Tíjnje war besorgt. Am liebsten hätte sie sich vom Tross ihrer Großmutter abgesetzt und wäre ihrerseits nach Wijdlant galoppiert, so schnell ihr Pferd nur konnte. Aber das ging natürlich nicht. Sie konnten nicht einfach die eld-yarlara im Stich lassen, ohne Geleitschutz und nur mit den jungen Leuten aus der Burg, von denen kaum jemand schon einmal den Weg nach Wijdlant gegangen war.
Láas und Jándris schien es ähnlich zu gehen. Die beiden ritten dem Reisezug voran, gerade mit so viel Abstand, dass man ihr Gespräch nicht belauschen konnte. Auch den jungen Rittern wäre es wohl lieber gewesen, so schnell wie möglich zu Merrit und Osse aufzuholen und sie vor ihrem Begleiter zu warnen.
Wenn wir doch nur reden könnten, ärgerte das junge Mädchen sich. Wenn wir Großmutter doch nur beichten könnten, wie es sich mit dem Brief und der eiligen Abreise der beiden verhielt.
Gerne wäre sie zu den beiden Rittern nach vorn getrabt, um sich mit ihnen zu beraten. Aber nachdem sich Válgundra Robsténar ihnen angeschlossen hatte, konnte sie sich schlecht einfach absetzen. Tíjnje versuchte, sich mit dem Gedanken zu zügeln, dass Merrit und Osse sie sicherlich beide darum gebeten hätten, mehr über den aufbrausenden Bruder der Dame herauszufinden. Also bemühte sie sich, mit dem zu glänzen, was die opayra und der mestar ihr mit so viel Mühe beigebracht hatten. Darin war sie Meisterin: höflich und oberflächlich unverfänglich zu schwatzen und die Damen zu unterhalten. Und die Ohren offen zu halten.
Láas und Jándris hatten den jungen Begleitern streng angewiesen, den schändlichen Mord in Hörweite ihrer Herrin zu einem betrüblichen und tragischen Unglück herunterzuspielen, um die Dame nicht zu beunruhigen. Dann hatten sie so überstürzt zum Aufbruch gedrängt, dass die Dame kaum Gelegenheit hatte, Details aufzuschnappen. Ungewahr der makabren Umstände und der unmittelbaren Gefahr, in der Merrit und Osse schweben mochten, wandte die eld-yarlara sich bald der angenehmen, leichten Unterhaltung zu.
Nichtsdestotrotz beschäftigte die ungeheuerliche Bluttat in der Herberge die Reisegesellschaft, Tíjnje schnappte hier und dort leises Getuschel voller Spekulationen und Sensationslüsternheit auf. Natürlich stellten die jungen Leute phantasievolle Überlegungen an, ob der Mord an dem unglücklichen jungen Mann in irgendeiner Weise mit dem künftigen mynstir zu tun haben könnte.
Doch auch dieses Thema erschöpfte sich, solange es nichts Neues zu erfahren gab. Nach und nach mischten sich andere Themen in die Gespräche, harmlose Dinge aus dem Alltag der Schutzbefohlenen der eld-yarlara, denen Tíjnje nicht viel Interesse zumaß. Viel größer waren ihre Sorgen um die Freunde und der Ärger darüber, dass ihr ganzer feiner Plan ins Wanken geriet.
Die Großmutter ahnte nichts von alledem. Etwas befremdet war sie gewesen, dass Merrit und Osse ohne Abschied verschwunden waren, aber sie hatte es nicht hinterfragt. Eine Anweisung der teirandanja hatte Gewicht und sicher gute Gründe. Den Brief dazu konnten sie präsentieren. Zumindest das war geglückt.
Frau Válgundra, die anfangs noch schweigsam mit ihnen geritten war und sich sichtlich zu langweilen begann, hatte in die Plauderei zwischen Großmutter und Enkelin eingestimmt. Tíjnje wartete einen Moment, bis die beiden Edeldamen angeregt miteinander redeten. Dann ließ sie sich mit ihrem Pferd zurückfallen, bis sie auf einer Höhe mit Tridna war. Die stapfte mit ihrem Esel und ihrer Kiepe zügig mit den anderen mit, hatte aber ihre muntere Laune gänzlich verloren. Als sie die Tíjnje neben sich bemerkte, schien sie erleichtert, sich jemandem anvertrauen zu können.
