{"id":4253,"date":"2025-09-08T00:09:59","date_gmt":"2025-09-07T22:09:59","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=4253"},"modified":"2025-09-08T00:09:59","modified_gmt":"2025-09-07T22:09:59","slug":"029-heu-und-hafer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/09\/08\/029-heu-und-hafer\/","title":{"rendered":"029: \u00a0Heu und Hafer"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SL_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1992\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p>In der Herberge am Rand der Stra\u00dfe nach Althopian ging es gesch\u00e4ftig zu. Vor dem zweigeschossigen Geb\u00e4ude standen zwei H\u00e4ndlerkarren und eine vornehme Kutsche. Neben dem Haus f\u00fcr die Menschen war ein Stall, gro\u00df genug f\u00fcr ein Dutzend Pferde. Davor gab es mehrere mit Planen \u00fcberdachte Pferche, in denen weitere Reit- und Zugtiere Platz fanden. Den L\u00e4rm und das Lachen aus der Gaststube konnte man bis \u00fcbers Feld h\u00f6ren. In der anbrechenden Dunkelheit sah Ra\u00fdneta mehrere Knechte gesch\u00e4ftig um den Stall herum laufen und die Tiere versorgen. Einer brachte mit einem Leiterwagen Heu von einem nahe gelegenen Schober herbei. Im Gasthaus war Licht, aus dem Kamin ringelte Rauch kerzengrade in den k\u00fchlen Herbsthimmel herauf. Ra\u00fdneta bildete sich ein, einen unbestimmten, aber k\u00f6stlichen Duft in der kalten Luft wahrzunehmen. Das alles war so einladend. Das Kind war nie zuvor in einer Herberge gewesen. Doch allein die Idee eines Hauses mit einem Dach war verf\u00fchrerisch.<\/p>\n<p>Das Pferd schnaubte. Sicher witterte es \u00c4hnliches aus dem Stall.<\/p>\n<p>Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> beobachtete das Geb\u00e4ude schweigend aus dem Schutz des Obstgartens zwischen dem brachliegenden Ackerstreifen und dem Wald im Westen. Dahinter, so hatte er dem M\u00e4dchen erkl\u00e4rt, als sie sich auf einem unn\u00f6tig komplizierten Umweg abseits der Stra\u00dfe dem Gasthaus n\u00e4herten, beg\u00e4nne bald das Land von Wa\u00fdreth Althopian. Morgen Abend w\u00e4ren sie sicher in einem der D\u00f6rfer, \u00fcber die er wachte.<\/p>\n<p>Der Garten war an den Seiten von einer an Spalieren hochgezogenen Beerenhecke begrenzt, abgeerntet, aber noch tauglich als Sichtschutz. Schutz vor Blicken, die um diese Jahreszeit niemanden zwischen den B\u00e4umen vermuten w\u00fcrden und verdunkelt durch die hereinbrechende Nacht.<\/p>\n<p>Das Gasthaus lag an einem Kreuzweg. Hier schnitten sich die Stra\u00dfen von Emberbey in Richtung Wijdlant und eine, die schr\u00e4g landeinw\u00e4rts von Virhav\u00e9t nach Rodekliv f\u00fchrte. Die meisten Reisenden, die aus der Hafenstadt kamen, w\u00fcrden nach S\u00fcden abbiegen. Nach Rodekliv reiste nur, wer es nicht vermeiden konnte.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen weiter, ehe der Hahn kr\u00e4ht und die vielen Leute dort aufbrechen. Ich mag nicht in einen Reisetross geraten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum denn nicht? In einem Reisezug w\u00e4ren wir doch viel sicherer.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch will nicht, dass jemand auf dich aufmerksam wird, kleines M\u00e4dchen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber warum denn nicht? Ich bin doch deine Nichte aus Virhav\u00e9t, oder? Und mein Vater, der Navigator, der \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eV\u00f6gelchen, diese Geschichte hat ist l\u00e4ngst von der Wirklichkeit \u00fcberholt. Das war, <em>bevor<\/em> sie bei dir daheim die Brieftauben losgeschickt haben.