Venghiár Emberbey hatte sich davongestohlen. Er hatte gehofft, dass die Tochter des verstoßenen maedlor sich vor lauter Scham auf Nimmerwiedersehen verschwinden würde, sobald sie aufwachte. Was für eine Schande, was für eine Schmach, im Sterbebett des alten yarl aufzuwachen! Das war eine Sache, nach der sie auf der Burg niemandem mehr in die Augen schauen konnte!
Aber er hatte sich getäuscht. Es hatte Hevstrid nicht viel Zeit gekostet, ihn in der Waffenkammer aufzuspüren, wo er nach brauchbarem Eisenzeug für das vasposár suchte.
„Da bist du ja“, sagte sie zutraulich.
„Geh weg“, antwortete er brüsk. „Ich habe zu tun.“
„Wohin?“, fragte sie erstaunt und kam näher. „Wohin soll ich gehen?“
„Mir egal. Ich halte dich nicht fest. Lass dir ein Pferd geben und mach dich fort nach Osten, deinen Eltern hinterher.“
Sie antwortete nicht, bewegte sich auch nicht fort. Er blickte von dem Harnisch auf, den er gerade in Händen hielt. Alt war das Ding, aber gut in Ordnung gehalten.
„Du hattest mir aufgetragen, dich hier zu vertreten, während du zum Turnier reitest. Ich werde dich nicht enttäuschen.“
„Mach, was du willst“, murrte er und begutachtete das Eisen. Die Gestechrüstung seines Großonkels konnte er nicht verwenden, das hatte er bereits festgestellt. Alsgör Emberbey war größer und schmaler gewesen als er selbst, ein hagerer, zäher Bursche. Aber es fehlte die Zeit, sich ein Rüstzeug anpassen zu lassen.
„Was willst du, das ich tue, während du fort bist?“
Er versuchte, sie zu ignorieren, Aber jetzt kam sie näher. Wie zufällig berührte sie das alte Eisenzeug, das so gut in Ordnung gehalten worden war.
„Lass mich einfach in Ruhe“, sagte er knapp.
„Das werde ich wohl, wenn du mich verlässt. Aber wenn du nicht hier bist – was soll mit unserem Haus geschehen?“
„Unserem?“ Er blickte verblüfft auf. Was war das für eine Rede, die sie da führte?
„Nun“, sagte Hevstrid und lächelte wie eine, die ganz genau wusste, wonach sie verlangte, „was, wenn du von diesem vasposár nicht heimkehrtest? Was, wenn dein Weitvetter oder seine Schwestern zurückkehrten, an deiner Stelle?“
„Ich kehre zurück!“ Er legte den Harnisch beiseite und wandte sich den Waffen zu. Schwert, Axt und Flegel, die würde er brauchen. Für Lanzen würden die teiranday sorgen. Das Schwert, das gute, das Erbstück, das bereits Thorgar Emberbey geführt haben mochte, das hatte er bereits. Und die Waffenkammer von Emberbey hatte noch mehr nützliches Zeug zu bieten, veraltet zwar, aber noch gut tauglich. Herr Alsgör war nie im Krieg, aber gut ausgestattet gewesen, wäre ein solcher gekommen.
„Und wenn nicht?“
Er versuchte, ruhig zu bleiben, aber er verspürte das dringende Bedürfnis, sie zu schlagen. Sie wusste das sehr wohl, das stand außer Frage. Aber zugleich schien sie zu glauben, dass sie ihm überlegen war. Das war auf eine ganz seltsame Weise beunruhigend.
„Dieses törichte vasposár kehrt mich nicht im Geringsten. Ich habe keine Veranlassung, der teirandanja gefallen zu wollen. Ich muss dort aus purem Anstand hin.“
Hevstrid zuckte die Achseln. In ihrem Blick jedoch stand etwas, das in den Augen eines dämlichen Weibsbilds nichts zu suchen hatte.