Das bedeutete wohl, dass Láas etwas zu vertraulich mit ihr über die Sache geredet hatte. Nun, was sollte es. Tridna war klug genug, um zu verstehen, wer wovon wissen durfte.
„Herrn Osse und Herrn Merrit wird doch wohl nichts zustoßen?“, erkundigte Tridna sich besorgt.
„Nicht, wenn es keine Falle ist und andere beteiligt sind. Mit einem Unhold allein wird yarl Althopian fertig.“
„Bei den Mächten, wenn die beiden doch nur sicher in Wijdlant ankämen!“
„Yarl Robsténar ist ihnen auf den Fersen. Sobald er sie erreicht, wäre sie zu zweit, um yarl Emberbey zu beschützen.“ Tíjnje zwang sich ein halbherziges Lächeln auf. „Ich glaube, Herr Bjöngsten lässt sich nicht lumpen, wenn es eine Rauferei gibt.“
Tridna machte große Augen. „Ihr meint also, jemand will Herrn Osse ans Leben?“
Sollte sie Tridna einweihen, zumindest zu einem guten Teil? Machte es einen Unterschied? Láas‘ heimliche hýardora war ein kluges Mädchen, und sie war immer mitten im Geschehen und sicherlich mit den Ohren überall dabei. Vor allen Dingen war sie an Orten, an denen sie selbst, Tíjnje Moréaval, sich nicht unbemerkt aufhalten konnte. Schon gar nicht, wenn sie ab morgen wieder auf Schritt und Tritt an Manjévs Seite bleiben musste.
„Ja, es muss so sein. Es mag angesichts des großen Festes, des prächtigen Spektakels in den Hintergrund treten. Aber sobald die teiranday ihm seinen Siegelring aushändigen und all die Formalitäten abgeschlossen und Urkunden abgezeichnet sind, hat er mehr Macht als jeder einzige der anderen yarlay. Es gibt sicher jemanden, der das verhindern will.“
Dass sie alle sich denken konnten, wer ein Interesse daran haben mochte, das behielt Tíjnje zunächst bei sich. Was brachte es, einen solchen Verdacht laut auszusprechen, solange er auf Abneigung beruhte statt auf Hinweisen? Hinweise, Beweise – das war das, was sie nun brauchten!
„Tridna“, kam ihr in den Sinn, „du kommst doch sicher nicht den ganzen weiten Weg nach Wijdlant mit all deinem Gepäck, nur um Herrn Láas zuzujubeln?“
Das Mädchen errötete über das ganze Gesicht. „Nein, Herrin. Ich will bei dem vasposár etwas Geld verdienen. Speisen und Met anbieten.“ Sie zögerte und fügte besorgt hinzu: „Das ist doch erlaubt, nicht wahr?“
„Natürlich. Du musst es nur bei meinem Großvater und seinen maedloray anmelden. Das muss so sein, falls es zu Streitereien kommt. Aber wo hast du deine Ware?“
„Hier drin.“ Tridna klopfte an eines der kleinen Fässchen, die der Esel brav mit sich trug. „Mein bestes. Herr Lass und seine Freunde sind ganz begeistert davon.“
„Na, ob das für all die Leute reicht.“
„Wird es, Herrin. Es ist natürlich nur eine Essenz meines speziellen Mets. Ein Rezept und eine Zubereitung, die ich selbst ersonnen habe, damit man große Mengen leicht mit sich führen kann. Ich brauche in Wijdlant dann nur noch klares Wasser zum Verdünnen.“
„Das sollst du haben. Aber …“ Tíjnje zögerte. Ihr war eine Idee gekommen, wie eine Eingebung, schnell und ungeformt. Und vielleicht gar nicht so nutzlos. „Sag, Tridna, kannst du dein Elixier auch mit jungem Wein mischen?“
„Natürlich. Das wäre noch viel besser. Aber es wird dann auch stärker.“
„Und edler.“
„Das auch. Worauf wollt Ihr hinaus?“
Tíjnje schaute sich um. Hörte jemand mit? Es schien nicht so. Die jungen Leute waren mit ihren eigenen Gesprächen abgelenkt.
