{"id":4710,"date":"2026-04-03T19:18:56","date_gmt":"2026-04-03T17:18:56","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=4710"},"modified":"2026-04-03T19:18:56","modified_gmt":"2026-04-03T17:18:56","slug":"068-beeren-und-beute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2026\/04\/03\/068-beeren-und-beute\/","title":{"rendered":"068: Beeren und Beute"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SL_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1992\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p>Ein dumpfes Ger\u00e4usch weckte Ra\u00fdneta. Etwas prallte dicht neben ihr auf dem weichen Waldboden auf. Gleichzeitig lie\u00df Vogel einen keckernden Lauf h\u00f6ren und flatterte mit knatterndem Fl\u00fcgelschlag davon. Dabei hatte sich wohl ein Tannenzapfen oben im Ge\u00e4st gel\u00f6st und das M\u00e4dchen um gerade eine Handbreit verfehlt.<\/p>\n<p>Erschrocken schlug sie die Augen auf. Gerade noch hatte sie in diesem sch\u00f6nen silbergr\u00fcnen Wald gespielt, war mit den kleinen Windninchen um die Wette gelaufen. Ihr war, als h\u00e4tte Truda sie dabei beobachtet. Sie erinnerte sich, die \u00e4ltere Schwester nahebei gesehen zu haben, ein vornehmes, bernsteinfarbenes Kleid hatte sie getragen und ein schimmerndes Perlennetz \u00fcber dem Haar. Aber all das begann bereits, in ihrer Erinnerung zu verschwimmen, wie ein Tropfen Milch ein einem See. Ein Traum musste das wohl gewesen sein. Nicht wahr, aber erquickend. So wohl hatte sie sich gef\u00fchlt und so sorglos in diesem sch\u00f6nen friedlichen Wald mit all den bunten Blumen. Sie w\u00e4re gar zu gern dortgeblieben.<\/p>\n<p>Nun aber fiel ihr Blick auf nichts anderes als auf trockene Nadeln und d\u00fcrre \u00c4stchen, die \u00fcber viele Winter hinweg von den B\u00e4umen herabgefallen waren. Sie hatten den Boden so weich und duftend gemacht. Aber es war ein ganz anderer Wald.<\/p>\n<p>Es tagte bereits. Warmgoldener Glanz strahlte durch die Baumkronen, reichte aber noch nicht ganz, um den Wald richtig zu erhellen. Vor sich am Boden sah Ra\u00fdneta die Reste von dem kleinen Feuer, das sie am Abend gew\u00e4rmt hatte. Nun war es erloschen. Nur eine Handvoll grauer Asche war zwischen dem Ring aus Steinen geblieben, den der <em>b\u00e1chorkor<\/em> so geschickt zusammengesetzt hatte.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta g\u00e4hnte, rekelte sich und fr\u00f6stelte. Die Luft war k\u00fchl und feucht. Der Herbst breitete sich aus und brachte klammen Nebel mit sich, der zwischen den B\u00e4umen h\u00e4ngen blieb. Das Samtbl\u00fctentuch fand sie zusammengefaltet neben sich. Ihre Wange hatte darauf gelegen wie auf einem bequemen Kissen. Der Mantel des <em>b\u00e1chorkor<\/em> lag \u00fcber ihr ausgebreitet, damit sie es warm hatte.<\/p>\n<p>Der junge Mann schlief neben ihr zu F\u00fc\u00dfen des alten Baumes, auf der weichen Lage von Tannennadeln. Er hatte seinen Kopf auf die verschr\u00e4nkten Arme gebettet, die Beine angezogen, sich vor der K\u00e4lte der Nacht so klein wie m\u00f6glich gemacht. Sicher fror er sehr in seiner zerschlissenen Kleidung.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta erhob sich. Das war nicht leicht, denn ihr K\u00f6rper f\u00fchlte sich ganz steif und verbogen an. Der Boden unter der Tanne war zwar leidlich weich, aber uneben, und das lange Reiten und Laufen steckte dem Kind auch noch in den Knochen. Oh, wie fein war die Aussicht auf ein richtiges Bett auf der Burg von <em>yarl<\/em> Althopian! Wenn sie doch nur schon da w\u00e4ren!<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlegte einen kurzen Moment, ob sie den <em>b\u00e1chorkor<\/em> wecken und zum Aufbruch dr\u00e4ngen sollte. Aber da er jetzt noch schlief, dann war er bestimmt noch sehr m\u00fcde. Es w\u00e4re selbsts\u00fcchtig, ihm nun die paar Momente kostbare Ruhe zu nehmen. Sicher kam er bald selbst zu sich. Vielleicht warf ein anderes Tier einen zweiten Zapfen hinab und traf ihn.<\/p>\n<p>Das Kind reckte sich und wischte sich Tannennadeln von der Wange. Dann zog es sich den Mantel von den Schultern und breitete ihn behutsam \u00fcber dem jungen Mann aus. Alt und zerschlissen war das Kleidungsst\u00fcck, aber es sah aus, als h\u00e4tte es einmal einem vornehmen Herrn geh\u00f6rt. Was mochte der <em>b\u00e1chorkor<\/em> f\u00fcr eine Geschichte erz\u00e4hlt haben f\u00fcr ein solches Geschenk?