{"id":4218,"date":"2025-09-05T23:05:46","date_gmt":"2025-09-05T21:05:46","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=4218"},"modified":"2025-09-06T00:01:03","modified_gmt":"2025-09-05T22:01:03","slug":"019-mit-eiserner-hand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/09\/05\/019-mit-eiserner-hand\/","title":{"rendered":"019: Mit eiserner Hand"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-image:url(&#039;https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp&#039;);--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column fusion-column-has-bg-image\" data-bg-url=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SL_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1992\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p>\u201eIch habe Hunger\u201c, sagte Ra\u00fdneta Emberbey.<\/p>\n<p>Gal\u00e9on schaute nach dem Stand der Sonne und war beeindruckt. Es war nun fast Mittag, und sie hatte bisher noch nicht geklagt. Das graue Streitross trug sie duldsam einen Pfad entlang, der zwischen weiten Ackerfl\u00e4chen gen S\u00fcden f\u00fchrte. Den ersten schmalen Waldring hatten sie zwar hinter sich gelassen. Dennoch befanden sie sich immer noch auf Land, das unmittelbar zur Burg Emberbey geh\u00f6rte. Jenseits des Ackers zu ihrer rechten Seite befand sich ein kleiner Weiler. <em>Zu weit<\/em> abseits des direkten Weges, der fast schnurgerade die Burgen Emberbey und Althopian verband, wenn auch mehrere Tagesm\u00e4rsche voneinander entfernt. Mit dem Pferd w\u00fcrde es schneller gehen.<\/p>\n<p>\u201eIst es sehr schlimm?\u201c, fragte er. \u201ePlagt dein Bauch dich arg?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, antwortete sie leise nach einer Weile. \u201eEs geht noch.\u201c<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte unwillk\u00fcrlich. Offensichtlich wollte sie nicht jammern. Ein verw\u00f6hntes kleines Edelfr\u00e4ulein war sie also nicht. Nun, das h\u00e4tte ihn auch gewundert. Das Haus Emberbey f\u00fcr seine Disziplin und M\u00e4\u00dfigkeit bekannt. Bei allem Reichtum war \u00dcberfluss der Kleinen sicher fremd.<\/p>\n<p>\u201eSchade, dass das <em>vaspos\u00e1r<\/em> nicht ein wenig fr\u00fcher stattgefunden hat. Dann h\u00e4tten wir vielleicht etwas von einem Feld hier abbekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlles schon abgeerntet\u201c, sagte sie bedauernd und f\u00fcgte dann mit leiser Emp\u00f6rung hinzu: \u201eMan darf aber doch nicht stehlen! Das geh\u00f6rt den Bauern, und ein Teil davon meinem &#8230; dem <em>yarl<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist richtig. Aber glaub mir, es macht keinen gro\u00dfen Unterschied, ob sich ein hungriges Windninchen hier und da ein welkes Kohlblatt fortnimmt oder ein hungriger <em>b\u00e1chorkor<\/em> wie ich. In manchen Zeiten bekomme ich tagelang nichts anderes zwischen die Z\u00e4hne.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWelke Kohlbl\u00e4tter?\u201c, fragte das Kind betr\u00fcbt.<\/p>\n<p>\u201eWenn du noch ein klein wenig warten kannst, V\u00f6gelchen, dann finden wir im n\u00e4chsten Hain sicher etwas Besseres. Beeren und N\u00fcsse sollte es zu dieser Zeit reichlich geben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd Wasser auch?