Truda eilte grußlos an den Wächtern vorbei, wieder hinunter in den Hof. Dort hatte sich die Menschenmenge noch nicht gelichtet. Das Mädchen musste sich mühsam den Weg durch all die Besucher bahnen, die auf ihre Vorsprache warteten, und durch das Burgvolk, all die Knechte, Mägde, Lieferanten und Handwerker, die hier zu tun hatten. Truda war der Innenhof zwischen Wohnhaus, Halle und Turm nie allzu groß vorgekommen. In Valvivant, ja, das war alles viel weitläufiger und weniger beengt gewesen, und prachtvoller noch dazu. Umso erstaunlich war es, wie viele Menschen von nah und fern nebst Reittieren nun hier Platz fanden. Jedenfalls kam sie nicht so schnell voran, wie die Dringlichkeit gebot.

Hier und da schnappte sie Gesprächsfetzen auf. Offenbar hatte yarl Altabetes Versuch, gerade jetzt mit einem Karren den Hof zu queren, nachhaltig für Aufmerksamkeit und auch ein wenig Unwillen gesorgt. Immerhin, es war wohl bemerkt worden, dass ein offenbar verunglückter Ritter herbeigebracht worden war. Das sorgte natürlich für Tuscheleien und Mutmaßungen über die Identität des verletzten. Ob es ein berühmter Herr aus einem fernen yarlmálon war?  Ach, wenn die Leute doch nur wüssten, wer da auf dem Karren gelegen hatte.

Truda kannte Advon Irísolor von all den Besuchen, die er und Dýamirée Manjév gelegentlich abstatteten. Natürlich gefiel ihr der gut aussehende junge Mann, aber es war keine Schwärmerei dabei wie für die vielen jungen Ritter, denen sie im Laufe der Zeit begegnet war. Advon gehörte zu den Regenbogenrittern. Seine Mutter war eine fajía. Es war etwas Unwirkliches, Geheimnisvolles an ihm, das ihn von Leuten wie Merrit oder Jándris unterschied und für Mädchen wie Truda selbst in ihren kühnsten Tagträumen unerreichbar machte.

Diese Erhabenheit musste Altabete doch auch aufgefallen sein!

Sie drängelte sich vor und hinüber zur Halle, entschuldigte sich flüchtig bei den Leuten, die sie dabei anrempelte und versuchte, sich an den Türwachen vorbeizumogeln.

Zu ihrer Überraschung versperrte man ihr den Weg. Einer der Männer schwenkte seine Glefe in ihren Weg. Truda verharrte verwirrt.

„Was soll das?“, fragte sie vorwurfsvoll. „Lasst mich durch!“

„Gerade nicht, hochedele yarlaranda. Die Majestäten sollen gerade nicht gestört werden.“

„Ich will nicht zu den Majestäten. Ich suche Herrn Jóndere.“

„Der ist bei den Majestäten. Ihr werdet Euch einen Augenblick gedulden müssen.“

„Aber die teirandanja schickt mich. Ich soll Herrn Jóndere herbeiholen.“

Die Türwächter verzogen keine Miene. Die gekreuzten Glefenschäfte bildeten eine Schranke. Truda seufzte. Es war äußerst selten, dass man ihr den Eintritt verwehrte. Dann packte sie wieder die Neugierde.

„Ist ein besonders wichtiger Gast da drin, den die teirandanja nun verpasst?“

„Nein. Es war vorhin der Letzte für den Vormittag da.“

„Und warum die Sperre?“

„Weil wir unsere Anordnung haben.“

Das Mädchen setzte ihr honigsüßestes Lächeln auf. „Mir könnt ihr es doch sagen. Ich bin die Hofdame der teirandanja, und ich werde es ganz bestimmt nicht weitertratschen. Bitte, gebt mir zumindest einen Hinweis!“

„Das steht uns nicht an.“

„Aber ich bin auch ganz bestimmt mausestill.“

Die Wächter wechselten nachsichtige Blicke. Truda wusste, sie hatte sie so gut wie überzeugt.

Viel weiter brachte sie ihr Schmeicheln trotzdem nicht. „Selbst wenn wir wollten, wir wüssten nichts Näheres“, erklärte einer der beiden. „Wir wissen nur, dass yarl Moréaval vorgelassen werden wollte und es ziemlich eilig hatte.“

„Ja“, bestätigte der andere. „Und kaum war er im Saal, kam der teirand höchstselbst und wies uns an, bis auf Weiteres niemanden einzulassen.“

„Und niemand hat etwas erklärt?“

„Nein.“

„Ist euch denn an Herrn Jóndere etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“

„Nun ja“, sagte der erste Wächter. „Er sah ziemlich besorgt aus. Vielleicht …“

„Keine Mutmaßungen“, mahnte sein Kamerad. „Das geht uns nichts an.“

Truda schaute von einem zum anderen. Hier würde sie wohl nicht mehr erfahren. Aber ihre Neugier, gerade noch ein Fünkchen in Stroh, loderte nun wie ein großes Winterfestfeuer.