\u201c Er wandte sich ihr zu und l\u00e4chelte. \u201eIch h\u00e4tte gedacht, dass dein hitzk\u00f6pfiger Weitvetter <em>das<\/em> zu verhindern gewusst h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta seufzte. Sie hielt das brave Pferd beim Z\u00fcgel, es zupfte an dem dr\u00f6gen Wintergras. Mehr gab es hier im Garten nicht mehr. Was immer an den B\u00e4umen an Obst gewachsen war, l\u00e4ngst war es abgeerntet und von den Gastwirtsleuten f\u00fcr den Winter haltbar gemacht worden. Ra\u00fdneta dachte an ged\u00f6rrte \u00c4pfel und Birnen und s\u00fc\u00dfes Mus mit Haferbrei. Ihr Magen knurrte h\u00f6rbar. Sie err\u00f6tete.<\/p>\n<p>\u201eWenn ich fort bin\u201c, sagte der <em>b\u00e1chorkor<\/em>, \u201ewartest du, bis es dunkel ist. Dann l\u00e4sst du das Pferd hier stehen und sorgst daf\u00fcr, dass es etwas zu fressen bekommt.\u201c Er f\u00f6rderte aus seiner wohl bemerkenswert ger\u00e4umigen Tasche einen sauber zusammengefalteten Beutel hervor. \u201eHier. Du wirst mehrfach laufen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn den Stall?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas Heulager werden sie zuschlie\u00dfen. Heu und Hafer sind zu wertvoll.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs gibt Leute, die Heu stehlen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMehr als du denkst. Wenn du willst, erz\u00e4hle ich dir morgen von einer ganz erstaunlichen Begebenheit. Von zwei dummen Dieben. Die wollten in der dunklen Nacht einen reichen <em>vendyr<\/em> bestehlen, der mit Gew\u00fcrzen sein Geld machte. Auf S\u00e4cke von Scharf\u00e4hrenkraut und Glutbeeren aus Pian\u00e1rdent waren sie aus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTats\u00e4chlich?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa. Sie \u00fcberlisteten den Wachhund, brachen eine T\u00fcr auf und jeder von ihnen schulterte einen gro\u00dfen prallen Sack. Damit schlichen sie durch die halbe Stadt, durch die dunkelsten Gassen und an den Nachtw\u00e4chtern vorbei, \u00fcber D\u00e4cher und durch Keller. Mehr als einmal w\u00e4ren sie fast ertappt worden. Aber als sie endlich mit ihrer Beute in Sicherheit waren und Pataghi\u00fas Glanz sich erhob und das Weltenspiel erhellte, da schauten sie in die S\u00e4cke und fanden darin nichts als Heu und minderen Schrot, wie man ihn Maultieren gibt. Sie hatten sich in der T\u00fcr geirrt. Nicht ins Warenlager, sondern in die Futterkammer waren sie eingestiegen.\u201c<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta \u00fcberlegte einen Moment ernsthaft, was sie davon halten sollte. \u201eDie waren wirklich sehr dumm\u201c, sagte sie dann. \u201eIch wei\u00df, wie Scharf\u00e4hrenkraut riecht. Ganz anders als Heu. Es brennt einem in der Nase. Sie h\u00e4tten es doch merken m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6gen die M\u00e4chte geben, dass meine hochwerten Zuh\u00f6rer dort in der Schenke nicht deinen Scharfsinn haben, V\u00f6gelchen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd was tue ich mit dem Sack?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu wartest, bis niemand mehr drau\u00dfen ist. Dann l\u00e4ufst du zu den Pferden und dem Vieh und sammelst in den Sack, was du an Heu und Hafer aufklauben kannst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAufklauben?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir werden nicht <em>stehlen<\/em>, kleines M\u00e4dchen. Wir nehmen nur Verschwendetes. Du sammelst f\u00fcr deines Vaters Ross, was die Tiere im Stall aus ihren Raufen fallen lassen. Zusammen mit dem, was es hier an Gras zupft, mag das hoffentlich reichen, bis wir auf Herrn Wa\u00fdreths Grund sind.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wenn ich die Hunde nicht \u00fcberlisten kann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch verrate dir etwas. Hunde bei Wirtsh\u00e4usern sind nicht so gef\u00e4hrlich wie solche, die Sch\u00e4tze bewachen. Stell dir nur vor, was f\u00fcr ein schlafraubendes Gekl\u00e4ffe das w\u00e4re. Wenn es hier Hunde gibt, dann sind die es gewohnt, dass lauter fremde Menschen einherlaufen. Das ist eine Herberge. Die Hunde verbellen r\u00e4uberische Tiere, die auf die H\u00fchner aus sind.