\u201c<\/p>\n<p>Gal\u00e9on lie\u00df die Z\u00fcgel los und kramte in seinem B\u00fcndel. Eine kleine verkorkte Kalebasse trug er darin, ein paar Schluck Wasser waren \u00fcbrig. Zu dumm, dass er das Gef\u00e4\u00df nicht am Burgbrunnen hatte auff\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eVersuch, es dir einzuteilen, bis wir einen Bach finden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eK\u00f6nnen wir nicht da hinten bei den Geh\u00f6ften nachfragen, ob wir was bekommen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ich bin die <em>yarlaranda<\/em>. Mir w\u00fcrden sie doch etwas geben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn wir Pech haben, w\u00fcrden sie dich umgehend zu deinem Weitvetter zur\u00fcckbringen. Denkst du, keiner deiner Schutzbefohlenen w\u00fcrde misstrauisch werden, wenn du pl\u00f6tzlich auf der T\u00fcrschwelle auftauchtest?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin ihre <em>Herrin<\/em>! Die m\u00fcssen mir helfen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eSolange wir die Burg von Wa\u00fdreth Althopian nicht erreicht haben, bist du nicht die <em>yarlaranda<\/em> von Emberbey. Wenn uns Leute begegnen, gibst du dich nicht zu erkennen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum denn das nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeil wir nicht sicher sein k\u00f6nnen, ob der Schwarze Meister seine Mittel hat, uns ausfindig machen zu lassen. Wer dich nicht erkennt, kann dich nicht verraten. So einfach ist das.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber wenn ich nicht die <em>yarlaranda<\/em> bin, wer bin ich dann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer <em>m\u00f6chtest<\/em> du sein?\u201c<\/p>\n<p>Ra\u00fdneta trank nachdenklich noch ein wenig aus der Kalebasse. \u201eWenn ich gro\u00df bin, m\u00f6chte eine sch\u00f6ne Edeldame sein\u201c, sagte sie dann. \u201eUnd einen guten <em>h\u00fdardor<\/em> finden. Wie die <em>teirandanja<\/em>. F\u00fcr den w\u00fcrde ich dann den ganzen Tag das Gesinde beaufsichtigen, und den Haushalt, und ihm sch\u00f6ne bunte Borten f\u00fcr seine Kleider weben. Das kann ich schon richtig gut. Sobald ich Wolle bekomme mache ich dir auch eine, wenn du willst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist l\u00f6blich.\u201c Gal\u00e9on war belustigt. \u201eNur bringt uns das gerade nicht weiter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOsse sagt\u201c, fuhr Ra\u00fdneta nachdenklich fort, \u201ein Iva\u00e1l gehen auch M\u00e4dchen in die Schulen zu den klugen Lehrern. Er sagt, das w\u00fcrde mir sicher gefallen. Aber kann l\u00e4ngst spinnen und ein wenig sticken. Die <em>opayra<\/em> sagt, ich mache das gut.\u201c<\/p>\n<p>\u201eW\u00fcrde sich dein Bruder denn wohl mehr \u00fcber ein besticktes Taschentuch freuen, oder wenn er sich mit dir \u00fcber schlaue Dinge unterhalten k\u00f6nnte?\u201c<\/p>\n<p>\u201eTruda ist doch schon schlau. Sie nimmt mit der <em>teirandanja<\/em> am Unterricht teil. Sie haben einen <em>mestar<\/em> nur f\u00fcr sich, die <em>teirandanja<\/em> und ihre Hofdamen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn du mich danach fragen w\u00fcrdest, w\u00fcrde ich dir verraten, dass es denem Bruder sicher gefallen w\u00fcrde, gleich zwei gelehrte Schwestern zu haben. Und er hat ganz recht. In Iva\u00e1l gehen die M\u00e4dchen genauso zur Schule wie die Knaben.