Bis er die Burg verlassen hatte, war aus Cró und Ungro nichts Gescheites herauszubringen gewesen. Venghiár hatte sich länger als nötig damit aufgehalten, bei ihnen zu stehen und sich das Gestammel anzuhören, das sie zum Besten gegeben hatten. Von einem Nebel hatten sie wirr berichtet, von einem finsteren Nebel, und dass die Pferde ihnen durchgegangen seien, so wild, dass sie sich nicht halten ließen.
Wo sie so plötzlich wieder herkamen, hatte der treue Waffenknecht aus Rodekliv gefragt. Man habe sie noch gar nicht wieder erwartet.
Das schien beide zu verwirren, so als könnten sie mit der Frage gar nichts anfangen.
Ob mit ihnen alles in Ordnung sei, hatte Hevstrid wissen wollen. Nicht wirklich besorgt, sondern kühl und vielleicht sogar etwas verärgert. Genau so, wie man es von einer Hausherrin erwarten würde, deren tumbe Knechte um ein Haar so viele gute Pferde umgebracht hätten. Pflichtschuldige, vielleicht sogar mitleidige Burgleute hatten die beiden in die Halle geführt. Dort waren die Knechte mit starken Getränken versorgt worden. Offenbar war den Leuten nichts anderes eingefallen, als die verstörten Männer betrunken und schläfrig zu machen.
Keiner der beiden war verletzt, und wenn man davon absah, dass Ungro sich eingenässt hatte, schien ihr Abenteuer ihnen nicht allzu sehr geschadet zu haben. Hevstrid hatte sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie bis auf weiteres nach ihren Worten zu handeln hatte und die beiden dann in der Obhut des Gesindes zurückgelassen. Venghiár ging ihr aus dem Weg, als sie den Saal mit dem Stolz einer hochmächtigen Dame verließ.
Venghiár ließ sich den Schecken satteln und den Falben beladen. Hevstrid spürte ihn im Stall auf und beobachtete ihn, sagte aber nichts. Sie lächelte lediglich rätselhaft.
Als Pataghíus Glanz hinter dem Horizont verlosch, machte Venghiár Emberbey sich ganz allein auf den Weg nach Süden. Ohne Knappen, ohne Knechte. So lästig sie ihm war, Hevstrid würde es wohl so anstellen, dass niemand die Gelegenheit nutzte, um zu verschwinden. Solange das Mädchen sich etwas von ihm versprach, würde sie in seinem Sinne handeln. Vielleicht sogar darüber hinaus. Ihr Eigennutz war letztlich besser als jedes oberflächliche Treueversprechen.
War Hevstrid schon immer so gewesen, so kalt und berechnend? Oder hatte er etwas überreizt und zerschnappen lassen, wie ein schlechter Bogen, den man überspannte? Oder lag es an dem verfluchten Met, den sie so sorglos gesoffen hatten? Was hatten die yarlay aus Ovéstola sich dabei gedacht, der Tochter solches Zeug als Mitgift ins Gepäck zu tun? Wohl, damit die junge Frau von damals sich nicht allzu sehr vor dem alten Ritter überwinden musste. Ekelhaft! Venghiár spuckte aus. Und dann kam ihm ein unbequemer Gedanke.
Überwinden? Ob er in Hevstrids Augen ähnlich ekelhaft war wie der alte Mann? Nein, sicher nicht. Er, Venghiár Emberbey, war ein gefälliger Junker, den noch keine Freudenmädchen und erst recht keines der naiven Bauernmädchen abgewiesen hatte.
Die Pferde waren langsam, müde. Aber er sparte es sich, sie antreiben zu wollen. Was nützte es, wenn ihm die Klepper zusammenbrachen, kaum dass er die Burg verlassen hatte?
Was nützte es ihm überhaupt, sich ausgerechnet jetzt nach Wijdlant zu begeben? Dumm war es! Er hätte schleunigst eine Botschaft nach Rodekliv senden sollen, um mehr Männer bitten, um Verstärkung, um Emberbey in Besitz zu nehmen, bevor es zu kompliziert wurde.
