{"id":4702,"date":"2026-02-26T20:17:29","date_gmt":"2026-02-26T19:17:29","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=4702"},"modified":"2026-02-26T20:19:01","modified_gmt":"2026-02-26T19:19:01","slug":"064-nacht-allerorten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2026\/02\/26\/064-nacht-allerorten\/","title":{"rendered":"064: Nacht allerorten"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SL_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1992\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p>Truda befand sich in einem wundersch\u00f6nen Garten. Nein, eigentlich war es kein Garten. Vielleicht war es ein Wald. Falls es ein Wald war, dann war es der allersch\u00f6nste Wald, den sie jemals gesehen hatte. Da waren fremdartige, hohe B\u00e4ume mit silbrig gr\u00fcnen, in der Brise flirrenden Bl\u00e4ttern. Etwas unterhalb des Hanges, an dem sie sa\u00df, schimmerte und funkelte Wasser, ein gro\u00dfer See wohl. \u00dcberall im Schatten der B\u00e4ume bl\u00fchten duftende Kr\u00e4uter und seltsame, bunte Blumen, wie das M\u00e4dchen sie noch nie gesehen hatte, zumindest nicht in den G\u00e4rten und Beeten, die ihr n\u00f6rdlich des Montaz\u00edel vertraut waren. War das hier vielleicht For\u00e9tern, die mystischen W\u00e4lder weit im S\u00fcden? Ach, Unfug! Wie sollte sie dorthin gekommen sein?<\/p>\n<p>Nur die Blumen, die sie ganz und gar umrankt hielten, die erkannte sie. Das waren die wei\u00dfen Blumen, die T\u00edjnje pflegte, die in t\u00f6nernen T\u00f6pfen im ganzen Zimmer verteilt standen. Aber die Pflanzen hatten sie ganz und gar umwachsen. Es war nicht unangenehm, im Gegenteil. Truda f\u00fchlte sich behaglich, wie unter einer warmen, weichen Decke. Aber sie h\u00e4tte nicht aufstehen k\u00f6nnen, ohne die Ranken zu zerrei\u00dfen. Also tat sie es nicht. Sie schaute auf das Wasser, genoss die W\u00e4rme, die von irgendwo her kam und f\u00fchlte sich ganz sonderbar, so als sei sie gar nicht wirklich in diesem wundersch\u00f6nen Wald mit den vielen Blumen. Es war eher, als schaute sie ihn sich durch ein Fenster an. Aber da war kein Fenster.<\/p>\n<p>Truda l\u00e4chelte gedankenlos. Wie sch\u00f6n es hier war, wie friedlich. Wie leicht hier alles zu sein schien.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he spielte Ra\u00fdneta. Die kleine Schwester trug ein h\u00fcbsches Kleidchen, aber sie war barfu\u00df. Sie lief lachend zwischen den B\u00e4umen herum, hinter Schmetterlingen und kleinen flinken Windninchen her, die sich um die Blumen herum tummelten. Sie sah so gl\u00fccklich aus.<\/p>\n<p>Wieso war Ra\u00fdneta hier? Truda runzelte die Stirn. Die Schwester konnte doch unm\u00f6glich hier bei ihr sein. Der Vater war ermordet, und die Kleine verschleppt, und wo sollte man nach ihr zu suchen beginnen in all der Not?<\/p>\n<p>Wo war Ra\u00fdneta? Wo war sie? Was war das hier f\u00fcr ein Ort?<\/p>\n<p>Wie seltsam, dachte Truda verwundert und das Wohlbefinden tr\u00fcbte sich ein. Da war etwas, das nicht wirklich sein konnte.<\/p>\n<p>\u201eRa\u00fdneta!\u201c, rief Truda aus. Es kostete sie M\u00fche, Worte hervorzubringen, ganz so, als sei ihr die Zunge festgeklebt und der Kiefer zugebunden. \u201eRa\u00fdneta \u2026\u201c<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta blieb stehen. Sie wandte sich ihr zu und strahlte \u00fcber das ganze Gesicht. Sie kam nicht n\u00e4her, aber sie winkte ihr ausgelassen zu.