„Hör zu, Tridna. Ich will, dass du deinen Ausschank nicht in der Burg oder beim Turnier aufschlägst.“
„Aber Herrin … Ihr sagtet, es sei erlaubt!“
„Ist es. Aber ich will, dass deinen erlesenen Met nur die vornehmsten der Gäste zu kosten bekommen. Ich will, dass du im Ritterlager verkaufst.“
„Aber Herrin! Sollen die Herren nicht enthaltsam vor den Kämpfen sein?“
„Glaubst du im Ernst, daran würde sich einer von den Herren ernstlich halten, so fern von Damen, die darüber die Nase rümpfen könnten?“
„Na ja …“ Tridna erlaubte sich ein vorsichtiges, vertrauliches Schmunzeln. „Wahrscheinlich habt Ihr recht.“
„Du hast dort niemanden, der dir die Kundschaft streitig macht“, lockte Tíjnje. „Und die Güte deiner Braukunst wird sich von dort aus im ganzen Weltenspiel herumsprechen, wenn die Herren wieder in ihre yarlmálon zurückkehren. Wäre das nicht eine feine Sache?“
„Und beim vasposár selbst? Beim Fest?“
„Da sollst du an der Tafel das Beste von deinen Vorräten kredenzen. Herr Láas wird überglücklich sein, dich in seiner Nähe zu wissen.“
Tridna errötete neuerlich, diesmal aber vor Freude. Dann runzelte sie nachdenklich die Stirn.
„Das ist ein überaus großzügiges Angebot, Herrin.“
„Das kann ich verantworten.“
„Was habt ihr in Wirklichkeit im Sinn?“
Bei den Mächten, Tridna war schlau! Was für eine yarlara würde sie abgeben, wenn Láas sie in aller Form erwählte!
„Was würdest du sagen, wenn ich darüber klagte, dass ich einfach zu wenig eigene Ohren habe?“
Tridna erlaubte sich ein Grinsen. „Nun, ich könnte Euch die meinen ausborgen, Herrin.“
„Sehr schön. Es soll nicht zu deinem Schaden sein. Und nun entschuldige mich. Sicher vermissen sie mich da vorn schon.“
Sie nickte dem Mädchen zu. Dass Tridna übers ganze Gesicht strahlte, freute Tíjnje. Für sie alle wäre es ein Gewinn: Láas hätte seine hýardora in seiner Nähe und würde gewisse die Gelegenheit finden, sie vor seinen Eltern in ein angenehmes Licht zu rücken. Grootplen war eine kleine Burg, die Schutzbefohlenen einfache Leute. Für eine bodenständige, kluge Herrin würden sie einst dankbar sein. Und, soweit Tíjnje es beurteilen konnte, war Tridnas Met tatsächlich von ganz vorzüglicher Güte. Vielleicht würde der Ausschank auf dem Turnier ein guter erster Schritt sein, um Grootplen zur Quelle für edle geistige Getränke zu bringen. Davon hätten sie alle einen Gewinn. Brot und Honig vom selben Feld. Tíjnje überlegte. Ob die Bienen wohl auch Honig von den weißen Blumen machen würden? Sie nahm sich vor, nach dem vasposár den teiranday ein Stück Gartenland abzuschwatzen, um das auszuprobieren..
„Tíjnje, Liebes!“
Die junge Edeldame seufzte still und zügelte ihr Pferd. Unbemerkt am Wagen der Großmutter vorbei zu huschen war ihr nicht gelungen.
„Sag, mein liebes Kind – Frau Válgundra fragt mich gerade nach den Hoffnungen, die unsere jungen Herren sich beim Turnier machen könne. Ich kenne mich da gar nicht aus. Es ist so lange her, seit mein geliebter hýardor sein letztes Turnier bestritt.“ Die Dame lachte verlegen. „Und dieses Turnier, das ist doch nur was für die jungen Leute …“
„Was wollt Ihr wissen, Frau Válgundra?“
Die yarlara von Robsténar ritt nun lässig gleichauf mit dem Wagen der eld- yarlara. Über deren Kopf sprach sie das junge Mädchen nun an.
