{"id":2548,"date":"2025-08-25T12:44:27","date_gmt":"2025-08-25T10:44:27","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2548"},"modified":"2025-09-01T09:27:58","modified_gmt":"2025-09-01T07:27:58","slug":"067-der-sohn-und-der-sand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/067-der-sohn-und-der-sand\/","title":{"rendered":"067: Der Sohn und der Sand"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"MK_Thiumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1987\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"41d91685a07430ec258ba709fecccf79\">\u201eHerr Wa\u00fdreth?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ed3864b791800d8e581791b224aef600\">Wa\u00fdreth Althopian schlug die Augen auf. Was war nun schon wieder? Gerade erst hatte er sich, nachdem er die Nacht rastlos mit Alsg\u00f6r Emberbey in dieser un\u00fcbersichtlichen Burg herumgewandert war, niedergelegt, ersch\u00f6pft, aber nicht erm\u00fcdet. Nur einen kleinen Moment Schlaf, bevor er damit fortfahren w\u00fcrde, hinter jede einzelne T\u00fcr, in jeden Schrank und jede Truhe zu blicken. Und unter jedes Bett. Getr\u00e4umt hatte er kurz und qu\u00e4lend, hatte ein dunkles, irrsinnig verwinkeltes Gew\u00f6lbe durchquert, eines von der Sorte, wie es sie unter der Festung der ehemaligen <em>teiranday<\/em> im Osten geben sollte. D\u00fcstere Verliese ohne Licht und voller Ungeziefer, von denen ihm Leute erz\u00e4hlt hatten, die es irgendwie aus Rodekliv heraus auf sein Land, ins <em>yalm\u00e1lon <\/em>Althopian geschafft hatten. Die Stimme des Sohnes hatte er dort geh\u00f6rt, mal sein kindliches Jubeln, dann bitteres Weinen, aber immer war es ihm voraus und schien sich im selben Abstand von ihm zu entfernen, wie er sich n\u00e4herte.<\/p>\n<p data-p-id=\"f9e41f435788652e2ad4d3a4224fcfc9\">Und nun weckte ihn eine Knabenstimme, eine fremde.<\/p>\n<p data-p-id=\"6d8810243af8eada7aacae523f19ecf0\">Der Ritter drehte sich auf seinem Lager herum und sah Osse Emberbey vor sich stehen. Den, den Alsg\u00f6r Emberbey ebenso besorgt die halbe Nacht hindurch gesucht hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"58980ad8c21a8c7ae9c992e5368efaf6\">\u201eWie bist du hier herein gekommen?&#8221;, fragte Althopian, matt und verwundert.<\/p>\n<p data-p-id=\"33e2109aa4cce9bb6c278577d1d1a739\">\u201eEure T\u00fcr war offen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e15e998b69f07367124db4e36fdaf8cd\">Nat\u00fcrlich. Die hatte er offen gelassen, f\u00fcr den Fall, dass Merrit zur Vernunft kam. \u201eWas willst du?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4bed539891659b5829fbca3e5c835b24\">\u201eEuer Sohn schickt mich.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9f45f46dfd5f4c341364734da35c7de7\">Augenblicklich sa\u00df Althopian kerzengerade in den Kissen. \u201eWas sagst du da?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9df8c1fde74de42b2121627050714712\">\u201eHerr &#8230; es ist alles etwas &#8230; schwierig.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"95b4acda85126eab7b83edfac8620697\">\u201eWo hast du ihn gefunden!&#8221;, rief Althopian aus und griff den Jungen bei den Schultern. Bei den M\u00e4chten, wie zerbrechlich, wie schw\u00e4chlich f\u00fchlte er sich an!<\/p>\n<p data-p-id=\"437f1d00985896816972083f2fae2dc4\">\u201eHerr, bevor ich Euch das sage &#8230; es muss geheim vor allen Menschen, vor allem vor den <em>teiranday<\/em> bleiben, dass ich es Euch gesagt habe.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ff66be153e35d4c95c9346c5da7650d4\">\u201eWas soll das hei\u00dfen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"624e3f812bcbcb6e37d8de59d5e50839\">\u201eDie <em>teirandanja<\/em> versucht, ihn zu befreien. Wenn Ihr hinzukommt, muss es aussehen, als w\u00e4ret Ihr selbst darauf gekommen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"292aae6f476983ac15c0bfe21831134c\">\u201e<em>Befreien<\/em>? Was ist passiert? Sitzt er irgendwo fest?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c2f977f2096188ac4189fea8a2a2a80a\">\u201eEr wurde eingesperrt. Versehentlich.&#8221; Osse Emberbey machte ein ungl\u00fcckliches Gesicht. Der Ritter lockerte seinen Griff. Ver\u00e4ngstigen wollte er den Jungen nicht. \u201eUnd nun bekommen wir die T\u00fcr nicht ge\u00f6ffnet.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"55d7ce365157cabbe31537dbe4970216\">Wa\u00fdreth Althopian erhob sich und griff nach seiner Hose. \u201eDas werden wir doch sehen. Wenn diese ganze Aufregung nur an einem defekten Schloss anh\u00e4ngt &#8230; wo ist er?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b5a50d9042595c6e450b2ef85c072cf7\">\u201eIm Turm. Im obersten Zimmer.