<\/p>\n<p>\u201eTruda\u201c, rief sie. Ihr schien es keine M\u00fche zu bereiten. \u201eSchau, mein sch\u00f6nes Kleid! Ich freu mich so auf das Fest!\u201c<\/p>\n<p>\u201eRa\u00fdneta!\u201c, presste Truda verst\u00f6rt hervor, viel zu leise, als dass das Kind es auf die Entfernung h\u00e4tte h\u00f6ren k\u00f6nnen. \u201eRa\u00fdneta! Wo &#8230; sind wir?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMach dir keine Sorgen\u201c, antwortete Ra\u00fdneta fr\u00f6hlich. \u201eAlles wird gut. Alles wird wieder gut!\u201c<\/p>\n<p>\u201eRa\u00fdneta!\u201c Truda konnte nur m\u00fchevoll \u00e4chzen, ihre Stimme war wie eingefroren. \u201eBist &#8230; du in &#8230; Ordnung?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVater ist hinter den Tr\u00e4umen. Aber das ist richtig geschehen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchwesterchen!\u201c Es kostete Truda unglaubliche Anstrengung. Sie k\u00e4mpfte, mit Erfolg! Mit jedem Wort kam mehr Stimme heraus.<\/p>\n<p>\u201eDu bist in Gefahr!\u201c<\/p>\n<p>\u201eMach dir keine Sorgen! Ein guter Mann passt auf mich auf!\u201c<\/p>\n<p>\u201eRa\u00fdneta!\u201c<\/p>\n<p>Aber da war wieder der Schmetterling und lockte das Kind. Es jauchzte \u00fcberm\u00fctig und rannte leichtf\u00fc\u00dfig hinterdrein.<\/p>\n<p>Truda versuchte, sich zu bewegen, aber ihr ganzer K\u00f6rper war wie aus Stein. Nicht das kleinste Gelenk in ihrem Leib schien sich bewegen zu lassen. Das junge M\u00e4dchen nahm alle Kraft zusammen, aber es war gefangen in der Starre, in der tr\u00f6stenden Umarmung, in einem Netz aus Bl\u00fctenranken. Sie k\u00e4mpfte, aber sie sp\u00fcrte nichts dabei. So reglos \u2026<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6r auf\u201c, sprach sie jemand an, der hinter ihr stand.<\/p>\n<p>Trudas Herz tat einen schmerzhaften Satz vor Schreck. Sie atmete flach und trotz der sch\u00f6nen W\u00e4rme stellten ihr sich die H\u00e4rchen auf der Haut auf, wie unter einem kalten Hauch. Aber die K\u00e4lte kam aus ihr selbst, aus ihrem Inneren, und widersprach der Sch\u00f6nheit um sie herum und hatte nichts damit zu tun.<\/p>\n<p>\u201eBleib ruhig. K\u00e4mpf nicht dagegen an.\u201c Es war ein Mann, eine warme, sanfte Stimme. \u201eDu musst dich nicht bewegen. Das ist kein Ort f\u00fcr dich. Lass deinen Geist fallen, wie ein Blatt von einem Baum, der aufs Wasser f\u00e4llt. Kannst du dir das vorstellen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer ist da?\u201c, wimmerte sie. \u201eWer spricht da?\u201c<\/p>\n<p>\u201eKannst du dir das vorstellen?\u201c, wiederholte der Mann hinter ihr. \u201eVersuch es! Lass dich fallen. Lass dich treiben. Du hast hier keinen K\u00f6rper!\u201c<\/p>\n<p>Er sagte das mit Nachdruck, nicht wie einen Befehl. Es klang besorgt.<\/p>\n<p>\u201eIch hab Angst\u201c, wisperte sie. \u201eWas ist das hier?\u201c<\/p>\n<p>\u201eLass dich fallen! Keine Angst. Dir kann nichts geschehen, solange du dich an diesem Ort nicht an deinen K\u00f6rper klammerst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo ist Ra\u00fdneta?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin guter Mann passt auf sie auf. Jedenfalls sagt sie das.