Die doayra war unter dem Türrahmen stehen geblieben. Sie hatten beobachtet, wie yarl Moréaval mit Manjév den Weg quer über den Hof zur Halle einschlug. Halb hatten der Ritter und seine teirandanja den Platz bereits überquert, und tatsächlich wichen die Leute respektvoll vor den beiden zurück. Doch ganz unvermittelt entstand ein Aufruhr auf der anderen Seite des Hofes, bei einem der kleineren Nebengebäude. Ein Reiter kam von dort unter lauten Rufen, man möge ihm aus dem Weg gehen, herangesprengt, ein Ritter in dunklem Grün auf einem wuchtigen Schimmel. Die Leute sprangen beiseite, um dem Ross nicht unter die Hufe zu kommen. Manche schrien erschrocken auf, andere empörten sich über die Rücksichtslosigkeit.
Moréaval reagierte gänzlich anders. Er ließ, ganz gegen seine Pflicht, Manjév stehen und stellte sich dem Pferd so wagemutig genau in den Weg, mit warnend gehobenen Händen, dass der grüne Reiter ihn fast über den Haufen geritten hätte. Es gelang ihm gerade noch, das Pferd scharf zum Stehen zu bringen. Verärgert hob er seine Stimme gegen Moréaval, schalt ihn mit unwirschen Worten ob seines Leichtsinns. Der jüngere Mann packte das Pferd beim Zügel und gab ähnlich energisch Antwort, hieß Altabete, zu schweigen und augenblicklich abzusitzen. Er habe nun etwas Wichtigeres zu tun, einerlei, was ihn zu solcher Eile treiben mochte. Dann senkte Moréaval seine Stimme. Obwohl die Umstehenden ganz offenkundig die Ohren spitzten, gelangte nichts Verständliches dort an. Und bis zu ihnen an die Tür schon gar nicht.
Die doayra Isan ärgerte sich. Dýamirée musste keine Gedanken hören, um sich dessen sicher zu sein.
Nachdem die Ritter einige Worte miteinander gewechselt hatten, zuerst heftig, dann gedämpft und schlagartig ganz beherrscht, wurde der eilige Reiter schweigsam und schaute bekümmert drein. Er rief jemanden herbei und schwang sich aus dem Sattel. Dann eilte er an Moréavals Seite der teirandanja hinterher. Manjév hatte längst die Gelegenheit ergriffen, allein weiter zur Halle zu laufen. Solange Gäste und Gesinde durch die Ritter abgelenkt waren, hielt niemand sie auf. Unbehelligt huschte sie an den Leuten vorbei und ins Gebäude. Von irgendwoher eilte nun auch ein Stallknecht heran und nahm sich des ledigen Pferdes an.
„Nun, wir haben Glück“, flüsterte die doayra. „Herr Andriér wird uns wohl die nächste Zeit nicht in die Quere kommen.“
Dýamirée fiepte ungeduldig.
„Ich wüsste zu gern, was sie da in der Halle nun bereden. Was es mit diesen ungewöhnlichen Umständen auf sich hat.“
Dýamirée seufzte innerlich und stampfte energisch auf der Haube der doayra auf. Sie konnten sich jetzt unmöglich von der Sensationsgier der Frau aufhalten lassen. Die Gelegenheit, Advon zu befreien, käme so günstig wohl kaum wieder.
„Ja, ich geh ja schon.“ Die doayra hielt dem Eichhörnchen die Hand hin. „Darf ich dich tragen? Ohne respektlos zu sein: Als Zierrat auf meinem Kopf erregst du Aufsehen.“
Das war richtig. Die Schattensängerin kletterte den Kopfputz hinab und ließ sich greifen. Die Heilerin versteckte das Tier unter ihrem Schultertuch und schritt rasch, aber ohne übertriebene Eile hinüber zu ihren Krankenquartieren.
