{"id":2499,"date":"2025-08-25T12:25:12","date_gmt":"2025-08-25T10:25:12","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2499"},"modified":"2025-09-01T09:20:03","modified_gmt":"2025-09-01T07:20:03","slug":"050-vogel-feuer-flucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/050-vogel-feuer-flucht\/","title":{"rendered":"050: Vogel, Feuer, Flucht"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"MK_Thiumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1987\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"1ab906be02f91a76211e4ed52af7fb1f\">Der Prachtvogel flatterte mit gro\u00dfem Gekreisch hoch. Gal\u00e9on war unbegreiflich, wieso er das Tier zuvor nicht bemerkt hatte. Er war zu besch\u00e4ftigt damit, die kr\u00e4ftigen Fl\u00fcgel und den bezahnten Schnabel abzuwehren, lang wie ein Finger und scharf wie ein Dolch. Das Gef\u00e4hrlichste waren jedoch die Sporen an den Unterschenkeln des Vogels. Sie waren erheblich spitzer und h\u00e4rter als bei einem Huhn und angesichts der beeindruckenden Gr\u00f6\u00dfe des Vogels durchaus geeignet, einem Menschen tiefe Fleischwunden beizubringen. Das wehrhafte Tier versuchte, Gal\u00e9on ins Gesicht zu springen, aber der <em>b\u00e1chorkor <\/em>riss instinktiv seinen Stab hoch, um sich zu sch\u00fctzen. Die kr\u00e4ftigen Krallen gruben sich in das Holz. Der Prachtvogel reckte seinen Hals, spreizte seinen dekorativen Schwanz und zischte wie eine wahnsinnige Gans.<\/p>\n<p data-p-id=\"8ef833cfcb007e6f95674f8fa2724886\">Gal\u00e9on stolperte zur\u00fcck und versuchte hastig, den Vogel von seinem Stab abzuwehren. Aber das Tier, sicher einst aus einem der vornehmen G\u00e4rten entwichen, lie\u00df sich nicht so einfach verscheuchen. Angesichts dessen, dass es vermutlich in der Dunkelheit nicht besonders gut sehen konnte, trat und pickte es wahllos um sich und veranstaltete dabei so ein Get\u00f6se, dass Gal\u00e9ons vorangegangene Vorsicht und Stille dadurch zunichte wurden.<\/p>\n<p data-p-id=\"e2af0985cf353db2e724cf5686fac164\">\u201eHe!&#8221;, rief der eine Knecht, der vom Honig so nerv\u00f6s gewordene. \u201eWas ist da?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3525b010342832cb43bce3eafe5b95de\">Gal\u00e9on versetzte dem Vogel einen verzweifelte Schlag, erreichte damit aber nur, dass das Tier sich erst recht auf ihn st\u00fcrzte. Mit den F\u00e4ngen bekam der immer noch aufgebracht trompetende Vogel erneut den Stab zu fassen und warf den <em>b\u00e1chorkor<\/em> zu Boden. Wie ein Greif hockte er ihm auf der Brust und spreizte die Fl\u00fcgel. Der Schnabel fuhr links und rechts neben Gal\u00e9ons Gesicht nieder, kaum dass der sich rechtzeitig abwenden konnte. Der junge Mann hatte stets ger\u00e4tselt, was die Reichen dazu veranlasste, sich die majest\u00e4tischen Monster in ihre G\u00e4rten zu holen.<\/p>\n<p data-p-id=\"24200ca18d706a0b921164b3cfaa93e9\">Nun, sie waren vermutlich effektiver als scharfe Hunde, und preiswerter im Unterhalt.<\/p>\n<p data-p-id=\"f8fe01b181147468ede0d9451a3cd333\">Hastige Schritte kamen auf ihn zu. Der nerv\u00f6se Knecht hatte eine Fackel am Feuer entz\u00fcndet, brachte so ein wenig Licht mit und erkannte, die Sinne wahrscheinlich gesch\u00e4rft durch seine Unruhe, was geschehen war.<\/p>\n<p data-p-id=\"8345d35a78c04d8cfc6fe1d3b912a720\">\u201eDu!&#8221;, rief er verbl\u00fcfft aus.<\/p>\n<p data-p-id=\"ddc01682ec0f0c49b47abbf8203c4ea7\">Gal\u00e9on wusste sich anders nicht zu helfen. Geistesgegenw\u00e4rtig warf er den Prachtvogel samt dem Stab dem herbeieilenden Mann entgegen.<\/p>\n<p data-p-id=\"e97616ce67e54b99702475b70aa1bf74\">Der Knecht wich erschrocken zur\u00fcck und lie\u00df seine Fackel fallen, um den Vogel abzuwehren. Dem schien es einerlei, wen er attackierte. Sein markersch\u00fctterndes Tr\u00f6ten vermengte sich mit den Hilfeschreien des Angegriffenen. Gal\u00e9on rappelte sich hastig auf, um weiter zu fliehen.<\/p>\n<p data-p-id=\"853f7325db89d6f390e8a94d9416c41f\">Aus dem hohen Gras tauchte der von Koliken geplagte Knecht auf. Sein gepeinigter Gesichtsausdruck wich d\u00fcmmlicher Verbl\u00fcffung. Offenbar \u00fcberlegte er kurz, ob er seinem bedr\u00e4ngten Kumpan beistehen sollte, aber er besann sich.<\/p>\n<p data-p-id=\"56a8b8bda35f0eb1e0d4777a1539adc6\">\u201eIch krieg dich!&#8221;, br\u00fcllte er stattdessen \u00fcber den Kampfschrei des Vogels und das irritierend schrille M\u00e4nnerkreischen hinweg und schnellte aus seinem Versteck hervor.