Bei all dem Chaos war er überhaupt nicht dazu gekommen, darüber nachzudenken! Der báchorkor, der mit dem Kind verschwunden war, die überstürzte Totenzeremonie, der übereifrige maedlor, Cró und Ungro und diese verfluchte Hevstrid, und allem voran natürlich der Schwarzmantel.
Dass der zwischenzeitlich bereits eine Weile hinter ihm her ritt, hatte Venghiár Emberbey bemerkt. Der Hufschlag eines dritten Pferdes hatte sich hinzugesellt, wie aus dem Nichts. Nein – wie aus den Schatten ringsum. Der Weg führte über offenes Land, der Wind strich durch die hohen Gräser und brachte sie sacht zum Rascheln. Abgesehen davon war die Nacht still. Nervtötend still.
Schließlich hielt der junge Mann es nicht mehr aus. „Wollt Ihr mich den ganzen Weg bis Wijdlant anschweigen?“, fragte er laut, ohne sich dem Magier zuzuwenden.
„Ist Euch denn nach einer Unterhaltung?“
„Wäre das zu viel verlangt, nach alldem, was Ihr mir zumutet?“
Das schwarze Feuerblut des Fremden holte auf und drängte sich an die Seite von Venghiárs Ross. Sein unheimlicher Reiter erschien wie Finsternis in Menschenform. Venghiár versuchte, nicht hinzuschauen, so unmöglich und erschreckend kam ihm das vor.
„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Ihr so brav meiner Anweisung folgt“, plauderte der Magier. „Ich hatte mit mehr Zaudern gerechnet.“
„Hätte mir Zaudern etwas genützt? Ihr taucht doch ohnehin wieder da auf, wo ich mich in Sicherheit glauben würde.“
„Das ist richtig. Ihr seid nicht dumm, Herr Venghiár.“
„Und? Passt Euch das auch nicht in den Kram?“
„Im Gegenteil. Ich umgebe mich ungern mit dummen Menschen.“
„Und doch kommandiert Ihr mich herum wie einen unmündigen Knaben! Ich weiß immer noch nicht, was Ihr eigentlich von mir wollt!“
Der Schwarzmantel lachte leise. Dann flammte etwas über seiner Hand auf. Venghiár zuckte zusammen ob der plötzlichen Helligkeit. Es war keine Flamme, keine Laterne. Eine Sphäre aus kaltem, stetigem Licht schwebte in der Dunkelheit, wie ein faustgroßer Mond.
„Ich will, dass Ihr in Wijdlant am Turnier der teirandanja teilnehmt. Mehr müsst Ihr dazu eigentlich gar nicht wissen. Es könnte Euch verwirren.“
„Ich werde mich lächerlich machen. Schaut mich an! Ich habe nicht einmal ein taugliches Ross, nachdem der báchorkor den Gaul meines Großonkels gestohlen hat!“
„Das lasst meine Sorge sein.“
„Und wenn Ihr ernsthaft glaubt, ich hätte eine Aussicht darauf, dieses Turnier zu gewinnen, dann muss ich Euch enttäuschen.“
„Wieso? Könnt Ihr etwa nicht kämpfen?“
„Nicht kämpfen? Ich?“ Venghiár lachte auf. „Ich war unter den Besten im Lernhaus in Rodekliv! Keiner hat sich mit mir angelegt. Und später hat mein Großonkel selbst mich angeleitet. Solange er noch konnte!“
„Und was macht Euch dann so verzagt, was das Turnier angeht?“
Venghiár schnaubte. „Ach, das sind doch nur Eitelkeiten. Poliertes Eisenzeug und bunte Wimpel und lautes Geplänkel vor kichernden Weibern.“
„Und unter dem aufmerksamen Auge hochedler Herren und Damen. Vergesst das nicht.“
„Es ist kein Kampf, der irgendetwas entscheidet. Nur ein großes Spektakel, das allen die Zeit stiehlt.“
„Ach?“
„Es wird nichts ändern. Es ist doch längst ausgemachte Sache, wer der künftige teirand sein wird.“
„Nun. ich erwarte von Euch gar nicht, dass Ihr dieses Turnier für Euch entscheidet. Ich möchte nur, dass Ihr das Haus Emberbey als Stellvertreter für Euren Weitvetter gut vertretet.. Hoffen wir, dass der gute Herr es ebenfalls bis zum Turnier schafft und nicht unterwegs Eurem Handlanger zum Opfer fällt.“
Venghiár seufzte. „Das wisst Ihr auch?“
Der Schattenmann ließ das Licht sacht von seiner Hand rollen. Sogleich entwickelte es ein Eigenleben und bewegte sich westwärts, von der Straße weg. Es taumelte über das Gras wie ein riesiges Glühwürmchen.
