Er schwebte.

Oder … nein, es war kein Schweben. Es war ein Zustand ohne oben und unten, ohne Schwere und Begrenzung. Vermutlich war er tot.

Yalomiro erschrak und riss die Augen auf, aber er hatte keine Augen mehr. Er hatte nicht einmal mehr einen Körper. Und Sinne hatte er schon gar nicht.

Er war blind und taub und körperlos. Es gab nichts mehr, was ihn einschränkte oder womit er sich etwas anderem zuwenden konnte. Yalomiro Lagoscyre war auf etwas nicht mehr stoffliches reduziert, zu einem Hauch in einer allumfassenden Leere geworden. Nein – keine Leere. Leere grenzte sich von einem Etwas ab, aber hier war nichts.

Mit seinem Entsetzen wich der letzte Rest seiner bewussten Existenz von ihm. Dafür bemächtigte sich etwas anderes dessen, was immer er in diesem Moment, an diesem Ort sein mochte. Es war unendlich groß und dunkel und mächtig. Es schaute ihn an. Genaugenommen betrachtete es ihn von allen Seiten und durch ihn hindurch. Es versuchte offenbar, sehr vorsichtig dabei zu sein, aber jede Erinnerung, die es entdeckte, jedes Gefühl, dass es sich anschaute, gleißte auf und wurde blendend … ja, was eigentlich? Hell? Sichtbar?

Irgendetwas von dem, was von ihm verblieben war und von außen nach innen und wieder zurück gekehrt wurde durch die Prüfung der … Wesenheit, begann sich selbst wahrzunehmen, wie aus weiter Ferne.

Es hatte überhaupt keinen Sinn, sich vor dieser Prüfung zu verstecken, zu verleugnen, was sich in seinem Inneren verbarg. Er hatte keine Gewalt über sich. Alles, was die Wesenheit sah, spürte er, so als sei er selbst es, der sich beobachtete.

Arroganz.

Leichtsinn.

Ungehorsam.

Zorn.

Hass?

War er das? Waren das all seine Schwächen, so viele Wesenszüge, die einem Schattensänger nicht anstanden, die es zu überwinden galt, wie …

Zweifel.

Verzweiflung.

Trauer.

Schmerz?

Der Schmerz schien die Wesenheit besonders zu interessieren. Sie blieb länger darauf fokussiert, als er es ertragen konnte. Er suchte eine Verbindung zu anderen Dingen, die er ihr zeigen konnte.

Verlangen.

Vertrauen.

Zärtlichkeit.

Sehnsucht.

Das war irritierend. Es waren Dinge an ihm, die nun so gar nichts mit den camat’ay zu tun hatten, die es schlicht nicht geben durfte. Emotionen, die ein Makel an ihm waren und seine Reinheit versuchten und verseuchten. Die unfassbare Wesenheit war gnadenlos und untersuchte diese verbotenen Emotionen weiter. Offenbar standen sie nicht im Widerspruch mit …

Mut.

Weisheit.

Gerechtigkeit.

Güte.

Liebe.

Liebe.

Liebe.

Dunkel wurde es um ihn, dunkel, warm und frei von Angst. Er hatte die Prüfung hinter sich.

Woher kommt all die Liebe in deiner Seele, Yalomiro?, fragte Noktáma. Hat dein Meister seine Sache so schlecht gemacht, als er dich mir weihte?

Yalomiro spürte, wie sein Selbst wieder in seinen Körper zurückglitt, ein verstörendes Gefühl, das ihn benommen machte. Aber sie hatte Geduld und wartete, bis sein Verstand wieder bereit war.

„Die Unkundige hat sie mir gegeben.”

Nein, Yalomiro, das ist nicht richtig. Nicht ganz. Du bist ein Gärtner. Stell dir die Liebe vor, wie ein Samenkorn in deinem Herzen. Du weißt, dass manche Sämereien nur dann keimen, wenn besondere Umstände zusammentreffen. Und geht so ein Samen auf, ist es fraglich, ob der Gärtner ihn ausreißt oder wachsen lässt. Du hast das Unkraut wachsen lassen, und nun hat es mit seinen Wurzeln dein Herz gesprengt.

„Selbst Unkraut kann auf blankem Stein nicht wachsen. Es muss zumindest auf eine Fuge fallen, die es nähren kann. Wenn eine solche Fuge, eine fruchtbare Narbe zurückgeblieben ist, damals, als mein Meister meine Seele reinigte, dann war es nicht seine Unachtsamkeit. Es war der Wille der Mächte.”

– Es ist nicht an dir, zu erfahren, was der Wille der Mächte ist.

