{"id":2993,"date":"2025-08-25T15:31:21","date_gmt":"2025-08-25T13:31:21","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2993"},"modified":"2025-08-31T00:53:11","modified_gmt":"2025-08-30T22:53:11","slug":"001-was-sich-im-wald-zutrug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/001-was-sich-im-wald-zutrug\/","title":{"rendered":"001: Was sich im Wald zutrug"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SL_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1992\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p>Der Sommer neigte sich seinem Ende zu. Die ersten Bl\u00e4tter an den hohen Baumwipfeln begannen, sich ihres satten Gr\u00fcns zu entledigen und sich in ihr farbenpr\u00e4chtiges Abschiedsgewand zu h\u00fcllen. Noch w\u00e4rmte die Sonne und die V\u00f6gel in den Wipfeln sangen ihr mal melancholisches, mal ausgelassenes Konzert. Doch Zeichen der Ver\u00e4nderung waren bereits deutlich zu erkennen. Ab und zu l\u00f6ste sich ein Blatt und trat, tr\u00e4ge segelnd, seinen Weg zu Boden an, um im Winter zu sch\u00fctzen, was in der Erde \u00fcberdauerte und einst wieder zum Vorschein kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Maultier zuckte nur kurz mit Aseinen langen Ohren, als eine Kastanie an einem Ast \u00fcber ihnen den Halt verlor, abst\u00fcrzte und auf dem Pfad aufschlug. Das Tier hatte seinen Reiter, einen jungen Mann von zwanzig Sommern, brav und bed\u00e4chtig \u00fcber den Montaz\u00edel getragen, durch tiefe Schluchten und \u00fcber schmale P\u00e4sse. Seine Reise war weit und anstrengend gewesen, hatte mehrere Monde in Anspruch genommen und ihn schlie\u00dflich hierher gebracht, in eine vertraute Gegend, die er seit einigen Wintern nicht gesehen hatte. Sein Weg w\u00fcrde ihn bald noch weiter f\u00fchren, den Fluss entlang, weiter nach Norden, in seine Heimat. Diesmal, das hatte er beschlossen, w\u00fcrde er zum Meer reisen, um seinen rechtm\u00e4\u00dfigen Platz in Anspruch zu nehmen. Er hatte als Student die Annehmlichkeiten, Errungenschaften und die Kultur von Iva\u00e1l und Aur\u00f3p\u00e9a gesch\u00e4tzt, glanzvollen, gro\u00dfartigen Orten s\u00fcdlich des Gebirges. Ihm war klar, dass sein Lebensweg ihn nun von Komfort, Kunst und Geistesleben zur\u00fcck in die Provinz f\u00fchrte. Doch er war sicher, das Richtige zu tun. Das Richtige zur rechten Zeit. Aber zuvor hatte er noch eine wichtige Sache zu bestehen. Wenn ihm nur kein Missgeschick unterlief! Zu viel stand auf dem Spiel.<\/p>\n<p>F\u00fcr das brave Maultier war der junge Mann den M\u00e4chten dankbar, denn ein ungest\u00fcmes Ross h\u00e4tte er nicht z\u00fcgeln k\u00f6nnen. In seiner Kindheit hatte etwas seine linke Schulter zuschanden gemacht, und es war nie g\u00e4nzlich geheilt. Zwar konnte er Arm und Hand bewegen, doch das nur mit verminderter Kraft.<\/p>\n<p>Weitere Kastanien polterten zu Boden. Eine traf mit stacheliger Schale die Kruppe eines der Pferde, das scheute und sich so rasch in Bewegung setzte, dass sein Reiter, ein <em>vendyr<\/em>, ein wohlhabender Kaufmann aus For\u00e9tern, sich gerade noch auf seinem R\u00fccken halten konnte. Einer der drei Betreuer der Reiseschar, der neben dem jungen Mann geritten war, seufzte auf und galoppierte seinem Kunden nach. Nicht zum ersten Mal machte dieses Tier \u00c4rger. Sehr wahrscheinlich w\u00fcrde sein Besitzer die n\u00e4chstbeste Gelegenheit nutzen, es gegen ein zuverl\u00e4ssigeres Reittier einzutauschen, f\u00fcr einen guten Gewinn nat\u00fcrlich. Warum auch nicht? Der Rappe war ein feines, hei\u00dfbl\u00fctiges Ross, das mit etwas Ausbildung und einem geschickten Reiter einiges hermachen w\u00fcrde. Bedauerlicherweise konnte sein derzeitiger Herr beides nicht leisten.<\/p>\n<p>Der junge Mann beobachtete mit beil\u00e4ufigem Interesse, wie der Scharbegleiter das Pferd mit seinem schimpfenden und klagenden Herrn wieder einfing und zur Gruppe zur\u00fcckf\u00fchrte.<\/p>\n<p>\u201eHerr&#8221;, schlug der Mann dabei langm\u00fctig vor, \u201ewollt Ihr das Ross nicht besser an den Karren binden und selbst bequem fahren?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWas? Auf dem Lastkarren? Was f\u00e4llt dir ein? Was sollen die Leute denken!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eNiemand wird es sehen, solange wir diesen Wald durchqueren. Sobald wir in Sichtweite des n\u00e4chsten Dorfes sind, k\u00f6nnt Ihr gleich wieder in den Sattel.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eUnfug.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eAber wenn Ihr st\u00fcrzt und Euch verletzt, haltet Ihr den ganzen Zug auf!