Dýamirée atmete auf. Advon hatte Wijdlant sicher verlassen, ohne dass jemand daran Anstoß genommen hätte. Die Hilfe der doayra war dabei unschätzbar gewesen. Zuerst hatten sie das Eisenzeug, das Advon am Körper getragen hatte, in einem leeren Sack verstaut. Dann war der Ritter, nun in bescheidenem Untergewand und bis zur Unkenntlichkeit mit der Bandage maskiert, zum großen Eingangstor gegangen. Die doayra war ihm eifrig vorausgeeilt und hatte dann mit der ihr eigenen Autorität die beiden Torwachen in ein Gespräch verwickelt. Dýamirée kauerte derweil in Eichhörnchengestalt auf der Mauerkrone oben über dem Tor und verstand nur Wortfetzen. Offenbar erkundigte die doayra sich eingehend danach, wie man freie Zufahrt zum Hof sicherstellen würde, sollte mehr als ein Fuhrwerk mit einem schwer verletzten Turnierkämpfer zugleich eintreffen. Während sie mit großer Geste und ernster Miene auf die Menschenmenge im Hof deutete, stahl Advon sich im Hintergrund an ihnen vorbei. Dass er zauberte, nahm die Schattensängerin kaum wahr. Es hatte einen sehr, sehr subtilen Bann um sich herum gewoben, wie einen Kokon. Im Grunde war nicht mehr dahinter, als dass er nicht wollte, dass ihm ausgerechnet jetzt jemand Beachtung schenkte. Als er das Tor erreichte, warf er einen letzten Blick zu ihr hinauf. Dýamirée winkte ihm mit ihrem flauschigen Schweif zu und dankte Noktáma für ihre Gunst. Das war geschafft.

Sie sprang zurück zur anderen Seite, spähte zwischen den Zinnen hindurch und wurde gerade noch Zeuge, wie Advon hastig einem Ritter ausweichen musste, der in vollem Galopp auf die Zugbrücke zuhielt und sich mit lauten Rufen Platz verschaffte. Eine stattliche Statur hatte er und trug einen weizenfarbenen Wappenrock. Yarl Grootplen hatte den Weg vom Turnierplatz bemerkenswert schnell zurückgelegt.

Advon balancierte für einen Herzschlag gefährlich nahe am Rand der Brücke. Aber es ging gerade noch gut, Dýamirée atmete auf. Nicht auszudenken, wenn er just in diesem Moment in den Burggraben gefallen wäre. Advon konnte zwar schwimmen, aber das Wasser hätte augenblicklich seine Magie gelöscht. Alle hätten ihn gesehen. Es hätte genau das Aufsehen gegeben, das sie vermeiden wollten.

Dýamirée flitzte zurück zur Hofseite. Wer dort gerade im Weg stand, bildete hastig eine Gasse vor dem Ritter, um nicht niedergeritten zu werden. Der Stallknecht, der zuvor schon yarl Altabetes Pferd in Empfang genommen hatte, kam herbeigestürzt.

„Unerhört!“, hörte Dýamirée jemanden empört ausrufen, wahrscheinlich einen auswärtigen Gast. „Wollt Ihr jemanden umbringen?“

„Das ist yarl Grootplen!“, schnappte sie eine andere Stimme auf. „Warum mag der so eilig sein?“

„Ob etwas geschehen ist, drüben beim Festplatz?“

Der schnauzbärtige Ritter hielt sich nicht damit auf. Er saß ab und hastete ohne ein Wort weiter, hinüber zur Halle.

Dýamirée rannte auf der Mauerkrone hinüber zum Hauptgebäude, wuselte dann kopfüber die Wand hinab und jagte ihm über den Hof hinterher. Das war nicht ungefährlich, denn die Leute waren abgelenkt und niemand achtete auf seine Füße.

