{"id":2989,"date":"2025-08-25T15:36:34","date_gmt":"2025-08-25T13:36:34","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2989"},"modified":"2025-08-31T00:57:39","modified_gmt":"2025-08-30T22:57:39","slug":"004-stoff-fuer-ein-maerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/004-stoff-fuer-ein-maerchen\/","title":{"rendered":"004: Stoff f\u00fcr ein M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SL_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1992\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SL_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"9c88c43c6ad530bc1f16c2d4ccd98076\">\u201eFeinste Samtbl\u00fctenfasern aus Pian\u00e1rdent&#8221;, pries der Tuchh\u00e4ndler seine Ware an. \u201eWarm wie Wolle, leicht wie Seide. Exquisite Qualit\u00e4t!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a9814526a0f654bf5090ac347f608a38\">Das M\u00e4dchen betrachtete staunend die sch\u00f6nen bestickten Stoffe, die der Tuchmacher gesch\u00e4ftst\u00fcchtig vor der <em>opayra<\/em> [\u2248 Governante, Erzieherin] ausbreitete. So etwas H\u00fcbsches hatte es lange nicht gesehen und schon gar nicht angetastet.<\/p>\n<p data-p-id=\"c5460857a1882d79832062f3691af630\">\u201eUnd davon darf ich mir wirklich etwas aussuchen?&#8221;, fragte sie artig und tat ihr M\u00f6glichstes, ihr Entz\u00fccken zu verbergen. Eine Dame sollte sich nicht zu \u00fcbertriebener Freude hinrei\u00dfen lassen. Das galt als ungeb\u00fchrlich. Zumindest behauptete die <em>opayra<\/em> das.<\/p>\n<p data-p-id=\"5a58a7605f979d2b6cc583bd9ec8327c\">\u201eWas du willst. Schlie\u00dflich sollst du fein angezogen sein, wenn du den <em>teiranday<\/em> und der k\u00fcnftigen <em>teiranda<\/em> unter die Augen trittst.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"73af2b7ad0818a134cb0f7549a3a1df5\">\u201eWird es Osse wohl gefallen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3061e9384332c3ba0368973fb7ed5ec0\">\u201eDein Bruder wird wohl damit zufrieden sein. Wenn er es denn schafft, den weiten Weg bis dahin p\u00fcnktlich zur\u00fcckzulegen. M\u00f6gen die M\u00e4chte das geben, aber verlassen sollte man sich nicht darauf.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1dc6ddce6de28e4dcb602c1119c7e27d\">\u201eDas wird er. Ganz bestimmt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"df2f7eb5b57ad22faf41d12c3f5992e2\">\u201eDer Weg von Iva\u00e1l \u00fcber den Montaz\u00edel ist weit und beschwerlich, Kind. Es kann ihn allezeit etwas aufhalten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"402868f0f553677441f5f9ffaf95a2c8\">\u201eEr <em>wird<\/em> da sein. Er w\u00fcrde niemals versp\u00e4tet zu einer so wichtigen Sache erscheinen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"99feb561c8002d8c357859f240dfbb77\">Der Tuchh\u00e4ndler aus Virhav\u00e9t wartete das Gespr\u00e4ch geduldig ab. Ra\u00fdneta Emberbey wandte sich wieder den Stoffen zu, geradezu berauscht von all den Farben und Mustern. Wie anders war das als ihr gew\u00f6hnliches Kleidchen aus Leinen mit dem \u00dcberwurf in honiggelb. Sie tastete zaghaft all die sch\u00f6nen bunten Stoffe an, aus denen nun bald ein sch\u00f6nes Festkleid f\u00fcr sie entstehen sollte. Nur noch einen Mond war es bis zum <em>vaspos\u00e1r<\/em>, dem prunkvollen Fest mit Musik und Tanz und vielen guten Speisen und dem gro\u00dfen Turnier, dem gr\u00f6\u00dften, das seit vielen Sommern, nein \u2013 seit <em>\u00fcberhaupt jemals<\/em> stattgefunden hatte. In den zehn Sommern ihres bisherigen Lebens hatte es auf der Burg der Familie Emberbey keine nennenswerten Feste gegeben. Allenfalls ganz kleine, wenn jemandem vom Gesinde etwas Freudiges widerfuhr. Ihr Vater, der greise <em>yarl<\/em> Alsg\u00f6r Emberbey, war nie ein Freund von ausgelassenen Vergn\u00fcgungen und Feiern gewesen. Wenn andere sich an etwas freuten, h\u00fcteten sie sich, ihn damit zu plagen. Er lie\u00df seinen Schutzbefohlenen die Ausgelassenheit, wollte selbst aber unbehelligt davon bleiben.<\/p>\n<p data-p-id=\"e45870ff2ae5cfedef78590d665bbd77\">Doch das, was Truda, ihre \u00e4ltere Schwester, ihr in ihren Briefen begeistert schilderte, klang aufregend. Ra\u00fdneta hatte oft davon geh\u00f6rt, wie es in Wijdlant zuging, auf der Burg der <em>teiranday<\/em>. Truda war mit ihren f\u00fcnfzehn Sommern l\u00e4ngst eine Hofdame in Diensten der jungen <em>teirandanja<\/em>. Sie geh\u00f6rte damit zum engsten Kreis der Hauptperson, um die sich das gro\u00dfe Fest drehen w\u00fcrde. Die <em>teirandanja<\/em> solle sich vor aller Augen einen <em>h\u00fdardor<\/em> erw\u00e4hlen, der einmal mit ihr zusammen das gro\u00dfe <em>teirandon<\/em> von Wijdlant und Spagor beherrschen sollte. Ein <em>teirandon<\/em>, dessen n\u00f6rdlichster Punkt eben das <em>yarlm\u00e1lon<\/em> ihres Vaters war, die uneinnehmbare, trutzige Burg am Meer, an der gro\u00dfen Bucht. Ganze f\u00fcnf <em>yarlm\u00e1lon<\/em> und zwei <em>teirandon<\/em> standen unter der Obhut der herrschaftlichen Familie, ein gro\u00dfes, zusammenh\u00e4ngendes Gebiet n\u00f6rdlich des Montaz\u00edel. Wer mochte der Gl\u00fcckliche sein, der das Herz der jungen Frau gewann? Mehr als ein junger <em>teirandanjor<\/em> w\u00fcrde sich dem Wettstreit stellen, um sich der Dame zu pr\u00e4sentieren. Aufregend w\u00fcrde das sein.