„Rolk?“
Kárar Ferocrivé stapfte durch den Wald und wurde mit jedem Schritt ungehaltener. Nicht nur, dass Andriér Altabete im schlechtestmöglichen Moment aufgetaucht war. Er hatte ihn auch noch viel zu lange aufgehalten mit seinen unbequemen Fragen. Das hatte Zeit gekostet, viel zu viel Zeit, in der Rolk viel Unfug hätte anstellen können. Durch den wachsamen yarl hatte er den naiven jungen Ritter nicht schnell und in aller Stille aus dem Weg räumen können. Was, wenn die Heiler in Wijdlant es tatsächlich fertig brachten, den Dummkopf wieder auf die Beine zu bringen? Wenn es dem jungen Mann irgendwie gelang, Altabete seine Version der Dinge vorzutragen?
Hätten sie überhaupt die Zeit, sich dieser Tage bei all dem Trubel eingehender mit einem Pferdedieb zu beschäftigen?
Riskieren wollte Kárar das nicht. Andererseits war nicht daran zu denken, zu dem Gefangenen vorzudringen und den Todesstoß nachzuholen. Das machte die Situation unberechenbar. Das war nicht gut, doch noch schlechter wäre es, nun keinen kühlen Kopf zu bewahren. Wer nervös wurde, machte Fehler. Fehler könnten seine Teilnahme am vasposár gefährden, und das durfte unter gar keinen Umständen geschehen!
Verflucht! Warum waren die Mächte ihm nicht gewogen? Es war ein so guter Plan gewesen!
Mit geschickten Worten und in allen Details hatte Kárar Ferocrivé Altabete geschildert, wie er dem fremden Ritter begegnet und wie dieser zu dem Pferd und es anschließend zum Zweikampf im Wald gekommen war. Makellos und schlüssig war das gewesen. Ebbmo Ferocrivé, dachte Kárar sich, wäre sicher stolz auf seine Geistesgegenwart und Überzeugungskraft gewesen. Ja, seinem Vater wollte und würde er keine Schande machen.
Dennoch: Andriér Altabete schien nicht so ganz überzeugt gewesen zu sein. Streng und sachlich hatte er zugehört. Einige kritische Zwischenfragen hatte er gestellt, denen Kárar so elegant ausgewichen war wie ein Aal. Dann war der Gehilfe des yarl mit einem Fuhrwerk herbeigeeilt und man hatte den Besinnungslosen rasch verladen und mitsamt seinem verbliebenen Eisenzeug abtransportiert.
Er möge sich bereithalten, hatte Altabete noch gesagt. Er würde sich später am Tag erneut zum Turnierlager begeben und wünsche, dort mit ihm zu reden.
Er freue sich über den Besuch des hochedlen yarl der hoheitlichen Gastgeberin, hatte Kárar gelogen, und stünde jederzeit zu Diensten. Dann hatte mit Ungeduld so lange gewartet, bis die Männer mit dem ohnmächtigen Trottel auf dem Karren außer Sicht waren. Als die Luft endlich rein war, war er tiefer in das Waldstück hineingeeilt, grob in die Richtung, in der Rolk weggegangen war, weg vom Lager und von der Straße. Es eilte! Er musste sich sputen.
Das Pferd musste verschwinden. Unverzüglich!
„Rolk!“
Jemand antwortete aus einiger Entfernung. Kárar bahnte sich erleichtert den Weg durch Unterholz und knöcheltiefes, feuchtes Herbstlaub einen Hang hinab und entdeckte endlich die kräftige Farbe von Rolks Gewändern zwischen den Bäumen. Der Knappe kam ihm eilig entgegen. Sein Wams war ziemlich fleckig, dort wo er sich die Hände abgewischt hatte, und seine Finger sahen aus, als habe er in Erde gewühlt.
„Herr! Ich hab Euch nicht kommen sehen!“
„Bist du fertig?“
„Fertig? Ach so, fertig mit dem Pferd! Kommt, Herr, schaut es Euch selbst an!“
Er winkte, ihm zu folgen, und führte den Ritter an eine Stelle, an der junge Buchen dicht beieinanderstanden und mit ihren herbstwelken Blättern eine lichte Wand bildeten. Jemand, der sich oben auf dem Weg bewegte, konnte beim flüchtigen Schauen nicht sehen, was sich dahinter verbergen mochte. Der Junge schlüpfte hindurch.
