Pataghíus Glanz war bereits unter seinen Zenit gesunken. Es wurde kälter. Die Luft roch noch nicht salzig genug, das Ziel war also noch fern. Die Landschaft ringsum war eintönig. Karges Weideland, im Sommer fett und grün, nun dürr und farblos, wechselte sich mit Ackerflächen ab, die teils brach lagen, teils bereits winzigen grünen Flaum trugen.
Cró und Ungro waren denkbar schlechter Laune. Noch mindestens einen Tag wären sie unterwegs, immer querfeldein, abseits von den Straßen, genau so wie Venghiár es ihnen geboten hatte. Das war der kürzeste Weg, aber auch der, der nachts keinerlei Schutz bot und kein vernünftiges warmes Essen. Auf den beiden ersten Dritteln ihres Weges hatten sie sich über die Anordnung ihres Herrn hinweggesetzt und waren auf der Straße geblieben. Dadurch hatten sie zeitraubende Umwege in Kauf genommen, um die Pferde einzusammeln, die Venghiár bei den Bauern in der Einöde verteilt hatte. Eines fehlte ihnen noch, und so die Mächte auch mit Kerlen wie ihnen gnädig waren, würden sie obendrein noch etwas zum Essen bekommen. Ob der Kerl, der das letzte Pferd hütete, es wollte oder nicht.
Jeweils zwei Handpferde führten die beiden Knechte mit sich. Das war anstrengend, denn die Tiere hatten ihre eigenen Köpfe und ließen sich schwer antreiben, während die beiden Männer mit ihren eigenen Reittieren zu kämpfen hatten. Immer wollte eines stehen bleiben, um herbstmüdes Gras zu zupfen, ein anderes eine Rast einlegen oder keinesfalls Schritt mit den Artgenossen halten. Es war mühsam und lästig.
„Weisste, was wir hätten machen solln?“, fragte Ungro.
„Was?“
„Nach Süden abhauen und die Zossen verkaufen. Gibt bestimmt ‘n Markt dafür, in Wijdlant.“
Cró dachte tatsächlich einen Moment darüber nach. Aber es war Unfug.
„Lohnt sich nicht. So gut sind die Gäule auch wieder nicht. Würde schwer zu erklären, woher wir sie haben. Und bis nach Virhavét damit – ne. Da hätten wir sofort umdrehen müssen.“
„Ist noch nicht zu spät.“
„Dann hau doch ab mit deinen Viechern. Kommst aber auch nicht ins Warme damit, bevor’s Nacht wird.“
Ungro schnaubte unwillig. Er sah aber doch ein, dass es schlauer war, den Auftrag zu Ende zu bringen, auch wenn es eine weitere unbequeme Nacht mitten auf dem Feld bedeutete.
Sie trabten weiter. Der Feldpfad, nach dem sie sich richteten, würde sie geradewegs zu dem kleinen Gehöft bringen, wo das fünfte Pferd wartete; ein grober rotweißer Schecke, wie Cró sich entsann. Den hatten sie bei der Hinreise zu der Herberge an der Grenze nach Altabete als Erstes abgeliefert, denn er hatte sich vertreten. Nicht schlimm, aber Venghiár Emberbey hatte entschieden, dass das Pferd ein paar Tage Ruhe brauchte, bevor er es im Galopp benötigen würde.
Der Knecht ließ seinen Blick über die vier anderen Pferde schweifen. Irgendetwas, dachte er, war sonderbar. Aber er konnte nicht benennen, was es war.
„Wenn der Winter um is’“, redete Ungro weiter, „bin ich weg.“
„Wohin?“
„Weiß nich’. Weg von dem Giftwurm. Is’ zu kalt hier. In Aurópéa, da war’s warm.“
„Ach, Aurópéa.“ Cró nickte. Das waren Zeiten gewesen. Ihr damaliger Herr, der gefürchtete sinor Úldaise Tiáramalé, war kein Stück angenehmer als der junge Edelmann, für den sie sich jetzt abrackerten. Aber der Wein war besser gewesen, das Klima wirtlicher. Und es hatte mehr anschmiegsame Weiber gegeben. Nun ja. Solange sie genug Geld gehabt hatten. Aber diese Zeit, die war vorbei. Die Frauen hier, im yarlmálon Emberbey, die waren viel zu tugendhaft. Einmal hatte eine Ungro eine Ohrfeige gegeben, obwohl es dem eine Münze wert gewesen wäre.
