Pataghíus Glanz war gänzlich verloschen. Dafür schimmerten und funkelte Noktámas Schleier umso prächtiger am tiefblauen Himmel. Ihr Juwel erhellte die Wiese, auf der sie rasteten.

Merrit hatte den Platz gut gewählt, gerade noch rechtzeitig, bevor das letzte Tageslicht schwand. Ein weitläufiges, von Gras und struppigen, abgeblühten Stauden bedecktes Gelände war es, in Sommerzeiten sicherlich eine fette Weide für Schafe. Der Boden war nun fest, anders als bei den Äckern, die sie zuletzt überquert hatten. Mehrere kleine Baumgrüppchen reckten hier und da Äste in die Höhe, von denen bei jedem Windstoß Laub herab segelte. Einen hatten sie gefunden, der starke Wurzeln oberhalb der Erde ausstreckte. Das war als Sitzbank leidlich bequem, besser jedenfalls als der feuchte Erdboden. In ihren Laternen war noch etwas Öl von der vorangegangenen Nacht. Osse hatte alles zusammen geschüttet. So hatten sie ein wenig Licht, während sie sich für die Nacht einrichteten. Nun beobachtete der junge Mann unverwandt, wie Merrit sich um die Pferde und das Maultier kümmerte. Letzteres und das Pferd des sonderbaren Fremden tüderte er mit großer Sorgfalt. Seinen eigenen Hengst jedoch ließ er frei laufen.

„Hast du nicht Angst, dass er dir entwischt?“, fragte Osse, während das Streitross sich zielstrebig auf die Suche nach gutem Gras machte.

„Das tut er nicht. Er weiß, dass er in meiner Nähe bleiben muss.“ Er lachte. „Stell dir nur vor, ich stürzte im Kampf aus dem Sattel und er suchte das Weite. Die Treue lernen sie schon als Fohlen.“

Osse streckte die Beine aus und lehnte sich an den rauen Baumstamm. „Wie weit ist es noch?“

„Den Landmarken nach dürften bereits in Wijdlant sein. Aber es wäre unklug, im Dunklen weiterzureiten, abseits des Weges. So gut kenne ich mich nicht aus, als dass ich wie ein keptyen den Weg an den Sternen ablesen könnte. Im Augenblick folge ich nur dem toten Fluss.“

„Dem was?“

„Dem Flussbett, das hier mal gewesen ist, bis im Montazíel etwas zusammengestürzt ist und das Wasser umgelenkt haben mag. Aber jetzt ist es zu dunkel.“

„Ich habe nichts einzuwenden gegen eine Pause.“

„Dann ist es ja gut. Auch für die Tiere. Das Gras wird schön feucht über Nacht. Sie können grasen und zugleich ihren Durst löschen.“ Merrit machte sich an seinem Gepäck zu schaffen und förderte einen flachen Metallteller hervor. Aus einem Beutel schüttete er etwas Kohlestein darauf. „Es … tut mir leid, dass ich das Bier verschüttet habe.“

„Es wird wohl eine Nacht lang auch mit Wasser gehen.“ Davon hatten sie noch genug in ihren Kalebassen.

„Morgen Mittag bekommst du wieder etwas Angemessenes zu trinken.“ Merrit schaute prüfend zur Baumkrone hinauf, stellte sich dann auf eine der Wurzeln und zog sich an einem niedrigen Seitentrieb hoch. Behände kletterte er in die Höhe, griff dann nach einem kahlen Ast und ließ sich fallen. Das morsche Holz gab nach und brach ab. Merrit landete sicher auf seinen Füßen, als sei er eine Katze.

„Hier“, sagte er und reichte Osse das mürbe Holz an. „Als ob Pataghíu vorherbestimmt hat, dass wir hier vorbei kommen.“

Osse begann, den Ast in kleinere Stücke zu brechen und um den Feuerteller herum aufzuschichten.

„Wie genau ist eigentlich der Plan für das vasposár? Viel Zeit zum Ausruhen bleibt uns wahrscheinlich nicht, nehme ich an?“

„Offiziell beginnt es erst, wenn wir alle wieder in Wijdlant sind. Láas, Jándris und ich werden feierlich unseren Treueschwur gegenüber Manjév leisten. Diesmal so richtig, mit allem Gepränge und Formalitäten. Diesmal mit besonderem Brot, habe ich mir sagen lassen.“

„Das wäre das dritte Mal, wenn ich richtig mitgezählt habe. Es ist lange her. Aber wahrscheinlich hat es ohnehin nur mit Prunk und den richtigen Zeremonien Bestand vor den anderen yarlay.“ Osse lächelte nachdenklich. „Als ob es uns nicht schon damals so ernst gewesen wäre.“