\u00a0 Und die kl\u00fcgsten von ihnen lernen noch viele Sommer weiter und schreiben dann gelehrte B\u00fccher.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHast du die klugen M\u00e4dchen selbst gesehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich. Ich bin gern in Iva\u00e1l.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMein Vater h\u00e4tte nicht gewollt, dass ich nach Iva\u00e1l gehe und B\u00fccher schreibe. Er hat immer gesagt, er sei froh, dass ich bei ihm geblieben bin.\u201c Sie schluckte h\u00f6rbar. Die Trauer haschte wieder nach ihr. \u201eNun ist er nicht mehr da.\u201c<\/p>\n<p>Gal\u00e9on entgegnete nichts. Er brauchte nicht hinzuschauen, um zu wissen, dass ihr Tr\u00e4nen in die Augen stiegen. Manchmal war es besser, Tr\u00e4nen einfach nur zuzuh\u00f6ren, statt sie mit Worten aufwischen zu wollen.<\/p>\n<p>Das duldsame Pferd schritt zielstrebig weiter. Der kleine Weiler auf der anderen Seite des Ackers lag bald hinter ihnen in der Ferne. Auf dem Weg kam ihnen niemand entgegen. Noch nicht.<\/p>\n<p>Das beunruhigte den <em>b\u00e1chorkor<\/em>. Zwischenzeitlich <em>musste<\/em> der Schwarze Meister bemerkt haben, dass er \u00fcberlistet war, und sei es nur dadurch, dass Venghi\u00e1r das kleine M\u00e4dchen nicht wiederfand. Aber selbst <em>wenn<\/em> sie Venghi\u00e1rs Waffenknechte abgeh\u00e4ngt hatten \u2013 der Schwarze Meister musste sich nicht an Zeit und Stra\u00dfen halten. Wenn er sie nicht verfolgte \u2013 was gab es, das er im Augenblick f\u00fcr wichtiger hielt? Konnte der Namenlose es wirklich riskieren, einen entlaufenen Lichtw\u00e4chter unbehelligt zu lassen? Nein, niemals. Aber an welcher Stelle auf seiner Liste der Dringlichkeit mochte er stehen?<\/p>\n<p>\u201eWenn uns jemand begegnet und nachfragt\u201c, sagte er, um das Kind abzulenken, \u201edann bist du meine Nichte. F\u00fcr alles andere bleiben wir so dicht wie m\u00f6glich bei der Wahrheit. Wir kommen aus Virhav\u00e9t\u00a0 und waren in Emberbey. Weil \u2026 nun, weil Herr Alsg\u00f6r dieses feine, kostbare Pferd an Herrn Wa\u00fdreth zur\u00fcckgeben wollte. Weil er es doch selbst nicht mehr reiten kann.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum sollte mein Vater einen <em>b\u00e1chorkor<\/em> mit so etwas schicken anstelle unseres Stallmeisters?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeil ich zuf\u00e4llig ohnehin diesen Weg habe. Und so lauter und vertrauensw\u00fcrdig bin. Oder sehe ich aus wie ein zwielichtiger Pferdedieb?\u201c<\/p>\n<p>Das brachte sie zum Lachen. Aber sie blieb bei der Sache. \u201eUnd warum ist ein <em>b\u00e1chorkor<\/em> mit seiner kleinen Nichte unterwegs?\u201c<\/p>\n<p>Gal\u00e9on \u00fcberlegte kurz. \u201eWeil der Bruder \u2013 den ich nicht habe &#8211; nicht auf dich achtgeben kann und will, dass du in Althopian ein Obdach findest. Als K\u00fcchenm\u00e4dchen, wenn du magst. K\u00fcchen sind gut. Da muss keiner hungern.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd warum muss dein Bruder sein Kind in die Fremde schicken?