{"id":2658,"date":"2025-08-25T13:33:55","date_gmt":"2025-08-25T11:33:55","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2658"},"modified":"2025-08-25T23:30:31","modified_gmt":"2025-08-25T21:30:31","slug":"111-das-wasser-steigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/111-das-wasser-steigt\/","title":{"rendered":"111: Das Wasser steigt"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-image:url(&#039;https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp&#039;);--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column fusion-column-has-bg-image\" data-bg-url=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"MK_Thiumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1987\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"d94f0b2eb3b19d5679823e9039e11f6d\">Das Wasser, das mit jedem Atemzug h\u00f6her im Brunnen aufstieg, beunruhigte \u00daldaises Knechte. Allerdings nicht so sehr, dass sie nicht noch die Zeit gefunden h\u00e4tten, zuvor alles zusammenzuraffen, was ihnen unter den eingelagerten Besitzt\u00fcmern ihres Herrn irgendwie von Wert zu sein schien. Im Wesentlichen waren das kleinere Silbergegenst\u00e4nde, die sie in einem der K\u00f6rbe verstauten. Es war weit weniger, als sie zu finden erhofft hatten. Doch mit all den B\u00fcchern und Pergamenten konnten sie nichts anfangen, ein Jammer. Vielleicht h\u00e4tte ein gelehrter <em>forscor<\/em> oder <em>maedlor<\/em>, der alte Lekt\u00fcre sammelte, daf\u00fcr noch ein paar M\u00fcnzen springen lassen. Und so landeten die meisten der alten Schattens\u00e4ngerb\u00fccher achtlos auf dem Boden, manche in Pf\u00fctzen aus Wasser, das bereits \u00fcber die Brunnenummauerung schwappte.<\/p>\n<p data-p-id=\"268a39f9fdd74ddcd8174d012ffa6384\">\u201eWir m\u00fcssen raus hier&#8221;, sagte schlie\u00dflich der Schlauere der beiden. \u201eWird zu nass hier!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3859cc7fddeacee2aa5a289948a5ee97\">\u201eWart mal. Vielleicht is&#8217; hier noch was!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"73de4f1826b10ae1675f2ba249571baf\">\u201eLass den Schund! Wenn der Brunnen \u00fcberl\u00e4uft, ist hier gleich alles \u00fcberschwemmt!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"134e4bed7e48c277726c232e7b62cf76\">\u201eSo schnell wird&#8217;s nicht gehen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3991566008ade5ba175e7a33a987d6ae\">Sein Kumpan griff \u00e4rgerlich nach dem Korb und schaute bedenklich hinauf zu den Fenstern oben in den W\u00e4nden. Drau\u00dfen schien es nun heftig zu gewittern, das tr\u00fcbe Licht flackerte. Der Regen klang sonderbar massiv, w\u00e4hrend er auf Vordach und den Platz platschte. \u201eAlso, mir reicht&#8217;s! Kann nicht schwimmen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"aa51f4d87a6c70676ac28382a7fe59af\">\u201eHe! Guck mal, das hier!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d0eec9bbe163af6f5be4e38be6b730b2\">\u201eKommst du jetzt? Ich <em>brauch<\/em> dich nicht!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"853adb8cc8e08a08b3b3ee65338ee9d9\">Er bekam keine Antwort. Das Wasser rann derweil stetig \u00fcber den Brunnenrand und ruinierte das alte Papier, das sie verstreut hatten, l\u00f6ste l\u00e4ngst getrocknete Tinte von noch \u00e4lterem Pergament. Aber sein Kamerad machte keine Anstalten, ihm zu folgen. Obwohl er schon nasse F\u00fc\u00dfe hatte, stand er still und betrachtete fasziniert ein Buch, das er in H\u00e4nden hielt.<\/p>\n<p data-p-id=\"144006a49eeff29c05b3b8dae35a9386\">\u201eWas haste da?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"da569d80a03576c02a981afb5227fcb2\">\u201eWei\u00df nicht. Aber ich glaub&#8217;, das <em>ist<\/em> was wert!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"704a22e42e6b184dcb2b09a96e417988\">\u201eWarum?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cbc50d7646132bd90309f1a83e579207\">\u201eIst&#8217;n Verschluss dran.