<\/p>\n<p data-p-id=\"14cac0ed477a3e670c85af42eedbbab2\">Die kleine Ra\u00fdneta hatte keine Vorstellung, was f\u00fcr eine Bedeutung das <em>vaspos\u00e1r<\/em> in den Augen m\u00e4chtiger Leute hatte. Sie freute sich \u00fcber die Aussicht, ein aufregendes Fest mitzuerleben. Sie liebte Musik, wenn auch selten welche auf der Burg erklang. Sie fantasierte seit vielen Monden von den vielen stolzen Rittern und sch\u00f6nen Pferden und all den Leuten in pr\u00e4chtigen Gew\u00e4ndern und Musikanten und all den Farben und Kl\u00e4ngen und D\u00fcften, von denen Truda schw\u00e4rmte und stets bedauerte, dass die kleine Schwester an solchen Freuden nicht \u00f6fter teilhaben konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"7fe7cc7e13277403f304b7d672d6da92\">Doch am meisten freute das M\u00e4dchen sich auf Osse. Fast drei Winter war es her, dass sie ihrem Bruder zuletzt begegnet war. Herrliche, viel zu kurze Tage waren das gewesen, damals, im Winter, bevor der junge Mann endg\u00fcltig weiter nach Iva\u00e1l gezogen war. Das war n\u00f6tig, hatte er ihr erkl\u00e4rt, als sie sich unter hei\u00dfen Tr\u00e4nen von ihm verabschieden musste. Nur s\u00fcdlich des gro\u00dfen Gebirges war es ihm m\u00f6glich, all das zu lernen und an Weisheit zu erringen, das er einmal an der Seite der <em>teirandanja<\/em> ben\u00f6tigen w\u00fcrde. Er wolle alles Wissen an sich bringen, das es im Weltenspiel zu sammeln gelte, hatte er gesagt. Manj\u00e9v von Wijdlant und Spagor sollte einen gebildeten, zuverl\u00e4ssigen und f\u00e4higen <em>mynstir<\/em> an ihrer Seite haben. Einen, der zwar kein Schwert, aber Verantwortung tragen konnte!<\/p>\n<p data-p-id=\"536f8a9e4baec040bec3b709da6682c3\">Ra\u00fdneta konnte sich nicht viel unter der Gelehrsamkeit vorstellen, nach der ihr geliebter Bruder gierte, denn sie hielt ihn ohnehin f\u00fcr den kl\u00fcgsten Menschen im Weltenspiel. Aber sie brannte darauf, in seiner N\u00e4he sein zu k\u00f6nnen. Sie genoss die liebevolle Aufmerksamkeit, mit der er sie bedachte, obgleich er mehr als doppelt so alt war wie sie. Aus Iva\u00e1l und Aur\u00f3p\u00e9a hatte er ihr unz\u00e4hlige Briefe geschrieben, oft zusammen mit einem kleinen Geschenk. Eine bunte Feder von einem Prachtvogel, ein glitzernder Stein, einmal sogar ein Geschmeide aus Glasperlen, winzig wie Kieselsplitter und jeder in einer anderen Farbe; ein Schatz, den Ra\u00fdneta nur ablegte, wenn sie ein Bad nahm.<\/p>\n<p data-p-id=\"9f37fa331f39638a3bdf425bdb343983\">Venghi\u00e1r freute sich nicht dar\u00fcber, dass Osse zur\u00fcckkehrte. Er h\u00fctete sich, das laut auszusprechen, wenn <em>yarl<\/em> Emberbey in H\u00f6rweite war, aber Ra\u00fdneta las es in seiner \u00fcberdr\u00fcssigen Miene und den abf\u00e4lligen Worten, die er hier und dort \u00fcber seinen Weitvetter fallen lie\u00df. Wenn die beiden jungen Herren miteinander redeten, dann kam es dem Ra\u00fdneta stets so vor, als f\u00fchrten beide einen Tanz, ein Versteckspiel, ein Tun-als-ob auf. Dass sie einander nur schwer ertrugen, war offenkundig. Den Vater wollten sie beide im Glauben lassen, dass er sich nicht um das <em>yarlm\u00e1lon<\/em> zu sorgen brauchte oder um das, was sein w\u00fcrde, wenn er einmal hinter die Tr\u00e4ume trat. Wo Venghi\u00e1r im Augenblick war, wusste Ra\u00fdneta nicht. Vor zwei Tagen war er fortgeritten. Er habe etwas in Virhav\u00e9t zu tun, hatte er gesagt. Venghi\u00e1r Emberbey, der Enkel der Schwester des alten <em>yarl<\/em>, war ein ehrgeiziger junger Mann, dessen Gesch\u00e4fte sich nicht mit der des kleinen M\u00e4dchens kreuzten. Ra\u00fdneta hatte nichts dabei zu suchen, wenn er mit den Gef\u00e4hrten beisammen war, die regelm\u00e4\u00dfig auf der Burg einkehrten, oder wenn er mit Spie\u00df und Schwert und unklaren Pl\u00e4nen an die Grenzen des <em>yarlm\u00e1lon<\/em> ritt. Was h\u00e4tte er, ein junger Ritter, auch mit einem kleinen M\u00e4dchen zu schaffen? F\u00fcr das sch\u00f6ne Kleid, das sie erwartete, w\u00fcrde er sich sicher nicht interessieren.<\/p>\n<p data-p-id=\"be44ee5a1417a1e2aaa8861447bcb3cc\">Ra\u00fdneta untersuchte neugierig die Stoffe, w\u00e4hrend der <em>vendyr<\/em>, ein aufw\u00e4ndig gekleideter Mann aus Virhav\u00e9t, der <em>opayra<\/em> die Vorz\u00fcge verschiedener Wirkarten und Fasern darlegte.<\/p>\n<p data-p-id=\"e4ba70b3edeec05f1315d8b7b1e1fa0a\">\u201eDen da will ich!&#8221;, entschied Ra\u00fdneta und deutete auf ein Tuch, das golden und silbrig zugleich schimmerte, je nachdem, wie man es glattstrich. \u201eDer ist fein und weich.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9371ec4fb88e4231be1e85be2ee29fa2\">\u201eEine ausgezeichnete Wahl&#8221;, lobte der <em>vendyr<\/em>. Zur <em>opayra<\/em> sagte er sachlich: \u201eEin Silberst\u00fcck je Elle.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"284f4032cc3d0e9ab1a651f067438e3b\">\u201eDas kann ich nicht selbst entscheiden&#8221;, sagte die <em>opayra<\/em> und war sichtlich emp\u00f6rt \u00fcber den hohen Preis. \u201eDas muss der Herr gestatten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b424d49790891a134bc88d7a205c0457\">\u201eDarf ich es ihm zeigen?&#8221;, fragte Ra\u00fdneta emsig. \u201eIch bringe es ihm. Er erlaubt es bestimmt! Und so viel davon brauchen wir auch gar nicht. Ich bin ja noch klein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"849e8f9a3d049ea64995d3b5659fd2cf\">Der Tuchmacher schaute misstrauisch, aber die alte Dame nickte. \u201eMach dir keine Sorgen. Das Kind ist achtsam und wird dir deine Ware wohl nicht besch\u00e4digen. Der Herr ist schlecht zu Fu\u00df und wird nicht zu uns in die Halle kommen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"de3e92bbd6989854dd724c6e46e41e29\">\u201eNun gut.&#8221; So ganz schien der Tuchh\u00e4ndler der Sache nicht zu trauen. Aber er faltete den teuren Stoff sorgf\u00e4ltig zusammen und legte ihn Ra\u00fdneta in die Arme. Das Kind knickste zierlich und eilte dann mit dem Schatz davon, so schnell die F\u00fc\u00dfe es trugen.