<\/p>\n<p data-p-id=\"f4a37207e8335d6082fd480958f4981b\">Dass er aus naheliegenden Gr\u00fcnden seine Hosen heruntergelassen hatte, bremste ihn aus. Kaum zwei Schritte voran, verlor er den Halt und schlug der L\u00e4nge nach hin.<\/p>\n<p data-p-id=\"c5c471cced976c38e2bb0ceef960d08a\">Gal\u00e9on rannte. Nun war wirklich alles egal. Bei diesem Spektakel machte es keinen Unterschied, ob man seine Schritte h\u00f6rte. Schnell wie ein Windninchen stolperte der junge Mann den H\u00fcgel hinab, lie\u00df den Tumult aus M\u00e4nner- und Vogelstimmen hinter sich und flehte zu den M\u00e4chten um <em>irgendeine<\/em> Form der Rettung.<\/p>\n<p data-p-id=\"ef9b138d0ebfca517a25920ad02bb2a7\">Aber die Dunkelheit, das Gef\u00e4lle, Steine und Wurzeln, die er nun nicht mehr im Voraus ertasten konnte \u2013 all das schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Er taumelte, verlor mehrfach den Halt und konnte sich gerade noch an halbtoten Onstb\u00e4umen abfangen, bevor er st\u00fcrzte. L\u00e4ngst hatte er die Richtung verloren, an der am Fu\u00df des H\u00fcgels die Stra\u00dfe verlief. Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> keuchte vor Anstrengung und staunte zugleich in einem seltsamen Zustand, in dem er sich von au\u00dfen zu beobachten schien, welche Kraftreserven die Angst und Beharrlichkeit in ihm aktivierten. Er sah sich selbst durch die finsteren Reste des einstmals \u00fcppigen Obsthaines hetzen und h\u00f6rte mit verst\u00f6render Klarheit die Stimmen seiner Verfolger, einschlie\u00dflich des tobenden Vogels, der nun wohl dazu angespornt war, die menschlichen St\u00f6renfriede aus seinem Reich zu vertreiben.<\/p>\n<p data-p-id=\"d97da622e6ae0bbab5c86f5d8747fce5\">Auch Licht verfolgte ihn nun zwischen den d\u00fcrren B\u00e4umen hindurch. Sie hatten ihre Fackel bei sich. Und er war nicht so schnell, wie er es sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte.<\/p>\n<p data-p-id=\"5186a60bd7957ca55fb17a8390391706\">Was sollte geschehen, wenn es ihm gelang, die Stra\u00dfe zu erreichen? Was hatte er davon? Mehr als weglaufen konnte er nicht, und sofern er nicht sofort auf ein ganz au\u00dfergew\u00f6hnlich gutes Versteck stie\u00df, w\u00fcrden sie ihn hetzen, bis ihm auch die letzte Kraft ausging. Selbst sein urspr\u00fcnglicher Plan, sich am Fu\u00df des H\u00fcgels am Stra\u00dfenrand weiter in die B\u00fcsche zu schlagen, war nun obsolet, denn sein Vorsprung war dahin geschmolzen. Sie konnten sehen, wohin er abbog.<\/p>\n<p data-p-id=\"a557aaa7db1e85618ebda91f84542b46\">\u201eHe! Bleib stehen!&#8221;, rief einer der beiden.<\/p>\n<p data-p-id=\"0eca140ad2939c755f612bc3087daf66\">\u201eDu entkommst uns nicht!&#8221;, versicherte der andere jammernd.<\/p>\n<p data-p-id=\"e2e1ce5ae89440c96861a17272138234\">Ein gr\u00f6\u00dferes Geb\u00fcsch, oder vielmehr eine \u00fcber viele Sommer verwahrloste und halbwelke Hecke tauchte im Dunklen vor Gal\u00e9ons Lauf auf. Er schl\u00fcpfte hinein und bereute es im selben Augenblick, denn es war ein Dornbeerstrauch, dessen drahtige \u00c4stchen ihm ins Gesicht peitschten und hei\u00df blutende Spuren hinein rissen. Er verbiss sich einen Schmerzenslaut und duckte sich unter die Bl\u00e4tter. Die verholzten Zweige verfingen sich in seinen Locken und zerrten daran.<\/p>\n<p data-p-id=\"13e064caf5d0665a08ffbeeeafb97f6a\">Die beiden rannten am Geb\u00fcsch vorbei, aber sie waren doch nicht so tumb, wie Gal\u00e9on schwach gehofft hatte. Nat\u00fcrlich bemerkten sie, dass das Ziel ihrer Jagd nicht mehr un\u00fcberh\u00f6rbar vor ihnen dahin stolperte.<\/p>\n<p data-p-id=\"e83df0a92e2f7608900dc76491d269ca\">\u201eHe! Wo biste hin?&#8221; Der eine, dessen Darmbeschwerden offenbar im Augenblick kuriert waren, stapfte heran, war aber weit neben dem Busch.<\/p>\n<p data-p-id=\"b775d627e14a15f64f5a7e322287418b\">\u201eKomm raus!&#8221; Der Nerv\u00f6se und seine Fackel mussten auf der anderen Seite sein. \u201eWir wollen doch ganz in Ruhe miteinander reden!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"31649b31a1cd28b2c470092864722ba3\">Das stand zu bezweifeln. Gal\u00e9ons Herz klopfte ihm bis zum Hals. Vielleicht konnten sie es h\u00f6ren.<\/p>\n<p data-p-id=\"f2ff5bed25b1bba48a90dfb3fff4b418\">\u201eBestimmt ist er da drin!&#8221; Schritte, viel zu nahe.<\/p>\n<p data-p-id=\"059c37103e6f1a30e3910dd1b8ee8bab\">\u201eDas is&#8217;n Stachelbusch. Da geht nur&#8217;n Verr\u00fcckter rein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"88317e4ee819470fccd0f426bd0fdf4a\">\u201ePasst doch!