&#8221;<\/p>\n<p>Der <em>vendyr<\/em> winkte ungeduldig ab. F\u00fcr den Moment schien sein Pferd ihm wieder zu Willen zu sein. Wie lange dieser Zustand vorhalten mochte, war jedoch nicht absehbar.<\/p>\n<p>\u201eSo viel Geduld h\u00e4tte <em>ich<\/em> nicht&#8221;, murmelte der <em>forscor<\/em> [\u2248 \u201ewissenschaftlicher&#8221; Gelehrter] aus Iva\u00e1l, der neben dem Studenten ritt. \u201eEine Zumutung. Sie sollten besser darauf achten, dass die Leute dazu in der Lage sind, mitzuhalten.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eIch glaube nicht, dass sie die Wahl haben&#8221;, antwortete der junge Mann unverbindlich. \u201eUnd das Geld des einen ist so gut wie Eures oder meines.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eDas Geld f\u00e4llt nicht von den B\u00e4umen wie die Kastanien&#8221;, erwiderte der <em>mestar <\/em>[\u2248 Lehrer], der das mitgeh\u00f6rt hatte. Sein st\u00e4mmiges Pferdchen trottete unbeeindruckt hinter ihnen. Seit er im <em>yarlm\u00e1lon<\/em> [\u2248 Gebiet eines <em>yarl<\/em> (\u2248 hochedler Adliger)] Lebr\u00e9oka zu ihnen gesto\u00dfen war, hatte der \u00e4ltere Mann das Gespr\u00e4ch mit dem <em>forscor<\/em> gesucht, dem er sich geistig gewachsen zu f\u00fchlen schien. Leider wurden beide fr\u00fcher oder sp\u00e4ter stets uneins \u00fcber hochgeistige Lehrs\u00e4tze, aber ein gemeinsames \u00c4rgernis einigte die beiden. \u201eDie Scharbegleiter m\u00fcssen zusehen, wie sie sich ihr Einkommen sichern.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eDas wird sich \u00e4ndern, sobald sich herumspricht, wer seine Kundschaft im Griff hat und wer nicht. Von mir bekommen die hier allemal keine Empfehlung mehr. Was meinst du, Bursche?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eIch denke&#8221;, sagte der junge Mann mit so unbewegter Miene, dass man seine Belustigung nicht gewahrte, \u201ees reicht ihnen, ihr Geld zu bekommen.&#8221;<\/p>\n<p>Der <em>vendyr<\/em>, der bemerkte, dass \u00fcber ihn gesprochen wurde, runzelte w\u00fctend die Stirn. \u201eEuch w\u00e4re es wohl lieb, wenn Euch jemand pers\u00f6nlich in einer S\u00e4nfte herschleppte, was?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eMacht Euch nicht l\u00e4cherlich! Ich bin kein neureicher Empork\u00f6mmling aus Aur\u00f3p\u00e9a, der Menschen als Lasttr\u00e4ger ausbeutet. Ich kann mir mein Pferd leisten. Und es lenken!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eDas ist in der Tat zum Staunen&#8221;, l\u00e4sterte der <em>vendyr<\/em>. \u201eEin weiter Schritt vom Pult in den Sattel. Das wird mir in Virhav\u00e9t niemand glauben, dass es so eine Merkw\u00fcrdigkeit gibt.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWas soll das hei\u00dfen?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eNun, mir war, als w\u00e4ren die <em>forscoray<\/em> zur Gen\u00fcge damit besch\u00e4ftigt, wilde Mutma\u00dfungen \u00fcber haneb\u00fcchenes Zeug zu erdenken, statt hoch zu Ro\u00df durch das Weltenspiel zu gaukeln!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWas erlaubt Ihr Euch? Ich bin in hehren Aufgaben unterwegs!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eMit haarstr\u00e4ubenden Narreteien meint Ihr.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWovon redet Ihr?&#8221;<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber den Ghelazia-Durchlass. Was haben wir gelacht in For\u00e9tern, als wir davon h\u00f6rten!&#8221;<\/p>\n<p>Der <em>forscor<\/em> err\u00f6tete, weniger aus Verlegenheit als vor m\u00fchsam unterdr\u00fccktem Zorn. Der junge Mann war \u00fcberrascht. Offenbar f\u00fchlte der Gelehrte sich ertappt. Kein Wunder, dass er \u00fcber das Ziel seiner Reise nur vage geschwafelt hatte, und auch jetzt schnappte er nur: \u201eGeht&#8217;s Euch etwas an?&#8221;.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt keinen Beweis daf\u00fcr, dass es den Ghelazia-Durchlass gibt!&#8221;, mischte sich der <em>mestar<\/em> ein.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt erst recht keinen daf\u00fcr, dass es ihn nicht gibt!&#8221;, schnauzte der <em>forscor<\/em>. \u201eEs fehlt nur &#8230; es &#8230;&#8221;<\/p>\n<p>\u201eJa?&#8221;, fragte der <em>vendyr<\/em> gespannt.<\/p>\n<p>\u201eNun, es m\u00fcsste jemand &#8230; nachschauen.&#8221;<\/p>\n<p>Nun lachte der <em>vendyr<\/em> so lauthals, dass andere Mitreisende aufmerksam wurden. Der <em>forscor<\/em> runzelte die Stirn. H\u00e4tte er ein Tintenfass oder ein Schreibbrett zur Hand gehabt, h\u00e4tte es dem Kopf des Kaufmanns gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der <em>mestar<\/em> wandte sich dem jungen Mann zu. \u201eUnd? Was meinst du dazu?