„Hab gehört, Ivaál ist auch nicht schlecht.“
„Wenn Frühling ist“, beschloss Cró, „setzen wir uns über den Rífluír ab. Vielleicht nach Valvivant, fürs Erste. Soll auch recht nett sein. Ho! Benimm dich, Zosse!“
Eines der Handpferde war kurz stehengeblieben und hatte den Kopf hochgereckt. Cró zog unwillig am Zügel und es setzte sich wieder in Bewegung. Doch dabei blieb es nicht lange. Nach und nach wurden auch die anderen Pferde, einschließlich ihrer Reittiere unruhig. Alle sechs Rösser begannen, zu schnauben, zu prusten und zu tänzeln.
„He! Mistbiester! Wollt ihr wohl spuren?“
Auch Ungro kämpfte mit den Führzügeln. Sein Gaul scherte aus und schüttelte unwillig den Kopf. „Was soll das, Drecksvieh“ Er versetzte dem Tier einen unwilligen Tritt und brachte es zur Raison. Dann konzentrierte er sich wieder auf den Weg. „Schau mal. Da kommt wer!“
Cró blickte auf. Er hatte nicht damit gerechnet, dass um diese Tageszeit außer ihnen in dieser Einöde noch jemand unterwegs war. Aber tatsächlich, da bewegte sich jemand auf dem verlassenen Feldweg geradewegs auf sie zu. Ein Reiter war es, aber zwei Pferde.
„Wo will der denn hin?“, wunderte sich Cró. „In der Richtung kommt er heute nirgends mehr an.“
„Ganz schön eilig hat der’s. – He! Wollt Ihr wohl!“
„Biester!“
Sie versuchten, die Pferde zu kontrollieren, von denen die Hälfte nun nach links, die andere nach rechts ausbrechen wollte. Die Tiere unter den Sätteln konnten sich nicht für eine Richtung entscheiden. Ungros Reittier blieb plötzlich wie angewurzelt stehen und begann, unruhig zu scharren.
„Verflucht!“ Crós Stute begann, zu bocken. Er versuchte, sie anzutreiben, aber das Pferd begann, rückwärts zu laufen, riss den Kopf hoch und wieherte schrill.
Als hätten sie auf dieses Signal gewartet, gerieten alle Pferde außer Rand und Band. Jedes zog in eine andere Richtung, sie stampften und schnaubten und eines keilte in die leere Luft aus.
„Halt fest!“, rief Cró aus. „Wenn die Gäule abhauen, bringt der Giftwurm uns um!“
„Ich halt ja schon!“ Allerdungs tat Ungro sein Bestes, überhaupt im Sattel zu bleiben. Die sechs Pferde waren in höchster Unruhe, buckelten und scharrten, wieherten gellend und währen in alle Richtungen davongestoben. Allerdings – keines von ihnen kam so recht von der Stelle. Es war, als pferche ein unsichtbares Gatter sie alle zusammen.
„Verflucht! Bei den Mächten! Was soll das?“
„Die sind blöd geworden!“
„Aber hier ist doch nichts!“ Cró schaute sich verwirrt nach dem um, was die Pferde hätte scheu machen können. Weit und breit war nur plattes, herbsterschöpftes Land. Kein flatternder Vogel, kein Windninchen, das durchs Gras gehuscht wäre. Nicht einmal ein Windzug strich durch die hohen Salzgrasbüschel und trockenen Stauden.
Zwischenzeitlich war der Reiter nahe an sie herangekommen, bis auf einige Schritt hin zu den panischen Rössern und ihren beiden Hütern. Seine eigenen Pferde ließen sich von der Unruhe nicht mitreißen. Auf einem saß er, lässig wie in einem bequemen Sessel, das andere führte er an einem locker hängenden Halfter.
„Braucht ihr Hilfe?“, fragte der Mann interessiert. Aus seiner sanften Stimme stach ohne Zweifel unverhohlene Belustigung hervor.
„Aus dem Weg!“, fauchte Cró und zerrte an Zügeln und Führstricken, während sein Pferd unter ihm auf der Stelle buckelte. „Wollt Ihr unter die Hufe?“
„Weg!“, schloss sich Ungro an. Er hielt sich kaum noch richtig oben. „Weg, die Gäule drehen durch!“
Der Ankömmling lachte. Dann hob er seine Hand und gab er eine kurze, wortlose Melodie von sich, drei oder vier Töne nur.