„Frau Tíjnje, mein Bruder tut den weiten Weg zu Ehren unseres teirand und … aus persönlichen Gründen. Sagt mir: Wie gut stehen seine Chancen? Ganz unter uns Frauen?“
Wie sollte sie höflich auf eine so direkte Frage antworten? Tíjnje suchte nach Worten. „Macht Euer Bruder sich ernsthafte Gedanken um die Gunst unserer teirandanja?“
„Hätte er denn einen Grund, sich Hoffnung zu machen?“
„Dazu kann ich nichts sagen.“
„Nicht? Wie ich hörte, seid Ihr die Hofdame, unter den engsten Vertrauten der teirandanja. Ihr müsst es doch wissen. Sagt mir: Hat die teirandanja sich bereits insgeheim entschieden?“
„Es steht mir nicht an, über Herzensdinge meiner Herrin zu reden.“
„Drängt meine Enkelin nicht zu sehr, Frau Válgundra. Wie auch immer es ausgeht, Euer Bruder wird den Ruhm seines teirand würdig vertreten.“
„Das steht außer Zweifel. Es wäre nur sehr unangenehm, wenn er ausgerechnet den Favoriten der teirandanja zuschanden machte, nicht wahr? Ich möchte verhindern, dass es zu Peinlichkeiten kommt.“
„Herr Merrit ist der beste unter den Kämpfern von Wijdlant“, rutsche es Tíjnje heraus. „Der wird sich so leicht nicht hinmachen lassen.“
„So. Merrit Althopian also. Ach du meine Güte.“ Frau Válgundra lachte und schien dabei belustigt und verlegen zugleich. „Ich sehe, es wird eine sehr interessante Begegnung werden.“
Tíjnje fasste die Zügel fester. Was musste sie auch so unbedacht plappern!
„Herr Merrit ist es also tatsächlich, dem das Herz der teirandanja schon vor dem Turnier gehört?“
„Nun … er wäre bereit, sein Leben für die teirandanja hinzugeben. Auch gegen Euren Bruder.“
„Das ist hochinteressant.“
„Ich bitte Euch!“ Die eld-yarlara setzte sich in ihrem Wagen auf. „Haltet Frieden! Das Fest soll ein großes Spektakel werden, ganz ohne Blut.“
„Das mögen die Mächte geben“, antwortete Válgundra Robsténar. „Und wisset, es ist nicht Ansinnen meines Bruders, Unfrieden zu stiften. Ihm geht es nur um Genugtuung für eine alte Schmach. Wann sonst wäre ihm das gewährt, ganz ohne Fehde und Krieg?“
„Und wie steht Ihr dazu, Frau Válgundra?“, fragte Tíjnje unwillig.
„Ich? Ich verspreche mir ein paar kurzweilige Tage und gute Unterhaltung. Vielleicht ein paar neue Freundschaften.“ Sie lächelte über den Kopf der eld-yarlara hinweg. „Was alles andere betrifft, nun … Männer. Wie die stolzen Hähne. Was soll ein sanftes Weib dagegen halten?“
Tíjnje ärgerte sich. Worauf wollte die weit gereiste Dame hinaus?
Aber noch bevor sie sich eine angemessene Antwort überlegen konnte, kam der Reisezug ins Stocken. Offenbar hatten Láas und Jándris an der Spitze der Gruppe ihr Tempo verlangsamt.
„Entschuldigt mich“, sagte Tíjnje und trabte an. „Ich schaue, was da vorne los ist.“
Tatsächlich trotteten Jándris‘ Rappe und Láas‘ Brauner nun langsam voran. Grund dafür war ein glatzköpfiger Mann in schlichtem Gewand, der zu Fuß neben den Pferden ging. Mit eindringlicher Stimme redete er auf die jungen Ritter ein, als Tíjnje sie erreichte.