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eSo merkw\u00fcrdig wird man es in Virhav\u00e9t nicht finden&#8221;, antwortete der unbewegt. \u201eDort kennt man sowohl Pferde als auch Gelehrsamkeit.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eMachst du dich lustig? Ich meine doch die Theorie, wonach es diese mysteri\u00f6se Passage geben soll.&#8221;<\/p>\n<p>Der Student hob seine unversehrte Schulter. Die Gelehrten disputierten schon seit vielen Wintern \u00fcber die Idee, ob es durch die Eislande von Ghelazia im Osten des Montaz\u00edel m\u00f6glicherweise eine unterirdische Verbindung in den Westen gab. Mehrheitlich hielt man das f\u00fcr haneb\u00fcchenen Bl\u00f6dsinn, f\u00fcr ein Hirngespinst von Wirrk\u00f6pfen, die ein paar geistige Getr\u00e4nke zu viel genossen hatten. Wohlwollende gingen von einem \u00e4u\u00dferst elaborierten Scherz aus. Offenbar gab es hier und dort immer wieder ernsthafte Versuche, <em>teiranday<\/em> [\u2248 adlige Herrscher] oder sehr wohlhabende <em>vendyray<\/em> dazu zu bewegen, Expeditionen zu finanzieren und auszur\u00fcsten. Das Interesse potenzieller Geldgeber war m\u00e4\u00dfig, was den jungen Mann nicht sonderlich wunderte. Ohne einen Beweis w\u00fcrde sich niemand auf die Geschichte einlassen.<\/p>\n<p>Er z\u00f6gerte kurz, ob er eine Stellung dazu beziehen sollte. \u201eSolange niemand nachschaut, wird es niemand wissen&#8221;, sagte er dann unverbindlich. \u201eEntschuldigt mich. Ich habe nicht die Bef\u00e4higung, hier mitzureden.&#8221;<\/p>\n<p>In Wahrheit hatte er keine Lust darauf, sich das Gezanke erneut anzuh\u00f6ren, das immer lauter und leidenschaftlicher wurde und an dem sich nun noch mehr Mitreisende beteiligten, zum Teil aufseiten des <em>vendyr<\/em>, zum anderen und zum Scherz auf der des <em>forscor<\/em>. Er lie\u00df sich mit seinem unersch\u00fctterlichen Reittier fast bis an das Ende der kleinen Reisegesellschaft zur\u00fcckfallen. Der Anf\u00fchrer der Reiseschar, ein st\u00e4mmiger Mann mit fliehendem Haar und struppigem Vollbart, ritt an ihm vorbei und schaute ungl\u00fccklich drein. Wahrscheinlich hatte er lange keine derart anstrengenden Kunden gehabt, die so viel Unruhe in die Gruppe brachten.<\/p>\n<p>Die drei Scharbegleiter und den Karrenlenker mitgerechnet, waren sie ein Dutzend Personen auf dem Weg nach Norden, darunter eine Dame mit einem jungen M\u00e4dchen im elften Sommer, Tante und Nichte. Das M\u00e4dchen sollte zu Verwandten westlich des gro\u00dfen Flusses reisen und hatte offenbar nicht die geringste Freude daran. Immerhin gab sie die Freuden und den Luxus damit auf, die sie im <em>teirandon<\/em> Pian\u00e1rdent genossen hatte. Wie der junge Mann wusste, planten die Damen, in der Burg der Familie Altabete mit einem Verwandten zusammenzutreffen und die Reise gemeinsam fortzusetzen.<\/p>\n<p>Die Dame und die m\u00fcrrisch dreinblickende <em>f\u00e1njula<\/em> ritten hinter dem Gep\u00e4ckwagen und schwiegen sich an. Die Dame hatte es nicht leicht mit den Launen des M\u00e4dchens und schien erfreut dar\u00fcber, dass er sich zu ihnen gesellte. Er vermutete, dass sie es auf der Reise vermisste, h\u00f6fliche Gespr\u00e4che zu f\u00fchren. Ein artiger und kultivierter Gespr\u00e4chspartner kam ihr da gerade recht.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df wirklich nicht, was ich ihr noch sagen soll&#8221;, klagte sie dem Studenten ihr Leid. \u201eSie ist nie zuvor bei meinem Bruder in Antroev\u00e9re gewesen und l\u00e4sst sich nicht davon abbringen, wie schrecklich dort alles sei!&#8221;<\/p>\n<p>Er lie\u00df die Z\u00fcgel los, nahm seine Brille ab und z\u00fcckte ein T\u00fcchlein, um die Gl\u00e4ser zu entstauben. \u201eAntroev\u00e9re ist ein sehr guter Ort&#8221;, erkl\u00e4rte er, der Frau zugewandt aber doch so, dass er sich sicher sein konnte, dass das M\u00e4dchen ihn h\u00f6rte. \u201eEine reizvolle Gegend in guter Lage. Soweit ich unterrichtet bin, entsteht gerade ein Flusshafen mit einem gro\u00dfen Marktgeb\u00e4ude nahebei. Es wird sich in den n\u00e4chsten Sommern einiges tun.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eJa, in der Tat. Der R\u00edflu\u00edr scheint als Handelsroute immer interessanter zu werden, seit es diese neuen Lastk\u00e4hne gibt, die sie jetzt in Virhav\u00e9t bauen.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eGanz recht.&#8221; Dass er einer derjenigen war, der vor einigen Wintern an den Entw\u00fcrfen des Bootsbauers mitgewirkt hatte, wenn auch nur beim Rechnen und Kalkulieren, verschwieg er.