
Sieben Tage waren vergangen, seit jener Nacht, in der wir die Chaosgeister zurück in die Domäne des Widerwesens gejagt hatten. Sieben Nächte, seit Yalomiro Kíaná von Wijdlant, Asgaý von Spagor und deren yarlay und Nachkommen irgendwie wieder zurück in die sichere Burg jenseits des Montazíel befördert hatte, auf eine Weise, die ich auch nach mehrfacher Erklärung nicht in Gänze verstanden hatte. Er sagte, er habe versucht, den Zauber auf der Tür von Gor Lucegaths altem Turmzimmer aufzuheben, wo das Drama seinen Anfang genommen hatte. Es hatte etwas damit zu tun, die Magie für einen winzigen Moment umzudrehen. Offenbar hatte er es irgendwie fertiggebracht, die teiranda und die anderen für eine Winzigkeit in der Zeit zurückzuversetzen, woraufhin der Zauber im Turm und damit die Verbindung des Chaos in das Weltenspiel wie ein Kartenhaus zusammengebrochen waren, die das Widerwesen hatte ausnutzen wollen, um Unheil zu stiften. Und, und diese Auskunft beunruhigte mich am meisten, um die Kinder einzufangen. Was hatte das Widerwesen mit den Kindern vorgehabt? Was würde in der Zukunft geschehen?
Und um welchen Preis hatte Yalomiro es fertig gebracht, die Vergangenheit zu manipulieren, und sei es nur um einen Herzschlag? Ich war mir ziemlich sicher, dass das sogar für einen mächtigen Schattensänger keine gewöhnliche Zauberei war, vielleicht sogar eine verbotene. Es klang für mich ein wenig so, als habe er eine Art Kurzschluss in dem Zauber bewirkt, den er seinerzeit gewirkt hatte, um das Widerwesen auszusperren. Und nun hatte er es erneut vollbracht, den Weltenspielverderber zu besiegen, vielleicht auszutricksen. Ich verstand die Regeln nicht, an die sich ganz offensichtlich niemand hielt.
Dýamirée und Advon hatten Yalomiro schließlich gerettet, bevor er selbst zur Beute des Widerwesens wurde, nachdem er nicht mehr genug Magie besessen hatte, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Wie Advon ins Chaos geraten war, war nicht ganz klar. Nur, dass der báchorkor eine Rolle dabei gespielt hatte, das war unstrittig. Advon gab sich wortkarg, als Elosál ihn danach ausfragte, so als habe er ein Versprechen abgegeben, ein Geheimnis zu bewahren. Kinder nahmen Geheimnisse sehr ernst, sagte Elosál. Aber aus dem, was er nicht sagte, ging hervor, was Yalomiro längst wusste.
Es war ein neuer Rotgewandeter im Weltenspiel. Eine Erkenntnis, die Yalomiro auf eine sonderbare Weise zu beruhigen schien. Mir machte sie Angst.
Die arcaval’ay hatten uns ein Sonnensegel und ein wenig Komfort in Form von Kissen, Matten und schattenspendenden Schleiern zur Verfügung gestellt. Man schlug für uns ein Lager in Sichtweite, aber weit genug entfernt vom Cielástel auf, sodass das viele Gold uns nicht unangenehm war. Yalomiro hatte diese Freundlichkeit dankbar angenommen und im Schutz des luftigen Daches fast drei Tage am Stück geschlafen. Ich hatte versucht, ihm von meiner maghiscal abzugeben, aber da ich mich bei all den Erlebnissen der vergangenen Zeit selbst erschöpft hatte, war das weniger effektiv, als ich gehofft hatte. Offenbar hatte Yalomiro dieses Mal einen hohen, viel zu hohen Preis für das gezahlt, was er bewirken wollte, um uns alle zu retten. Ob er sich jemals ganz erholen würde?
