Die ujoray lebten in einer Siedlung, für die die Bezeichnung Dorf fast übertrieben war. Mehrere Obstbauern-Familien hatten sich vor etlichen Sommern, nachdem die Magischen Kriege endeten, zusammen getan und ein verlassenes Gehöft besiedelt, das bei den Kämpfen starke Schäden davon getragen hatte. So hatten es viele Unkundige getan, damals, die, vom Krieg von ihrem angestammten Land vertrieben, in der Gemeinschaft mit anderen Sippen den Schutz vor marodierenden Banden von Gesetzlosen gesucht hatten. Nachdem sie das große Gut in Besitz genommen und die Obstgärten wieder urbar gemacht hatten, waren nach und nach weitere Wohnhäuser um das alte Haupthaus und die Ställe herum gebaut worden, so dass es nun eine Art kleinen Ortskern rund um den ehemaligen Mittelhof gab. Am Rand dieser Siedlung wiederum schlossen Scheunen, Vorratsspeicher und weitere Ställe an. Insgesamt lebten vielleicht sechs Dutzend Erwachsene und eine unübersichtliche Anzahl von Kindern hier.
Da der Tag sich neigte, strebten die Menschen von allen Seiten aus ihren Gärten zurück zu ihren Häusern. Dort hatten die alten Frauen, denen die Arbeit in den Gärten zu schwer geworden war, die Abendmahlzeit bereitet und teilten sie von einem großen niedrigen Fenster des Küchenhauses aus an die anderen aus. Brot und einen pappigen Gemüsebrei gab es. Die Essensgerüche verwirrten die Schattensängerkinder, als sie sich näherten. Falgrèd ging ihnen voran. Er hielt nichts davon, sich unauffällig heranzuschleichen, um zu lauschen und zu beobachten, was Idur der Schäfer den anderen ujoray erzählen würde, wenn er um Holz und Hilfe bat.
Wo die Kinder erblickt wurden, verstummten die Gespräche. Beunruhigte Blickte legten sich auf sie, und sogar die umher tobenden ujoray-Kinder hielten in ihren ausgelassenen Spielen inne und musterten die schwarz gewandeten Magierkinder aus dem Boscargén voller Skepsis.
„Was wollt ihr?”, fragte eine der alten Köchinnen schließlich. „Habt ihr Hunger?”
Yalomiro schüttelte den Kopf, Falgrèd hingegen nickte und lächelte die Alte freundlich an. „Gern”, sagte er. „Wir würden gern von Eurer Speise probieren.”
Eine Frau, hinter deren Rock sich ein noch kleineres Mädchen, jünger als Arámaú versteckte, neigte sich zu dieser hinunter. Vor ihr hatte niemand Angst, im Gegenteil. Der Anblick der Kleinen setzte in ihnen eine verwirrende Mischung aus Mitleid und Zuneigung frei, zumindest bei den Frauen. Yalomiro wunderte sich über die Gedanken, die um ihn herum wisperten. Wie konnte es sein, dass die Unkundigen so viel Angst vor ihnen hatten?
Die Frau gab Arámaú eine dicke Scheibe Brot in die Hand. „Hier, meine Kleine. Du hast sicher lange nichts Gutes mehr zu essen bekommen!” Das Kleinkind an ihrer Seite lachte auf und streckte Arámaú mit verschmierten Händchen ein Schüsselchen hin, in dem nicht mehr allzu viel Brei enthalten war. Das Kleine war, davon kündeten seine impulsiven Gedanken, froh die ungeliebte Speise los zu werden.
„Danke”, sagte Arámaú artig. „Ist das Brot?”
Die Umstehenden, die das gehört hatten, schienen verwirrt, zumal Arámaú hinzufügte: „Ich hab das so lange nicht mehr gesehen.”
„Bekommt ihr denn nichts zu essen von den Schwarzmänteln?”, fragte ein Junge, der gefolgt von einigen Kameraden, näher heran gekommen war. Einige hatten ihre Schüsseln dabei und löffelten von dem Mus.
„Nein”, antwortete Yalomiro arglos. „Wozu denn?”
Die ujoray murmelten fassungslos untereinander über die Herzlosigkeit der Meister, die die Kinder offenbar hungern ließen..
„Wann hast du denn das letzte Mal etwas gegessen?”, erkundigte der ujoray-Junge sich.
Yalomiro dachte nach. Er erinnerte sich nicht, bei welcher Gelegenheit er zuletzt etwas gegessen hatte, aber Falgrèd antwortete: „Vor vier Sommern. Als ich mit meiner Meisterin unterwegs war. Am Meer.”
„Vier Sommer lang willst du nichts gegessen haben? Da müsstest du schon längst verhungert sein!”, spottete der andere Junge.
„Nun, wie du siehst, bin ich das nicht.” Falgrèd wandte sich ab und streckte die Hand nach Aràmaùs Brot aus. „Gib mir ein Stück!”