„… Yarl Robsténar sagte mir, dass ich mich Euch anschließen könnte!“
„Es ist erstaunlich, dass Herr Bjöngsten über das Gefolge von Grootplen verfügt.“
„Wollt Ihr yarl Robsténar der Lüge bezichtigen?“
Oh nein. Bloß kein Ärger, nicht jetzt! Tíjnje drängte ihren Zelter zwischen die Streitrösser der beiden Ritter. „Was geht hier vor, edle Herren?“
„Herrin!“ Der Mann eilte ein Stück voran, ihrem Ross in den Weg und lief dann rückwärts vor ihr her. Ehrfürchtig entblößte er sein kahles Haupt„ Ich bin ein reisender báchorkor. Es zieht mich zum vasposár nach Wijdlant! Ich suche nach Anschluss, um sicher zu reisen!“
„Wo ist das Problem?“, erkundigte Tíjnje sich verwirrt. „Die Straße liegt vor dir! Es geht praktisch einfach geradeaus. “
„Du müsstest dich schon anstrengen, dich zu verirren“, sagte Jándris. „Wir sind in Eile.“
„Oh, edler Herr. Das ist eine gefährliche Straße. Raubgesindel macht den Weg unsicher!“
„Was? Raubgesindel? Hier, auf dem Grund meines Vaters?“, fragte Láas verblüfft.
„Oh ja, Herr! Geschichten könnte ich erzählen. Üble Geschichten!“
„Lass hören, báchorkor!“, verlangte Jándris. „Was weißt du?“
„Ich … nun …“ Der báchorkor schaute sich unter ihnen um. Láas und Jándris wechselten belustigte Blicke miteinander.
„Von unheimlichem Schurkenpack ist die Rede“, behauptete der báchorkor mit großer Geste. „Niemand weiß, woher die Bande gekommen ist. Drei sollen es sein, mindestens! Große, starke Kerle in Waffen, die Reisezüge überfallen und nicht davor zurückschrecken, hochedle Herren zu verschleppen.“
„Oh.“ Láas räusperte sich. „Das ist ja wirklich … unerhört!“
„Und wie schnell sich das herumgesprochen hat!“, brachte Jándris zwischen den Zähnen hervor.
Tíjnje hätte fast laut aufgelacht. Stattdessen fragte sie: „Weißt du, wo man die Räuber zuletzt gesehen hat?“
„Sie könnten überall gewesen sein, hochedle Dame. Gehört habe ich davon vorgestern. In einer Herberge im Grenzland zu Altabete.“
„Bei den Mächten“, antwortete Tíjnje, „die Neuigkeiten fliegen wohl auf den Zungen der báchorkoray schneller als auf den Flügeln der Tauben.“
„Gewiss, Herrin. Und auch das Raubgesindel scheint schnell und brutal unterwegs zu sein. Yarl Robsténar erwähnte im Vorbeihasten ein Unglück, das sich weiter westlich an der Straße zugetragen habe. Er sagte, ich erfahre mehr, wenn ich mich Eurem Reisezug anschließe.“
„Wie betrüblich“, hob Jándris seine Stimme, „dass wir bezüglich der Schurkereien keine Entwarnung geben können, nicht wahr?“
„Ja, in der Tat. Es wäre geradezu verantwortungslos von uns, wenn wir ihn unter diesen Umständen allein reisen lassen würden.“
„Denkt Euch nur, wenn das ruchlose Pack seinerseits unterwegs nach Wijdlant wäre! Nicht auszudenken.“
„Redet keinen Unfug, Herr Jándris“, wies Tíjnje den jungen Ritter sanft zurecht, bevor der sich noch verplappern konnte.
„Bitte“, flehte der báchorkor. „Ich kann euch alles erzählen, was ich weiß. Aber, um der Mächte willen, nehmt mich in Eurem Gefolge mit. Lasst mich nicht allein auf dieser einsamen Straße. Yarl Robsténar pries mir Eure Güte und Freundlichkeit. Ich bin nur ein bescheidener báchorkor, und ganz ohne Schutz. Und es ist noch eine Nacht bis nach Wijdlant!“
Die drei jungen Leute wechselten abwägende Blicke. Láas war hilfsbereit und würde sich nicht noch länger bitten lassen, dem báchorkor zu helfen. Jándris schien die Situation amüsant zu finden. Bestimmt war er begierig, mehr über die Untaten der mysteriösen Straßenräuber zu hören, später, wenn sie rasteten.