<\/p>\n<p>\u201eAu\u00dferdem&#8221;, fuhr er fort, \u201ekommt Ihr gerade zur rechten Zeit in Altabete an. Zum Herbstmond findet in Wijdlant das gro\u00dfe <em>vaspos\u00e1r<\/em> [\u2248 gro\u00dfes Turnierfest] f\u00fcr Manj\u00e9v von Wijdlant und Spagor statt. Ein prunkvolles Fest wird das werden, wie es einer jungen <em>teirandanja<\/em> [\u2248 Jungherrscherin] geb\u00fchrt. So etwas bekommt man nicht alle Tage zu sehen. Ihr werdet doch dabei sein? Oder hat Euer Bruder es eilig mit der Weiterreise auf die andere Seite des R\u00edflu\u00edr?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eIch brenne darauf. Mein Bruder hat unsere Reise gerade so geplant, dass wir diesem Ereignis beiwohnen k\u00f6nnen. Ob sie&#8221;, die Dame warf einen vorwurfsvollen Blick in Richtung des M\u00e4dchens, das sich alle M\u00fche gab, sein Interesse zu verbergen, \u201esich dazu herablassen kann, uns zu begleiten, kann ich nicht sagen. Ihr ist alles zu gering, wie es schient.&#8221; Die Dame lachte verlegen. \u201eUnd dabei sollte man annehmen, die jungen Leute seien ganz versessen auf so ein gro\u00dfes Fest!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eDas w\u00e4re aber schade&#8221;, sagte er. \u201eIch h\u00e4tte ihr sonst meine Schwestern vorstellen k\u00f6nnen. Die j\u00fcngere kommt ihr im Alter nahe. Sicher w\u00fcrden sie sich vorz\u00fcglich verstehen.&#8221;<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen war h\u00f6flich genug, nicht die Nase zu r\u00fcmpfen.<\/p>\n<p>\u201eDu verl\u00e4sst uns am Abend?&#8221;, fragte die Dame. \u201eIch h\u00f6rte dich gestern so zum Scharleiter reden.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eJa. Ich werde in der Herberge an der Stra\u00dfe nach Altabete noch mit Euch \u00fcbernachten und am Morgen allein weiterziehen. Ich werde in Wijdlant auf der Burg erwartet und will den Weg querfeldein abk\u00fcrzen, ohne den Umweg \u00fcber Altabete zu machen.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eGanz allein?&#8221;, fragte das M\u00e4dchen unvermittelt.<\/p>\n<p>\u201eAch? Du redest doch noch mit uns?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eIch kenne mich gut aus&#8221;, sagte der junge Mann. \u201eVon der Herbergsstation geht es immer geradeaus. Auf der Strecke passiert mir nichts.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eBist du auch beim <em>vaspos\u00e1r<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eDavon gehe ich aus.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eDer da hinten&#8221;, sagte das M\u00e4dchen und deutete mit einer Kopfbewegung ganz ans Ende der Nachhut, \u201eder will auch nach Wijdlant. Hat er zum Scharleiter gesagt, ich hab es geh\u00f6rt. Vielleicht will der auch zum <em>vaspos\u00e1r<\/em>. Ist die <em>teirandanja<\/em> sch\u00f6n?&#8221;<\/p>\n<p>Der junge Mann setzte seine Augengl\u00e4ser wieder auf und schaute sich um. Der Genannte war erst in der letzten Herberge vor dem Montaz\u00edel zu ihnen gesto\u00dfen, an der Nordgrenze der Heide von Hethrom. Wortkarg und d\u00fcster war er, ein Mann mittleren Alters in unauff\u00e4lliger Gewandung, die weder R\u00fcckschl\u00fcsse auf seinen Stand noch seine Herkunft erlaubte. Der Student hatte ihn nie mit einem der anderen Reisenden reden h\u00f6ren, nur das Notwendigste schien er mit den Scharf\u00fchrern zu besprechen. Nun, das war seine eigene Angelegenheit. Vielleicht war er in einer sensiblen privaten Sache unterwegs.<\/p>\n<p>\u201eSie ist liebreizend und klug&#8221;, erkl\u00e4rte er dem Kind zerstreut. \u201eIhre Schutzbefohlenen und Gefolgsleute lieben sie sehr.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eUnd wird sie bei dem <em>vaspos\u00e1r<\/em> einen <em>h\u00fdardor<\/em> [\u2248 Gef\u00e4hrten] ausw\u00e4hlen?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eSo die M\u00e4chte ihr den richtigen schicken, wird sie ihn finden, nat\u00fcrlich.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eOb sie ihn bereits kennt?&#8221;, \u00fcberlegte die Dame.<\/p>\n<p>\u201eDas ist nicht auszuschlie\u00dfen.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWie in den Geschichten vom Smaragdritter und der Rosendame&#8221;, sinnierte das M\u00e4dchen, sehr zum Entsetzen seiner Tante.<\/p>\n<p>\u201eWoher kennst du diese &#8230; Geschichten? Hat deine Mutter dich das lesen lassen?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eAber Tante! <em>Alle<\/em> lesen diese B\u00fccher!&#8221;<\/p>\n<p>Der Student versuchte, seine Ohren vor dem folgenden Streit der beiden um z\u00fcchtige Literatur und jugendlichen Geschmack zu verschlie\u00dfen, war aber rasch abgelenkt. Vorne wurden Stimmen lauter. Der Disput zwischen dem <em>vendyr<\/em>, dem <em>forscor<\/em> und dem <em>mestar<\/em> hatte sich aufgeschwungen. Das Pferd des <em>vendyr<\/em> t\u00e4nzelte bei dem hitzigen Wortgefecht so nerv\u00f6s herum, dass der berittene Scharf\u00fchrer und sein Gehilfe es nicht wagten, sich weit zu entfernen. Der Lenker des Gep\u00e4ckkarrens grinste.