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas hat das zu bedeuten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df es nicht. Aber wenn sie es sagt, wird es stimmen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo ist meine Schwester?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie ist wieder fort.\u201c Die Stimme n\u00e4herte sich. \u201eWie ein kleiner Schmetterling, der ziellos umherflattert, wie ein flinkes Windninchen, hierhin und dort.\u201c<\/p>\n<p>Ein Schattenwurf legte sich neben ihr auf das Gras. Sie konnte den Kopf nicht wenden, sah nur aus den Augenwinkeln, dass er sich zu ihr hinab neigte. Dann ersp\u00e4hte sie fl\u00fcchtig eine schlanke Hand und ein St\u00fcck von einem schwarzen \u00c4rmel, als er die Bl\u00fctenranke auf ihrer Schulter ber\u00fchrte.<\/p>\n<p>\u201eHab keine Angst. Hier kann dich nichts zusto\u00dfen. Aber du solltest nicht hier sein. Ich habe auf jemand anderen gewartet.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo bin ich?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu bist Truda Emberbey\u201c, sagte er. \u201eDu bist unter den Blumen eingeschlafen. Du hast Botschaften f\u00fcr mich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas meint Ihr? Und woher wisst Ihr, wer ich bin?\u201c<\/p>\n<p>\u201eLass dich fallen\u201c, wiederholte er sanft. \u201eDer einzige Weg hinaus aus meinem Traum ist, in den deinen zur\u00fcckzukehren. Lass deine Gedanken frei, damit ich verstehe. Lass mich schauen.\u201c<\/p>\n<p>Sie f\u00fchlte sich pl\u00f6tzlich benommen. Das wispernde Laub \u00fcber ihr flimmerte kr\u00e4ftiger, schneller. Das sanfte, lichte Silbergr\u00fcn wurde heller und heller und schlie\u00dflich strahlend hell. Es l\u00f6schte den Wald und das Wasser und den Mann mit dem schwarzen \u00c4rmel aus und wurde zu einer sanften, tr\u00f6stenden Schw\u00e4rze.<\/p>\n<p>Kaum war die S\u00fc\u00dfspeise serviert, erhob Manj\u00e9v sich vom Tisch. Sie hatte nicht einmal den letzten Bissen heruntergeschluckt.<\/p>\n<p>\u201eMajest\u00e4t?\u201c, fragte \u00d3lef\u00e1 Tjiergroen.<\/p>\n<p>\u201eNehmt es mir nicht \u00fcbel\u201c, sagte Manj\u00e9v. \u201eAber es war ein langer Tag. Ich bin m\u00fcde.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber der Abend ist doch noch nicht halb verstrichen!\u201c, begehrte die mit dem Geschmeide auf, die sich als <em>yarlaranda<\/em> von Valfront\u00edr entpuppt hatte.<\/p>\n<p>Die Vorwitzige aus dem Haus Vali\u00e9se schien ebenso erschrocken. \u201eMajest\u00e4t, es gibt doch noch Musik und Geschichten, und \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eGenie\u00dft all das. Ich w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte Euch Gesellschaft leisten. Morgen bin ich sicher erholter. Ich hatte einen anstrengenden Tag.\u201c<\/p>\n<p>Sie r\u00fcckte eigenh\u00e4ndig ihren Stuhl ab, l\u00e4chelte den drei verdatterten M\u00e4dchen zu und schritt dann hin\u00fcber zu ihren Eltern.<\/p>\n<p>\u201eManj\u00e9v?\u201c, fragte Asga\u00fd von Spagor verwundert. Der <em>teirand<\/em> hatte sich in angeregtem Gespr\u00e4ch mit <em>yarl<\/em> Lebr\u00e9oka befunden.<\/p>\n<p>\u201eIch bin m\u00fcde, Vater. Ich will mich zur\u00fcckziehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber Kind! All die G\u00e4ste \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie unterhalten sich sicherlich pr\u00e4chtig, auch ohne meine Anwesenheit.