„Emberbey ist ein guter Ort“, sagte sie. „Die Bucht, die Straße nach Virhavét und zum Rífluír. Deinem Großonkel war das wenig wert. Wie oft sagte mein Vater, wie viel Gewinn ließe sich machen aus dieser Lage, wenn der Herr, möge er hinter den Träumen in Ruhe sein, nach guten Geschäften suchen.“
Nun horchte er auf, „Was?“
„Wenn es nur eine Möglichkeit für die großen Schatzfahrer gäbe, hier anzulegen. Ihre Waren umzuschlagen, ohne sich von Virhavét abhängig zu machen. Nur ein Stück über Land, um den Fluss zu erreichen, bevor er die Stadt erreicht.“
„Asgaý von Spagor hat sich dafür nicht interessiert“, sagte Venghiár, aufmerksamer, als er es ihr zugestehen mochte. „Also hat mein Großonkel den Gedanken nie verfolgt. Warum hätte er etwas tun sollen, was seinem Herrn gleichgültig war?“
„Dein Großonkel“, erinnerte Hevstrid, „ist hinter den Träumen. Und was Asgaý von Spagor heute denkt, das weißt du erst, wenn du ihn fragst.“
Venghiár durchdachte die Möglichkeiten. Ja, in der Tat. In Rodekliv war man äußerst interessiert an den Möglichkeiten, sollten sie denn im Bereich des Machbaren liegen. Nichts weniger als das war einer der Gründe, weshalb yarl Rodekliv so interessiert daran gewesen war, ihn, Venghiár, hier vor Ort zu platzieren. Als Platzhalter, als Vertreter, der in die erstbeste Lücke hereinstoßen konnte, die sich ihm bot.
Aber wie konnte Hevstrid das wissen? Oder war sie einfach viel schlauer, als sie aussah? War ihr dieser Gedanke von selbst gekommen? Wie gefährlich konnte ein Weibsbild werden, das zu viel nachdachte?
Er umfasste den Griff des Streitflegels, den er gerade in Händen hielt.
„Ich kehre zurück“, sagte er harsch. „Dieses vasposár ist ohnehin eine Posse. Manjév von Wijdlant und Spagor ist ein albernes, anmaßendes Weibsbild, das sich ein Dreck daran kehren wird, wer dieses Turnier bestreitet. Niemand wird um Blut für sie kämpfen.“
„Bist du dir sicher?“
„Natürlich. Sie würden nicht erlauben, dass sich Kämpfer ernsthaft ans Leben gehen. Wenn jemand auf dem Platz bleibt, dann allenfalls durch ein dummes Missgeschick. Das Ganze ist ein eitles Spektakel, ein Spiel, kein Kampf um echte Werte.“
„Dann ist es ja gut.“
Sie machte keine Anstalten, zu gehen, und beobachtete ihn unverwandt weiter. Er versuchte, sie zu ignorieren, und schaute durch, was er an Rüstung und Waffen fand. Er hatte nicht vor, sich beim Turnier allzu große Mühe zu geben. Mit dem Schwert kämpfen, das konnte er, selbstverständlich. Aber er war realistisch genug, sich auszurechnen, dass er gegen die Favoriten der teiranday und den Großteil der anreisenden Herren keine Chance hatte. Schade, dachte er, dass er nicht mit dem Bogen antreten konnte, allenfalls bei einem albernen Geschicklichkeitsspiel. Wer einen Bogen hielt und auf die richtige Stelle zu zielen wusste, der war selbst einem Gerüsteten überlegen, eher der zu nahe kommen konnte.
Und ganz sicher wäre ihm bei einem Zielschießen dieser arrogante Merrit Althopian, der Liebling der teiranday unterlegen. Der, mit dem sein lächerlicher Weitvetter so beschämend vertraut tat.