Am ersten Abend kehrte Dýamirée allein zu uns zurück. Sie war erleichtert, aber nicht allzu überrascht, dass ihr Vater bei mir war. Allenfalls schien sie nicht erwartet zu haben, dass er bereits jetzt wieder zum Cielástel zurückgekehrt war. Sie schien fast etwas enttäuscht darüber. Ich konnte mir denken, weshalb.
„Mama”, hatte sie dann auch prompt gefragt, „wann müssen wir in den Wald zurück?”
„Sobald dein Vater wieder bei Kräften ist.”
„Ich muss mitkommen, nicht wahr?”
„Magst du etwa nicht? Bist du nicht froh, dass alles wieder gut und wir wieder zusammen sind?”
„Doch. Aber …” Sie seufzte. „Advon ist dann so weit weg.”
„Vielleicht darf Advon uns begleiten?”
„Nein. Er hat seine Eltern schon gefragt. Meisterin Elosál meint, wir müssen uns noch gedulden und warten. Worauf warten, Mama?”
„Ich seid noch Kinder, Dýamirée. Es ist …” Noch zu früh, dich gehen zu lassen, wollte ich sagen, aber das würde sie noch nicht verstehen. Ich hingegen meinte, genau zu verstehen, was sie bewegte. „ … unsere Aufgabe, auf euch aufzupassen und für euch da zu sein, solange es noch nötig ist.”
„Trotzdem ist es schade.” Sie setzte sich zu mir, lehnte sich an mich an und schaute versonnen auf ihren schlafenden Vater hinab. „Ich will nicht so weit von Advon weg sein.” Sie nahm ihr Schmusetier an sich und setzte es sich auf den Schoß. „Ich muss ganz schnell lernen, wie ich ein Vogel werden kann.”
„Um herzufliegen?”
Sie nickte. „Advon darf mit Farbenspiel ja noch nicht allein losreiten. Mama, wenn man so weit und so lange nicht beieinander ist, vergisst man einander dann?”
„Nein”, behauptete ich. „Wenn ihr immer fest aneinander denkt, dann bleibt ihr ganz eng beieinander.” Ich überlegte, ob Dýamirée nicht in der Lage sein sollte, mit Advon in dessen Träumen zu kommunizieren, aber den Gedanken verwarf ich. Auch wenn Noktáma sie endlich mit eigener Magie beschenkt hatte, würde sie noch lernen müssen, sie zielgerichtet einzusetzen. Eine kurzfristige Lösung war das also nicht. Und wer konnte wissen, ob Advon überhaupt in der Lage war, Träume aufzufangen? Gehörte das zu den Fertigkeiten, die fajiáé und Regenbogenritter beherrschten? Wie hielten es Magier, die dem Tag und dem Sonnenlicht geweiht waren, überhaupt mit Schlaf und Träumen?
Ich dachte nach und griff nachdenklich nach dem Weltenschlüssel an dem Kettchen um meinen Hals. Damit würden wir heimkehren, sobald Yalomiro wieder dazu in der Lage war. Aber ein Weltenschlüssel war auch keine Lösung, die in den Händen von Kindern taugte. Und so wusste ich nicht, wie ich Dýamirée glaubhaft trösten und aufmuntern konnte. Ich stellte ihr in Aussicht, dass sie Advon sicherlich würde besuchen können, in Yalomiros oder meiner Begleitung, und dass Cýelú ihn vielleicht in den Boscargén bringen konnte. Aber mir war klar, dass das in den Augen eines Kindes sicher keine zufriedenstellende Lösung war. Das war zu vage, dauerte zu lange, war ein Hinhalten, keine Sicherheit.
Die kommenden Tage bekam ich Dýamirée kaum zu sehen. Sicher schmiedeten sie und Advon undurchführbare Pläne, erträumten sich gemeinsame Abenteuer und verwarfen sie wieder, sobald ihnen die Grenzen ihrer Möglichkeiten bewusst wurden. Abends zu uns zurückgekehrt ließ Dýamirée durchblicken, dass Advon schrecklich vernünftig sei. Und dass sie Vernunft blöd finden würde, wenn sie ihn nicht so gern hätte.
