{"id":4615,"date":"2025-12-15T19:42:06","date_gmt":"2025-12-15T18:42:06","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=4615"},"modified":"2025-12-15T20:38:37","modified_gmt":"2025-12-15T19:38:37","slug":"050-durch-waelder-und-felder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/12\/15\/050-durch-waelder-und-felder\/","title":{"rendered":"051: Durch W\u00e4lder und Felder"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SL_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1992\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p>Der Tag hatte sich dahingeschleppt. Aber das Gel\u00e4nde ver\u00e4nderte sich endlich. Es ging langsam, aber stetig bergan, nicht so steil, dass es allzu beschwerlich gewesen w\u00e4re, und die Stra\u00dfe war gut befestigt. \u00dcber die Zeit jedoch gelangten sie zwischen Feldern und den versprengten Waldst\u00fcckchen hindurch in ein durchgehend baumbewachsenes Gebiet. Das wurde nach und nach zu Seiten der Stra\u00dfe zu einem dichten Wald, der kein Ende zu nehmen schien.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich begegneten ihnen hier und dort Menschen, die sich auch \u00fcber das edle, wenn auch sichtlich ersch\u00f6pfte Pferd wunderten, das sie bei sich f\u00fchrten. Aber Gal\u00e9on machte es wenig M\u00fche, glaubhaft zu versichern, dass er gegen ein kleines Entgelt das Pferd zur\u00fcck nach Althopian f\u00fchren sollte. Auf das kleine M\u00e4dchen, das m\u00fcde im Sattel sa\u00df und sich m\u00fchte, nicht herunterzufallen, achtete kaum jemand. Das, tat er es ab, war seine Nichte, die er zu Verwandten nach S\u00fcden brachte. Ra\u00fdneta hatte darauf beharrt, den Sack als Verkleidung am Leib zu behalten. Sie hatte sogar darauf bestanden, das alte, feine Kleidchen abzulegen, damit es noch echter aussah, und sie spielte das Spiel sehr ernsthaft mit, obgleich der grobe Stoff sicherlich auf ihrer Haut kratzte. Wie eine hochedle kleine <em>yarlaranda<\/em> sah sie nicht mehr aus. Ihr Haar war verschwitzt und zerzaust, und der Stra\u00dfenstaub begann, sich auf ihrer Haut festzusetzen. Nur das Kuscheltier, das sie nun wieder im Arm trug, war ein klein wenig zu aufwendig f\u00fcr ein Kind, das zu einem <em>b\u00e1chorkor<\/em> geh\u00f6ren mochte.<\/p>\n<p>Unbequeme Fragen stellte niemand, was Gal\u00e9on \u00e4u\u00dferst \u00fcberraschend fand. Aber das musste nichts hei\u00dfen. Nat\u00fcrlich dauerte es seine Zeit, bis sich die Botschaft aus Emberbey auch abseits der D\u00f6rfer und Herbergen herumsprach. Doch Ger\u00fcchte waren nicht ganz so schnell wie Tauben.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta war ersch\u00f6pft. Unterwegs hatte sie ihm anvertraut, dass sie noch niemals so weit von ihrer Burg entfernt gewesen war. Herr Alsg\u00f6r war nie mit dem kleinen M\u00e4dchen nach S\u00fcden gereist; nur in Spagor und Virhav\u00e9t war es einige Male gewesen. Nachts im Freien \u00fcbernachtet hatte das Kind noch nie.<\/p>\n<p>Wenn sie diesen Wald durchquert hatten, w\u00fcrden sie das weite Weideland rings um die Burg Althopian erreichen. Wenn sie die Nacht hindurch weiter gingen, w\u00e4re es am n\u00e4chsten Vormittag ausgestanden. In der letzten Herberge zwischen hier und der Burg einzukehren, das kam allerdings nicht infrage. Solange sie in Bewegung blieben, w\u00fcrde es dem Schwarzgewandeten schwerer fallen, sie aufzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>Gal\u00e9on gab dem Pferd die Zeit, hier und dort am Rande des Weges Pflanzen zu fressen, die ihm zusagten. Das machte sie langsam, aber es hielt das Tier bei Kr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Um sie bei Laune