„Wir sollten ihn mitnehmen.“
„Was macht es für einen Unterschied“, sagte Láas gutmütig. „Immerhin sind wir alle auf derselben Straße unterwegs.“
Tíjnje schaute sich um. Der Reisezug hatte sie nun fast eingeholt, der Wagen der eld-yarlara war beinahe schon in Hörweite.
„Seit wann läufst du auf diesem Weg?“, fragte sie den Glatzkopf.
„Seit Sonnenaufgang, liebreizende Herrin. Die Nacht habe ich hoch oben in einem Baum verbracht, wo mich kein Räuber vermutet.“ Er grinste müde: „Jeder Knochen tut mir weh davon!“
„Sind dir andere Ritter begegnet, bevor du auf yarl Robsténar getroffen bist?“
„Ja, hochedle Dame. Ein junger blonder Herr mit blausilbernem Wappen auf einem mächtigen braunen Hengst. Er war in großer Eile und hielt nicht für mich an.“
„War er allein?“
„Nein. Ein vornehmer Herr in bernsteinfarbenem Gewand hatte große Mühe, ihm zu folgen, auf einem Maultier.“
„Nur diese beiden?“, fragte Láas.
„Ja. Danach folgte ihnen keiner mehr.“
„Dann sind Osse und Merrit den Kerl wohl bereits irgendwie losgeworden. Den Mächten sei Dank.“ Jándris schloss erleichtert die Augen und neigte den Kopf demütig in Richtung von Pataghíus Glanz am Himmel.
Der báchorkor ging ihnen voraus, immer noch rückwärts und mit erwartungsvollem Blick. Er schaute Tíjnje so inständig an, als wisse er genau, dass letztlich sie diejenige war, deren Wort das ausschlaggebende Gewicht haben würde.
„Láas? Tíjnje? Herr Jándris? Was ist da los? Warum geht es jetzt so langsam voran?“, rief die eld-yarlara. „Ist etwas geschehen?“
„Nein, alles in Ordnung, Großmutter!“, rief Tíjnje und wendete ihr Pferd. Zu dem báchorkor sagte sie: „Und du, reih dich ein und komm gern mit uns. Unterhalte unsere jungen Schutzbefohlenen mit deinen Geschichten. Aber kein Wort über Räuber und Mordgesindel. Sonst sorgen wir dafür, dass du keinen Fuß auf den Festplatz setzen kannst.“
Er verneigte sich unterwürfig. Tíjnje nickte den beiden Rittern mahnend zu und trabte dann an Frau Válgundras Seite.
„Ein báchorkor“, erklärte sie den Damen. „Einer, der nicht allein reisen mag. Er hat eine Empfehlung von Eurem Bruder, Frau Válgundra.“
„Ach“, lachte die Dame. „Bjöngsten ist vernarrt in dieses Gaukelvolk. Sicher will er seinen Ruhm beim Turnier in alle Welt hinausgetragen wissen.“
„Dann ist er also doch auf Ruhm aus?“, fragte die eld-yalara amüsiert.
„Natürlich. Ich hoffe, der Favorit von Wijdlant hat eine stabile Rüstung. Der junge yarl Althopian mag trefflich kämpfen, aber vermutlich hatte er nie zuvor einen überlegeneren Gegner.“ Válgundra Robsténar lächelte zu Tíjnje hin, mit einer seltsamen, freundlichen Herablassung. Etwa so, als erklärte sie einem Wiegenkind das Weltenspiel.
Tíjnje ignorierte das. Es gab Wichtigeres als die Überlegenheit der fremden Dame. Unverwandt beobachtete sie, wie der báchorkor sich dem Fußgefolge anschloss. Großzügig steckten ihm einige der jungen Leute etwas Brot zu und reichten ihm Trinkwasser in einer Kalebasse.
Irgendetwas passte nicht mit dem Mann zusammen, so harmlos er wirken mochte. Aber benennen konnte Tíjnje es nicht. Noch nicht.
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