„Da ist etwas passiert“, fing sie noch auf. „Die yarlay so in Hast!“

„Ja, habt ihr vorhin gesehen, wie Altabete geschimpft hat?“

„Hoffentlich ist es nichts Ernstes!“

„Nichts Ernstes? Darum würden sie nicht so rücksichtslos Leute niederreiten!“

„Wer wurde niedergeritten?“

„Ist da vorn am Tor was passiert?“

„Weiß jemand, was hier los ist?“

Dýamirée hörte nicht weiter hin. Sie musste unbedingt Schritt mit dem Ritter halten! In dem Moment, in dem er an den Wachen vorbeiging, würden die Männer nicht auf etwas am Boden achten. Dýamirée jagte ihm nach. Zum Glück war Grootplen nicht mehr ganz so behände wie die jüngeren Herren. Sie sprang und krallte sich am Saum seines schweren Reitmantels fest. Gerade noch rechtzeitig! Die dicke, gewalkte Wolle bot ausreichenden Halt. Und Noktáma war wohl auch der Ansicht, dass es ein guter Plan war. Jedenfalls ließ Grootplen sich durch die kleine zusätzliche Last nicht beirren – wenn er sie überhaupt spürte in seiner Geschäftigkeit.

Die Wächter vor der Halle ließen den yarl einfach passieren. Grootplen stapfte grußlos an ihnen vorbei.

Der Saal war prächtig geschmückt, aber verwaist. Beide Throne waren unbesetzt. Doch Grootplen wusste, wohin er zu gehen hatte. Das Eichhörnchen sprang ab, wuselte hinter seinem Rücken den nächsten Wandteppich empor und von dort hinauf zu der Galerie, die um die Halle herum verlief.

Grootplen erklomm die Stiege zur oberen Etage und verschwand dort durch eine Seitentür. Dýamirée huschte hinterher. Wie gut, dass das Eisenzeug des Ritters laut genug klirrte, um das Patschen ihrer kleinen Pfoten auf den Steinfliesen zu übertönen.

Der Durchgang führte zu einer Wendeltreppe, die ein Stück höher ins Gebäude führte. Oben angekommen, gelangte man an einen Korridor, von dem mehrere Türen abgingen. Und hier stand tatsächlich ein weiterer Wachposten. Kein Zweifel – das waren die persönlichen Gemächer der teiranday und ihrer engsten Vertrauten.

Auch dieser Wächter ließ Grootplen anstandslos passieren. Dýamirée zögerte und spähte dem yarl über die Kante der letzten Treppenstufe hinweg hinterher. Hier kam sie nicht unbemerkt vorbei. Links und rechts auf dem Treppenabsatz gab es nichts, wo sie sich hätte verstecken können.

Mit dem Gangwächter wollte sie sich aber nicht aufhalten. Der würde vielleicht versuchen, sie einzufangen, wenn sie an ihm vorbeihuschte. Selbst wenn er sie nicht erwischte, würde das Aufsehen erregen und vielleicht Ärger hervorrufen. Das war das Risiko nicht wert. Sie beobachtete, wie Grootplen in eines der Zimmer auf der rechten, dem Hof zugewandten Seite eintrat. Dann rannte sie die Treppe ein Stück zurück hinab zu einem Lichtschlitz, schlüpfte dort hindurch und kletterte an der Außenmauer entlang, bis dorthin, wo sie das Gemach vermutete.

Sie hatte sich im Weg nicht verschätzt. Aber hier kam sie nicht weiter. Ein prächtiges, buntes Bleiglasfenster versperrte ihr den Weg. Darin gab es zwar eine Lüftungsklappe, aber die war geschlossen. Kein Wunder, denn es war kühl und zugig, hier oben in dieser Höhe.

Das Fenster stellte ein Abbild von Pataghíus Glanz dar, eine helle Scheibe mit einem Strahlenkranz. Wenn am Morgen der echte Glanz auf das Glas traf, musste das von innen äußerst beeindruckend aussehen. Dýamirée hockte sich auf den Sims, drückte die Wange an die Scheibe und spähte hindurch.

Da waren sie, alle miteinander. Kíaná von Wijdlant saß mit müdem Blick in ihrem Thronsessel. Der an ihrer Seite war verwaist: Asgaý von Spagor war aufgesprungen und lief unruhig hin und her. Was er redete, war unverständlich, das Glas ließ nur dumpfes Murmeln hindurch. Aber er sprach wohl zu den yarlay, die außerhalb ihres Blickfeldes standen.

Und da, im Hintergrund, auf einer Bank neben dem Kamin, das saß Manjév und hielt Truda im Arm. Das jüngere Mädchen bebte, es weinte. Manjév hatte ihre Stirn sanft gegen den Kopf ihrer Hofdame gelehnt und strich ihr gerade eine Träne von der Wange.