zu halten, hatte Gal\u00e9on begonnen, Ra\u00fdneta Geschichten von herrlichen Festen zu erz\u00e4hlen, von prunkvollen Feiern und pr\u00e4chtigen Turnieren, von Kurzweil und Tanz und geheimnisvollen Begebenheiten, von Maskeraden, wie die in Ycelia beliebt waren, und den bunten Festlichkeiten in For\u00e9tern. Ra\u00fdneta hatte ihm eine Weile aufmerksam zugeh\u00f6rt. Er hatte sich bem\u00fcht, seine Geschichten auf die Dinge zu konzentrieren, von denen er wusste, dass sie das besondere Interesse von Kindern erregten. Von den reisenden Gauklern und ihren Taschenspielereien, von besonderem Zuckerzeug und \u2013 schlie\u00dflich hatte er hier eine kleine <em>yarlaranda<\/em> zum Publikum \u2013 von den pr\u00e4chtigen Gew\u00e4ndern und Geschmeiden der Damen und den edlen Herren, die sie umwarben.<\/p>\n<p>Aber er bemerkte schnell, dass Ra\u00fdnetas Gedanken von all diesen Oberfl\u00e4chlichkeiten weg drifteten, zur\u00fcck zu dem, was sie daheim verloren hatte. Er lie\u00df ihr die Zeit, um nachzudenken, verstummte selbst und wartete, bis sie ihrerseits wieder sprach.<\/p>\n<p>\u201eWenn ich einmal so alt bin wie Truda\u201c, sagte das Kind m\u00fcde, \u201eob dann auch ein hochedler Herr kommt, um mein <em>h\u00fdardor<\/em> zu werden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMuss es denn ein Hochedler sein, nach deinem Geschmack?\u201c, versuchte er einen Scherz. \u201eWas, wenn es ein armer, aber guter Bursche w\u00e4re? Wie in dem M\u00e4rchen von der teirandanja und dem tapferen Schneiderburschen, das ich dir vorhin erz\u00e4hlt habe?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch\u201c, murmelte sie. \u201eDas ist eben doch nur ein M\u00e4rchen. Das passiert doch nicht wirklich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDenke das nicht, V\u00f6gelchen. Es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass sich wahre Liebe nicht um die Geburt schert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMein Vater hat immer gesagt\u201c, entgegnete sie nachdenklich, \u201edass eines Tages ein hochedler <em>yarl<\/em> kommt und mich mit auf seine Burg nimmt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4re dir das recht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas muss so sein.\u201c Sie seufzte und rutschte im Sattel hin und her, um sich in eine bequemere Position zu bringen. \u201eWenn Osse der <em>mynstir<\/em> f\u00fcr die <em>teirandanja<\/em> wird, hat er sicher nicht die Zeit, sich um unsere Burg zu k\u00fcmmern. Dann wird Truda mit ihrem <em>h\u00fdardor<\/em> dorthin zur\u00fcckkehren, wenn sie einen hat.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wenn deine Schwester lieber in Wijdlant bleiben will? Oder mit ihrem <em>h\u00fdardor<\/em> in dessen <em>yarlm\u00e1lon<\/em> geht? Oder dich bei sich behalten m\u00f6chte?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, das geht so nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum?\u201c<\/p>\n<p>Darauf hatte Ra\u00fdneta keine Antwort. Vielmehr schien sie verwirrt dar\u00fcber, dass jemand die W\u00fcnsche ihres Vaters hinterfragte. \u201eWeil es so sein <em>muss<\/em>\u201c, sagte sie dann und duldete keinen Widerspruch.<\/p>\n<p>Gal\u00e9on seufzte lautlos. Menschen. Wieso waren sie stets so \u00fcberzeugt davon, das eigene Schicksal planen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>\u201eDein Bruder an der Seite der <em>teirandanja<\/em>. Deine Schwester Herrin auf Emberbey. Wo in diesem Plan ist eigentlich auf Dauer Platz f\u00fcr Venghi\u00e1r?\u201c<\/p>\n<p>\u201ePlatz?