Der Ritter hatte an der Wand gegenüber gelehnt und ganz offensichtlich auf sie gewartet. Er trug nun ein vornehmes, mit Bronzefäden besticktes Gewand und ein leichtes Eisenzeug, das sie noch nicht oft an ihm gesehen hatte. Wahrscheinlich hatte er es ihr zu Ehren anfertigen lassen, genau für höfische Anlässe wie diesen.

„Seid Ihr bereit, Majestät?“, fragte er aufmerksam.

„Steht Ihr schon lange hier?“

„Ich geleite Euch hinüber zu Euren Gästen.“

„Aber warum habt Ihr Euch denn nicht bemerkbar gemacht?“

„Ich vermutete, Ihr bräuchtet Zeit, um Euch zu sammeln.“ Er verneigte sich. Manjév entging nicht, dass er sie intensiver musterte als gewohnt.

„Ich sehe albern aus, nicht wahr?“, fragte sie.

„Das fragt Ihr Euren Dienstmann, Herrin?“

„Würdet Ihr mir im Ernst antworten?“

„Ihr seid anmutig und liebreizend wie Pataghíus Glanz auf dem Morgentau.“ Er lächelte. „Und Euer Gewand ist wunderschön.“

„Danke. Eure hýardora hat mit meiner Mutter den Stoff ausgesucht.“

„Ich weiß.“ Er bot ihr seine gepanzerte Hand dar. „Darf ich euch führen?“

Sie legte ihre Finger auf die seinen. Jetzt wurde es ernst. Nun war sie Manjév von Wijdlant, die teirandanja. Alle Augen würden auf sie gerichtet sein. Es durfte ihr kein Fehler unterlaufen.

„Ist das eine von Tíjnjes Blumen?“, fragte er, während sie die Treppe hinabstiegen.

Nun, wenn er höflich plaudern wollte, war das keine schlechte Bemerkung. „Ist es unpassend neben dem Geglitzer?“

„Im Gegenteil. Diese Blumen bringen Glück, Majestät.“

Sie stiegen die Stufe zum Erdgeschoss hinab. Die Burg war fast menschenleer. Manjév wusste, dass fast alles Gesinde beim Bankett beschäftigt war.

Unten bei der Tür aber redete noch jemand.

„Ich glaube dem Schwindler kein Wort.“

„Obwohl der junge Pferdedieb entwichen ist?“

„Das war meine Schuld. Die doyara hat ganz recht. Ich hab ihn ja selbst unbewacht zurückgelassen.“

„Er kann nicht weit gekommen sein. Wenn wir Waffenknechte ausschicken, dann…“

„Nein. Lassen wir ihn laufen, Daap.“ Andriér Altabete klang müde und sah auch so aus. Manjév wusste genau, worum es gerade ging und bemühte sich um eine überraschte Miene. Als die beiden Ritter sie bemerkten, unterbrachen sie ihr Gespräch und verneigten sich. Sie waren ähnlich prächtig gekleidet wie Moréaval. Grootplen hatte sogar seine Amtskette poliert. Die Flammen einer der Feuerschalen bei der Tür spiegelten sich auf dem Gold.

„Was für ein Pferdedieb?“

„Nichts, was ich nun in raschen Worten erklären könnte, Majestät.“

„Aber Ihr wollt ihn laufen lassen?“

„Nun, es scheint, dass das fragliche Pferd auch in Freiheit ist. Mögen die Mächte es zum Turnierlager führen, denn dort ist es nicht.“ Daap Grootplen lächelte gutmütig.

„Das heißt, niemand hat das Diebesgut. Der junge Dummling hat sich nicht mit der unrechten Beute belastet. Vielleicht lernt er daraus, dass die Mächte Habgier nicht belohnen.“

„Und wenn er sich das nächste Stück raubt? Es sind viele reiche Leute hier“, fragte Manjév, nur um sich nicht den Anschein zu geben, wie erleichtert sie über Advons Entkommen war.

