Isan schlich auf Zehenspitzen hinaus. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick auf Waýreth Althopian. Der Ritter schlief und atmete mit tiefen Atemzügen. Seine Hand umklammerte etwas neben seinem Kopf auf dem Kissen, wahrscheinlich den Talisman aus dem Haar der yarlara. Isan hoffte, ihrem Herrn wären schöne Träume von der edlen Dame vergönnt.
Aber das sonderbare Verhalten des jungen teirand ließ dem Mädchen keine Ruhe. Waýreth Althopian hatte ihm irgendetwas gegeben, was ihn dazu brachte, sich in ein illusorisches Abbild der armen, kränklichen teiranda zu verlieben, völlig ohne Sinn und Verstand. Sie wollte herausfinden, wie das funktionierte – und ob es womöglich ein Mittel gab, einzugreifen und damit den yarl einer Sorge und seines gequälten Gewissens zu entbinden.
Natürlich dachte Isan nicht ernsthaft daran, dass sie irgendwie in die Nähe der Privatgemächer des teirand gelangen würde. Aber es konnte schließlich nicht schaden, einmal in Ruhe die Lage zu sondieren.
Vielleicht würde sie, wenn sie Schlaflosigkeit vorgab und auf Burgbewohner bei nächtlichem Dienst traf, das eine oder andere aufschlussreiche Gespräch führen. Erfahrungsgemäß langweilten sich beispielsweise Nachtwächter auf ihren einsamen Runden. In Valvivant war das jedenfalls so gewesen, und Valvivant und das teirandon Spagor waren sich in der Beschaulichkeit, die an beiden Orten zu spüren war, doch recht ähnlich.
Und tatsächlich: Als das Mädchen auf den Hof schlich und horchte, vernahm es leise Saitenklänge. Irgendjemand in der Nähe machte Musik.
Sehr gut. Ein báchorkor, der auch nicht schlafen konnte. Welch ein Glück!
Sie lauschte, orientierte sich und ging in die Richtung, aus der die Musik ertönte. Die Melodie führte sie über den hell vom Mond erleuchteten Hof zu einer offenen Nebentür zwischen Wirtschaftshaus und Stall, die in einen großen Gemüsegarten hinausführte. Dort, hinter einem Spalier mit Bohnen, saß ein Mann mit einer Laute auf dem Rand eines ummauerten Beetes und klimperte vor sich hin.
Beim Näherkommen stellte Isan fest, dass das Instrument etwas verstimmt war. „Nicht erschrecken”, rief sie.
Der Mann hörte auf zu spielen und setzte sich aufrecht hin. „Wer ist da?”
„Ich hab die Musik gehört”, plauderte Isan los. „Ich kann nicht schlafen und dachte, ein kleiner Spaziergang … Majestät?”
Asgaý von Spagor legte die Laute beiseite. Beim Näherkommen hatte sie ihn erkannt. Ein báchorkor würde kaum eine Krone auf dem Kopf tragen.
„Vergebt mir”, beeilte sie sich zu sagen und kniete artig nieder. „Ich habe Euch nicht erkannt und nicht hier erwartet.”
„Steh auf, Mädchen. Es sind Schnecken am Boden.”
Isan kam mit einem kleinen Laut des Ekels wieder auf die Füße.
„Bist du nicht die junge Magd. die Emberbey eingestellt hat?”
„Ich gehöre zu yarl Althopian, Herr. Yarl Emberbey stand nur zufällig neben mir. Und ich bin keine Dienstmagd. Ich bin eine doayra.”
„Oh, sehr schön. Wie vernünftig, dass er sich eine eigene doayra besorgt hat. Du sollst ihm wohl seine Blessuren von den Turnieren pflegen?”
„Nein, Herr, nicht wirklich.”
„Und ich dachte, er habe nichts anderes im Sinn. Immerfort redet er mit seinem Rittertum auf mich ein. Es ist ermüdend.”
„Darf ich erfahren, warum Ihr nachts im Gemüsebeet sitzt und Laute spielt, Herr?”
Der teirand seufzte. „Ach, ich bin verliebt, Mädchen. Verliebt und inspiriert. Hör zu, wie findest du das?” Er nahm sein Instrument und zupfte eine sentimentale Melodie.