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Platz. Wahrscheinlich hat dein Vater ihn als Statthalter f\u00fcr deinen Bruder aus Rodekliv geholt. Aber was, wenn ein <em>h\u00fdardor<\/em> seinen Platz einnehmen will? Wei\u00dft du, ob dein Vater dazu etwas bestimmt hat?\u201c<\/p>\n<p>Sie sch\u00fcttelte den Kopf. Ihre Gedanken drohten, wieder schwer und schmerzhaft zu werden.<\/p>\n<p>\u201eVielleicht\u201c, sagte er, um sie abzulenken, \u201elernst du beim <em>vaspos\u00e1r<\/em> deinen <em>h\u00fdardor<\/em> kennen. Wer wei\u00df?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber daf\u00fcr bin ich doch noch viel zu klein\u201c, widersprach sie. Aber sie kicherte bei dem Gedanken.<\/p>\n<p>\u201eWer wei\u00df? Der einzige Unterschied mag sein, dass ihr vorerst nicht beisammen unter dem Glitzern von Nokt\u00e1mas Schleier im Garten sitzt, sondern Naschwerk von der Tafel stibitzt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas sollten wir denn bei Nacht im Garten?\u201c, fragte Ra\u00fdneta verwirrt. \u201eDa ist es doch finster.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu hast Recht, V\u00f6gelchen. Was gilt die S\u00fc\u00dfe der Nacht, wenn es anderswo Konfekt gibt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, du lachst mich doch aus\u201c, r\u00fcgte sie, wohl ernsthaft unsicher, ob sie ungehalten oder belustigt sein sollte.<\/p>\n<p>\u201eDas w\u00fcrde ich mir nie erlauben.\u201c<\/p>\n<p>Sie neigte sich vorn\u00fcber und zu ihm hinab. \u201eAber du grinst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ich sagen will\u201c, beeilte er sich und bem\u00fchte sich wieder um Ernsthaftigkeit, \u201eist, dass sich Wege in \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdigen Momenten kreuzen k\u00f6nnen. Wer wei\u00df? Vielleicht ist ein schmucker junger Knappe bei den G\u00e4sten, dessen Herz dir gef\u00e4llt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, wenn wir doch nur schon da w\u00e4ren.\u201c Ra\u00fdneta setzte sich wieder auf und seufzte.<\/p>\n<p>Eine Weile schwiegen sie beide. Das Pferd schritt stetig voran. Seine breiten Hufe stapften auf dem weichen Waldweg, das Lederzeug knirschte. Ab und zu lie\u00df sich in Vogel h\u00f6ren, und irgendwo weiter weg trommelte ein Specht.<\/p>\n<p>\u201eIch bin so m\u00fcde\u201c, klagte sie. \u201eUnd ich kann kaum noch sitzen. Und ich habe schon wieder Hunger.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu h\u00e4ltst dich hervorragend. Viel besser und tapferer, als ich es erwartet hatte. Ich werde eine Geschichte daraus machen, wie die, die ich sonst \u00fcber die tapferen Helden erz\u00e4hle. Wie findest du das?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch h\u00e4tte lieber etwas zu essen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir haben noch die N\u00fcsse von gestern. Beim n\u00e4chsten Bachlauf machen wir eine Rast. Da kann das Pferd saufen, und ich knacke dir die Schalen auf.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd sitzen kann ich auch kaum noch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDenk an das weiche Bett, an das gute Essen in Althopian, V\u00f6gelchen. Sicher machen sie dir auch einen Zuber mit duftendem Seifenwasser.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh ja\u201c, seufzte sie begierig. \u201eBaden. Schlafen. Und ein neues Kleid brauche ich auch. Wie gut, dass wir den Stoff mitgenommen haben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMorgen sind wir da.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSind wir in Althopian auch sicher vor dem Schattenmann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDir wird nichts geschehen. Von dir will er nichts. Lass ihn meine Sorge sein. Bei Herrn Wa\u00fdreth bist du sicher.