„Wir haben nicht die Männer übrig, die sich jetzt auf die Jagd machen könnten“, erklärte yarl Grootplen.

„Die Angelegenheit ist nicht wichtig genug. Außerdem bin ich ziemlich sicher, dass der tumbe Tropf selbst betrogen wurde. Unsere Waffenknechte werden hier gebraucht.“

„Wozu?“

Altabete antwortete nachsichtig: „Wer sonst sollte bei so vielen edlen Gästen hier für Sicherheit sorgen.“

„Wer“, hielt Manjév dagegen, „sollte etwas Übles planen?“

Die drei Ritter schauten sie einen Moment lang überrascht an. Manjév seufzte innerlich. Sie wollte nicht für naiv gehalten werden. Aber wie sonst sollte sie herausfinden, was hier gespielt wurde?

„Kommt, edle Herren“, sagte sie würdevoll. „Und denkt daran: Kein Wort über das Schicksal von yarl Emberbey, möge er hinter den Träumen Frieden finden.“

So. Damit hatte sie die Führung über die drei Männer übernommen. Ein wenig war sie über sich selbst überrascht. Sie war es gewohnt, in diesem Ton mit Láas, Jándris und Merrit zu reden, nicht mit den gestandenen Rittern.

Die Herren eskortierten sie über den Hof, wo sich nur ein paar versprengte Leute aufhielten, darunter Knechte, die Benjus von Valvivant begleitet hatten. Sie kümmerten sich um die Pferde, die noch aufgestallt werden mussten. Es war kein junger Mann dabei, der möglicherweise Trudas Interesse erregt hätte.

Sie nahmen eine kleine Seitentür, die zur Kopfseite der Halle führte. Von dort gelangten sie unmittelbar zu der Estrade, wo die Tafel der teiranday quer zu den Tafeln und Bänken in der Halle aufgestellt war. Als Manjév in Begleitung der Ritter eintrat, verstummten alle Gespräche im Saal. Gut zehn Dutzend vornehmer Personen erhoben sich von ihren Plätzen. Auch Kíaná von Wijdlant und Asgaý von Spagor standen vom Tisch auf. Offenbar war man über die Abwesenheit der teirandanja bereits beunruhigt gewesen. Die teiranda warf ihrer Tochter einen mahnenden Blick zu. Der Vater wirkte erleichtert.

Nur eine Person war sitzen geblieben. Benjus von Valvivant schaute mit alterstrüben Augen zu ihr hinüber, lächelte mit wenigen Zähnen und sah unglaublich alt aus. Manjév ließ sich von Moréaval ihren Stuhl zurechtrücken, grüßte die Gäste und forderte sie still auf, wieder Platz zu nehmen. Kaum saß auch der Letzte, strömten die Tischdiener herbei und begannen, Wein auszuschenken. In kürzester Zeit war der Saal wieder erfüllt von Gemurmel und Gelächter, an- und abschwellend und einförmig wie das Summen eines Bienenschwarms.

Irgendwie hatte man es fertig gebracht, zwei weitere Tischreihen in die Halle zu platzieren. Die edlen Damen und Herren und all die wichtigen Menschen saßen dicht gedrängt. Das Kaminfeuer, Kerzen und Lampen auf den Deckenleuchtern schafften so viel Licht, dass die Tafeln gut erhellt waren.

Du meine Güte, dachte Manjév überrascht. Wo haben wir das viele Geschirr her?

Dann wandte sie sich den Personen zu, die links, rechts und ihr gegenüber an der Ehrentafel saßen. Es waren drei junge Mädchen, ungefähr in ihrem Alter, eine davon etwas jünger. Manjév kannte keine von ihnen beim Namen, aber wahrscheinlich gehörten sie zum Gefolge aus Valvivant.