Am fünften Tag – Yalomiro war nun wach und hatte mir vom Ende von Ovidáol Etaímalar und seinen finsteren Offenbarungen erzählt – kam Besuch. Cýelú Irísolor und Elosál kamen auf ihren Einhörnern angeritten. Cýelú war nicht gerüstet und trug nur ein luftiges, weißes Herrengewand aus Leinen mit bunten Stickereien. Das war außerordentlich rücksichtsvoll von ihm, wie ich fand. Yalomiro schien beeindruckt, sagte aber nichts dazu. Ich spürte jedoch, wie sehr ihn der Anblick des Goldenen in ziviler Kluft zufriedenstellte.
„Wir haben heute den sinor Saháalír und die edle sinora nach Hause entsandt”, sagte Elosál und setzte sich in respektvoller Distanz zu uns nieder. „In Aurópéa gab es eine unerklärliche Überschwemmung. Es scheint, als habe das Chaos bis in die Stadt gereicht und irregeleitetes Wasser ist sowohl dort als auch in Úldaise Tiáramalés Garten an die Oberfläche gequollen.”
„Das ist entsetzlich!”
„Es ist in weiten Teilen bei Sachschaden geblieben”, erklärte Cýelú. „Aber wir kennen noch nicht alle Einzelheiten. Wir haben die Unkundigen wissen lassen, dass wir helfen, wenn man uns lässt. Nun liegt es an den sinoray, auf den konsej einzuwirken. Sie können nicht über die Köpfe der Stadtbewohner hinweg entscheiden.”
„Das ist aber umständlich”, sagte ich.
„Sie können keinen Unwillen riskieren. Aurópéa ist ein … schwieriger Ort. Launisch. Zwiespältig. Und brutal.”
„Wenn wir Euch irgendwie helfen können …”, begann Yalomiro.
„Dann seid Ihr der Erste, der er erfährt, wenn ich Hilfe von Euch brauche”, sagte Cýelú knapp.
Ich schaute von einem zum anderen. Nun, wahrscheinlich gab es hier eine komplexe Hintergrundgeschichte mit vielen Details, die wir nicht kannten. Die arcaval’ay mochten einen guten Grund haben, warum sie Schattensänger nicht um Mitwirkung baten. Zumindest nicht sofort.
„Advon leidet”, sagte Elosál, die Mutter. Das war ihr eindeutig wichtiger als komplizierte Unkundigenangelegenheiten und uralter Zwist zwischen Noktámas und Pataghiús Geweihten. „Habt Ihr darüber nachgedacht?”
„Natürlich”, sagte ich. „Dýamirée geht es nicht anders.”
„Und nun? Wie kommen wir aus der Verlegenheit heraus?”
„Mit einer Absprache, im Sinne der Kinder und dem unseren.” Yalomiro verschränkte nachdenklich die Finger. „Es muss in unser aller Sinne sein.”
Wir schauten ihn überrascht an.
„Ich denke”, fuhr er fort, „die Mächte können uns nicht deutlicher zeigen, dass sie Dýamirée und Advon beieinander sehen wollen. Ein Kind aus dem Schatten, eines aus den Farben, und in beiden die Spuren von Unkundigem und Magie.”
„Woher wisst Ihr …”, brauste Cýelú zornig auf, aber Yalomiro unterbrach ihn.
„Seit ich Euch erstmals zaubern sah. Es mangelt Euch nach all der Zeit noch an … Eleganz, wenn auch die Wirkung keinen Tadel zulässt. Aber das ist nebensächlich. Die Mächte haben mit den Kindern etwas vor. Wir müssen uns etwas ausdenken, das den Raum überwindet.”
„Ihr habt eine Idee?”, fragte Cýelú und schien milde beleidigt.
„Ich habe rein zufällig sogar schon das Mittel dazu. Lasst uns nur die Form bestimmen und gebt mir etwas Zeit. Und ich benötige Eure Hilfe, Meisterin Elosál. Wir beide müssten es gemeinsam wirken. Geborener Schatten, geborene Farben.”