Schlagartig erstarrten alle Pferde, fast als wären sie aus Holz.
Ungro verlor beinahe den Halt und wäre fast aus dem Sattel gerutscht. Crós Reittier stand so ruckartig still, dass es ihm wie ein Stoß durch den Rücken fuhr.
„So“, sagte der Reiter, „ist es wohl besser.“
Cró ächzte und schüttelte sich. Nun erst fand er die Zeit, den fremden Reiter genauer anzuschauen. Ein schlanker Mann in schwarzen Gewändern, mit einem breitkrempigen Hut auf dem Kopf. Viel mehr erkennen konnte man nicht, denn Pataghíus sinkender Glanz stand genau in seinem Rücken, sodass er für den Moment erschien wie merkwürdig scharfer Schattenriss. Sein Ross war ein prächtiges Feuerblut mit pechschwarzem Fell, gegen das das Handpferd an seiner Seite regelrecht stumpf und müde wirkte. Ein roter Schecke war es, den der Mann in Schwarz da am Zügel führte.
Cró runzelte misstrauisch die Stirn. Den Schecken kannte er doch?
„Wie habt Ihr das gemacht?“, staunte Ungro und hangelte sich wieder in einen aufrechten Sitz.
„Es ist gelungen“, sagte der Schwarzgewandete amüsiert. „Das sollte Euch reichen.“
„Aber …“
„Wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich komme im Namen von Venghiár Emberbey. Der wünscht seine unverzichtbaren Knechte unverzüglich auf seiner Burg zu sehen.“
„Seine Burg?“, fragte Cró verdutzt.
„Nachdem Herr Alsgör nun hinter den Träumen ist … ja.“
„Den alten Fisch hat’s erwischt?“
Der Schwarzgewandete wandte sich Ungro zu. „Möge er hinter den Träumen nicht mehr für Verdruss sorgen.“
„Endlich“, sagte Ungro herzlich. „Das wird Herrn Venghiár mächtig freuen!“
„Halt den Mund!“, fauchte Cró ihn an. Konnte man denn wissen, wie der unheimliche Kerl zu yarl Emberbey stand? Eine Taktlosigkeit konnte sich schnell rächen. Und an die schwarze Gestalt gewandt fragte er: „Und wer seid Ihr?“
„Ich? Ich bin ein guter Vertrauter von Herrn Venghiár. Der ist zurzeit auf der Burg unabkömmlich. Nichtsdestoweniger wünscht er, endlich jeden und das seine unverzüglich wieder in seinen Mauern zu wissen. Sowohl euch zwei als auch die Pferde.“
„Eines fehlt uns noch!“, rief Ungro.
„Nein.“ Der Fremde deutete auf den Schecken. „Den Weg habe ich Euch schon abgenommen.“
„Aber woher …“
„Lasst die unnützen Fragen“, rügte der Schattenriss. „Es ist höchste Eile.“
„Wir waren auf direktem Weg unterwegs zu Herrn Venghiár“, erklärte Cró rasch.
„Aber noch nicht seit Langem. Erwartet nicht, dass Herr Venghiár Euch Eure Auslagen erstattet. Und nun kommt mit.“
Er wendete sein Pferd und lenkte es nordwärts, auf das sinkende Licht zu. Der Schecke trottete gehorsam hinterdrein. Einen feinen Mantel trug der unheimliche Reiter, mit einer merkwürdigen Stickerei aus Silberfäden auf dem Rücken.
„He!“, rief Cró. „Ihr seid uns schon eine bessere Erklärung schuldig!“
„Jetzt gleich? Ich es euch nicht mehr wichtig, die Nacht in einem Bett unter einem Dach zu verbringen?“
„Aber …“
Der Reiter winkte ihnen ungeduldig. „Kommt! Solange Ihr mir nachreitet, verlieren wir keine Zeit. Auf! Herr Venghiár wartet!“
„Na dann“, murmelte Ungro und trieb seinen Gaul an. Zu Crós großer Überraschung setzte das gerade noch so aufgebrachte Pferd sich brav in Bewegung. Brav, aber irgendwie ungelenk. Schleppend. Die Handpferde taten es ihm nach und zockelten steifbeinig hinterdrein.
Cró schauderte. Dann spornte auch er sein Pferd wieder an. Es gehorchte und trabte los.