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wenn Leute kommen?\u201c<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte nicht so unbek\u00fcmmert, wie sie es gern gesehen h\u00e4tte. \u201eEs kommen keine Leute. Nicht, solange sie mir zuh\u00f6ren. Magst du mein Geheimnis h\u00f6ren?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, gern.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber du darfst es niemandem weitersagen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGanz bestimmt nicht.\u201c<\/p>\n<p>Er neigte sich vor, schaute sich argw\u00f6hnisch um und raunte ihr zu: \u201eIch kann Leute mit Geschichten <em>fesseln<\/em>. Andere Leute brauchen dazu Stricke. Mir reichen Worte.\u201c<\/p>\n<p>Das fand sie ulkig. Aber es hielt nicht lange vor.<\/p>\n<p>\u201eWie lange bleibst du fort?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht l\u00e4nger als n\u00f6tig. Sobald alle schlafen, komme ich sofort hierher zur\u00fcck. Das Pferd muss sich bis dahin satt gefressen haben. Das ist wichtiger als unser Hunger. Das verstehst du doch, nicht wahr, V\u00f6gelchen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich wei\u00df. Wenn einem Pferd der Magen zu lange leer ist, dann geht das schlimm aus.\u201c<\/p>\n<p>Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> nickte und klopfte dem Ross auf die Schulter. Der Hengst lie\u00df sich nicht st\u00f6ren, graste gierig weiter. Ra\u00fdnetas Magen knurrte nochmals. Und es dufte so fl\u00fcchtig und gut aus der Ferne.<\/p>\n<p>\u201eIch hab auch Hunger\u201c, vermeldete sie kleinlaut. \u201eKannst du nicht etwas mitbringen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas kommt darauf an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWorauf?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDarauf, was sie heute gekocht haben und mir f\u00fcr die Geschichten geben. Eine Schale Brei oder Suppe kann ich schlecht einstecken. Aber ich werde versuchen, an Brot zu kommen. Und wenn nicht \u2013 wir haben immer noch die N\u00fcsse von heute fr\u00fch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchade, dass ich nicht auch Gras essen kann\u201c, seufzte Ra\u00fdneta.<\/p>\n<p>\u201eOh, davon w\u00fcrdest du nur ein gr\u00fcnes Gesicht bekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas flunkerst du.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWillst du es darauf ankommen lassen? Ich halte dich nicht von dem Genuss ab, V\u00f6gelchen. Denk daran, gut zu kauen.\u201c<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelte fl\u00fcchtig. Er verneigte sich f\u00f6rmlich und schickte sich an, das Versteck im Garten zu verlassen.<\/p>\n<p>\u201eGal\u00e9on?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas gibt es noch?\u201c<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta z\u00f6gerte. Dass der <em>b\u00e1chorkor<\/em> sie nun allein lassen w\u00fcrde, behagte ihr nicht. Es wurde dunkel. Noch nie hatte sie allein eine Nacht im Freien verbracht. Was w\u00fcrden Osse und Truda nur sagen, wenn sie davon w\u00fcssten? Au\u00dfer sich vor Sorge w\u00e4ren die beiden! Es war nicht richtig und den M\u00e4chten sicher nicht gef\u00e4llig, dass sie, die <em>yarlaranda<\/em> von Emberbey, mit dem Pferd in einem fremden Obstgarten stand, mit einem Sack in der Hand, um versch\u00fcttetes Heu zu stehlen.<\/p>\n<p>Was, wenn der <em>b\u00e1chorkor<\/em>, der Magier, sie hier im Stich lie\u00df?