<\/p>\n<p>Sie nahm das Samtbl\u00fctentuch an sich und tappte zu dem Pferd hin\u00fcber. Es stand in der N\u00e4he bei Laubb\u00e4umen und fra\u00df trockene Bl\u00e4tter. Als sie n\u00e4her kam, hob es den Kopf und stellte die Ohren auf. Ra\u00fdneta streichelte ihm \u00fcber die Schnauze und wunderte sich. Hatten sie das Tier denn gestern nicht abgesattelt? Sie war sich nicht ganz sicher, aber nun trug es Lederzeug und Gep\u00e4ck.<\/p>\n<p>Ob der <em>b\u00e1chorkor<\/em> bereits wach gewesen war, alles f\u00fcr den Aufbruch vorbereitet und sich dann noch einmal niedergelegt hatte? Vielleicht hatte er sogar versucht, sie zu wecken, aber nicht von der Waldwiese mit den Windninchen fortrufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta kannte das Gef\u00fchl. Wie oft hatte die <em>opayra<\/em> sie am Morgen zum Aufstehen aufgefordert, und wie oft waren ihr die Augen noch einmal zugefallen, wenn sie dem nicht sofort nachkam. Und das war daheim, in ihrem kuscheligen Bett gewesen.<\/p>\n<p>Nun, sollte er schlafen. Auch die kurze Zeit kam es nun nicht mehr an. Au\u00dferdem war es noch gar nicht richtig hell.<\/p>\n<p>\u201eIch werde <em>yarl<\/em> Althopian bitten\u201c, sagte sie zu dem Pferd. \u201eDu sollst einen ganzen Haufen Heu bekommen, und leckeren Hafer. Und er dort, der soll warme Kleidung bekommen, und gutes Essen. Und ein Bad. Glaubst du, er hat schon einmal ein richtiges warmes Bad mit guter Seife bekommen? Wie einen Helden sollen sie ihn ehren, wie einen hochedlen Ritter, der eine Dame gerettet hat. Wie \u2026\u201c Sie stutzte und runzelte die Stirn. Aber sie sah recht: Das Schwert des <em>b\u00e1chorkor<\/em> war in seiner Scheide ordentlich am Sattelzeug festgeschnallt.<\/p>\n<p>Das Kind wunderte sich, aber nur kurz. Dass der junge Mann seine Wunderwaffe dem Pferd anvertraut hatte, war ganz vern\u00fcnftig. Wahrscheinlich war es f\u00fcr das Tier ungef\u00e4hrlich, es bei sich zu tragen. Und wenn der Schattenmann kam, dann konnte es damit schnell fortlaufen und in Sicherheit bringen, bis der <em>b\u00e1chorkor<\/em> es rief. Vielleicht hatte der Schwarzgewandete keine Macht \u00fcber Pferde.<\/p>\n<p>Der Graue nahm sich ein weiteres Maul voll Bl\u00e4tter und schritt gem\u00e4chlich weiter. Ra\u00fdneta eilte hin\u00fcber zu einem Flecken, wo dichter Farn wuchs, um sich zu erleichtern. Als sie damit fertig war, fiel ihr Blick auf ein Geb\u00fcsch nahebei. Leuchtend gelbe Beeren wuchsen dort zwischen weinroten, ledrigen Bl\u00e4ttchen, strahlten wie Edelsteine auf einem Samttuch.<\/p>\n<p>Das Kind eilte hin und beschaute sich die Waldfr\u00fcchte. Solche diese Beeren kannte sie, die gab es auch in Emberbey. Das M\u00e4dchen erinnerte sich nicht, wie man sie nannte, aber die K\u00f6chin daheim benutzte sie als Zutat. Erst vor einigen Tagen hatte sie davon welche im Haferbrei gehabt. Ach, wie lange war das her &#8230;<\/p>\n<p>Sie probierte eine und fand sie k\u00f6stlich und reif, herb und s\u00fc\u00df zugleich.<\/p>\n<p>Die M\u00e4chte, wahrscheinlich Patagh\u00edu, hatten sie auf diesen Schatz gesto\u00dfen, etwas Essbares, das sie nehmen konnte, ohne den <em>b\u00e1chorkor<\/em> danach zu fragen. Der hatte gestern f\u00fcr sie auf die Kastanien verzichtet. Diese Gro\u00dfz\u00fcgigkeit konnte sie ihm nun vergelten. Sie raffte das Tuch zu einem Beutel zusammen und begann sorgf\u00e4ltig, zu pfl\u00fccken. Wenn sie ihm s\u00fc\u00dfe Beeren brachte, w\u00fcrde er sich sicher freuen. Und dann konnten sie umso schneller aufbrechen.<\/p>\n<p>Doch Ra\u00fdnetas Ernte war m\u00fchsamer, als sie es sich vorgestellt hatte. Die Beeren waren klein, zwischen den Bl\u00e4ttern verbargen sich Dornen, die ihr die Haut zerkratzten und hungrige V\u00f6gel hatten sich bereits reichlich bedient. Doch es gab genug B\u00fcsche. Mit jedem Schritt, den Ra\u00fdneta in den Wald hinein tat, schienen Neue aufzutauchen. Und so folgte das Kind der Spur der Beerenb\u00fcsche immer tiefer in den lichten Mischwald hinein, sacht bergan.<\/p>\n<p>Bald gelangte sie an eine Lichtung in einer weitl\u00e4ufigen Senke, an deren Rand eine ganze Gruppe Beerenstr\u00e4ucher stand, nicht nur solche mit gelben Beeren, sondern auch welche mit schwarzen, purpurfarbenen und blutroten, die beim Pfl\u00fccken zerplatzten und die Finger ganz klebrig machten. Ra\u00fdneta beschloss, auch von diesen bunten Beeren zu nehmen, wo sie schon einmal hier war. Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> w\u00fcrde schon wissen, ob sie genie\u00dfbar waren. Und hier auf der Lichtung waren auch schon die ersten Strahlen von Patagh\u00edus Glanz angelangt, herrlich warm auf ihren klammen Gliedern. Kleine V\u00f6gel zwitscherten hier und da. Der Nebel begann, sich zu lichten, schwebte nur noch in federleichten Schleiern \u00fcber der freien Fl\u00e4che.