<\/p>\n<p data-p-id=\"a5428027f2701880911298e43d51250d\">Der Vater hielt sich in seiner Stube im \u00f6stlichen, dem Meer abgewandten Teil der Burg auf, dort, wo der schneidende Wind von der Seeseite nicht durch die Fenster kam. Ra\u00fdneta entschied sich, von der Halle aus den k\u00fcrzeren Weg \u00fcber den Wehrgang auf der Mauer zu gehen. Sie nahm den entsprechenden Abzweig ins Freie auf den Umlauf hinter den Zinnen, der an den Eingang zum Wohngeb\u00e4ude anstie\u00df. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie auf einen Wortwechsel am n\u00f6rdlichen Tor unter sich aufmerksam wurde. Dort erklang eine Stimme, die sie keinem der Burgbewohner zuordnen konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"668d6116bf34bb8f9013ef7cf81bdeb0\">Neugierig blieb das Kind stehen, sp\u00e4hte \u00fcber die Mauer hinab und schaute, was dort vor sich ging. Unten, unter dem Tordurchlass, versuchten die Torw\u00e4chter, einem Bittsteller den Zutritt zur Burg zu verwehren. Sehen konnte sie von hier aus nichts, sehr wohl aber mith\u00f6ren, denn das Mauerwerk trug hier gut den Schall voran.<\/p>\n<p data-p-id=\"23c42bc9d562660cf7cc89169e562137\">\u201eHier ist f\u00fcr dich nichts zu holen&#8221;, sagte der eine der beiden wachhabenden M\u00e4nner gerade. \u201eVersuchs im Dorf. Da haben sie vielleicht Sinn f\u00fcr einen wie dich!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cfe192a132f4726d3b7b01f40bd96dc2\">\u201eWollt ihr euren Herrn nicht wenigstens fragen, ob er mir nicht zuh\u00f6ren mag?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"784de9b875aea3bd2f888abd4be00e26\">\u201eBrauchen wir nicht! Pack dich. Hier verschwendest du deine Zeit.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"96e5994ff91ce5fd0e296ab0cf570a61\">\u201eUnser Herr hat keinen Sinn f\u00fcr M\u00e4rchen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f8e60525f9e546724686f0eb1501d15e\">\u201eIch habe mehr als M\u00e4rchen zu bieten. Ich bringe Geschichten, \u00fcber die man in Ferocriv\u00e9, For\u00e9tern und Iva\u00e1l nur err\u00f6tend fl\u00fcstert.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"31257acf08054e46d19d77977decc789\">\u201eTats\u00e4chlich?&#8221;, fragte einer der M\u00e4nner. Ra\u00fdneta erkannte die Stimme. Venghi\u00e1r hatte diesen Mann erst vor einigen Monden eingestellt. Ein Bekannter aus Rodekliv sollte er sein.<\/p>\n<p data-p-id=\"e5a95e2fe3591495dd7bb5684df59c97\">\u201eVon verf\u00fchrerischen <em>f\u00e1njula\u00e9<\/em>&#8220;, erkl\u00e4rte der Besucher verschw\u00f6rerisch.<\/p>\n<p data-p-id=\"5cae115f0bbb6e766a5a0a26275e144f\">\u201eSowas braucht er erst recht nicht mehr, sittenloser Kerl&#8221;, herrschte der andere W\u00e4chter, ein \u00e4lterer, der auf der Burg diente, seit Ra\u00fdneta denken konnte. \u201eDer Herr ist jenseits solcher &#8230; Gel\u00fcste.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"81d990549fd9d5fae6c705ec65ae6baf\">\u201eWie k\u00f6nnt ihr beide das wissen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8ca378de8600175ea31342716381df9b\">\u201eWissen? Weit jenseits des achtzigsten Sommers ist unser Herr!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cf637fee5f389c88cca6bbe0091af7c8\">\u201eUnd ihr selbst? F\u00fcr eure jungen Ohren w\u00e4re das nichts?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"24d2215dbbbaa12cd94dc2135497219f\">\u201eVerschwinde, bevor der <em>yarlandor<\/em> dich pers\u00f6nlich hinaus bef\u00f6rdert, Kerl!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1421a921c2ee9c1c0e78de3b3ce651eb\">\u201eDer <em>yarlandor<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0cf3b4cc7a08514e4f0770409dc910d9\">\u201eLass dir von uns raten. Der junge Herr fackelt nicht lange, wenn Pack wie deinesgleichen vor der T\u00fcr steht!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0b3e7238c24598065d5ee2e7ec215f3c\">\u201eWie k\u00f6nnt ihr wissen, dass der junge Herr keine Geschichten aus-&#8220;<\/p>\n<p data-p-id=\"208c7745c4263b849baa97aa3236ef9e\">\u201eDu sollst verschwinden!&#8221;, r\u00fcgte der zweite W\u00e4chter. Genaugenommen br\u00fcllte er fast. \u201eHier braucht dich niemand.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4b05fe4cae9b06ff314730292ee4787c\">\u201eAuch nicht die Kinder?&#8221;, erwiderte der Fremde hartn\u00e4ckig. \u201eIch wette, die Kleinen hier auf dieser Burg haben schon lange keine wundersamen Dinge geh\u00f6rt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3c06672243164af3bac1499e7ae639ad\">\u201eWenn du nicht sofort verschwindest&#8221;, drohte der erste W\u00e4chter, \u201edann helfen wir nach. Und das geht nicht gut f\u00fcr dich aus, Bursche!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b9314449746d70f8eec6b16736669074\">Der Besucher lie\u00df sich nicht so leicht abwimmeln.<\/p>\n<p data-p-id=\"174fe972b92dd049795ce63b78aaf36d\">\u201eIch bin mir sicher&#8221;, sagte er beharrlich, \u201edass auch hier in diesen Mauern <em>jemand <\/em>heute meine Geschichten h\u00f6ren sollte.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9904ac667b7003af07bda4dd3d6d57b6\">\u201eWenn du nicht augenblicklich verschwindest&#8221;, drohte der erste Torw\u00e4chter, \u201edann legen wir dich in Eisen und lassen dich \u00fcber der Klippe herabbaumeln. Da kannst du den M\u00f6wen und dem Sturm deine Geschichten erz\u00e4hlen, solange du magst und kannst!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f3bee59e99296f72a8bbcec8f12701f1\">Die beiden lachten grob. Ra\u00fdneta runzelte die Stirn. Das war gemein von den M\u00e4nnern! Bei den Klippen hinter der Burg ging es tiefer hinab, als der Turm hoch war. Unten schlug das Wasser brodelnd hoch an die schroffen Felsen. Der Vater hatte sie oft ermahnt, sie solle sich niemals diesem Abgrund n\u00e4hern. Zu viele Menschen seien dort bereits in den Tod gest\u00fcrzt.