„Es ist eine Ehre“, sagte die, die an Manjévs linker Seite saß, auf Trudas Platz. „Was für eine Auszeichnung, an Eurem Tisch speisen zu dürfen.“

Ich bin geehrt, dass Ihr mir heute Gesellschaft leistet“, sagte Manjév förmlich. Wer ist das?, dachte sie zugleich. Die Mädchen kamen ihr bekannt vor, sicherlich war sie ihnen bereits begegnet, mindestens beim letzten großen Turnier in Valvivant. Das, bei dem sie sich von Truda zu dem lächerlichen Spiel hatte hinreißen lassen, über den beliebtesten jungen Ritter abstimmen zu lassen. Wie kindisch war das gewesen.

„Ihr seht bezaubernd aus“, sagte das Mädchen gegenüber. „Was für ein schönes Kleid Ihr tragt. Schlicht und doch geschmackvoll.“

„Danke.“ Musste sie auf so etwas mit einem Gegenkompliment antworten? „Es ist bescheiden gegen das auserlesene Stück, das Ihr tragt.“

Die junge Edeldame lächelte, nicht verlegen, nicht geschmeichelt. Sie sah aus, als hätte sie eine andere Bemerkung nicht akzeptiert. Ihr Gewand glänzte seidig, war mit zahllosen Stichen aus Goldgarn verziert und auf Figur geschnitten.

Ein Tischdiener kam heran, einen großen Krug in der Hand. Er schenkte den Damen von dunkelblauem Wein ein.  Die yarlaranda rechts von Manjév hob ihren Kelch. „Auf das Wohl unserer hochedlen Gastgeberin“, sagte aufgeregt. Manjév ging darüber hinweg, denn selbst ohne einen Ratgeber an ihrer Seite wusste sie, dass sie die Erste zu sein hatte, die den Wein kostete und den Becher hob.

„Möget Ihr alle eine gute Zeit in Wijdlant verbringen“, sagte sie. „Möget ihr beim Fest trefflich unterhalten werden, Euer Glück finden und als gute Freundinnen viele Male zurückkehren.“

„Möge all das den Mächten gefällig sein“, sagte das dritte Mädchen. Ihr Gewand war streng, fast schmucklos. Umso besser kam ihr Geschmeide auf dem dunklen Stoff zur Geltung. Er prangte in ihrem Halsausschnitt wie auf einem Präsentierkissen aus Samt.

Bei den Mächten, dachte Manjév. Wie finde ich heraus, wer sie sind, ohne zu fragen? Warum hat man uns einander nicht vorgestellt?

„Ich bin hocherfreut, dass ausgerechnet Euer vasposár uns wieder zusammenführt“, sagte die Erste. „Ich habe so oft an die kurzweiligen Stunden zurückgedacht, seit Ihr uns in Valvivant beehrt habt mit Euren jungen Herren.“

„Tatsächlich?“

„Es war unvergesslich!“, stimmte die zweite eilig zu, die so voreilig den Trinkspruch ausgebracht hatte. „Wir hatten so viel Vergnüglichkeit miteinander.“

Manjév tat, als erinnere sie sich. Nebenan am Tisch waren Vater und Mutter in lebhaftem Gespräch mit dem alten teirand und edlen yarlay aus anderen teirandon. Und das waren nur die Väter, Männer, die beim Turnier der jungen Leute nicht mittaten. Was geredet wurde, war nicht zu verstehen. Zu laut war ringsum das Geplauder aus mehr als hundert Mündern.

Manjév hielt Hilfe suchend Ausschau nach Moréaval. Aber auch die drei Herren saßen nun unten im Saal bei den Gästen. Ihre Plätze am Tisch der teiranday hatten sie den Gästen aus Valvivant überlassen. Tijnjes Mutter saß zwischen ihrem hýardor und ihrem Vater, zusammen mit einem Paar mit sehr bunten und glänzenden Gewändern, vielleicht aus Forétern. Oder doch aus Aurópéa? Jedenfalls wurde angeregt geplaudert. Die Herren ließen sich nicht anmerken, welche Unruhe der Mord an Alsgör Emberbey und der rätselhafte Pferdediebstahl ihnen bereitete.