<\/p>\n<p>Der Wald begann, sich langsam zu lichten. Sie hatten die Stra\u00dfe entlang der Grenze zwischen den <em>yarlm\u00e1lon<\/em> Tjiergroen und Grootplen erreicht; nicht die schnellste Verbindung in n\u00f6rdlicher Richtung, aber die einzige, die f\u00fcr einen schweren Karren bequem zu befahren war, denn zwischenzeitlich hatte man den Weg an den schwierigen Stellen befestigt. Eigentlich h\u00e4tte er bereits jetzt mit seinem Maultier querfeldein abk\u00fcrzen k\u00f6nnen, aber auf das Packtier, das in der Herberge f\u00fcr ihn bereitstehen sollte, und auf sein Gep\u00e4ck konnte er nicht verzichten. Das reiste in dem Karren, der nun ganz offenbar die Begierde einer R\u00e4uberbande erregt hatte. Jedenfalls war die Vorhut, der dritte Scharbegleiter mit einem Teil der G\u00e4ste, pl\u00f6tzlich zum Halten gekommen. Die Streith\u00e4hne bemerkten das nicht rechtzeitig, und ausweichen oder drehen konnte der Wagen nicht. Und so staute sich der kleine Reisezug vor den drei berittenen Bewaffneten auf, die wie aus dem Nichts zwischen den B\u00e4umen hervorgekommen waren und mit ihren Pferden den Weg versperrten.<\/p>\n<p>\u201eBei den M\u00e4chten&#8221;, wisperte die Dame und das M\u00e4dchen stie\u00df einen unterdr\u00fcckten spitzen Schrei aus, als es die Reiter bemerkte.<\/p>\n<p>\u201eHaltet an!&#8221;, rief einer der drei und hob seine Hand, mit der er einen Spie\u00df hielt. Seine Stimme klang dumpf, denn er trug einen Beutel aus grobem Sackleinen \u00fcber dem Kopf, in den lediglich kleine Sehschlitze f\u00fcr die Augen geschnitten waren. \u00c4hnlich primitiv waren er und seine Kumpane verkleidet: Alle drei hatten sich alte S\u00e4cke \u00fcbergestreift, die grobe \u00d6ffnungen f\u00fcr Kopf und Arme hatten. Ihre Pferde &#8211; ein Rappe und zwei Braune \u2013 waren ungesattelt, aber das Zaumzeug war von erlesener Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Scharf\u00fchrer wandte sich seinen Kunden zu. Die Sache schien ihm aus mehreren Gr\u00fcnden peinlich zu sein, haupts\u00e4chlich deswegen, weil er ihnen absolut sicheres Geleit \u00fcber eine Wegstrecke versprochen hatte, in der es seit mehreren Sommern nicht mehr zu \u00dcberf\u00e4llen gekommen war. \u201eBleibt ruhig!&#8221;, riet er. \u201eDas werden wir sicher friedlich l\u00f6sen k\u00f6nnen!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eMeine Ware bekommt ihr nicht!&#8221;, sagte einer der <em>vendyray<\/em>, der an der Spitze des Zuges mit geritten war.<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr Ware?&#8221;, fragte der gr\u00f6\u00dfte der drei R\u00e4uber, dem seine Sackgewandung knapp auf den breiten Schultern sa\u00df, ebenso interessiert wie einsch\u00fcchternd. Bewaffnet war er mit einer Axt, die scharf geschliffen aussah.<\/p>\n<p>\u201eFeine &#8230; feine Stoffe aus For\u00e9tern&#8221;, stammelte der <em>vendyr<\/em>. \u201eMan &#8230; erwartet die Ware.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWer wartet?&#8221; Der mit dem Spie\u00df deutete auffordernd mit dem spitzen Ende auf den Tuchh\u00e4ndler.<\/p>\n<p>\u201eDie <em>teirandanja<\/em> von Wijdlant&#8221;, brachte dieser hervor.<\/p>\n<p>Die drei R\u00e4uber wechselten kurze Blicke.<\/p>\n<p>\u201eMalvenfarben&#8221;, meinte der, der auf dem R\u00fccken des Rappen sa\u00df. \u201eJede Wette.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eBehaltet die Ruhe&#8221;, kam es von dem Dritten, der ebenfalls einen Spie\u00df f\u00fchrte. \u201eWir interessieren uns nicht f\u00fcr Euren Kram.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eNein, in gar keiner Weise. Wir wollen doch die Gesch\u00e4fte in diesem sch\u00f6nen <em>teirandon<\/em> und dar\u00fcber hinaus nicht sch\u00e4digen. Wollen wir doch nicht, oder?&#8221;<\/p>\n<p>Das bekr\u00e4ftigten die beiden anderen.<\/p>\n<p>\u201eD\u00fcrfen wir dann vielleicht &#8230; weiterfahren?&#8221;, erkundigte sich der Scharf\u00fchrer vorsichtig.<\/p>\n<p>\u201eNicht so voreilig.&#8221; Der erste wendete sein Pferd so, dass es quer auf dem Weg stand. \u201eDann h\u00e4tten wir euch nicht anhalten m\u00fcssen.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eJa. Wir interessieren uns nicht f\u00fcr euer Gep\u00e4ck oder eure Handelsware&#8221;, best\u00e4tigte der zweite und ritt mit pr\u00fcfendem Blick hinter seiner behelfsm\u00e4\u00dfigen Maske an der Reisegruppe und dem Wagen entlang. Als er den <em>vendyr<\/em> aus For\u00e9tern passierte, sagte er anerkennend: \u201eNettes Pferdchen. Ein Feuerblut aus Iva\u00e1l?