<\/p>\n<p data-p-id=\"efba1dabe47f55369715beefd0e4cf98\">Auch der abgewiesene Besucher schien sich nun eines Besseren zu besinnen \u201eNun gut&#8221;, gab er sich geschlagen. \u201eIhr ahnt nicht, was euch an Kurzweil entgeht. Doch wenn ihr mich durchaus nicht haben wollt &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"241d2db219f8e89f91b1978905fed037\">\u201eVerschwinde hier, Kerl! Und lass dich nicht noch einmal blicken. Solche wie dich will Herr Venghi\u00e1r hier nicht sehen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"432c81d006d5cfd414b60e68e05a0d39\">Sie lachten dem <em>b\u00e1chorkor<\/em> hinterher, der sich ohne ein weiteres Wort auf dem schmalen Pfad l\u00e4ngs der Burgmauer wieder entfernte.<\/p>\n<p data-p-id=\"bdece5b1e11b3a8a8ea141ec10b11eb8\">Ra\u00fdneta lief die Mauer \u00fcber ihm entlang, bis dorthin, wo es eine Kurve gab, die vom Tor aus nicht einzusehen war. Dann neigte sie sich zwischen den Zinnen vor und konnte erstmals einen genaueren Blick auf den Besucher werfen. Dort unten lief der junge Mann, ohne allzu gro\u00dfe Eile zu haben. Er war von schm\u00e4chtiger Statur und in abgewetzte, ausgeblichene Gew\u00e4nder gekleidet, die einst wohl rot gewesen waren und weit bessere Tage gesehen hatten. Er trug ein Reiseb\u00fcndel \u00fcber der Schulter und war erheblich gelassener, als es nach der Drohung der Torw\u00e4chter angemessen gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p data-p-id=\"9b0d20fd6b4ed7344a4bd98602f600c0\">Ra\u00fdneta z\u00f6gerte. <em>B\u00e1chorkoray<\/em> verirrten sich wirklich \u00e4u\u00dferst selten nach Emberbey. Es war weithin bekannt, dass Herr Alsg\u00f6r keinen Wert auf die Vortr\u00e4ge von fahrenden K\u00fcnstlern legte, also versuchte es nur \u00e4u\u00dferst selten einer. Aber Ra\u00fdneta war befl\u00fcgelt von all den aufregenden Dingen, die sie heute schon erlebt hatte. Sie f\u00fchlte sich gepackt von der Lust, aufregende Dinge zu erfahren. Sie konnte sich zwar unter den Fl\u00fcstergeschichten aus Iva\u00e1l f\u00fcr Erwachsene nichts vorstellen, aber M\u00e4rchen h\u00f6rte sie viel zu selten. Und \u00fcberhaupt &#8211; es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass Herr Alsg\u00f6r seiner j\u00fcngsten Tochter die Darbietungen eines Fahrenden erlaubt h\u00e4tte, wenn sie ihn artig darum bat.<\/p>\n<p data-p-id=\"61f4da96940d299aa9fa7ef144dbe791\">\u201eHe, du! <em>B\u00e1chorkor<\/em>! Lauf nicht weg!&#8221;, rief sie zu dem jungen Mann hinunter. \u201e<em>Ich<\/em> will deine Geschichten wohl gerne h\u00f6ren!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3126e9800511d136a485c356d32945cb\">Er blieb stehen und schaute zu ihr hinauf. \u201eDas ehrt mich, kleine <em>f\u00e1njula<\/em>. Aber du hast ja wohl geh\u00f6rt &#8230; Streuner wie ich haben keinen Zutritt in diesem Haus. Vielleicht hat man im Dorf tats\u00e4chlich mehr Sinn f\u00fcr gute Geschichten. Und mehr Geschmack und Anerkennung daf\u00fcr, als die M\u00f6wen, die um die Felsen kreisen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1b53711bd2afd12f5c851a5f7b85311d\">Ra\u00fdneta beugte sich so weit \u00fcber die Mauer, wie sie es mit dem kostbaren Stoff im Arm verantworten konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"f5ae192ff287237f013dc80fde3aa133\">\u201eDu hast lustige Haare&#8221;, sagte sie. Nie zuvor hatte sie einen Menschen mit einer so wilden M\u00e4hne gesehen. Die Locken des jungen Geschichtenerz\u00e4hlers schimmerten wie blankes Kupfer in der sinkenden Sonne und standen nach allen Seiten ab.<\/p>\n<p data-p-id=\"eb5cfcc63fb022d5c79c048732b3d45d\">\u201eNicht so am\u00fcsant wie die Geschichten, die ich bei mir trage&#8221;, antwortete der <em>b\u00e1chorkor<\/em> vergn\u00fcgt.<\/p>\n<p data-p-id=\"85042f521fbb55272b547898b0c5528b\">\u201eBitte warte noch! Ich bin gerade auf dem Weg zum <em>yarl<\/em>. Ich werde ihn bitten, dass du heute hierbleiben darfst.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9914407184977a5641e203fb7e572df6\">\u201eDas w\u00fcrdest du f\u00fcr mich tun?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e1bb0097353ca44df965306361569117\">\u201eJa, bitte. Komm nochmal zur\u00fcck zum Tor! Ich will, dass du heute Nacht hier bleibst und mir deine Geschichten erz\u00e4hlst. Es wird bald dunkel und kalt ist es schon. Du sollst auch etwas Warmes zu essen bekommen und ein Nachtlager.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"282b4a3869811723b23c7f50e6700097\">\u201eEs wird nichts n\u00fctzen. Du hast doch geh\u00f6rt, dass sie mich den M\u00f6wen vorwerfen wollen, wenn ich es noch einmal versuche. Ich bin nicht begierig darauf, Pr\u00fcgel zu beziehen, kleines M\u00e4dchen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"19ef8c16c1c5526f9feab6568a75ae1f\">Ra\u00fdneta dachte nach. Dann hatte sie eine kluge Idee.<\/p>\n<p data-p-id=\"8f23c86b2caf075607ff02d2c71ccf9a\">\u201eFang auf!&#8221;, rief sie und warf das Stoffb\u00fcndel die Mauer hinab.<\/p>\n<p data-p-id=\"92c7be29c53c1394c1c9427c37a7ed17\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> schnappte \u00fcberrascht zu. Das silberteure Tuch landete in seinen H\u00e4nden, bevor es den Boden ber\u00fchrte. Ein Gl\u00fcck! Nicht auszudenken, wenn es schmutzig geworden w\u00e4re!<\/p>\n<p data-p-id=\"6ce8c47c9ff829f4c90599dfffbda04f\">\u201eWas tust du?&#8221;, rief der junge Mann verbl\u00fcfft.