\u201c<\/p>\n<p>Vogelrufe. Bl\u00e4ttergefl\u00fcster \u00fcber ihnen in den Wipfeln. Dumpfe Pferdeschritte, ab und zu ein leises Schnauben des Grauen.<\/p>\n<p>\u201eOb die <em>teirandanja<\/em> nachts mit Herrn Merrit im Garten sitzt?\u201c, brach das Kind nachdenklich die Stille, so s\u00fc\u00df, interessiert und unschuldig, dass es ihn schaudern lie\u00df.<\/p>\n<p>\u201eDas kann ich nicht wissen\u201c, sagte er rasch.<\/p>\n<p>\u201eIch f\u00e4nde es sch\u00f6n\u201c, fuhr sie fort und widmete sich ihrem Kuscheltier. \u201eIch mag Herrn Merrit n\u00e4mlich sehr gerne. Er hat mir damals das sch\u00f6ne wei\u00dfe Pferdchen &#8230; ach.\u201c<\/p>\n<p>Gal\u00e9on fragte nicht nach. Sie wollte \u00fcber dieses wei\u00dfe Pferdchen nicht reden, aber immer, wenn sie es erw\u00e4hnte, war da so ein seltsames Bedauern. Nun, sie musste von selbst damit herauskommen. Wenn er nun fragte, dann w\u00fcrde sie wieder von der Trauer \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Merrit Althopian, dachte er stattdessen bedr\u00fcckt. Wie viel Gutes h\u00f6re ich von dir. Wie viele Menschen sind dir zugetan. Ich w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte mich vor diesem einen Herzen davonstehlen.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Merrit und Osse hatten derweil einen guten Teil des Weges abgeschnitten, indem sie vorsichtig noch nicht einges\u00e4te Felder \u00fcberquerten. Einmal hatte es sich nicht vermeiden lassen. Da waren die beiden jungen M\u00e4nner an das Geh\u00f6ft heran geritten, zu dem die \u00c4cker geh\u00f6rten, ein kleinerer, sehr entlegener Gemeinschaftshof, dessen Geb\u00e4ude mehrere Familien beherbergte. Entsprechend gro\u00df war das Aufsehen gewesen, das sie erregt hatten. Merrit auf seinem eindrucksvollen Pferd war in Windeseile von staunenden Kindern umringt gewesen, denen er gutm\u00fctig erlaubte, sein Eisenzeug zu ber\u00fchren. Osse hielten die Bauern wohl im ersten Moment f\u00fcr einen Amtmann aus Grootplen, bis einer sein Wappen erkannte und sich \u00fcber den hohen Besuch gar nicht beruhigen konnte. Ihn be\u00e4ugten die Kinder argw\u00f6hnisch, bis auf eines, das \u00fcber die Augengl\u00e4ser laut auflachte und von seiner Mutter rasch zum Schweigen ermahnt wurde.<\/p>\n<p>Osse hatte den Leuten etwas Geld als vorgezogenen Schadenersatz f\u00fcr den Pfad gegeben, den sie im Feld verursachen w\u00fcrden. Dann waren sie eilig weitergezogen. Nicht ohne dass die anwesenden jungen <em>f\u00e1njula\u00e9<\/em> Merrit frisches Brot, K\u00e4se und einen Krug Bier aufgedr\u00e4ngt hatten. Den balancierte der Ritter nun auf dem Schenkel, w\u00e4hrend er sein Ross behutsam quer durch das aufkeimende Gr\u00fcn trieb. Osse versuchte, mit dem Maultier in seinen Spuren zu bleiben, so gut es ging. Das ledige Pferd schlurfte hinter ihnen her.<\/p>\n<p>\u201eDu kannst gut mit Kindern umgehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist keine Kunst, solange ich dieses Zeug am Leib habe. Wenn ich ohne Eisen durchs Dorf laufen w\u00fcrde, erkennen die Kleinen mich wahrscheinlich gar nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDaf\u00fcr schauen die <em>fanjul\u00e1e<\/em> sicher umso genauer hin\u201c, scherzte Osse. \u201eDie w\u00fcssten sicher gar zu gerne, wie es unter deinem Eisen aussieht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, das ist wie bei den N\u00fcssen. Unter der sch\u00f6nsten Schale kann ein k\u00fcmmerlicher Kern sitzen.\u201c<\/p>\n<p>Osse hob die Brauen. Das, was er von Merrit gesehen hatte, war alles andere als k\u00fcmmerlich.