
Úldaise galoppierte in einem weiten Ostwärtsbogen nach Aurópéa zurück. Auf diese Weise würde er in gebührendem Abstand von den heimkehrenden Stadtwächtern ankommen, die Stadt durch das dem üblichen Weg entgegengesetzte Tor betreten und dort in aller Ruhe auf die Suche nach den beiden Idioten gehen. Die würden keine Fragen stellen, im Gegenteil. Sie würden ihm wortreich und mit vielen Übertreibungen erzählen, dass der báchorkor aus dem Wege war. Wo er die Zwei finden würde, wusste der sinor. Er kannte alle ihre simplen Gedanken und Vorlieben und wusste, in welchen Tavernen und Freudenhäusern sie verkehrten.
Nun, ihr Vergnügen würde warten müssen. Eine Sache hatten die beiden noch zu erledigen. Aber das sollte sich für sie auszahlen. Heute hatten sie sich eine Entlohnung verdient, mit der sie die nächsten paar Tage wie reiche Männer leben konnten. Viel länger musste das Geld nicht reichen. Spätestens in drei Tagen würde niemand mehr in Aurópéa für irgendetwas Geld benötigen.
Der sinor hatte das Spektakel aus gebührendem Abstand beobachtet, und sich etwas gegraust, als die alten Chaosgeister, jene ursprünglichen Wesen von außerhalb des Weltenspiels, aus dem Wüstenboden hervorgebrochen waren. Aber die Monster, so grässlich und ekelhaft sie sich darstellten, waren die geringere Gefahr. Die wurden immer wieder mit hinauf geschwemmt, angezogen vom Geruch der Verzweiflung, der Reue, der Wut, was immer es war, das die Verurteilten am deutlichsten ausdünsteten. Wenn nichts mehr da war, was sie interessierte, kehrten sie satt und für den Moment zufrieden von allein dorthin zurück, wohin sich nie ein Mensch verirren sollte.
Es waren die minderen Chaosgeister, die Úldaise interessierten. Jene, die hier, so nahe bei der Stadt, wo nicht einmal die Regenbogenritter es erwartet hätten, unfreiwillig ins Chaos gezerrt worden waren. Über die Zeit war eine stattliche Anzahl von ihnen zusammengekommen.
Úldaise war dabei geblieben und hatte zugesehen, wie sie sich auf den báchorkor gestürzt hatten, bis er davon bedeckt war. Wie Ameisen, die einen köstlichen Tropfen Honig am Boden fanden.
Der sinor hatte dem beigewohnt, solange er es verantworten konnte. Zu weit ausreizen durfte er seine Sensationslust und Befriedigung jedoch nicht. Wenn die minderen Chaosgeister auf ihn aufmerksam wurden, ihn, was die Mächte verhüten mochten, erkannten und ihn verfolgten, bevor er den Bannkreis verlassen hatte, würde es selbst für ihn zu gefährlich. Noch. Bald würde er sie kontrollieren können.
Es spielte auch keine Rolle mehr, was im Einzelnen geschah. Sie würden den báchorkor mit sich ins Chaos zerren. Dort war er gut aufgehoben. Ausgezeichnet sogar. Aus eigener Kraft konnte von abseits des Weltenspiels niemand, nicht einmal ein Magier, hinter die Träume fliehen. Und ein einzelner, minderer Chaosgeist – mit dem würde es keine Probleme geben. Vielleicht würde er ihn später sogar für seine eigenen Pläne gut brauchen können.
Der sinor erreichte die Stadt etwas vor dem Gongschlag, der die zweite Hälfte des mittleren Tages markierte. Er brachte sein Pferd zu einem der Mietställe, in denen Reisende ihre Tiere für ein gewisses Entgelt füttern und für eine Weile im Schatten ausruhen lassen konnten und bezahlte eine zusätzliche Summe dafür, dass jemand die Beine des Tieres mit erfrischenden Essenzen versorgte und die Hufe kontrollierte. Das Pferd hatte in den letzten Tagen mehr an Strecke bewältigt, als er ihm sonst zumutete, und es wäre noch nicht am Ende an diesem Tag. Nun, es reichte, wenn der Gaul noch ein, zwei Tage durchhielt. Dann konnten ihn die Geier haben. Der sinor ließ eine Mietsänfte kommen und bewältigte den Rest der Strecke in einigem Komfort.