<\/p>\n<p>\u201eDu kommst wirklich zur\u00fcck, ja? Es ist gef\u00e4hrlich, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch denke, die Gefahr ist \u00fcberschaubar. Schau, V\u00f6gelchen\u201c, er neigte sich zu ihr, \u201esie suchen nach einem <em>b\u00e1chorkor<\/em>, einem wertvollen Streitross und einer gewissen liebreizenden kleinen yarlaranda. Solange wir nicht zu dritt vor der T\u00fcr stehen, gibt es keinen Grund, sich zu beunruhigen. Ich bin nur ein harmloser, einsamer <em>b\u00e1chorkor<\/em>, wie sie zu Dutzenden dieser Tage nach Wijdlant unterwegs sind.\u201c Er zuckte die Achseln. \u201eWas \u00e4rgerlich w\u00e4re, w\u00e4re, wenn bereits einer von meiner Sorte in der Herberge ist und mir Konkurrenz macht. Ein Gaukler oder Musikant wom\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn Emberbey war mal ein <em>b\u00e1chorkor<\/em>\u201c, erz\u00e4hlte sie, \u201eder hat mit B\u00e4llen und Fackeln jongliert. Das war lustig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDaf\u00fcr w\u00e4re ich zu ungeschickt. Und nun lass uns nicht z\u00f6gern, V\u00f6gelchen. Dich d\u00fcrfen sie nicht sehen, schon gar nicht zusammen mit dem Pferd. Man k\u00f6nnte dich erkennen. Meinesgleichen erkennen sie nicht. Sie erinnern sich nicht einmal. Denke nur an das Heu. Dann wird alles gut.\u201c<\/p>\n<p>Erneut wandte er sich ab.<\/p>\n<p>\u201eGal\u00e9on?\u201c<\/p>\n<p>\u201eKleine <em>yarlaranda<\/em>, die Zeit \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eBitte, einen Moment nur noch. Ich &#8230;\u201c Sie wusste nicht weiter. Aber er schaute sie so sanft an, als k\u00f6nne er ihre Gedanken h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eMein Vater\u201c, wisperte sie. \u201eIch hab Angst, Gal\u00e9on. Mein Vater hat immer gesagt, dass ich keine Angst haben muss, solange er da ist. Und nun \u2026\u201c<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re er nie wieder da. Alsg\u00f6r Emberbey war hinter den Tr\u00e4umen. Venghi\u00e1r jagte sie, und der schreckliche Schattenmann. Die Angst war berechtigt, real und anwesend. Ra\u00fdneta sch\u00e4mte sich, versuchte, tapfer zu sein. Aber die Tr\u00e4nen waren st\u00e4rker. Ihre Lippen begannen, zu zittern. Dann schlug sie die H\u00e4nde vors Gesicht.<\/p>\n<p>Und dann sp\u00fcrte sie seine Arme, die sich sacht um sie legten. Sanft zog er sie an sich.<\/p>\n<p>\u201eDu musst dich nicht f\u00fcrchten, V\u00f6gelchen. Keine schlimmen Hunde. Keine b\u00f6sen Schergen deines Weitvetters. Nur ein bisschen Magenknurren. Das h\u00e4ltst du aus. Und du willst doch, dass das brave Pferd uns sicher und satt nach Althopian bringt?\u201c<\/p>\n<p>Sie schluchzte. Dann schlang sie ihm ihrerseits die Arme um den Hals. Seine wilden kupferroten Locken wischten einen Teil Ihrer Tr\u00e4nen beiseite. Einen Augenblick stand sie da. Und dann wurde ihr leichter ums Herz, leicht und taub. Seine Umarmung hatte die \u00e4rgste Angst von ihr genommen, als habe er ihr aus einem schweren Mantel geholfen. Das konnte nur seine sonderbare Magie bewirken.<\/p>\n<p>\u201eIch muss jetzt gehen, Ra\u00fdneta, <em>yarlaranda<\/em> von Emberbey. Du hast deine Aufgabe, ich habe meine. Um diese Zeit geht niemand mehr in einen abgeernteten Garten. Am Morgen werden wir einander loben und stolz auf deinen Mut sein.\u201c<\/p>\n<p>Sie hob den Beutel auf. \u201eGal\u00e9on, sag \u2026 hast du \u2026 irgendwo \u2026 Kinder?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch? Nein. Nein, ganz bestimmt \u2026 nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd eine <em>h\u00fdardora<\/em>?\u201c<\/p>\n<p>Nun z\u00f6gerte er. Ra\u00fdneta wartete erstaunt.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagte er dann leise. \u201e<em>Bald<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Und noch bevor sie ihn dazu bringen konnte, diese r\u00e4tselhafte Bemerkung zu erkl\u00e4ren, packte er seine Taschen und stapfte energisch hinter der Beerenhecke hervor, auf das erleuchtete Haus zu.