<\/p>\n<p data-p-id=\"41df6db18996ed76030eb294e0c0fd1d\">\u201eIch laufe herunter zum Tor. Du bringst mir das zur\u00fcck. Dann m\u00fcssen sie dich einlassen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0e0b4298a0f566198dcffddf631e2a73\">\u201eUnd wenn ich nun mit deinem Schatz einfach wegliefe?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1327571effe527ede2054d6ac833f623\">Das war ein berechtigter Einwand. Ra\u00fdneta hatte einen kurzen Moment Bedenken, ob sie eine Dummheit begangen hatte. Aber er l\u00e4chelte zu ihr empor, raffte das Tuch ordentlich zusammen und schlenderte den Weg zur\u00fcck. Das Kind hastete hinterher, die n\u00e4chste Treppe hinab und gelangte gerade noch rechtzeitig auf den Hof.<\/p>\n<p data-p-id=\"358ace7e08741437e3b8058ba9862298\">\u201eDu schon wieder?&#8221;, br\u00fcllte der \u00e4ltere W\u00e4chter gerade los, so dass jedermann auf dem Hof zusammenzuckte.<\/p>\n<p data-p-id=\"9e1b9d12c340154359edbb2402caac14\">\u201eF\u00fcr diese Dreistigkeit &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"11e099d12512468c9a604a35009ec789\">\u201eBeruhigt euch&#8221;, sagte der <em>b\u00e1chorkor<\/em>. \u201eIch will gar nicht herein. Aber ich denke, das hier geh\u00f6rt einem von euch.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0b0e9eb007f21b603234e0820b1a49af\">Ra\u00fdnetas Herz pochte. Nun <em>musste<\/em> es ihr gl\u00fccken.<\/p>\n<p data-p-id=\"bee1e7499b709c8f8850df0ee8a0e91c\">\u201eWo hast du das her, Kerl?&#8221;, ereiferte sich der W\u00e4chter. \u201eDas ist doch gestohlen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9947839c0e871bce76222cfc1d3c169f\">\u201eIn den Salzb\u00fcschen unter der Mauerkrone lag es&#8221;, behauptete der <em>b\u00e1chorkor<\/em>, doch schon hatte ihn der j\u00fcngere beim Kragen gepackt und zu Boden gesto\u00dfen. Bei den M\u00e4chten, mitten hinein in die Pf\u00fctze auf den Pflastersteinen, die sich an dieser Stelle nach Regentagen immer sammelte, mitsamt dem feinen Tuch!<\/p>\n<p data-p-id=\"0af55b67712819e415d0880e7984996e\">\u201eHe!&#8221;, rief Ra\u00fdneta, wesentlich erschrockener \u00fcber den Schmutz auf dem teuren Stoff denn \u00fcber die Grobheit des W\u00e4chters und eilte so schnell heran, wie sie konnte. \u201eWartet!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"382246b8b8cc3397b4b04a2c3e7baa15\">Die M\u00e4nner wandten sich ihr ertappt zu und nahmen Haltung an. Nicht so respektvoll und ehrf\u00fcrchtig, wie sie es Venghi\u00e1r oder dem Vater gegen\u00fcber getan h\u00e4tten, aber doch ausreichend ehrerbietig, wie es sich der Dame des Hauses geb\u00fchrte.<\/p>\n<p data-p-id=\"032070b8e8cace255205089c89b5f64c\">\u201eMein Stoff!&#8221;, rief sie und riss den Tuchballen an sich, bevor der noch mehr Schmutzwasser aufsaugen konnte. \u201eWas f\u00fcr ein Gl\u00fcck! Du hast ihn gefunden!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4be1eb2f3d42552da9117e6b04e1669a\">\u201eIch wollte ihn gerade hier abliefern&#8221;, sagte der <em>b\u00e1chorkor<\/em> und setzte sich in der Pf\u00fctze auf. \u201eWie es sich f\u00fcr einen redlichen Finder geh\u00f6rt. Aber Ehrlichkeit wei\u00df man hier wohl nicht wertzusch\u00e4tzen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"10d80be3cee3f752c033a698f566208b\">\u201eOje&#8221;, machte Ra\u00fdneta, ernsthaft betroffen. \u201eHoffentlich ist das Tuch nicht verdorben!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"087e11a294b9d498de17922e115d6d4e\">\u201eHerrin&#8221;, lie\u00df sich der \u00e4ltere W\u00e4chter unbehaglich h\u00f6ren, \u201eIch bin untr\u00f6stlich &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0ac3c26e64c9db02347d1d8fc36ec99a\">\u201eMir ist das Tuch aus der Hand geglitten, als ich es oben am Fenster im Licht betrachten wollte&#8221;, log Ra\u00fdneta. \u201eIch hatte schon bef\u00fcrchtet, der Wind habe es aufs Meer weggerissen. Der Mann da hat es gefunden!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5a96c4656b45beb9c1987ef774bbebf0\">\u201eIch dachte mir&#8221;, sagte der <em>b\u00e1chorkor<\/em>, \u201edass es gewiss nicht ins Geb\u00fcsch geh\u00f6rte.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fced33def39a0b801f0617d93aa650b7\">\u201eSteh auf&#8221;, sagte Ra\u00fdneta und m\u00fchte sich, die W\u00e4chter so geflissentlich nicht zu beachten, wie Venghi\u00e1r es mit den Schutzbefohlenen tat, auf die er hinabsah. \u201eDu sollst eine Belohnung f\u00fcr deine Ehrlichkeit erhalten. Von meinem Vater! Komm mit!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"52b7793c273676bfe5758039dc190115\">Der j\u00fcngere W\u00e4chter wollte aufbegehren, aber der <em>b\u00e1chorkor<\/em> kam ihm zuvor. \u201eIch glaube, ich sollte besser nicht durch dieses Tor hindurch&#8221;, sagte er scharfz\u00fcngig. \u201eIch wurde mehrfach gewarnt, von denen hier.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2b3575cda1819940d19a730745c643c7\">\u201eUnsinn&#8221;, sagte Ra\u00fdneta und warf den Wachleuten jeweils einen ungn\u00e4digen Kinderblick zu. \u201eDie k\u00f6nnen sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, wenn der Stoff wieder sauber wird. Ich hab doch gesehen, was passiert ist! Oh, die <em>opayra<\/em> wird schimpfen! Und mein Vater erst! Wenn das Tuch verdorben ist, dann &#8230; dann werdet ihr das mit eurem Sold begleichen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0c541751e00cfb788f75e94f0b7a9a6b\">Der j\u00fcngere Mann, Venghi\u00e1rs Freund aus Rodekliv, wollte protestieren, aber der \u00e4ltere legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm und sch\u00fcttelte den Kopf. Noch schlimmer machen musste der Hitzk\u00f6pfige die Sache nicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"8ca02da6c1ab11e563d0486a5a9a30e5\">\u201eKomm! Komm herein&#8221;, dr\u00e4ngte Ra\u00fdneta. \u201eIch bringe dich zu meinem Vater, du ehrlicher Bursche!