„Folgt dem Licht.“
„Was soll das? Nach Althopian geht es immer geradeaus!“
„Wir nehmen einen anderen Weg.“
„Mitten in der Nacht? Durchs Gelände?“
„Tut, was ich Euch sage!“
„Ihr seid doch nicht bei Verstand!“ Venghiár spornte ärgerlich den Schecken an. Aber das Pferd widersetzte sich, scherte aus und trabte von der Straße herunter. Anstandslos wie ein Holzpferdchen auf Rollen, das ein Kind anschob. Das Packpferd hatte keine andere Wahl, als zu folgen. Venghiár ließ die Zügel fallen und verschränkte trotzig die Arme. Was gab er sich überhaupt noch den Anschein, einen eigenen Willen zu haben?
„Es hat eine gewisse Dringlichkeit,“ plauderte der Schwarzmantel, „dass wir Wijdlant erreichen, bevor yarl Althopian das tut.“
„Erklärt Ihr mit wenigstens, warum?“
„Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es Eurer Weitbase gelingen wird, sich dem Gefolge von yarl Althopian anzuschließen. Es macht einen besseren Eindruck, wenn Ihr vor dem Kind vor Ort seid, um Eure Geschichte zu verkünden.“
„Ihr meint, der báchorkor hat sie dorthin gebracht? Hättet Ihr das nicht verhindern können?“
„Hätte ich. Aber es erscheint mir interessanter, es geschehen zu lassen. Nach meinen Regeln, versteht sich.“
„Das verstehe ich nicht!“
„Es genügt, wenn Ihr versteht, was Euch unmittelbar etwas angeht.“ Der Magier klang enervierend amüsiert. „Es ist völlig ausreichend, wenn Ihr die Gegner betrachtet, die sich eine Schwertlänge um Euch herum befinden. Oder direkt vor eurer Nase. So, als würdet ihr ein großes Wandgemälde aus der Nähe betrachten, um die Finessen zu prüfen. Ja, das trifft es besser. Einige Schritte zurücktreten und das Ganze bewundern könnt Ihr immer noch, sobald das Gemälde vollendet ist.“
„Aber Ihr, Ihr seht das Gemälde im Ganzen?“
„Ich bin der Maler.“
„Schön und gut. Aber warum wollt Ihr mich als Feinheit in Eurem Kunstwerk haben?“
„Sagen wir, Ihr seid ein Pinselstrich, der dem Bild das gewisse Etwas gibt. Ihr habt einen Plan, Herr Venghiár, ambitioniert und auf lange Sicht durchaus Erfolg versprechend. Aber, ohne Euch zu nahe treten zu wollen – Ihr stellt Euch dabei an wie ein Tölpel mit zwei linken Händen. Wenn ich Euch helfe, dann nützt es Euch und mir im selben Maße.“
„Was fällt Euch ein!“, empörte Venghiár sich. „Was mischt Ihr Euch in Sachen ein, die Euch nichts angehen?“
„Wen geht es denn etwas an?“
Venghiár schwieg. Die Pferde wateten durch wogende Inseln aus Binsen und Kalkkraut. Das Gelände war sumpfig, der Boden schmatzte unter den Hufen. Aber die Tiere sanken nicht ein. Die Lichtkugel schien genau zu wissen, wo die Erde sicher war.