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun, nehmen wir an, er ist Seefahrer. Ein\u00a0 Schiffsmann auf einem der gro\u00dfen Schatzfahrer, die nach Ov\u00e9stola auslaufen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKein Schiffsmann\u201c, sagte Ra\u00fdneta bestimmt. \u201eEr ist <em>Navigator<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut. Er ist Navigator.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd was will er in Ov\u00e9stola?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas darf niemand erfahren, weil es <em>geheim<\/em> ist.\u201c Gal\u00e9on fand Gefallen an der Unterhaltung. Wenn das Kind sich so willig auf seine Fantasie einlie\u00df, dann konnte er sie wohl eine Weile ablenken. \u201eDer <em>teirand<\/em> von Ov\u00e9stola hat ein Schiff ausger\u00fcstet. Mit den besten Seeleuten. Der <em>keptyen<\/em> ist ein sturmerprobter alter Seer\u00e4uber aus dem \u00e4u\u00dfersten Westen. Es ist n\u00e4mlich eine gef\u00e4hrliche Reise. Sie suchen nach den geheimnisvollen Inseln hinter dem Sturm.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst da ein Schatz vergraben?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas auch. Aber sie haben einen klugen <em>forscor<\/em> dabei, der glaubt, dort gebe es erstaunliche Tiere \u2026\u201c<\/p>\n<p>Bis sie den n\u00e4chsten Waldstreifen erreichten, hatte er f\u00fcr Ra\u00fdneta einen tollk\u00fchnen neuen Vater ersonnen, der mit Seer\u00e4ubern und Gelehrten auf Abenteuerfahrt ging.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>\u201eHerr\u201c, wimmerte der <em>maedlor<\/em>, \u201eHerr \u2026 ich habe doch nur meine Pflicht getan!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNiemand\u201c, zischte Venghi\u00e1r Emberbey, \u201etut hier das, was er f\u00fcr seine Pflicht h\u00e4lt, ohne <em>meine<\/em> Erlaubnis zu haben! Habt ihr das verstanden?\u201c<\/p>\n<p>Gesinde und Hausverstand, alle Bewohner der Burg Emberbey nickten eingesch\u00fcchtert und starrten betreten zu Boden. Mit zornesrotem Gesicht und einem unsteten Funkeln in den Augen hatte der junge Ritter sie alle in der Halle zusammengerufen, nein: <em>gebr\u00fcllt<\/em>. Er hatte nicht eher Ruhe gegeben, bis alle vollz\u00e4hlig, vom j\u00fcngsten K\u00fcchenm\u00e4dchen bis zum betagten Altknecht, anwesend waren.<\/p>\n<p>Dann hatte der <em>maedlor<\/em> vortreten m\u00fcssen. Verst\u00f6rt und ahnungslos war der Mann gewesen, der seit vielen Sommern dem Haus Emberbey treu den Schriftverkehr geregelt und lauter dem alten <em>yarl<\/em> gedient hatte.<\/p>\n<p>Ob er es gewesen war, der die Tauben aufgelassen h\u00e4tte?, hatte Venghi\u00e1r Emberbey sich mit kaum zu b\u00e4ndigender Wut erkundigt.<\/p>\n<p>Ja, hatte der <em>maedlor<\/em> best\u00e4tigt, kleinlaut, eingesch\u00fcchtert ob der unverst\u00e4ndlichen Wut seines Schutzherrn.<\/p>\n<p>Was er sich dabei denn gedacht habe.<\/p>\n<p>Die Regeln und Riten habe er befolgt, wie es festgeschrieben war, hatte der <em>maedlor<\/em> beteuert, mit Angstschwei\u00df auf der Stirn, und seine Haube nerv\u00f6s in den H\u00e4nden geknetet. Viel Haar hatte er nicht mehr auf dem Kopf. So wie der Herr es selbst veranlasst und vorbereiten lassen hatte, f\u00fcr den Tag, an dem er dereinst hinter die Tr\u00e4ume ginge.<\/p>\n<p><em>Welcher<\/em> Herr?, hatte Venghi\u00e1r gefragt, schneidend, kalt und gar nicht so, wie man es von einem untr\u00f6stlich Trauernden erwarten sollte. Wer denn wohl <em>nun<\/em> der Herr sei, der zu bestimmen habe, was gesch\u00e4he. Und: wem und was genau er denn ungebeten in die Welt hinausgeschwatzt habe.