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eAus For\u00e9tern &#8230;&#8221;, stammelte der <em>vendyr<\/em>.<\/p>\n<p>\u201eDenk gar nicht dran!&#8221;, mahnte der R\u00e4uber mit der Axt seinen Kumpan. \u201eWir brauchen keine Pferde und schon gar keinen Stoff f\u00fcr &#8230; Weibergew\u00e4nder.&#8221;<\/p>\n<p>Der Mann auf dem braunen Pferd zuckte ertappt zusammen und ritt dann weiter, gem\u00e4chlich an der Gruppe vorbei.<\/p>\n<p>\u201eWas wollt ihr dann von uns?&#8221;, fragte der <em>forscor<\/em>. \u201eWas soll dieser Unfug?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWir geben uns nicht mit feinen Stoffen, guten Pferden oder solchem Tand ab&#8221;, sagte der dritte, der auf seinem Rappen an der anderen Seite des Weges an ihnen entlang ritt und die Reisenden musterten. \u201eSchlie\u00dflich habt ihr etwas viel interessanteres dabei.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eUnd du, lass das bleiben!&#8221;, sagte der andere scharf und hob seinen Spie\u00df gegen den Reisenden aus Hethrom, der die Hand am Schwert hatte, es aber noch nicht weit gezogen hatte.<\/p>\n<p>\u201eWas mich betrifft&#8221;, entgegnete der Mann heiser, \u201ewerde ich mein Leben verteidigen. Ihr seid in der Unterzahl, ihr Narren! Und ihr, ihr anderen, was hindert euch, die Kerle hier von ihren G\u00e4ulen zu holen? Seid ihr M\u00e4nner oder nicht?&#8221;<\/p>\n<p>Der Breitschultrige mit der Axt hob die Hand. \u201eGemach. Oder wisst ihr, wie viele von uns sich hier ringsum versteckt halten und uns zur Hilfe k\u00e4men, wenn einem von euch das Temperament durchgeht?&#8221;<\/p>\n<p>Der Mann aus Hethrom fand sich im Fokus erwartungsvoller Blicke, sowohl der Mitreisenden als auch der Wegelagerer. Dann steckte er sein Schwert wieder ein.<\/p>\n<p>\u201eBrav&#8221;, sagte der mit dem Rappen. \u201eUnd nachdem das gekl\u00e4rt ist &#8230; ihr fragt euch zu Recht, was unser Begehr ist. Nun &#8230; es hat sich herumgesprochen, dass unter euch einer ist, f\u00fcr den einige Leute ein stattliches S\u00fcmmchen zahlen w\u00fcrden.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eHier sind wohl einige dabei, f\u00fcr die das lohnen w\u00fcrde&#8221;, fuhr der auf dem Braunen fort und steuerte auf die Dame und ihre Nichte zu. Die Dame griff nach der Hand des M\u00e4dchens, das nun nicht mehr m\u00fcrrisch, sondern voller Panik war. Als er n\u00e4her kam, streifte der wasserhelle Blick des R\u00e4ubers den des Studenten, als er sein Pferd vor diesem zum Stehen brachte.<\/p>\n<p>\u201eWir machen es spannend&#8221;, sagte der Blau\u00e4ugige und wirbelte l\u00e4ssig seinen Spie\u00df um seine Hand. \u201eWir suchen &#8230; einen Mann. Einen Mann aus einer angesehenen, wohlhabenden Familie. Man h\u00f6rt, er sei eine ganze Weile nicht in der Gegend gewesen.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eGanz recht&#8221;, sagte der mit der Axt. \u201eWisst ihr, es gibt hier eine ganze Reihe von Leuten, die die eine oder andere Sache mit dem feinen Herrn zu kl\u00e4ren haben. Weit weg ist er gewesen, hat ein paar edle Herren und sogar einige Damen allein gelassen und sich anderswo ein sch\u00f6nes Leben gemacht.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6ne Gew\u00e4nder tr\u00e4gst du da&#8221;, sagte der auf dem Rappen, der die Gruppe umrundet hatte und ber\u00fchrte mit der Spitze seines Spie\u00dfes den \u00c4rmel des jungen Mannes.<\/p>\n<p>\u201eJeder, der hier den zwanzigsten Sommer \u00fcberschritten hat, kann aufatmen. Und die Damen nat\u00fcrlich auch&#8221;, fuhr der Blau\u00e4ugige fort.<\/p>\n<p>\u201eDamit bleibt ihr beide \u00fcbrig.&#8221; Der Rappenreiter wandte sich dem Scharbegleiter zu, der das nerv\u00f6se Kaufmannspferd eingefangen hatte. \u201eAber du scheinst mir kein hochedler <em>yarl<\/em> zu sein.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eN&#8230; nein, &#8221; stie\u00df der J\u00fcngling hervor. \u201eIch bin aus Enim\u00e1r, \u00f6stlich jenseits des Montaz\u00edel.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eFein. Dann kannst du gleich passieren.&#8221; Der Rappenreiter klang deutlich belustigt unter seinem Sack. \u201eAch schaut, dann bleibt ja nur noch der hier \u00fcbrig!&#8221;<\/p>\n<p>Der Student f\u00fchlte nun zwei Spie\u00dfspitzen, eine am Arm, eine im R\u00fccken. Sein Maultier ignorierte unbeeindruckt die R\u00f6sser, die ihm deutlich zu nahe waren. Der junge Mann seufzte tief. So kurz vor dem Ziel war er gewesen.<\/p>\n<p>\u201eSag an, Eulengesicht&#8221;, fragte der Rappenreiter. \u201eBist du ein hochedler <em>yarl<\/em> oder nicht?&#8221;<\/p>\n<p>Der junge Mann nickte ergeben.