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9469462ed9b224b45511dd39284f0f53\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> erhob sich aus der Schmutzwasserpf\u00fctze, verneigte sich h\u00f6flich vor den W\u00e4chtern und kam mit forschem Schritt auf sie zu. Ra\u00fdneta warf den Wachen noch einen \u00e4rgerlichen Blick zu und winkte ihm dann, ihr zu folgen. So schnell wie m\u00f6glich, lotste sie ihn durch die n\u00e4chste T\u00fcr ins Geb\u00e4ude. Einige Burgleute, die die Szene beobachtet hatte, l\u00e4chelten belustigt. Vielleicht freuten sie sich, dass ihre junge Herrin den M\u00e4rchenerz\u00e4hler durch das Tor gebracht hatte und dachten an die Geschichten, die er ihnen vortragen w\u00fcrde, wenn es Abend war. Aber die meisten hatten wichtigeres zu tun, als auf das Kind und einen harmlosen Fahrenden zu achten.<\/p>\n<p data-p-id=\"d34b17b4eaf4def2ab7931684b49be51\">\u201eIch muss dir von Herzen danken, dass du mich aus freien St\u00fccken hereingebeten hast&#8221;, sagte der <em>b\u00e1chorkor<\/em>. \u201eIch hatte schon bef\u00fcrchtet, hier keinen Zutritt zu erhalten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0205236f73f1d700e438c772f4682884\">\u201eJa&#8221;, sagte Ra\u00fdneta betreten. \u201eAber der Stoff ist schmutzig geworden. Die <em>opayra<\/em> wird schelten. Das ist so teurer Samtblumenstoff aus Pian\u00e1rdent.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0b00c889661e13b0455012a057c77a13\">\u201eStimmt. So kannst du ihn deinem Vater nicht zeigen. Gib ihn mir noch einmal.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bf9842d76875386b7487118630a315bf\">Sie schaute betr\u00fcbt zu ihm auf, aber er streckte ermunternd die Hand aus. \u201eVertrau mir. So verknittert wird er dem hochedlen <em>yarl<\/em> nicht gefallen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9108026d9a4f4bee9bc2c1822ba5f500\">Sie \u00fcberlie\u00df ihm den Stoff und er begann, das feuchte Gewebe auszuschlagen und ordentlich zu falten. \u201eLass uns weiter gehen, bevor dein Weitvetter mich hier erwischt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6b9d8b7194513c1649473e8500daaac0\">\u201eDie Wachen haben geflunkert. Venghi\u00e1r ist \u00fcberhaupt nicht da.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ac027c39f4e23a9bf83c5d2d2a047585\">\u201eWo ist er denn hin, dein Weitvetter?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cf7990e056920f4d673c62355411467a\">\u201eIch wei\u00df nicht. Sowas erz\u00e4hlt er mir nicht. Ich &#8230;&#8221; Sie stutzte und fragte \u00fcberrascht: \u201eWoher wei\u00dft du, dass er mein Weitvetter ist?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f71ca119869fc8c1ef5110e6f468ee26\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> l\u00e4chelte. \u201eIch informiere mich \u00fcber die Familien, in deren Burgen ich meine Geschichten anbiete. Und wer, wenn nicht die junge Herrin des Hauses, w\u00fcrde mit so pr\u00e4chtigem Tuch in H\u00e4nden einher laufen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"39fb33b3696c8a46ae54175c7afa7435\">\u201eGef\u00e4llt es dir?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"30e32b92a66883cddfc368097ccfce95\">\u201eEs ist wundersch\u00f6n&#8221;, sagte er und legte ihr das Tuch zur\u00fcck in den Arm. Er hatte es so ordentlich umgeschlagen, dass man den Dreck auf den ersten Blick nicht sah. \u201eSamtblumenstoff ist ganz erstaunlich erlesen. Man sagt, er sei so rein, dass Schmutz nicht haften bleibt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8e4bde0a4d91f24c640a80c644136dbb\">\u201eTats\u00e4chlich?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b265c8e7ace0b0afb84e72dae9767de2\">\u201eEs gibt ein sch\u00f6nes M\u00e4rchen von dem einem Weber, der ihn erstmals gewirkt hat, und seinen beiden S\u00f6hnen und einer wundersamen Blumenwiese.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8b4ce4c7ca2e827c36ec58d76ba6cbd5\">\u201eErz\u00e4hlst du mir das?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"165220c0c4f5b96fdc92b274d919a0ad\">\u201eSp\u00e4ter.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bb257113df670bf198e5cdde13d0d96f\">\u201eDer teure Stoff ist f\u00fcr ein Kleid zum <em>vaspos\u00e1r<\/em> der <em>teirandanja<\/em>. Ich bin gerade unterwegs, um ihn dem <em>yarl<\/em> zu zeigen. Hast du schon einmal vor der <em>teirandanja<\/em> erz\u00e4hlt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c751fd97ddec13922026ba269298894c\">Wie seltsam. War das ein Hauch von Bedauern, der da \u00fcber seinen dunkel\u00e4ugigen Blick huschte?<\/p>\n<p data-p-id=\"bd9b3743f9f054ebfb90d14603eee9df\">\u201eNein. Noch nicht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"49072cedc1510b80b53bacebba0e83ab\">\u201eMeine gro\u00dfe Schwester sagt, sie sei sehr freundlich und lustig und immer gut zu allen Schutzbefohlenen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8cfc67687b2ca5653855e630abb1b8ce\">\u201eMan h\u00f6rt allerorten nur L\u00f6bliches von ihr. M\u00f6gen die M\u00e4chte sie zu einer klugen und gn\u00e4digen Herrin f\u00fcr euch alle machen. F\u00fchrst du mich nun bitte vor deinen Vater, kleine <em>yarlaranda<\/em>? Es wird &#8230; Zeit.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"96db53932068863aa5a0265dad4ca18e\">\u201eHier entlang&#8221;, sagte Ra\u00fdneta und ging voran. \u201eNur ins Haus und zwei Treppen hoch. Er kann nicht mehr gut laufen, musst du wissen. Mein Vater ist schon sehr alt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8125ab4fbda4239896adf4aeaa3e19a6\">\u201eIch wei\u00df&#8221;, sagte der <em>b\u00e1chorkor<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"2c06fe4add47093ecf045faa025ad6cb\">\u201eWo kommst du her? Und wohin reist du als n\u00e4chstes?