„Du musst wissen“, flüsterte sie, während sie sich durch die wieder in Bewegung kommende Menschenmenge schlängelten, „wenn der gute yarl Emberbey nicht mehr bei uns ist und Fragen offen stehen, kommt das zur Unzeit, ausgerechnet so kurz vor dem Turnier! Was für eine traurige Neuigkeit! Die armen Kinder! Alle drei habe ich ins Leben geholt. Nun, Osse und Truda Emberbey, die beiden sind alt genug, um damit umzugehen. Aber die Jüngste, Raýneta Emberbey … wie lange ist das erst her? Neun Sommer? Vielleicht schon zehn? In meinem Alter zählt man nicht mehr so genau. So ein kleines Würmchen war sie damals. Ich hatte Sorgen, dass sie es nicht schaffen würden. Die Mutter, die gute yarlara, von Ovéstola, die hat ihr Leben gegeben für die Kleine. So untröstlich, so bitter war Herr Alsgör darüber geworden, die Dame verloren zu haben. So ein freundliches und kluges Kind ist daraus geworden. Ich habe ja schon von Anfang an gesagt, da haben sich Treue und Mut des Hauses Emberbey mit der Güte und Milde von Ovéstola vereinigt, ganz besondere Kinder, alle drei. Der junge Herr Osse zwar mit diesen schlechten Augen geschlagen, aber …“
Dýamirée hörte dem Geplapper gar nicht zu. Sie war über die Geschwätzigkeit und Neugierde der doayra nicht überrascht. Ihre Mutter hatte ihr oft von dieser bemerkenswerten Person berichtet. Im Augenblick aber brachte all das sie nicht weiter. Wenn sie doch nur weniger schwatzen und etwas schneller laufen würde!
Endlich gelangten sie in das Nebenhaus. Gleich im Erdgeschoss hatte man für die doayra einen großen Raum freigemacht und mehrere Lagerstätten hineingestellt. Auf einer lag Advon, ein nasses Tuch über den Augen, festgebunden, zerrauft, und sah insgesamt ziemlich jämmerlich aus. Als die doayra eintrat, wandte er rasch und ächzend seinen Kopf in ihre Richtung. Dýamirée strampelte sich frei und huschte zu ihm hinüber.
„Wer ist da?“, fragte der Magier. „Yarl Altabete?“
„Ich bin es, Isan, die doayra. Ich habe Dýamirée Lagoscyre bei mir, wie versprochen.“
„Sind wir allein?“
Die doayra spähte durch die Tür auf den Gang. Dýamirée nutzte den kurzen Augenblick, während sie nicht hinsah, um sich zu verwandeln.
„Schnell!“, bat sie. „Mach die Tür zu! Niemand darf mich her sehen! Keiner darf herein.“
Die doayra zuckte herum, als sie die neue Stimme hörte. Dann zog sie die Tür zu, legte den Riegel vor und kam ehrfürchtig näher.
„Bei den Mächten“, wisperte sie ehrfürchtig. „Wie wunderschön du geworden bist! Als ich dich zuletzt sah, da warst du ein kleines Mädchen.“
Dýamirée zog Advon ungeduldig den Lappen vom Gesicht. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn schelten oder spötteln sollte, darüber, dass er sich von Unkundigen hatte greifen lassen. Sie entschied sich gegen beides. Zu erleichtert war sie, dass sich alles zum Guten wendete.
„Was hast du angestellt, Abendkind?“, fragte sie. „Warum bist du nicht im Ritterlager?“
„Gar nichts hab ich angestellt!“, verteidigte er sich. „Getäuscht und verraten hat man mich! Ach, was sage ich: Mehrfach betrogen wurde ich. Und niedergeschlagen!“
„Ich hatte dich gewarnt, mein tapferer RItter. Unkundigen ist nicht so einfach zu trauen.“
Nun war die doayra gekränkt. Sie sagte zwar nichts, aber ohne die Tiergestalt spürte Dýamirée nun ihre Gedanken. Aufgeregt, flimmernd, wie das Flüstern der Blätter im Wald, wenn der Wind um die hohen Stämme strich.