Es tat genau das, was es sollte, ohne Zaudern und Widerstand. Das war zwar angenehm, aber es fühlte sich … nicht ganz richtig an.
Wo Venghiár Emberbey diese seltsame Gestalt wohl aufgelesen hatte? Ob das auch einer seiner Freunde oder Vorgesetzten aus Rodekliv war? Immerhin: Er hatte das fünfte Pferd bei sich, musste also über den fehlgeschlagenen Plan im Bilde sein. Aber wie hatte er sie hier, mitten in der Einöde, so gezielt aufspüren können?
„Beeilt euch“, forderte der Reiter. „Ich habe keine Geduld mehr, länger zu warten, als dass Noktámas Schleier aufgezogen ist.“
„Unmöglich! Selbst wenn wir die Nacht durchreiten, brauchen wir mindestens bis mittags nach Emberbey!“
„Das“, lachte der Reiter, „lasst nur meine Sorge sein.“
Er trieb sein Pferd weiter, ohne weiter auf die beiden Männer zu achten.
Ungro warf Cró einen beunruhigten Blick zu. Offenbar hatte er endlich gemerkt, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.
„Cró“, zischte er halblaut, „der Kerl ist unheimlich.“
„Er ist mit dem Giftwurm im Bunde.“
„Soll’n wir abhauen? Pferde loslassen und ab dafür?“
Cró biss sich auf die Lippen. Lange nachdenken musste er nicht.
„Kannste vergessen“, sagte er dann. „Dem entkommen wir nicht.“
Die vielen Pferde folgten dem schwarzen Reiter, brav wie eine von unsichtbaren Hunden gelenkte Schafherde. Die Männer hörten den Fremden beunruhigend heiter vor sich hin summen.
Kalt war es geworden. Und aus den Wiesen zog Nebel auf.
***
Advon beneidete Dýamirée.
Wenn sie es eilig hatte, verwandelte sie sich einfach in einen Vogel und flatterte davon. Wenn sie es sehr eilig hatte, tauchte sie in den Schatten und kam an anderer Stelle wieder zum Vorschein. Er aber, er musste die Strecke von der Burg bis zum Versteck im Wald beim Turnierlager zu Fuß zurücklegen, ganz ohne Reittier. Das kostete Zeit, die er anderswo besser hätte nutzen können.
Kaum war er weit genug von der Burg entfernt, zerrte der Magier sich ärgerlich die Bandagen vom Kopf. Das war gar nicht so einfach, denn Isan war eine Meisterin darin, einen Verband sicher anzulegen. Das Eisenzeug in dem Sack klirrte bei jedem Schritt. Menschen kamen Advon auf der Straße entgegen, einmal sogar ein Ritter in Begleitung eines jüngeren, der möglicherweise sein Sohn war. Der Junge blickte unglücklich drein, während sein Vater streng auf ihn einredete. Im Vorbeigehen schnappte Advon auf, dass es darum ging, wie man sich vor der teirandanja zu betragen habe, um seiner Familie keine Schande zu machen.
Advon achtete kaum darauf. Zu sehr kreisten seine Gedanken um den Betrug, dessen Opfer er geworden war. Wenn Andriér Altabete die Wahrheit gesagt hatte – und warum sollte er lügen? – hatte der wappenlose Ritter ihn auf eine unfassbar dreiste Art hereingelegt. Er hatt das schöne Pferd für sich stehlen und sich sogar noch dafür bezahlen lassen. Advon wusste nicht, worüber er erzürnter sein sollte: Über die Niedertracht, die ihm widerfahren war, oder seine eigene Arglosigkeit und Einfalt.
Darüber hinaus hatte diese Episode ihn einen Teil des Eisenzeugs gekostet, sicherlich auch die Waffen, die nach dem Übungskampf im Wald zurückgeblieben waren. Dafür mussten sie nun Ersatz beschaffen, erneut heimlich in den Turmkeller schleichen und die alten, defekten Ausrüstungen nach Brauchbarem durchsuchen. Zeug von Männern, die vor Generationen einmal für Wijdlant gekämpft hatten.
Advon tröstete sich mit dem Gedanken, dass Dýamirée sicher daran denken würde, dass er sich nachrüsten musste. Wenn sie in der Nacht gleich mit Manjév eine Auswahl traf, würde er sich darum nicht kümmern müssen. Aber ob die Mädchen jetzt Gedanken dafür hatten?