\u201c<\/p>\n<p>K\u00edan\u00e1 von Wijdlant warf der Tochter einen sanft tadelnden Blick zu. \u201eKind. Du br\u00fcskierst all die hochedlen Damen und Herren. Die G\u00e4ste sind alle deinetwegen hier.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBitte, Mama\u201c, wisperte Manj\u00e9v. \u201eIch kann wirklich nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Asga\u00fd von Spagor l\u00e4chelte entschuldigend in die Runde. \u201eVerzeiht\u201c, bat er. \u201eSicher fehlen meiner Tochter heute ihre Hofdamen. Es war ein anstrengender Tag.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGanz recht\u201c, f\u00fcgte Manj\u00e9v an und zwang sich ein herzliches L\u00e4cheln aufs Gesicht. \u201eEs w\u00e4re ein Verrat, wenn ich mich heute vergn\u00fcgte, ohne dass meine liebsten Freundinnen sich an dem Fest erg\u00f6tzen k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd Eure liebsten Freunde wohl auch, nicht wahr?\u201c, kam es von Benjus von Valvivant. Die Stimme des alten <em>teirand<\/em> war zittrig, verwaschen, und es mangelte ihm an einigen seiner Z\u00e4hne. Der alte Mann hatte eine etwas feuchte Aussprache. Abgesehen davon wirkte er leutselig und gut gelaunt. Offenbar gefiel ihm das Bankett und der Weinpudding hatte wohl gut gemundet.<\/p>\n<p>\u201eMajest\u00e4t?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun\u201c, nuschelte der <em>teirand<\/em>, \u201ewas ist ein solch sch\u00f6nes Fest wohl nur ohne den schmucken jungen Herrn an Eurer Seite?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMajest\u00e4t, ich wei\u00df wirklich nicht \u2026\u201c, brachte Manj\u00e9v unbehaglich hervor.<\/p>\n<p>\u201eNun, so hold ihr err\u00f6tet, hochedle <em>teirandanja<\/em>, es ist jammerschade, dass der junge Merrit Althopian das Bankett vers\u00e4umt hat. Ich erinnere mich gut an ihn, von meinem gro\u00dfen Prachtturnier. Was f\u00fcr ein Reiter! Was f\u00fcr ein Meister der Fechtkunst! Da k\u00f6nnen die jungen Herren hier sich noch einiges abschauen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh.\u201c Manj\u00e9v wandte sich den jungen Rittern zu, die am anderen Ende des hohen Tisches neben ihren V\u00e4tern sa\u00dfen und aufmerksam lauschten. \u201eMerrit Althopian. Ja, dass er ein tauglicher K\u00e4mpfer ist, das ist wohl wahr. Was das andere betrifft \u2026 da ist das Wort noch nicht gesprochen.\u201c<\/p>\n<p>K\u00edan\u00e1 von Wijdlant l\u00e4chelte, mit Unbehagen. Einer der jungen M\u00e4nner, der <em>yarlandor<\/em> von Valfront\u00edr oder Vale\u00eds\u00e9\u00a0\u00a0 &#8211; Manj\u00e9v konnte beides nie auseinanderhalten \u2013 hatte seinen L\u00f6ffel noch halb erhoben und war in der Bewegung erstarrt.<\/p>\n<p>\u201eNun\u201c, sagte <em>yarl<\/em> Tjiergroen bedacht und mit einem Blick auf einen der Junker, wahrscheinlich seinem Sohn. \u201eDas ist eine Neuigkeit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMeine Herren? Hochedle Damen?\u201c Manj\u00e9v verneigte sich und wollte sich abwenden.<\/p>\n<p>\u201eMajest\u00e4t!\u201c Der <em>yarlandor<\/em> lie\u00df seinen L\u00f6ffel fallen und sprang eifrig auf. \u201eErlaubt mir, Euch zu Eurem Ziel zu geleiten!\u201c<\/p>\n<p>Auch der <em>yarlandor<\/em> von Lebr\u00e9oka war auf den Beinen, offenbar mit demselben Ansinnen. Tjiergroen gab seinem Sohn ein ungeduldiges Zeichen. Der junge Mann erhob sich.