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fdd87000ecc011c234374cfb2defe21b\">Althopian hielt inne, und ihm wurde eiskalt. In diesem Zimmer war er selbst einmal gewesen. Viele Winter waren seither vergangen. Der Schrecken war geblieben, bezwungen und verdr\u00e4ngt in seinem Herzen, aber nicht auszul\u00f6schen. In diesem Zimmer hatte jemand ihm an seine Seele, an sein reines Herz gewollt. Dort hatte der <em>Rotgewandete<\/em> gehaust.<\/p>\n<p data-p-id=\"15182a6c31e85d0026cc037ee8607055\">\u201eEs hie\u00df, diese Kammer sei f\u00fcr immer versperrt&#8221;, sagte er beil\u00e4ufig. \u201eHerr Andri\u00e9r erz\u00e4hlte mir von einer zerschmetterten Axt, um mich aufzuheitern.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0b2817c37a53e9794dd42b4f1ad95e3f\">\u201eMerrit ist trotzdem hineingegangen. Es hat sich wohl so gef\u00fcgt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"10ed0ab5c239fd637c9356335c609ad5\">Gef\u00fcgt? Dieses verfluchte Zimmer hatte ihm den Sohn <em>weggeschnappt<\/em>! Der Ritter wandte sich dem anderen Jungen zu. \u201eDie <em>teiranday<\/em> m\u00fcssen davon erfahren.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d5db026f768b6aace2d3704b94e7cc31\">\u201eIch wei\u00df. Die <em>teirandanja<\/em> k\u00fcmmert sich darum. Aber Euer Sohn m\u00f6chte, dass Ihr zu ihm kommt.&#8221; Er setzte seine Brille ab und f\u00fcgte hinzu: \u201eLasst es bitte wie einen Zufall aussehen. Anderenfalls falle ich in Ungnade.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c937abb4b534b476197be8436909952f\">\u201eBei wem?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"28f78104e3c988d91392c016b18fac6f\">\u201eBei meiner Herrin.&#8221; Es war klar, wen der Junge meinte. Der Ritter seufzte. Konnten diese Kinder nicht einfach \u00c4pfel stibitzen und beim wilden Spiel irdenes Geschirr zertr\u00fcmmern, wie alle anderen in ihrem Alter? Musste es gleich eine h\u00f6fische Geheimniskr\u00e4merei werden?<\/p>\n<p data-p-id=\"0544831c3e1e6923acc3577b87a7293f\">\u201eWarum hast du ihn nicht daran gehindert, in dieses verfluchte Turmverlies hineinzugehen, Osse?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2192d5c52e467605083322f3048bd715\">\u201eIch war nicht dabei, als es geschah, Herr.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"12001f01d84a7b8fb5cb2c541eb77e86\">\u201eUnd wie hast du ihn dann dort gefunden?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"04c723909bf81fdbc3e4b8b128abfa68\">Der Junge schaute zu Boden. \u201eDar\u00fcber muss ich schweigen, bis die <em>teirandanja<\/em> spricht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4d8f1613ad04b5b72a9256e1c8c12385\">Wa\u00fdreth Althopian nickte und strich dem Jungen durch das sandblonde Haar. \u201eDu bist getreu und verst\u00e4ndig, Osse Emberbey. Lass dir niemals einreden, das sei weniger wert als Heldenglanz.&#8221; Er zog sich sein Hemd \u00fcber den Kopf und f\u00fcgte hinzu: \u201eDein Vater sucht nach dir.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fef7ad221fe6667406650ad32b68d68c\">\u201eIch wei\u00df. Ich w\u00e4re Euch sehr dankbar, wenn Ihr mich hier nicht gesehen h\u00e4ttet.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"dff44332a5160edb068f94b4b32d1004\">Althopian staunte. Wie gewandt den Knabe bereits reden konnte! \u201eBleib gern solange hier, wie es n\u00f6tig ist. Gewiss sucht er nicht ausgerechnet hier nach dir.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a2c9920c3bc70b7e294c7a5c8fa87282\">\u201eDanke.&#8221; Osse Emberbey schaute sich um und lie\u00df sich am Tisch nieder, um dem Ritter nicht im Weg zu stehen, w\u00e4hrend der sich ankleidete. \u201eIst das Eure <em>h\u00fdardora<\/em>?&#8221;, fragte er dann sch\u00fcchtern, als sein Blick auf das Damenbild fiel, das noch auf dem Tisch lag.<\/p>\n<p data-p-id=\"26b24071d488319ba583b46bc5db8550\">Althopian nickte. Der Junge betrachtete sie nachdenklich.<\/p>\n<p data-p-id=\"237acdc704014557aa0147bcc18c1465\">\u201eSie ist sch\u00f6n gewesen. Ob mein Vater auch ein Bild von meiner Mama besitzt?&#8221;, \u00fcberlegte er.<\/p>\n<p data-p-id=\"a862930f5f439cde88b0722a70bdd188\">\u201eM\u00f6chtest du, dass ich ihn danach frage? Ganz unauff\u00e4llig, versteht sich?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"743a6f5fd6667a609c628763b9c3f770\">Der Junge blickte auf. Die rauchgrauen Augen hinter der Brille wirkten \u00fcberrascht.<\/p>\n<p data-p-id=\"aaa84ee8404c6aa197d64c96d7174360\">\u201eMir w\u00fcrde er es wohl nicht sagen&#8221;, gestand der Junge.<\/p>\n<p data-p-id=\"704d6fb0314f88287d2ad79a794041ec\">\u201eDas denke ich mir. Aber du brauchst kein totes Bild von ihr, Osse Emberbey. Du hast deine Schwestern.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7873ff417929fe126026a8e72e29c1a2\">Osse seufzte nachdenklich. Dann sagte er: \u201eIm Turmkeller findet Ihr wohl Eisenzeug, \u00c4xte und dergleichen, habe ich geh\u00f6rt. Viel Gl\u00fcck mit der T\u00fcr, <em>yarl<\/em> Althopian.