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9e6e5647bfbfd5182125a78dcec4df4b\">Das weckte nun doch das Interesse des Intelligenteren. Er kam mit seiner wertvollen Last n\u00e4her und warf einen Blick auf das Werk, was den anderen so sehr faszinierte, dass er es unter allen B\u00fcchern ausgew\u00e4hlt hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"4e51ff333fc217767fa0c9c5a243bd47\">Das Buch war recht unscheinbar, nicht besonders gro\u00df, so handlich, dass es sich leicht in einer Tasche transportieren lie\u00df. Der Einband aus schlechtem, schwarzem Leder war abgegriffen und verkratzt, so als sei es in regem Gebrauch gewesen. Der schmale Band sah eigentlich recht sch\u00e4big aus, \u00fcberhaupt nicht wie ein gelehrtes Buch oder ein Roman, sondern eher wie ein Notiz- oder Wirtschaftsbuch, in dem man Zahlen, Informationen oder Gedanken niederschreiben konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"7c7b4e4f2b9596ca9c9082c42800e243\">Jedoch, und das war das Interessante, es lie\u00df sich nicht aufschlagen. Hinten am Einband war offensichtlich nachtr\u00e4glich ein Lederriemen befestigt, der das Buch zweimal umschlang, sich auf der Vorderseite \u00fcberkreuzte und dort mit einer filigranen Silberschnalle geschlossen gehalten wurde. Ein zweiter Gurt mit Schlaufen war offenbar dazu gedacht, dass man das Buch an einem G\u00fcrtel befestigen und so immer mit sich tragen konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"51e20cc98208736d1c9ca575dd239e15\">\u201eMach mal auf!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d4540dc5e96a04bac8badce544721ec0\">\u201eGeht nicht. Die Schnalle ist zu.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2d777d05cedbe974893e3e248c975f64\">Der Schlauere nahm ihm das Buch ab und versuchte es selbst, aber der Verschlussgurt lie\u00df sich nicht l\u00f6sen. Einen Moment wog er die Dinge ab. Das Buch sah tats\u00e4chlich nicht kostbar aus; unter denen, die nun in den Pf\u00fctzen aufweichten, waren einige gewesen, die deutlich wertiger und eindrucksvoller gestaltet gewesen waren. Andererseits \u2013 war es ausgeschlossen, dass eine <em>verschlossene<\/em> Schrift wertvolle Geheimnisse barg? Nun, das Buch war klein, leicht und passte noch mit hinein in den Silberkorb. Die Riemen konnten sie immer noch zerschneiden und nachschauen, wenn sie aus dem Brunnen, der Stadt und der Gegend heraus waren.<\/p>\n<p data-p-id=\"8a817ff823e0b68ed3e1f4915ae87410\">\u201eUnd jetzt komm! Ich will nicht im Brunnen ersaufen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"315a75c3850c22afe7dfd1828d119ed3\">Sie wateten durch den immer mehr gefluteten Brunnenraum zur Treppe hin\u00fcber und brachten sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit, bevor das Wasser aus der Tiefe mit Wucht emporquoll, als sei ein unterirdischer Damm gebrochen.<\/p>\n<p data-p-id=\"bddd3a07b49bf276c2f66578a67c669a\">Der Vorplatz des Palastes des <em>konsej<\/em> war zwischenzeitlich voller nassem Sand und v\u00f6llig menschenleer. Die beiden Knechte eilten verwirrt unter die n\u00e4chstgelegenen D\u00e4cher, w\u00e4hrend Sand aus den Wolken nieder klatschte und das Gewitterlicht \u00fcber der Szenerie flackerte, wobei sich der Wechsel zwischen Hell und Dunkel immer weiter verst\u00e4rkte, unsteter und intensiver wurde. Der Platz und die Gassen waren menschenleer, die Karambolage, bei der die Damens\u00e4nfte den Weg hinab in die S\u00fcdstadt blockiert hatte, hatten die Helfer wohl gerade noch beseitigen k\u00f6nnen. Die Knechte verloren keine Zeit und machten sich auf den Weg durch das Villenviertel hinunter in die Stadt, ein rutschiger Weg, denn der nasse Sand auf dem gepflegten Steinpflaster vertrug sich nicht mit dem leichten, f\u00fcr trockenes Wetter gefertigten Schuhwerk, das sie trugen.<\/p>\n<p data-p-id=\"cffa1e0580f314c63b76ca73f6ec4946\">Den beiden wurde es zunehmend unheimlicher, je weiter sie den H\u00fcgel hinunter kamen und dabei immer \u00f6fter ausglitten und schlitterten. Wer warf von da oben aus den Wolken mit Sand und was geschah mit dem nat\u00fcrlichen Licht? War es Tag, war es Nacht?<\/p>\n<p data-p-id=\"3391ca07a17b084a590ed0d886f642f4\">\u201eDie M\u00e4chte!&#8221;, jammerte der eine. \u201eDie M\u00e4chte z\u00fcrnen uns!