„Ist yarl Altabete weg?“
„Der hat zu tun. Trotzdem haben wir keine Zeit.“ Dýamirée legte die Hand auf seine Schläfe und heilte beiläufig die Wunde. „Wer hat dich niedergeschlagen?“
„Der Kerl ohne Wappen! Und ein gestohlenes Pferd hat er mir angedient!“, berichtete Advon. Die Schattensängerin bemerkte amüsiert, wie zutiefst ihn dieser Vorfall empörte. Seine Schmerzen verblassten vor der Enttäuschung über die Heimtücke des augenscheinlich doch so hilfsbereiten Fremden.
„Ich habe befürchtet, dass etwas faul an der Sache ist. Hätten wir besser Manjév gefragt …“
„Ich kann nichts dafür! Und wir haben keine Zeit, herauszufinden, wer der Dumme bei der Sache war.“
„Du“, sagte Dýamirée schlicht. „Lass dir das eine Lehre sein, mein tapferer Ritter, und nun halt still.“ Sie zog ihr Messer und durchtrennte die Fesseln, die ihn auf der Liege hielten. Die gläserne Klinge glitt hindurch wie durch Spinnweben. Die Schattensängerin hätte auch das zaubern können, aber das wäre Verschwendung gewesen.
Die doayra kam mit großen Augen näher. Die verschwundene Verletzung imponierte ihr jetzt deutlich mehr als die Verwandlung des kleinen schwarzen Eichhörnchens zu einer jungen Frau. „Das ist ja wunderbar!“, staunte sie. „Ohne eine Narbe!“
Advon setzte sich mühevoll auf, hielt sich den Kopf und lächelte die Frau verlegen an. „Danke. Und entschuldige bitte, dass wir Magie in deine Stube der Heilung getragen haben.“
„Es ist mir eine große Ehre“, sagte die doyara und verneigte sich. Dann fragte sie begierig: „Was für ein Kerl ohne Wappen? Einer der weitgereisten Ritter? Ein gestohlenes Pferd, also doch? Erzählt! Aus Herrn Andriér bin ich nicht ganz schlau geworden.“
Advon schwang die Beine über den Rand der Liege. „Ein junger Ritter, der freundlich tut und Betrug statt eines Wappens im Schilde führt. Dem Auftreten und seiner Ausrüstung nach einer aus bescheidenem Haus. Der Mann schuldet mir eine Erklärung.“
„Nicht jetzt“, bestimmte Dýamirée. „Zunächst musst du raus aus dieser Burg. Manjévs Plan können wir jetzt wohl vergessen. Zum Glück!“
„Manjévs Plan?“ Die Neugierde der doayra wuchs sprungartig weiter. Ihre Augen leuchteten begeistert. „Die teirandanja plant etwas? Für das Turnier? Für das Fest?“
„Advon! Willst du dich nicht gleich auf den Hof stellen und es ausrufen, damit es auch wirklich niemandem entgeht?“
„Aber Frau Isan wird es doch ohnehin erfahren.“
„Aber nicht von uns!“ Dýamirée warf ihm einen warnenden Blick zu und legte den Finger an die Lippen. Dann wandte sie sich an die Heilerin.
„Isan“, sagte sie, „es ist lange her, dass wir einander begegnet sind. Ich weiß, wie hoch mein Vater dich schätzt und wie sehr meine Mutter dir vertraut. Magst du dieses Vertrauen unter Beweis stellen?“
„Ich werde über alles schweigen, was ihr mir sagt“, versprach die Heilerin eifrig. „Nur weiht mich ein, bevor es mir zu verwirrend wird.“ Und bevor mich die Neugierde zerreißt, fügte sie in Gedanken hinzu. Aber das konnte nur die Magierin hören.