„Es gibt Dinge“, gestand Venghiár, „über die ich nicht reden darf.“
„Ich verstehe. Dann will ich auch nicht weiter in Euch dringen.“
Tatsächlich schwieg er nun eine Weile, bis die Stille Venghiár wieder unangenehm wurde. Außerdem waren seine Fragen immer noch unbeantwortet geblieben.
„Ich hatte vor, meinem Großonkel zum Gefallen der Form und Höflichkeit halber an den Reiterspielen teilzunehmen. Für alles andere bin ich nicht ausgerüstet. Reicht das für Eure Zwecke?“
„Alles, was Euch fehlt, wird sich finden. Ihr seid nicht allein auf dem Turnier. Es sind andere da, mit denen ich Euch gern bekannt machen werde.“
„Ich verstehe. Dann habt Ihr bereits andere so umgarnt wie mich?“
„Lasst Euch überraschen.“
„Kenne ich die Leute?“
„Möglicherweise. Vielleicht nicht persönlich, aber bei mindestens einem bin ich sicher, dass er Euch ein Begriff ist.“
Venghiár runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Aber es fiel ihm niemand unter seinen Bekanntschaften ein, dessen Anwesenheit in Wijdlant Sinn ergeben würde. Nun, zumindest noch nicht.
„Herr Venghiár, wir haben ein weites Stück gemeinsamen Weg. Warum nutzen wir die Zeit nicht, und Ihr erzählt mir derweil, wie es Euch nach Emberbey verschlagen hat? Allzu glücklich scheint Ihr mir dort nicht zu sein.“
„Das stimmt. Es sollte sich aber mit den jüngsten Ereignissen gebessert haben. Wenn Ihr mir nun noch dieses Weibsbild wieder vom Hals schafft, könne ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dort zu weilen und zu wirken.“
„Wie kam es in erster Hand dazu, dass Ihr nicht dort aufgewachsen seid?“
„Wisst Ihr das nicht sowieso längst durch Eure rätselhaften Sinne?“
„Ich will es aus Eurem Mund hören. Ich war lange Zeit nicht in der Gegend. Helft mir auf die Sprünge.“
Venghiár schwieg trotzig. Dann strauchelte sein Pferd und wieherte schrill auf, zugleich mit einem gewaltigen Platschen. Das Packpferd scheute und blieb stocksteif stehen. Venghiár spürte eisiges Wasser, das ihm die Beine entlang und über den Rand seiner Stiefel und dort hinein floss. Der Schecke war mitten in ein Sumpfloch getreten und stand nun bis über den Bauch in flüssigem Grund. Das Pferd strampelte und prustete, fand aber keinen Halt und drohte, gänzlich auszurutschen. Das Licht, das der Schwarzmantel vorausgeschickt hatte, hüpfte auf der Stelle auf und nieder, wie um ihn zu provozieren.
Der Rappe des Magiers stand ungerührt nur eine Armlänge daneben, wie auf einem gepflasterten Boden.
„Verflucht!“, rief Venghiár gegen das angstvolle Prusten des Pferdes an. „Ja! Ihr habt gewonnen! Helft mir hier heraus und ich antworte Euch!“
Der Schwarzmantel neigte sich wortlos hinüber, griff den Schecken beim Zaumzeug und führte ihn wortlos aus dem Sumpfloch hinaus wie über eine Rampe. Das Packpferd, das bei der ganzen Sache unversehrt geblieben war, trottete hinterher, ohne auch nur einen Spritzer aufzurühren. Venghiár schauderte. Bis übers Knie war es nass und kaltes Wasser sammelte sich vorn unter dem Leder an seinen Zehen. Das Licht schwebte ihnen wieder voran.