In der Spelunke in der Nordstadt, wo er seine Gehilfen vermutete, sorgte die persönliche Ankunft des sinor kurz für die gewohnte Unruhe. Úldaises Anwesenheit, gerade an Orten, wo selbst tagsüber allenfalls die Hälfte der Dinge nach dem Gesetz zuging, sorgte immer für hektische Unterwürfigkeit und die gewünschten Effekte. Der alte Mann musste das Etablissement gar nicht erst selbst betreten. Der Wirt komplementierte die beiden Idioten mit unverhohlenem Drängen auf den Platz hinaus, wo Tische und Bänke bereitstanden. Nicht auszudenken, wenn der sinor die Gaststube betreten hätte! Einen Krug mit erfrischendem Essigwasser und ein Tellerchen mit Käse hatte er gleich mitgebracht und vielleicht sogar den Knechten die Zeche erlassen, damit sie zügig mitsamt ihrem Herrn verschwänden.
„Wie ist es gelaufen?”, fragte Úldaise.
„Ganz nach Wunsch, Herr.” Der eine Idiot, der in der Nacht seine Hose gelassen hatte, wirkte verdächtig entspannt. Also verbarg er etwas. „Der Kerl ist sicher längst verreckt.”
„War sehr heiß heute, in der Wüste”, fügte der andere hinzu. Er wirkte deutlich nervöser. Wenn man genau hinschaute, sah man seine Hände zittern. „Überlebt keiner, da draußen im Sand.”
„Sehr schön.” Úldaise schenkte sich von dem Essigwasser ein und bedeutete seinen Männern, sich ebenfalls zu setzen. Genug freie Plätze gab es. Die Menschen, die bei seiner Ankunft bereits hier gewesen waren, waren am anderen Ende zusammengerückt, um Abstand zu gewinnen, ohne zu flüchten und damit Verdacht zu erregen. Der sinor zog aus seiner Tasche ein Dokumentenkärtchen und einen Bleigriffel hervor, legte beides vor sich und begann, einige Zeilen zu schreiben.
„Ich habe einen letzten Auftrag für euch, der heute zu erledigen ist. Wenn ihr die Sache gut macht, dann könnt ihr euch heute Nacht jeder bei mir fünfundzwanzig kleine Opale abholen.”
Die beiden starrten dumm und stumm. Dann fragte der Hosenverlierer: „Verzeiht, Herr. Ich habe fünfundzwanzig verstanden.”
„Ich kann euch auch zwanzig geben.”
„Was sollen wir tun, Herr?”, sagte der andere eilig, bevor sein trotteliger Kumpan die Sache verderben konnte.
„Ich gebe euch hier ein Schreiben. Damit geht ihr in den Cielástel. Oder nein … leiht euch irgendwo Maultiere oder Pferde. Ihr solltet keine Zeit verlieren. Die Sache muss vor dem Abend geregelt sein.”
„In den … wohin?”
„Das hast du ganz genau verstanden, Idiot. Ihr werdet dort eingelassen werden, denn das Tor der Burg ist immer für Unkundige geöffnet. Wenn der Regenbogenritter am Tor Fragen stellt, zeigt ihm das hier, und er wird seine Antworten haben.” Úldaise schrieb weiter. „Ihr nehmt dort jemanden in euren Gewahrsam.”
„Doch nicht schon wieder einen verrückten báchorkor?”, ahnte der Dümmere Böses.
„Ein Kind. Ein freches Balg, das mir heute Abend nicht noch einmal in die Quere kommen soll. Es wird euch jemand erwarten, der Bescheid weiß. Steht alles hier geschrieben. Oder verlange ich zu viel von euch?”
„Mit einem Balg werden wir wohl fertig”, versicherte der andere schnell, der im Geiste wohl schon die Edelsteine zählte.
„Ich wünsche nicht, dass jedermann mitbekommt, dass ihr das Balg bei euch habt.”
„Wir sind verschwiegen wie die Fische.”