„Ich hoffe, du hast alles so gemacht, wie wir es besprochen hatten.“
„Natürlich, Herr. Und das Pferd hat es sich ganz brav gefallen lassen. Schaut nur.“
Kárar strich ein paar Äste beiseite und betrachtete Rolks Arbeit. Die Stute wandte ihren Kopf nach ihm und stellte aufmerksam die Ohren auf. Sie war an einem der jungen Bäume angebunden und schien sich über das Treiben des Jünglings zu wundern. Aber wenn es etwas gab, worin Rolk ein gewisses Talent vorweisen konnte, dann war es sein Umgang mit Rössern.
„Seid Ihr zufrieden, Herr?“, fragte Rolk begierig.
„Es wird reichen“, sagte Kárar knapp, um ihm nicht allzu stolz zu machen. Tatsächlich war er beeindruckt, wie umsichtig sein Knappe mit dem, was zur Verfügung stand, getan hatte, was nötig war. Um das Pferd herum lagen lauter blonde Strähnen auf dem Herbstlaub. Da das Geschenk von Madýc Yceliar nicht so reichlich war, dass sie verschwenderisch damit umgehen konnten, hatte Rolk Mähne, Schweif und sogar die Kötenhaare so kurz gestutzt, wie es gerade noch akzeptabel aussah. Was stehen geblieben war, glänzte nun noch etwas feucht und grauschwarz wie Asche. Eine Farbe, die Kárars Meinung nach, der teirandanja ohnehin nicht besonders gut gestanden hätte.
Mit der übrig geblieben Farbe hatte Rolk wohl gerade noch ein Abzeichen auf die Pferdestirn malen wollen, denn am Boden stand das Tiegelchen mit der Farbe und dem Kämmchen, das ebenfalls in Ycelias Gastgeschenk enthalten gewesen war.
„Bist du sicher, dass dich niemand beobachtet hat?“
„Sicher, Herr. Zuerst dachte ich, ich hätte es einmal im Unterholz knacken hören. Aber das war wohl nur ein Waldschwein oder ein Hirsch.“
„Sehr schön“, sagte Kárar. Er nahm den Tiegel an sich, denn wer konnte ahnen, wie viel davon sie benötigen würden? Der Junge musste nicht mehr verwenden als nötig. „Und jetzt hör mir zu. Sieht zu, dass du die Haare hier im Laub vergräbst. Sobald die Haarfarbe trocken ist, nimmst du das Pferd, läufst damit ein Stück durch den Wald und bringst es zum Turnierlager. Sieh zu, dass du von Süden herankommst und dich möglichst viele Leute dabei sehen.“
„Das kann ich mir merken, Herr.“
„Gut. Bring das Pferd zu den Pferchen. Du musst es ganz den Regeln nach beim maedlor anmelden. Sag, ich hätte dich losgeschickt, um mein Ersatzpferd herzubringen.“
„Mach ich, Herr. Was sage ich, wenn jemand fragt, wo ich es hergenommen habe? Also, warum wir es nicht gleich dabei hatten?“
Kárar Ferocrivé hob die Brauen. Rolk überraschte ihn schon wieder. Der Junge dachte mit!
„Sag, wir hätten es für einige Tage bei einem Bauern nördlich von hier untergestellt. Sag ihnen, es habe sich kurz vor der Burg vertreten und brauchte Ruhe, um den Weg fortzusetzen.“ Die Idee war gut. Eine kurzzeitige Lahmheit ließ sich schwer widerlegen. Zudem hatte Rolk keine Gelegenheit gehabt, in den letzten beiden Tagen Bekanntschaften innerhalb des Turnierlagers zu schließen. Kaum jemandem wäre wohl aufgefallen, ob er eine Weile ab- oder anwesend gewesen war. Wer von den hochnäsigen yarlay und ihren Leuten achtete auf einen heruntergekommenen Knappen eines namenlosen Ritters? Bei den Mächten, nicht einmal der großmäulige Ycelia hatte ihn am Vorabend gesehen! Es war perfekt.
„Das ist eine gute Idee“, sagte Rolk eifrig. Etwas zu eifrig.