„Anschließend übergeben wir Manjév unsere Geschenke.“

„Du willst mir wirklich nicht sagen, was du für sie beschafft hast?“

„Nein. Nicht jetzt.“

„Aber die Neugierde plagt mich.“

„Ich will dir aber die Überraschung nicht verderben.“

Osse brach das Holz. Tatsächlich war es nicht Wissbegier, die ihn bewegte. Aber er war sich nicht sicher, wie er es sonst hätte nennen sollen. Etwa Sorge? Oder das Bedürfnis, frühzeitig zu wissen? Planen zu können? Vielleicht auch zu lenken, bevor etwas sich ungünstig wenden konnte. Merrit klang so überzeugt von sich, so sicher, dass er etwas gefunden hatte, was Manjév nicht zurückweisen konnte. Vielleicht der letzte Strohhalm, an den er sich klammerte, um ihre Gunst zu gewinnen.

„Wenn das alles erledigt ist“, fuhr Merrit fort und brach einen zweiten toten Ast von einem anderen Baum, „findet das große Fest in der Burg statt. Das ist deine Aufgabe. Wahrscheinlich musst du den ganzen Tag langweilige Gespräche mit wichtigen Leuten führen. Wir Turnierkämpfer sind nicht dabei.“

„Warum nicht?“

„Bei den Mächten, Osse! Ein großes übermütiges Fest! Alle feiern die teirandanja und sind bester Stimmung. Musik und Tanz und Gaukeleien. Es wird erlesene Speisen geben und Getränke. Erlesene Getränke. Viel davon.“ Der junge Ritter zertrat den Ast am Boden in handlichere Stücke. „Es wäre von Vorteil, wenn wir am nächsten Tag noch allein in den Sattel kämen.“

„Ihr könntet tugendsam Maß halten“, schlug Osse ernst vor. „Wie es sich schickt.“

„Nein, das wäre zu grausam. Nein, besser, wir geraten gar nicht erst in Versuchung. Am Vorabend des Turniers sind wir also bereits im Turnierlager und bereiten uns in allem Ernst und Stille vor.“

„Dann bist du nicht dabei, wenn mein Vater mir den Ring übergibt?“

„Vielleicht kann ich es so einrichten, dass ich etwas Dringendes aus meiner Kammer holen muss, wenn es so weit ist. – Natürlich werde ich da sein. Ich lass dich doch nicht allein mit all den wichtigen Leuten.“

„Danke. Dafür verspreche ich dir, keinen Moment beim Turnier zu versäumen.“

„Das will ich dir geraten haben. So etwas bekommst du ohnehin so schnell in dieser Pracht und Fülle nicht mehr zu sehen. So viele hochedle Gäste und Wettkämpfer werden da sein. Die sollen auch was geboten bekommen.“

„Ich erwarte von euch dreien, dass ihr Manjév zu Ehren euer Bestes gebt.“

„Sicher. Schau mal!“

Merrit ließ von dem Ast ab und schritt auf die dürren Stängel einer Dornendistel nahebei zu. Dabei zog er sein Schwert und vollführte damit eine geschmeidige Folge von Streichen, während er selbst sich drehte und sprang wie ein Tänzer. Während Osse noch gleichsam fasziniert und verständnislos zusah, hatte der Ritter die Pflanzenhalme nicht nur abgemäht, sondern gleich noch in gleichmäßige Stücke zerteilt.

„Schau“, kommentierte Merrit sein Tun munter. „Ein Angreifer, der wäre jetzt in Scheiben.“

„Das hast du geübt,“ meinte Osse und legte die letzten Ästchen ab.

„Das hat mir ein Ritter aus Forétern beigebracht. Ich bräuchte eigentlich ein anderes Schwert dazu, aber so geht es auch.“

„Manjév ist sicherlich sehr beeindruckt davon. Es ist löblich, dass du dein Wissen erweiterst.“

Merrit schichtete die trockenen Halme über der Kohle auf.

„Möglich“, sagte er knapp.

„Hast du es ihr noch nicht gezeigt?“

„Doch. Aber …“

Er schwieg. Osse wartete geduldig.

„Ich glaube nicht, dass Damen einen Blick für diese Dinge haben. Wahrscheinlich sehen sie nur ungestüme Kerle, die sich scharfes Metall um die Ohren hauen. Gib mir die Laterne.“

Osse reichte das Gewünschte hinüber. Er überlegte sich den Einwurf, dass auch ihm die Kenntnis fehlte, die Feinheiten der Waffenkunst zu beurteilen. Aber das hätte Merrit sicherlich auch nicht heiterer gestimmt. Also ließ er es bleiben.