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c202adc412dc4454b9aee3081d87ed92\">\u201eBl\u00f6dsinn! Wir haben doch gar nichts gemacht!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"071d5974aabf8d2b137dee4f12eb5ef3\">\u201eNicht wir, Dummkopf! Die Menschen! Das ist nicht normal! Das Chaos kommt!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"33e657e334fb4fceb65a82c2a958f5b7\">\u201eQuatsch keinen Bl\u00f6dsinn!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f2c15b5e4dce6d4d4fd9ecab2b28835d\">Sie glitschten und hasteten weiter. Ab und zu wurde es f\u00fcr einige Herzschl\u00e4ge stockfinster, dann wieder taghell, so hell es an einem wolkenverhangenen Tag nun einmal werden konnte. Ganz leise klangen Gongschl\u00e4ge durch das irritierende Platschen des Sandes an. Irgendwo auf der Stadtmauer hatte wohl ein aufrechter Stadtdiener seinen Posten noch nicht aufgegeben. Dem Signal nach musste es Nacht sein.<\/p>\n<p data-p-id=\"e55c9df625878cdef909a179cf7194ae\">Wenn es dunkel wurde, erkannten sie die Lichter. In den Villen und H\u00e4usern am Wegesrand hatten die Bewohner die Nachtbeleuchtungen entz\u00fcndet, manchmal h\u00f6rten die M\u00e4nner aufgeregtes Stimmengewirr. In manchen Behausungen versuchte man wohl, gegen das absurde Unwetter anzufeiern, aber das klang eher trotzig denn beschwingt. Immerhin: Offenbar hatten alle Bewohner der Oberstadt es geschafft, in Geb\u00e4uden Zuflucht zu finden.<\/p>\n<p data-p-id=\"ab009287b6714091746fd87cdca84af2\">\u201eSollen wir wo reingehen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"30eaf25ed518c95c0b37ee8a6aefee29\">\u201eNicht hier! Unten in der Stadt! In eine Taverne!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3ea57a6e9a7d44b5de42f58cf4913e1e\">\u201eBist du <em>irre<\/em>? Mit all dem Silberzeug im Gep\u00e4ck?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"305e50fc923502069f86ce3edbd84be9\">Das war ein triftiges Argument. Sie bogen auf eine Hangstra\u00dfe, von der aus sie einen Blick in die Unterstadt werfen konnte. Auch dort waren die H\u00e4user beleuchtet, soweit das Licht durch geschlossene L\u00e4den und Torb\u00f6gen dringen konnte, aber auch hier war niemand im Freien zu sehen. Als die beiden mit ihrem Schatzkorb den ersten Marktplatz erreichten, war die Freifl\u00e4che zwischen den H\u00e4usern verwaist. In den Tavernen und Herbergen ringsum hingegen standen die Menschen so dicht gedr\u00e4ngt, dass sich teils die T\u00fcren nicht mehr schlie\u00dfen lie\u00dfen. Das Nachtvolk, das keinen Platz mehr innen fand, dr\u00e4ngte sich unter den Arkaden an die Mauern, und einige finstere Gesellen hatten sich sogar in der Marktzelle niedergelassen, die wohl in dieser Nacht keinen Ungl\u00fccklichen beherbergte. Die Ger\u00e4uschkulisse klang hier unten in der Stadt wesentlich aggressiver. Die Wirte machten sicherlich das Gesch\u00e4ft ihres Lebens, die Diebe und R\u00e4uber desgleichen. \u00daldaises Knechte ernteten einige ver\u00e4chtliche Blicke. Platz machen w\u00fcrde ihnen niemand.<\/p>\n<p data-p-id=\"f7904c212fff97ddf8698f12406833f7\">Einen Augenblick lang \u00fcberlegten die beiden M\u00e4nner, was sie tun konnten. In ein Geb\u00e4ude zu fl\u00fcchten, war keine Option. Aber der Mietstall, wo sie am Mittag die Pferde abgegeben hatten, der war in der N\u00e4he.<\/p>\n<p data-p-id=\"ccdf64caf359c83d41864f177355dd72\">Vielleicht war es dort einen Versuch wert.<\/p>\n<p data-p-id=\"8a7ab20ec0ab3262ce329c7dcb399a4e\">***<\/p>\n<p data-p-id=\"ed3e91d666957ac2ca3d2eca5005e22c\">Die <em>yarlara<\/em> von Mor\u00e9aval, der <em>mestar<\/em> und die <em>opayra<\/em> hatten die Burg systematisch und Raum f\u00fcr Raum durchsucht, nat\u00fcrlich nicht bis in den letzten Winkel und mit Blick unter Betten und in Kisten, dann es war nicht zu erwarten, dass die Ritter oder <em>teiranday<\/em> mit den Kindern Verstecken spielten. Aber trotz des schlimmen Wetters und des einsetzenden merkw\u00fcrdigen Niederschlags waren sie auch im Freien gewesen, hatten dem Regen getrotzt und doch keinen Erfolg erzielt. Aber als die drei am Ende wieder in der Halle zusammentrafen und keine einzige der vermissten Personen ausfindig gemacht hatten, stellte sich Ratlosigkeit ein, zumal im Stall kein Pferd fehlte. Somit war auszuschlie\u00dfen, dass die Ritter mit ihren S\u00f6hnen oder die <em>teiranday<\/em> mit ihrer Tochter, aus welchem Grund auch immer, zur Unzeit ausgeritten waren.