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9f95864ffd81fdceff6da840fb604c52\">Wa\u00fdreth Althopian nickte ihm zu und verlie\u00df die Stube. Drau\u00dfen auf dem Hof begr\u00fc\u00dfte der erste Hahn den neuen Tag.<\/p>\n<p data-p-id=\"8a7ab20ec0ab3262ce329c7dcb399a4e\">***<\/p>\n<p data-p-id=\"0362a74f18446141dd2973ecd13da892\">\u201eHast du dir wehgetan?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"da47206fa699219009c413aa124a5993\">\u201eNein&#8221;, sagte D\u00fdamir\u00e9e und hielt sich das Handgelenk, das sie sich beim Aufprall auf dem Boden unsanft gesto\u00dfen hatte. \u201eGeht schon.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7f8a73122dabc71b17318030c4b202a9\">Advon hockte sich neben sie. Das M\u00e4dchen hob den Kopf und betrachtete ihn einen Moment.<\/p>\n<p data-p-id=\"6c0de3c1a36ca4dd1f74d9570369452f\">\u201eWarum guckst du mich so an?&#8221;, fragte sie beunruhigt. \u201eStimmt etwas nicht mit mir?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2a3e60602654edc3325cc9ef32fd31b9\">\u201eWer bist du?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"992eb07869475a8cc8a87d3681c05aa4\">Sie setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden. \u201eDu bist Advon, nicht wahr? Ich bin D\u00fdamir\u00e9e Lagoscyre.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5de43bb2e73b7f3e80d7b3c8f5123832\">\u201eWoher wei\u00dft du, wer ich bin?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8477d3fdc0ad270d965ff85a4a0ca853\">\u201eDein Vater hat mir von dir erz\u00e4hlt. Wo sind wir hier?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f3be454644a1220a1190caf5689aa874\">\u201eDas ist mein Lernzimmer. Woher kennst du meinen Vater?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b89e7bec92494ddcf8b81836f2a8dbcf\">\u201eNa, der hat mich doch aus dem Wald weggestohlen.&#8221; Sie schaute sich um. \u201eSo viele leere Regale! Hier ist es viel zu ordentlich.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"38d070190b632ab5386fe63ad4474929\">\u201eWeggestohlen? Du meinst, du wurdest entf\u00fchrt?&#8221;, fragte Advon entgeistert. \u201eSowas w\u00fcrde mein Vater doch nie machen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0c9058c48d6dbb3793da2646ff71246f\">Sie stand auf. Er tat es ihr nach. \u201eIch bin jedenfalls nicht freiwillig mitgekommen. Meine Mama macht sich Sorgen.&#8221; Sie begann, sich im Zimmer umzusehen, lie\u00df den Blick \u00fcber die Stellagen, Tisch und St\u00fchle wandern, als suche sie eine T\u00fcr oder einen Durchschlupf und ging schlie\u00dflich zum Fenster hin\u00fcber. \u201eAber mein Papa holt mich wieder zur\u00fcck.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3a6ce76792a7f3d93dd4eeed1b10fa40\">\u201eWarum sollte mein Vater kleine M\u00e4dchen rauben?&#8221;, fragte Advon verwirrt und emp\u00f6rt in einem.<\/p>\n<p data-p-id=\"95631710c02cf3b6377b3f55f29b469c\">\u201eDas habe ich auch immer noch nicht begriffen. Er denkt, es k\u00f6nnte was ganz Schlimmes passieren, wenn er es nicht tut.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d4156dbb60fde7c6dab02c43cc6d2d7e\">\u201eEtwas Schlimmes?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"23d70c6c61856d433cd94695c81ecbd4\">Sie stemmte sich hoch, mit dem Bauch auf dem Fensterbrett, und schaute hinaus. \u201eWie tief es da hinab geht!&#8221;, rief sie aus.<\/p>\n<p data-p-id=\"c6048215a833412d467fd6ed2f885ae0\">Er griff nach ihr, um sie wieder auf den Boden zu ziehen. \u201ePass auf! Du f\u00e4llst runter!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"639c3848fe9519907a30f8c55a9efb49\">\u201eIch falle nirgends runter. Ich kann ganz allein auf den h\u00f6chsten Baum klettern&#8221;, behauptete sie.<\/p>\n<p data-p-id=\"a8dc62b802fdd7a052c57873c9d83e99\">\u201eAber das hier ist kein Baum. Setz dich richtig hin.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"162a2b80d7a20b6ec0c28d3570d64adc\">Sie musterte ihn von Kopf bis Fu\u00df und tat ihm dann den Gefallen. \u201eWas machst du hier?&#8221;, fragte sie. \u201eWarum hat die alte Frau dich eingeschlossen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"83f12cb8f594be4a375e9d9209857411\">\u201eWeil sie gemein ist. Sie wollte nicht einmal erlauben, dass ich meinen Vater begr\u00fc\u00dfe.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"722a2aafe79e33fa16fc7e754ba9b2db\">\u201eUnd deine Mama sagt nichts dagegen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"723ac9c0dec9dd4c4d1bbc4d08b92250\">Advon lie\u00df sich auf dem anderen Stuhl nieder und stemmte das Kinn auf die H\u00e4nde. \u201eAch. Sie macht es immer wieder so, dass Mama es nicht mitbekommt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0a7c26ff24017e90983d86c7b6c912ef\">\u201eUnd wenn du es ihr erz\u00e4hlst?