Ich machte mir gar keine Gedanken darüber, dass ich ohne weiteres in den Turm hinein gelangte. Ich schlich die Treppe zum Hocheingang hinauf und fand die schwere Holztür zwar geschlossen, aber nicht abgeriegelt vor. Vorsichtig vergewisserte ich mich, dass niemand auf mich achtete und schlüpfte hinein.

Meine kleine Funzel reichte nicht weit, aber wo das Regal mit den Laternen war, wusste ich noch. Ich zündete mir eine hellere Lampe an und schaute mich um. Die kleine Treppe abwärts interessierte mich nicht. Ich hatte ja selbst gesehen, dass der ehemalige Kerker der Burg Wijdlant voller altem Gerümpel stand, ungefähr so wie mein Keller daheim. Diesmal wollte ich nach oben.

Ist das nicht eine ziemlich dumme Idee? Wo willst du hin, wenn er dich überrascht?

Ich wischte die Bedenken beiseite und staunte selbst über meine tollkühnen Ambitionen. Wahrscheinlich war es meine Gier nach der Scherbe, die mich beflügelte. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass diese möglicherweise gar nicht hier war. Es war der reinste Tunnelblick. Ich setzte meinen Fuß auf die erste Stufe der Wendeltreppe und begann den Aufstieg.

Baulich handelte es sich beim Turm um ein Zwischending aus einem Wohn- und einem Wehrturm. Von außen hatte ich das Gebäude auf etwa vierzig Meter Höhe geschätzt und ich war sicher, im unteren Bereich auch mit Läden verschlossene Fenster gesehen zu haben. Tatsächlich erwies sich der Durchmesser des Kernbaus als deutlich kleiner, als es die Außenmauern nahelegten. Die Treppe wand sich steil aufwärts, glücklicherweise mit einem dicken Seil als Geländer an beiden Seiten. Alle paar Meter wurde die Stiege von einem kleinen Absatz unterbrochen, von dem aus eine Tür abging. Aber als ich prüfend daran rüttelte, fand ich diese Zimmer abgeschlossen. Was immer sich darin verbarg, es war nicht öffentlich zugänglich.

Etwa auf halber Höhe der Turmes hörten die Seitentüren auf und die Treppe schwang weiter auf, führte nun an der Außenmauer entlang, Hier war nur noch auf der Wandseite ein Geländer; auf der anderen Seite nach innen gab es keine Sicherung. Einmal leuchtete ich zaghaft in die Tiefe, schauderte und drückte mich dann wieder an der Wand entlang weiter nach oben. Zum Glück waren die Stufen hier breiter und weniger steil. Trotzdem stellte ich mir vor, wie einfach es sein mochte, hier aus Unachtsamkeit oder bei einem Kampf um den Turm hinabzustürzen.

Wie oft war das wohl schon jemandem geschehen?

Als ich das obere Ende der Treppe erreichte, war ich ziemlich außer Atem. Kein Wunder, mit meiner Kondition war es nach Wochen des Herumsitzens nicht mehr weit her. Aber ich hatte mein Ziel erreicht. Die letzten paar Stufen führten durch eine offene Falltür hindurch auf einen Zwischenboden. Als ich hindurchgeklettert war, stand ich vor einer normalen Zimmertür.

Einladend stand sie einen Spalt weit offen.

Nun gab es kein Zurück mehr. Ich zog die Tür vorsichtig ein Stück weiter auf und spähte hinein.

Meister Gors Gemach nahm fast das gesamte Rund der obersten Turmetage ein, abgesehen von der Aussparung durch den Treppenabsatz. An den Außenwänden gab es mehrere Fenster, von denen eines offen stand. Die übrigen waren mit Holzläden verriegelt. Über alldem spannte sich eine leicht gewölbte Decke.

Ich trat ein und schaute mich um. Einen Moment lang zweifelte ich, ob ich mich wohl wirklich im Reich des Rotgewandeten befand. Zweifellos war der Raum bewohnt, aber ich war irritiert. Alles wirkte so normal.

Das Bett in der Ecke neben der Tür war ordentlich bezogen und gerichtet. Hinter einem Vorhang an der anderen Seite befand sich vermutlich eine Waschecke. Zwischen den Fenstern standen einfache Regale mit einigen Flaschen, Tiegeln und kleinen Phiolen und Döschen. Es roch zart nach Kräutern. Unterhalb der Fenster gab es dieselben schweren Truhen wie im Gemach der teiranda und meiner eigenen Stube. Ich fragte mich unwillkürlich, wer sie einst hierher geschleppt haben mochte.

Das Zentrum des Raumes nahm ein erstaunlich großer viereckiger Tisch ein, über den eine schwere Decke aus einem samtartigen Stoff ausgebreitet war. Dahinter stand ein altmodischer geschnitzter Sessel mit ein paar abgewetzten Kissen als Komfort, und davor ein einfacher mit Armlehnen. Mitten auf dem Tisch befand sich eine kleine Schatulle, etwa so breit wie ein Schuhkarton, aber viel flacher. Sie bestand aus rötlichem Holz und war mit schlichten goldenen Beschlägen verziert. Ein kleiner Haken hielt den Deckel geschlossen.