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"996b8f358efec45e07d2ff068fb70d1c\">Gal\u00e9on hielt den Atem an und versuchte lautlos, sein Haar zu befreien. Die beiden trennten sich, um den Busch zu umrunden. So flach wie m\u00f6glich presste der junge Mann seinen Bauch auf die Erde und horchte. Jeder falsche Atemzug w\u00fcrde das trockene Laub verd\u00e4chtig rascheln lassen.<\/p>\n<p data-p-id=\"7fa27239e46a64911438285b50f61d52\">Konnte es gelingen? W\u00fcrden sie weitergehen, um anderswo nach ihm zu suchen? Wenn sie es sich nur anders \u00fcberlegten &#8230; die Stra\u00dfe musste so nahe sein, wenn dieses Geb\u00fcsch Teil der Einfriedung war. Und was sollte es sonst darstellen? Dornbeeren enthielten bitteres \u00d6l und waren ungenie\u00dfbar, niemand k\u00e4me auf den Gedanken, sie mitten in einem Garten anzupflanzen. Ihre Stacheln jedoch waren wirksamer als jeder Zaun, weshalb diese Hecken fast immer auf eine Grundst\u00fccksgrenze hinwiesen.<\/p>\n<p data-p-id=\"1dc13248525a2a2bad3c87520dcc8d4a\">\u201eWenn der Alte rausbekommt, dass der Kerl abgehauen ist &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0ea9ccec9009303dd8bf6af91e5c2071\">\u201eMuss er das erfahren?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8bfdac4e409b69e70f7a69e34bd358d8\">\u201eDenkste, das merkt er nicht?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"22972be42559d427a121b95e9cae0aab\">\u201eWenn wir einfach sagen, hier war nichts?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f4a5bc027568756c4e556fb1557241e2\">Der andere schien einen Moment dar\u00fcber nachzudenken. Gal\u00e9on sch\u00f6pfte Hoffnung. Ob ihre Feigheit ihn retten w\u00fcrde?<\/p>\n<p data-p-id=\"825df4ec0ba0699b649334d2c8069651\">\u201eNe&#8221;, sagte der Erste. \u201eDas bekommt er spitz. Und dann geht&#8217;s uns schlecht.&#8221; Er \u00e4chzte. \u201eOh, mein Bauch &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9e3839aed19738ea8137494e474aa30b\">\u201eWas der Alte nur an dem Kerl findet! Ist doch nur ein dummer <em>b\u00e1chorkor<\/em>!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c1acc110b2c2cf23af014e7b7e9244bd\">\u201eVielleicht &#8216;n St\u00fcck f\u00fcr seine Sammlung&#8221;, versuchte der andere offenbar einen Scherz.<\/p>\n<p data-p-id=\"7f4f618d84fbe1d5f194912c7adc0228\">\u201eDas waren nur B\u00fccher und Kram. Hab in die Kisten geschaut.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0f4a980fb8b5750a4de5e09228a21b60\">\u201eLohnt sich?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e5aa94c71c831b0acfeb9f54aab246c3\">\u201eKeine Ahnung. Von B\u00fcchern versteh ich nichts. Waren aber &#8216;n paar Silbersachen dabei.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5bce2eb82bbf9a0dd9dc84751216f7dc\">Gal\u00e9on runzelte die Stirn und entzog die letzte festsitzende Haarstr\u00e4hne dem Griff des Busches. Wovon redeten die zwei denn nun wieder?<\/p>\n<p data-p-id=\"40f8927086d4cb06863d22dfe6dc6989\">\u201eSilbersachen! In Aur\u00f3p\u00e9a! Will doch keiner haben! Wertloses Zeug.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9fbb1d7dc437765343da471fe417e84e\">\u201eVielleicht, in Aur\u00f3p\u00e9a. Aber in Iva\u00e1l oder For\u00e9tern. Oder in Ferocriv\u00e9.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"297d58de75797951a699b5a5158e1399\">\u201eErstmal hinkommen. Los, wir suchen weiter!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"de4c2eda0a517a69573f86cba0f8fbf0\">Planten die beiden etwa, sich von \u00daldaise abzusetzen und den Alten vorher um einige Sch\u00e4tze zu erleichtern? Und warum gingen sie nicht endlich nachschauen, ob er nicht wom\u00f6glich in einem anderen Busch hockte?<\/p>\n<p data-p-id=\"029a2cee2f475208eab950b8ec693646\">Da fuhr Feuer direkt neben Gal\u00e9on Schulter in den Busch. Flammen flossen von der Fackel auf die dr\u00f6gen, aber leicht brennbaren Zweige \u00fcber, als habe man Wasser dar\u00fcber gegossen. Einen Lidschlag sp\u00e4ter loderte es prasselnd und hei\u00df auf. Das Feuer ber\u00fchrte ihn nur kurz, aber es reichte aus, um seinen Oberarm unter dem verschlissenen \u00c4rmel zu versengen.<\/p>\n<p data-p-id=\"dbcbd01124dd5f8dfa97fda4432d6516\">Schmerz! Gal\u00e9on keuchte, ignorierte die Stacheln und k\u00e4mpfte sich quer durch den Busch ins Freie. In Feuer konnte er sich nicht verborgen halten.<\/p>\n<p data-p-id=\"ec2d21fb9b6379f81d7a338348465a20\">\u201eAlso doch!&#8221;, rief der Nerv\u00f6se.<\/p>\n<p data-p-id=\"dcd10c287eee670e7dc2dc26dd6d901c\">\u201ePacken wir ihn!