<\/p>\n<p data-p-id=\"5be1ae3dd423ec9a624c8e2f922a18ee\">Nat\u00fcrlich war dem \u00fcbrigen Burggesinde nicht entgangen, dass die Edeldame und die beiden hochgestellten Bediensteten auf der Suche nach den Herrschaften waren. Die <em>yarlara<\/em> hatte schlie\u00dflich begonnen, in der Halle den einen oder anderen unter den Knechten, M\u00e4gden und Hochgestellten beil\u00e4ufig zu befragen, aber niemand, mit dem sie sprach, hatte einen der Vermissten seit dem Mittag zu Gesicht bekommen.<\/p>\n<p data-p-id=\"72fff52e4f8c03f2285ce66722a8ba89\">In der Halle war zwischenzeitlich einiges an Beleuchtung entz\u00fcndet worden, und es war auch deutlich voller geworden. W\u00e4hrend drau\u00dfen die einsetzende Nacht den Himmel zus\u00e4tzlich zu dem Dauerregen verdunkelte, suchte das Burgvolk die Gemeinschaft.<\/p>\n<p data-p-id=\"51246c215f67541b6e435845ac884a62\">\u201eAm Mittag&#8221;, erinnerte sich auf Befragen der Schreiner, \u201ewar <em>yarl<\/em> Althopian bei mir. Er wollte eine Reihe an Werkzeug ausleihen. Sogar eine kleine Leiter hat er mitgenommen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b4ca453ba85e70ffb47f0144f9a9c366\">\u201eWerkzeug?&#8221;, fragte der <em>mestar<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"6be94e149c293c4749a1e8f51f2f0c29\">\u201eBei mir war er auch&#8221;, schaltete sich ein Maurer ein, der am selben Tisch sa\u00df. \u201eGanz sonderbare W\u00fcnsche hatte er. Einen Mei\u00dfel und einen Hammer dazu wollte er haben. Ich hab mich noch gefragt, was der Herr damit vorhatte.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7bc35b63acacd8668a1f4a3afbc398e3\">\u201e<em>Yarl<\/em> Emberbey hab ich gesehen&#8221;, erz\u00e4hlte eine K\u00fcchenmagd, die gerade eine Sch\u00fcssel w\u00e4rmende Br\u00fche auftrug. \u201eSah aus, als ob er Wache hielt, drau\u00dfen, am Turm.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"dac640cf044326320bea622e2b97c1e8\">\u201eAm Turm? Wieso denn das?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"54bcc76735de8c8018f03a95c0202d36\">\u201eIch wei\u00df nicht, Herrin. Aber ich dachte mir noch, der alte Mann wird sich sicher f\u00fcrchterlich erk\u00e4lten in dem Regen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c692e3793c82a4719c09d7ba43dea409\">\u201eDer Turm&#8221;, dachte der <em>mestar<\/em> laut nach. \u201eDa hatte ich nicht nachgeschaut.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a81cc545aaa9fef4cf5992afdf4b7955\">\u201eWarum auch. Wieso sollten sie alle zusammen im Turm sein? Da ist doch nichts.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9306f1a2b10648eb8c9045a893c922b5\">\u201eEs sind Vorratskeller da unten, und der verschlossene Raum ganz oben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"52d0c6d0b58c0baa0c1d8a185b0fb5fe\">\u201eOb sie da nach dem verschwundenen Kind gesucht haben?&#8221; Die <em>opayra<\/em> rang besorgt die H\u00e4nde.<\/p>\n<p data-p-id=\"83cc270d22144391d033ff63ee37db53\">\u201eZu <em>sechst<\/em>? M\u00f6glicherweise mit den Kindern? Das ist h\u00f6chst unwahrscheinlich.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d1d045fe954dfcb3aba2c17ee4515f54\">\u201eIch will dennoch nachschauen.&#8221; Die <em>yarlara<\/em> hielt einen der vorbeilaufenden Knechte an und trug ihm auf, eine Laterne zu besorgen.\u201eWer wei\u00df, was sie dort zu schaffen haben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"42cfde1e52b4f33a84e680b5988154c9\">\u201eIch wei\u00df nicht, Herrin. Ich glaube nicht, dass das die Sache wert ist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3690f98a8b9f49e7c83541fd6e2a67f1\">\u201eDas lasst mich selbst sehen&#8221;, gab sie zur\u00fcck. Der <em>mestar<\/em> verneigte sich. Gegen den Entschluss der Dame konnte er nichts vorbringen.