Ich leuchtete eilig an den Regalen entlang. Zumindest lag die Scherbe nicht offensichtlich herum. Dafür fand ich, ganz am Rande eines Bretts zwei Figuren aus grüngelbem beziehungsweise rosa Kristall. Sie wirkten wie Nippes von der Art, den man scheußlich findet, aber aus Anstand aufstellt, für den Fall, dass derjenige, der ihn einem geschenkt hat, unerwartet zu Besuch kommt. Es waren sicherlich die Figuren, die auf dem Gesellschaftsspiel der teiranda fehlten; ein Mann und eine Frau in weiten Roben und mit feierlicher Gestik.

Das war interessant, aber nicht das, weswegen ich hier war. Ich würde nicht umhinkommen, einen Blick in die Truhen zu werfen.

Oder bewahrte der Lichtwächter die Geigenscherbe womöglich in dem Kasten auf dem Tisch auf? Ich setzte die Laterne ab und streckte die Hand danach aus. Einen Augenblick widerstand ich. Dann siegte die Neugier. Ich klickte den Haken auf und öffnete den Deckel.

Der flache Kasten ließ sich aufklappen wie ein Buch. In seinem Inneren lagen, aus Gold gefertigt und im Lampenschein schimmernd, sorgfältig aufgereiht auf rotem Samt, etwa drei Dutzend schmaler Gegenstände, filigran gearbeitet und manche davon versehen mit Häkchen und Spitzen, andere mit kleinen Klingen.

Jemand hinter mir räusperte sich.

„Möchtest du, dass ich dir die Instrumente erkläre?”, fragte Meister Gor höflich.

Ich fuhr zu ihm herum. Wo kam er wieder so plötzlich her? Wie war es möglich, dass ich ihn nicht hatte kommen hören?

Er trat ein und auf mich zu. Seine eigene Laterne loderte auf und wurde dabei weit heller, als es für eine Flamme denkbar war. Ans Weglaufen war nicht zu denken.

„Setz dich, Ujora”, forderte er mich freundlich auf und rückte mir den Stuhl einladend zurecht.

Ich gehorchte mechanisch und mit völlig blanken Gedanken. Ich war so erschrocken, dass ich die Situation nicht wahrhaben wollte.

„Und nun gib mir deine Hand.” Er streckte mir seine Linke auffordernd entgegen.

„Bitte”, stammelte ich und hob abwehrend den Arm, „ich kann das erklären …”

„Das hoffe ich.” Er haschte nach meinen Fingern und verschränkte die seinen fest darin. Dann setzte er sich auf die Tischkante, ließ seine rechte Hand wie suchend ein, zweimal über die Schatulle hingleiten und zog dann ein Utensil mit einer konvex gewölbten, sehr fein und spitz zulaufenden Kuppe hervor. Es sah aus wie eine beängstigende Mischung aus einem Maniküre-Accessoire und einem Angelhaken.

„Ich frage mich, wie du hierher gelangen konntest und was du hier zu suchen hast.”

„Ich hatte … ich … ich wollte …”

Er schaute mich auffordernd an und setzte die Spitze des Objekts unter meinen Daumennagel.

„Nun?”

„Ich habe nach etwas gesucht.”

„In meinem Gemach? Wonach denn?”

„Ich …” Ich war in der Falle. Wenn ich zugab, dass ich die Geigenscherbe suchte, würde er mich als Nächstes fragen, was ich damit wollte. Dann musste ich zugeben, dass ich das Instrument weitestgehend repariert hatte und nun das letzte Bruchstück brauchte. Und dann würde er wissen wollen, warum ich es ausgerechnet bei ihm suchte.

Ich konnte doch nicht Arámaú verraten!

Ich spürte, wie das nadelspitze Ding seinen Weg zwischen Nagel und Fleisch suchte. Es tat noch nicht weh, aber ich spürte, wo der Schmerz ansetzen würde.

„Bitte”, flehte ich. „Bitte nicht!”

„Wieso erzählst du mir nicht einfach, wie du hierhergekommen bist, bis dir einfällt, warum du hier bist?”

„Ich … ich bin yarl Altabete nachgelaufen.”

„Das heißt, der yarl hat dich gesehen und nicht wieder pflichtgemäß in dein Gemach gebracht?”

„Ja.”

„Wie bedauerlich für den edlen Herrn. Ich denke, ich werde ihn dafür rügen müssen.”

„Nein! Nein, tut ihm nichts an! Ich hatte ihn angelogen! Ich habe ihm gesagt, ich wolle zu Euch.”

„Aber du bist doch hier. Demnach war es keine Lüge, nicht wahr?”

Das Gold drückte zu. Jetzt wurde es unangenehm.

„Bitte nicht! Das … das tut weh!”

„Ich weiß. Wo ist der yarl nun?”

„An der Ostmauer, am Graben”, presste ich hervor.

„Warum?”

„Ich habe ihn hingeschickt.”

„Wozu?”

„Keine Ahnung …”

„Denk darüber nach.” Er verlagerte den Druck. Die Spitze neigte sich abwärts.

„Er suchte nach yarl Moréaval!”

„Woher weißt du, dass Moréaval am Graben sitzt und lamentiert?”

„Weil … weil …” Ich hielt es nicht mehr aus und schluchzte auf. „Bitte … bitte hört auf damit!”

Gor Lucegath lächelte belustigt.