„Cró und Ungro werden bald eintreffen. Ich erwarte von dir nicht mehr, als dass du die beiden gut im Auge behältst und verhinderst, dass sie irgendwelche Torheiten begehen.“
„Was wäre eine solche Torheit?“
„Auszuplaudern, in welcher Sache sie unterwegs waren, zum Beispiel. Am besten, du sorgst dafür, dass sie den Tag verschlafen und mit niemandem ein Wort wechseln.“
„Und wenn sie es doch tun?“
„Mein Waffenknecht aus Rodekliv wird deine Befehle ausführen. Ich gebe ihm nachher die Anweisungen dazu. Am besten, niemand verlässt die Burg über das Notwendigste hinaus, solange ich nicht da bin. Und niemand soll hereinkommen, der keinen sehr guten Grund dazu hat.“
„Was ist mit Leuten, die dem alten Herrn ihre letzte Ehre erweisen wollen?“
„Das hat sich mit der gestrigen Nacht erledigt.“
„Mag sein. Aber woher sollen die Leute das wissen? Woher soll beispielsweise yarl Althopian es erfahren haben? Die Taube muss ihn längst erreicht haben.“
Das war ein berechtigter Einwand. Venghiár probierte eine Armschiene an, um ihrem Blick auszuweichen. Waýreth Althopian. Der Mann, den sein Großonkel als seinen engsten und vermutlich einzigen Freund bezeichnet hätte, wäre ihm ein so vertrautes Wort über die Lippen gekommen. Sofern kein Greif die für ihn bestimmte Taube vom Himmel geholt hatte, war der yarl informiert. Aber er wurde am Hof seiner Herrin erwartet. Eigentlich hatte er nicht die Zeit für einen Abstecher ans Meer, um sein Beileid zu bekunden.
Was mochte Waýreth Althopian wertvoller sein? Der Anstand oder die Pflicht?
„Mach dich nützlich“, herrschte er Hevstrid an. „Schick augenblicklich eine Taube an Althopian. Sag ihm, der Alte sei bereits dem Meer übergeben für seine letzte Reise. Der Aufwand lohnt sich nicht, herzukommen, und ich erwarte ihn in Wijdlant. Ich wolle ihm im Vertrauen alles berichten und sein Beileid entgegennehmen.“
„Ich werde schauen, ob noch eine Taube da ist, die den Weg kennt.“
„Nimm gleich eine zweite dazu, die die Herberge an der Hauptstraße anfliegt. Wenn er schon unterwegs sein sollte, mag er gleich umkehren.“
Hevstrid nickte gehorsam. Aber sie blieb immer noch in der Tür stehen.
„Wird’s bald? Was stehst du da und gaffst mich so an?“
„Ich frage mich, warum du überhaupt zum vasposár aufbrichst, wenn es dir doch ohnehin lästig ist. Gefällt sie dir vielleicht doch, die teirandanja? Klug und schön soll sie sein. Und das teirandon ist auch nicht schlecht. Vom Meer bis fast zum Montazíel und entlang dem Fluss.“
Er runzelte die Stirn. So dumm war die Frage nicht. Aber er konnte ihr ja schlecht gestehen, dass der Schwarzmantel ihn dazu drängte, sich unter die Kämpfer zu mischen und der teirandanja aufzuwarten. Und rundheraus zu sagen, dass er diesmal sicherstellen wollte, dass Osse Emberbey allenfalls ein paar Tage mynstir sein würde – das ging schon gar nicht.
„Bleib hier“, verlangte sie. Es klang seltsam, fast verlockend, schmeichelnd. „Bleib hier und lass sie herkommen, wenn sie etwas von dir wollen. Ich bin besser als die teirandanja.“
„Damit Osse und seine idiotischen Kumpane hier aufkreuzen? Damit der teirand über meinen Kopf hinweg bestimmt, ob diese Burg, dieser Hafen, nach dem sich Virhavét die Finger lecken würde, in den Händen eines jämerllichen Idioten bleibt? Oh nein, Mädchen. Die Sache muss aufgelöst werden! Ich werde mich darum kümmern, dass der Tod meines Großonkels lückenlos aufgeklärt wird! Ich muss wissen, wer den báchorkor geschickt hat und was der mit der kleinen Kröte vorhat!“
„Du solltest achtungsvoller von deiner Weitbase reden. Raýneta ist ein gutes Kind. Sie war immer lieb und freundlich zu uns. Mögen die Mächte sie beschützen. Der báchorkor wird sie für denjenigen gestohlen haben, der ihn schickte, den Herrn zu ermorden. Sicher will derjenige sie als Geisel, um dich und deinen Weitvetter zu erpressen, um was auch immer!“
Möge der báchorkor sie längst zum Schweigen gebracht haben!, dachte Venghiár. An eine planvolle Entführung glaubte er nicht. Vermutlich hatte der báchorkor einfach gehofft, mit dem Kind als Schutzschild sicherer zu sein.