„Ich muss es nicht wissen. Es mag Zufall sein, wie der Fall eines Würfels, oder taktischer Zug in einem Brettspiel. Aber was immer es ist … ich muss es sein, der es tut. Was immer mit meinem Herzen geschehen ist, ich bin hier, um dein Spiel zu bestreiten.”

– Du hast deinen Weg bis hierher gefunden, Yalomiro. Aber du bist nicht mehr derselbe, der das ay’cha’ree damals hierher gebracht hat. Damals hast du deine Sache gut gemacht, listig und unvorhersehbar für den Weltenspielverderber. Was dich nun hierher führt, ist weder List noch Bestimmung noch Zufall. Was ist es, das du willst, Yalomiro?

„Ich will in Ordnung bringen, was Gor Lucegath durcheinandergebracht hat.”

– Was ist die Ordnung, Yalomiro? Die Unversehrtheit der Unkundigen? Die Vernichtung des Rotgewandeten? Oder die absolute Macht für den letzten verbliebenen Schattensänger?

„Das, was immer die Mächte mich tun heißen.”

– Und du glaubst, das sei eine Aufgabe, die die Mächte einem sterblichen Magier mit einem von Liebe und Zorn zerrütteten Herzen anvertrauen würden? Du glaubst, dass du noch im Sinne der Mächte handelst, wenn du vor menschlichen Entscheidungen stehst?

„Ja.”

– Warum?

„Weil all das nur so gekommen ist, weil du es so gefügt hast, Noktáma. Weil du über die Welten hinweg die Unkundige auserwählt hast, um mich die Magie die Liebe zu lehren. Ich bin nicht so anmaßend zu denken, dass es etwas mit mir oder ihr als sterblichen Wesen zu tun hat. Aber ich denke mir, es wird kein Zufall gewesen sein.”

– Nein.

Mehr sagte sie nicht. Aber etwas um ihn herum veränderte sich. Die Wärme und Dunkelheit gewann an Substanz, wurde von Augenblick zu Augenblick realer. Unter seinen Füßen schien sich fester Halt zu bilden, und um ihn herum Luft, die sich atmen ließ.

– Yalomiro Lagoscyre … das Undenkbare, das mit dem Weltenspiel geschieht, hat bereits vor undenkbar langer Zeit begonnen. Und es wird mit dir und Gor Lucegath, auf welche Weise auch immer, nicht enden. Doch wenn du deine Sache gut machst, wird es durch dich weitergehen. Aber ich darf mich nicht einmischen. Wir dürfen uns nicht in das Weltenspiel einschalten und seine Regeln ändern. Wir haben euch die Magie gegeben und Euren Willen gelassen. Das muss genügen.

„Ich bitte dich nicht um dein Eingreifen”, antwortete er. „Ich bitte dich nur um deinen Zuspruch.”

– Wenn du scheiterst, Yalomiro Lagoscyre, wirst du der Magier sein, der das Scheitern des Weltenspiels herbeigeführt hat. Wenn es hernach noch lebendige Wesen geben sollte, wirst du ihnen größere Schrecken bereitet haben als alle verlorenen Magier sämtlicher Kreise zuvor. Du wirst von allen Mächten verstoßen und in ewiger Verdammnis gefangen sein. Du wirst ein Gejagter sein unter den Chaosgeistern, auf Ewigkeit verloren, verstoßen und deiner Seele beraubt. Willst du dieses Risiko wirklich auf dich nehmen?

Er kniete nieder und senkte den Blick vor der Dunkelheit.

„Kannst du mir ein tröstendes Wort schenken, mit dem ich mir Hoffnung bewahren und Mut daraus schöpfen kann, Noktáma?”

– Ja. Ich habe Pläne mit dir, Yalomiro Lagoscyre. Die nächsten Züge im Weltenspiel sind schon gedacht. Es ist an dir, den ersten zu tun.

Die Dunkelheit verschwand schlagartig. Eisiger Wind schlug ihm ins Gesicht, mit Gischt gespickt wie mit tausend spitzen Nadeln. Umgeben von Schleiern aus Chaos, Wind und brodelndem Meer kniete er auf dem von ewigem Sturm glatt geschliffenen Felsen. Niederfahrende Blitze im Inneren des Wirbelns zerrissen die düster dräuenden Wolken. Yalomiro schrie von Überraschung und Schrecken auf und wurde zu Boden geschleudert von einer Windböe, die ihn mit einer Wucht traf wie ein stürzender Fels.

Als er aufblickte, lag vor ihm, genau wie er sie vor Ewigkeiten dort abgestellt hatte, die Schatulle mit dem Artefakt.