<\/p>\n<p>Allen, hatte der <em>maedlor<\/em> nur noch zu fl\u00fcstern gewusst. Den <em>spregheney<\/em> der\u00a0 D\u00f6rfer im <em>yarlm\u00e1lon<\/em>. Den Herbergen und den Ratsleuten in Virhav\u00e9t. Und nat\u00fcrlich habe er es dem Nachbarn, <em>yarl<\/em> Althopian gemeldet und an die Burg des <em>teirand<\/em> in Spagor. Von dort aus w\u00fcrde sich die Kunde fortsetzen, so schnell die Tauben von Burg zu Burg flogen. In wenigen Tagen w\u00e4re die Kunde bis Aur\u00f3p\u00e9a verbreitet.<\/p>\n<p>Und was?, hatte Venghi\u00e1r gefragt, hoch aufgebaut und drohend vor dem <em>maedlor<\/em>. Der war ein kleiner, etwas dicklicher Mann und mehr als doppelt so alt wie er selbst. Was habe denn ganz genau drinnen gestanden in seiner Nachricht an die edlen Herren, das tumbe Pack auf den D\u00f6rfern und den Rest der Welt?<\/p>\n<p>Nun, der <em>maedlor<\/em> hatte es kaum noch zu fl\u00fcstern gewagt, mochten die M\u00e4chte geben, dass man ihnen beist\u00fcnde, den m\u00f6rderischen Verbrecher zu Strecke und die liebe kleine Herrin unbeschadet heimzubringen \u2026<\/p>\n<p>Weiter war er nicht gekommen, denn mit geballter Faust und seinem eisenbeschlagenen Handschuh hatte Venghi\u00e1r Emberbey ihn ins Gesicht geschlagen und dabei die Nase und zwei Z\u00e4hne ausgebrochen.<\/p>\n<p>Und dabei waren sie nun. Der fassungslose Schreibknecht kauerte am Boden und verstand wohl nicht recht, dass das Blut, das auf den blanken Steinboden tropfte, das seine war. Und das d\u00e4mliche Burgvolk \u2013 das war starr vor Entsetzen, gepackt von einer v\u00f6llig vernunftwidrigen Scham. Der junge Mann war oft grob und unwillig, wenn etwas nicht ganz nach seinem Willen war. Aber nie zuvor hatte Venghi\u00e1r Emberbey einen der ihren <em>geschlagen<\/em>. Und nie hatte er so \u2026 be\u00e4ngstigend ausgesehen dabei.<\/p>\n<p>Venghi\u00e1r wandte sich ab und lie\u00df sich auf dem Sessel des Burgherrn am Kopfende der kleinen Halle nieder. D\u00fcster lie\u00df er seinen Blick \u00fcber das eingesch\u00fcchterte Gesinde schweifen. Was f\u00fcr ein Idiotenpack!<\/p>\n<p>\u201eNiemand\u201c, wiederholte er. \u201eVon nun an gilt, was ich sage.\u201c Er besann sich und wischte den Handschuh an der Sitzdecke ab. \u201eSo lange, bis meine geliebte Weitbase wohlbehalten hier unter uns ist, selbstverst\u00e4ndlich. Schlie\u00dflich will ich mir nichts anma\u00dfen, was mir nicht ausdr\u00fccklich an Recht und Pflicht zusteht.\u201c<\/p>\n<p>Keiner widersprach. Niemand begehrte auf. Nur der <em>maedlor<\/em> jammerte unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>\u201eIhr habt verstanden, was ich gesagt habe\u201c, fuhr Venghi\u00e1r fort. \u201eAlso, h\u00f6rt mir zu, was nun zu tun ist. Zun\u00e4chst, und das ist das wichtigste von allen, soll mein geliebter Gro\u00dfonkel eine w\u00fcrdevolle Bestattung haben. Ich erwarte, dass das bis Sonnenuntergang geregelt ist. Richtet das Totenflo\u00df unten am Strand her. Das Feuer werde ich mit eigener Hand setzen. Das bin ich ihm wohl schuldig.\u201c<\/p>\n<p>Nun wagten ein paar ganz Mutige, entgeistert aufzublicken.