„Gut. Mit dem Kind reitet ihr in meinen Garten, oder besser, dahin, was davon übrig ist. Oben auf dem Hügel findet ihr einen jetzt freiliegenden Höhleneingang. Dort werft ihr das Kind hinein und wartet dort auf mich. Ohne irgendwelche Völlerei oder Trinkgelage auf dem Weg. Ihr werdet aufmerksam sein wie die Eisluchse. Ich bringe eure fünfzig Opale später vorbei. Dann könnt ihr gehen. Habt ihr das verstanden?”
„Wird ‘ne Weile dauern, die Pferde zu besorgen, Herr.”
„Warum seid ihr dann noch hier?”, fragte der sinor, faltete das Kärtchen zusammen und drückte es dem weniger Dummen in die Hand. „Beeilt euch.”
Die beiden verneigten sich und machten sich aus dem Staub. Úldaise trank den Rest seiner Erfrischung, wartete, bis sie um die nächste Straßenecke waren und kehrte dann zu der Sänfte zurück, deren Träger auf ihn gewartet hatten.
„Zum Westtor”, ordnete er an. „Zum Mietpferdestall.”
***
Die Lektüre des Märchenbuches hatte nicht allzu viel Zeit in Anspruch genommen. Den Großteil des Buches hatten grobe Bilder ausgemacht, die eine opayra den Kleinen zeigen konnte, während sie las. Die Geschichte war in etwa so gegangen: Als die Mächte sich das Weltenspiel eingerichtet hatten, gaben sie den Menschen nicht nur Holz und Steine, um sich Häuser und Werkzeuge zu machen, sondern auch Metalle. Pataghíu hatte vor, die Menschen reichlich mit dem kostbaren Gold zu beschenken, und so nahm er alles, was er nur tragen konnte und wollte es über das Spielbrett verteilen. Weil es aber so viel war und so schwer, konnte der Helle Tag es nicht so weit tragen, wie er es vorhatte, und der Großteil des Goldes stürzte bereits in Soldesér nieder und in den Boden. Und so ist das Gold im Süden in solcher Fülle vorhanden, dass die Leute in Aurópéa es sogar verwenden, um ihre Dächer damit zu decken.
Noktáma aber machte sich über Pataghíu lustig. Sie verteilte ihr Silber über das ganze Weltenspiel, wie ein Bauer, der Setzlinge ins Feld steckt. Das dauerte natürlich viel länger, und Pataghíu neckte Noktáma und fragte, wie lange sie denn noch warten sollten, bis das Weltenspiel beginnen konnte.
Osse war es ziemlich unwahrscheinlich vorgekommen, dass die Mächte sich zanken sollten, wie Truda es manchmal tat, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Im Grunde war dies ein wirklich lästerliches Buch. Wahrscheinlich hatte es jemand aus dem teirandon Ghelazia geschrieben, wo man, wie es hieß, so wenig Respekt vor den Mächten hatte, dass diese die Leute dort mit langen dunklen Eisnächten und nie endenden Tagen bedachten.
Aber ein Satz stand darin, der Osse aufhorchen ließ. Denn nach einigen kindischen Wortwechseln, die kleine Wiegenkinder belustigen sollten, beschloss Noktáma verärgert, dass nicht einmal ihre Diener jemals mit Pataghíus Metall hantieren sollten. Pataghíu beschloss, dass seine Diener sich seinetwegen ruhig die Mühe machen konnten, nach Noktámas Silber zu suchen, wenn sie denn wollten, um danach sein Gold erst recht zu schätzen.
Weiter brauchte Osse nicht zu lesen. Noktáma verbot, Pataghíu erlaubte. Interessant.
Nur half es in Bezug auf die Tür nicht, das zu wissen.
Osse nahm das Buch mit hinunter in die Halle, wo sich zwischenzeitlich kein yarl mehr aufhielt. Stattdessen fand er Láas und Jándris, die merkwürdig verwirrt aussahen, am Steinebrett sitzend. Offenbar hatte sich zwischenzeitlich niemand getraut, das Spiel abzuräumen.
„Und?”, fragte Osse. „Habt ihr etwas herausgefunden?”
„Mehr, als ich wissen wollte”, sagte Jándris.