<\/p>\n<p>\u201eGleich sind wir wieder auf der Stra\u00dfe. Ich kann aber schlecht sagen, wie weit wir heute noch kommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie viel Zeit haben wir denn gewonnen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGenug. Wir haben ein St\u00fcck schr\u00e4g nach Norden abgeschnitten. Damit sind wir den anderen voraus, wenn sie auf dem Weg bleiben und wie geplant in der letzten Herberge einkehren. An der sind wir bereits vorbei.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann \u00fcbernachten wir unter freiem Himmel?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, wir \u00fcbernachten gar nicht. Lass uns eine kurze Rast einlegen, sobald wir eine Weide finden. Die Tiere m\u00fcssen eine Weile ruhen und grasen. Wir haben f\u00fcr uns ja nun auch Speise und Trank.\u201c Merrit lachte. \u201eWozu brauchen wir eine Herberge, wo man einem nach dem Leben trachtet?\u201c<\/p>\n<p>\u201eHab Geduld mit mir, Merrit. Das Stadtleben hat mich verweichlichen lassen. Ich bin es nicht gewohnt, tagelang nicht zum Liegen zu kommen. Schon gar nicht zu dieser Jahreszeit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df aus gut unterrichteter Quelle, dass in Wijdlant ein herrliches Bett auf dich wartet. Mit frisch gestopfter Matratze und sauberen Decken. Manj\u00e9v hat eigens f\u00fcr dich ein ganz feines Liegefell besorgen lassen. T\u00edjnje sagt, J\u00e1ndris war beinahe neidisch. Er meint, unsere <em>teirandanja<\/em> verw\u00f6hnt dich zu sehr.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann es kaum erwarten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn Wijdlant wird bereits viel Trubel sein. In der Burg haben sie jeden verf\u00fcgbaren Raum f\u00fcr G\u00e4ste frei gemacht. Nur die Turnierk\u00e4mpfer und deren Knappen sind drau\u00dfen in den Zelten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu auch? Hast du deine Kammer f\u00fcr einen Gast freigemacht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSelbstverst\u00e4ndlich. Mein Vater hat wohl den Komfort verdient.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas hei\u00dft, dass ich dich w\u00e4hrend des <em>vaspos\u00e1r<\/em> nur von Weitem sehen werde?\u201c<\/p>\n<p>Merrit sp\u00e4hte \u00fcber seine Schulter. \u201eWir werden keine Vorz\u00fcge gegen\u00fcber den anderen haben. Aber keine Sorge. Unsere Lagerzelte sind bequem genug f\u00fcr die paar Tage.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchade.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie? Soll ich etwa auf blankem Boden schlafen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein. Ich meine, es ist schade, dass wir uns gerade erst wieder begegnet sind und schon wieder getrennte Wege gehen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Der junge Ritter l\u00e4chelte. \u201eDu wirst dir noch die Tage zur\u00fcckw\u00fcnschen, an denen ich weit weg war, wenn du erst im Amt bist.\u201c Er wandte sich wieder nach vorn und trabte weiter.<\/p>\n<p>Osse schloss zu ihm auf, sehr zum Unmut des Maultieres und des Handpferdes. Beide M\u00e4nner schwiegen, bis die Tiere wieder festen Stra\u00dfenboden unter den Hufen hatten.<\/p>\n<p>\u201eWie siegessicher bist du dir, Merrit?\u201c, fragte Osse schlie\u00dflich. \u201eHier, vor mir, und ohne dass es ein Dritter h\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>Er musste bemerkenswert lange auf eine Antwort warten. Merrit lie\u00df die Z\u00fcgel h\u00e4ngen und umfasste den Krug mit beiden H\u00e4nden.