„Es ehrt uns, dass wir heute den Platz Eurer Hofdamen einnehmen und Eure Tischgesellinnen sein dürfen. Darf man wissen, wo die beiden sind?“

„Die yarlaranda von Moréaval begleitet ihrer Großmutter auf der Reise hierher. Und die yarlaranda von Emberbey ist … unpässlich.“

„Wie bedauerlich. Ich hoffe, ihr geht es bald wieder besser.“

Das war höflich gesprochen, aber sicher nicht so ganz herzlich gemeint, das spürte Manjév. Aber wer konnte es den Mädchen verübeln? Nur auf diese Weise hatten sie es an den hohen Tisch geschafft.

„Und wo sind Eure Ritter“, fragte die mit dem Geschmeide begierig. „Sind sie im Turnierlager?“

„Nein. Die jungen Herren sind derzeit nicht in Wijdlant. Morgen oder spätestens übermorgen treffen sie sicher wieder ein.“

„Wie ungewöhnlich. Was hält die Herren gerade jetzt fern?“

„Sie … sind in meinem Auftrag unterwegs. Eine wichtige Sache, die vor dem Turnier zu erledigen war.“

Nun schauten alle drei fast ein wenig enttäuscht drein. Die Vorspeise wurde aufgetragen und brachte einen kostbaren Moment der Ablenkung an den Tisch.

War die mit dem prunkvollen Kleid die yarlaranda von Valeísé? Wie war doch noch gleich der Name? Und die Durstige … gehörte die überhaupt nach Valvivant, oder war bei diesem furchtbaren Turnier selbst Gästin gewesen?

Osse, dachte Manjév hilflos. Ohne Osse werde ich das nie würdevoll durchstehen! Und warum war Tíjnje nicht hier? Tíjnje hätte schnell herausgefunden, wer hier mit ihr am Tisch stand. Oder Jándris. Jándris hätte mit ein paar charmanten Bemerkungen längst nicht nur die Namen herausgefunden, vermutlich zu Tíjnjes leiser Missgunst. Ob Merrit die yarlarandaé im Gedächtnis hatte?

Nein. Merrit hätte sich für die Namen fremder Damen nicht interessiert. Zumindest nicht so sehr, dass er sie auswendig gelernt hätte. Er hätte für niemand anderen Augen gehabt als für sie.

Manjév aß von ihrer Pastete, nahm winzige Bissen und kaute sehr langsam, um schweigen zu können. Die anderen Mädchen taten es ihr nach, hatten ihre Schüsselchen aber viel schneller leer.

„Wollen wir wieder den Turnierfavoriten küren?“, fragte die Vorlaute. „Denkt nur, all die Wettkämpfer aus dem ganzen Weltenspiel! Wie aufregend wird das werden!“

„Ich werde meinen mynstir damit beauftragen, eine Liste anzulegen“, schob Manjév die Idee von sich weg, noch bevor sie begriff, was sie da sagte. Was tat sie da? Sie konnte doch unmöglich Osse mit einer solchen Narretei empfangen, wo es so viel Ernstes, Schweres gab, wovon niemand erfahren durfte.

„Was glaubt ihr, Majestät, werden sich Kämpfer im Turnier beweisen, die den jungen Herrn aus Valvivant und Wijdlant das Wasser reichen können?“

„Habt Ihr schon einige der entfernteren Herren gesehen?“, schloss sich die mit dem Geschmeide an.

„Den einen oder anderen.“ Manjév schob ihren leeren Napf beiseite. An dem Tisch unten zu Füßen der Estrade, wo an üblichen Tagen Láas, Jándris und Merrit speisten, saßen nun ganz unbekannte Leute. Sie glaubte, sich zu entsinnen, dass einer der Männer ihr erst gestern oder am Tag zuvor seinen Sohn vorgestellt hatte. Richtig! Yarl Ghelazia war das, der mit dem schüchternen Junker, der kaum ein Wort herausgebracht hatte. Wenigstens das kam ihr wieder in den Sinn!