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2368d2cd73a2a6574c788e4a0e997817\">Und die Jagd ging weiter. Der <em>b\u00e1chorkor, <\/em>von Dornen und Vogelkrallen zerschunden und nun auch noch von Flammen versehrt, taumelte vom Feuer weg, w\u00e4hrend sich der Prachtvogel, der immer noch in der N\u00e4he gewesen war, schreiend in den Nachthimmel erhob. Haken schlagend versuchte der <em>b\u00e1chorkor<\/em>, zwischen den trockenen B\u00e4umen zu entwischen, schaffte es tats\u00e4chlich mehr als einmal, den fast schon zupackenden H\u00e4nden zu entschl\u00fcpfen und die beiden dazu zu bringen, sich gegenseitig zu behindern. Aber der Vorsprung war nun auf wenige Arml\u00e4ngen geschmolzen. Auch die gepflasterte Stra\u00dfe im Mondlicht, die Gal\u00e9on vorhin noch als Rettung erachtet hatte, brachte nun kaum noch einen Vorteil. Er wagte es dennoch, was h\u00e4tte er anderes tun sollen? Er wandte sich nach Westen und rannte, was seine Beine noch hergaben, entledigte sich aller st\u00f6render Gedanken und begann, zu rennen &#8230; rennen &#8230; und die beiden Verfolger hinter sich zur\u00fcckfallen zu lassen.<\/p>\n<p data-p-id=\"7a63c53a1d597cb06dcc14eea06b1933\">Das gelang, bis er Hufschlag im Galopp hinter sich h\u00f6rte. Er widerstand dem Reflex, sich umzuschauen und damit wertvolle Momente zu verlieren. Aber im selben Augenblick, in dem er den Reiter bemerkte, war es ihm klar, dass seine Flucht zu Ende war.<\/p>\n<p data-p-id=\"7a9bb423592b4dd014e2565c2fea46b7\">Der Reiter \u00fcberholte ihn und riss dann sein Pferd abrupt zur Seite und in den Weg des Fl\u00fcchtenden. Gal\u00e9on konnte nicht mehr ausweichen, sp\u00fcrte einen harten Tritt gegen seinen Kopf, Haut platzte auf und sein Blick verschwamm. Einen Lidschlag sp\u00e4ter fand der <em>b\u00e1chorkor<\/em> sich r\u00fccksichtslos niedergeritten am Boden. Zwei Atemz\u00fcge sp\u00e4ter war er unter den massigen Leibern der beiden Knechte begraben. Sie warfen sich auf ihn wie S\u00e4cke voller nassem Sand.<\/p>\n<p data-p-id=\"13d2ce216358317884ebc2bf8b8ba7ec\">\u201eWir haben ihn, Herr!&#8221;, rief der Nerv\u00f6se triumphierend aus.<\/p>\n<p data-p-id=\"0915f8686802404d41c751d3ae43a55b\">Der andere dr\u00fcckte den schwach zappelnden <em>b\u00e1chorkor<\/em> nieder. \u201eGenau, wie Ihr es befohlen habt!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"162a045cc211c2097758156945fcc1f2\">\u00daldaise schaute mit unbewegter Miene auf die drei M\u00e4nner nieder. Er hatte eine kleine Laterne mit einem schwimmenden \u00d6llicht am Sattel, wie sie n\u00e4chtliche Reiter oft trugen. Der Anblick seiner Knechte schien ihm Fassung abzuverlangen.<\/p>\n<p data-p-id=\"83be42a2feda27fdf7f702c8f588c0ff\">\u201eDas sehe ich&#8221;, sagte der <em>sinor<\/em> dann k\u00fchl. \u201eWas, beim Chaos, ist hier los?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e0c181ff453fe060c6f2ecd31f6cec1f\">\u201eWir haben den hier gejagt und zur Strecke gebracht!&#8221;, berichtete der Nerv\u00f6se aufgekratzt. Offenbar \u00fcberkam ihn gerade ein v\u00f6llig unpassender Taumel des Triumphs.<\/p>\n<p data-p-id=\"103f8f8d167c5916ff36f9fc85285c9a\">\u201eUnd du? Warum tr\u00e4gst du keine Hosen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9d23a4187645c2916949a07c413b2cd5\">Der Darmkranke schaute an sich herunter und wurde rot wie eine Zerisie. \u201eMuss ich verloren haben&#8221;, nuschelte er besch\u00e4mt.<\/p>\n<p data-p-id=\"b4267b4f5f44abe7d30a76644ff8a062\">\u00daldaise sa\u00df beh\u00e4nde von seinem Pferd ab. \u201eUnd worauf wartet ihr? Soll er gleich wieder entwischen? Ich hoffe, ihr habt das Zeug zur Hand?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8c2cc0c51f14c8600387f36548061462\">\u201eNat\u00fcrlich, Herr. Schaut, ich hab es bei mir. Wie Ihr gesagt habt.&#8221; Der Nerv\u00f6se l\u00fcftete sein Hemd. Er hatte sich mehrere goldverzierte Lederz\u00fcgel wie G\u00fcrtel um die Taille geschlungen.<\/p>\n<p data-p-id=\"28b2460507ab587c0eb9556aeff9fddc\">Der andere zog Gal\u00e9on auf die F\u00fc\u00dfe. \u00daldaise kam n\u00e4her. Seine bleigl\u00e4nzenden Augen waren trotz der Dunkelheit \u00fcberraschend gut zu erkennen. Das Laternenfl\u00e4mmchen spiegelte sich darin.<\/p>\n<p data-p-id=\"86eb0c7784fc85f9c53925a9ba9c7ca3\">\u201eWer hat dich befreit?&#8221;, fragte der <em>sinor<\/em>. \u201eDu h\u00e4ttest tot sein sollen. Und nun stehst du lebendig und unversch\u00e4mt hier, an einem Ort, den du nie h\u00e4ttest erreichen sollen. Ich h\u00e4tte gern eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3a23cd11833634dbdf0d20084e3c9e5e\">Gal\u00e9on setzte dazu an, sich zu verteidigen. Es war das erste Mal seit seinem Sturz in den Brunnen, dass er versuchte, laut zu sprechen. Doch \u00fcber seine Lippen kam nur ein unverst\u00e4ndliches Lallen.