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta sah, wie er ungehindert von Mensch und Tier das Gasthaus erreichte. Der <em>b\u00e1chorkor<\/em>\u00a0 ging auf jemanden bei den Pferchen zu, der zum Haus geh\u00f6ren mochte. Er wechselte ein paar Worte mit ihm. Dann gingen beide M\u00e4nner in das Haus hinein.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta setzte sich auf die steinerne Umrandung eines abger\u00e4umten Kr\u00e4uterbeetes und schaute dem Pferd beim Gras zupfen zu.\u00a0 Als die letzten Strahlen von Patagh\u00edus Glanz verloschen und Nokt\u00e1mas Juwelen, allen voran der perlenbleiche, volle Mond aufstrahlten, fasste das M\u00e4dchen sich ein Herz. Es ermahnte das Pferd, sich nicht loszurei\u00dfen und aus dem Garten davonzulaufen. Dann packte Ra\u00fdneta den Sack und huschte hin\u00fcber, auf das Geb\u00e4ude zu.<\/p>\n<p>Der Streifen Stoppelfeld, der sie von der Herberge trennte, war uneben. Harte Reste der Halme stachen durch die d\u00fcnnen Sohlen ihrer feinen Schuhe, die nicht f\u00fcr langes Gehen auf unbefestigtem Grund gemacht waren. Ra\u00fdneta schimpfte so z\u00fcchtig, wie es sich f\u00fcr ein hochedles Kind geziemte und hielt auf die Pechk\u00f6rbe zu, die links und rechts neben dem Tor loderten und die Herberge auch f\u00fcr n\u00e4chtliche Reisende sichtbar machten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war niemand mehr im Freien unterwegs. Das kleine M\u00e4dchen schnupperte und horchte. Es duftete so appetitlich nach Brot! Das war ein gutes Zeichen. Und das andere \u2013 war das nicht der gute wei\u00dfe Kohl, wie ihn die K\u00f6chin in Emberbey auf den Tisch brachte, sauer und mit diesen m\u00fcrben, tannennadelartigen Samen gew\u00fcrzt?<\/p>\n<p>Aus der Gaststube klang Stimmengewirr, Gel\u00e4chter. Offenbar hatte Gal\u00e9on seine Geschichten noch nicht begonnen. Vielleicht st\u00e4rkte er sich gerade bereits am Kohl und Brot. Ob er oft Hunger hatte? F\u00fcr einen Mann war er so zart und schm\u00e4chtig, ganz anders als die kr\u00e4ftigen Knechte auf der Burg, die regelm\u00e4\u00dfig zu essen bekamen.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he schnaufte ein Tier, einer der Zugochsen von einem der Karren wohl. Ra\u00fdneta duckte sich und huschte hin\u00fcber. Kein Hund war zu sehen. Ob die auch alle drinnen waren und warteten, dass man ihnen etwas zusteckte?<\/p>\n<p>Die Ochsen hatten unordentlich gefressen. Ra\u00fdneta raffte das weiche, duftende Heu auf, das f\u00fcr sie unerreichbar auf der anderen Seite des Gatters gelandet war. Einen guten Armvoll brachte sie zusammen, stopfte es in den Sack und lief zum n\u00e4chsten Pferch. Dort standen zwei Maultiere, die manierlicher gewesen waren. Am Gatter waren Futters\u00e4cke mit Schrot eingeh\u00e4ngt. Einer hatte seitlich wohl einen kleinen Riss, ein H\u00e4ufchen K\u00f6rner lag, unzug\u00e4nglich f\u00fcr die Maultierschnauzen, auf dem Boden. Ra\u00fdneta sch\u00f6pfte es in die H\u00e4nde und packte es ein. Weiter, nur weiter!<\/p>\n<p>Der Sack f\u00fcllte sich. Die kleine <em>yarlaranda<\/em> entschied, dass es f\u00fcr das erste Mal genug sei, presste den Sack an sich und stolperte in die Nacht hinein, \u00fcber das Feld und zum Garten. Zum Gl\u00fcck waren die B\u00e4ume unter dem Mondlicht deutlich zu sehen. Sogar das graue Fell des Pferdes schimmerte ihr als Ziel.<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta sch\u00fcttete das Heu und die K\u00f6rner vor seinen Hufen aus, und es st\u00fcrzte sich darauf. Sie schaute ihm kurz zu und lief dann erneut los.<\/p>\n<p>Zweimal noch f\u00fcllte sie den Beutel und brachte ihn zum Pferd. Immer noch waren weder Hunde noch Menschen im Freien, bis auf einmal, als sie fast einer Frau in den Weg gestolpert w\u00e4re. Aber es ging gut, denn die Frau hatte etwas Dringendes zu tun.