„Es ist … originell”, sagte Isan diplomatisch. „Eine Hymne für eine Dame?”
„Gefällt es dir?”, fragte er begierig.
„Was gäbe es für eine Dame Erhebenderes als ein selbstkomponiertes Lied. Und das von der Hand eines wahren teirand“, schmeichelte Isan.
„Komm her, setz dich zu mir!”, forderte er sie begeistert auf. Das Mädchen kam gehorsam näher, bog einige Salbeiblätter beiseite und ließ sich züchtig in respektvollem Abstand nieder.
„Ich werde nämlich in wenigen Tagen aufbrechen, um um die Hand einer hochedlen Dame zu werben”, erklärte er.
„Ja, davon redetet Ihr heute mit Euren yarlay.”
„Dann hören die beiden vielleicht auch endlich auf, mir in den Ohren zu liegen. Das teirandon hier, die Ehre und Pflicht und Verantwortung da … man sollte meinen, die beiden hätten nichts anderes im Kopf, als sich für die Leute verantwortlich zu fühlen.”
„Nun ja”, wandte Isan ein, „es sind eben yarlay. Schutzherren. Die Mächte haben ihnen diese Verantwortung im Weltenspiel gegeben.”
Asgaý von Spagor gab einen verächtlichen Laut von sich. „Ach was… Weltenspiel … sollen sie spielen, was und mit wem sie wollen.”
Isan runzelte überrascht die Stirn. Was war das für eine respektlose Rede?
„Und Euer Lied, Herr?”
„Wenn du mit Althopian gekommen bist, hast du die hochedle Dame dann vielleicht auch gesehen?”
„Kíaná von Wijdlant? Ich bin ihr kurz begegnet.”
Asgaý von Spagor zögerte kurz. „Und?”, fragte er dann begierig.
„Es steht mir nicht zu, über edle Damen zu … tratschen”, redete sie sich heraus. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass ausgerechnet sie so etwas jemals sagen würde. Und schon gar nicht zu einem teirand, so jovial und lässig Asgaý von Spagor sich auch gab.
„Aber sie hat keinen … Werber an ihrer Seite?”
„Nein. Nur so was Ähnliches wie einen mynstir, glaube ich.”
„Althopian sagt, die Dame sei in Not und bräuchte einen Helden, der für sie einsteht.”
„Nun ja … so ähnlich.” Bei den Mächten, was hatte Althopian dem armen Kerl erzählt?
„Ich will mich der Dame im besten Licht präsentieren”, sagte er nachdenklich. „Aber ich habe so etwas noch nie getan.”
„Müsst Ihr denn in dieser Sache auf Althopian hören?”
„Diesmal will ich auf ihn hören. Die Dame … bei den Mächten, ich sah sie und mein Herz war ihres. Ich werde sie retten und umwerben.”
„Vielleicht solltet Ihr die Dame erst einmal näher kennen lernen, bevor Ihr Euer Herz verschenkt?”
„Ja”, sagte er ungeduldig. „Deshalb gehe ich ja nach Wijdlant und befreie sie. Aber was, wenn ich ihr nicht zusage?”
„Das, Herr, kann ich Euch nicht beantworten.”
„Ich will sie beeindrucken. Aber ich weiß nicht recht womit.”
„Für gewöhnlich finden im Frühjahr überall große Turniere und Feste statt, bei denen die Edlen einander vorstellen.”
„Das ist vielleicht etwas für Leute wie Althopian. Ich … ich bin nicht so gut als Kämpfer.”
Das beruhigte Isan. Sie mochte sich nicht vorstellen, was anderenfalls geschehen mochte, wenn der Rotgewandete den jungen Mann herausfordern würde. „Ich denke, Euer Lied ist schon ein ganz guter Anfang. Leider habe ich keine Ahnung, wie es um den Feinsinn der teiranda bestellt ist…”
„Unzweifelhaft ist sie eine kultivierte und geistreiche Dame!”
„Das mag ja sein. Dennoch … solange Ihr die Dame nur durch ein Bildnis kennt, werdet Ihr in Eurer Hoffnung möglicherweise enttäuscht.”
