{"id":2465,"date":"2025-08-25T11:56:18","date_gmt":"2025-08-25T09:56:18","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2465"},"modified":"2025-09-01T09:02:39","modified_gmt":"2025-09-01T07:02:39","slug":"021-neugier-schande-leichtsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/021-neugier-schande-leichtsinn\/","title":{"rendered":"021: Neugier, Schande, Leichtsinn"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"MK_Thiumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1987\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"069515b6d2bbcd4d07f6d0b7fd6c1873\">\u201eMama ist traurig, weil sie nicht gut zaubern kann&#8221;, erz\u00e4hlte D\u00fdamir\u00e9e den Blumen. \u201eIch w\u00fcrde ihr so gern helfen. Aber ich kann es ja gar nicht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"37f9d817be7316678ce9be78a7c07498\">Das M\u00e4dchen seufzte, zog die Knie an und legte die Arme darum. Es hatte die blaue Stunde zwischen Tag und Nacht erfolglos mit der Suche nach dem Boot verbracht, aber nicht die rechte Aufmerksamkeit daf\u00fcr aufbringen k\u00f6nnen. Sicherlich war das Schiffchen gekentert und zwischenzeitlich in der Tiefe des Sees untergegangen. Wahrscheinlich sank es immer noch. D\u00fdamir\u00e9e w\u00fcrde sich wohl ein neues basteln m\u00fcssen. Sich Spielzeuge selbst zu bauen machte ihr Spa\u00df, aber dennoch stimmte sie der Verlust des Schiffchens traurig und \u00e4rgerlich zugleich. Es h\u00e4tte ihr ein Leichtes sein m\u00fcssen, es aus dem Wasser wieder zu sich zu befehlen. Weibliche Schattens\u00e4nger geboten dem Wasser, das wusste sie. Der See h\u00e4tte es ihr zur\u00fcckgeben <em>m\u00fcssen<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"8bc02e831e5492bc50af04c2fd2c6365\">Dennoch hatte D\u00fdamir\u00e9e es nicht gewagt, die Mutter darum zu bitten, es an ihrer Stelle zu versuchen. Wie nebens\u00e4chlich war das B\u00f6tchen gegen das, was Salghi\u00e1ra Lagoscyre da im Eta\u00edmalon zu wirken versuchte? Was, wenn die Mutter auch das Spielzeug nicht h\u00e4tte bergen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p data-p-id=\"c0cb8eb8522e0ff8d58d8e121bebb8fe\">\u201eWarum ist Nokt\u00e1ma b\u00f6se mit mir?&#8221;, fragte D\u00fdamir\u00e9e die wei\u00dfen schimmernden Blumen. \u201eWarum kann ich nicht einmal ein winziges kleines bisschen zaubern?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9123e075a0397efbed161dd451bbbbe6\">Nat\u00fcrlich antworteten die Pflanzen ihr nicht. Aber es gen\u00fcgte, dass sie zuh\u00f6rten. D\u00fdamir\u00e9e war \u00fcberzeugt davon, dass die Blumen ihr lauschten und ihre Klage verstanden.<\/p>\n<p data-p-id=\"46eeb7bd70c9c47791680deac910de05\">Das M\u00e4dchen blickte auf den Mond, der sich in der Mitte des Wassers spiegelte und seufzte sehns\u00fcchtig. Eine Antwort erwartete D\u00fdamir\u00e9e nicht, von niemandem.<\/p>\n<p data-p-id=\"68c9c6b366995eeb940eeb1356ebd78b\">Einmal, da war sie noch viel kleiner gewesen, hatte sie ihren Vater gefragt, ob sie vielleicht etwas unrechtes getan habe, weshalb Nokt\u00e1ma ihr keine Magie gegeben hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"23256ffc85fc1ba67a5c662e47ee2d89\">Nein, hatte der Vater gesagt. Nokt\u00e1ma t\u00e4te nichts aus Willk\u00fcr, Zufall oder um jemanden zu bestrafen.