„Mein Vater sagt, der yarl aus Ycelia sei ein gefährlicher Gegner, vor dem die Wijdlant-Ritter sich wohl in Acht nehmen müssten.“

„Was? Ycelia? Der mit dem Pelzumhang und der glitzernden Rüstung?“

„Ja, eben der.“ Die mit dem schönen Kleid lächelte, stolz auf das, was sie wusste. „Lasst Euch nicht täuschen von seinem geckenhaften Äußeren. Unter dem Glitzern soll sich ein gnadenloser Krieger verbergen.“

„Du liebe Güte!“ Die Vorlaute machte große Augen. „Hoffentlich macht der den … die anderen jungen Männer nicht hin!“

„Welchen Namen habt Ihr da gerade noch rechtzeitig verschluckt?“, fragte die mit dem Geschmeide interessiert. War das vielleicht doch jemand aus der weitläufigen Familie derer von Lebréoka? Manjév kam nicht dahinter. Eine Magd in ihrem wohl besten Kittel füllte ihr eine schwere gewürzte Brühe in ihr Schälchen. Bildete sie sich das ein, oder warf die Frau ihr, der teirandanja, einen beinahe mitleidigen Blick zu?

„Keinen!“, behauptete die Vorlaute und würde im Gesicht röter als der Wein, den ihr ein Mundschenk nachfüllte. „Ich meine ja nur … es wäre doch wirklich schade, wenn die jungen Herren so schnell aus dem Spiel wären.“ Sie kicherte etwas zu laut und nahm einen hastigen Schluck.

Manjév schaute Hilfe suchend nach den Eltern. Aber die hatten nur Augen für den alten teirand.

„Keiner wird einen anderen aus dem Turnier schlagen“, sagte sie abwesend. „Zumindest nicht am ersten Tag. Ihr sollt Euer Vergnügen wohl bekommen.“

„Was gibt es am ersten Tag?“, wollte die mit dem Kleid wissen. War das sicher jemand aus Valvivant? Schließlich waren noch genug andere hochedle Gäste von beiden Seiten des Montazíel zugegen.

„Das übliche“, sagte Manjév und begann, sittsam die Suppe zu löffeln. „Die Spielereien. Ihr wisst schon, im Ritt das Schwert vom Boden aufheben, Helme von Pfosten schlagen, Ringestechen und so.“

Die Vorlaute lachte kurz und etwas zu laut auf. Die anderen schauten sie verwirrt an. Das Mädchen biss sich auf die Lippen und entdeckte die Suppe, die schlagartig viel interessanter wurde. Dann schien auch die mit dem Geschmeide den Witz zu begreifen. Schamvolle Röte flutete auf ihre Wangen. Rasch wandte sie sich der Suppe zu.

„Übrigens“, sagte jene mit dem Kleid, die wissend lächelte. „Stimmt es, was man überall zu hören bekommt?“

„Was hört man denn?“

„Nun, dass Ihr Eure Wahl wohl schon getroffen habt, längst schon.“

„Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“

„Ihr müsst Euch doch nicht zieren. Es gibt wohl keinen der jungen Herren, der ernsthaft glaubt, Euren Favoriten übertrumpfen zu können.“

„Was für ein Favorit?“

Die mit dem Geschmeide legte den Löffel beiseite. „Nun, es ist doch kein Geheimnis. Ihr müsst die glücklichste aller fanjulaé sein, einen so grandiosen und artigen Galan zu haben.“

Nun, immerhin hatte sie es vermieden, ihn als hýardor zu bezeichnen. Manjév schnürte es die Kehle zu.

„Ich habe noch keine Wahl getroffen“, behauptete sie.

