Etwa zur selben Zeit, als Truda Emberbey vom Tod ihres Vaters erfuhr, näherte Výnrath sich langsam, aber unbeirrt der Grenze, die den Übergang zwischen dem yarlmálon Grootplen und dem Gebiet bildete, das unmittelbar zur Burg der teiranday von Wijdlant gehörte. Ohne das Pferd, das er Tíjnje Moréavals Boten gestohlen hatte, würde er kaum rechtzeitig dort ankommen. Sein ursprünglicher Plan, die Ankunft von Osse Emberbey zu vereiteln, hatte sich damit zerschlagen.

Výnrath verfluchte sich selbst und die Mächte, die ihm in die Quere gekommen waren. Ungeachtet all seiner Mühen und Entbehrungen: So lange hatte er in dem stinkenden Abortschuppen ausgeharrt, um den Auftrag schnell und diskret zu erledigen. Aber einen Vorwurf für den Fehlschlag machen konnte selbst Venghiár Emberbey ihm wohl nicht. Wer hätte denn auch ahnen können, dass seine Begleiter den künftigen mynstir von Wijdlant und Spagor nicht einmal unbegleitet austreten ließen. Ebenso gut hätte man eine gestrenge opayra bestellen können, die ihn hätte beaufsichtigen können wie ein kleines Wiegenkind. War das eine Aufgabe für einen gefeierten Kämpfer wie Merrit Althopian? Bei den Mächten, dessen Fürsorge grenzte an weibischer Peinlichkeit. Wie der lächerliche Kerl mit der schiefen Schulter und den schlechten Augen und der wohlgewachsene junge Recke aneinanderhingen, das war ohnehin höchst verdächtig. Was gab der Ritter sich mit einem solchen Schwächling ab, statt sich unter seinesgleichen zu halten? Was war denn davon zu halten, dass der verhasste Weitvetter seines Auftraggebers so eng mit dem Ritter schien? Ob das in Ivaál nicht geradezu anstößig war? Vielleicht nicht. Wer wusste schon, wie dieses dekadente Pack weit im Süden es so hielt.

Výnrath machte sich hämische Gedanken. Tatsächlich, das musste er neiderfüllt zugeben, hätte Merrit Althopian wohl am Vorabend in der Herberge mit jedem der schmachtenden jungen Weibsstücke im Stroh verschwinden können. So wie es sein Kumpan aus Grootplen gehalten hatte und er selbst auch, hätte er dafür die Muße gehabt. Merrit Althopian schien somit entweder der teirandanja in Züchtigkeit ergeben – oder unsagbar dumm zu sein, sich solche Gelegenheiten entgehen zu lassen.

Výnraths Groll weitete sich nun auf Merrit Althopian im Speziellen aus. Ausgerechnet der auserlesene Ritter des teirandon hatte ihm alles verderben müssen. Mit dem jungen Emberbey, dem verkrüppelten Schwächling, wäre er spielend fertig geworden, mit einer Hand allein. Sicher wäre es ihm irgendwie gelungen, in der Nacht den wachsamen Kämpfer lange genug abzulenken, um die Tat zu vollbringen. Denn eine Nacht würden sie noch unterwegs sein. Selbst mit ihren Pferden war es nicht möglich, die Burg noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Immerhin waren die Tage zwischenzeitlich recht kurz und es dunkelte früh. Im frühen Sommer, ja, da wären sich vermutlich durchgeritten und längst am Ziel. Výnrath schätzte, dass die beiden jungen Männer ungeachtet der Eile in der Nacht noch in der letzten Herberge rasten und mit den ersten Strahlen von Pataghiús Glanz in höchster Eile den kurzen Rest der Strecke zurücklegen würden.

Verflucht. Wenn er nicht schleunigst irgendwo ein schnelles Pferd auftreiben konnte, waren die beiden nicht mehr einzuholen. Dann musste er seinen Auftrag in der Burg fortsetzen, und das würde sich deutlich komplizierter gestalten, nun, da alle wachsam waren. Vielleicht war es eine Finte der Mächte, eine falsche Verlockung gewesen, ihm den rätselhaften Kurier und den eiligen Brief in die Hände zu spielen. Was mochte es in Wijdlant wohl so eiliges geben, dass die teirandanja nicht noch einen Tag länger auf ihren brandneuen, hochgebildeten Federschubser warten konnte?

Während Výnrath so vor sich hin zürnte, seine Füße immer mehr schmerzten und sein Magen zu knurren begann, nahmen die trockenen, abgeernteten Äcker und Waldstreifen ringsum kein Ende. Ab und zu wurden sie von Feldern unterbrochen, auf denen bereits Wintergetreide gekeimt war. Unberührbares Land, das niemand betreten durfte, und den beiden jungen Männern somit wohl kaum als Abkürzung gedient hätte. Výnrath überlegte, ob er sein Glück auf einem der Höfe oder Weiler versuchen sollte, bezweifelte aber, dort etwas anderes als bestenfalls schwerfällige Ackergäule zu finden. Außerdem hätte er sich dabei von der Straße entfernen müssen, was unnütz kostbare Zeit gekostet hätte.