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b3da7b57e4b93bd00d30cb3b8f154a3e\">\u201eIch komme direkt aus Rodekliv. Und ich will weiter zum <em>vaspos\u00e1r<\/em> f\u00fcr die <em>teirandanja<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"344b9040955783a57f5d324b8c7ea06c\">\u201eWirklich?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c17ca21dc5174951e8ba091f7980a084\">\u201eSolche Feste sind gut f\u00fcr meinesgleichen. Wo Leute zusammenkommen und feiern, da wollen sie Geschichten h\u00f6ren. Und die k\u00fchnen Ritter wollen, dass man nachher von ihnen Ruhmestaten erz\u00e4hlt. Das ist ihnen oft viel Geld wert. Ein wortgewandter <em>b\u00e1chorkor<\/em> hat ein gutes Auskommen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0d5f4e87aad61a331b81d7d467e2d68e\">\u201eVielleicht kannst du mir uns zusammen reisen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ba374080ba2559704f77bab425de05f7\">\u201eMit dir und deinem Weitvetter?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2a537d329677e3bfbd3ddc2a7d054d2b\">\u201eUnd meinem Vater. Er will unbedingt dabei sein, wenn die <em>teirandanja<\/em> ihren <em>h\u00fdardor<\/em> erw\u00e4hlt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b09c0b1d148ad80bbb5a7385b759aa23\">Gesinde, das ihnen entgegenkam, w\u00e4hrend sie so plauderten, nahm von den wildfremden Mann keine Notiz, der artig in geb\u00fchrendem Abstand hinter ihr her ging. In Ra\u00fdnetas Gegenwart hatte das wohl seine Ordnung.<\/p>\n<p data-p-id=\"6fe382ad4719b8fc30416e2ded53d40a\">Vor <em>yarl<\/em> Emberbeys Gemach stand niemand, der sie aufgehalten h\u00e4tte.<\/p>\n<p data-p-id=\"aca56d890fbb4e093754abc078c1e0d4\">\u201eBleib hier an der T\u00fcr&#8221;, bat sie. \u201eIch muss schauen, ob er wach ist. Manchmal schl\u00e4ft er am Tag ein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"624c9a9e1abe3227960ca6db40c0e07a\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> nickte und setzte sein B\u00fcndel ab. Ra\u00fdneta schl\u00fcpfte ins Zimmer.<\/p>\n<p data-p-id=\"9e6ec938cee65bd63440e94008e420e7\"><em>Yarl<\/em> Alsg\u00f6r Emberbey hatte die Augen geschlossen. Der greise Ritter sa\u00df nahe des Kamines in einem schweren, geschnitzten Sessel, aber es brannte kein Feuer. Stattdessen versank der gebrechliche K\u00f6rper weitgehend zwischen Schaffellen und Decken. Dem alten Mann war in der letzten Zeit nun so oft so kalt.<\/p>\n<p data-p-id=\"61624ac67bce877b1bb067511b052c02\">\u201eVater?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d653c0d19672ad8795723bff979596be\">Er war wach. Herr Alsg\u00f6r wandte den Kopf in ihre Richtung. Die d\u00fcnnen, bleichen Lippen in seinem faltigen Gesicht formten ein ersch\u00f6pftes L\u00e4cheln.<\/p>\n<p data-p-id=\"8eba461913c5215d130a6becb9bfc63e\">\u201eRa\u00fdneta&#8221;, brachte er hervor. \u201eMein V\u00f6gelchen. Was gibt es?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"dffc617cc8fb840fdde417359e2d20c3\">\u201eDer Tuchmacher hat endlich die Stoffe gebracht. Magst du f\u00fchlen, Vater? Ich glaube aber, der <em>opayra <\/em>ist es zu teuer.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"415c53cbcebdc7637a8840bdd6bc3ff8\">\u201eBring es mir&#8221;, sagte er mit spr\u00f6der Altm\u00e4nnerstimme. \u201eUnd sag der <em>opayra<\/em>, dass es mir jede einzelne M\u00fcnze wert ist, solange es dir gef\u00e4llt, mein Kind.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e9911e9184c42338be7b41013e1cc22a\">Sie n\u00e4herte sich ihm und legte ihm den Stoff unter seine d\u00fcrre Hand, die schon lange kein Schwert mehr halten konnte. Das feine Muster und den sch\u00f6nen Schimmer w\u00fcrde er nicht mehr richtig sehen k\u00f6nnen, mit etwas Gl\u00fcck aber auch den Schmutz nicht bemerken. Doch das Tuch f\u00fcr ihr Festkleid schien ihm wichtig zu sein. Er untersuchte den teuren Stoff kritisch und faltete ihn sogar ein St\u00fcck weit auseinander. Ra\u00fdneta stockte der Atem, denn gleich w\u00fcrde er den Schmutz entdecken. Aber der Stoff gl\u00e4nzte goldsilbrig, trocken und ohne Dreck darauf.<\/p>\n<p data-p-id=\"61946591fc870105e8dad2411692d3a9\">Ra\u00fdneta warf einen verwirrten Blick zu dem <em>b\u00e1chorkor<\/em> hin\u00fcber. Ob sein M\u00e4rchen von dem Weber und den Blumen wahr war?<\/p>\n<p data-p-id=\"324ade4bf5f09228e0cd839eb6d5ce88\">\u201eDu wirst entz\u00fcckend darin aussehen&#8221;, sagte der alte Mann leise. \u201eWie deine Mutter.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7b04648dc3eeb6288e8b8270d9784ddd\">\u201eIch will eine Borte daran&#8221;, erz\u00e4hlte sie. \u201eDie sticke ich gerade selber. Mit h\u00fcbschen Fischlein, wie die auf unserem Banner.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b278dd045e011297caf684d2eb672c6a\">\u201eDas ist fein, mein Kind &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0fbe257d4df3f8607001c622181c5fce\">\u201eTruda hat schon l\u00e4ngst ein Festkleid, schreibt sie. In fliederblau und goldbestickt. Fast so sch\u00f6n wie das der <em>teirandanja<\/em> &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4a706818dc546e037863c251353e57dd\">\u201eIhr werdet entz\u00fcckend aussehen, alle beide &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"aa0d2ff5410b449f2ab50a10e6883158\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> regte sich an der T\u00fcr, nur eine winzige, diskrete Bewegung. Aber <em>yarl<\/em> Emberbey entging sie nicht. Er wandte den Kopf.