<\/p>\n<p data-p-id=\"5b9d3e908a78f416352bfe0791de38fc\">Warum sie dann nicht zaubern konnte, obwohl er und die Mutter es doch konnten.<\/p>\n<p data-p-id=\"8aeb8bda0179770d2fc9570b55f5b1f3\">Er wisse es nicht, hatte er gesagt. Aber es sei ohne Bedeutung. Es sei ohne Bedeutung, was Nokt\u00e1ma sich ersonnen hatte, solange sie, D\u00fdamir\u00e9e, sein kleiner Stern, bei ihnen war.<\/p>\n<p data-p-id=\"377eb94b248a0b887ac78ffd2a20fdc8\">Das hatte sie nicht verstanden. Aber er hatte sie nur in seine Arme genommen und sie unter seine <em>maghiscal<\/em> geholt, etwas, das sich in D\u00fdamir\u00e9es Wahrnehmung anf\u00fchlte wie eine weiche, warme Decke in einer kalten Nacht. Sie hatte sich an ihn gekuschelt und war gl\u00fccklich gewesen.<\/p>\n<p data-p-id=\"5741dfb8bc4b0791035d0503bd2e0e10\">Irgendwann einmal, hatte er ihr vorhergesagt, w\u00fcrde sie selbst jemandem die Kraft schenken, die er nun gerade mit ihr teilte. Daf\u00fcr brauche sie keine Magie. Zumindest nicht die, die Nokt\u00e1ma ihren Dienern gegeben hatte wie einem <em>yarl<\/em> sein Schwert und seine R\u00fcstung. Das alles sei unn\u00f6tig.<\/p>\n<p data-p-id=\"921e3951e375c88751b6eb92c993f1df\">Sie hatte dazu geschwiegen, zum einen, weil ihr die Worte gefehlt hatten, zum anderen, weil sie \u00fcberw\u00e4ltigt gewesen war von dem Gef\u00fchl, das sie in seinen Armen versp\u00fcrt hatte. Damals hatte sie noch nicht die Worte gehabt, um es zu beschreiben. Heute begann das Kind zu ahnen, dass es Liebe war. Eine ein klein wenig anders gef\u00e4rbte Liebe als die, die zwischen ihrem Vater und der Mutter bestand. Liebe war &#8230; bunt. Sie kam aus einer Wurzel wie die Ranken einer Blume, und an jedem Ende war eine Bl\u00fcte, die ein klein wenig anders aussah. Wie ein Ableger. Er lie\u00df sie die Liebe sp\u00fcren, die er f\u00fcr sie empfand und die ganz allein f\u00fcr sie bestimmt war.<\/p>\n<p data-p-id=\"dcfce94ecf9cb02e61c0c1c4b1b04518\">D\u00fdamir\u00e9e tastete hin\u00fcber zu den Blumen, ber\u00fchrte sacht Bl\u00e4tter und Bl\u00fcten. Die Blumen waren ihre Freundin. Die Blumen verstanden ihr Leid. Das Kind hatte die Eltern niemals gefragt, was es mit diesen seltsamen Pflanzen auf sich hatte, die einzigartig waren im ganzen Boscarg\u00e9n. Sie hatte sich davor gescheut, weil sie sp\u00fcren konnte, wie wertvoll die Blumen waren und dass eine seltsame Traurigkeit den Vater erfasste, wenn er an diese Stelle kam. Auch die Mutter wurde still und nachdenklich, wenn sie hier vorbeiging. Sie blieb dann stehen, betrachtete die Bl\u00fcten und D\u00fdamir\u00e9e sp\u00fcrte ihren Geist schwer werden, so als senke sich ein Nebel darauf hinab.<\/p>\n<p data-p-id=\"83400e1432d2a62f9550e42c4005d2b9\">Dass nun aber auch der freundliche Ritter so best\u00fcrzt und ergriffen auf die Pflanzen reagiert hatte, hatte sie nachdenklich gemacht. Sie nahm sich vor, den Vater nach seiner Heimkehr endlich einmal nach dem Geheimnis der schimmernden wei\u00dfen Nachtblumen zu fragen, auch wenn sie ein wenig Furcht vor seiner Antwort versp\u00fcrte. Wahrscheinlich w\u00fcrde es etwas sein, das sie be\u00e4ngstigte.