Natürlich begegneten ihm ab und an Menschen, die in der Gegenrichtung unterwegs waren, im wesentlichen Bauern und vereinzelt Viehtreiber mit einer Handvoll Tiere. Als Fremder ohne Reittier und Gepäck erntete er neugierige Blicke, ließ es aber damit bewenden, ihre Grüße knapp zu entgegnen und sich nicht auf Gespräche einzulassen. Je weniger und vager sich Leute später an ihn erinnerten, desto nützlicher mochte ihm das einmal sein.

Am späteren Mittag benutzte allerdings jemand die endlose Straße durchs ländliche Nirgendwo, der mehr Aufmerksamkeit verdiente. Im leichten Galopp kam ein schnelles Pferd mit einem metallklirrenden Reiter angeprescht. Výnrath wich auf den Rain aus, um beide passieren zu lassen, ohne unter die Hufe zu geraten. Wer mochte das sein? Etwa noch ein Kurier? Doch zu seiner Überraschung überholte der Mann ihn, zügelte sein Pferd dann aber, wendete es und brachte es schließlich zum Stehen. Das Ross schnaubte. Schaum klebte ihm an Maul und Brust. Offenbar rannte es schon eine ganze Weile. Der Reiter zog sich seine pelzverbrämte Mütze ab, entblößte dabei eine Glatze und wischte sich damit Schweiß vom Gesicht. Was ihm auf dem Haupt an Haaren fehlte, trug er umso eindrucksvoller am Kinn.

„He, du!“, rief der Ritter. „Bist du schon lange hier auf der Straße unterwegs?“

Výnrath näherte sich. Ehrerbietig senkte er den Blick. „Seit dem frühen Morgen, Herr“, antwortete er, mehr oder weniger wahrheitsgemäß.

„Eine ganze Weile also.“ Der Ritter runzelte die Stirn, als müsse er scharf nachdenken. Výnrath musterte ihn unauffällig. Weder das Gesicht des Mannes noch sein Wappen – ein keulenschwingender Waldbär auf rotschwarzem Grund – waren ihm bekannt. Das bedeutete, dass er von weit her kam und wahrscheinlich auf dem Weg zum vasposár war. Angesichts seiner imposanten Statur würde er dort Aufsehen erregen. Aber so ganz ohne Gepäck und Begleitung? Hätte ihm nicht mindestens ein Knappe folgen müssen? Wie auch immer – der Ritter war allein. Und es gab keine Zeugen.

Einen einzigen, wirklich sehr kurzen Augenblick spielte Výnrath mit dem Gedanken, sich des Pferdes zu bemächtigen. Aber allein der Versuch wäre töricht gewesen. Selbst ohne Waffe und Eisenzeug hätte dieser Berg von einem Mann ihm sicher die Knochen zerkleinert wie dürres Reisig.

„Ich suche eine Gruppe von drei Reitern. Ein anmaßender Ritter in Blau und Silber und zwei Ungerüstete, ein junger Edelmann mit Augengläsern und ein Gemeiner. Der Edle reitet ein graues Maultier, der Ritter einen großen Braunen. Der dritte irgendwas Gewöhnliches mit dunklem Fell.“

„Ja, Herr, ich erinnere mich. Die sind mir begegnet. Am … ja, am späten Vormittag muss das gewesen sein. Hatten es ziemlich eilig, alle drei. Wie auf der Flucht sind sie an mir vorbeigeprescht!“

„Am Vormittag schon?“ Der Ritter knurrte einen Fluch in seinen üppigen Bart. In seinem Kopf schienen sich Gedanken in Bewegung zu setzen.

„Haben die drei sich etwas zuschulden kommen lassen, Herr?“, fragte Výnrath. Sicher war der Ritter zu beschäftigt, um misstrauisch zu werden.

„Was den Jungritter betrifft, ist das Privatsache.“ Er setzte sich seine Mütze wieder auf, stutzte und runzelte die Stirn. „Was geht es dich an?“

„Ich bin einfach neugierig, Herr. Vielleicht kann ich Euch behilflich sein?“

Der Ritter warf Výnrath einen missfälligen Blick zu. „Ich habe keine Zeit, lange Geschichten zu erzählen. Nicht, dass durch mein Trödeln noch jemand ermordet wird.“

„Ermordet? Die drei haben jemanden ermordet?“

„Scheußliche Geschichte! Widerliche Tat. Hat niemand verdient, so etwas Ehrloses. Schande über den Halunken!“

„So redet doch, Herr! Weshalb seid Ihr ihnen auf den Fersen?“

„Hat dich nicht zu interessieren, Kerl. Ich muss weiter.“

Selbst sein Pferd schien die kurze Verschnaufpause nicht zu schätzen. Es scharrte mit den Hufen und warf unruhig den Kopf herum.