<\/p>\n<p>\u201eSprich lauter! Ich h\u00f6re dich hier vorne nicht!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eJa. Ja, ich bin ein <em>yarl<\/em>. Ich bin Osse Emberbey, Sohn von Alsg\u00f6r Emberbey, dem <em>mynstir <\/em>[\u2248 yarl mit Berateramt] des <em>teirand<\/em> Asga\u00fd von Spagor.&#8221;<\/p>\n<p>Dieses Gest\u00e4ndnis l\u00f6ste \u00fcberraschtes Raunen und Tuscheln aus. Den ganzen weiten Weg hatte jeder aus der Weggesellschaft den jungen Mann f\u00fcr einen bescheidenen Studenten aus Iva\u00e1l gehalten. Osse Emberbey schaute sich schuldbewusst um. Sie alle schienen nun dar\u00fcber nachzur\u00e4tseln, was diese Geheimniskr\u00e4merei zum Ziel gehabt haben mochte. Warum er unerkannt unter ihnen gereist war statt standesgem\u00e4\u00df mit eigenen Begleitern. Was er zu verbergen hatte.<\/p>\n<p>Nur der Mann aus Hethrom \u2013 dem schien es egal zu sein. Nun, vielleicht war er noch zu besch\u00e4mt.<\/p>\n<p>\u201eDann nehmen wir den hier mit&#8221;, sagte der H\u00fcne mit der Axt. \u201eHat er euch die Reise bereits entlohnt?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eBis auf die letzte Etappe&#8221;, sagte der Reisef\u00fchrer verdattert.<\/p>\n<p>Der auf dem Braunen kramte mit der linken Hand in seiner B\u00f6rse, ohne seinen Spie\u00df loszulassen. Dann warf er dem Mann eine Silberm\u00fcnze zu. \u201eDie spendiere ich. Schlie\u00dflich kommt er nicht freiwillig mit uns mit. Da soll er nicht noch Geld verschwenden.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eHast du viel Gep\u00e4ck, Eulengesicht?&#8221;, fragte der mit dem Rappen.<\/p>\n<p>\u201eZwei kleine Truhen. Und einen Stapel Pergamentrollen&#8221;, antwortete der junge Mann gefasst.<\/p>\n<p>\u201eLadet das ab. Und dann verschwindet so schnell wie m\u00f6glich und vergesst, dass wir hier gewesen sind.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eAber &#8230;&#8221;, begehrte das M\u00e4dchen auf, w\u00e4hrend sich die drei Scharf\u00fchrer und der Wagenlenker eilig daran machten, im Karren nach der Habe des jungen Mannes zu suchen. \u201eTante! Die k\u00f6nnen ihn doch nicht einfach mitnehmen!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir das, liebreizende <em>fanjul\u00e1<\/em>&#8220;, sagte der Rappenreiter. Man konnte h\u00f6ren, dass er unter seiner Sackmaske hohnl\u00e4chelte. \u201eWir nehmen ihn mit in unser Lager und passen gut auf, das er keinen Schritt mehr ohne uns macht.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eAber ihr tut ihm doch nichts an?&#8221;, entsetzte das Kind sich. Seine Tante versuchte hastig, es zum Schweigen zu bringen.<\/p>\n<p>\u201eNicht viel&#8221;, beruhigte der Rappenreiter. \u201eEin bisschen vielleicht. Aber keine Sorge. Den Kopf lassen wir dran. Den braucht er noch.&#8221;<\/p>\n<p>Der Blau\u00e4ugige gab ein tadelndes Schnauben von sich, und sein Kumpan r\u00e4usperte sich. Das Kind machte gro\u00dfe Augen, und die Dame schnappte nach Luft.<\/p>\n<p>\u201eDas werdet ihr bereuen!&#8221;, entdeckte der <em>mestar<\/em> pl\u00f6tzlich seinen Mut. \u201eDer hiesige <em>yarl<\/em> wird euch daf\u00fcr zur Rechenschaft ziehen!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eUnwahrscheinlich&#8221;, antwortete der Breitschultrige mit der Axt. \u201eDer erwischt uns nicht.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eIhr werdet das b\u00fc\u00dfen!&#8221;, murrte der Scharf\u00fchrer. \u201eHier so einfach den Hauptweg unsicher zu machen! Die Strecke galt als sicher!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWenn ihr uns vergesst und einfach Gras \u00fcber den kleinen Vorfall wachsen lasst, wird die Strecke weiterhin sicher bleiben&#8221;, versprach der Blau\u00e4ugige. \u201eWir wollen nur den hier von der Stra\u00dfe weg haben.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eDamit kommt ihr nicht weit! Ihr &#8230;&#8221;<\/p>\n<p>Osse Emberbey atmete tief ein. Nun, da seine Tarnung aufgeflogen war, f\u00fchlten sie sich alle verpflichtet, den Schurken zumindest der Form halber Widerworte zu geben. Niemand w\u00fcrde sich nachsagen lassen wollen, ihm, dem <em>yarl<\/em>, den Hochedlen, nicht zumindest tugendhaft Beistand geleistet zu haben. Aber damit verschlimmerten sie seine Lage nur. \u201eEs ist alles in Ordnung&#8221;, sagte er daher so laut, dass alle es h\u00f6ren konnten. \u201eIch wei\u00df wohl und sehr genau, was diese forschen Burschen hier von mir wollen und in wessen Auftrag sie hier sind. Es gibt keine Veranlassung, irgendwem zu melden, dass man mich gefangen genommen hat. Das w\u00fcrde es f\u00fcr alle Beteiligten wohl unangenehm machen.