<\/p>\n<p data-p-id=\"9ba4a8651d31018380b729fa8a02f21c\">Sie bekam ihre Laterne, zog sich die Kapuze ihres Mantels \u00fcber den Kopf und begab sich hinaus in Nacht und Regen, lie\u00df die belebte Halle hinter sich und lief \u00fcber glitschiges Pflaster und durch breite Pf\u00fctzen hin\u00fcber zum Turm, der selbst gegen den wolkenverhangenen Nachthimmel hoch und bedrohlich aufragte.<\/p>\n<p data-p-id=\"4c837a12690b5e78dbc4857309d8029a\">\u201eWartet!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a682d307dacf6892f3e0c9a3b27c2e50\">Die <em>yarlara<\/em> hielt inne. Es war die <em>opayra<\/em>, die hinter ihr durch das Wasser platschte. Die \u00e4ltere Dame war au\u00dfer Puste, als sie aufgeholt hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"8d4bda60f631d69a460b983283784568\">\u201eWas ist?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e99d86292bd0d81230b0ee6410fcdb04\">\u201eIhr solltet nicht allein dort hinein gehen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8b270b6acd16e7da5c9cb6034578fae2\">\u201eWarum nicht?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"14a89994c2c99b8276a3234a63c332ae\">\u201eIch wei\u00df nicht. Es ist ein ungutes Gef\u00fchl. Mir &#8230; mir ist unwohl, wenn ich daran denke, was in diesem Turm lauern k\u00f6nnte.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f8430540910adf3c19636be21f824043\">\u201eLauern? Da drin sind Lebensmittel und etwas Ger\u00fcmpel, wenn ich mich recht erinnere.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2f397944ffd43d6e23632557c47bd5ba\">\u201eIch wei\u00df. Aber dennoch &#8230; Herrin, ich habe diesen Turm niemals gern betreten. Aber nun erscheint er mir noch unheimlicher als zuvor.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"80aa0a5b6839b2cb72ae76bdf65b0ab3\">\u201eAch, kommt nur. Wir werfen einen Blick hinein und finden hoffentlich die ganze Gesellschaft darin vereint an.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5c38064d336dc3d4fd0c7d99f8205ced\">Die Frauen gingen hin\u00fcber zu der Treppe, die zum Hocheingang f\u00fchrte. Ein stiller Blitz, ohne nachfolgenden Donnerschlag, erhellte das Geb\u00e4ude f\u00fcr einen kurzen Moment. Die <em>yarlara<\/em> schauderte. Lie\u00df sie sich tats\u00e4chlich von der bangen Stimmung der alten Dame anstecken?<\/p>\n<p data-p-id=\"83c6bfb01af953be4bb0bcacff312549\">\u201eAutsch!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9b9f372e4c5ea814f47790f95a87a9b6\">\u201eWas ist nun wieder?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5e46c9b9f8ef535eddf5d018c0423ba1\">\u201eIch habe mich vertreten. Hier liegt etwas am Boden!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"575ec5168455de2d7ccc1b3ae5b6206b\">Die <em>yarlara<\/em> leuchtete. Tats\u00e4chlich. Am Fu\u00df des Turms lagen Scherben. Offenbar waren moosbewachsene Dachschindeln herabgest\u00fcrzt.<\/p>\n<p data-p-id=\"480abf96fd3b3d928998c6969e0f24ef\">\u201eVielleicht der Sturm oder ein Blitz, der den Turm gestreift hat.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bd1585234698daeaacd7233940119640\">\u201eBei den M\u00e4chten&#8221;, wisperte die <em>opayra<\/em>. \u201eWenn das jemanden getroffen h\u00e4tte, so wie die ungl\u00fcckliche <em>yarlara<\/em> von Althopian, m\u00f6ge sie hinter den Tr\u00e4umen in Frieden sein!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1f2b81bc485df411b9632940f84f04d5\">Die Erinnerung an jene andere Edelfrau, die ein ganz \u00e4hnlicher Vorfall vor einigen Monden aus dem Weltenspiel gerissen hatte, lie\u00df die <em>yarlara<\/em> schaudern. Aber das musste sie vor der <em>opayra<\/em> nicht zeigen. Sie wandte sich ab und stieg die Au\u00dfentreppe hinauf, nur um oben vor einer fest verschlossenen T\u00fcr zu stehen zu kommen.<\/p>\n<p data-p-id=\"7074d698b41311a022b08ef0b60ad9a4\">Das war tats\u00e4chlich ungew\u00f6hnlich. Der \u00e4u\u00dfere Riegel stand wie \u00fcblich offen, und dennoch lie\u00df die schwere Pforte sich weder aufziehen noch dr\u00fccken. Wie konnte das sein? Diese Turmt\u00fcr wurde nie versperrt und schon gar nicht von innen. Schlie\u00dflich musste den Tag \u00fcber K\u00fcchenpersonal Zutritt zu den k\u00fchlen Vorratskellern haben. Waren die anderen tats\u00e4chlich in den Turm gegangen? Warum hatten sie sich eingeschlossen.