<\/p>\n<p data-p-id=\"4f28c3983ac9ae4af2d1f62bb8c5833a\">\u201eIch hab einen <em>b\u00e1chorkor<\/em> mitgebracht&#8221;, erkl\u00e4rte Ra\u00fdneta rasch. \u201eEr hat am Tor um Einlass gebeten. Aber die W\u00e4chter sind dumm und wollten ihn fortjagen. Darf er bitte hierbleiben? Er sagt, er kennt viele M\u00e4rchen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"12cfcf5946aaf907a7756baad0e27c98\">\u201eIch bringe au\u00dferdem Interessantes aus Rodekliv f\u00fcr Eure Ohren, Herr&#8221;, f\u00fcgte der junge Mann dem\u00fctig hinzu.<\/p>\n<p data-p-id=\"b9222b24d0f67ca76ccc52f15f68d994\">\u201eAus Rodekliv?&#8221;, fragte Alsg\u00f6r Emberbey und richtete sich mit \u00fcberraschender Beweglichkeit auf.<\/p>\n<p data-p-id=\"f5f0a50663b15104610a9ba61567775e\">\u201eIch hatte mir gedacht, dass es Euch interessieren d\u00fcrfte, was dort in den letzten Wintern voran geschritten ist. Offenbar, ohne dass jemand es Euch zugetragen h\u00e4tte. Aber wie auch. Herr Venghi\u00e1r ist schlie\u00dflich nicht mehr dort.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c0a67066a62c5262520ed0c01326fb0a\">Ra\u00fdneta schaute \u00fcberrascht zwischen den beiden hin und her. Sie hatte zwar nicht erwartet, dass der Vater den <em>b\u00e1chorkor<\/em> fortjagen w\u00fcrde, aber sein unverkennbares, fast <em>alarmiertes<\/em> Interesse erschreckte sie.<\/p>\n<p data-p-id=\"d668fea4773b77dd209fcc4001889c17\">Der Geschichtenerz\u00e4hler kam selbstbewusst heran, ohne dass der <em>yarl<\/em> ihn dazu aufgefordert h\u00e4tte. Er n\u00e4herte sich dem Sessel nur bis auf drei Schritte, kniete untert\u00e4nig nieder und \u00fcberkreuzte seine H\u00e4nde vor sich, zeigte seine leeren Handfl\u00e4chen vor, wie es die Sitte gebot. \u201eIch komme zu Euch, um Euch zu unterrichten und um etwas zu bitten, Herr Alsg\u00f6r.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3fee21bb201cce238e13f74539030ac7\">\u201eDu ersuchst um meine Hilfe, Bursche?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d38958d2fcd9d03044b484de469e87ca\">\u201eNein. Nicht ich. Ich spreche f\u00fcr jemanden, dem Ihr Eure Treue geschworen habt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4fbbdb00df75c49b20d80b994901517b\">Der <em>yarl<\/em> regte sich. Eines der Schaffelle kam ins Rutschen und glitt zu Boden. Ra\u00fdneta wollte es aufheben, aber der alte Mann stemmte sich in seinem Sessel hoch und stand schlie\u00dflich wankend, hoch aufgerichtet auf seinen F\u00fc\u00dfen. Das Kind streckte die Hand nach ihm aus, unsicher, ob es ihn st\u00fctzen oder auffangen sollte.<\/p>\n<p data-p-id=\"11edd9c0640698ab27f807c4f47528ed\">\u201eLass mich mit dem da allein, Ra\u00fdneta.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5ad0c561054ea1848c38c5916de0ba4a\">Ra\u00fdneta z\u00f6gerte. Die pl\u00f6tzliche Wachheit des Vaters beunruhigte sie. Sie hatte ihn seit vielen Monden nicht mehr ohne fremde Hilfe aufstehen sehen. Pl\u00f6tzlich war es ihr gar nicht mehr geheuer, den jungen Mann mit den wirren Haaren ins Haus gebracht zu haben. Seine Anwesenheit schien den Vater aufzubringen. Vielleicht hatten die Torwachen doch recht damit gehabt, ihn abweisen zu wollen. Vielleicht &#8230;<\/p>\n<p data-p-id=\"5a07ace144dbf964041867b470a7fcff\">\u201eHab Vertrauen, junge <em>yarlaranda<\/em>. Deinem Vater wird in meiner Gegenwart kein Leid geschehen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1d8e6650e06543a15a5601f4d65821d2\">\u201eGeh, Ra\u00fdneta. Was er mir f\u00fcr eine Geschichte bringt, ist wohl nicht f\u00fcr Kinderohren bestimmt. Geh zur deiner <em>opayra<\/em> und sorg daf\u00fcr, dass sie nicht geizt und dem <em>vendyr<\/em> genug vom Tuch abkauft.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7a60b8b0897f1be5ee8d7276c0b28bf3\">Sie raffte den Stoff zusammen und warf einen fragenden Blick auf ihren Vater. Die Aussicht auf das neue Kleidchen wollte ihr gar nicht mehr recht gefallen. Aber sie wusste, wann es an der Zeit war, ihm zu gehorchen.<\/p>\n<p data-p-id=\"ba8c66365bc62f4a4797ac70bda80acc\">\u201eBis sp\u00e4ter, Vater&#8221;, gr\u00fc\u00dfte sie ihn und dr\u00fcckte den Stoff in ihrem Arm zusammen.<\/p>\n<p data-p-id=\"1f540e151759a782be7d4cacb59ae2bf\">\u201eDu bist ein gutes Kind, Ra\u00fdneta&#8221;, sagte der alte Mann leise.<\/p>\n<p data-p-id=\"dc7c5ba97d44e6849be322983aad1523\">Sie verneigte sich, warf im Vorbeigehen noch einen bangen Blick auf den Geschichtenerz\u00e4hler und wollte schon zur T\u00fcr hinaus. Doch Alsg\u00f6r Emberbey rief sie noch einmal zur\u00fcck. \u201eRa\u00fdneta?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6b7de9470381b9dd404b624a8fa2fb8a\">Sie blieb stehen, hatte aber Scheu, sich noch einmal zu ihm umzuwenden. \u201eVater?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5687b1890da045fa4cb9d25fe8019af1\">\u201eIch habe dich lieb. Mein kleines V\u00f6gelchen.&#8221;<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/scherbenlied-oder-die-suche-nach-dem-boesen-band-3\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-2989","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-03_scherbenlied"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2989","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2989"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2989\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3646,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2989\/revisions\/3646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2989"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2989"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2989"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}