Merrit stahl mit einem Hölzchen von der Flamme, entzündete die Halme und blies das Feuer an, bis es die Kohle erreichte. Während der Ritter es anfächelte, begann Osse, das Holz  aufzuschichten. Kurz darauf wurde es heller und wärmer.

Der junge Ritter ließ sich nieder. Einen Moment lang blickten sie schweigend auf die züngelnden Flammen.

„Am ersten Tag gibt es nur Spiele“, fuhr Merrit schließlich fort. „Das Übliche eben. Eine Probe unseres Geschicks. Ringestechen, Tüchlein jagen und all dieses Zeug. Am zweiten Tag wird es ernst. Mann gegen Mann. Natürlich mit stumpfen Waffen.“ Er lachte flach. „Oder mit bloßen Fäusten, wenn ich an yarl Robsténar denke. Die teiranday haben eigens die doayra Isan einbestellt. Die rechnen damit, dass es was zu flicken gibt.“

„Herr Daap wird schon darauf achtgeben, dass es keine Unfälle gibt. Denk nur, wenn einem mächtigen Herrn aus einem anderen teirandon etwas zustieße.“

„Ja“, spottete Merrit. „Nicht auszudenken, wenn es zu einem Streit um Land und Leben käme, und niemand stünde daneben und würde uns die Stückchen wegnehmen, wenn wir zu wild aufeinander einprügelten.“

„Es ist ein Fest, Merrit. Keine Fehde und kein Krieg.“

Merrit wandte sich ihm zu. Sein hellblauer Blick schien Osse unschlüssig zwischen Belustigung und Tadel wanken.

„Osse Emberbey“, sagte der junge Mann dann ernst. „Warst du nicht derjenige, dessen Urahn mit einem einzigen Schuss einen Großteil eines Heeres aus Spagor vernichtet hat?“

„Sollte ich stolz darauf sein? Warst du nicht derjenige, dessen Urahn bei der Schlacht um Aurópéa legendäre Großtaten vollbracht hat?“

„Es hatte keine Wahl.“

„Mein Ahnherr ebenso wenig. Willst du dein Leben in einen Kampf werfen, Merrit? Was ist los mit dir?“

„Was sollte mit mir los sein?“

„Ich frage mich, ob es dich wurmt, dass du niemals den Ruhm tragen wirst, den dein Urahn sich n diesen dunklen Tagen erkämpft hat.“

„Den Ruhm“, sagte Merrit, „hat er erkämpft, weil er Leuten damit das Leben gerettet hat. Nicht einen Schritt Land hat er dazugewonnen, nicht eine Münze dafür bekommen.“

Osse wartete. In Merrits Kopf zuckten Gedanken einher, man sah es an seinen starren Augen, an seinen fast unmerklich zuckenden Lippen.

„Solange es dich gibt, und Láas und Jándris, und auch yarl Robsténar und die Herren aus Valvivant und anderswo … so lange muss niemandem mehr ein Leben gerettet werden. Zumindest nicht auf einem Schlachtfeld. Das ist vorbei, die Mächte seien gelobt dafür!“

Merrit lehnte sich zurück und blickte ins Feuer. „Es ist gut, dass das vorbei ist. Und wer weiß … vielleicht wird man uns bald schon nicht mehr brauchen.“

Aha.

Das Feuer qualmte und der Dunst hinterließ einen schmierigen Film auf Osses Augengläsern. Er nahm sie ab, zog ein Tüchlein hervor und begann vorsichtig, das kostbare geschliffene Glas zu putzen.

„Das Weltenspiel ist noch nicht so sicher, als dass die Mächte auf Kämpfer verzichten können. Und die teiranday erst recht nicht. Deine Söhne und Enkelsöhne werden ihrem ruhmreichen Vater noch lange nacheifern.“

Merrit schnaubte. Abfällig? Amüsiert? Enttäuscht? Verdächtig schnell beugte er sich über das Feuer und legte Holz nach. „Meine Söhne“, murmelte er, gerade so leise, dass Osse es am Flammenknistern vorbei hören konnte.

„Wie immer das Turnier ausgeht. Wenn du dich nicht allzu ungeschickt anstellst, wirst du für das teirandon viel Ehre und Bewunderung einheimsen. Die andern Turnierkämpfer werden es sich zweimal überlegen, ob sie dich jemals mit einer scharfen Waffe herausfordern wollen. Ist dir klar, dass du damit Schlimmes verhinderst, bevor jemand daran denken kann?“

„Aber …“

„Was glaubst du denn, warum der Herr aus Forétern dir seine Technik anvertraut? Doch nicht, wenn er fürchten müsste, dass du sie einmal gegen ihn einsetzt.“ Osse neigte sich vor und bereute es gleich wieder, denn augenblicklich verschleierten sich die Brillengläser.