„Ich werde dann also hier warten“, beschloss sie.

„Wollt Ihr nicht besser zur teirandanja zurück gehen? Wir werden yarl Moréaval zu Euch schicken, sobald es möglich ist.“

„Muss es unbedingt der yarl sein und niemand anderes? Worum geht es denn?“

„Das ist … eine Vertraulichkeit“, behauptete Truda wichtig. „Ich bin nicht befugt, mit jemand anderem darüber zu reden als mit Herrn Jóndere.“

Dagegen konnten die Wächter nichts sagen. Truda blieb unbeirrt vor ihnen stehen, schaute unschuldig umher und machte die braven Wachleute ganz verlegen damit.

Zwei, dreimal mussten die beiden Gesinde abweisen, das ebenfalls Zugang zur Halle erbat, wenn auch, um dort Aufgaben nachzugehen. Sogar der maedlor musste unverrichteter Dinge kehrt machen und wurde auf später vertröstet. Man wunderte sich über Trudas Anwesenheit, aber sie ließ sich nicht beirren. Dann, endlich, öffnete sich die Tür und die Wächter nahmen ihre Glefen zurück.

Das Glück war Truda hold. „Herr Jóndere!“, rief sie beim Anblick des Ritters aufgeregt aus. „Manjév schickt nach Euch. Kommt mit mir, und …“

Sie unterbrach sich. Was war mit yarl Moréaval los? Warum schaute er bei ihrem Anblick so ernst, so betroffen drein? Das Mädchen wurde urplötzlich von einem grässlichen Unbehagen gepackt. Das war die Art von Blick, die ohne jedes Wort besagte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.

„Kommt mit mir“, sagte er ruhig. „Ich war gerade unterwegs zu Euch. Die Majestäten haben mit Euch zu sprechen.“

„Mit mir?“

„Kommt.“

Nun schauderte Truda. Nein. Ganz und gar stimmt hier etwas nicht. Beunruhigt tat sie einen Schritt nach vorn und auf Moréaval zu.

„Was ist geschehen?“, fragte sie leise.

„Das sollten Euch die Majestäten sagen.“

Sie gingen zusammen durch den Vorraum zur Halle. Truda überlegte fieberhaft, ob sie irgendetwas angerichtet hatte, das sie in Ungnade gebracht haben könnte, aber es fiel ihr nichts ein. Das machte Moréavals stillen Ernst noch schwerer auszuhalten.

„Was ist passiert?“, fragte sie leise. „Bitte. Sagt es mir.“

Er schüttelte den Kopf, und nun war da deutlich zu sehen, was zuvor in seinem Gesicht so beunruhigend vage gewesen war. Es war … Mitleid. Truda schaute rasch anderswo hin. An seinem Schulterzeug klebte ein kleines graues Federchen. Das zog die Aufmerksamkeit des Mädchens übermäßig auf sich. Eine Taubenfeder? Ein Brief vielleicht? Etwas, das eilte? Etwas, das sie selbst betraf?

Etwas Unsichtbares legte sich um Trudas Brust, wie ein unsichtbares enges Mieder.

„Kommt“, forderte der Ritter leise.

Truda gab sich einen Ruck. Sie nickte. Und dann begann sie, zu rennen. Sie ließ den Ritter stehen und stürmte voran, so schnell ihre Füße sie trugen, hinein in die Halle, auf die Thronsessel zu, in denen Kíaná von Wijdlant und Asgaý von Spagor saßen, der teirand mit dem Gesicht in den Händen, die teiranda vertieft in ein kleines Stück Papier. Als Truda herankam, blickten die teiranday auf. Asgaý von Spagor blieb sitzen. Er weinte. Der teirand weinte!

Bei den Mächten! Nein … war es das? Das durfte nicht sein! Das …

„Kind!“ Kíaná von Wijdlant ließ den Zettel fallen, erhob sich und stieg eilig von der Estrade herab, gerade noch rechtzeitig, um Truda aufzufangen. Das Mädchen schmiegte sich an seine Herrin und zitterte, musste gar nicht mehr fragen, was in der Nachricht stand, die Moréaval von den Brieftauben geholt hatte.