„Über die Schattensänger?”
„Über die Dinge, mit denen unser mestar sich als junger Mann beschäftigt hat.”
„Bringt es uns weiter?”
„Wenn du einen Rat fürs Leben haben willst, Eulengesicht: Wenn dir mal eine fánjula begegnet, die so … mit der … also, die und unbedingt näher kennenlernen willst …”
„Ja?”
„Mach ihr ein Kompliment und schenk ihr irgendeinen Schmuck oder ‘ne Münze. Wenn sie es nimmt, bist du sicher.”
„Goldschmuck?”
Láas setzte sich aufrecht hin. „Woher weißt du das?”
Jándris hatte ihm schon das Buch aus der Hand genommen. „Aus einem Buch für Wiegenkinder?”
„Mein Vater würde mir sicher nichts über fánjulaé erzählen.” Osse nahm das Buch zurück. „Wie kommt euer mestar dazu? Und wo sind die Herren?”
„Die teiranda soll sie alle zu sich gerufen haben, sagen die Leute hier. Wir haben auch schon gefragt.”
„Dann ist der Turm gerade leer?”
„Zumindest ist von den Herren keiner da. Die sind alle wahrscheinlich im Audienzzimmer.”
Tíjnje tauchte auf der Treppe nach unten auf und lief, als sie der Jungen ansichtig wurde, rasch zu ihnen hinüber. Den Pfannkuchenteller trug sie immer noch vor sich her wie einen Schatz. Unaufgefordert kletterte sie neben Láas auf die Bank.
„Solltest du nicht die opayra ablenken?”, fragte Jándris.
„Das ist langweilig. Die stickt schon wieder an ihrem Schultertuch.”
„Dann ist sie beschäftigt. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, die teirandanja suchen und ihr von unseren Erkenntnissen berichten.”
„Du willst deiner Herrin erzählen, dass du ein Wiegenkinderbuch gelesen hast?”
Tíjnje legte den Kopf schief, um den Einband besser sehen zu können. „Das kenne ich”, sagte sie dann. „Das ist blöd.”
„Wollt ihr ihr erzählen, dass ihr zwischenzeitlich mit dem mestar über fánjulaé geplaudert habt?”
„Nein. Wir können doch den alten Mann nicht in Verruf bringen!”
„Dann lasst uns ihr sagen, dass Schattensänger offenbar kein Gold berühren können oder dürfen.”
„Und was nützt das? Das hätten wir wissen müssen, bevor er die Tür zugezaubert hat.”
„Ja, genau. Wir müssten den Schwarzmantel hier bei uns haben! Dann könnten wir uns vor ihm wappnen und zwingen, die Tür aufzumachen.”
„Ich denke”, sagte Osse, „wenn er davon wüsste, würde er das auch freiwillig tun.”
Láas schnippte ärgerlich einen Spielstein über das Brett. „Und was nützt uns das alles? Wo sollten wir denn überhaupt Gold hernehmen, um …”
„Ich hab welches”, bemerkte Tíjnje und versuchte, einen zweiten Stein nachzuschießen. Tatsächlich traf sie den ersten, woraufhin der wegflippte. Die Kleine lacht erfreut auf und freute sich über ihr Geschick.
Jándris schnappte den Spielstein, bevor er vom Tisch fallen konnte. „Was? Du hast Gold?”
Tíjnje nickte und langte nach einem, anderen Stein. „Die opayra sagt, ein tugendleichtes Mädchen muss immer Gold haben, damit kein böser schwarzer Zauberer was Böses macht.”
„Tugendreich”, verbesserte Osse.
„Bei den Mächten, von was für Gold sprichst du da, Tíjnje?”
Sie schaute zu Láas auf, die Augenlider wachsam halb gesenkt. „Du verpetzt mich bei Mama.”
„Ich verpetze … Tíjnje! Es geht um die Ehre unserer teirandanja!”
Osse legte das Buch nieder und setzte sich an Tíjnjes anderer Seite zu ihr auf die Bank.
„Magst du mir zeigen, was es für Gold ist, tugendreiche yarlaranda?”, fragte er freundlich.