<\/p>\n<p>\u201eWas das Turnier betrifft, kenn ich einige der Wettbewerber bereits und kann sie absch\u00e4tzen. Ich, wir alle, haben bis zum Umfallen trainiert und unsere Tauglichkeit gesch\u00e4rft. Sogar unser Eisenzeug haben wir umarbeiten lassen. Du wirst den Unterschied beim Ansehen wahrscheinlich nicht bemerken, aber die Gelenke sind jetzt \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eMerrit\u201c, mahnte Osse sanft. \u201eDu weichst mir aus. Ich will wissen, wie du die Sache beurteilst.\u201c<\/p>\n<p>Merrit schaute in den Krug, als f\u00e4nde er darin eine gute Ausrede. Aber Osse hatte Zeit. Wann, wenn nicht jetzt, konnte er sich Klarheit \u00fcber die Sorgen seines Freundes machen? \u00dcber die Unsicherheit, die er nicht unter seiner neuen, verbesserten R\u00fcstung verstecken konnte?<\/p>\n<p>\u201eWas die mir bekannten jungen Herren betrifft: einige stark, andere hoffnungslos. Bei denen, denen ich noch nicht begegnet bin, habe ich meinen Ruf zu verteidigen. <em>Yarl<\/em> Robst\u00e9nar macht mir ein wenig Bedenken. Den halte ich f\u00fcr nicht bei Sinnen. Sagen wir: Ich werde, so die M\u00e4chte es wollten, wohl nicht als geschundener Verlierer vom Platz gehen. Alles andere zu behaupten, w\u00e4re Anma\u00dfung. Nein, Osse, das Turnier, das ist nichts, wovor ich zittern und zagen m\u00fcsste. Da gibt es ganz andere Dinge.\u201c<\/p>\n<p>\u201eManj\u00e9v\u201c, sagte Osse. \u201eDie <em>teirandanja<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas\u201c, sagte der Ritter, \u201ewenn ein anderer ihr Herz gewinnt? Wenn auf dem Fest ein <em>anderer<\/em> auftaucht, den wir alle noch nicht kennen? Wenn ich ohne Kampf unterliege?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMerrit, das-\u00ad\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie k\u00f6nnte ich es ertragen, ihr zu dienen, wenn ein anderer ihr Herz hat?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu h\u00e4ttest kaum eine andere Wahl\u201c, sagte Osse. \u201eAber dahin wird es nicht kommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, sagt Merrit d\u00fcster. \u201eM\u00f6gen die M\u00e4chte <em>verhindern<\/em>, was dann gesch\u00e4he.\u201c<\/p>\n<p>Das klang so ernst, so unheilvoll, dass es Osse schaudern lie\u00df. Der Ritter schaute vorw\u00e4rts.<\/p>\n<p>\u201eManchmal\u201c, f\u00fcgte er leise hinzu, \u201ehabe ich Albtr\u00e4ume davon. Manchmal tr\u00e4umt mir &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Osse wartete. Der Ritter z\u00f6gerte.<\/p>\n<p>Dann gab es ein seltsames Ger\u00e4usch, einen hohlen Knall, und der Braune scheute. Merrit Althopian fluchte laut und mit derben Worten, als das Pferd ein paar Galoppspr\u00fcnge voran machte.<\/p>\n<p>Das Maultier war nicht weniger erschreckt, blieb aber stocksteif stehen. Osse hatte M\u00fche, das Handpferd zu b\u00e4ndigen.<\/p>\n<p>Dort, wo der Braune gerade noch gestanden hatte, lagen Scherben am Boden, zwischen denen Bier versickerte. Merrit Althopian hatte den Krug zwischen seinen eisenbeschlagenen Handschuhen zerdr\u00fcckt. Wahrscheinlich, ohne sich dessen bewusst zu sein.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/scherbenlied-oder-die-suche-nach-dem-boesen-band-3\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-4615","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-03_scherbenlied"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4615","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4615"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4615\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4632,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4615\/revisions\/4632"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4615"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}