„Ich frage mich, ob wir eine Dummheit begangen haben.“

„Wie meinst du das?“

Osse zuckte die Achseln. Er wusste nicht so recht, wie er es formulieren sollte. „Dieser Výnrath hat uns nicht die ganze Wahrheit gesagt. Vielleicht hätten wir ihn doch nicht laufen lassen sollen.“

„Dann müssten wir jetzt einen Gefangenen mit uns herumschleppen. Das kostet uns Zeit, und wir würden uns in lauter Widersprüche verwickeln, wenn wir in Wijdlant aufkreuzen. Würdest Du riskieren wollen, dass jemand misstrauisch wird? Wenn er bei einem Verhör wahrheitsgemäß aussagen würde, wir hätten ihn in Grootplen aufgegriffen, wenn ich doch in Althopian hätte sein sollen?“

„Du hast ja recht.“

„Natürlich.“ Merrit grinste. „Er würde Tíjnjes ganzen schönen Plan in Unordnung bringen. Und das auch noch, während sie mit dem vasposár genug zu tun haben. Und, ganz ehrlich: Für uns ändert sich nichts. Der falsche Bote, der richtige Brief.“

„Wie willst du verhindern, dass dein Vater sich wundert, dass du eben nicht bei ihm warst, um das Pferd zu holen?“

„Es wird ihn niemand fragen. Wenn mein Vater mit deinem Vater gemeinsam reist, sind wir vor ihm da. Ich bringe das Pferd mit. Warum sollte jemand nachforschen, unter welchen Umständen ich mir ein Ross aus dem eigenen Stall geholt habe und vor ihm zurückgeeilt bin? Die haben alle genug Wichtigeres zu tun.“

„Und wenn es kein Pferd aus euren Ställen ist?“

Nun lachte Merrit. „Denkst du, daran hätte Tíjnje nicht gedacht? Sie wird wohl nicht gerade einen krummen Klepper von irgendeinem Gaulschacher gewählt haben.“

„Und wenn nun gegen alle Umsicht und Wahrscheinlichkeit doch jemand Verdacht schöpft?“

Merrit schüttelte den Kopf. „Osse, ein wenig Risiko ist bei allem dabei, was man tut. Du machst dir zu viele Gedanken.“

„Das ist meine Aufgabe. Ein mynstir muss für alles, was geschehen könnte, einen Plan bei sich haben. So gering auch die Wahrscheinlichkeit ist.“

„Manjév wird sehr zu schätzen wissen, dich an ihrer Seite zu haben. Weißt du, bei allem Respekt für Herrn Daap – der hat sich wirklich langsam die Ruhe verdient, über seine Äcker hier zu wachen, ganz gemütlich von seiner kleinen Burg aus.“

Ja, die Äcker. Osse schaute sich um. Wie dienlich wäre es ihnen gewesen, die eine oder andere Abkürzung nehmen zu können. Aber die Felder am Wegesrand konnten sie nicht mehr betreten, denn hier war bereits Winterroggen ausgebracht, die Erde bereits von einem ganz feinen grünen Schimmer bedeckt. Osse fragte sich, wie gut die Erträge wohl gewesen waren. Nun, in ein paar Tagen würde er die Aufzeichnungen der spreghenay zu sehen bekommen. In diesem Winter würde ihn Daap Grootplen wohl noch beraten, wie sie die Ernte gerecht im teirandon verteilen und mit den Überschüssen handeln konnten. In einigen Monden wäre dies dann auch seine Sache. Was das betraf, war Osse zuversichtlich. Er hatte sich in seinen Lektionen über geschickten und gerechten Handel zur großen Zufriedenheit seiner Lehrer anstellig gezeigt.

Aber nun drängten sich andere Dinge in sein Bewusstsein. Merrit hatte aus freien Stücken die teirandanja erwähnt. Wann, wenn nicht jetzt, käme wohl noch einmal die Gelegenheit, wie zufällig, frei und ohne Zuhörer zu reden? Den zwielichtigen Begleiter waren sie nun immerhin längst los.