<\/p>\n<p data-p-id=\"ab4f1cbeb88608af26dd7ea87a10c767\">\u201eIsser besoffen?&#8221;, fragte der Knecht verdutzt, in dessen Griff er hing.<\/p>\n<p data-p-id=\"1920160ee21e3be787169d93cb1fa83b\">\u00daldaise nahm er seine Laterne vom Sattel, tat einen Schritt auf Gal\u00e9on zu und zwang mit seinen knochigen Fingern dessen Kiefer auseinander.<\/p>\n<p data-p-id=\"fddb0d105a3ffa08f4206103a888e3e1\">\u201eAusgezeichnet&#8221;, sagte er und leuchtete pr\u00fcfend in Gal\u00e9ons Mund. \u201eWusstest du, dass deine Zunge hin\u00fcber ist, <em>b\u00e1chorkor<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"43023915343a4284ceb701d341e55877\">Gal\u00e9on nickte. Der verfluchte, stachelbewehrte Knebel, der nun am Grund des Brunnens lag. Das Blut, die Taubheit und die unangenehme Schwellung hatte er die ganze Zeit bemerkt, sich aber keine Gedanken dar\u00fcber gemacht, solange er nicht hatte reden m\u00fcssen. Warum auch? Er war es gewohnt, dass auch tiefe Wunden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter verheilten. Die <em>arcava&#8217;ay<\/em> h\u00e4tten es mit einem Wink heilen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"ab04ec950e7a32678de2f42e7a3b18d0\">\u201eEine unangenehme Sache, gerade f\u00fcr einen <em>b\u00e1chorkor<\/em>, der mit seinem Geplapper seinen Lebensunterhalt verdient. Andererseits &#8230; es ist ohnehin besser, wenn du nicht zu viel erz\u00e4hlst. Vor allem nicht den falschen Leuten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0244b54edd32cb1ab44aff4648f6e542\">\u201eWas mach ich damit?&#8221;, fragte der Knecht, der sich zwischenzeitlich der Riemen entledigt hatte. Der <em>sinor <\/em>nahm sie ihm aus der Hand.<\/p>\n<p data-p-id=\"16b6a106b8a902e8c090fec3b300f144\">\u201eSchau her, <em>b\u00e1chorkor<\/em>. Ich habe mir Gedanken gemacht. Hieraus kannst du nicht entschl\u00fcpfen. Die hier sind so gewirkt, dass Magie an ihnen abprallt. Du solltest zu sch\u00e4tzen wissen, wie viel M\u00fche ich mir mit dir gebe.&#8221; Er warf die kostbaren Z\u00fcgel seinem Handlanger wieder zu. \u201eMach ein paar feste Knoten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"91adafed742dec075c95006c63254f01\">\u201eKlar, Herr. Und dann?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e19a954e758963d294f54ecf98f314d8\">\u201eJa, was dann.&#8221; \u00daldaise rieb sich nachdenklich den Bart. \u201eIch denke, es ist am besten, wenn wir diesen Spitzbuben mit seinem harmlosen Aussehen und seinem unschuldigen Blick dem Gesetz \u00fcberantworten. Diesmal ganz offiziell und f\u00f6rmlich. Es ist ja nicht nur so, dass er dem edlen <em>sinor<\/em> Sah\u00e1al\u00edr seine wertvollen Spielfiguren gestohlen hat.&#8221; \u00daldaise deutete auf den Feuerschein auf dem H\u00fcgel, der zwischenzeitlich weithin sichtbar flackerte, denn das Feuer vom Dornbeerenbusch erfasste mehr und mehr von der trockenen Vegetation. \u201eNun brennt der Strolch auch noch aus purer Zerst\u00f6rungswut <em>meinen<\/em> geliebten Obstgarten ab!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a1aaea76e89852997bc965a9f1136d2a\">\u201eAber &#8230;&#8221;, hob der wortkargere Knecht an, aber der andere, der mit den Z\u00fcgeln in der Hand, brachte ihn mit einem Zischen zum Schweigen. Gal\u00e9on hob \u00fcberrascht die Brauen.<\/p>\n<p data-p-id=\"5713d8f9a7a1216220913446472008f1\">\u201eJa, du hast richtig geh\u00f6rt, <em>b\u00e1chorkor<\/em>. Dieses St\u00fcckchen Garten geh\u00f6rt rein zuf\u00e4llig tats\u00e4chlich mir. Ich habe es vor langer, langer Zeit gekauft, damit sich nicht allzu viel unbefugtes Volk auf dem H\u00fcgel herumtreibt. Du hast sicher bemerkt, warum, nicht wahr?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7a0a58732ec9857837019dbbbee1aef1\">Gal\u00e9on l\u00e4chelte bitter und nickte. So war das also.<\/p>\n<p data-p-id=\"9f263ecaec2ab41efb496705e1d00f6c\">\u00daldaise l\u00e4chelte zur\u00fcck. In seinem Grinsen lag der gr\u00f6\u00dfere Triumph.<\/p>\n<p data-p-id=\"10643f194c8fa9f8b378e6b35406fb14\">\u201eIch denke, das Ganze bedarf nicht einmal des Aufwands eines f\u00f6rmlichen Urteils. Dieser <em>b\u00e1chorkor<\/em> ist nach Aur\u00f3p\u00e9a gekommen, um den <em>sinoray<\/em> zu schaden. Vielleicht steckt mehr dahinter. Vielleicht war all das der Auftakt zu einem geplanten Umsturz. Nun, Aur\u00f3p\u00e9a wird mir danken, dass ich in meiner Wachsamkeit mich nicht von diesem artigen Auftreten und der Beredsamkeit habe t\u00e4uschen lassen.