„Nein“, wimmerte Truda. „Nein. Nein …“

„Oh, Kind!“ Kíaná von Wijdlant umarmte sie, drückte sie fest an sich. Gut duftete die teiranda, nach edler Seife. Wie unsinnig, dass ihr das nun so auffiel „Kind!“

„Herr Jóndere“, hörte Truda durch ihr eigenes Schluchzen die Stimme des teirand und die Tränen darin. „Lasst uns allein. Geht zu unserer Tochter und setzt sie in Kenntnis.“

„Über alles?“, fragte Moréaval mit belegter Stimme.

„Ja. Sie muss es wissen. Aber sorgt dafür, dass niemand sonst es vor der Zeit erfährt und dass sie zunächst in ihren Räumen bleibt, bis einer von uns bei ihr ist. Sucht mir alsdann Grootplen und Altabete. Wenn ihr beide beisammen habt, will ich Euch in meinem Amtszimmer sehen. Wir müssen beraten, wie es verkündet werden kann – angesichts der Umstände.“

Truda hörte, wie Moréaval davon ging. Die teiranda hielt sie im Arm und flüsterte beruhigend auf sie ein. Das war fast wie damals, als Truda noch ganz klein gewesen war und die Mutter sie gewiegt und geherzt hatte, damals …

„Mein Vater“, wisperte Truda erstickt. „Es ist mein Vater, nicht wahr?“

„Möge er hinter den Träumen seinen Frieden haben.“

Truda schluchzte auf. Die teiranda strich ihr tröstend übers Haar und brachte sie sanft dazu, mit ihr auf dem Rand der Estrade niederzusitzen. Sie redete nicht mehr. Das tat dem jungen Mädchen gut. Worte wären nun unerträglich gewesen.

Kurz darauf ließ sich auch Asgaý von Spagor an ihrer anderen Seite nieder. „Dein Vater“, sagte er unbeholfen und schniefte, „war auch für mich wie ein Vater. Als meine Eltern fort waren … ach.“ Er schwieg. Dann hob er den kleinen Zettel auf und faltete ihn wieder auseinander.

„Wann?“, brachte Truda hervor. „Wann ist er … hinter die Träume gegangen?“

„Vorletzte Nacht. Die Nachricht kam wohl gestern um die Mittagszeit bei yarl Althopian an. Er hat dann sofort Tauben weiter geschickt.“ Der teirand rollte das Brieflein gedankenverloren zusammen.

„Dann weiß es bald das ganze Weltenspiel“, murmelte Truda.

„Zur Unzeit dürfte es bekannt werden. Ich hoffe, Grootplen und Altabete sind schnell aufzutreiben. Ich wünschte, dein Bruder wäre auch schon hier. Wir müssen uns besprechen.“

„Asgaý!“, mahnte die teiranda.

„Herr Andriér ist hier“, brachte Truda hervor. „Den findet Ihr sicher schnell.“

„Es tut mir so leid“, sagte der teirand und strich sich selbst Tränen weg.

„Vater war alt.“ Truda bemühte sich, wieder etwas Fassung zu gewinnen. Es tat so gut, wie die teiranda sie tröstete, und sie war so dankbar dafür, von der freundlichen Dame gehalten zu werden. Aber hätte Alsgör Emberbey gewollt, dass sie sich so hinreißen ließ? Hatte ihr Vater jemals geweint? Vielleicht damals, als die Mutter hinter die Träume ging. Aber gezeigt hatte er es ihr und Osse damals nicht. „Er war alt, und wir mussten jeden Tag damit rechnen. Aber …“ Erneut schluchzte sie und brachte dann fest hervor: „Er hatte ein den Mächten gefälliges Leben und war bereit. Aber Raýneta … bei den Mächten meine kleine Schwester, die Arme!“

Asgaý von Spagor wollte etwas sagen, aber die teiranda räusperte sich. Truda bemerkte das wohl. Erneut verschaffte Misstrauen sich Raum und rempelte die Trauer beiseite.

„Was ist passiert?“, fragte sie bang. „Ihr wollt Euch eilig unterreden mit den Herren … was meintet Ihr mit ‚Umstände‘?“

„Sie wird es doch erfahren“, sagte Asgaý von Spagor über ihren Kopf hinweg zu seiner hýardora. „Die ganze Burg ist voller schwätzender Zungen. Besser von uns und jetzt.“

Kíaná von Wijdlant zögerte einige Herzschläge lang. Dann nahm sie ihm den Zettel aus der Hand und legte ihn in Trudas.

„Es war nicht das Alter, Truda, yarlara von Emberbey. Es war ein Mord. Mögen die Mächte geben, dass deiner Schwester kein Leid geschieht.“