<\/p>\n<p>\u201eHerr\u201c, wagte die <em>opayra<\/em> einzulenken. \u201eDie Abschiednahme \u2026 das ist zu schnell!\u201c<\/p>\n<p>Sie getraute sich das, weil sie sich wohl nicht vorstellen konnte, dass er die Hand gegen eine \u00e4ltliche Edeldame erheben w\u00fcrde. Nun, mochte sie das eine Weile annehmen und in Sicherheit wiegen. Davon lie\u00df er sich nicht beirren.<\/p>\n<p>\u201eWas soll das hei\u00dfen \u2013 zu schnell?\u201c, erkundigte er sich.<\/p>\n<p>\u201eDie Zeugen\u201c, murmelte der mestar, der alte Mann, der Venghi\u00e1r so viel Verdruss gebracht hatte. \u201eWenigstens <em>yarl<\/em> Althopian m\u00fcsste den Toten beschauen &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eGlaubt einer von euch im Ernst, daf\u00fcr habe Herr Wa\u00fdreth Sinn, wo doch so viel dringenderes in der anderen Himmelsrichtung auf ihn wartet?\u201c<\/p>\n<p>Darauf wagte niemand eine Entgegnung. Das war schon besser. Sie begannen, zu spuren.<\/p>\n<p>\u201eZur Unzeit ist das Ungl\u00fcck geschehen\u201c, fuhr Venghi\u00e1r fort. \u201eZu schade, das gerade nun die <em>teiranday<\/em> und <em>yarlay<\/em> von Wijdlant, Spagor und den <em>yarlm\u00e1lon<\/em> mit dem <em>vaspos\u00e1r<\/em> der <em>teirandanja<\/em> so viel wichtigere Gesch\u00e4fte haben als den Abschied von Herrn Alsg\u00f6r. Behelligen wir sie also nicht mit unserer Trauer, wenn es doch bei ihnen etwas zu feiern gibt. Es w\u00fcrde ihnen die Laune verderben. Ich werde den Abschied stellvertretend f\u00fcr meinen geliebten Weitvetter und seine Schwestern nehmen. Dann ist es geschehen, bevor ich meinerseits die <em>teiranday<\/em> pers\u00f6nlich von dem Ungl\u00fcck unterrichte. Nicht zu fassen, dass es durch einen schn\u00f6den Taubenbrief so unw\u00fcrdig vorweggenommen wurde!\u201c<\/p>\n<p>Sie schwiegen und kaum einer wagte, den Blick zu heben. Der <em>maedlor<\/em> winselte immer noch und versuchte, mit seinem \u00c4rmel das Blut zu stoppen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist meine Pflicht, der <em>teirandanja<\/em> zu ihrem gro\u00dfen Freudenfest meine Aufwartung zu machen und meinen lieben Weitvetter willkommen zu hei\u00dfen. Ich breche sp\u00e4testens \u00fcbermorgen auf.\u201c<\/p>\n<p>Dies schien einige Anwesende unangemessen zu erleichtern. Nun, dachte Venghi\u00e1r, <em>zu fr\u00fch<\/em> freuen sollten sie sich nicht.<\/p>\n<p>\u201eNun. Wir haben nicht den ganzen Tag zu vers\u00e4umen. Ihr da\u201c, winkte er die Waffenknechte heran. \u201eDen da, den <em>maedlor<\/em> \u2013 ab zu den M\u00f6wen damit.\u201c<\/p>\n<p>Der Knecht aus Rodekliv z\u00f6gerte nicht. Mit fester Hand packte er den j\u00e4mmerlichen Mann und zog ihn auf die Beine. Die anderen, die z\u00f6gerten. Und durch die Menge raunte und wisperte best\u00fcrzt.<\/p>\n<p>\u201eHerr!\u201c, rief der <em>maedlor<\/em> panisch aus, \u201eich \u2026 ich habe nichts Unrechtes getan! Bitte \u2026 was habe ich denn verbrochen?\u201c<\/p>\n<p>Venghi\u00e1r lehnte sich zur\u00fcck. Es kostete ihn Beherrschung, nicht allzu zufrieden dreinzuschauen. Der j\u00e4mmerliche Kerl war so von Angst ergriffen, dass er keinen Widerstand wagte. Der treue Knecht aus Rodekliv w\u00e4re ganz allein mit ihm zurechtgekommen. Die anderen trieb er mit einem erwartungsvollen Blick zur Pflicht, mehr brauchte es nicht. Unter Alsg\u00f6r Emberbey waren die Klippen und die M\u00f6wenschw\u00e4rme nicht mehr gewesen als eine ernste, wenn auch leere Drohung. Nun, sie w\u00fcrden schon sehen.