Dýamirée schaute zum Kamin. Dann hinauf zum Dach.

Einige Herzschläge später kletterte die Schattensängerin kopfüber durch die Dunkelheit des Kamins, die Ohren gespitzt. Unter ihren Krallen rieselte Ruß hinab, Rauch zog an ihr vorbei und reizte ihre Nase. Das leise Niesen des Eichhörnchens hallte seltsam an den gemauerten Wänden wider.

Dann drang das Schluchzen von Truda Emberbey an Dýamirées Ohren. Die Schattensängerin hielt inne und verspürt inniges Mitleid. Vorhin noch hatte das Mädchen unbeschwert geplappert und sich leichtherzige Gedanken über junge Burschen gemacht. Jetzt hatte tiefes Lied sie aus ihren Träumen gerissen. Manjév flüsterte auf ihre Freundin ein, aber aus jeder Silbe klang Hilflosigkeit.

Dýamirée ließ sich auf dem Rücksprung nieder, der den Rauchfang mit dem Kamin verband. Das war schon besser. Hier konnte sie sich unter den Dunst ducken und mithören, was der teirand seinen Rittern zu sagen hatte. Weiter vor gelangte sie nicht, denn dort knisterte das Kaminfeuer. Zwar nur mit kleinen Flammen, aber der Gestank von angesengtem Pelz hätte sie verraten.

„… wir können nichts unternehmen!“, hörte sie einen der Ritter sagen. „Selbst, wenn wir abkömmlich wären, wo sollten wir die Suche beginnen?“

„Wollt Ihr denn untätig bleiben, Altabete? Das Kind ist in Gefahr!“

Kind? Dýamirée horchte. Welches Kind?

„Der Schurke kann nicht weiter als zwei Tagesritte von Emberbey weg sein.“

„Ja, aber in welcher Richtung? Wo wollt Ihr suchen? Ebenso gut könnt ihr mit geschlossenen Augen auf eine Zielscheibe schießen.“

„Aber wir können doch nicht nichts tun!“

„Majestät“, mahnte yarl Moréaval, „man kann nicht immer etwas tun.“

„Raýneta“, schluchzte Truda. Sie war dicht beim Feuer, der Kamintrichter verstärkte ihre erstickte Stimme. „Und wenn er Raýneta etwas antut?“

Raýneta? Dýamirée neigte sich vor und hätte sich fast die Tasthaare versengt. Den Namen hatte sie schon einmal gehört.

„Keine Angst, Kind“, sagte die teiranda, die es auch gehört hatte. „Der Missetäter wäre leichtsinnig, deiner Schwester etwas anzutun.“

„Ja“, bestätigte yarl Grootplen. „Er braucht sie als Schild. Schließlich wird er verfolgt.“

„Und wenn niemand meine Schwester rettet?“

„Er wird versuchen, so schnell wie möglich unterzutauchen.“ Das war wieder Moréaval. Er klang so besonnen wie zuvor. „Er wird das Kind nur so lange bei sich behalten, wie er schutzlos auf der Flucht ist.“

„Und dann?“, platzte Truda heraus, in heller Angst. „Was wird er mit ihr machen, wenn er sie nicht mehr braucht?“

„Ruhig, Truda. Bestimmt lässt er sie einfach laufen.“

„Nachdem er meinen Vater ermordet hat? Einen alten Mann in seinen letzten Tagen? So einer hat keine Achtung, nicht vor dem Alter, nicht vor einem Kind!“

Also war Alsgör Emberbey tatsächlich gewaltsam hinter die Träume gegangen. Dýamirée seufzte und dachte den Totengruß.

„Was denkt Ihr, Altabete?“, fragte Asgaý von Spagor. Ratlosigkeit klang aus seiner Stimme. „In welche Richtung mag er geflohen sein?“

„Vermutlich nach Virhavét“, antwortete der Ritter sachlich. „Das nächstgelegene Ziel, um schnell unterzutauchen. In der Stadt gibt es genug báchorkoray, um zwischen ihnen zu verschwinden. Genug dunkle Winkel, um sich zu verstecken. Und ausreichend Schiffe, um schnell und weit zu verschwinden.“

„Oder nach Osten“, sagte Grootplen.