„Nicht? Ihr scherzt!“

„Nein. Wie könnte ich eine Entscheidung treffen, ohne zuerst die Auswahl gesehen zu haben?“

„Oh“, machte die mit dem Geschmeide anerkennend. „Ich habt recht. Wer kann sagen, welche Schätze sich anderswo verbergen!“

Die Vorlaute blickte auf. „Ist das wahr?“, fragte sie, so als könne sie nicht glauben, was sie hörte. Was zu gut klang, um wahr zu sein. „Es ist noch nichts entschieden?“

„Mit Verlaub, Majestät“, sagte die mit dem Kleid, fast ein wenig empört. „Was könntet Ihr für eine bessere Wahl treffen als Herrn Merrit?“

„Wer weiß“, sagte Manjév und verpackte ihren Ärger in lieblichen Plauderton. „Vielleicht stellt sich heraus, dass mir yarl Ycelia viel mehr zusagt? Es könnte doch recht unterhaltsam sein,.“

Nun waren die drei gleichsam entweder empört oder entzückt. Manjév genoss die Verblüffung und den Rest der Suppe.

„Ich jedenfalls“, sagte die mit dem Kleid schließlich, „ich würde Herrn Merrit wohl nicht abweisen wenn … wenn es sich ergäbe.“

Interessant, dachte Manjév düster.

„Ich auch nicht“, beeilte die Vorlaute sich. „Seit ich ihn beim Fest unseres teirand gesehen habe … es geht mir kaum aus dem Kopf.“

„So. Wie wunderlich. Ist er denn wirklich so eindrucksvoll?“

„Aber Majestät. Ihr müsst doch selbst zugehen, dass er … ausgesprochen gefällig ist.“

„So schmuck und stark und elegant“, meinte die mit dem Geschmeide verträumt. „So galant und artig.“

„Und wie geschickt er die Lanze führt“, schwärmte die Vorlaute mit rosenroten Wangen.

„Und diese Augen“, fügte die mit dem Kleid hinzu. „Dieses feine Gesicht, das Lächeln und diese geheimnisvollen blauen Augen …“

„Ich mag seine Haare“, sagte Manjév gleichmütig. „Ich hatte einmal ein Pferd, das sah ähnlich aus.“

„Wie ein Feuerblut aus Forétern“, hauchte die Vorlaute. Manjév konnte es trotz der Geräuschkulisse hören. Nun schauten alle drei versonnen ins Leere. Derweil wurde der nächste Gang aufgetragen.

Nein, dachte Manjév beschämt. Das war nicht nett von ihr gewesen. Und nicht auszudenken, wenn die Mädchen herumerzählen würden, dass sie den vortrefflichsten ihrer Ritter mit einem Pferd verglichen hatte.

Merrit würde vor Scham vergehen, wenn er davon erfuhr.

Vor Scham …

Etwa Unfertiges, Flüchtiges setzte sich in ihrem Geist fest, Manjév dachte nach und schwieg wohl zu lange. Die drei Mädchen nahmen zaghaft das Gespräch wieder auf. Es schien nun um Turnierpferde zu gehen, aber vermutlich redeten sie über etwas ganz anderes.

Bei den Mächten, und sie waren noch nicht einmal beim Hauptgang angekommen!

Einfach aufstehen konnte sie in dem Gedränge nicht. Der Saal war so voll, und sie fühlte sich doch ganz allein, inmitten des Geplauders, Gelächters und all der guten Speisen. Später würde es Musik geben, und vielleicht auch Geschichten.

Was die anderen, die, die sonst an ihrer Seite waren, wohl gerade jetzt erlebten?

„Übrigens“, drang die Stimme der mit dem Kleid zu ihr durch. „Man hat es versäumt, uns einander vorzustellen. Ich bin Ólefá Tjiergroen. Mein Bruder Tessorú tritt beim Turnier an. Sobald unser teirand hinter die Träume geht, werde ich die teirandanja von Valvivant sein.“