<\/p>\n<p>Manj\u00e9v schaute die drei Junker best\u00fcrzt an. Das waren doch wohl nicht die Gegenst\u00fccke zu den plappernden Jungfern, denen sie gerade zu entkommen versuchte?<\/p>\n<p>\u201eBem\u00fcht Euch nicht\u201c, wiegelte sie ab und schenkte jedem ein strahlendes L\u00e4cheln. \u201eDas ist <em>yarl<\/em> Mor\u00e9avals Aufgabe.\u201c\nSie schaute sich suchend nach dem Ritter um und entdeckte ihn, wie er unten bei den anderen Edlen am Tisch sa\u00df. Er teilte seiner Dame ein K\u00fcchlein ein H\u00e4ppchen und reichte ihr St\u00fcck um St\u00fcck an. Offenbar war man bester Laune. Sogar Altabete und Grootplen, deren <em>h\u00fdardorae<\/em>\u00a0 noch nicht da waren, \u00fcberspielten den Ernst der Dinge. T\u00edjnjes Mutter war arglos. Sie genoss die liebevolle Zuwendung ihres <em>h\u00fdardor<\/em>. Keiner am Tisch sah aus, als betrauere man den ermordeten <em>yarl<\/em> Emberbey.<\/p>\n<p>\u201eHerr J\u00f3ndere!\u201c, rief Manj\u00e9v flehentlich \u00fcber das Lachen, Schwatzen und Becherklirren hinweg, bevor sich jemand anders besinnen konnte.<\/p>\n<p>\u201eKind, bitte\u201c, mahnte K\u00edan\u00e1 von Wijdlant.<\/p>\n<p>\u201eBitte, Mama\u201c, fl\u00fcsterte Manj\u00e9v. \u201eIch <em>kann<\/em> nicht mehr \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eMor\u00e9aval!\u201c, rief Asga\u00fd von Spagor. Nun wurde der Ritter aufmerksam. Er erhob sich ertappt und warf seiner Dame einen entschuldigenden Blick zu. Manj\u00e9v gr\u00fc\u00dfte die G\u00e4ste aus Valvivant, winkte auch den M\u00e4dchen noch einmal huldvoll zu. Dann eilte sie Mor\u00e9aval entgegen. Unter den neugierigen Blicken und verstohlenem Raunen einiger G\u00e4ste verlie\u00dfen sie den Saal.<\/p>\n<p>\u201eVergebt mir, Herr J\u00f3ndere\u201c, sagte sie, w\u00e4hrend sie den Burghof \u00fcberquerten. Fackeln und Feuerschalen spendeten W\u00e4rme und Licht. Hier und da standen Leute beisammen, plauderten und tranken aus groben Tonbechern. In einer Ecke des Hofes bereiteten sich Musikanten auf ihren Auftritt in der Halle vor. \u201eIch musste die Kerle loswerden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWelche Kerle? Die Gr\u00fcnschn\u00e4bel aus Valvivant?\u201c<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelte m\u00fcde. \u201eIch benehme mich arrogant und eitel, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIhr macht das gut, indem Ihr morgen einen Besuch im Turnierlager macht. Das wird die Gem\u00fcter bes\u00e4nftigen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDanke, Herr J\u00f3ndere. Ich werde dar\u00fcber nachdenken.\u201c<\/p>\n<p>Er brachte sie sicher zu ihrem Gemach. Truda lag dort immer noch unter den Ranken, hatte sich aber etwas freigestrampelt. Mehrere Bl\u00fcten lagen auf dem Bettvorleger. Manj\u00e9v nahm die Blume aus ihrem Haar und warf sie m\u00fcde dazu.<\/p>\n<p>Dann setzte sie sich ans Fenster und beobachtete das Treiben auf dem Hof, lauschte der Musik und dem Gel\u00e4chter aus der Halle, ohne selbst ein Licht zu entz\u00fcnden. So war sie von unten nicht zu erkennen.<\/p>\n<p>Nur einmal h\u00f6rte sie Truda im Schlaf etwas murmeln.<\/p>\n<p>\u201eWie ein Blatt\u201c, klang es unter den Blumenranken hervor. \u201eWie ein Blatt auf dem Wasser, Schwesterchen. Schau, wie es schwimmt.