„Für den äußerst unwahrscheinlichen Glücksfall, dass Raýneta während meiner Abwesenheit wieder hier auftauchen sollte“, sagte er laut, „gilt für sie das Gleiche wie für Cró und Ungro. Ich will nicht, dass sie zu irgendjemandem ein Wort über das Geschehene verliert, bevor ich wieder anwesend bin. Sie soll in ihrem Zimmer bleiben und schweigen.“
„Das wird der opayra nicht gefallen.“
„Das kehrt mich nicht! Verstehst du nicht, Mädchen, dass jede Rede zu einem anderen Menschen die Erinnerung der Kleinen verfälschen kann? Nein: Wenn sie redet, dann erst vor mir und … und vor wem auch immer, der die Untersuchung führen wird. Ich wünsche nicht, dass irgendjemand sie ausfragt oder auch nur in ihrer Nähe ist.“
„Wenn ich es nicht besser wüsste“, sagte Hevstrid.
„Was wüsstest du besser?“
„Wenn ich nicht wüsste, dass du ein ehrenvoller, gerechter und zutiefst trauernder Mann wärest, dem der Großonkel gewaltsam genommen wurde, man könnte fast denken, hättest deine Finger darin.“
„Du!“ Das war zu viel. Erbost riss Venghiár einen kurzen Jagdspieß von einem Gestell. Das Mädchen wich zurück. Aber sie flüchtete nicht.
„Mach dich nicht unglücklich“, zischte sie, scharf wie eine Schlange. Das war so unerwartet, dass er verblüfft innehielt. „Heb nicht die Hand gegen dein eigenes Kind!“
„Was?“
„Kannst du es wissen, ob ich nicht etwas von dir unter dem Herzen trage, nach der vergangenen Nacht?“
Er ließ den Spieß sinken, so verblüfft war er. Ein Kind? Ein Nachkomme, den er im Rausch mit diesem losen Weibsstück gezeugt haben mochte? Das mochten die Mächte verhüten! Mochten die Mächte geben, dass er zu besoffen gewesen war von dem verfluchten Elixier, um etwas zustande gebracht zu haben. Die Unverschämte! Was bildete das junge Ding sich ein? Seine hýardora zu sein? Nur, weil sie einmal mit ihm das Lager geteilt hatte? Eine Nacht, an die er sich nicht einmal erinnerte? Was war in das dumme Geschöpf gefahren, das gestern noch so um den Vater geheult hatte?
Oder hatte etwa auch hier der Schwarzmantel seine Finger im Spiel?
„Wer“, fragte er scharf, „denkst du eigentlich, dass du bist?“
„Ich bin die, die du brauchst. Die du brauchst, damit dir die Dinge nicht aus der Hand gleiten. Ist es nicht Zeit, mich den anderen als die Herrin des Hauses vorzustellen? Des Respektes wegen, den ich in deinem Sinne benötige? Du könntest mit deinem Waffenknecht anfangen, und mit diesen beiden Hohlköpfen, die für dich die Drecksarbeit machen. Vor deiner Dame werden sie wohl Respekt haben, denkst du nicht auch?“
Venghiár starrte sie fassungslos an. Hevstrid verneigte sich mit einem süßen Lächeln und ging endlich fort.
Venghiár wartete, bis sie außer Hörweite war, bevor er den Spieß zu Boden warf und der Stellage mit den Eisenteilen einen wütenden Tritt versetze. Das Scheppern und Poltern des umstürzenden Rüstzeugs war im ganzen Gebäude zu hören.
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