<\/p>\n<p data-p-id=\"e3b227e4f27a88c7f9f48e048e71d31e\">\u201eHallo?&#8221;, rief die <em>yarlara<\/em> und klopfte gegen das regenfeuchte Holz. \u201eIst jemand da drin?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c1119401e264a895544c03fe5317083b\">Nat\u00fcrlich bekam sie keine Antwort, auch nicht, als sie mit ihrer zarten Faust dagegen h\u00e4mmerte.<\/p>\n<p data-p-id=\"dbdfe38a91d29a2483610ecd3bedcd53\">\u201eVater? T\u00edjnje? L\u00e1as? Seid ihr da drin?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"dc015dd86860e4956ebd159a71b3487e\">\u201eSo kommt doch zur\u00fcck!&#8221;, bat die <em>opayra<\/em>, die unten an der Treppe stand und im Regen ihr \u00fcber den Kopf gezogenes Schultertuch umklammert hielt. \u201eLasst uns wieder ins Trockene gehen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e35518ddb4e193fc7a59e19fabda0641\">\u201eWartet!&#8221; Die <em>yarlara<\/em> legte das Ohr an die T\u00fcr. Nat\u00fcrlich war das l\u00e4cherlich. Durch die dicke Holzt\u00fcr w\u00e4ren keine Stimmen zu h\u00f6ren gewesen, zumindest nicht, solange dahinter nur in normaler Lautst\u00e4rke geredet wurde.<\/p>\n<p data-p-id=\"46c64ae7a765ef88c5b222b6013f0e43\">Umso mehr erschrak die junge Frau, als sie tats\u00e4chlich etwas h\u00f6rte. Im Turm <em>schwappte<\/em> etwas. Es klang wie Bier in einem halb gef\u00fcllten Fass, das auf einem Karren \u00fcber Schotter transportiert wurde. Nur &#8230; lauter.<\/p>\n<p data-p-id=\"d3d7234fdacb22b3b2c7a5ab7dc19e8c\">Die <em>yarlara<\/em> tat einen Schritt zur\u00fcck und starrte die T\u00fcr verwirrt an. Regnete es etwa in den Turm hinein? Der Gedanke war l\u00e4cherlich. Selbst wenn es tagelang in dieser Intensit\u00e4t und durch das vermeintliche Loch im Dach geregnet h\u00e4tte, konnte das Wasser unm\u00f6glich so hoch stehen, zumal es zuvor in den Keller h\u00e4tte laufen und diesen fluten m\u00fcssen. Und m\u00fcsste es dann nicht unter der T\u00fcr hindurch auf die Treppe laufen?<\/p>\n<p data-p-id=\"ad50ad091573b739f5db04484761d794\">\u201eT\u00edjnje!&#8221; Die <em>yarlara<\/em> bekam es mit der Angst und schlug mit beiden F\u00e4usten gegen die T\u00fcr. \u201eT\u00edjnje! L\u00e1as! Vater!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5a533b939938d50fd8f756b6d45151ca\">Die <em>opayra<\/em> erklomm die Treppe. \u201eBeruhigt Euch, Herrin! Was ist geschehen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f0aa0abeda84ce49550be4e73f8fcb88\">\u201eH\u00f6r doch selbst! H\u00f6rst du es gluckern und wogen? Das ist nicht geheuer!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"23e81871531acf69da01576761b1efb9\">Die \u00e4ltere Dame lauschte. Ihre Miene ver\u00e4nderte sich. Aus Unglauben und Irritation wurde Angst, wurde Entsetzen. Dann packte sie die <em>yarlara<\/em> flehend an den Armen. \u201eKommt mit! Schnell! Wir m\u00fcssen es den anderen sagen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"61b98dd1cc0e46d5dd69decdc87c5b02\">\u201eWas ist das? Wie kommt das Wasser dort hinein?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6bf7a4af10cf494986fb10669fe90656\">\u201eDas m\u00f6gen die M\u00e4chte wissen! Schnell, schnell! Wir brauchen Hilfe! Der <em>mestar<\/em> &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1f0c5c87b7ac686cc7be0e858d13cc58\">\u201eDer <em>mestar<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"68cf678e85be520557b9bcb9604ff614\">\u201eVielleicht wei\u00df er aus seinen Schriften, was es sein kann!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"196b5e8e0ba8e7fea86d40a2a1ee5be0\">Die <em>yarlara<\/em> hatte nicht den Sinn, dies infrage zu stellen, obwohl sie es f\u00fcr sinnreicher hielt, sich zun\u00e4chst an die starken M\u00e4nner, den Schmied und seine Gesellen, an die Dienstknechte zu halten. Aber was tat es? In Windeseile w\u00fcrde sich herumsprechen, dass es im Turm nicht mit rechten Dingen zuging.<\/p>\n<p data-p-id=\"d0a99a2a642f91e112af7b3068575344\">\u201eKommt! Kommt mit!