„Nach Osten? Wieso nach Osten?“

„Weil mir nicht einfallen würde, weshalb jemand in einem der yarlmálon diesseits der Sümpfe einen báchorkor ausschicken würde, um einen alten yarl in seinem Bett niederzustechen.“

Truda weinte auf. Dýamirée schlug ihre Krallen in den Stein. Sie fühlte den Schmerz, als wäre es ihr eigener. Aber was hatte ein báchorkor damit zu tun?

„Vortrefflich, Herr Daap“, rügte die teiranda. „Ihr habt Feingefühl wie ein Streithammer.“

„Majestät, ich sprach nur aus, was wir wohl alle denken.“

„Denken wir alle dasselbe?“, fragte Asgaý von Spagor, wohl verunsichert, welchen Gedanken er sich anzuschließen hatte.

„Ja, Majestät.“ Das war wieder Moréaval. „Das Gebiet von Emberbey wäre eine hübsche Erweiterung nach Westen, ließe es sich an Ferocrivé anschließen. Man könnte damit die lästigen Sümpfe über den Seeweg umgehen.“

„Lächerlich. Es liegt doch auf der Hand, dass wir uns das nicht gefallen ließen! Die Tage vulgären Landraubs sind längst vorbei!“

„Nach Eurer Ehre“, gab Altabete zu bedenken. „Unter der Hand hochedler und tugendhafter teiranday, so wie Ihr es seid.“

„In den ungezügelten yarlmálon zwischen Sumpf und Felsen mag das anders aussehen. Ihr wisst, was mit der teiranda im Osten geschehen ist, als ihre yarlay aufgebegehrten.“

Dýamirée wusste das nicht. Allerdings tat ihr niemand den Gefallen, es zu erklären.

„Es kommt nichts Gutes aus Ferocrivé!“, schnappte Truda. „Und aus Rodekliv auch nicht!“

Rodekliv? War das nicht dort, von wo Venghiár gekommen war?

„Das mag der Grund dafür sein, dass immer wieder Leute versuchen, von dort wegzukommen“, sagte Grootplen. „Berichtete nicht Althopian immer wieder von den armen Weggelaufenen, die auf seinem Land aufkreuzen?“

„Herr Alsgör berichtete Ähnliches. Früher“, sagte Asgaý von Spagor. „Seit ein paar Wintern war damit Schluss.“ Yarl Grootplen schnaubte. „Wahrscheinlich machen sie es niemandem mehr allzu leicht, zu entwischen.“

„Es bringt uns nichts, auf Verdacht eine Schuld zuzuweisen.“ Kíaná von Wijdlant klang ruhig, bedächtig. „Die yarlay von Ferocrivé und Rodekliv haben seit den Chaoskriegen keinen Zank mehr mit anderen yarlmálon gesucht. Warum sollten sie es nun auf eine so absurde Art beginnen? Die dringlichere Frage ist: Was tun wir nun mit dem, was wir gesichert wissen?“

„Man wird Fragen stellen. Nach dem Verbleib von Herrn Alsgör.“

„Im Gegenteil. Was geschehen ist, wird sich rasend herumsprechen. Zur Unzeit. Der yarl gemordet und die jüngste Erbin entführt.“

„Es wird sich kaum verheimlichen lassen“, wagte nun auch Manjév, etwas zu sagen. „Spätestens zu Osse Emberbey Amtseinsetzung werden sie erwarten, dass sein Vater hier ist, um ihm den Ring zu geben.“

Schlagartig war es still im Raum. Nur Truda weinte leise, und die Flammen knisterten.

„Majestät, es wird keine Zeremonie geben können“, sagte Moréaval schließlich.

„Wie? Warum nicht?“

„Solange der Mord nicht aufgeklärt ist, kann Herr Osse nicht auf das Amt seines Vaters aufrücken. So will es das Gesetz. Wir brauchen das Bekenntnis des Mörders. Oder das seines Auftraggebers.“

„Warum? Osse ist der Erbe! Er ist Herrn Alsgörs Erstgeborener, der ihm im Amt nachfolgt.“

„Manjév, Kind,“sagte Kíaná von Wijdlant sanft, „so einfach ist es jetzt leider nicht mehr.“

„Aber warum?“

„Weil Herr Osse derjenige gewesen sein könnte, der den Mordbuben beauftragt hat“, sagte yarl Altabete sachlich.