<\/p>\n<p>Und so erntete sie und ihre Gedanken schweiften ab, zu Truda, die da in dem Traumwald gesessen und so seltsam starr gewesen war. Zu Osse, der schon bald wieder bei ihr sein w\u00fcrde. Zu Venghi\u00e1r, vor dem sie geflohen waren und der nun in der Burg sa\u00df und bestimmt gemein zu der <em>opayra<\/em> war. Zum Vater, der \u2026 ach, der gute Vater! Mochte er hinter den Tr\u00e4umen ausruhen von seinem langen, ehrenvollen Leben. Ra\u00fdneta sp\u00fcrte, wie Tr\u00e4nen ihr in die Augen steigen, und sich ihr das Herz enger wurde. Nun, hier war sie allein. Hier durfte sie wohl den B\u00e4umen ihren Schmerz heraus weinen. Der Vater! Mochte er \u2026<\/p>\n<p>Es knackte.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta zuckte zusammen, wischte sich die Tr\u00e4nen vom Gesicht und schaute sich nach dem Ger\u00e4usch um. Was sie erblickte, erleichterte, erschreckte und entz\u00fcckte sie gleicherma\u00dfen. Ein paar Schritte neben ihr trat ein gro\u00dfes Tier zwischen den B\u00e4umen hervor auf die vom Morgentau glitzernde Wiese auf der Lichtung. Das M\u00e4dchen erstarrte ehrf\u00fcrchtig. Wenn sie sich jetzt bewegte, w\u00fcrde sie ihn erschrecken und er w\u00fcrde fortlaufen, der herrliche Silberhirsch!<\/p>\n<p>Ein imposantes Gesch\u00f6pf war es. Der K\u00f6rper war nicht gr\u00f6\u00dfer als der eines kleinen Pferdes, aber auf dem Kopf trug es ein imposantes, wei\u00dfes Geweih, das es wesentlich m\u00e4chtiger erscheinen lie\u00df. Sein Fell war grau wie das des treuen Pferdes, \u00fcber Flanke und Kruppe hell gesprenkelt, und an Hals und Schultern hatte es eine zarte wei\u00dfe M\u00e4hne. Ra\u00fdneta hatte nie zuvor ein so sch\u00f6nes Tier aus der N\u00e4he gesehen, nur in Geschichten davon geh\u00f6rt. Sie hielt den Atem an und staunte.<\/p>\n<p>Der Hirsch hob den Kopf und witterte. Dann wandte er den Kopf und schaute mit gro\u00dfen schwarzen Augen unmittelbar in Ra\u00fdnetas Richtung. Hatte er sie bemerkt?<\/p>\n<p>Nun, wenn er wusste, dass sie da war, dann k\u00fcmmerte es ihn nicht.<\/p>\n<p>Der Hirsch schnaubte. Der Atem aus seinen N\u00fcstern verdampfte zu sachten wei\u00dfen Schleiern in der kalten Morgenluft. Gelassen trat er weiter auf die Lichtung heraus und begann, zu \u00e4sen.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta zog sich leise ein, zwei Schritte hinter die B\u00fcsche zur\u00fcck, um ihn beobachten zu k\u00f6nnen. Was f\u00fcr ein Anblick! So nah war sie bei ihm. Wie g\u00fctig von den M\u00e4chten, dass sie ihr dieses scheue Gesch\u00f6pf gezeigt hatten.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrde der <em>b\u00e1chorkor<\/em> sagen, wenn sie ihm davon erz\u00e4hlte? Ob er auch sch\u00f6ne Geschichten von den Tieren des Waldes kannte? Sie nahm sich vor, ihn danach zu fragen. Das Kind erfreute sich eine Weile an dem sch\u00f6nen Tier in der noch k\u00fchlen Morgensonne, bis ein Zischen sich unter das Gezwitscher der Waldv\u00f6gel mischte, in ein hohles Ploppen m\u00fcndete.<\/p>\n<p>Die V\u00f6gel verstummten. Der Silberhirsch machte unvermittelt einen Satz nach vorn und sprang los, direkt auf Ra\u00fdneta in ihrem Versteck zu. Aber er erreichte sie nicht mehr. Wenige Schritte vor dem schreckstarren Kind brach das Tier zusammen und stie\u00df einen tiefen Seufzer aus. Seine Beine kickten noch einen Moment im hohen Gras. Dann brachen die schwarzen Augen. Aus der Seite des Tieres stak ein blausilbern gefiederter Pfeil.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta biss sich auf die von Beerenmatsch klebrige Handkante, um nicht laut zu schreien. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen. Dann stieg ein Mann von der anderen Seite der Lichtung aus den H\u00fcgel hinab. Zielstrebig, aber ohne Eile bewegte er sich durch den Morgennebel.<\/p>\n<p>Ohne nachzudenken kauerte Ra\u00fdneta sich tief im Geb\u00fcsch zusammen. Sie w\u00e4re besser weggelaufen, das war ihr ganz klar. Aber dabei h\u00e4tte sie mit den Bl\u00e4ttern geraschelt und h\u00e4tte ihn auf sich aufmerksam gemacht. Das durfte nicht geschehen. Was, wenn das ein b\u00f6ser Mann war? Jemand, der sie so knapp vor der Burg abfangen konnte? Jemand, den der Schattenmann geschickt hatte? Jemand, der einfach nur im Wald war, um Tiere totzuschie\u00dfen?