&#8221; Die <em>opayra<\/em> zerrte unbotm\u00e4\u00dfig am Mantel der Dame, und beide rannten so schnell die Treppe hinab und \u00fcber den Hof, wie es mit ihren feinen Schuhen und auf dem glitschigen Untergrund m\u00f6glich war.<\/p>\n<p data-p-id=\"00807063f35d2261f32d2d1d6069e41f\">Fast zu sp\u00e4t bemerkten sie den Reiter, der just in diesem Moment das Tor passierte und mit viel zu hoher Geschwindigkeit auf den Hof preschte. Um ein Haar h\u00e4tte der Mann die beiden aufgeregten Frauen \u00fcber den Haufen geritten. Gerade noch rechtzeitig konnten die beiden ihm aus dem Weg springen, w\u00e4hrend sein Ross schlitternd zum Stehen kam, silbrig glei\u00dfende Funken unter seinen Hufen verspr\u00fchend.<\/p>\n<p data-p-id=\"66f5bb4c16beb0dd21896047ccdb8d9d\">***<\/p>\n<p data-p-id=\"7c0b6edf6e815e91a81b035b1e26818e\">D\u00fdamir\u00e9e verfluchte sich f\u00fcr das, was sie gerade getan hatte. Aber was n\u00fctzte das? Ach, h\u00e4tte sie nur auf Advon geh\u00f6rt und gewartet. Aber die Stimme der Mutter, die war zu verlockend gewesen. Wie h\u00e4tte die Stimme des Freundes sie da halten k\u00f6nnen?<\/p>\n<p data-p-id=\"6727a0209fe7ec99953bd67a56b4cace\">Sie waren mit Farbenspiel zun\u00e4chst auf den Wehrgang geflogen. Von dort aus hatte Advon sein Reittier \u00fcber die Treppen und Br\u00fccken gelenkt, die von den Mauern zum mittleren Turm und von dort auf unterschiedlichen H\u00f6hen wieder zu den seitlichen T\u00fcrmen f\u00fchrten. Wo eine Br\u00fccke an ein Geb\u00e4ude stie\u00df, gab es jeweils Simse vor Torb\u00f6gen, die ins Geb\u00e4udeinnere f\u00fchrten. All das hatte D\u00fdamir\u00e9e fl\u00fcchtig schon am Tag bemerkt; nun sah sie es aus der N\u00e4he und fand, diese Bauweise sei \u00e4u\u00dferst praktisch. Sicher konnte man auf diese Weise kreuz und quer durch den Ciel\u00e1stel laufen oder reiten, sofern ein Einhorn seine Fl\u00fcgel dabei einklappte.<\/p>\n<p data-p-id=\"9879cad4750b383034981085c8428fa6\">Farbenspiel war \u00fcber Abgr\u00fcnde hinweg gesprungen und hatte trittsicher steile Treppen bezwungen. Ungef\u00e4hrlich gewesen war das nicht, das hatte das M\u00e4dchen gesp\u00fcrt, ohne dass der Junge es h\u00e4tte ausdr\u00fccklich sagen m\u00fcssen. Um den Ciel\u00e1stel tobten heftige Seitenwinde und versuchten, das Einhorn fort zu pusten, so wie D\u00fdamir\u00e9e das manchmal, daheim, dort, wo keine Monster, Frieden und Liebe waren, es mit den Samenschirmchen von den rosa Fuchsz\u00e4hnchen machte, um ihnen zu helfen, sich auszus\u00e4en.<\/p>\n<p data-p-id=\"e908c4359cd2c5662132a2db6c64208f\">\u201eIch traue dem Wind nicht&#8221;, hatte Advon erkl\u00e4rt. \u201eWetten, wenn wir fliegen, bl\u00e4st der uns mit voller Wucht gegen die Wand oder zur\u00fcck in die W\u00fcste.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c3d55c1d0ca82e5950ea2f411af248e1\">Farbenspiel hatte zustimmend geschnaubt, also musste das wohl stimmen. Und so hatte es eine Weile gedauert, bis sie die oberste Au\u00dfentreppe erreicht hatten, dort, wo es unterhalb der Turmspitze eine umlaufende Plattform gab, breit genug, dass sogar zwei oder drei Einh\u00f6rner hintereinander dort stehen konnten. Ein besonders pr\u00e4chtig verzierter Torbogen f\u00fchrte in den Turm; gleich dahinter sah D\u00fdamir\u00e9e den Absatz einer Wendeltreppe, die noch ein St\u00fcck weiter hinauf f\u00fchrte.<\/p>\n<p data-p-id=\"608f54bbac0a2cad0765b5d89ab020e7\">D\u00fdamir\u00e9e lie\u00df sich von Farbenspiels sandbeschmiertem, klatschnassen R\u00fccken gleiten, strampelte kurz, w\u00e4hrend sie sich an seinem Fl\u00fcgel festzuhalten versuchte, und landete einmal mehr unsanft auf dem Boden. Kurz erschrak sie, dann der Ciel\u00e1stel war zwischenzeitlich tats\u00e4chlich fast <em>durchsichtig<\/em>. Am helllichten Tag h\u00e4tte sie durch das transparente, bunte Material hindurchschauen und in die Tiefe sehen k\u00f6nnen; im Wetterflimmern erahnte das M\u00e4dchen nur im Ansatz, wie tief es hinab ging.<\/p>\n<p data-p-id=\"779118f8ae40be5bbaa0d713175233f5\">Und dann war da noch etwas anderes, etwas Verlockendes. Etwas, das sich in dem gr\u00e4sslichen Regen, in dem die sch\u00f6ne bunte Burg verlosch, so tr\u00f6stlich, so warm, so gut anf\u00fchlte.