<\/p>\n<p data-p-id=\"e9dadb1cba4e8922263e65947470000f\">Das Kind schaute zum Eta\u00edmalon hin\u00fcber. Wie sehr wollte es der Mutter beistehen, bis der Vater wieder da war. Bis er zur\u00fcckkehrte, um sie beide zu besch\u00fctzen, vor was auch immer. D\u00fdamir\u00e9e stellte sich die Gefahr nicht vor wie ein kinderfressendes Monster oder einen feuerspeienden Drachen, so wie es in den Geschichten der Mutter war. F\u00fcr das Kind war Gefahr etwas Subtiles, etwas D\u00fcsteres. Etwas, das man nicht <em>sofort<\/em> sehen oder sp\u00fcren konnte und was deshalb umso t\u00fcckischer war. Das Netz aus Licht, das war wie eine sch\u00fctzende Kuppel. Etwas, woran das Gef\u00e4hrliche <em>abperlte<\/em>, es aber ebenso leicht durchdringen konnte. Man musste wachsam sein. Das Netz, was die Mutter da so verzweifelt zu wirken versuchte, das hatte Maschen, gro\u00df wie Scheunentore. D\u00fdamir\u00e9e verstand das, h\u00e4tte es aber niemals kommentiert. Schlie\u00dflich h\u00e4tte sie es nicht besser machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"2e1190c2cb6739290629266fdc243da1\">Schattens\u00e4ngerm\u00e4rchen waren voll von solchen Metaphern. Die Geschichten des Vaters waren voll von Warnungen und besorgten Lehren. Die der Mutter, sie waren &#8230; wunderlich. Albern. Unbeholfen. D\u00fdamir\u00e9e liebte beides.<\/p>\n<p data-p-id=\"0409d04089753495a3dbcc66fff374ed\">Eine Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit, ganz im \u00e4u\u00dfersten Winkel ihrer Wahrnehmung. Da war etwas am Wasser, schritt zwischen den B\u00e4umen hervor, langsam, majest\u00e4tisch, fremd. Das M\u00e4dchen erhob sich vorsichtig und entfernte sich einige Schritte von den Blumen, um es besser zu sehen.<\/p>\n<p data-p-id=\"eb8d0b3e3971f2dbdbbfcf8861e2d8b1\">Es war ein Tier. Ein sehr gro\u00dfes, wei\u00dfes Tier, das zwischen den B\u00e4umen ans Ufer getreten war. Es war zu weit entfernt, als dass D\u00fdamir\u00e9e Einzelheiten erkannt h\u00e4tte, aber sie wusste, dass sie dieses Wesen im Boscarg\u00e9n noch nie zuvor erblickt hatte. Das Tier bewegte sich sacht und schimmerte wie eine Perle.<\/p>\n<p data-p-id=\"df9b0cd6357227c7bc113fc646fc8381\"><em>Nicht!,<\/em> mahnten die Blumen.<\/p>\n<p data-p-id=\"0357050c34e8eb43634a2a87289d2e17\">\u201eAber es ist so sch\u00f6n! Ich muss wissen, was es ist!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fbb56f2067c81e915941be0c06b95a9d\"><em>Geh in den Eta\u00edmalon!<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"1069a084abb4f13f4a1093e132f41f0f\">\u201eNein, dann st\u00f6re ich Mama. Sie muss auf das Netz aufpassen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a595f0d92ec30135838ba643dfffa00b\"><em>Nicht!,<\/em> sagten die Blumen.<\/p>\n<p data-p-id=\"36378329f0eb7e8d9cfe8b9ee98b4f31\">Aber D\u00fdamir\u00e9e war schon aufgestanden, fasziniert und gelockt von der Sch\u00f6nheit, die dort an den See getreten war und offenbar begonnen hatte, davon zu trinken.<\/p>\n<p data-p-id=\"4fb499e4b6375741570060f3e03f7a2a\">\u201eEs ist ein Tier&#8221;, sagte das M\u00e4dchen ernsthaft zu den Blumen. \u201eTiere <em>k\u00f6nnen<\/em> nicht b\u00f6se sein. Nichts ist hier im Wald, das b\u00f6se ist. Nichts, das uns in Gefahr bringt. Wahrscheinlich l\u00e4uft es ohnehin weg, wenn es mich bemerkt. Ich will so nahe herangehen, bis es mich bemerkt. Ich will Mama davon erz\u00e4hlen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fd40bbd8c2813b15e7c11bf133b8fe22\"><em>Nicht!