„Das ist gelogen!“, fuhr Truda auf. „Wie könnt Ihr es wagen …“

„Gemach!“, fiel Moréaval ihr sanft ins Wort. „Herr Andriér hat ganz recht. Wenn er es auch etwas anders hätte formulieren können.“

„Mein Bruder war seit mehreren Wintern bezeugt nicht nördlich des Montazíel!“

„Wäre das ein Beweis seiner Unschuld? Oder ein Grund, einen Handlanger vorzuschicken?“

„Das ist absurd!“

„Natürlich ist es das“, beschwichtigte Kíaná von Wijdlant. „Aber wenn wir von unserer Voreingenommenheit gegenüber den Ungezügelten absehen – wer, wenn nicht der Erbe, hätte ein Interesse am Tod des Vaters? An dem Land, der Burg? Der Bucht?“

Truda schwieg verwirrt. Dýamirée staunte über die Gedanken, die den Menschen kamen.

„Nein“, sagte Manjév. „Das ist so unerhört, dass ich es nicht aussprechen kann! Warum sollte Osse Emberbey, der brillanteste Verstand und das makellose Herz, das man sich nur vorstellen kann, seinen eigenen Vater ermorden lassen, um etwas zu bekommen, was ihm ohnehin gehört?“

„Majestät, niemand hier im Raum hat einen ernsthaften Zweifel an Osse Emberbeys makellosem Herzen“, beteuerte yarl Grootplen. „Aber wir dürfen keinen Unterschied vor unseren Gesetzen machen. Schon gar nicht vor all den hochedlen Gästen. Soll es ausgerechnet von uns heißen, wir würden die Regeln, die so lange Zeit Frieden in Weltenspiel gebracht haben hintanstellen?“

„Das wäre sicherlich Osse Emberbey selbst nicht recht“, setzte der teirand hinzu.

„Es gefällt mir nicht, dass Osse aus Ivaál zurückkommt und zugleich mit dem Verlust seines Vaters und seiner Unbescholtenheit empfangen wird.“

„Ich denke, darüber müssen wir uns keine Gedanken machen“, meinte der teirand. „Im Gegenteil. Osse Emberbey wird derjenige sein, der am meisten auf die Regeln und Riten gibt, die das Weltenspiel in Ordnung halten. Und so die Mächte es wollen, wird sich bis dahin vielleicht die yarlaranda längst wiederfinden und der Mordbube, der sie entführt hat.“

„Was soll denn Eurer Meinung nach geschehen? In Virhavét und dem Umland können sie schlecht auf Verdacht sämtliche báchorkoray ergreifen lassen!“

„Das, Herr Daap, ist schon allein deshalb nicht möglich, weil sich so ziemlich alle báchorkoray zwischen Spagor und Valfrontír hier in Wijdlant zusammenscharen werden. Keiner von ihnen wird sich die Gelegenheit entgehen lassen, sich hier Publikum zu suchen.“ Moréaval dachte kurz nach und fügte hinzu: „Tatsächlich wäre es von dem Kerl sehr schlau, die yarlaranda laufen zu lassen und hier im Gewimmel unterzutauchen.“

Dýamirée ließ ihre Gedanken schweifen. Das Spielbrett kam ihr in den Sinn. Die lauteren Ritter und jene, die die Farbe wechselten. Es hat begonnen, dachte sie schaudernd. Nicht so, wie Papa es dachte, oder zumindest nicht sofort. Oder vielleicht nur zum Teil.

„Und nun? Was können wir tun?“

„Wir müssen Zeit gewinnen“, sagte die teiranda. „Wenigstens bis zum Tag der Zeremonien. Wir müssen die Mächte bitten, dass der Verdacht sich bis dahin entkräftet. Bis dahin sollten wir versuchen, den Mord an Herrn Alsgör so klein zu halten wie möglich.“

„Was?“, begehrte Truda auf. „Wie könnt Ihr so reden, Majestät! Mein Vater … er war Euer getreuer Dienstmann!“

„Herr Alsgör war für mich wie ein Vater, Truda Emberbey“, sagte Asgaý von Spagor sanft. „Ich bin sicher, dass wir in seinem Sinne handeln. Oder glaubst du, er hätte gern eine Anklage gegen seinen Sohn gesehen? Oder Gerede, das unter Edlen aus dem ganzen Weltenspiel ausbricht, sobald sich die Kunde von einem gedungenen Mörder herumspricht?“

„Oder von einem yarlmálon ohne yarl?“, ergänzte Altabete.