Sie kicherte über das schöne Kompliment. Dann hob sie die Pfannkuchen auf ihrem Teller an. Darunter lagen, gewissenhaft aufgereiht, zwei Haarnadeln, ein perlenbesetzter Schmuckkamm und eine Halskette mit kleinen kunstreich gehämmerten Plaketten.
***
„Hör zu”, sagte Dýamirée und kraulte durch das Gitter hindurch das Ohr, das Farbenspiel ihr auffordernd hinhielt. „Ich will auch hier raus. Aber ich hab nichts, womit ich den Käfig aufmachen kann, weißt du?”
Das Einhorn schnaubte. Dýamirée langte an die Spitze des gewundenen Hornes auf seiner Stirn. Die war scharf wie eine Messerklinge, das Mädchen pikste sich daran und betrachtete nachdenklich den kleinen roten Blutstropfen, der sich auf ihrer Fingerkuppe zeigte. Dass Farbenspiel so wehrhaft war, war gut zu wissen, aber nicht zu gebrauchen.
„Zeig mir mal deine Füße”, sagte Dýamirée und griff unter den üppigen, flaumzarten Behang, der von Farbenspiels Fesseln bis knapp über den Boden reichte. Sie schob das seidenzarte Haar beiseite und schaute dann beeindruckt auf ein imposantes Klauenpaar, hart wie Granit und glänzend wie poliert. Ein Strohhalm klemmte zwischen Farbenspiels Zehen fest. Dýamirée zupfte ihn hervor und Farbenspiel stapfte auf, wie kitzelig. Ein winziger Funken sprühte, wie von einem Feuerstein, als die Klaue auf den Steinboden pochte.
„Damit kannst du bestimmt fest zutreten”, sagte Dýamirée und dachte schaudernd an den Moment zurück, als sie und Cýelú unter dem panischen Perlenglanz gelegen hatten. „Aber mich und Advon trittst du nicht. Du bist nur groß und stark und gefährlich … und vernascht”, kicherte sie, als die Einhornschnauze nach dem restlichen Früchtekuchen stöberte. Sie zog die Süßigkeit aus Farbenspiels Reichweite und deutete auf das Schloss an der Käfigtür.
„Das bekommst du, wenn du mich hier heraus holst. Dein Fuß ist härter und schärfer als eine Axt. Kannst du das Schloss abtreten? Ich glaube, das ist nur aus Gold.”
Farbenspiels Ohren richteten sich nach vorn. Er versteht mich nicht, dachte Dýamirée. Aber vielleicht begreift er, was ich will. Sie hielt den Kuchen in die Nähe des Schlosses.
„Bitte, Farbenspiel. Mach das ab.”
Das Einhorn trat einen Schritt zurück und hob seinen bedrohlichen Fuß. Vielleicht verstand es den Zusammenhang zwischen dem Kuchen und dem Schloss. Vielleicht wollte es einfach nur betteln. Das Tier streckte das Vorderbein aus, um nachdrücklich zu scharren.
Die Klaue traf das Schloss, den Käfig, blieb hängen, riss ihn mitsamt dem umgebenden Gerümpel um und ein Wust aus Kästchen, Kartons und Zeug ergoss sich in die Stallgasse.
Farbenspiel sprang erschrocken zurück, und der Stallmeister, der vorn bei der Tür den Verschlag von Sonnenstrahl ausmistete, brüllte entsetzt auf.
***
Advon hatte von seinem Vater nicht nur Märchen gehört. Als Cýelú überzeugt davon gewesen war, dass der Junge langsam zu alt für Kindermärchen wurde, hatten sich auch andere Arten von Geschichten zwischen die von Lebkuchenhäusern, rosenüberwucherten Burgen und dämlichen teirandanjoray gemischt, die die nächstbeste fánjula zur hýardora genommen hätten, der ein alter Schuh passte. Manchmal waren es Geschichten von Jungen in seinem Alter gewesen, die mit ihren Freunden Missetaten von Erwachsenen aufklärten und Verbrechen verhinderten. Advon war fasziniert von diesen Geschichten gewesen, weniger von der Raffinesse, mit der die Geschichtenkinder Räuber und andere Missetäter überlisteten. Ihm gefiel die Vorstellung, Freunde zu haben.