„Gut“, sagte Dýamirée. „Wir vertrauen dir. Im Gegenzug hilfst du mir, Advon ohne viel Aufsehen hier aus der Burg zu bringen.“
„Oh“, machte die Frau. „Da werde ich eine sehr gute Erklärung für Herrn Andriér brauchen.“
„Einfach“, sagte Advon munter. „Schließlich hat er mich unbewacht zurückgelassen. Als du hierher zurückkamst, war ich schlicht nicht mehr da. As ob mich so ein paar lächerliche Schnüre aufhalten könnten.“
„Das wird ihn nicht davon abhalten, nach Euch zu fahnden.“
„Das“, sagte Advon, „lasst meine Sorge sein. Wenn ich nicht will, dass er sich an mich erinnert, wird das nicht geschehen.“
„Ist das ein Zauber, den Ihr wirken könnt?“
„Nur, wenn ich keine andere Wahl habe. Regenbogenritter wirken keine Magie gegen Unkundige. Zumindest, solange es sich vermeiden lässt.“
„Herr Andriér hat ohnehin viel dringendere Geschäfte“, schaltete Dýamirée sich ein. „Advon, yarl Emberbey ist hinter die Träume gegangen. Herr Alsgör.“
Er blinzelte sie stutzig an. Dýamirée seufzte innerlich. Offenbar war er immer noch zu benommen, ob vom Bier in der Nacht oder dem Hieb auf den Kopf, das war einerlei. Jedenfalls tat ihm der Umgang mit Unkundigen nicht gut.
„Der erste Ritter“, sagte sie. „Der erste, der das Spiel verlässt.“
Das verstand er. Seine goldenen Augen glommen alarmiert auf. Die doayra zuckte zusammen und wandte rasch den Blick ab.
„Bei Pataghíu“, murmelte er. „Es fängt also bereits an?“
„Isan“, fuhr Dýamirée fort, „es muss nichts bedeuten, mag purer Zufall sein. Aber wir beide, Advon und ich, wir sind nicht zum Vergnügen hier. “
Die doayra hatte eine eifrige Antwort auf den Lippen, bezähmte sich aber. Die Wissbegierde in ihrem Blick machte einer vagen Unruhe Platz. „Was“, fragte sie sachlich, „ist so wichtig, dass Magier sich dessen annehmen müssten? Dass iohr euch dafür unter Unkundige mischt, im Geheimen?“
„Das wissen wir noch nicht.“
„Hat es mit dem Tod von yarl Emberbey zu tun? Ist es … kein Zufall? Ist yarl Moréaval deswegen vielleicht so besorgt?“
„Was ist denn überhaupt passiert?“, fragte Advon und erhob sich. Seine Kopfschmerzen schienen verflogen. „War es etwa nicht an der Zeit für den alten Mann?“
„Keine Ahnung. Yarl Moréaval klang nicht, als sei es einfach das Alter gewesen, die den alten Mann besiegt hätten. Aber ich finde es heraus. Ich bin an der Quelle der Neuigkeiten.“
„Was hast du vor?“
„Ich klettere einfach zum Fenster in die Halle oder in das Audienzzimmer hinein, wo die teiranday mit ihren yarlay beraten. Dazu ist noch Zeit. Moréaval hat Altabete abgefangen, aber Grootplen müssen sie wahrscheinlich noch herbeiholen.“
„Wenn der beim Turnierplatz ist, dauert das eine Weile. Aber sie werden sich sputen damit.“
„Dann haben wir keine Zeit.“ Die Schattensängerin wandte sich wieder der Heilerin zu. „Isan, kannst du Advon helfen, die Burg unbehelligt zu verlassen? Vielleicht, indem du die Torwachen ablenkst?“
„Sicher“, sagte die doayra. „Mit dem Zeug, das ich hier habe, könnte ich ihn auch ein wenig verkleiden. Bevor yarl Altabete etwas bemerkt, ist er heraus aus den Mauern.“
„Schön. Advon, du kehrst auf direktem Weg zu Farbenspiel zurück. Rührt euch beide nicht von der Stelle, bis ich zurück bin. Sprich mit niemandem und nimm vor allem nichts an, was dir jemand anbieten mag. Du hast schon viel zu viel Aufsehen erregt.“
„Ich konnte nichts dafür. Wie sollte ich denn ahnen, dass die teiranday ihren Süßkohl von scharfen Hunden bewachen lassen?“
„Süßkohl?“ Isan war bewildert. Aber darauf konnte Dýamirée nun wirklich keine Rücksicht nehmen.