<\/p>\n<p>Der Ank\u00f6mmling erreichte den Hirsch. Gro\u00df war der Mann, sein Gang aufrecht und zielstrebig. Einen Jagdbogen trug er, und einen Kapuzenmantel aus graugr\u00fcn gef\u00e4rbter Wolle, der ihn warm und unsichtbar im Dickicht hielt. Ra\u00fdneta sp\u00fcrte ihr Herz bis zum Hals klopfen. Was, wenn er sie entdecken w\u00fcrde? In seinem K\u00f6cher waren noch einige Pfeile \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Der J\u00e4ger n\u00e4herte sich vorsichtig dem Tier, so behutsam, als f\u00fcrchte er, es doch noch aufzuscheuchen. Als der Hirsch sich aber nicht regte, trat er heran, lie\u00df sich auf ein Knie nieder und tastete den gro\u00dfen K\u00f6rper an. Doch das Wild blieb leblos liegen.<\/p>\n<p>Das Kind h\u00f6rte, wie der Mann innehielt und leise etwas vor sich hin murmelte. Es klang, als bitte er das Tier um Verzeihung. Dann schloss er dem Hirsch die Augen, zog ein Messer hervor und stach es tief in das Fleisch hinein, dort, wo der Pfeil stak.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta drehte sich weg. Eine bizarre Mischung aus Traurigkeit und Emp\u00f6rung wallte in ihr auf. Sie wusste, dass Letzteres nicht vern\u00fcnftig war. Es war Herbst, die Bl\u00e4tter fielen, und das war die Zeit, in der die J\u00e4ger kamen, um etwas aus dem Wald zu nehmen, f\u00fcr den Winter. Aber gerade das hier, da war <em>ihr<\/em> Hirsch gewesen, und er hatte nichts verbrochen, au\u00dfer auf der Lichtung zu stehen und Gras zu zupfen. Genauso wie das feine wei\u00dfe Pferdchen, damals, als ein anderer Pfeil-<\/p>\n<p>Der J\u00e4ger richtete sich auf. Ein Signalhorn hatte er am G\u00fcrtel, er setze es an die Lippen und tutete damit hin\u00fcber zu dem H\u00fcgel, von wo er gekommen war.<\/p>\n<p>Dann widmete er sich ruhig und bewandert weiter dem Hirsch. Ra\u00fdneta schob vorsichtig ein Zweiglein beiseite, um besser schauen zu k\u00f6nnen. Es ekelte sie, aber sie konnte den Blick nicht abwenden, w\u00e4hrend der J\u00e4ger begann, den Hirsch aufzubrechen. Nun stieg ein wei\u00dfer Dampf von den Ged\u00e4rmen des Wildes in die Herbstluft auf.<\/p>\n<p>War der J\u00e4ger abgelenkt? Konnte sie es wagen, ganz, ganz leise davonzuschleichen?<\/p>\n<p>Nein, daran war kein Denken. Um sie herum war d\u00fcrres Ge\u00e4st, der ganze Boden voll mit m\u00fcrbem Laub. Aber sie konnte doch auch nicht warten, bis der J\u00e4ger den Hirsch zerlegt hatte und von dannen zog!<\/p>\n<p>Auch kam ihr in den Sinn, dass der Mann das schwere Wild wohl kaum allein tragen konnte, selbst wenn er es in St\u00fccke teilte. Nein, <em>nat\u00fcrlich<\/em> war er nicht allein. Ein einzelner J\u00e4ger h\u00e4tte es auf einen Hasen abgesehen, allenfalls auf ein Reh, aber sicher nicht auf eine so gro\u00dfe Beute. Mit dem Horn hatte er andere herbeigerufen, die hier im Wald unterwegs waren. Sie w\u00fcrden kommen, um beim Tragen zu helfen. Und dann? Bei den M\u00e4chten, was sollte sie tun? Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> w\u00fcrde sicher bald bemerken, dass sie fortgegangen war. Er w\u00fcrde sie sicher suchen, und dann \u2026<\/p>\n<p>\u2026 dann nahm der J\u00e4ger ihr die Entscheidung ab. Sein blutiges Treiben schien anstrengend zu sein. Er wischte sich fahrig mit dem \u00c4rmel Schwei\u00df von der Stirn und streifte dabei die Kapuze beiseite. Ra\u00fdneta erkannte sein Gesicht, dieses freundliche Gesicht mit den warmen blauen Augen und dem ergrauten Bart. Alle Angst glitt von ihr ab wie ein Regentropfen auf einem Blatt. Freudig sprang sie auf, brach aus dem Busch heraus und flog auf ihn zu.<\/p>\n<p>\u201eHerr Wa\u00fdreth! Herr Wa\u00fdreth!\u201c<\/p>\n<p><em>Yarl<\/em> Althopian zuckte zusammen. Sie rannte auf ihn zu und in seine Arme, k\u00fcmmerte sich nicht um seine Verwirrung. Er stand auf und trat ihr rasch einen Schritt entgegen, als wolle er sich sch\u00fctzend vor den Hirsch stellen.<\/p>\n<p>\u201eWas-\u201c, brachte er gerade noch hervor, da hatte sie ihn erst\u00fcrmt und umarmte ihm unter Schluchzen und Jauchzen.<\/p>\n<p>\u201eHerr Wa\u00fdreth\u201c, rief sie, \u201eoh, Herr Wa\u00fdreth! Dass gerade Ihr es seid! Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck! Die M\u00e4chte haben Euch geschickt!\u201c<\/p>\n<p>\u201eKind!\u201c, gab er zur\u00fcck, eine Spur \u00e4rgerlich, aber viel mehr verwirrt. \u201eWas f\u00e4llt dir ein? Was machst du hier?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin so froh! Jetzt wird alles gut, nicht wahr? Jetzt bin ich in Sicherheit, und Ihr passt auf mich auf!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn Sicherheit?