Der Magier erreichte die Stelle, an der er von der Straße herunter und durch den Wald abkürzen musste, um zum ursprünglichen Versteck zu gelangen. Er schaute sich um, vergewisserte sich, dass niemand in der Nähe war, und schlug sich leise in die Büsche. Ganz so lautlos, wie er es sich gewünscht hätte, ging es nicht, denn der Sack mit dem sperrigen Inhalt behinderte ihn und blieb immer wieder an Zweigen hängen.
Ich raschele so laut wie ein großes Waldschwein, dachte Advon finster. Was würde Mama, was würde Papa denken, wenn sie mich nun sehen würden? So peinlich ist das alles, ich muss mich hüten, es niemandem zu erzählen!
Und Meister Yalomiro? Dýamirées Vater? Der durfte nie und nimmer von der Pechsträhne erfahren, die im anhaftete. Der Schattensänger würde sich köstlich amüsieren. Meisterin Salghiára würde Verständnis haben und ihn vielleicht sogar aufmunternd zusprechen. Meister Yalomiro aber würde sich – und das zu Recht! – Gedanken darum machen, ob seine Tochter an der Seite eines so einfältigen Tropfes tatsächlich gut aufgehoben wäre.
Advon seufzte. Das war eine Niederlage, für den Meister Cýelú ihn schelten würde. Oder, was noch schlimmer wäre: Wovon er zutiefst enttäuscht gewesen wäre.
Unter solchen Grübeleien erreichte er die Stelle, an der sie das goldene Rüstzeug und Advons eigene Waffen versteckt und in Farbenspiels Obhut zurückgelassen hatten. Advon löste den Zauber über dem Versteck und warf den Sack mit lautem Geschepper daneben.
„Farbenspiel? Komm her! Du musst dich nicht verstecken.“
Aber der Hengst war nirgends zu sehen. Advon runzelte die Stirn und schaute sich verwundert um.
„Farbenspiel?“
Ein kleiner Laubfuchs, der in der Nähe vorbei schnürte, hielt inne und schaute den Magier wachsam an. Dann flitzte er weiter und verschwand zwischen den Bäumen.
Advon spürte ein Gefühl in sich aufsteigen, das er nur sehr selten hatte. Unbehagen. Er ging einige Schritte weiter in den Wald und fand tatsächlich Spuren, dort wo Farbenspiel den Boden aufgescharrt und weiträumig Gebüsch und junge Bäume verbissen hatte.
„Farbenspiel! Das ist nicht spaßig! Zeig dich!“
Ein Specht hämmerte, irgendwo hoch oben in den Wipfeln. Ansonsten blieb es ruhig. Es ließ sich nicht leugnen. Das Einhorn war verschwunden. Den riesigen hell schimmernden Körper zu übersehen, war schlicht nicht möglich.
Advon fluchte. Das hatte ihm nun noch gefehlt.
„Farbenspiel! Ich will, dass du herkommst! Augenblicklich!“
Aber auch der strengste Zauber, den Advon in Gedanken auf das Einhorn richtete, brachte es nicht wieder zum Vorschein. Das konnte nur bedeuten, dass Farbenspiel nicht in der Nähe war. Ein solcher Ungehorsam jedoch passte nicht zu ihm. Wenn der Hengst seinen Platz verlassen hatte, dann musste er einen sehr guten Grund dafür gehabt haben.
„Womit habe ich das verdient“, murmelte Advon und rieb sich die Schläfe. Sein Kopf schmerzte, und das war nicht allein eine Nachwirkung des Schlages, den der Wappenlose ihm beigebracht hatte.
Einen Moment stand er da, haderte mit seinem Los und wünschte sich nichts sehnlicher, als Dýamirée an seiner Seite zu haben. Vorzugsweise weit fort von hier, in den herrlichen Gärten auf den Hügeln unweit des Cielástel. Doch es half nichts. Nicht auszudenken, wenn das Tier Menschen unter die Augen kam!
Mit großem Ärger und noch größerer Sorge begann Advon, den Boden abzusuchen, so lange, bis er im weichen Waldboden Trittspuren fand, tiefe Abdrücke von mächtigen, gespaltenen Klauen. Spuren, die geradewegs auf das Ritterlager hinter dem anderen Ende des Waldstücks zu führten.
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