\u201c<\/p>\n<p>Im S\u00fcden, schon fast in Sichtweite der Burg Althopian, kuschelte sich Ra\u00fdneta Emberbey an Gal\u00e9on und tr\u00e4umte. \u201eKeine Angst\u201c, wisperte sie. \u201e<em>Ich<\/em> hab keine Angst. Ein guter Mann gibt auf mich Acht!\u201c<\/p>\n<p>Gal\u00e9on strich ihr sanft \u00fcber das schmutzige, unordentliche Haar. Dies war die letzte Nacht, in der er sie beh\u00fcten w\u00fcrde. Ob ihr ein Traum von flauschigen Windninchen auf einer Sommerwiese gefallen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Im Westen schaute Osse Emberbey ins Feuer. Schlafen konnte er nicht. Zu sehr kreisten seine Gedanken um das, was ihn in Wijdlant erwarten w\u00fcrde. Was w\u00fcrde er sagen, der Vater, wenn er die Zeugnisse, die Empfehlungen, die Lobesschreiben las, die er aus der Ferne mitgebracht hatte? W\u00e4re er zufrieden? Vielleicht sogar stolz?<\/p>\n<p>Merrit schlief, aufrecht sitzend, angelehnt an den Baumstamm. Ohne Eisenzeug, doch das blanke Schwert in H\u00e4nden. Was immer sie hier angreifen konnte, und sei es eine streunende Katze, der Ritter w\u00fcrde ihn besch\u00fctzen. Osse seufzte und w\u00fcnschte sich, er k\u00f6nne es dem Freund vergelten, den er so vermisst hatte.<\/p>\n<p>Nur einmal zuckte der junge Mann aus dem Schlaf hoch, ohne aufzuwachen. Osse schaute verwirrt zu ihm hin\u00fcber.<\/p>\n<p>Hatte Merrit gerade tats\u00e4chlich nach seiner <em>Mutter<\/em> gerufen?<\/p>\n<p>Ebenfalls im Westen, aber eine weite Strecke nebenher, lagen T\u00edjnje Mor\u00e9aval und J\u00e1ndris Altabete in ihren Herbergsbetten wach. Die Geschichte, die der <em>b\u00e1chorkor<\/em> ihnen erz\u00e4hlt hatte, ging ihnen nicht aus dem Kopf. Sie kam ihnen so \u2026 bekannt vor.Auch\u00a0 L\u00e1as Grootplen, drau\u00dfen in der Scheune, schlief nicht. Das w\u00e4re Verschwendung gewesen. Tridna sah das \u00e4hnlich. Wahrscheinlich w\u00fcrden sie beide es am n\u00e4chsten Tag bitter bereuen, wenn sie v\u00f6llig \u00fcbern\u00e4chtigt in Wijdlant eintrafen. Die sonderbare Geschichte hatten sie beide verpasst. Aber das war es wert.<\/p>\n<p>Im Turnierlager s\u00fcdlich der Burg schnarchte Rolk vor sich hin. Sie beide hatten sich einen gro\u00dfen Krug Bier geg\u00f6nnt und gefeiert, <em>yarl<\/em> Altabete erfolgreich losgeworden zu sein. Aber etwas tr\u00fcbte die Freude, subtil und nicht greifbar. K\u00e1rar Ferocriv\u00e9 versuchte, das Schnorcheln und Prusten seines Knappen zu ignorieren, und presste sich sein Kissen auf die Ohren. Wo er ohnehin wach lag, lie\u00df er seine Gedanken schweifen. Dass er den naiven jungen Ritter nicht aus dem Weg ger\u00e4umt hatte, wurmte ihn. Solange der junge Mann in Wijdlant eingekerkert war, kam er nicht an ihn heran, um die Sache zu beenden. Aber was konnte er tun? Und hatte er nicht eigentlich wichtigere Dinge zu tun? Ihm war, als habe er seit der Begegnung mit dem jungen T\u00f6lpel ohne Wappen etwas Entscheidendes aus den Augen verloren.<\/p>\n<p>Und dann traf ihn, v\u00f6llig unvorbereitet, eine Eingebung, die unter dem \u00c4rger \u00fcber <em>yarl<\/em> Ycelia, der Gier nach dem Pferd und dem \u00c4rger \u00fcber die begriffsstutzige <em>yarlaranda<\/em> begraben gelegen hatte.<\/p>\n<p>\u201eRolk\u201c, rief K\u00e1rar Ferocriv\u00e9. Und noch einmal: \u201eRolk!