„Merrit?“

„Hm?“

„Wirst du das Turnier gewinnen?“

„Ich werde mir Mühe geben. Aber leicht wird das nicht. Man hat mir respekteinflößendes über die Ritter aus Valvivant erzählt. Und diesen Bjöngsten Robsténar, den hast du ja selbst gesehen.“

„Ich glaube nicht, dass yarl Robsténar mit dir um die Gunst der teirandanja streiten wird.“

„Nein, ganz bestimmt nicht. Der will mir nur die Knochen brechen.“

„Das würde der teirandanja das Fest verderben.“

Merrit seufzte. Urplötzlich sah er gar nicht mehr so selbstsicher aus. Es versetzte Osse einen Stich, wie verletzlich der junge Ritter plötzlich schien.

„Was bedrückt dich, Merrit?“

„Mich? Es ist alles in Ordnung.“

„Du musst mich nicht täuschen. Wir sind unter uns. Nur die Tiere hören uns zu, und die interessieren sich nicht für unsere Dinge.“

„Es ist wirklich nichts.“

„Merrit. Erinnerst du dich nicht, damals, als wir miteinander in der Rosenlaube saßen, am ersten Tag, an dem wir uns begegneten?“

Merrit lächelte matt. „Ich erinnere mich, wie wir zusammen unter dem Tisch festsaßen, während unsere Väter und der teirand sich berieten.“

„Und konnten wir nicht seit diesem Tag zusammen über alles reden? Nur wir beide, nur zwischen uns? Das hat sich nicht geändert, zumindest, was mich betrifft. Auch, wenn ich lange nicht hier war.“

„Ich will dich nicht mit Dingen belasten.“

„Ich will dir tragen helfen.“ Osse warf ihm einen aufmunternden Blick zu. „Ich mag nicht die Kraft haben, um Eisen zu tragen, aber schwere Gedanken nehme ich dir gern ab.“

Merrit lächelte. Osse musste dennoch eine Weile auf eine Antwort warten. Aber sie hatten Zeit.

„Ich … nun ja. Ich weiß nicht recht, wie ich es sage, ohne wie ein erbärmlicher Feigling zu klingen. Ich fürchte mich vor dem vasposár. Nicht vor dem Turnier, vor dem Wettstreit. Das ist was für Wiegenkinder.“

„Die ruhmreichsten Kämpfer kommen nicht wegen Kinderkram aus allen Winkeln des Weltenspiels heran.“

„Doch, es ist Kinderkram, im Vergleich mit dem, was mir im Kopf und im Herzen herumgeht, Osse. Ich muss mich nicht vor den anderen Rittern beweisen, sondern vor Manjév.“

Ob er das vor den anderen, vor Láas und Jándris jemals ausgesprochen hatte? Nun, neugierige Nachfragen zu stellen wäre vielleicht ungeschickt. Aber vielleicht verspürte Merrit selbst den Wunsch, sich Verschwiegenes von der Seele zu reden. Osse schaute auf den Hals seines Maultieres hinab, das geduldig neben Merrits Streitross her zockelte. Das Pferd des falschen Boten führten sie am langen Zügel nach. Der Himmel über den Feldern war strahlend blau. Mehrere Greifvögel teilten ihn sich und zogen hoch über ihnen ihre Kreise.

„Am Abend vor dem Turnier“, redete Merrit nach einer Weile weiter, „bevor das Fest beginnt, da bringen wir Manjév unsere Geschenke dar. So, wie es die Sitte verlangt. Und sie wird uns am Morgen ebenfalls beschenken und uns Glück für das Turnier wünschen.“

„Ich weiß“, sagte Osse, der die alten Zeremonien auswendig kannte. „Wir werden wohl auch ein drittes Mal vom Brot essen, das sie uns reicht.“

„Wenn ich es verderbe“, antwortete Merrit leise, „dann brauche ich gar nicht erst anzutreten.“

„Was sollst du denn daran verderben? Du bist der Favorit der teirandanja!“

„Sie hat in den letzten Dutzend Monden nicht mit mir geredet. Das heißt, nicht unter vier Augen.“