&#8221; Er wandte sich seinen Knechten zu.<\/p>\n<p data-p-id=\"efaf50450c38cd28fe46301650cecad2\">\u201eBindet ihn auf mein Pferd und bringt ihn in die Weststadt. Wie ich vorhin sah, ist dort derzeit noch die Zelle frei. Sagt der Stadtwache, ihr kommt auf mein Gehei\u00df. Sie sollen ihn gut unter aller Augen bewachen und haften mir pers\u00f6nlich daf\u00fcr, dass er nicht entkommt. Ungl\u00fccklicherweise fiel es den M\u00e4chten ein, dem ehrenwerten <em>sinor<\/em> Sah\u00e1al\u00edr einzugeben, unbedingt noch einmal den Verbrecher ansehen zu wollen, bevor wir ihn der W\u00fcste \u00fcbergeben. Du <em>wolltest<\/em> doch wissen, was es mit der W\u00fcste auf sich hat, nicht wahr?&#8221; \u00daldaise faltete selbstzufrieden die H\u00e4nde. \u201eNun, ich wei\u00df es. Und ich bin gespannt, wie es dir gef\u00e4llt. Was mit <em>dir<\/em> geschehen wird. <em>Das <\/em>wei\u00df ich nicht zu sagen. Aber ich habe das Gef\u00fchl, dass es interessant werden wird.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"19106a1a7a528eb8bc908d952385fba6\">Gal\u00e9on schauderte. In \u00daldaises Augen stand nun etwas Bedrohliches, umso be\u00e4ngstigender, weil der <em>b\u00e1chorkor<\/em> nicht erkennen konnte, <em>was <\/em>es war, das ihm da aus den glasiggrauen Augen entgegenblickte.<\/p>\n<p data-p-id=\"d434fcdd50e8b8c9a656df3740af0575\">\u201eUnd was tut Ihr?&#8221;, lenkte der Nerv\u00f6se den <em>sinor<\/em> ab, w\u00e4hrend der mit den Darmkr\u00e4mpfen Gal\u00e9on mit den Lederz\u00fcgeln die Arme hinter den R\u00fccken band, mit einer Rohheit, die auf seinen Gem\u00fctszustand schlie\u00dfen lie\u00df.<\/p>\n<p data-p-id=\"038b8d5bda4af3a4e38b859aa793b8ea\">\u201eIch werde hier warten&#8221;, sagte \u00daldaise. \u201eEs kann nicht lange dauern, bis Regenbogenritter hier auftauchen. Ihr habt sie mit dem Fanal hier angelockt. Sie werden das Feuer l\u00f6schen, bevor es auf einen anderen Garten \u00fcbergreift. Also sputet euch, dass ihr bis dahin weg seid! Sobald der da hinter Gittern sitzt, beh\u00e4lt einer von euch ein Auge drauf und der andere bringt mir unverz\u00fcglich das Pferd zur\u00fcck. Ist das klar? Und wenn ihr Euch damit zu viel Zeit lasst, dann &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"15c119fd61c994d9d866febfb219a7db\">Er musste seine Drohung nicht aussprechen. Die beiden wuchteten Gal\u00e9on in den Sattel. Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> lie\u00df es ergeben und ohne Widerstand mit sich geschehen. Es war vorbei. Die M\u00e4chte hatten ihn entkommen lassen, nur um ihn auf diese Weise wieder niederzuwerfen. W\u00e4hrend ihm Blut von der Stirnwunde \u00fcber Brauen und Nase tropfte und der Nerv\u00f6se ihm die H\u00e4nde an der R\u00fcckenlehne festzurrte, r\u00e4usperte sich der andere verlegen. \u201eHerr &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ea3ec77c34be85c239951df5fe358b97\">\u00daldaise schaute ihn von oben bis unten an und sch\u00fcttelte ungn\u00e4dig den Kopf. \u201eDas, Schwachkopf, ist ganz allein dein Problem.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8a7ab20ec0ab3262ce329c7dcb399a4e\">***<\/p>\n<p data-p-id=\"411c3c9a4db8e5b211e803eb691a4f5b\">D\u00fdamir\u00e9e klammerte sich an Perlenglanz&#8217; Sattel fest. Das Einhorn jagte in gestrecktem Galopp \u00fcber die Wiese und hielt die Schwingen angewinkelt am K\u00f6rper. Seine Klauen gruben sich bei jedem Sprung tief in die Erde wie ein Pflug. Das Tier lie\u00df sich nicht lenken. Es war <em>verwirrt<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"c69620c2956bff1fc541472282f11a4e\">C\u00fdel\u00fa war aus dem Wasser heraus gewatet und rannte nun tats\u00e4chlich hinter seinem Reittier her, ein l\u00e4cherliches Unterfangen, obwohl er trotz seines Metallzeugs ganz erstaunlich schnell und beweglich war.<\/p>\n<p data-p-id=\"1d3cfb44d72c979123e9e98d8ccc535b\">\u201ePerlenglanz!&#8221;, schrie er. \u201ePerlenglanz! Komm sofort zur\u00fcck!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"83b01e4e5a0f1ba5554fe78a6dd9a829\">D\u00fdamir\u00e9es Herz raste. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Tier derart stark und schnell war, und offensichtlich \u00fcberfordert damit, jemand anderen zu tragen als seinen Herrn, der da schimpfend und flehend \u00fcber das Gras klapperte.