Sie lächelte erfreut. „Es wäre mir eine Freude, Meister Yalomiro. Weiht mich ein.”
Die beiden erhoben sich und gingen miteinander ein Paar Schritte beiseite. Ich wandte mit Cýelú zu, der sich offenbar zurückgesetzt fühlte.
„Er meint es nicht so”, sagte ich.
„Schattensänger”, knurrte Cýelú, „sind und bleiben arrogantes Gesindel. Und damit meine ich ausdrücklich nicht Euch, Meisterin.”
„Nein”, sagte ich betroffen. „Das versteht Ihr falsch. Er respektiert und achtet Euch sehr. Aber er ist zu stolz, es Euch anders zu zeigen als mit solchen kleinen Frechheiten. Ich weiß, dass er bei allem, was uns magisch trennt, Eure Freundschaft sehr zu schätzen wüsste.”
Der Goldene dachte eine Weile nach. Dann begann er, zu lächeln, ganz so als würden ihm plötzlich Möglichkeiten bewusst,
***
Am folgenden Tag kehrte Elosál allein auf Sonnenstrahl zu unserem Lager zurück. Yalomiro verwandelte sich in einen Raben und führte sie nach Osten. Mir fiel ein kleiner Stein vom Herzen, als ich sah, dass er wieder dazu imstande war, einen Tierkörper anzulegen. Ein paar Stunden waren die beiden unterwegs. Währenddessen kam Cýelú Irísolor zu mir. Er saß in Perlenglanz’ Sattel, führte ein gewöhnliches Pferd für mich und das bunte Einhorn des Jungen am Zügel, Advon und Dýamirée saßen auf dessen Rücken und wirkten bemüht wohlerzogen. Dýamirée fand es langweilig, brav im Schritt zu reiten, fing ich ihre Gedanken auf. Cýelú lud uns ein, die Gegend westlich des Cielástel zu erkunden. Und so hüteten wir zu zweit die Kinder, wohlbedacht, dass sie sich nicht gerade jetzt am falschen Ort herumtrieben. Schließlich sollte es eine Überraschung sein.
Am siebten Tag war der Moment gekommen. Wir hatten es den Kindern nicht gesagt, damit ihre letzte Zeit beieinander nicht mit Abschiedsschmerz verdorben wurde. Aber sie hatten es offensichtlich geahnt, denn als wir uns zu einem gemeinsamen Ausflug in die Hügel aufmachten, waren die Kinder still und hatten keine Augen für die reizvollen Gärten.
Farbenspiel schnaubte und stellte die Ohren auf, als wir uns dem Ziel näherten. Er trug die beiden, während er zwischen Perlenglanz und Sonnenstrahl am Boden dahin trottete, während Yalomiro als Pferd und ich auf seinem Rücken nachfolgten. „Es scheint, dass dein Einhorn diesen Weg gut kennt”, sagte Cýelú launig.
„Kann sein”, murmelte Advon vage.
„Ein schöner Hain”, versuchte ich, mich einzubringen. „So frisch und grün!”
„Ja. Es ist fast nichts mehr zu bemerken von dem Sandregensturm.”
„Wir sind da!” Elosál zügelte Sonnenstrahl und hielt an. Ich saß ab und Yalomiro verwandelte sich zurück in seine menschliche Gestalt.
„Was ist das?”, fragte Dýamirée überrascht.
„Steigt ab und schaut es euch an.”
Cýelú hob sie von dem Einhorn herunter, Advon sprang allein ab, wechselte einen verunsicherten Blick mit unserer Tochter und näherte sich dem seltsamen Objekt zaghaft, das da in seinem Geheimversteck aufgetaucht war.
„Hast du das gemacht, Papa?”, flüsterte Dýamirée ehrfürchtig.
„Wir alle haben daran mitgewirkt. Gefällt es euch?”
„Was ist es?”, fragte Advon fasziniert.