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, der b\u00f6se Mann \u2026 vielleicht ist er ganz in der N\u00e4he! Aber nun wird alles gut!\u201c<\/p>\n<p>Er l\u00f6ste sacht, aber bestimmt ihren Griff von sich und fasste sie an den Schultern, hielt sie auf Abstand und beschmutzte sie mit seinen blutigen H\u00e4nden. Nun war er nicht mehr verwirrt oder \u00e4rgerlich. Alarmiert war er, aber ganz ruhig dabei. Eindringlich schaute er sie mit seinen freundlichen hellen Augen an.<\/p>\n<p>\u201eEin b\u00f6ser Mann, sagst du? Erz\u00e4hl, kleines M\u00e4dchen. Bist du aus Rodekliv geflohen? Wer hat dich verletzt?\u201c<\/p>\n<p>Rodekliv? Erkannte er sie denn nicht?<\/p>\n<p>\u201eAber Herr Wa\u00fdreth\u201c, fragte sie best\u00fcrzt, \u201eich bin es doch. Ich bin Ra\u00fdneta Emberbey. Ihr wart so oft bei uns zu Gast \u2026\u201c<\/p>\n<p>Nun schien er vollends verdutzt. Ra\u00fdneta schaute flehend zu ihm auf. Dann begriff sie, was falsch war, noch dazu im Schatten der hohen B\u00e4ume am Rand der Wiese.<\/p>\n<p>\u201eIch bin verkleidet\u201c, erkl\u00e4rte sie. \u201eDas ist nur ein Hafersack. Und meine <em>opayra<\/em> har mir seit Tagen die Z\u00f6pfe nicht sch\u00f6n gemacht. Ich hab vergessen, eine B\u00fcrste mitzunehmen. Ich sehe bestimmt furchtbar unordentlich aus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eRa\u00fdneta Emberbey?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo seht mich doch an!\u201c, erz\u00e4hlte sie aufgeregt. \u201eOh, es war alles so schlimm! Aber nun bin ich bei Euch in Sicherheit.\u201c<\/p>\n<p>Er strich ihr mit seinen hirschblutigen Fingern die zerzausten Haare aus der Stirn, die Spuren zerdr\u00fcckter Beeren von den Wangen und musterte sie pr\u00fcfend. Dann l\u00e4chelte er ungl\u00e4ubig.<\/p>\n<p>\u201eBei den M\u00e4chten\u201c, wisperte er. \u201eWas f\u00fcr eine unglaubliche F\u00fcgung f\u00fchrt uns zusammen, kleine <em>yarlaranda<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>\u201eErkennt Ihr mich jetzt?\u201c<\/p>\n<p>Er antwortete nicht. Aber sie f\u00fchlte sich aufgehoben und fest umarmt. Der <em>yarl<\/em> dr\u00fcckte sie fest an sich und begann fl\u00fcsternd, mit erstickter Stimme, die M\u00e4chte zu preisen. Sie schmiegte sich an ihn und zerquetschte dabei ihr Tragetuch, beschmierte seinen Mantel noch mehr mit den roten und gelben Beeren. Der Freund des Vaters war da! Nun war alles gut!<\/p>\n<p>\u201eHerr?\u201c<\/p>\n<p>Mehr Leute n\u00e4herten sich, zwei M\u00e4nner zu Pferd und drei weitere, die Packtiere am Z\u00fcgel f\u00fchrten. Ra\u00fdneta sp\u00e4hte \u00fcber Althopians Schulter. Zwei der Packtiere waren mit Wild beladen; einen zweiten, kleineren Hirsch und zwei Waldschweine hatten sie erbeutet. Einer der Reiter f\u00fchrte ein gro\u00dfes Reitpferd mit gutem Lederzeug am Z\u00fcgel. Es trug ein Schwert am Sattel, dass Althopian bei der Pirsch im Wege gewesen w\u00e4re. Alle waren in schlichtem Gewand und hatten Jagdwaffen bei sich, Bogen und Spie\u00dfe, und alle f\u00fcnf waren sichtlich verwundert.<\/p>\n<p>\u201eEin Meisterschuss, Herr\u201c, sagte einer der Berittenen. \u201eAber was habt Ihr da gefangen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEinen Dreckspatz?\u201c, scherzte der andere, wurde aber sofort ernst. \u201eAus Rodekliv entwichen, die Kleine? Sind hier noch mehr von denen im Geb\u00fcsch?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGebt acht auf eure Worte,\u201c wies Althopian sie zurecht. \u201eDies ist die <em>f\u00e1njula<\/em> Ra\u00fdneta, die j\u00fcngere <em>yarlaranda<\/em> von Emberbey. Die Tochter meines lieben Freundes, m\u00f6ge er hinter den\u00a0 Tr\u00e4umen in Frieden sein.\u201c<\/p>\n<p>Nun wechselten die J\u00e4ger alarmierte Blicke.<\/p>\n<p>\u201eDas Kind, das <em>entf\u00fchrt<\/em> wurde?\u201c, fragte einer verdattert. \u201eWie kommt es hierher?\u201c<\/p>\n<p>\u201eK\u00fcmmert euch um den Hirsch\u201c, wies Althopian seine Leute an. \u201eMehr brauchen wir nicht f\u00fcr das <em>vaspos\u00e1r<\/em>. Ich bringe die <em>yarlaranda<\/em> augenblicklich zur Burg. Offenbar ist sie ihrem Entf\u00fchrer entwischt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, wandte Ra\u00fdneta ein. \u201eIch bin keinem entwischt. Wisst Ihr, ich bin losgegangen, um Beeren zu suchen, und dann war da der sch\u00f6ne Hirsch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie lange irrst du denn schon durch den Wald, Kind?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSeit vorhin. Ich bin aufgewacht, und dann wollte ich Beeren.