Er erhob sich unwillig. „Auch, was soll ich mich mit einer doayra und einem halben Kind noch dazu über Liebe unterhalten! Keine Ahnung hast du von dem, was mein Herz bewegt.”
„Herr ich wünsche Euch und Eurem Herzen nur das Allerbeste. Alles, was ich sage ist, dass es nicht gut ist, sich allein in ein Bild zu verlieben. So schön es auch sein mag.”
Er zögerte. Dann wandte er sich ab und stapfte davon.
Isan seufzte. Wirklich weiter geführt hatte dieses Gespräch sie nicht. Aber mit ein bisschen Glück hatte es den jungen naiven teirand zum Nachdenken gebracht.
***
„Was wollt Ihr hier, mitten in der Nacht?”, wisperte die Kammerzofe verstört. „Ist heute nicht schon genug Unheil geschehen?”
„Wir sorgen uns um die teiranda“, wisperte yarl Grootplen. Er schwankte und sein Atem roch verdächtig nach einem bäurischen Getränk. Auch die beiden anderen wirkten verstörend angeschlagen. Moréavals Gewänder waren klatschnass.
„Es geht ihr gut”, sagte die Kammerfrau knapp und wollte die Tür wieder schließen, aber Moréavals eisenbeschlagener Stiefel stand – wenn auch wohl unabsichtlich – im Weg.
„Wir müssen mit ihr reden!”
„Reden? Seid Ihr bei Sinnen? Niemand redet um diese Zeit mit der Herrin!”
„Es ist dringend!”
Nun lachte die Frau höhnisch auf. „Geht zu Bett und träumt weiter, edle Herren! Es gibt nichts, was die Herrin heute als dringlich gelten lassen mag.”
„Aber …”
Sie trat den Rittern energisch entgegen und erreichte damit tatsächlich, dass die drei vor ihr auf den Korridor zurückwichen. Sie lehnte die Tür hinter sich an.
„Bei den Mächten, Ihr kommt zu einem seltsamen Zeitpunkt. Geduldet Euch gefälligst, bis sie wieder zu sich kommt!”
„Aber hast du nicht gerade gesagt …”
„Sie ist wohlauf, aber sie ist entrückt, seit der Meister sie in seinem Turm hatte! Sie hat noch nicht einmal Kenntnis davon genommen, dass das arme Mädchen, möge es wohlbehalten hinter den Träumen sein, nicht mehr um sie ist!”
Die Ritter berieten sich mit stummen Blicken.
„Lass wenigstens einen von uns aus geziemlichen Abstand einen Blick auf sie werfen.”
Die Zofe seufzte. „Wenn es der einzige Weg ist, Euch loszuwerden – welcher von euch ist denn am nüchternsten?” Sie musterte die Männer und winkte dann Altabete zu sich. „Nur bis zur Tür”, ermahnte sie ihn.
Der yarl durchquerte gehorsam das Vorzimmer, in dem sie täglich zur Audienz standen und das nun in der Nacht seltsam düster und fremd wirkte. Die Tür zu den privaten Räumen stand spaltweit auf. Schwaches Licht drang hervor. Der Ritter spähte vorsichtig hinein.
Die teiranda lag nicht, wie er erwartet hatte, schlafend in ihrem Bett. Sie saß vor ihrem Spiegel und schaute gebannt und mädchenhaft lächelnd hinein. Ihr Blick wirkte seltsam friedlich und milde und brachte ihr bleiches, hohlwangiges Gesicht zum Glänzen.
Er sprach sie nicht an. Oft genug hatte er sie so gesehen und gelernt, dass sie in diesem Zustand nicht bei ihnen war, zumindest nicht in ihrem Geist.
Was mochte sie in ihrem Spiegel nur vor sich haben?
Er wandte sich ab und kehrte zu seinen Kameraden zurück.
„Danke”, sagte er zu der Kammermagd. „Es war uns wichtig.”
„Es ist in Ordnung. Wir alle sind in Sorge, nicht nur Ihr.” Sie zögerte. „Ist es denn tatsächlich ernst?”
Darauf hatten die drei keine Antwort. Und das besorgte die Zofe noch mehr.
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