„Ich finde heraus, was passiert ist, damit wir uns beraten können. Und nun, lasst uns nicht noch weiter trödeln. Die Dinge überschlagen sich, und keiner von uns sollte hier an diesem Ort sein.“
Der Regenbogenritter erhob sich. „Es würde mich drängen, den Kerl zur Rede zu stellen, der mich hierher gebracht hat. Ich will das Pferd zurückhaben, um es dem armen Mann zu bringen, der es hüten sollte. Um mein Gold hat man mich betrogen, aber das mag der Preis sein, den es kostet, Menschen kennenzulernen.“
„Bitte!“ Dýamirée winkte eindringlich ab. „Bitte, lass es vorerst. Lass es Altabetes Sache sein. Dieses Pferd geht uns nichts an. Wir finden dir ein anderes. Wenn nicht ohnehin alles verdorben ist. Vom Ritterlager müssen wir uns fernhalten, bevor noch jemand misstrauisch wird.“
„Kann ich euch beiden vielleicht helfen?“, fragte die doayra, sicher nicht ganz uneigennützig. Dýamirée tastete nach ihren Gedanken. Die waren amüsant: Die Heilerin brannte tatsächlich darauf, ihnen, den Magiern, nützlich zu sein. Vor allem, um aus erster Hand zu erfahren, was es denn so Dringliches gab. Dass das vasposár nur eine Kulisse für etwas wesentlich Wichtigeres war, das hatte die kluge Frau längst erkannt.
Nun, dachte Dýamirée. Warum sollte es nicht nützlich sein, unter den Unkundigen Verbündete zu haben? Menschen, die mühelos dort einhergingen, wo Magier sich verbergen mussten?
„Wenn du Advon aus diesen Mauern bringst“, sagte die Schattensängerin, „stehen wir bereits in deiner Schuld. Wenn du noch mehr willst – und deine Pflichten es zulassen, und deine Zeit – dann wäre es sicher gut, zu hören, was du von den Rittern draußen im Zeltlager in Erfahrung bringst. Wer sie sind. Was sie sich vom vasposár erhoffen. Und natürlich, was du von ihnen hältst.“
„Solange das Turnier noch nicht begonnen hat, habe ich die Muße, mich umzuhören“, versicherte die doayra emsig.
„Wir zählen auf dich“, betonte Dýamirée. Sie erreichte damit, dass Isan sich geschmeichelt und wichtig fühlte, auf eine ehrliche, hilfsbereite Art. Die Heilerin nahm aus einem Regal einen aufgerollten Stoffstreifen und hob den Schemel auf, den Altabete zuvor umgestoßen hatte. „Setzt Euch, Advon Irísolor. Ich verbinde Euren geschundenen Kopf so, dass niemand sich an Euer Gesicht entsinnt. Euer Eisenzeug packen wir in einen Beutel. Bei dem Trubel wird niemand groß auf einen achten, der nach draußen geht. Die haben genug mit denen zu tun, die als Gäste hinein wollen.“
„Noch ein Verband? Muss das sein?“, maulte Advon, aber nur leise.