\u201c<\/p>\n<p>Yarl Althopian setzte sie wieder zu Boden und neigte sich zu ihr hinab. \u201eDer Mann, der dich hergebracht hat, kleine <em>yarlaranda<\/em> \u2013 ich der in der N\u00e4he? Bist du ihm davongeschlichen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, antwortete sie arglos. \u201eIch wollte ihn nicht aufwecken.\u201c Vertrauensvoll fasste sie nach Althopians Hand. \u201eIhr nehmt ihn doch auch mit, oder?\u201c<\/p>\n<p>\u201eStill!\u201c, sagte einer der Knechte pl\u00f6tzlich und hob die Hand.<\/p>\n<p>Althopian nickte, legte seinerseits die Finger an die Lippen und hie\u00df das M\u00e4dchen so, stille zu sein. Sie verstummte und horchte, so wie es die M\u00e4nner taten. Hatten sie ein neues Wild geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>\u201eV\u00f6gelchen!\u201c, schallte unvermittelt eine weitere Stimme aus dem Wald. \u201eWo steckst du?\u201c<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta wollte antworten, aber Althopian sch\u00fcttelte rasch den Kopf. Die sechs M\u00e4nner verst\u00e4ndigten sich mit Blicken und Gesten.<\/p>\n<p>Nun h\u00f6rte sie es auch, das gelassene Schlurfen des Grauen, und die vertraute Stimme, die nah ihr rief.<\/p>\n<p>\u201eV\u00f6gelchen? Versteckst du dich etwa vor mir? Warte nur, dich finde ich!\u201c<\/p>\n<p>Althopian drehte sich um. Die J\u00e4ger nahmen aufmerksam Haltung an. Rayneta wurde es pl\u00f6tzlich unbehaglich.<\/p>\n<p>Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> f\u00fchrte den Grauen am Z\u00fcgel durch das Dickicht am Rand der Lichtung. Er war so sehr damit besch\u00e4ftigt, sich einen Weg zu bahnen, dass er die versammelte Jagdpartie erst bemerkte, als er zwischen den B\u00e4umen hervortrat. Etwa f\u00fcnfzig Schritte rechts von ihnen war das.<\/p>\n<p>Einen Moment stand der junge Mann still und schaute best\u00fcrzt zu ihnen hin\u00fcber. Der Graue schnaubte freundlich, als er die anderen Pferde bemerkte.<\/p>\n<p>\u201eIst das der <em>b\u00e1chorkor<\/em>?\u201c, fragte Althopian.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagte Ra\u00fdneta. \u201eDer hat mich hergebracht.\u201c<\/p>\n<p>Althopian nickte. Zu seinen Knechten sagte er ruhig: \u201eErgreift den Kerl.\u201c<\/p>\n<p>Augenblicklich wendeten beiden Berittenen ihre Pferde und spornten sie an. Zwei derer zu Fu\u00df gaben dem dritten alle Z\u00fcgel in die Hand und rannten hinterdrein.<\/p>\n<p>Und der <em>b\u00e1chorkor<\/em>, der rannte auch. Nicht zur\u00fcck in den Wald, sondern hinaus auf die Wiese, ohne Deckung.\u00a0 Wie ein Reh sprang er \u00fcber Gras und d\u00fcrres Gestr\u00fcpp.<\/p>\n<p>Erst einen Wimpernschlag sp\u00e4ter erfasste Ra\u00fdneta, was da passierte. Ruckartig richtete sie sich in Althophians Griff auf. \u201eNein!\u201c, rief sie aus. \u201eNicht!\u201c<\/p>\n<p>\u201eKeine Angst\u201c, versicherte er ihr. \u201eDer entkommt uns nicht.\u201c<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta kreischte und riss sich aus dem Griff des Ritters frei. Althopian rannte ihr augenblicklich nach, aber sie war flinker. So schnell ihre F\u00fc\u00dfe sie trugen, schloss sie sich der Jagd auf der Lichtung an.<\/p>\n<p>Lange dauerte die nicht, war schon vorbei, als sie den <em>b\u00e1chorkor<\/em> reichte. Das M\u00e4dchen hatte vorgehabt, sich sch\u00fctzend zwischen ihn und die M\u00e4nner zu stellen, sie von ihm abzuhalten, bis sie in Ruhe erkl\u00e4ren konnte. Aber dazu kam es nicht mehr. Die Reiter hatten den <em>b\u00e1chorkor<\/em> von beiden Seiten \u00fcberholt und ihm den Weg abgeschnitten. Nun trieben sie ihn in Richtung des Hirsches, wo er an Althopian w\u00fcrde vorbeilaufen m\u00fcssen. Sp\u00e4testens der <em>yarl<\/em> w\u00fcrde ihn aufhalten, vielleicht auch der K\u00f6rper des Wildes. Ra\u00fdneta st\u00fcrmte blindlings auf ihn zu. \u201eGal\u00e9on!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHaltet ihn!\u201c, rieft Althopian hinter ihr. \u201eEr darf sie nicht packen!\u201c<\/p>\n<p>So weit kam es nicht. Einer der Reiter war gleichauf mit dem gehetzten Mann und gepackt vom Jagdfieber. Im Vorbeireiten versetzte er dem <em>b\u00e1chorkor<\/em> einen heftigen Tritt gegen die Schulter, der dem Fl\u00fcchtenden zum Taumeln brachte. Er st\u00fcrzte nicht sofort, konnte sich noch abfangen und kam gewandt wie eine Katze wieder ins Gleichgewicht, noch bevor er dem Pferd unter die Hufe geriet. Aber w\u00e4hrend er auszubrechen versuchte, eilten ihm die beiden anderen Jagdknechte entgegen, dr\u00e4ngte das Kind ab und sie stolperte der L\u00e4nge nach zu Boden. Ein Ausweichen gab es nicht. Einer der beiden schwang seine Saufeder und rammte sie dem <em>b\u00e1chorkor<\/em> mit voller Wucht in die Magengrube. Mit der stumpfen Seite.