Ein Fluch mehr auf die Mächte! Dann war seine Missetat wohl rasch entdeckt worden! Was mussten die Herbergsleute auch so viel Sinn für die Reinlichkeit üben! Andererseits – vielleicht war das die Gelegenheit, die sein Pech ausgleichen würde! Bevor der Ritter unwillig weiterreiten konnte, trat Výnrath ihm geschmeidig in den Weg. Nun galt es, keck zu sein. Und die Ruhe zu bewahren.

„Ihr irrt Euch, Herr! Es ist meine Aufgabe, alles mitzunehmen, was es an Geschichten herumzutragen gibt!“

Der Ritter, schon halb abgewandt, schaute verdutzt. „Was?“

„Herr, ich bin ein bescheidener báchorkor. Ich komme aus dem Westen jenseits des Rífluír und bin unterwegs zum vasposár von Manjév von Wijdlant und Spagor. Wie Ihr sicherlich auch.“

„Unschwer zu erkennen. Und?“

„Herr, wenn es Wichtiges zu berichten gibt, wie wertvoll wäre mir das, wenn ich in Wijdlant ankomme!“

Der Ritter trieb sein Pferd an. Er hatte offensichtlich keine Lust, sich von einem umherstrolchenden Geschichtenerzähler ausfragen zu lassen. „Halt mich nicht auf, Kerl. Siehst du nicht, wie es mich eilt?“

„Aber Herr …“

Der Hüne seufzte verärgert. „Geh mir aus dem Weg, Lästling! Ich hab keine Muße, dir Geschichten zu schenken. Wenn es dich so interessiert, hab eine Weile Geduld. Mir folgt auf dem Weg der Tross der eld-yarlara von Grootplen. Die wollen auch alle nach Wijdlant. Denen magst du dich anschließen und dir die ganze Sache haarklein berichten lassen.“

„Herr …“

„Und jetzt sei still. Gib ihnen eine Empfehlung von Bjöngsten Robsténar und sag ihnen, es sei in Ordnung. Oder lass es bleiben. Und jetzt zieh deiner Wege und lass mich durch. Ich hab es eilig.“

Výnrath musste ihm aus dem Weg springen, um nicht am Ende doch noch unter die Hufe zu geraten. Der bärbeißige Ritter stob in die Ferne, vielleicht mit einer gewissen unwahrscheinlichen Hoffnung, Merrit Althopian und Osse Emberbey doch noch einzuholen. Výnrath schaute ihm mit einer Mischung aus Sorge und Genugtuung nach. Nun, dass man seine Tat entdeckt und diesen fremden yarl losgeschickt hatte, um Emberbey und Althopian zu warnen, das war schon bedenklich. Andererseits hatte Robsténar ihm offensichtlich abgenommen, ein báchorkor zu sein. Nun, allzu scharfsinnig schien der Recke ohnehin nicht zu sein, aber er hatte im ohne zu zögern geglaubt und sogar seinen Namen hergegeben, um das Vertrauen der nachreisenden Edeldamen zu erlangen. Was konnte es Besseres geben?

Im Nachhinein kam Výnrath sich selbst äußerst raffiniert vor, dass er mit seiner Eingebung, ein reisender Geschichtenerzähler zu sein, seine Anwesenheit als Wanderer ohne Gepäck unverdächtig erklärt hatte.

Was konnte ihm nun Günstigeres passieren, als sich den nichts ahnenden Damen unter ihren Reisezug zu mischen? Dem Gefolge der hochedlen yarlara würde man in Wijdlant wohl nicht allzu viel Misstrauen entgegenbringen.

Und weder Emberbey noch Althopian würden sich träumen lassen, mit welcher Beharrlichkeit er ihnen auf den Spuren war. Einmal in der Burg, würde es ein Kinderspiel sein, in der Menge zu verschwinden und auf den richtigen Moment zu warten. Venghiár Emberbey würde zufrieden mit ihm sein. Und das sollte er auch, immerhin bezahlte er ihn gut. Dafür konnte der künftige Herr von Emberbey auch gute Arbeit erwarten.

Nur die beiden anderen jungen Ritter, der sinnenfreudige Hüne und der Witzbold, die konnten seinen Plan vereiteln. Denn die hatten ihn gesehen, wenn auch nur flüchtig und im Dunklen. Es half nichts – das Risiko musste er eingehen.

Výnrath wanderte weiter bis zum nächsten Wäldchen, wo ihn ein Vorbeigehender nicht so schnell entdecken würde. Dort rasierte er sich den Rest seines Haares ab und trennte den Saum seines Wollmantels auf. Der hatte von innen eine andere Farbe, war schnell umgekrempelt und hatte ihm schon bei mehr als einer Gelegenheit gute Dienste geleistet.

Als er kurz darauf wieder auf der Straße nach Süden schlenderte, war Výnraths Ärger verflogen. Nun war er wieder im Spiel.