„Ja“, sagte Merrit leise. „Wahrscheinlich werden die Gefechte kommender Tage in Schreibstuben mit Federn ausgetragen. Von Leuten wie dir. Und ganz ohne … fatale Unfälle.“

Er sagte das nicht verächtlich, nicht bitter. Aber so, wie er nun an seinem Feuer saß, die Arme auf den Knien abgelegt und den Blick irgendwo zwischen dem Feuer und seinen Füßen, wirkte er plötzlich erschöpft.

„Seit wann bist du ein verhinderter Kriegsheld, Merrit Althopian? Würdest du gerne im Kampf einen Gegner zerteilen? Täte dir das gut?“

„Nein. Natürlich nicht.“ Der junge Ritter vergrub sein Gesicht in den Händen. „Ach, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, Osse. Es ist …“ Er seufzte tief. „Vielleicht sollte ich jemandem das Leben retten. Das ist wohl das Einzige, was ich noch nicht probiert habe. Mangels Gelegenheit. Ach, verflucht!“

Er bebte, unterdrückte mit Gewalt ein Schluchzen und hieb sich dann mit der Faust so fest auf sein Beinzeug, dass es sicher eine Delle gab. Der Hand tat das nicht gut. Der Ritter zischte schmerzhaft auf und schrak aus seiner Überwältigung heraus.

Osse erhob sich, ging zu ihm hinüber und setzte sich neben ihn auf die andere Seite des Feuers.

„Das ist deine Schwerthand“, mahnte er. „Brich dir nicht kurz vor dem Turnier die Finger. Zeig her.“

Es war nicht schlimm, nur ein bisschen aufgeschabte Haut dort, wo die Handkante eine Niete getroffen hatte. Es blutete kaum. Osse zog ein sauberes Brillentüchlein hervor, tränkte es mit etwas Wasser aus seiner Kalebasse und wusch es aus, bevor Schmutz und Ruß hinein geraten konnten. Sicherlich hatte Merrit schon ernsthaftere Blessuren an sich selbst verarztet.

„Du hast so weiche Finger“, sagte er, sicher nur, um das Schweigen zu brechen.

„Meine Narben sind einfach feiner. Was denkst du, wie oft ich mich an Papier schneide.“ Osse blickte auf. „Merrit, wir sitzen hier noch eine Weile fest, bis es wieder hell wird. Magst du nicht dein Eisenzeug abnehmen, während wir auf Pataghíus neuen Glanz warten?“

„Und wenn uns jemand angreift, der dir ans Leben will?“

„Jetzt? Hier? Weitab von jeglicher Behausung? Sei nicht albern. Hier lauert kein übles Raubgesindel. Die würden sich die Beine in den Bauch stehen, wenn sie warteten, ob jemand kommt.“

„Aber ….“

„Wir bekommen dich auch schnell wieder gerüstet. Ich habe meinem Vater so oft dabei geholfen. Ich kann das noch.“

„Warum willst du, dass ich diesen Aufwand mache, wenn wir doch gleich weiter müssen?“

„Weil ich das Gefühl habe, dass dein Eisenzeug deine Rede einengt. Wann, wenn nicht jetzt, könnten wir uns frei und ohne fremde Ohren unterhalten? Du hast gerade selbst gesagt, dass uns in Wijdlant keine Zeit bleiben wird vor lauter … Zeremonien und Formalitäten. Und lauter hochedlen Gästen, die sie wahrscheinlich noch in den Schränken unterbringen mussten.“

„Das ist es nicht, Osse.“

„Was dann?“

„Hast du schon einmal Krebse gegessen?“

„Ja, habe ich. In Virhavét und längs der Küste ist das nicht unüblich als Speise. Daheim gab es das natürlich nicht. Mein Vater hätte den Koch von seinem Land gejagt, der es gewagt hätte, ihm so etwas vorzusetzen.“

„Hat es geschmeckt?“

„Es war nicht das, was ich erwartet hatte.“

„Wie schmeckt ein Krebs?“

„Mild“, gab Osse zu und wusste, dass er gerade das Gegenteil vom Gewollten erreichte.