<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"665997f8085316ee4834b337cbeae8ec\">Aber D\u00fdamir\u00e9e war schon fortgelaufen, voller Neugier und in dem festen Bewusstsein, dass nichts im Boscarg\u00e9n sein konnte, dem sie nicht vertrauen konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"8a7ab20ec0ab3262ce329c7dcb399a4e\">***<\/p>\n<p data-p-id=\"8f82576e4d3affcbfce4af77237d2b30\">Osse Emberbey kannte seinen Vater diszipliniert, emotionslos. Unerbittlich. Ehrfurchtgebietend.<\/p>\n<p data-p-id=\"82e306ee8b3a0374b2eb255aa84432a7\">Der Junge hatte ihn noch nie zuvor so <em>erbost<\/em> erlebt wie in dem Moment, in dem sie nach dem Nachtmahl in das G\u00e4stegemach zur\u00fcckgekehrt waren.<\/p>\n<p data-p-id=\"879509d68b811e9a342f3a62d3c2de76\">Dass der <em>yarl<\/em> ver\u00e4rgert war, war offenkundig gewesen. Nachdem die <em>teirandanja<\/em> so eilig fortgelaufen war, hatte er nur knappe Worte mit den anderen Erwachsenen gewechselt. Als der <em>teirand<\/em> leutselig und munter das Wort an ihn richtete, war er regelrecht ausgewichen. Dass K\u00edan\u00e1 von Wijdlant sich entschuldigt hatte, um der Tochter nachzugehen, schien ihn zu erleichtern.<\/p>\n<p data-p-id=\"735d922e59af49fb686701389fd6e2f8\">Wa\u00fdreth Althopian hatte zu dem geschwiegen, was geschehen war. Er hatte dem Jungen nur nachdenkliche, forschende Blicke zugeworfen. Sein Sohn, der mit den hellen Augen, schien \u00fcber die Ma\u00dfen verwirrt zu sein. Osse hatte gesp\u00fcrt, dass dem Gleichaltrigen Fragen auf der Zunge brannten.<\/p>\n<p data-p-id=\"df8d682da44d392d6ee973e2e9bc0d36\">Aber sie hatten nicht die Gelegenheit bekommen, miteinander zu reden. Herr Alsg\u00f6r hatte sich entschuldigt und war dann mit seinem Sohn im Griff, so schnell aus dem Saal gegangen, wie es m\u00f6glich gewesen war.<\/p>\n<p data-p-id=\"be05e01a8c4e1a80dd96bbae7f80084d\">Nun sa\u00df Osse Emberbey am Tisch und wartete darauf, dass der Vater das bei\u00dfende Schweigen brach. Es dauerte qualvolle Augenblicke, bis es geschah.<\/p>\n<p data-p-id=\"06ddae566a098c30df954a63e60cc89a\">\u201eWas hast du dir dabei gedacht?&#8221;, fragte er, leise. Entt\u00e4uscht. Bitter.<\/p>\n<p data-p-id=\"5273b5665a8188206e2725b368da552d\">\u201eWar es falsch?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3322cfada2365155669e1bfe7d17a93b\">Herr Alsg\u00f6r fuhr zu ihm herum. Nie h\u00e4tte er die Hand gegen den Sohn erhoben, aber seine Faust fuhr auf den Tisch nieder. \u201eDu hast mich bis auf die Knochen besch\u00e4mt!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"693d98357b99efcd8603b570c7c2d5ec\">Osse schaute bedr\u00fcckt nieder.<\/p>\n<p data-p-id=\"7f9d319c4859d6122fa7b8c3146ab240\">\u201eIch dachte, es werde von mir erwartet.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"72955fb8b3e54c04bc5cd20ce5d56ae2\">\u201eErwartet? Die junge <em>teirandanja<\/em> hatte offensichtlich keine Ahnung, was sie da getan hat!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"91405bb1648d3e66e7d27d1355dc559c\">\u201eIch dachte &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"75fa0bd167dcfb45e5483a1ad9480eea\">\u201eM\u00f6gen die M\u00e4chte wissen, warum sie Brot in der Hand hatte, als sie zu uns kam! Was immer du dachtest, es stand dir nicht zu! <em>Dir<\/em> nicht!