„Wie bitte?“

„Kein einziges Wort. Ich habe es so oft versucht, Osse, regelrecht aufgelauert habe ich ihr, nur für ein paar Herzschläge mit ihr allein. Aber sie war nie allein. Entweder waren Láas und Jándris in der Nähe, oder sie hatte Truda und Tíjnje bei sich. Meist alle beide.“

„Hättest du sie nicht um eine Unterredung bitten können?“

„Das habe ich getan, als ich einmal sicher wusste, dass die Mädchen mit einem Auftrag abgelenkt waren. Manjév hatte zugesagt. Aber als ich zu ihrem Gemach ging, war die opayra bei ihr. Du weißt, an der opayra kommt niemand vorbei. Die ist wachsamer als Herr Jóndere. Ganz offensichtlich will Manjév nicht mit mir allein sein.“

„Sicher hat sie ihre Gründe, und die werden ganz harmlos sein.“

„Es macht mich ganz irre. Nie habe ich irgendetwas getan, was unartig oder anmaßend gewesen sein könnte.“

„Hat sie dich denn einmal gerügt oder verspottet?“

„Nein. Niemals. Wenn jemand dabei ist, redet sie mit mir wie mit allen anderen auch. Aber sie ist so … fern. Wenn ich ihr Favorit wäre, so wie es alle behaupten“, erzählte Merrit bitter, „dann sollte sie versessen darauf sein, Zeit mit mir zu verbringen. In jedem seichten Roman, in jeder schwülstigen Geschichte der schlechtesten báchorkoray ist das so. Bei den Mächten, sogar Truda plaudert im Privaten mit … mit Leuten.“

„Was für Leute?“

„Das … darüber habe ich nicht geredet.“ Merrit errötete. „Über die Tugend deiner Schwester gibt es keinen Zweifel.“

Osse schüttelte flüchtig den Kopf, sagte aber nichts, obwohl er gerne Näheres gewusst hätte. Trudas Angelegenheiten hatten hier nun wirklich keinen Platz. Das konnte er mit ihr persönlich besprechen.

„Was, wenn Manjév mein Geschenk missfällt?“

„Magst du mir verraten, was es ist?“

„Nein. Nein, ich will, dass du es mit eigenen Augen siehst, bevor du es mir womöglich noch ausreden kannst. Morgen Abend, in Wijdlant, in meiner Kammer, da zeige ich es dir. Und ich will deine ehrliche Meinung darüber hören.“

„Das klingt nicht nach einem neuen Geschmeide oder teuren Salben und Seifen.“ Zu solchen hätte Merrit mühelos Zugang gehabt. Ein Brief an seine Tante in Ivaál hätte ausgereicht, um das Beste vom Besten nach dem Geschmack der vornehmen Frauen zu besorgen.

„Für wie einfallslos hältst du mich? Nein, es ist etwas … was garantiert kein anderer ihr darbringen wird.“

„Und warum bist du dann so zweiflerisch?“

Der Ritter schwieg wieder. Osse befürchtete bereits, keine Antwort mehr zu erhalten, aber Merrit hatte wohl nur nach Worten gesucht.

„Osse … ich habe keinen größeren Wunsch, als in ihrer Nähe zu sein, sie zu beschützen und zu verehren. Es ist ein Verlangen in meinem Herzen, eine Sehnsucht, für die ich gar keine rechten Worte finde. Immer, wenn ich versuche, darüber nachzudenken, wird mir ganz wirr im Kopf und in meiner Brust wird es ganz heiß. Mir ist zumute wie einem Erfrierenden, der ein Feuer vor sich sieht, eingeschlossen in einem Eisbrocken. Ich erreiche diese Wärme nicht.“

Diese Wortwahl kam Osse äußerst bemerkenswert vor. Es erschien ihm nicht mehr so erstaunlich, dass Merrit sich angeblich an Gedichten versucht hatte.