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4c3fb84b628363555fab58e3712a8f07\">Advon seufzte. \u201eDann hei\u00dft es immer, sie macht das alles nur wegen der Prophezeiung. Weil sie besorgt ist und nur mein Bestes will. Ich glaube das nicht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a26e17240091c92c0669f4ec4b68e414\">\u201eWas f\u00fcr eine Prophezeiung?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5ff28917420d9ab4b231894b769e02cb\">Er zuckte die Achseln. \u201eDas versuche ich seit Ewigkeiten herauszufinden. Manchmal denke ich, das ist alles Unfug.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"84c5e1e5786a7a8ebeb07c92e0ccc593\">Einen Moment schwiegen sie sich an. Was h\u00e4tten sie auch einander erz\u00e4hlen sollen? Advon h\u00e4tte tausend Fragen gehabt, aber es kam ihm nichts \u00fcber die Lippen. So \u00fcberrascht, verwirrt und &#8230; fasziniert war er von dem unerwarteten Besuch. Da war pl\u00f6tzlich ein zweites Kind. Ungef\u00e4hr in seinem Alter. Nie zuvor hatte er so etwas aus der N\u00e4he angeschaut.<\/p>\n<p data-p-id=\"a8619841b581f6e2a04bcbd81d30ab9f\">\u201eWas liest du da?&#8221; fragte sie, als die Stille unangenehm wurde, und zeigte auf das Buch.<\/p>\n<p data-p-id=\"8535abdaab152b3c14e6ce4d0c0469b0\">\u201eDas? Oh, das sind spannende Geschichten von fr\u00fcher, als die Regenbogenritter gegen die Chaosgeister gek\u00e4mpft haben. Das hat jemand aufgeschrieben, der all das miterlebt hat. Aber ich habe gerade erst damit angefangen, es zu lesen.&#8221; Er unterbrach sich und fragte gespannt: \u201eKannst du auch lesen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"35814f6439c07b985d8acb1c23c4a957\">\u201eNa klar. Hat mein Papa mir beigebracht!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"471749d47dcf758f82b4dcb76514aa2c\">\u201eWer ist denn dein Papa?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"72a447dceddb240d205d78a16c83858a\">\u201eMein Papa? Er ist der Gro\u00dfmeister der <em>camat&#8217;ay<\/em>. Und er holt mich wieder nach Hause in den Boscarg\u00e9n. Ganz bald.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"48d5ed3326059bd91588daaf4f5c3349\">Sie verstummte und wunderte sich wohl \u00fcber den entgeisterten Gesichtsausdruck des Jungen. Hatte sie etwas Falsches gesagt?<\/p>\n<p data-p-id=\"b451d2946d445b54f3df82f8c94f0c71\">\u201eBist du eine <em>Schattens\u00e4ngerin<\/em>?&#8221;, fragte er alarmiert.<\/p>\n<p data-p-id=\"87ad82bd0b58e21588587c11756ad027\">D\u00fdamir\u00e9e schien unsicher, ob ihm das Respekt einfl\u00f6\u00dfen oder Angst machen w\u00fcrde. \u201eUnd wenn?&#8221;, fragte sie vorsichtig.<\/p>\n<p data-p-id=\"ac5d890c9fbb3aeff75d98deccbf7d75\">\u201eDann w\u00e4re das sehr witzig. Mama hat Sileda\u00fa erst vorgestern all ihren Schattens\u00e4ngerkram wegr\u00e4umen lassen. Und jetzt kommst du dazu.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2e9aa7fd126264b5f7a52e5d95b500e2\">\u201eSchattens\u00e4ngerkram?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5148ba30131af202e3d0d853b0c453e9\">\u201eB\u00fccher und sowas. Sie sammelt solche Dinge.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"af28a099d48fd61a0bfdcabd322a4073\">\u201eWoher hat diese gemeine alte Frau B\u00fccher von <em>camat&#8217;ay<\/em> genommen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7ce19cd714ba6ed4a3243013f97e9fe8\">\u201eGekauft&#8221;, sagte Advon. Immerhin hatte niemand sich allzu sehr dar\u00fcber gewundert.<\/p>\n<p data-p-id=\"2fe7c79b077d181597fbf891b5480edf\">\u201e<em>Camat&#8217;ay<\/em> verkaufen keine B\u00fccher&#8221;, sagte das M\u00e4dchen. \u201eWas sollten denn Unkundige damit anfangen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8cfd638232c7a39a15fd8316adc3bc5c\">\u201eNa ja. Sileda\u00fa scheinen sie zu gefallen. Vielleicht so, wie anderen Leuten Edelsteine oder sch\u00f6ne Pferde gefallen.&#8221; Er grinste verlegen. \u201eAlso, wenn es nach mir geht, ich br\u00e4uchte keine magischen B\u00fccher. Da steht ohnehin nur wirres Zeug drinnen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"589a27c4e9bceaaf60109062e93f99ec\">\u201eBist du denn ein <em>arcaval&#8217;ay<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c126ca5bdf912e223e1e81a55df71009\">\u201eNein&#8221;, gestand er kleinlaut. \u201eIch werde nie einer sein. Ich &#8230; ich kann nicht zaubern.&#8221; Er seufzte und fuhr munter fort: \u201eDaf\u00fcr kann ich prima mit Einh\u00f6rnern umgehen. Vielleicht werde ich Stallwart f\u00fcr die <em>arcaval&#8217;ay<\/em>. Ich habe sogar ein eigenes Einhorn!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d8bd7b321403878f97d0447d791e05ca\">\u201eTats\u00e4chlich?