<\/p>\n<p>\u201eDu hast mit dem voreiligen Alarm unn\u00f6tige Unruhe gebracht\u201c, lie\u00df er den <em>maedlor<\/em> wissen. \u201eEhe wir selbst die Sache mit Verstand beenden konnten. Willst du dir anma\u00dfen, besser zu wissen als dein Herr, wie so wichtige Formalit\u00e4ten taktvoll zu erledigen sind?\u201c<\/p>\n<p>\u201eHerr! Ich habe doch nur \u2026\u201c<\/p>\n<p>Bei den M\u00e4chten, was f\u00fcr ein J\u00e4mmerling. Fehlte nur noch, dass er sich hier in der Halle einn\u00e4sste vor Angst. \u201eGenug! Und ihr, worauf wartet ihr? Mag er von einem Ehrenplatz zusehen, wie wir anderen Abschied von Herrn Alsg\u00f6r nehmen. Braucht Ihr meine Hilfe?\u201c<\/p>\n<p>Halbherzig, aber gehorsam ergriffen nun auch die anderen Waffenknechte den kleinen dicken Mann mit dem sch\u00fctteren Haar und der blutverschmierten Fratze.<\/p>\n<p>\u201eHerr\u201c, bettelte der, \u201ebitte \u2026 Erbarmen \u2026 habt Erbarmen \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eHier hat es sich hier vorerst auserbarmt! Viel zu lange hat mein Gro\u00dfonkel euch hier mit zu sanfter Hand nur <em>gestreichelt<\/em>. Es wird Zeit, Emberbey wieder zu dem zu machen, was es einmal war! Und jetzt weg mit dem Kerl.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht die M\u00f6wen\u201c, flehte der <em>maedlor<\/em> mit tr\u00e4nenerstickter Stimme.<\/p>\n<p>\u201eWie j\u00e4mmerlich\u201c, sagte Venghi\u00e1r hart und erhob sich. \u201eAber vielleicht bin ich milder gestimmt, sobald das N\u00f6tige erledigt ist. Und nun sputet Euch und bereitet das Totenflo\u00df vor. Und sollte jemand nicht mithelfen wollen \u2013 an der Klippe ist genug Platz.\u201c<\/p>\n<p>Seine Schutzbefohlenen starrten ihn fassungslos, aber stumm an. Die anwesenden Kinder sahen aus, als bangten sie vor einem wilden Chaosgeist. Ein ganz kleines M\u00e4dchen versteckte sich gar hinter dem Rock seiner Mutter. Und einige musterten ihn mit still unterdr\u00fcckten Unwillen in ihren Mienen. Vor dem Blick der <em>opayra<\/em> h\u00e4tte man sich beinahe f\u00fcrchten k\u00f6nnen. Dummes altes Weib. Mit der w\u00fcrde er auch noch fertig werden.<\/p>\n<p><em>Gef\u00e4llt es Euch?<\/em>, glaubte er die schwarze Samtstimme sanft an sein Ohr dringen zu h\u00f6ren. Unfug. Das bildete er sich sicher nur ein. Der Schwarzmantel war nicht bei ihm.<\/p>\n<p>Aber ja. Es gefiel ihm. Es f\u00fchlte sich \u2026 angenehm an.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/scherbenlied-oder-die-suche-nach-dem-boesen-band-3\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-4218","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-03_scherbenlied"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4218","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4218"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4218\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4236,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4218\/revisions\/4236"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4218"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4218"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4218"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}