Es war eine Ranke oder Kletterpflanze, so genau ließ sich das nicht sagen. Sie sah aus wie ein zartes kriechendes Kraut, aber ihre zierlichen Blätter umrankten einen armdicken Trieb, der steil aus dem Boden emporragte, einen Bogen beschrieb und auf der anderen Seite wieder in den Boden hinein ragte. Das seltsame Gewächs hatte keine Spitze. Es wuchs unterirdisch zu einem Ring zusammen. Aber das wussten die Kinder nicht.
Zwischen den grünen zarten Federblättchen schimmerten winzige Blüten, metallisch in Gold und Silber und Perlmutt. Elosál hatte behauptet, für ein Mädchen müsse schließlich genug Glitzer dabei sein.
„Das”, erklärte Yalomiro, „ist eine Mittagspforte. Eure Mittagspforte.”
„Unkundige können es nicht sehen”, ergänzte Elosál. „Für ihre Augen ist das einfach nur ein Dornbeerbusch.”
„Eine Mittagspforte?”, fragte Dýamirée aufgeregt. „Was heißt das?”
„Es sind Regeln darauf”, erklärte Cýelú. „Benutzt es verantwortungsvoll. Und bitte sagt uns Bescheid, bevor wir nach euch suchen und uns Sorgen machen.”
„Das hier”, erklärte Yalomiro sein und Elosáls Werk, „ist ein ganz kleines Portal zwischen diesem Hain und dem Boscargén. Eine Tür, ein Durchgang, ganz ähnlich wie eine Weltentür. Ganz einfach. Allerdings nur für euch beide durchschreitbar. Und für Farbenspiel, wenn er die Flügel anlegt und nicht versucht, davon zu fressen.”
„Nicht einmal einer von uns anderen kann es benutzen”, fügte ich hinzu. „Es ist nur für euch beide. Wir schenken es euch.”
„Macht keinen Unfug damit”, mahnte Cýelú.
Advon starrte ihn verblüfft an. Dýamirée aber flog Yalomiro an den Hals. „Papa! Danke! Danke!”
„Hört erst zu”, sagte Elosál und legte ihrem Sohn liebevoll die Hände auf den Rücken. „Es gibt Regeln. Dieser Weg steht euch nur zweimal am Tag offen. Wer es zur Seite des anderen durchschreiten will, kann dies nur in der Mittagsstunde tun, wenn Pataghíus Glanz am höchsten steht. Wer zurück auf seine Seite gelangen will, der tut es genau zur Mitte der Nacht.”
„Warum gerade dann?”, fragte Advon, offenbar noch ohne erfasst zu haben, welche Möglichkeiten das bot.
„Damit ihr nicht beständig den ganzen Tag darin hin und her lauft”, neckte ich ihn. „Und ab und an auch daheim seid, und zwar auf der Seite, auf die ihr gehört.”
„Ihr seid das Morgenkind und das Abendkind. Es erscheint uns eine gute Idee, in der Mitte zusammenzutreffen.”
Advon zögerte, aber nur ganz kurz. Dann stürmte er auf Yalomiro zu und umarmte ihn voller Freude. Dýamirée machte ihm Platz und umhalste dankbar Elosál.
„Danke, Meisterin Salghiára”, wisperte Advon mir zu. „Danke! So viel Dank!”
Cýelú kniete sich hin, um Dýamirée noch einmal an sich zu drücken. „Komm uns bald besuchen, Kleines”, hörte ich ihn flüstern. „Und pass auf dich auf.”
„Ihr seid ein guter Mensch, Meister Cýelú”, sagte sie zutraulich.
Einen Moment lang schwiegen wir alle. Dann trat Dýamirée auf Advon zu. Sie schaute ihn an, zögerte einen Moment. Dann legte sie ihm ihr Kuscheltier in die Hände.
Ich hatte erwartet, dass Advon sich genieren würde, denn er war eigentlich schon zu alt für ein solches Spielzeug, noch dafür für ein so abgewetztes. Aber er schien sich darüber zu freuen, drückte es an sein Herz. Dann holte er ein kleines, in ein Tuch eingeschlagenes Geschenk für Dýamirée hervor.