„Erzähl das aber nur, wenn jemand ausdrücklich danach fragt. Nicht, dass dich deine Fantasie mitreißt.“
„Verstanden, Herr.“
„Gut. Dann noch etwas. Es ist gut möglich, dass dich yarl Altabete fragt, ob du das Pferd gesehen hast.“
„Das hier?“
„Ja, dieses hier.“
„Dann antworte ich ihm, dass ich es bei einem Bauern …“
„Nein! Altabete interessiert sich einen Dreck für dieses Pferd hier. Das gehört jetzt mir.“
Rolk runzelte verwirrt die Stirn. Kárar seufzte.
„Pass auf, Rolk. Es sind jetzt zwei Pferde. Das hier, mit der dunklen Mähne. Und das Blonde, das es zuvor war. Für das, und nur dafür, interessiert sich der yarl. Und dem wirst du erzählen, dass es dir entsprungen und in den Wald gehetzt ist, nachdem der junge Ritter es dir anvertraut hatte.“
Rolk dachte sichtlich überrascht nach. Dann erhellte sich sein Blick. „Ich verstehe. Das Pferd des Ritters hat sich hier im Wald in Euers verwandelt.“
„Mit deiner Hilfe, Rolk, ganz recht. Nun ist es nur wichtig, dass du unter gar keinen Umständen das alte und das neue Pferd durcheinanderwirfst. Altabete muss nur wissen, dass der Ritter das blonde Pferd bei sich hatte und es dir verloren ging. Mit was für einem Gaul ich hier bin, geht ihn einen feuchten Kehricht an. Das dunkle Pferd wird ganz nach den Regeln am Turnier teilnehmen.“
Der Junge nickte. Die Stute hob den Kopf. Ein leises Wiehern ließ sie hören. Rolk streichelte ihr beruhigend die Nase und hinterließ dabei einen grauen Abdruck, zum Glück an einer Stelle, wo es als Staub durchging.
„Woran erkenne ich, wem ich was erzählen soll?“
„Am besten kommst du sofort zu mir, sobald du die Stute angemeldet hast, und weichst mir nicht mehr von der Seite. Ich werde genau achtgeben, mit wem du über was redest, Du musst dich nicht sorgen, dass du dabei einen Fehler machst. Dafür sorge ich wohl.“
„Danke, Herr. Da bin ich mächtig froh drüber.“
„Sollte Altabete dennoch schneller wieder da sein, als ich annehme: Er trägt einen grünen Waffenrock mit einem Schafbock im Wappen. Jemand hat ihm einst seine Wange zerschlitzt. Die Narbe ist nicht zu übersehen. Du kannst ihn nicht verwechseln.“
„Ich merk mir das, Herr.“
„Gut.“ Kárar schloss den Tiegel und steckte ihn ein. „Dann spute dich jetzt und verlier keine Zeit. Und mache bloß keine Dummheiten, Kerl. Mit etwas Glück machen sie sich auf die Suche nach dem Pferd und bereiten uns keine Scherereien.“
„Ja, Herr.“
„Gut. Ich zähle auf dich.“ Kárar wollte sich abwenden, warf einen letzten Blick auf seinen diensteifrigen Knappen und bemerkte gerade noch rechtzeitig, was nicht stimmte. „Und Rolk … bevor du losgehst, kehre dein Hemd auf die Innenseite und mach deine dreckigen Hände sauber. Es muss nicht jeder sehen, wie du herumgeschmiert hast.“
Rolk errötete, nickte und zog sich verlegen das beschmierte Geand über den Kopf. Ob er alles wirklich richtig verstanden hatte? Aber es war nun keine Zeit, Rolk genau zu erklären, was vorgefallen war. Das musste er später in Ruhe tun. Wichtig war nun, dass er Altabetes Rückkehr nicht verpasste. Grußlos wandte der Ritter sich ab und trat hinter den Buchen hervor. Schnell zurück zum Turnierlager.
Er erklomm den Anhang und strebte wieder auf den Waldweg, der Burg und Turnierlager verband. Still war es hier. Warmgoldenes Sonnenlicht drang durch die bunten Baumkronen. Ab und zu trommelte ein Specht oder ein kleineres Tier huschte durch das Laub. Einmal glaubte Kárar, etwas Größeres gehört zu haben, aber als er sich umschaute, war nichts zu sehen. Vielleicht wirklich ein Waldschwein.