\u201c<\/p>\n<p>Mit einem Schnarcher fuhr der Knappe hoch. \u201eHerr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSag, erinnerst du dich an das, was du vor zwei Tagen beobachtet hast?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, Herr.\u201c Der Knappe g\u00e4hnte. \u201eAn was denn?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAn den Ritter mit den zwei Weibsbildern, den du auf der Lichtung gesehen hast.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch so. Ja, die waren so sch\u00f6n \u2026 ich meine, das war ganz sch\u00f6n verd\u00e4chtig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eErinnerst du dich noch, wie der <em>Ritter<\/em> aussah?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDenke schon, Herr. War ein schmucker junger Herr. Den Damen gef\u00e4llt er offenbar auch, wo er doch gleich zwei davon &#8230;\u201c<\/p>\n<p>K\u00e1rar Ferocriv\u00e9 fiel ihm ins Wort. \u201eW\u00fcrdest du ihn erkennen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch glaube schon. Gestern dachte ich sogar, ich h\u00e4tte ihn gesehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas?\u201c Der Ritter setzte sich ruckartig auf. \u201eWann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa, der junge Herr, dem wir das Pferd abgenommen haben. Also der, dem ich das Pferd verkauft habe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd das f\u00e4llt dir jetzt erst ein, Kerl?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIhr habt ja nicht gefragt, Herr!\u201c, verteidigte Rolk sich hastig, als K\u00e1rar Ferocriv\u00e9 aufsprang. Mit einem gro\u00dfen Schritt war er als drohender Schatten an seinem Bett. \u201eUnd war er ja auch nicht!\u201c<\/p>\n<p>\u201eBist du dir sicher?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGanz sicher, Herr! Weil, der Ritter mit den beiden Damen hatte ganz langes blondes Haar. Wie ein M\u00e4dchen. Und ein R\u00fcstzeug aus Gold! Den w\u00fcrde ich unter <em>Hunderten<\/em> wiedererkennen!\u201c<\/p>\n<p>K\u00e1rar Ferocriv\u00e9 beschloss, nicht zu schreien. Er bezwang sich gerade noch rechtzeitig, nicht zu seiner Axt zu greifen und an Rolk zu vollenden, was er an dem mysteri\u00f6sen Wappenlosen vers\u00e4umt hatte. Dem Ritter, der offenkundig mit der <em>yarlara<\/em> von Emberbey paktierte.<\/p>\n<p>Vielleicht war das nun sogar noch viel besser als alles, was er sich zurechtgelegt hatte. Man musste es nur richtig drehen.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend im Weltenspiel gefeiert, gewacht, geliebt, getr\u00e4umt und intrigiert wurde, trug ein gefl\u00fcgeltes Tier seine Reiter weit, weit nach Norden. Kein einziger Magier schlief in dieser Nacht. Nicht einer im ganzen Weltenspiel.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/scherbenlied-oder-die-suche-nach-dem-boesen-band-3\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-4702","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-03_scherbenlied"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4702"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4702\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4704,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4702\/revisions\/4704"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4702"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}