„Oh”, machte Dýamirée verlegen. Offenbar spürte sie, was sich darin befand.
„Keine Sorge, Meister Yalomiro”, sagte Advon vorsorglich. „Es ist aus magischem Glas. Und, Meisterin Salghiára – Dýamirée ist alt genug dafür.”
„Und was ist es?”, fragte ich misstrauisch.
„Wo hast du das her?”, wollte Elosál, nun auch misstrauisch geworden, wissen.
„Ich habe Papa gebeten, es zu erschaffen.”
Dýamirée schlug das Tuch auf. In ihren Händen lag ein feiner Dolch, glänzend und fein verziert, wie gemacht für eine Mädchenhand. Das Glas schimmerte vielfarbig in der Sonne.
Ich schaute auf. Cýelú Irísolor lächelte so unbeteiligt, wie er es noch fertig brachte.
Dýamirée schaute Advon mit begeisterter Dankbarkeit an. Er grinste verlegen und drückte das Kuscheltier an sich. „Danke, Advon! Das ist toll!”
„Ich bin mir sicher”, sagte Yalomiro nachdenklich mit einem rügenden Blick in Cýelú Richtung und seine magiscal streifte mich zärtlich, „dass wir daraus ein sehr gutes Werkzeug machen können. Nicht wahr, Dýamirée?”
Du willst ihr eine magische Waffe erlauben?, fragte ich entsetzt.
Vielleicht wird sie eine brauchen. Die Zeiten ändern sich.
Ich schauderte. Wirklich einverstanden war ich mit dem Geschenk nicht, und auch Elosál sah aus, als würde sie Cýelú sehr streng darauf ansprechen, sobald wir außer Hörweite waren. Aber dann wurde mir klar, dass wir beide Mütter waren, die nicht wollten, dass Kinder sich an scharfen Dingen verletzten. Und ich begriff, dass es hier nicht um ein unverantwortliches Spielzeug ging. Yalomiros maghiscal vermischte sich mit meiner. Trost und Wärme und Liebe. Füreinander.
Es ist nicht vorbei.
***
Vier Monde nach der großen Flut war in Aurópéa kaum noch etwas von der Verwüstung zu sehen. Hier und da waren in der Unterstadt an einzelnen Gebäuden noch Schäden am Putz und am Anstrich zu sehen und mehrere Keller waren immer noch nicht trockengelegt worden. Nachdem einige Tage nach jener furchtbaren Nacht doch noch drei kleinere Gebäude durchweicht zusammengebrochen waren, ganz offensichtlich bedingt durch Schlamperei beim Bau, hatte es kurzzeitig einen kleinen Aufruhr gegeben. Warum der alte Brunnen unter dem Palast diese absurde Menge an Wasser ausgespien hatte und wo dieses hergekommen war, das konnte sich niemand erklären, und natürlich waren viele rasch dabei gewesen, den Regenbogenrittern die Schuld dafür zuzuschieben. Der konsej hatte daraufhin sämtliche forscoray und Baumeister, die in Aurópéa aufzufinden waren, an die Untersuchung des Rätsels gesetzt und mit einer beträchtlichen Summe sichergestellt, dass es sich niemand einfach machte und den Vorfall mit Zauberei wegerklärte. Restlos zufriedenstellend waren die Ergebnisse nicht. Die brauchbarste Theorie gründete sich darauf, dass der unterirdische Wasserlauf, der die Höhle im Garten von Úldaise Tiáramalé mit dem Brunnen verband, sich möglicherweise durch ein Erdbeben aufgestaut hatte, daraufhin wie nach einem Dammbruch, zuerst die Felshöhle, den Kern des Hügels gesprengt und dann mit ungeheurer Wucht zum Brunnen geströmt war. Dort hatte es nicht schnell genug durch den natürlichen unterirdischen Kanal abfließen können und war durch den Brunnen nach oben ausgeströmt und von dort den Hügel hinab. So einfach war das.