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cdfda1bbb72eedbb4fc6a8f0445d07dd\">\u201eJa! Willst du es sehen? Er ist ganz toll! Und er fliegt fast so schnell wie Perlenglanz. Und heute Nachmittag &#8230;&#8221; Er bemerkte, dass er dabei war, seinen Plan auszuplaudern und unterbrach sich.<\/p>\n<p data-p-id=\"5ae8dcba0f92d6f833acecba5a9dd3b7\">\u201eJa?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b721b182a5428756671757921bbce048\">Er \u00fcberlegte einen Moment lang. \u201eNein. Das ist geheim.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"910e049280acea12a0a256d5b6747af3\">\u201eIn Ordnung.&#8221; Sie nahm sich den nutzlos gewordenen Schreibgriffel und begann, damit zu spielen. Advon beobachtete das eine Weile unschl\u00fcssig. War das Metallst\u00e4bchen etwa interessanter als er?<\/p>\n<p data-p-id=\"64f3ba8a3d14b368672f253d880561ec\">\u201eIch will n\u00e4mlich in die W\u00fcste reiten, und &#8230; du sagst doch niemandem was weiter?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"39cf512ffc7d6ef38c7345d0b64ad4e0\">\u201eNicht, wenn du mich mitnimmst.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c505683ad75b1b0d37184d39018001fa\">Nun war er verdutzt. \u201eWas? Aber &#8230; nein. Das ist viel zu gef\u00e4hrlich!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"77be31a6875374083edf8a5b3d913a5e\">\u201eF\u00fcr dich denn nicht?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"198c20ccfa365950a425b5d89fb34137\">\u201eIch reite nicht zum Spa\u00df aus. Ich muss etwas herausfinden. Etwas Wichtiges. Und &#8230; mehr sage ich dir nicht. Sileda\u00fa darf davon nichts erfahren. Also, nicht, dass ich dir nicht trauen w\u00fcrde. Aber vielleicht bek\u00e4me sie es irgendwie aus dir heraus. Sie bekommt fast immer alles heraus.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"63874bdad3efc232759a7159b918aa00\">\u201eDu musst es mir nicht erz\u00e4hlen&#8221;, sagte D\u00fdamir\u00e9e gelassen und schnippte den Griffel, sodass der sich zu drehen begann, als k\u00f6nne sie damit seinen Mitteilungsdrang anfachen. Aber diesmal konnte er sich z\u00fcgeln.<\/p>\n<p data-p-id=\"094a7d8ae7b1a1cb39d2a389adc73366\">Er zog das Buch wieder an sich heran, las aber nicht. Etwas anderes kam ihm in den Sinn. \u201eWenn dein Vater ein <em>camat&#8217;ay<\/em>-Gro\u00dfmeister ist&#8221;, fragte er besorgt, \u201ewird er doch wohl nicht den Ciel\u00e1stel angreifen wollen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a896120f67fb2dec1752a3f0fd15e745\">\u201eAber nein. Wenn dein Vater mich einfach gehen l\u00e4sst, nat\u00fcrlich. Ansonsten wird er mich nat\u00fcrlich befreien. Mein Papa ist sehr m\u00e4chtig, musst du wissen. Der m\u00e4chtigste Schattens\u00e4nger \u00fcberhaupt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b4d3c523f7196544bd526c1991a18ba2\">\u201eMeiner ist auch sehr m\u00e4chtig. Der braucht die Hilfe von den <em>arcaval&#8217;ay<\/em> gar nicht, um deinen zu besiegen!&#8221;, prahlte Advon Ir\u00edsolor. \u201eMein Vater besiegt jeden Magier und Kriegsmann.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"064e3fa4156448dc7b2817c295fa20dc\">\u201eDas hab ich gesehen&#8221;, murmelte das M\u00e4dchen leise und hob den Griffel auf. Einen Augenblick lang schien sie mit sich zu k\u00e4mpfen, ob sie etwas sagen sollte. Aber dann tat sie es doch nicht. \u201eIch kann auch nicht zaubern&#8221;, gestand sie stattdessen unvermittelt. \u201eNokt\u00e1ma hat mir keine Kr\u00e4fte gegeben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f76dd3bd759c96edbf4f5764bdfaa663\">\u201eOh.&#8221; Dieses Bekenntnis kam \u00fcberraschend. Er wusste nichts zu entgegnen und schaute sie unverwandt an. Sie hatte sch\u00f6ne Augen, fand er. So gr\u00fcn und frisch, wie eine zarte Pflanze. Einen Moment verlor er sich im Blick des M\u00e4dchens und bemerkte dann, dass D\u00fdamir\u00e9e ihn ebenso fasziniert anschaute. Als er dessen gewahr wurde, err\u00f6tete er und l\u00e4chelte verlegen.<\/p>\n<p data-p-id=\"eb6015d651b1ddea51929de6bdccffeb\">Sie l\u00e4chelte zur\u00fcck.<\/p>\n<p data-p-id=\"66f5bb4c16beb0dd21896047ccdb8d9d\">***<\/p>\n<p data-p-id=\"9d0759e84e2ce88edbfcabac9dc6b547\">Die r\u00e4tselhafte Botschaft des <em>b\u00e1chorkor<\/em> besch\u00e4ftigte Sah\u00e1al\u00edr und die <em>sinora<\/em>, bis der letzte Gast von der Feier nebenan sich auf den Weg nach Hause begeben hatte, entweder um zu schlafen (sofern er sich das erlauben konnte) oder um die Kleidung zu wechseln und m\u00fcde sein Tagwerk zu beginnen. Wenn man an Vormittagen durch die Stadt ging, lie\u00df sich immer leicht erkennen, wer ma\u00dfhalten konnte und wer nicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"3a956248d6229afb52c498ae7166d2d5\">Sie waren an dem R\u00e4tsel gescheitert, sogar so weit gegangen, einen der Nachbarn aus den Federn zu holen, der f\u00fcr seine exzellenten Kenntnisse der alten Literatur bekannt war. Auch der konnte mit den Zeilen nichts anfangen oder sie als Werk eines der gro\u00dfen Poeten identifizieren. Schw\u00fclstig und von geringer geistiger Qualit\u00e4t, hatte sein vernichtendes Urteil \u00fcber die knappe Textpassage gelautet. Eine Albernheit ohne inhaltliche Tiefe und Anspruch. Schund.