Wahrscheinlich wäre es das beste, im Turnierlager sofort zu den Pferchen zu gehen und Rolk zu erwarten. Solange er selbst ein Auge darauf hielt, würde zumindest das wohl gutgehen. Das schöne Pferd, das war nun leider verschandelt. Aber das tat der Sache für den Moment keinen Abbruch. Schweif und Mähne würden nachwachsen. Wenn es nur nicht ausrechnet in den nächsten Tagen anfinge, zu regnen.
Kárar Ferocrivés Laune besserte sich, je näher er dem Turnierlager kam. Warum sollte etwas schiefgehen? Der Plan war gut. Altabete würde vergebens den Wald nach einem entlaufenen Pferd absuchen lassen, wenn es neben all den wichtigen Dingen überhaupt den Aufwand wert war. Selbst wenn der junge Ritter ihm die Geschichte vom nächtlichen Pferdekauf auftischte – wer würde ihm glauben? Und wer würde damit rechnen, dass die kostbare Beute unter aller Augen offen verwahrt wurde?
Als die Zelte in Sicht kamen, summte Kárar Ferocrivé bereits wieder vergnügt vor sich hin. Dass es Rolk ein wenig Überredung kostete, die Stute schließlich wegzuführen, das bekam der Ritter nicht mit. Das Tier schien keine Lust zu haben, den Wald zu verlassen. Doch am Ende gehorchte es dem Menschen, so wie sie es gelernt hatte.
***
Als die beiden Männer fort waren, regte sich etwas in einem dichten Schlehenbusch oberhalb der Senke. Farbenspiel trat vorsichtig aus seinem Versteck hervor und folgte mit bebenden Nüstern dem lieblichen Geruch. Es duftete so gut nach dem flügellosen Pferdetier, das sein Herr von den Unkundigen mitgebracht hatte! Hier war sie gewesen. Er hatte sie nicht aus den Augen gelassen.
Das Einhorn scharrte die Haarsträhnen wieder unter dem Laub hervor und schnupperte. Die Menschen hatten ihr also das Haar abgeschnitten und sie mit einer Farbe bemalt. Sein Herr hatte ebenfalls seine eigenen Haare gestutzt und sich zwar nicht angemalt, aber seltsames klobiges Metallzeug angelegt, das seltsam an ihm aussah. Ob beides denselben Grund hatte?
Und, was viel wichtiger war: Wo war er? Wo war Advon Irísolor, sein Herr? Wieso hatten die beiden fremden Unkundigen nun die schöne Stute, und warum waren sie in unterschiedliche Richtungen davongegangen?
Hier hatte sie gestanden, die Liebliche, eine ganze Weile. In der Luft hing ihr süßer Geruch, einer, der besser war als die Pflanzen in den Beeten der Unkundigen, besser als das Früchtebrot und das Honiggebäck, die sein Herr oft aus der Tasche holte und ihm schenkte.
Farbenspiel witterte und flehmte. Ohne sich dessen bewusst zu sein, öffnete er seine Flügel und bemühte sich, imponierend und stark auszusehen, auch wenn sie ihn gar nicht sehen konnte.
Dort war sie entlang gegangen, gemeinsam mit dem jungen Menschen. Sollte er ihr folgen?
Der Hengst war unentschlossen. Es war schon nicht recht gewesen, dass er gegen den Willen seines Meisters das Versteck verlassen hatte. Aber was hatte der Meister auch für eine Ahnung, wie herrlich das flügellose Stütchen duftete.
Der andere Mensch, der trug ebensolches Eisenzeug wie sein Herr. Ob beide sich an einem Ort getroffen hatten, an dem viele Männer mit Eisenzeug sich versammelten? Ob es in dieser Richtung eine Herde von Eisenmännern gab, ähnlich wie die Goldgerüsteten daheim bei der bunten Burg, wo sein Stall war?
Menschen durften ihn nicht sehen. Das hatte sein Herr ihm unmissverständlich gesagt. Es war nicht leicht, sich zu verbergen, wenn man so groß und bunt und unwiderstehlich war wie er, Farbenspiel. Der Hengst flatterte, wirbelte Laub und Haar auf. Einen Moment lang überlegte er, was zu tun war. Dann machte er sich auf den Weg.
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