„Ich höre, Herr Venghiár.“
„Alsgör Emberbey hatte eine ältere Schwester. Merýa Emberbey. Von der wisst Ihr sicherlich, wo Ihr doch sonst so viel wisst.“
„Das ist lange her.“ Der Magier ritt voraus. Venghiár redete zu seinem Rücken. Die silbernen Stickereien auf dem Mantel glitzerten wie Spinnweben, die Kristallstaub eingefangen hatten.
„Diese Merýa Emberbey jedenfalls ist mit einem Mann aus Rodekliv durchgebrannt, gegen den Willen ihrer Eltern natürlich. Ein Skandal, wie Ihr Euch denken könnt. Es kam zum Zerwürfnis.“
„Was war das für ein Mann? Ein yarl?“
„Ach, wenn es nur ein yarl gewesen wäre! Dann wäre die Sache wohl halb so schlimm gewesen. Nein, kein hochedler Herr. Meine Mutter sagt, es war wohl ein einfacher Gefolgsmann eines der damaligen yarlay von Rodekliv, der bei irgendeiner Gelegenheit in Emberbey weilte. Vielleicht auch ein Altknappe, der in Emberbey eine Anstellung suchte. – Es wurde nicht viel über meinen Großvater geredet.“
„Und kennengelernt habt Ihr ihn selbst nie?“
„Nein. Der Kerl ist über Nacht verschwunden, als meine Mutter noch ein Kind war.“
„Verschwunden? Ist er ihr davongelaufen?“
„Möglich. Andererseits sollen viele Laute verschwunden sein, damals. Es waren … unruhige Zeiten, als die yarlmálon östlich des Sumpflandes sich von ihren teiranday befreiten.“
„Ihr meint, als die yarlay begannen, Ränke zu schmieden, um ihre Herrin und ihren hýardor vom Thron zu zerren.“
„Es war eine gerechte Sache! Ich weiß wohl, wie man jenseits des Sumpflandes darüber denkt!“
„Ich halte nichts von Wortklaubereien. Redet nur zu.“
„Frau Merýa jedenfalls war zu stolz, um nach alledem nach Emberbey zurückzugehen. Sie hat dann auch selbst nicht mehr allzu lange gelebt. Meine Mutter sagt, vermutlich hat es ihr das Herz gebrochen, ohne ihren hýardor zu sein. Meine Mutter ist in Rodekliv bei einer wohltätigen Familie untergeschlüpft und später in der Burg untergekommen. Zunächst in der Küche, später als Zimmermagd. Heute ist sie wieder in der Küche und schält das Gemüse. Ein guter Platz. Warm und sie hat zu essen.“
„Ein trauriges Schicksal für eine yarlaranda. Hätte Eure Mutter nicht zu ihrem Onkel zurückkehren können, um dort wie eine Dame ihres Standes zu leben?“
Venghiár schnaubte abfällig. Seine durchnässte Hose und Stiefel ließen ihn frieren. „Hätte sie. Wollte sie aber nicht. Emberbey, das ganze teirandon Spagor … die teiranday von Spagor waren sehr beunruhigt, nachdem die Herren von Rodekliv und Ferocrivé sich von ihren Zwängen befreit hatten. Warum hätte meine Mutter ins Haus der Feinde zurückkehren sollen? Nur um dort teiranday zu dienen, wie mein Großonkel es tat? Das wäre doch kein Gewinn gewesen!“
„Nun gut. Und Ihr? Wie kommt es, dass Ihr nicht Eurerseits als Küchenjunge oder Pferdeknecht in Diensten des yarl Rodekliv geendet seid?“
„Weil yarl Rodekliv ein gutes Auge für taugliche Kämpfer hat! Ich habe eine gute Ausbildung genossen, in den Lernhäusern dort.“
„Ein Lernhaus für Kämpfer?“
„Besser als das eitle Geplänkel der Ritter. In Rodekliv geht es zur Sache! Ich wünschte, ich hätte länger dort bleiben können! Ein Krieger aus Rodekliv, oder aus Ferocrivé, das steht außer Zweifel, der könnte einen der Wijdlant- oder Valvivant-Ritter aus seiner Rüstung schälen wie einen gekochten Krebs! Eines Tages …“ Er unterbrach sich rasch. Der Schwarzmantel hatte eine gefährliche Art, zuzuhören. Man schoss leicht über das Zeil das Sagbaren hinaus.