Und der Sandregensturm? Und das unheimliche Licht über dem Cielástel?
Nun, seltsame Wetterphänomene kamen vor. So sei es denkbar, dass verirrte Winde eiskalte Regenwolken aus dem äußersten Westen heran getrieben hatten, und die Eiskristalle darin Widerschein von Pataghíus Glanz gespiegelt hätten, während zugleich ein Sandsturm aus der Wüste herangenaht war.
Und das Lichterspiel, die gewaltige Kuppel, der nächtliche Regenbogen, von dem die Bauern in den Gärten berichteten?
Nun, ging es jemanden etwas an, mit welchen Narreteien sich die Buntkerle zu nachtschlafender Zeit und im Unwetter die Zeit vertrieben?
Saháalír und die sinora wussten es besser. Aber sie schwiegen darüber. Auch die fajía und der Goldene waren der Ansicht gewesen, dass man die Leute nicht mit übernatürlichen Details verunsichern solle. Es würde von viel wichtigeren Dingen ablenken.
Den Mächten sei es zu danken, dass es angesichts der Katastrophe nur sehr wenige Opfer zu beklagen gab. Zu denen allerdings zählte wohl der ehrwürdige sinor Úldaise Tiáramalé, den niemand seit jener Nacht mehr gesehen hatte. Möglicherweise hatte er sich in seinem Garten aufgehalten. Mochte er hinter den Träumen seinen Frieden finden. Große Klage rief der Verlust des alten Mannes nicht hervor. Im Gegenteil. Zunächst gut verborgen im Rahmen der Aufräumarbeiten, danach aber immer offensichtlicher, stieg die Rate von Raub und Diebstahl wieder an, und die Marktzellen füllten sich. Da aber niemand mehr da war, der das Gesetz durchsetzte und sogar die Richtstätte in der Wüste von dem Sturm verwüstet und verschüttet worden war, behalf man sich zunächst damit, die Übeltäter einfach aus der Stadt zu jagen. Wie man hörte, fassten einige der Verbannten den Entschluss, in den Norden, nach Rodekliv oder Ferocrivé zu ziehen. Dort könne ein Verbannter leicht sein Glück machen, flüsterte man im nächtlichen Trubel und auf den dunklen Gassen einander zu.
Die sinora und Saháalír hatte es wenig Überzeugung gekostet, den übrigen Stadtältesten schmackhaft zu machen, die Lasten und lästigen Pflichten des Amtes abzulegen. So blieb mehr Zeit für die schönen Dinge, wie Mode und feine Kleider, oder die Erinnerungen, wie die glorreichen Schlachten und Turniere. Und so verlor der konsej von Aúropéa endgültig seine Bedeutung.
Den mutigen jungen maedlor und den Kommandanten der Stadtwache, der sich so umsichtig und klug handelnd gezeigt hatte, hatten die beiden angewiesen, das Recht, die Verwaltung und die Ordnung in neue Bahnen zu lenken und zu organisieren. Die besten und fähigsten für die wichtigen Posten unter den maedloray und Schutzkräften sollten fortan durch Ratschlüsse und Beratungen bestimmt und auserkoren werden, von der Gemeinschaft und nach Tugend und Verstand. Bis sich dies zu einer stabilen Ordnung fand, wollte Saháalír ein Auge darauf halten. Einfach würde das nicht, denn kaum hatten sie diese Idee (die der Goldene für vernünftig befunden und bestärkt hatte) den maedloray dargelegt, begann in der Stadt ein fieberhaftes Diskutieren und Debattieren, es wurden Versprechen gemacht und eine Menge gelogen und intrigiert. Trotzdem war Saháalír guter Dinge, dass sich alles zur guten Sache wenden würde. Denn schließlich waren die arcaval’ay da und … beobachteten. Mochten die Mächte verhüten, dass sie einen Anlass sahen, sich einzumischen.