„Venghiár ist da“, wisperte Truda geistesabwesend. „Er ist sicher schon dem Mörder auf den Fersen. Venghiár … jagt so gern. Er schießt wie kein Zweiter. Das hat man ihm in … Rodekliv …“ Ihre Stimme brach. Manjév begann wieder, auf sie einzureden, so sanft, so lieb, wie Dýamirée es von ihr erwartete. Manjévs Herz mochte kompliziert sein, aber es war so viel Milde darin. Für alle, außer für den armen Merrit.

„Wie halten wir eine Kunde klein, die auf den Taubenschwingen fortreist?“, fragte Grootplen schließlich.

„Ganz einfach“, antwortete die teiranda. „Wir sperren sie ein. Oder sieht einer der Herren hier einen dringlichen Grund, warum wir die Nachricht mit Eile weiterschicken sollten?“

Das schien die Männer kurzzeitig zu verwirren. Dann sagte Altabete langsam. „Nun, wie oft kommt es vor, dass eine Taube … vom Falken geschlagen wird.“

„Das müssten ziemlich viele Falken sein, die den ganzen Schwarm zugleich vertilgen“, wandte der teirand ein.

„Selbst wenn die eine oder andere Taube anderswo gelandet ist, westlich des Rífluír und in Virhavét … wie lange braucht sie zu Fuß oder zu Pferde hierher?“

„Lang genug, Herr Daap. Und selbst, wenn ein Gerücht an uns vorbeihuscht, bin ich sicher, dass Ihr Herren es mit Diskretion bremsen könntet. Nicht wahr?“

Es klirrte viel Eisen im Raum. Die Ritter scheinen sich unbehaglich zu regen. Dann erhob sich die teiranda. Der Stoff ihres Gewandes raschelte. Dann trat sie vor den Kamin. Dýamirée konnte den prachtvoll bestickten Saum ihres Kleides sehen.

„Du magst es nicht versehen, Truda Emberbey“, sagte Kíaná von Wijdlant. „Aber sei dir gewiss, dies alles tun wir, um Euch zu schützen. Mögen die Mächte deine Schwester unversehrt zu uns bringen.“

Truda schluchzte. Und die teiranda ließ ein kleines Stück Papier ins Feuer fallen.

„Meine Herren? Habt Ihr nichts zu tun?“

„Natürlich, Majestät. Auf dem Turnierplatz gibt es ein Problem mit den Tischlern. Eine Kleinigkeit, aber ich muss mich darum kümmern.“

„Ich komme mit Euch, Herr Daap. Ich muss einen Pferdedieb zur Rede stellen.“

„Dann geht. Herr Jóndere, Ihr kommt mit uns. Wir haben die Gäste schon zu lange warten müssen. Manjév?“

„Mama?“

„Bleib mit Truda hier. Hier seid ihr sicher vor Blicken und Fragen. Bleibt ruhig hier, solange es Tränen gibt. Niemand wird euch stören. Dann geht hinüber ins Haus. Truda, du magst dich den Rest des Tages zurückziehen. Manjév, wir haben Tafelgäste heute Nacht. Die kommen im Wesentlichen, um dich zu sehen.“

„Ja, Mama.“

„Danke, Majestät“, schluchzte Truda.

Dýamirée wartete, bis die teiranday und die drei Ritter das Gemach verlassen hatten. Dann sprang sie vom Rauchfang herab, verwandelte sich und haschte das Papier aus der Glut, bevor Flammen danach züngeln konnten. In einer Wolke aus Asche und Funken glitt sie durch das Feuer und versetzte die teirandanja und ihre Hofdame in hellen Schrecken.

„Dýamirée!“, rief Manjév aus. „Wo …“

„Pst!“ Die Magierin legte ihr den rußschwarzen Finger auf die Lippen. Dann entfaltete sie den Zettel und begann, zu lesen.