<\/p>\n<p data-p-id=\"4c45685ab86425f8ee74d94a6630bbe0\">\u201eNun&#8221;, hatte die <em>sinora<\/em> dazu gemeint, als der hochgelehrte Nachbar wieder gegangen war, etwas bes\u00e4nftigt durch einen Krug teuren Wein aus dem Keller der Dame f\u00fcr seine M\u00fchen, \u201eich erinnere mich noch, damals, als der Sohn von den Kaufleuten weiter unten an der Stra\u00dfe sich an einem Roman versuchte und bei einer Gesellschaft daraus vorlas. Keinen guten Buchstaben hat er daran gelassen. Der J\u00fcngling war einige Monde v\u00f6llig gebrochen, der arme Kerl. Wie ich h\u00f6rte, betreibt er heute eine Kopistenstube unten in der Oststadt, anstatt eigene B\u00fccher zu schreiben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6d2b416a9e8818039b044d4833f370d6\">\u201eIch denke nicht, dass unserem <em>b\u00e1chorkor<\/em> angesichts der Umst\u00e4nde danach war, ein Meisterwerk zu schaffen&#8221;, gab Sah\u00e1al\u00edr zu bedenken. \u201eAber ich will nicht davon ablassen, dass er uns eine Botschaft mitteilen wollte.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"63c4de9bf432ba00e4b7c1e1ef120a0f\">\u201eEr macht es uns unn\u00f6tig schwer mit seinen Metaphern&#8221;, seufzte die <em>sinora<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"faaa776a636b2df607b67953f46e6cb5\">Sah\u00e1al\u00edr nahm einen Schluck von dem belebenden Aufguss aus ger\u00f6steten Beeren, den man ihnen gereicht hatte. Das Getr\u00e4nk war sehr teuer und so exklusiv, dass selbst manche aufgestiegenen Bewohner der Oberstand nie davon geh\u00f6rt hatten.<\/p>\n<p data-p-id=\"fb57ce6b1adff3828cf22dc91bc646e7\">\u201eVielleicht sind es keine Metaphern&#8221;, sagte er dann nachdenklich. \u201eVielleicht denken wir viel zu kompliziert dar\u00fcber. Vielleicht hat er etwas ganz greifbares im Sinn und umschreibt es, um es zu verbergen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"be3dc7ac5ae2b81a97d4f2dc5040d148\">Sie nahm die Wachstafel zur Hand. Der Kunstkenner hatte mit dem Griffel und spitzen Fingern darauf herum gekritzelt, um nachzuweisen, wo das Versma\u00df stolperte und sogar abf\u00e4llig einen kleinen Schreibfehler korrigiert. Dick unterstrichen sprang ihr das Wort ins Auge.<\/p>\n<p data-p-id=\"eec6b149542968b4fd1250b3216592b9\">\u201e<em>Kwell<\/em>&#8220;, sagte sie nach einer Weile. \u201eSeltsam. So viele, so komplizierte Worte, und nur ein einziger Schreibfehler. Und dazu ein so dummer!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"71c0e19b0631a6c18b5a56b0c46065d6\">Sah\u00e1al\u00edr neigte sich vor. \u201eSeltsam, in der Tat. Das ist wunderlich.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d7febb71139dc231957b06c40abe3e59\">\u201eOb er vielleicht <em>wollte<\/em>, dass dieses eine Wort auff\u00e4llt?&#8221; Sie trank ihrerseits einen Schluck. \u201eOb er es bewusst so l\u00e4cherlich missbuchstabiert hat, um es zu betonen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6cb2ecaa26c9a31819ac44ec057134ec\">\u201e<em>Kwell<\/em> deiner Macht&#8221;, murmelte Sah\u00e1al\u00edr. \u201eWas ist der Quell der Macht von Aur\u00f3p\u00e9a?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"41c6654c152bc65db54a359b272896ac\">\u201eDer <em>konsej<\/em>, w\u00fcrde ich meinen.&#8221; Sie l\u00e4chelte. \u201eDas passt zur Starre. Meine Gelenke werden von Tag zu Tag schlimmer. Sah\u00e1al\u00edr? Ist alles in Ordnung?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5240c1934240bb84bb801268efe045fa\">\u201eEr meint nicht den <em>konsej<\/em>. Er meint ganz w\u00f6rtlich eine Quelle an der St\u00e4tte der Macht. Er meint den alten Brunnen unter dem Palast.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"471d8839a5745266dbde84965bf0ef62\">\u201eDer Brunnen? Wie kommst du auf den Brunnen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"009c794dc767d8f9dca4711581f3ca7a\">\u201e\u00daldaise hat dort am Vormittag eine Menge Hausrat eingelagert. Angeblich wegen einer M\u00e4useplage in dem Haus, in dem er eingemietet lebt. Deshalb ist mir wohl der Brunnen im Sinn.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"db46de40be1fce9e39d3bfe783971a51\">\u201eGut. Angenommen, der <em>b\u00e1chorkor<\/em> gibt einen Hinweis auf den Brunnen. Was sollst du da?