„Ich verstehe.“
„Ich war nicht in irgendeinem Lernhaus“, betonte Venghiár, hinfort gerissen von seinen Erinnerungen. „Wir hatten die besten Schwertmeister, die besten Waffen, die besten Pferde! Der yarl wusste, was er an uns hatte! Der Waffenknecht aus Rodekliv, den ich nach Emberbey geholt habe, der hatte lange nicht so eine gute Ausbildung wie ich im besten Haus des yarlmálon!“
„Darf ich Euch eine Frage stellen?“
„Tut Euch keinen Zwang an.“
„In Eurer ganzen Geschichte ist erstaunlich wenig von Eurem Vater die Rede.“
Venghiár zuckte zusammen. „Da gibt es nicht viel zu sagen“, murmelte er hastig.
„Dann will ich nicht weiter fragen.“
„Das ist wohl das Beste.“
„Es ist nicht nötig, denn es gibt nur zwei plausible Erklärungen, die mir in den Sinn kommen. Aber Ihr habt recht. Es tut nichts zur Sache, ob der yarl selbst oder einer seiner untergebenen Schwertmeister sich mit einer einfachen Zimmermagd vergnügt haben. Jedenfalls hatte derjenige Verantwortung genug, seinem Nachwuchs eine anständige Ausbildung zu gönnen. Und sei es, um ihn irgendwann einmal auf einen Ritter zu hetzen.“
„Was erlaubt Ihr Euch!“, brauste Venghiár auf und bereute es augenblicklich. Sein Pferd scheute und trampelte erneut. Venghiár musste sich am Sattel festklammern, während der Schwarzgewandete ihn auslachte.
„Bitte!“, rief der junge Mann. „Hört auf damit! Gebt das Pferd frei! Ich hab kein Besseres für Euren Plan!“
„Und doch hat Alsgör Emberbey es irgendwie geschafft, Euch in Rodekliv aufzuspüren. Euch zurückzuholen auf die Seite der Ritter. Aus einer Kämpferschmiede für unedle Krieger, zurück auf die Burg einer der ruhmreichsten Familien des Weltenspiels. Und das, solange ihr noch ein junger, folgsamer Knabe wart. Was mag den alten Mann nur dazu bewogen haben?“
Das Pferd beruhigte sich. Venghiár zitterte, vor Furcht und Wut gleichermaßen.
„Schiere Not“, sagte Venghiár ärgerlich. „Es hat ja selbst keinen tauglichen Nachwuchs zustande gebracht, als kämpfenden Knecht für seine teiranday.“ Er zögerte einen Moment und setzte hinzu: „Wer weiß? Vielleicht ist es ja der Wille der Mächte, die Ordnung der Dinge durch mich zu korrigieren?“
„Vielleicht. Aber wo genau ist nun Euer Vorbehalt, im Turnier den einen oder anderen hochedlen Ritter niederzustrecken?“
„Das versteht Ihr nicht! Ich soll …“
„Ja?“
Venghiár seufzte ergeben. Es hatte ja doch keinen Zweck. Und er durfte sich von dem Magier nicht noch weiter auf schlüpfrigen Grund führen lassen.
Doch der Schwarzmantel fragte nicht weiter. Er musterte den jungen Mann prüfend und mit einer Aufmerksamkeit, als horche er auf ferne Geräusche. Aber das war nur das Gluckern von Wasser in dem schwammigen Boden und der Wind, der durch das Gestrüpp fuhr wie über die Saiten einer Harfe.
„Kommt“, sagte er dann, als wisse er genug. „Wir haben keine Zeit. Wir werden in Wijdlant erwartet.“
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