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWarum hast &#8230; habt Ihr die ganze Zeit nichts gesagt?&#8221;, fragte der <em>vendyr<\/em>. Die lange Reise \u00fcber hatte er den vermeintlichen Studenten mit der schiefen Schulter mit einer gewissen Herablassung behandelt.<\/p>\n<p>\u201eEs erschien mir nicht erw\u00e4hnenswert.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eVielleicht hat er was zu verbergen&#8221;, mutma\u00dfte der <em>forscor<\/em> hinter vorgehaltener Hand. Der Rappenreiter h\u00f6rte es dennoch.<\/p>\n<p>\u201eOh ja&#8221;, begann er. \u201eSicher sind da ganz viele dunkle Geschichten. Wer wei\u00df? Intrigen, R\u00e4nkespiele, sch\u00f6ne <em>fanjula\u00e9<\/em> \u2013 es wird sicher viel Spa\u00df machen, aus ihm herauszubringen, was er all die Zeit in der Fremde getrieben hat, was meint Ihr? Komm runter von deinem Muli, Eulengesicht. Ein bisschen pl\u00f6tzlich!&#8221;<\/p>\n<p>Die drei Wegelagerer lachten sp\u00f6ttisch. Osse seufzte ergeben und hangelte sich unbeholfen hinab.<\/p>\n<p>\u201eIst das alles, Eulengesicht?&#8221;, fragte der H\u00fcne und deutete auf das Gep\u00e4ck, das nun am Wegesrand stand.<\/p>\n<p>\u201eJa. Mehr besitze ich nicht.&#8221;<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Reiter trieb sein Pferd beiseite und machte den Weg frei. \u201eDann los. Wenn jemand nach ihm fragt \u2013 ihr habt ihn und uns nicht gesehen. Und ihr habt keine Ahnung, wer er ist. Ist das klar? Dann entschuldigt die kleine Unterbrechung. M\u00f6gen die M\u00e4chte euren weiteren Weg begleiten.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eUnd jetzt ab&#8221;, f\u00fcgte der mit den blauen Augen hinzu. \u201eBis zur Herberge seid ihr noch eine Weile unterwegs. Sputet Euch, ehe es dunkelt!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eK\u00f6nnen wir Euch helfen?&#8221;, fl\u00fcsterte die Dame.<\/p>\n<p>\u201eIhr werdet mich beim <em>vaspos\u00e1r<\/em> wiedersehen \u2013 so die M\u00e4chte ein Einsehen haben&#8221;, versetzte der junge <em>yarl<\/em>.<\/p>\n<p>\u201eKommt&#8221;, dr\u00e4ngte der Mann aus Hethrom und spornte sein Pferd an. \u201eNicht, dass diese Narren es sich doch noch anders \u00fcberlegen!&#8221;<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6gen die M\u00e4chte Euch beistehen&#8221;, sagte die Dame und trieb ihren Zelter voran. Im Trab setzten sie alle sich in Bewegung, Reiter wie Wagen, und zogen eilig weiter die Stra\u00dfe entlang, an dem H\u00fcnen mit der Axt vorbei.<\/p>\n<p>Kurz darauf war die Reisegruppe au\u00dfer Sicht. <em>Yarl<\/em> Osse Emberbey fand sich allein mit seinen Habseligkeiten und umringt von den drei maskierten Wegelagerern mitten in einem Wald, durch dessen lichte Wipfel goldene Herbstsonne flimmerte und irgendwo in der N\u00e4he ein Specht h\u00e4mmerte. Er seufzte und blickte von einem zum anderen.<\/p>\n<p>\u201eHervorragend&#8221;, sagte der auf dem Rappen und piekte sacht gegen die Brust des Gefangenen. \u201eWas meint ihr, l\u00e4sst Herr Alsg\u00f6r springen, wenn wir ihm den abtr\u00fcnnigen Sohn vorf\u00fchren?&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWer wei\u00df?&#8221;, antwortete der H\u00fcne. \u201eVielleicht ist das Eulengesicht ihm eine ganze Kupferm\u00fcnze wert.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr eine Aussicht!&#8221;, rief der Rappenreiter mit gro\u00dfer Geste aus. \u201eDas gibt einen halben Krug Bier! Davon k\u00f6nnen wir uns hemmungslos besaufen.&#8221;<\/p>\n<p>\u201eAuf diese Idee&#8221;, sagte der <em>yarl<\/em> ruhig und schob die Spitze der Waffe von sich weg, \u201ek\u00f6nnt ihr auch nur im Suff gekommen sein \u2013 J\u00e1ndris Altabete.&#8221;<\/p>\n<p>Der Rappenreiter zuckte zusammen und lie\u00df verlegen seinen Spie\u00df sinken. Osse Emberbey l\u00e4chelte. \u201eIch erwarte, dass ihr drei hierf\u00fcr zumindest eine <em>interessante<\/em> Erkl\u00e4rung habt.&#8221;<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/scherbenlied-oder-die-suche-nach-dem-boesen-band-3\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-2993","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-03_scherbenlied"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2993","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2993"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2993\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3634,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2993\/revisions\/3634"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2993"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2993"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2993"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}