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"efe41d2abbaaf9e6a893b2a2845569d6\">\u201eVielleicht gibt es dort irgendetwas Interessantes zu sehen. Ich werde mir das gleich einmal anschauen. Liebe, hast du wohl zwei oder drei gewandte M\u00e4nner, die uns helfen, dorthin zu gehen, wo unsere F\u00fc\u00dfe und nicht mehr tragen wollen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f6265a28987517c75010020e42dcbf6c\">\u201eAuch vier oder f\u00fcnf&#8221;, sagte sie freundlich. \u201eDaran soll es uns nun nicht mangeln.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cb99abb11153496a0c8fc8e5b2aeb8cf\">\u201eWie war das mit deinen Gelenken?&#8221;, scherzte er charmant und bedachte sich. \u201eVielleicht meint er auch den <em>konsej<\/em> selbst. Wir sind ja wirklich nicht mehr allzu beweglich. Still und starr.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2c9e5064621e4532ad6d595b92d8618c\">\u201e<em>H\u00fctet Euch<\/em>&#8220;, sagte sie nach einem weiteren Schluck ihres Getr\u00e4nkes. \u201eEs klingt bedrohlich. Omin\u00f6s. Mir schaudert davor.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ccb367fb143f2ade659d382a1b25669f\">\u201eLiebe, w\u00fcrdest du sagen, du seiest rechtschaffen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7b97055aef74f4705253cd9bf311790c\">\u201eDas kann niemand anders beurteilen als jene, die mir begegnet sind&#8221;, antwortete sie bescheiden. \u201eAber ich habe immer und in allem versucht, den M\u00e4chten zu gefallen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"419b9bbc60c49078b5f286ddc86b6bf9\">\u201eDas denke ich auch von mir selbst. Und deshalb warnt er uns. Er will wohl nicht, dass uns dasselbe Schicksal bl\u00fcht wie ihm.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bfbc427177df40914b4c279eddd110e8\">\u201eAber er ist ein Dieb und Brandstifter. War es nicht so?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"03f08737e3df43175bf5ffdb45430a6d\">\u201eVielleicht werden wir dar\u00fcber mehr erfahren, sobald wir uns den Quell der Macht angeschaut haben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0c5a71622661d38ff693f0b49da236ba\">***<\/p>\n<p data-p-id=\"c6560640e44b6469a87d43fc24188a91\">Althopian befolgte Osses Rat und begab sich zun\u00e4chst in die Gew\u00f6lbe unterhalb des Turmes. Dass es dort einen zum Ger\u00fcmpellager umfunktionierten Bereich gab, der in schlechteren Zeiten tats\u00e4chlich zur Unterbringung von Gefangenen und m\u00f6glichweise auch Grausigerem gedient hatte, war ihm wohlbekannt. Er schaute sich um, wunderte sich \u00fcber einen ganz und gar unnat\u00fcrlich demolierten Kriegshammer, entschied sich selbst f\u00fcr eine zweih\u00e4ndige Kampfaxt, die ihm gegen Holz noch tauglich erschien und machte sich an den weiten Aufstieg.<\/p>\n<p data-p-id=\"a2e4a4445a8f621c9b0285c986eb462e\">Zwischenzeitlich drang Tageslicht durch die Scharten, die von au\u00dfen in den Turmmauern kaum zu erkennen waren und zumindest ab dem zweiten Drittel der Turmh\u00f6he keinerlei Sinn mehr hatten, denn auf der schmalen Holztreppe konnte kein Bogensch\u00fctze stehen und zielen. M\u00f6glicherweise, dachte Althopian sich, hatte es hier irgendwann einmal Zwischengeschosse aus Holz gegeben, die bei einem Angriff auf Wijdlant ein Raub der Flammen geworden waren. Nun spendeten die Mauer\u00f6ffnungen etwas Helligkeit und das schuf eine seltsame Stimmung. Im Turm war es, abgesehen von den Schritten des Ritters, ganz still.<\/p>\n<p data-p-id=\"ded8d327761461fa0817e481f18a370a\">So erreichte er ungest\u00f6rt das Turmzimmer, wo einst der Rotgewandete gesessen und seine unheimlichen Taten geplant hatte. Die T\u00fcr war geschlossen. Ein d\u00fcnner Film aus Sand lag auf dem Treppenabsatz und knirschte unter Althopians Stiefel. Der Ritter wunderte sich dar\u00fcber. Tags zuvor war hier kein Sand gewesen. Doch er schenkte der Sache keine n\u00e4here Beachtung. Zaghaft klopfte er an die T\u00fcr.<\/p>\n<p data-p-id=\"f4843162c754797b57fccce88e7fb5cc\">\u201eMerrit?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6b9932d22c03bb199e30e662ecc1676a\">Einen Moment war es still dahinter. Dann war da die Stimme des Sohnes, kl\u00e4glich, fragend.<\/p>\n<p data-p-id=\"fe8945c6387b8007a8d0c5d9d5c705ff\">\u201eVater?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"97e92143955ecac938f906d11a199cc5\">Wa\u00fdreth Althopian dr\u00fcckte die Klinke, stemmte sich gegen das T\u00fcrblatt und zog daran, als sich nichts tat. Geschlossen. So, wie Osse Emberbey es gesagt und Andri\u00e9r Altabete berichtet hatte. Bei den M\u00e4chten \u2013 wie war der Junge nur dort hineingeraten?<\/p>\n<p data-p-id=\"2b964074d7e79db8ba7ec278aa59ee06\">\u201eMerrit! Merrit! Kind! Geht es dir gut da drin?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e5b70eae1f9881b6e59c94805081415e\">\u201eVater!