<\/p>\n<p data-p-id=\"03a87fc23393b8f7d2303f7320891c08\">Das Sattelzeug war glatt und viel zu gro\u00df f\u00fcr das Kind. D\u00fdamir\u00e9e klammerte sich an den Z\u00fcgeln fest, einerseits, um selbst etwas zu haben, das wie ein sicherer Griff aussah, andererseits um zu verhindern, dass das buckelnde Tier sie \u00fcber seinen Kopf warf und sich dann mit den Beinen darin verfing. Wenn sie st\u00fcrzte und herunterfiel und der riesige K\u00f6rper sie unter sich begrub, dann w\u00fcrde sie zerquetscht.<\/p>\n<p data-p-id=\"d9981daa55eaba04f371484642ca1d5c\">C\u00fdel\u00fa schien au\u00dferstande zu sein, das Einhorn oder sie selber mit Magie wieder unter Kontrolle zu bringen. W\u00e4hrend sie um ihr Leben f\u00fcrchtete, erfasste D\u00fdamir\u00e9e vor\u00fcberfliegender Stolz darauf, instinktiv richtig gelegen zu haben. Wasser war also f\u00fcr <em>arcaval&#8217;ay<\/em> etwas \u00c4hnliches wie Gold f\u00fcr Schattens\u00e4nger. Wasser war ein Bannkreis, der Regenbogenrittermagie zumindest kurzzeitig unterbrach. Warum sonst sollte sich der m\u00e4chtigste, der oberste <em>arcaval&#8217;ay<\/em> erniedrigen, indem er zu Fu\u00df ein entlaufenes Ross jagte? Er erreichte das Tier nicht mit seinem Willen, seiner Stimme oder womit auch immer er es \u00fcblicherweise beherrschte.<\/p>\n<p data-p-id=\"22a5a8047e2e679c65c64a9b09d1812e\">\u201ePerlenglanz! Verdammt noch mal! Komm sofort zur\u00fcck!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b561752aca2b06cbccb3c8dd4cdd5651\">Aber das Einhorn gehorchte nicht. Die Stimme seines Reiters war da, wo sie nicht hingeh\u00f6rte. Jemand hatte die Z\u00fcgel in der Hand und zog sinnlos daran. Das Gewicht auf seinem R\u00fccken war viel, viel zu gering. Und doch war da etwas Lebendiges. Es war dunkel. Einh\u00f6rner mochten die Dunkelheit nicht besonders.<\/p>\n<p data-p-id=\"6b5564091987d5f641c264014e7ff50a\">Was sollte das Tier tun? Rennen? Auffliegen? Stehenbleiben? Das zerrende kleine Gewicht auf seinem R\u00fccken absch\u00fctteln? Perlenglanz schnaubte und fauchte. Er sprang seitw\u00e4rts voran wie ein monstr\u00f6ses Ziegenkitz und wechselte die Richtung, indem er ein paar Schritte r\u00fcckw\u00e4rts tat. Wo war die Sonne? Wo war er? Was war das f\u00fcr ein Ort mit dem spiegelnden Wasser? Wo war sein Herr, der ihn lenkte?<\/p>\n<p data-p-id=\"6236dd647c81bdd7aa3dbeeff596bd8b\">D\u00fdamir\u00e9e wimmerte. So hatte sie sich ihre Flucht nicht vorgestellt. Zuerst hatte sie irgendetwas versucht, im Wasser zu packen, vielleicht so ein Mensch mit gr\u00fcner Haut und Schwimmh\u00e4uten, der unter Wasser lebte, so wie in manchen der sonderbaren M\u00e4rchen der Mutter. Aber was immer es gewesen war, sie war entschl\u00fcpft. Sie hatte keine Zeit f\u00fcr so etwas. Sie brauchte das Einhorn! Sie musste zur\u00fcck nach Hause!<\/p>\n<p data-p-id=\"a0ff2db7e4d008682eab1ebaac4bb893\">Aber Perlenglanz reagierte anders, als sie es sich gedacht hatte, und hier auf seinem R\u00fccken, ganz allein und ohne den Erwachsenen, wurde ihr pl\u00f6tzlich bewusst, wie riesig und wild das Tier war. Die ungeheuren Fl\u00fcgel schlugen unschl\u00fcssig, irgendwo zwischen Aufflattern und Drohgeb\u00e4rde, und dabei erzeugten sie einen Wind , der ihr die Haare ins Gesicht dr\u00fcckte.<\/p>\n<p data-p-id=\"449818c4c626982e70f6f21fbc64b9dc\">Wie anders war es gewesen, wenn der Vater sich, nur zu ihrem Vergn\u00fcgen, zuweilen in ein Pferd verwandelt und sie durch den Wald getragen hatte, ohne Sattel, ohne Zaum, seine wallende schwarze M\u00e4hne als einziger Halt f\u00fcr ihre Kinderfinger. Vor Spa\u00df und Gl\u00fcck gejauchzt hatte sie, wenn er mit ihr um den See herum und durch das flache Wasser geprescht war, nicht selten zum Entsetzen der Mutter, der die Ausgelassenheit von Vater und Tochter nicht recht geheuer war. Offenbar erinnerte sie das an eigene Erlebnisse, die sie sehr verst\u00f6rt hatten. Sie beide hatten versprechen m\u00fcssen, vorsichtiger zu sein. Das hatten sie beherzigt. Sie achteten beide nun noch mehr darauf, dass die Mutter ihre \u00fcberm\u00fctigen Spiele nicht bemerkte und sich dar\u00fcber beunruhigte.<\/p>\n<p data-p-id=\"3111d9f4350c29e6c1ef7d96f071ffd8\">In seiner Pferdegestalt war der Vater viel kleiner als Perlenglanz. Und er verhielt sich nicht wie ein Tier.<\/p>\n<p data-p-id=\"162956b0da293c97259f6cb2c95dadaa\">C\u00fdel\u00fa, dessen Schimpfen und Schreien nicht wirkte, verlegte sich darauf, nun zu gestikulieren. Heftig winkend versuchte er, das Einhorn zu treiben, es in Richtung des Wassers zu scheuchen, vielleicht in der Hoffnung, Perlenglanz w\u00fcrde den T\u00fcmpel als eine Art Begrenzung, als Zaun verstehen.