Die Villa der sinora hatte in jener Nacht nur geringen Schaden genommen. Längst waren Garten und Erdgeschoss aufgeräumt, und das Leben nahm seinen gewohnten Gang. Das Hausgesinde war in der Küche beschäftigt oder auf Botengängen, denn für den Abend hatte die sinora Saháalír zu einem Mahl und einer Partie des edlen Brettspiels eingeladen. Es war ein angenehm kühler Tag, obwohl der Himmel in reinstem Blau strahlte und Pataghíus Glanz sich gerade erst dem Horizont im Norden zuzuneigen begann. Die sinora schaute zufrieden aus dem Fenster ihres Schlafgemachs und erfreute sich an dem Duft der Blumen im Garten. Im Baum vor dem Haus hatte eine Prachtvogelhenne ein Nest gebaut und kümmerte sich um die frisch geschlüpften Küken. Deren raues Geschrei übertönte das Vogelgezwitscher in den übrigen Bäumen. Aber die Kleinen waren so possierlich anzuschauen, dass die Dame darüber hinwegsah. Schließlich wandte sie sich dem Spiegel zu und probierte die schöne neue Perücke aus, die der sinor ihr geschenkt hatte, kaum dass der Haarkünstler in der Oberstadt seinen Laden wieder geöffnet hatte. Sein Gürteltuch trug sie trotzdem immer noch, wenn auch als Schärpe.
Der Gong auf der Mauer ertönte zur Nachmittagsstunde, und fast zugleich schlug unten an der Tür jemand die Glocke und begehrte Einlass. Die sinora dachte sich zunächst nichts dabei, denn Saháalír und sein Gefolge konnten es noch nicht sein, dafür war es zu früh. Wahrscheinlich ein Lieferant oder Bote.
Als die Glocke ein zweites und drittes Mal ertönte, wurde die Dame aufmerksam. Warum machte denn niemand auf?
„So lass doch jemand ein!”, rief sie in den Flur hinaus. Aber dort war niemand in Hörweite.
Sie runzelte die Stirn. Wo waren denn all ihre Zimmermägde hin?
Es läutete zum vierten Mal. Von ihrem Fenster aus konnte die sinora nicht sehen, wer an der Tür wartete. Also legte sie ihr Schminkzeug beiseite und ging hinaus aus ihrem Zimmer.
„He!”, rief sie, als es noch einmal läutete. „He, wo seid ihr denn? Hört ihr nicht, dass jemand Einlass begehrt?”
Aus der Küche drang das geschäftige Klappern und Klirren mit Töpfen und Geschirr. Es duftete bereits köstlich. Aber im Haus schien sich niemand aufzuhalten. Das war seltsam.
Der Besucher hatte Geduld. Er betätigte die Glocke noch einmal.
Die sinora seufzte ärgerlich auf und quälte sich dann die Treppe hinab. Seit jeder Nacht im Cielástel, seit Úldaise Tiáramalé sie niedergeschlagen hatte, machten ihr die gebrechlichen Knochen noch mehr Kummer, und von der Erkältung, die sie sich nach dem Regen zugezogen hatte, hatte sie sich nie wirklich erholt. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie hustete viel.
Aber sie erreichte die Tür, gerade als der Besucher die Hand erneut an die Glocke legen wollte. Sie öffnete ihm, und er schaute ihr freundlich entgegen.
Er war ordentlicher gekleidet, als sie ihn in Erinnerung hatte. Offenbar hatte jemand ihm eine neue Tunika vermacht, in leuchtendem Rot, mit hübschen Stickereien. Sein bartloses Gesicht und sein wildes Lockenhaar waren sauber, und sein Blick so einladend, so sanft und freundlich, dass es ihr war, als versänke sie darin wie in weichen, warmen Kissen.
Er trug nun ein Schwert.
„Guten Abend”, sagte er. „Erinnert Ihr Euch an mich? Ich schulde Euch noch eine Geschichte.”
Sie schaute ihn an und fühlte sich ganz sonderbar. Die Schmerzen waren fort. Da war nur noch Erleichterung und Frieden.
„Komm herein”, sagte sie und reichte dem báchorkor ihre Hand.
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