Das kleine Mädchen hatte mit rührendem Ungeschick ein Stückchen Brot abgebrochen und kaute zaghaft darauf herum. Die Frauen beobachteten sie so gespannt, als warteten sie auf ein Wunder. Falgrèd nahm seinerseits vom Brot und gab Yalomiro den Rest.
„He!”, rief da einer der anderen Jungen aus, „willst du nicht auch vom Gemüse probieren?”
Falgrèd wandte sich ihm zu und ein grüner Klumpen traf ihn an der Stirn. Einer der Jungen hatte mit seinem Löffel eine Portion Brei nach ihm geschleudert.
Ein Ruck ging durch die ujoray. Falgrèd reckte sich empört auf und seine Augen glommen auf.
„Unglückseliger Bengel”, rief einer der Männer aus und es war nicht sicher, ob er damit den jungen Schattensänger oder den Flegel meinte. Jedenfalls packte er den Knaben an der Hand, der den derben Scherz begangen hatte und zog ihn beiseite.
Arámaú lachte hell auf. „Falgrèd, es sieht aus als hättest du ein Horn”, rief sie, woraufhin Falgrèds silberner Blick verlosch und er sich wütend den Brei von der Stirn wischte. Yalomiro seufzte und steckte das Brot ein.
Einen Augenblick herrschte gespanntes Schweigen. Dann kam zwischen den Häusern ein junger Mann hervor, verharrte, als er die schweigenden Menschen sah und warf einen verwunderten Blick erst auf die ujoray und dann einen zweiten, viel längeren, auf die Schattensängerkinder.
„Was ist hier los?”, erkundigte er sich. „Ist mir etwas entgangen?”
„Der báchorkor [~ Spielmann]!”, jubelte eines der kleinen Mädchen, und brach damit das Schweigen. Erleichterung erfasste die Gemeinschaft der Obstbauern, und die Kinder ließen die Schattensängerkinder stehen und stürmten auf den Ankömmling zu.
Der lächelte und kam näher, wurde von den Kindern umringt und von den Erwachsenen respektvoll gegrüßt. Während er sich seinen Weg hinüber zur Essensausgabe bahnte, strich er hier und dort freundlich dem einen oder anderen Kind über das Haar, warf den jungen Bauernmädchen und ihren Müttern Blicke zu und schien an den drei Schattensängern überhaupt nichts Ungewöhnliches zu finden. Er beachtete sie nicht näher.
Die ujoray schienen den jungen Mann zu mögen. Er hatte ein schmales, freundliches Gesicht, das von einer rostroten Lockenmähne umspielt wurde. Seine zerschlissene Gewandung bestand aus einer wilden Zusammenstellung von bäuerlichen und höfischen Kleidungsstücken. Fast jedes davon war in einem anderen rötlichen Farbton. Es sah bizarr aus.
Yalomiro musterte den Fremden misstrauisch. Da war etwas an dem jungen Burschen, das ihn irritierte, ohne dass er hätte sagen können, was es war. Es war nichts Bedrohliches, nichts, was den jungen Schattensänger alarmiert hätte. Aber etwas, das deutlich anders war als an den anderen Unkundigen, fast so, wie das geheimnisvolle Lamm sich von seinen blökenden und stur ans Gras fressenden Artgenossen unterschied. Nur, dass der báchorkor nicht… nun ja… nicht leer war. Im Gegenteil. Hinter seiner schlanken Gestalt schien sich etwas zu verbergen, was den Bauern hier voraus war, im Denken ebenso wie im Fühlen. Und dann verstand Yalomiro, was an ihm anders war.
Er konnte ihn nicht hören.
„Was ist ein báchorkor?”, raunte Arámaú, die erleichtert war, dass die Menschengruppe um sie herum sich zerstreute.
„Das ist ein reisender Unkundiger, der kein Zuhause hat und durch das Weltenspiel zieht, um Geschichten und Lieder zu sammeln und sie von den einen Unkundigen zu den nächsten zu bringen.” Falgrèd leckte sich den Rest Gemüsebrei vom Finger, fand aber keinen Gefallen an dem salzigen Geschmack. „Darum sind sie so beliebt bei den Unkundigen. Weil sie Geschichten mitbringen.”
„Wie schön!”, freute sich Arámaú. „Ich darf ihm doch zuhören, wenn er etwas erzählt, oder?”
„Dazu haben wir keine Zeit. Wir müssen doch zurück zu den Meistern. Hast du denn das Lamm schon vergessen?”
„Aber wäre es nicht viel besser, wenn Arámaú hier bleibt?”, fragte Yalomiro. „Die Unkundigen scheinen ihr doch wohlgesonnen zu sein. Du, Falgrèd, suchst die Meister, ich kümmere mich um das Schaf und Arámaú… nun ja, hier wird ihr nichts passieren.”