„Siehst du. Das ist der Grund, weshalb Krustentiere auf der Tafel eines yarl nichts zu suchen haben. Wenn man den Panzer aufbricht, ist nur weißes Fleisch darinnen, das nicht einmal gut schmeckt.“

„Das hab ich nicht gesagt!“

„Wozu dann der Aufwand?“

„Warum diese Ziererei? Merrit, wir kennen einander, seit wir Knaben waren. Ich hab dich gesehen, bevor du dir dieses Panzerzeug angelegt hat. Und Manjév hat dich auch ohne deine Rüstung gesehen, damals.“

„Für Manjév trage ich das Eisenzeug.“

„Mag ja sein, aber wer hat es dir angelegt? Sie? Dein Vater? Dein ruhmreicher Vorfahr, der Leuten das Leben gerettet hat? Oder du dir selbst?“ Osse pochte gegen Merrits Brustplatte, wie an eine Tür. „Bist du da drin, Merrit Althopian? Und wenn ja, wo bist du? Versteckst du dich im tiefen Keller? Oder stehst du vor aller Augen auf dem Turm?“

„Lass mich!“, fuhr Merrit zornig auf und fuhr hoch. Doch noch bevor er aufrecht stand, verlor er die Fassung. Schluchzend setzte er sich nieder, auf den blanken Boden. Der Ritter krümmte sich zusammen und begann, zu weinen.

Osse wich überrascht zurück. Das hatte er nicht beabsichtigt. Vielmehr hatte er gehofft, in der verbliebenen Zeit Sinn in die sonderbaren Andeutungen aus den Briefen der Mädchen und den mitleidsvollen Andeutungen von Láas und Jándris zu bringen. Wenn er es jetzt verdorben hatte, dann gab es wohl keine Chance mehr, einzugreifen und die Dinge auf den richtigen Weg zu bringen.

„Erbärmlich, nicht wahr?“, kam es dumpf zwischen Merrits Armen hervor. „Wie gut, dass mich hier niemand jammern sieht!“

Ich sehe dich jammern“, antwortete Osse sanft. „Und vielleicht hast du viel zu wenig gejammert in den letzten Wintern.“

Er ließ den jungen Ritter ratlos eine Weile beben und schluchzen. „Darf ich dir das Eisenzeug abnehmen?“, fragte er dann. „Es wäre doch schade, wenn es durch Salz und Tränen rosten würde, findest du nicht auch?“

„Machst du dich über mich lustig?“

„Nein. Für lose Sprüche ist Jándris zuständig. Ich will, dass dir niemand wehtut. Und ich meine nicht yarl Robsténar mit seinen Fäusten.“

Merrit seufzte schwer und lehnte erschöpft seinen Kopf gegen Osses Knie. Der strich dem Ritter sacht über das weißblonde Haar.

„Deine Stirn ist ganz heiß.“

„Vielleicht ist es ein Fieber.“

„Nein. Es ist Manjév. Aber ich mag nicht glauben, dass es rohe Begierde ist.“

„Begierde?“ Merrit blickte empört auf. „Was kommt dir in den Sinn?“

„Liebe?“

Kann es Liebe sein, wenn es unerwidert bleibt?“

„Ich weiß nicht.“

„Manchmal denke ich nach“, redet Merrit weiter. „Manchmal liege ich nachts wach und frage mich, ob es ihr und mir nicht besser täte, wenn ich Wijdlant verließe.“

„Du weißt, dass das Unfug ist. Abgesehen davon, dass das nicht so einfach geht, solange dich die teriranday nicht in Ungnade fortjagen.“

„Ich könnte Manjév zum Ruhm auf eine lange Abenteuerfahrt ausziehen.“

„Du hast zu viele Romane gelesen. Du bist nicht der Smaragdritter. Damen warten nicht auf Heldentaten.“

„Träumst du manchmal? Schlimme Träume, meine ich, so schlimm, dass sie beim Erwachen weg sind wie eine gelöschte Kerzenflamme? “

Osse zögerte. „Ja. Der Docht noch warm, das Wachs weich, das Licht fort.“

„Manchmal ist da noch ein kleiner Rest. Bei mir jedenfalls. Wie etwas, das man im Augenwinkel sieht.“

„Und was siehst du?“

Merrit starrte ins Feuer. Der Qualm hatte längst nachgelassen, das Holz knackte und knisterte. Irgendwo auf der Wiese schnaubte eines der Tiere.

„Die schöne rote Dame“, wisperte er. „Hat die rote Dame dich auch schon in deinen Träumen besucht?“

Damit konnte Osse nichts anfangen. Ratlos legte er dem Ritter die Hände auf die Schulterplatten. Nach einer Weile spürte er Merrits Finger um die seinen.

„Hilf mir raus aus dem Eisen“, wisperte er. „Du hast recht. Es ist albern, im Nirgendwo zu hocken, auf Licht zu warten und nicht atmen zu können vor lauter Tradition.“