<\/p>\n<p data-p-id=\"d3e18a64d977ae0effadf737cbb89db9\">Tats\u00e4chlich. Perlenglanz drehte ab, bevor er das Wasser erreichte. D\u00fdamir\u00e9e krallte sich in die federzarte M\u00e4hne, die Z\u00fcgel und die vordere Kante des Sattels. Aber sie war zu stolz, um um Hilfe zu rufen. Immerhin hatte sie selbst sich in diese Lage gebracht.<\/p>\n<p data-p-id=\"48ebd7e61650f8e9128c76ee959bba21\">Und wenn das Einhorn aufflog? Wenn es die Fl\u00fcgel aufmachte und abhob? Und sie dann in der Luft versuchte, abzusch\u00fctteln?<\/p>\n<p data-p-id=\"a988b6cf93bd2f85e2a7252958ba7c39\">\u201eKind&#8221;, br\u00fcllte C\u00fdel\u00fa. \u201eLass die Z\u00fcgel los!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"78e557f8644d185be55e0d3490538170\">Loslassen? Und den Halt verlieren? Sie griff nur noch fester zu. Er versuchte erneut, das kehrtmachende und heran preschende Tier zwischen sich und dem Wasser in die Enge zu treiben.<\/p>\n<p data-p-id=\"274cd30bfb2514893ae515ffd1a78847\">Sie versuchte, zu antworten, aber sie hatte nicht den Atem dazu.<\/p>\n<p data-p-id=\"4bdb3b16a75140cc91eb6fb0b1b41c7a\">\u201ePerlenglanz!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"be4a52832adb095fa24a9d393c71d5aa\">Es hatte keinen Sinn. C\u00fdel\u00fa Ir\u00edsolor lie\u00df die Schultern sinken. \u201eHalt dich fest!&#8221;, rief er. \u201eKleines, halt dich gut fest!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b61bd53bb98798a8c4b822211b20133b\">Und dann hob er die Hand und warf einen Zauber. Golden glei\u00dfende Energie zuckte an D\u00fdamir\u00e9e vorbei, entfaltete sich und wurde am Boden zu spr\u00fchendem Feuer, zu Funken, die empor stoben wie himmelw\u00e4rts aufsteigender Hagel. Perlenglanz scheute und warf sich herum. Da erschuf C\u00fdel\u00fa hinter ihm einen gleichartigen Funkenregen. Beides war nicht von Dauer und sank binnen k\u00fcrzester Zeit vom \u00fcbermannshohen Feuervorhang nieder bis auf kniehohe Flammen. Aber es bremste das t\u00e4nzelnde Einhorn lange genug, damit C\u00fdel\u00fa heraneilen konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"4600201612f291c86e73b970813092d4\">Im n\u00e4chsten Moment hing der Regenbogenritter mit seinem ganzen Gewicht an Perlenglanz&#8217; Sattel und versuchte, die Z\u00fcgel zu erhaschen. D\u00fdamir\u00e9e wich seinen H\u00e4nden aus, und das Einhorn, dergestalt erschrocken, verst\u00f6rt und bedr\u00e4ngt, stieg mit einem dr\u00f6hnenden Schrei auf die Hinterbeine.<\/p>\n<p data-p-id=\"db67c5d3d956d72844b79671de4b7eb0\">Ein Schlag seines m\u00e4chtigen Ellenknochens stie\u00df C\u00fdel\u00fa Ir\u00edsolor zu Boden. Perlenglanz strampelte mit den Vorderbeinen in der Luft, und als er wieder aufkam, lag der Regenbogenritter zwischen seinen stampfenden F\u00fc\u00dfen. D\u00fdamir\u00e9e nahm all dies zugleich wahr, begriff, in welcher Gefahr sich der benommene <em>arcaval&#8217;ay<\/em> befand und \u00fcberlegte keinen Augenblick.<\/p>\n<p data-p-id=\"beac7bef9e22e87821c0a70053f35273\">Das kleine M\u00e4dchen lie\u00df sich aus dem Sattel gleiten, fiel unsanft nieder, hechtete voran und warf sich instinktiv \u00fcber den ungesch\u00fctzten Kopf des Mannes.<\/p>\n<p data-p-id=\"a6f771b13eee7c5a5e03268ee4ec09c2\">Einen Moment lang waren die messerscharfen Einhornklauen \u00fcberall, links, rechts und \u00fcber ihr, gruben sich tief in den Erdboden.<\/p>\n<p data-p-id=\"164b3541adadcfff925a1feefa96ba1e\">Dann war es vorbei. Perlenglanz stand, sch\u00fcttelte schnaubend seine M\u00e4hne und neigte den Kopf zu seinem Herrn hinab. Der Einhornhengst schnupperte pr\u00fcfend und stieg dann ganz behutsam \u00fcber der kleinen weinenden und zitternden sowie den gro\u00dfen reglosen Menschenk\u00f6rper hinweg, um nach all der Aufregung ein bisschen weiter zu grasen.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/morgenkind-oder-die-grenzen-des-dunklen-band-2\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2499","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-02_morgenkind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2499","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2499"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2499\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3801,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2499\/revisions\/3801"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2499"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2499"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2499"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}