Falgrèd wollte etwas darauf entgegnen, aber im selben Moment tauchte am anderen Ende des Platzes der Schäfer Idur auf und suchte, ohne auf die Kinder zu achten, gleich das Gespräch mit einigen Männern, die nahebei standen. Andere gesellten sich hinzu. Man beriet über das Schicksal des Lamms.
„Also gut”, sagte Falgrèd, ohne den Blick von ihnen abzuwenden. „Dann tu, was du nicht lassen kannst, Yalomiro. Aber erwarte nicht, dass ich Mitleid habe, wenn die Meister dich am Ende dafür zur Verantwortung ziehen.”
Yalomiro neigte den Kopf. Der ältere Schattensänger zuckte die Achseln und drehte sich um, stolzierte, ohne die anderen noch eines Blickes zu würdigen, in eine Gasse zwischen zwei Häusern. Augenblicke später flatterte ein junger Rabe zwischen den Dächern hervor und strich ab in Richtung Süden.
„Willst du brav hier bleiben, Arámaú?”, fragte Yalomiro. „Willst du dir die ujoray-Geschichten anhören und davon lernen?”
Sie nickte, obwohl ihr nicht wohl dabei war, ohne die Jungen bei den Unkundigen zu bleiben. Yalomiro führte sie bei der Hand zu den Kindern und Erwachsenen hinüber, die sich um den báchorkor versammelt hatten, der nun auf einem Treppenabsatz Platz genommen hatte. Sie hatten ihm Brot und einen Krug zu Trinken gegeben und erwarteten, dass er ihnen nun zum Abendessen eine Geschichte erzählte.
„Bleib brav hier sitzen”, flüsterte Yalomiro seiner kleinen Gefährtin zu. „Ich werde dich rufen, sobald ich bereit bin.”
„Was soll ich tun?”, fragte sie leise. „Kann ich etwas tun?”
„Ja. Etwas ganz Wichtiges. Sei einfach hier, unter den ujoray. Sei für uns alle drei da. Sie dürfen nicht darüber nachdenken, dass wir fortgegangen sind und nach uns suchen. Kannst du das?”
Die Kleine lächelte. Ja, das konnte sie. Das war ein einfacher Zauber, der darin bestand, die Aufmerksamkeit der Unkundigen auf sich zu ziehen und zu binden. Arámaú musste dazu nichts weiter tun als anwesend zu sein und die Gedanken der Menschen, die sie sahen, zu beschäftigen.
„Und hör dir die Geschichten gut an”, flüsterte Yalomiro. „Ich will später auch davon erfahren.”
Arámaú hockte sich neben das Kleinkind, das seinen Brei mit ihr geteilt hatte. Die Nähe der freundlichen ujora beruhigte sie. Yalomiro überzeugte sich, dass die Menschen mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt waren und wollte sich davon stehlen.
„… machte der Ritter sich auf, um den Drachen zu bändigen”, klang die Stimme des báchorkor an sein Ohr. „Dem Ritter war wohl bewusst, dass der Drache gefährlich war und ihn töten würde, wenn er sich ihm leichtsinnig näherte.”
Yalomiro schaute über die Schulter. Der dunkelbraune Blick des jungen Mannes ruhte wie zufällig auf ihm.
„Aber, so dachte der Ritter sich, vielleicht würde ihm gelingen, was niemandem zuvor gelungen war. Denn er hatte sich vorgenommen, den Drachen nicht zu töten – er wollte ihn zähmen. Denn, so dachte sich der Ritter, wenn der Drache bemerkte, dass er ihm nicht ans Leben wollte, dann würde er vielleicht mit sich reden lassen. Und das, so dachte der Ritter sich, der Plan, sich einen Drachen gefügig zu machen, das würde wohl noch viel mehr Eindruck bei den schönen Damen machen als ein blutiger Jagderfolg.”
Yalomiro zögerte. Wieso schien es ihm, dass diese Worte sich ganz allein an ihn richteten.
Der báchorkor lächelte.
„Drachen”, sagte er, „sind ziemlich sture Gesellen. Und nicht jeder, der Feuer speien kann, weiß Diplomatie zu schätzen. Und so wurde dem Ritter ziemlich warm in seiner Rüstung.”
Yalomiro senkte verwirrt die Brauen. Hatte der báchorkor, dessen Gedanken so stumm waren, ihm gerade zugenickt?
Die Kinder lachten und auch die Erwachsenen amüsierten sich über die Geschichte vom törichten Ritter, der auszog, einen Drachen mit Worten zu besiegen. Selbst Arámaú lachte verstohlen. Der báchorkor nahm einen Schluck aus seinem Krug und lachte mit den ujoray. Yalomiro sah sich um.
Idur und die Männer, mit denen er geredet hatte, waren fort.
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