&#8221; Nun war er offenbar aufgesprungen. Seine F\u00e4uste trommelten von innen gegen die T\u00fcr. \u201eVater! Bitte! Hol mich hier heraus!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"491b78379049755d218a050ad168b550\">Wa\u00fdreth Althopian versuchte, sich mit der Schulter gegen die T\u00fcr zu werfen. Erfolglos, aber damit hatte er gerechnet.<\/p>\n<p data-p-id=\"90f3d2b3a436af88985cfcd4334dba9b\">\u201eGeduld, mein Sohn!&#8221;, rief er zur\u00fcck. \u201eUnd geh von der T\u00fcr weg.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ef4e5306baa25a53fec219af5ae13dd5\">\u201eVater! Bitte &#8230; ich hab Angst!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"359bdc38a24dec9d90591daa1090d80c\">\u201eDu musst keine Angst haben! Ich hol dich da raus!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"14c1d870b0a3c93582d8576dbc0c7290\">\u201eBeeil dich! Ich &#8230; <em>Papa<\/em>!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9941edd4559d54b138419f2641d7c40e\">\u201eGeh zur\u00fcck! Ich schlage den Riegel heraus.&#8221; Wa\u00fdreth Althopian holte so weit aus, wie es eben m\u00f6glich war. Das Axtblatt sank tief ins Holz ein, verlor allen Rost, der ihm anhaftete. Als der Ritter die Axt zur\u00fcckzog, war das Holz unbesch\u00e4digt und die Schneide blank.<\/p>\n<p data-p-id=\"6d18b82457a675bb2434a9f3a58c665a\">Er versuchte es noch einmal, zweimal, dreimal. Die alte Axt durchdrang die T\u00fcr, ohne sie zu besch\u00e4digen. Es war, als schl\u00fcge er auf Wasser ein. Als er direkt auf die metallene Klinke zielte, war der Aufprall so hart, dass es ihm die Muskeln zerrte.<\/p>\n<p data-p-id=\"e9a3de57df001936bdb61892fe71bdda\">Wa\u00fdreth Althopian lie\u00df die Axt sinken und starrte die T\u00fcr betroffen an. Es stimmte also. Mit roher Gewalt war hier nichts zu gewinnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"bbc5876e1a8aee60d0038726ade563ad\">\u201eWarum hast du aufgeh\u00f6rt, Papa?&#8221;, klang es bang aus dem Zimmer.<\/p>\n<p data-p-id=\"1f2fea2755cd29169f47cf79ce3e38c9\">\u201eDie Axt taugt nichts&#8221;, log Althopian. \u201eIch brauche etwas anderes!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a4cf3c3539a5bf8085289bc1a52f67b2\">Nun schluchzte es, ein Laut, der ihm ins Herz drang wie ein Gluteisen. Merrit <em>weinte<\/em>. So selten hatte der Junge geweint, schon als kleines Kind nicht, selbst wenn er sich beim wilden Spiel b\u00f6se gesto\u00dfen und geschnitten hatte. Erst seit die <em>h\u00fdardora<\/em> hinter den Tr\u00e4umen war, hatte er wieder damit begonnen, und immer in Momenten, in denen der Junge zusammenbrach vor Schmerz und Trauer. Nun also noch Angst? Merrit Althopian, sein Sohn \u2013 und <em>Angst<\/em>?<\/p>\n<p data-p-id=\"0ee7db8faa11d17b27c6095316d7037b\">\u201eBeruhige dich, Merrit&#8221;, flehte der Ritter. \u201eIch bin bei dir. Du bist nicht allein!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"86965f7bf7c47b951d2cda1cc175b7f9\">\u201eEs ist dunkel hier drin&#8221;, h\u00f6rte er den Knaben. \u201eDie Fenster sind zu. Ich kann nichts sehen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fe79cfecc954cf7dd49747ac0c61b282\">Althopian wollte noch einmal zuschlagen und entschied sich im letzten Moment dagegen. Es w\u00fcrde dem Jungen nur noch mehr Hilflosigkeit zeigen.<\/p>\n<p data-p-id=\"8bcb5a5f4d544d8d36db16a8ef566ae0\">\u201eDir kann nichts geschehen, Merrit! Das ist nur ein dunkles leeres Zimmer. Niemand kann dir etwas zuleide tun.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"865442a171340b028fec04f969eddfd4\">\u201eWirklich nicht?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"837b45cdbf33264d67532307f7cff7f3\">\u201eWenn dir jemand etwas antun will&#8221;, beteuerte Althopian hilflos, \u201ebekommt er meine Axt zu sp\u00fcren.&#8221; Dieselbe Axt, die eine l\u00e4cherliche, uralte Holzt\u00fcr nicht klein bekam.<\/p>\n<p data-p-id=\"75cdab0a29361917d6172fc959ff35f1\">Merrit verstummte. Stattdessen h\u00f6rte Althopian ein neues Ger\u00e4usch, sehr fein und leise und nur kurz. Ein seltsamer Klang. Ein Prasseln.<\/p>\n<p data-p-id=\"cf2a9713fd867f5ce8599ec6486011f2\">So, als werfe jemand mit Sand.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/morgenkind-oder-die-grenzen-des-dunklen-band-2\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2548","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-02_morgenkind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2548","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2548"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2548\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3827,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2548\/revisions\/3827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}