<\/p>\n<p>Dem <em>b\u00e1chorkor<\/em> nahm es schlagartig die Luft. Er stolperte zu Boden und blieb dort zusammengekr\u00fcmmt liegen. Der Jagdknecht, etwas verwirrt wohl \u00fcber seinen Erfolg, drehte die Waffe um und zielte damit auf den jungen Mann.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta rappelte sich auf. \u201eNein!\u201c, rief sie verst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Aber sie wurde nicht beachtet, zu gesch\u00e4ftig waren die M\u00e4nner.<\/p>\n<p>\u201eWas nun, Herr?\u201c, fragte der zweite Knecht und versetzte dem <em>b\u00e1chorkor<\/em> einen unschl\u00fcssigen Tritt gegen den R\u00fccken, sodass er mit dem Gesicht im Laub zu liegen kam und schmerzhaft nach Luft schnappte. \u201eEin Ende damit?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSeid Ihr t\u00f6richt?\u201c, fragte Althopian. Er legte Ra\u00fdneta wieder die Hand auf die Schulter. Diesmal f\u00fchlte es sich an, als wolle er sie festhalten, bevor sie jemandem in eine Klinge lief. \u201eWie sollen wir denn dann herausfinden, in wessen Diensten der Lumpenkerl steht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas kriegen wir aus ihm wohl heraus\u201c, knirschte der eine Reiter. \u201eDas soll ihn lehren, kleine Kinder zu rauben!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber das stimmt doch gar nicht!\u201c, protestierte Ra\u00fdneta.<\/p>\n<p>\u201eIhr wisst, was in dem Brief stand. Herr Venghi\u00e1r will den Unhold lebendig. Wir werden ihm den Wunsch erf\u00fcllen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein! Bitte, Herr Wa\u00fdreth! Ihr d\u00fcrft ihm nichts tun!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu musst dich nicht mehr vor dem da f\u00fcrchten, junge <em>yarlaranda<\/em>. Er kann dir nichts mehr anhaben.\u201c<\/p>\n<p>Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> hustete, regte sich schwach. Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen. Ein kleiner Schwall Blut sprudelte aus seinem Mund. Der Knecht mit der Saufeder setzte den Fu\u00df in sein Genick, aber nur, um ihn am Boden zu halten.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta schaute flehend von einem zum anderen.<\/p>\n<p>\u201eBitte, Herr Wa\u00fdreth! Es ist ganz anders als in dem Brief stand!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann ist das nicht dein Entf\u00fchrer, kleine <em>yarlaranda<\/em>?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDoch\u201c, gab sie zu. \u201eIrgendwie schon. Aber \u2026\u201c Sie besann sich. \u201eAber er hat <em>gut auf mich aufgepasst<\/em>! Die ganze Zeit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas muss der Kerl dem Kind f\u00fcr eine Angst gemacht haben, dass es so spricht\u201c, sagte einer der Knechte emp\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eWenn so etwas meiner Tochter passieren w\u00fcrde, dann \u2026\u201c, sagte der erste Reiter unheilvoll. Er beendete den Satz nicht, begleitete ihn aber mit einer Geste, die Ra\u00fdneta zwar nicht verstand, aber als Androhung von etwas sehr Schmerzhaftem deutete.<\/p>\n<p>Den Pfeil in seinem R\u00fccken hatte der <em>b\u00e1chorkor<\/em> \u00fcberlebt. Aber wenn die J\u00e4ger nun auf die Idee kamen, ihm die Eingeweide herauszuschneiden, wie sie es beim Wild taten? \u2013 So hatte sie sich ihre Ankunft in der sicheren Burg nicht vorgestellt!<\/p>\n<p>\u201eHerr Wa\u00fdreth\u201c, flehte sie innig. \u201eSagt Euren Leuten, dass sie ihm nicht wehtun d\u00fcrfen! Das ist ein guter Mann!\u201c<\/p>\n<p>\u201eSicher glaubst du das, Ra\u00fdneta Emberbey.\u201c Althopian bedeutete seinen M\u00e4nnern, sich zu m\u00e4\u00dfigen. \u201eVielleicht war er ja tats\u00e4chlich freundlich zu dir. Aber vielleicht waren das auch nur Geschichten. Und er hat etwas sehr Schlimmes getan. Das wei\u00dft du doch, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta \u00e4chzte lautlos. Ob sie dem <em>yarl<\/em> nicht ganz einfach die Wahrheit erz\u00e4hlen konnte? Oder ob sie die Dinge damit schlimmer machte? Ob sie nicht einfach erz\u00e4hlen konnte, dass der <em>b\u00e1chorkor<\/em> zaubern konnte und der Schattenmann sie jagte?<\/p>\n<p>Hilflos schaute sie auf den schwer und schmerzhaft atmenden Mann hinab. War er wirklich so schwer verletzt? Warum gab er sich nicht zu erkennen?