<\/p>\n<p data-p-id=\"e76f8a9a8450b1674e53ade538d41d69\">\u201eMama!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ef16c0708d3900ecc3b731a96b0d6236\">\u201eD\u00fdamir\u00e9e! Bleib hier! Warte auf mich!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"176717b293e3b211a79d68f2395de4a7\">\u201eAber meine Mama ist da! Das Netz &#8230; sp\u00fcrst du es nicht auch? Da drunter sind wir sicher!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"42d2854b34e8b54d6325959372a6f3e0\">Advon sprang von Farbenspiel ab. Der Hengst faltete seine Fl\u00fcgel und streckte seinen Kopf durch das Tor. D\u00fdamir\u00e9e tappte voran. \u00dcber ihnen, gar nicht weit entfernt, doch unverst\u00e4ndlich unter dem Klatschen des Sandregens und Pfeifen des Windes, da erkannte sie nicht nur die Silberw\u00e4rme vertrauter, dunkler Magie. Da war noch etwas viel besseres, das Sch\u00f6nste, Begehrlichste, was das M\u00e4dchen sich nach all dem, was es durchgemacht hatte, vorstellen konnte. Die Stimme, der Tonfall der Mutter. D\u00fdamir\u00e9es Herz begann, ganz laut zu pochen. Da war sie, nur ein paar Treppenstufen entfernt!<\/p>\n<p data-p-id=\"e462cfbb87686cc34cc7161affdb3efb\">\u201eD\u00fdamir\u00e9e!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cdcf184ac2a5e4346ab451984128cf68\">Aber sie h\u00f6rte nicht auf sein warnendes Rufen und war auch um eine Winzigkeit zu schnell f\u00fcr ihn. Blind vor Freude hastete das kleine M\u00e4dchen ihrer Mutter entgegen.<\/p>\n<p data-p-id=\"abdf2e965c28b8a921feed1b6f53372a\">Aus der Gegenrichtung, gerade noch verdeckt und unsichtbar, kam jemand die gewundene Treppe hinab. D\u00fdamir\u00e9e erschrak, prallte mit der anderen Person zusammen und f\u00fchlte sich im n\u00e4chsten Moment von einer viel zu starken Hand am Arm gepackt und von den Treppenstufen hochgehoben.<\/p>\n<p data-p-id=\"576770a48f495b3e3045c6d398ec1c2d\">Das M\u00e4dchen starrte erschrocken in das verrunzelte Gesicht und die wild funkelnden Augen ihres Gegen\u00fcbers. Dann begann es, zu schreien. \u201eMama!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f733692c252e38c4e99a6c0e819f9df1\">\u201eJa&#8221;, zischte der Ank\u00f6mmling ihr zu. \u201eSchrei nur, du kleine Kr\u00f6te! Schrei so laut, dass sie dich bis in die W\u00fcste h\u00f6ren! Und du &#8230;&#8221;, ein goldverzierter Gehstock stie\u00df aggressiv in Advons Richtung und hielt ihn auf Abstand, \u201edu bleibst zur\u00fcck. Was f\u00e4llt dir ein, ungehorsamer Bengel!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1573e9dfc8ccd99628155580aa31dd62\">Der Junge wich zur\u00fcck. Farbenspiel fletschte seine Z\u00e4hne.<\/p>\n<p data-p-id=\"1d3a7cd6da65bf83766b5f50a33607d4\">\u201eHalt deinen Gaul fest, Advon Ir\u00edsolor. Mach Platz. Sonst wird es schlimm f\u00fcr euch!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ea7d68621752a9ea5aa0ae1c8a742316\">Da war keine Furcht in alten Augen, nur ein unheilvoller, erfreuter Triumph. Advon wich zur\u00fcck und war hilflos vor Best\u00fcrzung.<\/p>\n<p data-p-id=\"76445e5f78fbed4a073efbc53cab888f\">Mit v\u00f6llig unangemessener Kraft, hoch aufgerichtet und mit einer Aura des Irrsinns um sich herum gewappnet, zerrte Sileda\u00fa D\u00fdamir\u00e9e die Treppe hinab und schritt unbeeindruckt an dem Einhorn vorbei ins Freie, in den Regen und den Sturm.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/morgenkind-oder-die-grenzen-des-dunklen-band-2\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2658","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-02_morgenkind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2658","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2658"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2658\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3271,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2658\/revisions\/3271"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2658"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2658"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2658"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}