Manchmal mussten Jungs in Geschichten Schlösser überwinden. Advon hatte gefragt, wie man das ohne Zauberei täte, und sein Vater hatte wirres Zeug von verbogenen Haarnadeln erzählt. Bei den Kindern in den Geschichten war immer mindestens ein Mädchen dabei gewesen, vermutlich, weil irgendjemand die Haarnadeln bereithalten musste.
Eine Haarnadel hatte Advon nicht, aber er hatte im Groben verstanden, wie ein Schloss und ein Stück gebogenes Metall zusammenpassten. Und so hatte er eine ganze Weile damit verbracht, die Spitze des Griffels mithilfe einer seiner Glasmurmeln über der Kante der Fensteröffnung umzubiegen, bis sie eine zufriedenstellende Ähnlichkeit mit einem primitiven Haken hatte. Wie gut, dass der Griffel aus ganz normalem, nichtmagischem Gold war. Einen Eisenstab hätte er nicht so einfach verformen können.
Einen Diebeshaken zu formen war die eine Sache, die den Jungen eine Weile beschäftigt hielt. Wie man ein solches Werkzeug benutzte, wusste er natürlich nicht. Und so verlor Advon einige Zeit damit, ratlos in dem Türschloss herumzustochern, bis es ihm mehr oder weniger zufällig gelang, die richtige Stelle im Mechanismus zu packen und zu verschieben. Als der Sperrriegel endlich klickte und nachgab, war Advon sich nicht ganz sicher, was er da eigentlich genau getan hatte, aber sehr zufrieden mit sich. Das kleine Schattensängermädchen würde bestimmt staunen und seinen Einfallsreichtum bewundern.
Der Junge schaute sich um und huschte dann die bunte Steintreppe so weit hinab, bis er zu einem Tor zu einer der Brücken zwischen den Türmen gelangte. Wenn Siledaú ihm entgegen käme, dann wollte er ihr nicht im Gebäude begegnen. Hier im Freien hatte er viel bessere Gelegenheiten, ihr auszuweichen und zu entwischen; andererseits sah man ihn hier auch von weitem.
Advon schaute sich um und dachte nach. Der Indigofarbene schien die Wache auf dem Turm zu halten, der Blaue war unten am Tor. Wenn er vorhin richtig die Reiter am Himmel gezählt hatte, sollte sich noch ein dritter im Cielástel aufhalten.
Ob er einen von ihnen fragen sollte, wo Siledaú Dýamirée hingebracht hatte?
Kaum hatte er an sie gedacht, erschien die alte Frau in seinem Blickfeld. Advon erschrak, warf sich nieder und legte sich mitten auf der Brücke flach auf den Bauch. Vielleicht bemerkte sie ihn von dort unten nicht, wenn er eines mit den bunt schillernden Pflastersteinen wurde. Siledaú war wohl gerade selbst zu Fuß zum Cielástel zurückgekehrt und über die Zugbrücke gegangen. Der Blaue trat auf sie zu und wechselte ein paar Worte mit ihr, auf die sie mit großer Geste antwortete. Sie warf die Hände in die Luft und wedelte damit herum, als erzähle sie ihm gerade eine Geschichte voller Vorwürfe und von ganz großer Wichtigkeit. Zu Wort kommen ließ sie ihn nicht.
Wo war sie gewesen? Und welches Glück hatte er gehabt, gerade noch rechtzeitig die Flucht aus dem Turm ergriffen zu haben? Advon grinste über seinen gelungenen Streich und kam zu dem Schluss, dass er nun eigentlich nur abwarten musste, wohin Siledaú als Nächstes gehen würde, um Dýamirée zu finden. Doch bevor er sich dazu weitere Gedanken machen konnte, schallte aus dem Stall ohrenbetäubendes Gepolter und das Brüllen eines Menschen. Der Stallmeister war außer sich.
Und dann galoppierte Farbenspiel, ohne Sattel, ohne Zaum, in wilden Bocksprüngen hinaus auf den Hof, keilte dabei in die Luft aus und erhob sich dann flatternd und frei wie ein Vogel in die Höhe. Fast hätte er Siledaú dabei niedergetreten.
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