<\/p>\n<p>Nein. Es w\u00fcrde ihr niemand glauben. Nicht hier und jetzt, wo alle so aufgeregt waren. Sie musste einen besseren Moment abwarten, um sich jemandem anzuvertrauen.<\/p>\n<p>\u201eBitte\u201c, wisperte sie flehend. \u201eBitte, Herr Wa\u00fdreth. Er erz\u00e4hlt so sch\u00f6ne Geschichten. Und er war immer gut zu mir.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir nehmen ihn mit\u201c, entschied Althopian. \u201eDann k\u00f6nnen wir immer noch \u00fcberlegen, wie wir mit ihm verfahren. Aber es bringt nichts, hier im Wald nutzlos herumzustehen. Die <em>yarlaranda<\/em> braucht schleunigst etwas zu essen und Ruhe. Und ein Bad.\u201c<\/p>\n<p>Das schien die Knechte zu belustigen. Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> sah nicht so aus, als w\u00fcrde er in der n\u00e4chsten Zeit aus eigener Kraft laufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta traute den Knechten nicht. Sicher waren das aufrichtige, anst\u00e4ndige M\u00e4nner, nicht solche groben Gestalten wie Venghi\u00e1rs Freunde. Er sie kamen ihr zu emp\u00f6rt vor, als sie den halb bewusstlosen <em>b\u00e1chorkor<\/em> vom Boden zerrten. Aber was den Moment betraf, konnte sie wohl nichts mehr f\u00fcr ihn tun.<\/p>\n<p>Der Graue trottete herbei. Althopian fasste ihn beim Z\u00fcgel, begutachtete den Zustand des Tieres und fand wohl nichts daran zu beklagen.<\/p>\n<p>\u201eWillst du das Ross deines Vaters weiterhin reiten, Ra\u00fdneta Emberbey? Oder willst du bei mir im Sattel sein?\u201c<\/p>\n<p>Sie schaute m\u00fcde zu dem Pferd hin\u00fcber. Es war sorgsam mit ihren und den Habseligkeiten des <em>b\u00e1chorkor<\/em> bepackt. Sein roter Mantel war sorgsam zusammengerollt und mit einem Riemen am Sattel befestigt. Das Kuscheltier klemmte zwischen den Riemen des Schwertgehenks.<\/p>\n<p>Bei den M\u00e4chten, das Schwert! Das Schwert, das niemand anfassen durfte!<\/p>\n<p>\u201eHelft mir hier hinauf\u201c, sagte sie eilig. \u201eDa sind meine Sachen. Da muss ich drauf aufpassen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAll deine Sachen?\u201c, fragte der <em>yarl<\/em>. \u201eDu hattest so viel Gep\u00e4ck, als der Kerl dich verschleppt hat?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, behauptete sie geistesgegenw\u00e4rtig. \u201eSchon f\u00fcr die Reise zum <em>vaspos\u00e1r<\/em> zusammengepackt. Aber das Schwert ist meins. Das geh\u00f6rt mir auch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSoso.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEigentlich \u2026 geh\u00f6rt es Osse. Meinem Bruder. Ich wollte es ihm mitbringen.\u201c<\/p>\n<p>Er schaute sie einen Moment pr\u00fcfend an. Ra\u00fdneta war sich nicht sicher, ob er ihr glaubte. Immerhin bedr\u00e4ngte er sie nicht weiter.<\/p>\n<p>Kurz darauf sa\u00df sie im Sattel. Wa\u00fdreth Althopian f\u00fchrte den Grauen am Z\u00fcgel durch den Wald. Einer der Berittenen blieb mit einem Packpferdeknecht zur\u00fcck, um den Hirsch zu versorgen. Den <em>b\u00e1chorkor<\/em> nahmen sie mit sich. Benommen und gefesselt hing er b\u00e4uchlings zwischen den Waldschweinen auf dem Lastpferd, als sei er selbst eine Beute. Einmal schien er kurz zu sich zu kommen. Ra\u00fdneta neigte sich vor und versuchte, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Aber er schien nicht mehr bei Bewusstsein zu sein.<\/p>\n<p>Wa\u00fdreth Althopian sprach w\u00e4hrend des Rittes kein Wort. Vielleicht wollte er sie nicht unter den Ohren seiner Leute ausfragen. Aber immer, wenn sie zu ihm hinschaute, l\u00e4chelte er.<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte auf eine sonderbare, ersch\u00f6pfte Art. So, als dr\u00fcckte ihm eine unsichtbare Last aufs Herz.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/scherbenlied-oder-die-suche-nach-dem-boesen-band-3\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-4710","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-03_scherbenlied"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4710","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4710"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4710\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4718,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4710\/revisions\/4718"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4710"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4710"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4710"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}