„Was stimmt nicht, Osse? Wie kann es sein, dass in mir so ein Übermaß an Sehnsucht ist und mich erstickt? Ist es möglicherweise gerade das, wovor sie zurückschreckt? Was mache ich falsch, dass sie mir nicht einmal zu verstehen gibt, ob ich ihr etwas wert bin?“

„Hast du ihr das denn so schon einmal gesagt oder geschrieben?“

„Wann denn?“, knurrte Merrit unwirsch. „Wenn die opayra daneben steht? Oder Herr Jóndere? Oder die teiranday? Die Mädchen?“

„Ich verstehe.“

„Wenn Manjév mein Geschenk nicht gefällt“, murmelte der Ritter, „warum sollte ich dann überhaupt beim vasposár antreten? Warum sollte ich überhaupt noch Mühen und Gefahren auf mich nehmen.“

„Weil du es nicht nur tust, um die teirandanja zu beeindrucken“, mahnte Osse sanft. „Weil es deine Pflicht ist, den teiranday und allen Schutzbefohlenen gegenüber. So wie es meine Pflicht ist, an ihrer Seite zu sein und meine Meinung und Ratschläge kundzutun. Egal, ob sie auf mich hören wird oder nicht.“

„Du hast leicht reden.“ Merrit seufzte gereizt. „Es ist ja nicht dein Herz, das sich ins Feuer stürzen will wie ein toll gewordener Nachtschmetterling.“

„Woher willst du das wissen? Nur, weil ich es nicht auf der Zunge trage?“

„Weil du es mir vorgestern selbst gesagt hast.“

„Und das reicht dir, um zu glauben, ich verstünde nicht, was dich umtreibt?“

„Ich will nicht mit dir streiten, Osse.“

„Ich streite nicht. Ich bin dein Freund. Ich will dir helfen, wenn ich es kann.“

„Mir kann niemand helfen!“, rief Merrit so unerwartet aus, dass sogar sein Pferd zusammenzuckte. „Verflucht, ich weiß nicht einmal, wer mein Gegner in dieser Sache ist!“

Damit versank er wieder in Schweigen, trabte an und zog Výnraths Pferd mit sich. Osse ließ ihn eine Weile in Ruhe und hielt Abstand. Hier, auf offener Straße, konnte er ihn nicht aus den Augen verlieren.

In Ivaál und Aurópéa hatte Osse nicht nur die wichtigen Dinge über Geschichte, Diplomatie und Zahlenwerke gelernt. Im waren auch die Abhandlungen kluger forscoray über das Wesen des Bundes zwischen hýardoray begegnet. Nüchterne, theoretische Texte, die versuchten, die Unergründlichkeit der Liebe in Formeln und Regeln zu bändigen. Der junge Mann hatte solche Dinge mit einer faszinierten Abscheu studiert. Es war ihm auf eine sonderbare Weise fast lästerlich vorgekommen, ein so hohes Geschenk der Mächte bis ins letzte erklären zu wollen wie eine nüchterne  Rechenaufgabe. Bald hatte er sich wieder den Dingen zugewandt, die er für den Verstand zu bewältigen hielt, statt ein Wunder kleinzureden.

Und doch: Das was Merrit ihm berichtete, das passte sich eher in die Lehren der forscoray ein denn in die schönen Worte und Lieder der báchorkoray. Es klang nach einem Fehler in der Gleichung. Nach einer falschen Variable. Die Rechnung ging nicht auf, und das war nicht gut. Ein kleiner Irrtum konnte so großen Schaden anrichten, wenn er beispielsweise einem Baumeister oder Navigator unterlief.

Er spornte das Maultier an und holte an Merrits Seite auf. Der Ritter schien erleichtert, als er wieder mit ihm gleichzog.

„Ich wollte dich nicht anfahren“, sagte er. „Ich habe nur so große Angst davor, verstehst du? Ich habe Angst, ihrer nicht würdig zu sein. Ich würde lieber gegen ein Dutzend Robsténars zugleich fechten als zu riskieren, als vor all den anderen um ihre Gunst flehen zu müssen.“

„Würde es dich erleichtern, wenn es niemanden gebe, den sie für würdiger befinden würde? Als reines Gedankenspiel, versteht sich?“

Merrit nickte nachdenklich. „Ich vermute, es täte dann nicht ganz so weh.“

Nun. Das sollte sich doch einrichten lassen. Sofern ihnen genug Zeit blieb.

„Schau“, sagte Osse und deutete voraus. „Das Feld da. Da waren Rüben, und es ist leer geerntet. Lass uns den festen Weg verlassen.“