<\/p>\n<p>In der Gaststube war es stiller, als das M\u00e4dchen zum dritten Mal an der T\u00fcr zum Schankraum vorbei schlich. So still, dass es ihr seltsam vorkam. Schon wollte sie das Ohr an die T\u00fcr liegen, als urpl\u00f6tzlich lautes Gel\u00e4chter aufschallte. Ra\u00fdneta erschrak so sehr, dass ihr das Herz stolperte.<\/p>\n<p>Sacht pirschte sie sich zum n\u00e4chsten Fenster, stellte sich auf die Zehenspitzen und lugte durch das Butzenglas hinein. An Tischen und auf B\u00e4nken sa\u00dfen Leute in der Schankstube, alle mit dem Blick in dieselbe Richtung. M\u00e4uschenstill waren sie. Ra\u00fdneta legte das Ohr an die kalte Glasscheibe. Tats\u00e4chlich, da war eine ged\u00e4mpfte Stimme. Das musste Gal\u00e9on sein! Sicher sa\u00df er irgendwo au\u00dferhalb ihres Blickfeldes und hatte begonnen, die Leute mit seinen Geschichten einzuweben. Ra\u00fdneta vermutete, dass er den Erwachsenen keine albernen Geschichten von Heudieben erz\u00e4hlte. Vielleicht etwas von diesen geheimnisvollen Fl\u00fcstergeschichten aus Iva\u00e1l und Aur\u00f3p\u00e9a, von denen die W\u00e4chter in Emberbey nichts wissen wollten.<\/p>\n<p>Sie machte sich wieder ans Werk. Drau\u00dfen hatte sie alles aufgesammelt, was die Tiere aus den Futters\u00e4cken und Raufen geworfen hatten. Nun wollte sie schauen, was es im Stall zu holen gab. Das Tor war nicht verriegelt.<\/p>\n<p>Entlang der Gasse leuchteten zwischen den Verschl\u00e4gen mehrere schwache Laternen, kleine Fl\u00e4mmchen in Metallgeh\u00e4usen, so gut gesichert, dass kein Feuer ausbrechen konnte. Sicher war es wichtig, dass sich sp\u00e4te oder fr\u00fche G\u00e4ste hier schnell orientieren konnten, um das richtige Pferd von seinem Platz zu holen. Das war \u00e4u\u00dferst praktisch. Ra\u00fdneta fand eine kleine Schaufel und bediente sich am versch\u00fctteten Hafer. Viel \u00fcbrig gelassen hatten die Pferde nicht. Einige Tiere wirkten verwundert und be\u00e4ugten das Kind mit wachsamen Blicken. Aber keines machte L\u00e4rm. Ra\u00fdneta wagte sich nahe an die Tr\u00f6ge heran und sammelte ein, was da war. Zwei gro\u00dfe Ritterpferde waren dabei. Sicher wollten deren Herren auch zum <em>vaspos\u00e1r<\/em>. Einige gew\u00f6hnliche Gebrauchspferde sah das Kind, und einen wundersch\u00f6nen Zelter, in dessen M\u00e4hne Glasperlen geflochten waren. Eine edle Dame war also auch in der Herberge. Wieder musste Ra\u00fdneta an ihr Schimmelchen denken. Nein, nicht jetzt. Schnell schob sie den Schmerz beiseite. Das Pferdchen war hinter den Tr\u00e4umen und musste keine Angst mehr vor Venghi\u00e1r haben.<\/p>\n<p>Ganz hinten im letzten Verschlag schnaubte und prustete es. Das Pferd, das dort untergebracht war, das war unruhig. Ra\u00fdneta schulterte das S\u00e4ckchen. Dieses Pferd war ihr zu wild. Aber was hatte es?<\/p>\n<p>Sie musste nachsehen und trat n\u00e4her. Ein sch\u00f6nes, ein ausgesprochen feines Pferd war es. Ein schlankes, feingliedriges Kurierpferd mit schwarzem Fell und seidiger M\u00e4hne. Ein Pferd, das Ra\u00fdneta schon einmal gesehen hatte. In der vergangenen Nacht.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/scherbenlied-oder-die-suche-nach-dem-boesen-band-3\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-4253","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-03_scherbenlied"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4253","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4253"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4253\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4267,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4253\/revisions\/4267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4253"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4253"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4253"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}