„Advon“, mahnte Dýamirée liebevoll, „einer doayra widerspricht man nicht.“
Er seufzte und setzte sich. Isan machte sich mit geschickten Fingern ans Werk. Rasch verschwanden Advons Haare und sein rechtes Auge unter der blütenweißen Bandage. Dýamirée schaute zerstreut zu. Bei einer anderen Gelegenheit hätte sie für die Fingerfertigkeit der Heilerin großes Interesse aufgebracht. Bei einer anderen Gelegenheit hätte sie auch viel mehr Geduld für Advons Geschichte aufgebracht, und wären sie unter vier Augen gewesen, hätte sie es auch zärtlicher angestellt, ihn zu heilen. Aber all das musste warten. Sie tastete nach Advons Geist und umarmte und liebkoste ihn, ohne dass die Heilerin es bemerkte. Advon war besorgt. Es war ihm gar nicht recht, sie allein in der Burg zurückzulassen. Erst als sie ihm versprach, in der Nacht zu ihm zurückzukehren, ließ er sich etwas beruhigen.
„Wie geht es Meister Yalomiro?“, fragte die doayra. „Und was macht deine Mutter, Dýamirée Lagoscyre? Bei den Mächten, es ist so lange her.“
„Meine Mutter ist wohlauf. Du musst sie im Boscargén besuchen, wenn dies hier ausgestanden ist. Sie erzählt viel und oft davon, wie ihr euch in Valvivant begegnet seid. Sie sagt, ohne deine Hilfe und Freundschaft sei sie wohl verloren gewesen.“
Die Frau errötete freudig. „Und dein Vater?“
Dýamirée zögerte.
Sei ehrlich, hörte sie Advons Gedanken. Du kannst ihr doch nichts verschweigen.
„Er ist schwach geworden“, gestand Dýamirée. „Er hat viel von seiner Kraft geopfert, bei einem großen Kampf.“
„Das ist traurig zu hören.“
„Es geht ihm gut. Es ist nur – nun, er wird älter.“
„Deswegen seid ihr beide hier, und nicht eure Eltern?“
„Gewissermaßen.“
„So lange ist es her, dass ich Meister Yalomiro gesehen habe. Mehr als dein halbes Leben. Einmal, da dachte ich, ich hätte ihn gesehen, ganz unverhofft. Nachts am Strand bei der Burg Spagor war das.“
„Das kann nicht sein. Er war seit mehr als zehn Wintern nicht so weit im Norden.“
„Es war auch jemand anders. Aber, bei den Mächten, diese Ähnlichkeit! Ich habe ihm natürlich nicht lange ins Gesicht geschaut und noch dazu war es dunkel. Aber es war unheimlich.“ Sie schüttelte sich. „Ehrlich gesagt, ich war erleichtert, als der Mann weitergegangen ist.“
„Wohin ist dieser Doppelgänger denn verschwunden?“, fragte Advon, so gut das mit dem Kopfverband ging, denn eine Stoffbahn schiente nun auch eine nicht vorhandene Kieferverletzung.
„Nach Westen. Wahrscheinlich war es ein vornehmer Herr aus Virhavét. Und es ist gut zehn Winter her.“ Die doayra knotete die Bandage fest. „Fertig. So erkennt Euch nicht einmal Eure eigene Mutter, junger Meister.“
„Gut“, brachte Advon hervor. „Dann lass uns schnell hier heraus, bevor yarl Altabete doch noch einmal zurückkommt.“
Es hätte so viel zu tun, zu bereden gegeben. Doch die Zeit wurde knapp. Dýamirée sandte Advon eine mahnende Liebkosung in Gedanken und schlüpfte zurück in den Eichhörnchenkörper, noch bevor Isan sich zu ihr umdrehen konnte. Bei ihr wusste sie Advon in guten Händen. Mutter und Vater vertrauten der unkundigen doayra. Es gab keinen Grund, das nicht selbst auch zu tun.
Wenn da doch nur nicht diese beunruhigende Neugierde gewesen wäre.
Hinterlasse einen Kommentar