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"55ace3f79a20525524aa87f080f2f5a3\">\u201eIch habe getan&#8221;, verteidigte er sich leise, \u201ewas ich \u00fcber die Protokolle gelesen hatte..&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e603b0c1f78cea727127b05b02d7a76b\">\u201eDer <em>mestar<\/em> wird von mir noch zu h\u00f6ren bekommen, was er damit angerichtet hat!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"beee51d21ae97b87211d12c82e717552\">Osse schaute ins Leere. Der Vater z\u00f6gerte, zog dann den zweiten Stuhl heran und setzte sich, ohne seinen Sohn anzuschauen.<\/p>\n<p data-p-id=\"b140914a7e3a8fc6b95dfc0b9a1c389e\">\u201eIch werde den <em>teirand<\/em> bitten, deinen Schwur zu tilgen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6e0ea0f1e814a67b4789d99768733ccf\">Osse blickte entsetzt auf. \u201eBitte nicht!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ea09a3b973b5f8446ad67940f1a38919\">\u201eBitte nicht? Wir k\u00f6nnen froh sein, wenn er darauf eingeht und den ganzen Vorfall als das sieht, was es in den Augen der edlen Herren und Damen und der versammelten Schutzbefohlenen war. Ein albernes Kinderspiel! Ein &#8230; ein <em>Nach\u00e4ffen<\/em> der uralten Riten, ausgef\u00fchrt von einem unverst\u00e4ndigen Kind!<\/p>\n<p data-p-id=\"8dcbcae16c59d2e9175ac541193dc52a\">\u201eSo war es nicht&#8221;, fl\u00fcsterte Osse.<\/p>\n<p data-p-id=\"8bbb937ad5b612eed95dd61e54e3d4b3\">\u201eWas war das?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"dd3591266800eae1fe0137d1c2a8bf85\">\u201eEs war kein Spiel, Vater. Ich habe all das genauso gemeint. Genauso, wie unsere Ahnen es einst ihren <em>teiranday<\/em> gegen\u00fcber getan haben, seit vielen Generationen. Auch &#8230; auch Thorgar Emberbey.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"82325ccc9d5b2b039651f630fa5d7a9b\">\u201eDu l\u00e4sterst deine Vorv\u00e4ter?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"37e2733b0fc9cc444aed829339b54d84\">\u201eNein!&#8221;, brach es aus Osse heraus. \u201eIch habe nur getan, was meine Bestimmung ist! Ich habe mich in den Dienst der <em>teirandanja<\/em> begeben!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bef1a78ffc5f86005247448484bc5f54\">Alsg\u00f6r Emberbey lehnte sich ersch\u00f6pft zur\u00fcck. \u201eDu hast nichts zu suchen im Dienst der <em>teirandanja<\/em>! Du kannst nicht ihr Dienstmann sein! Niemals! Was ist daran so schwer zu begreifen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"219b44b361d260f652e000e72180b5e7\">Der Junge schwieg einen Moment.<\/p>\n<p data-p-id=\"82d3a0ad881b18e50d6bc3c4fcf5e3c0\">\u201eDu darfst es nicht f\u00fcr nichtig erkl\u00e4ren&#8221;, sagte er dann leise. \u201eDu selbst hast es getan, damals, vor dem Vater des <em>teirand<\/em> und dann vor ihm selbst.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e32f1da0119747d3ec4692bac10cceef\">\u201eNat\u00fcrlich. Aber das war etwas anderes! Als ich es tat, war ich ein ausgelernter K\u00e4mpfer, der w\u00fcrdige Nachfolger meines Vaters!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fd66c5892ec2a35c587896686a99db30\">\u201eIch bin <em>dein<\/em> Sohn&#8221;, sagte Osse leise.<\/p>\n<p data-p-id=\"d203c458e5013d9116365a62975ac8f0\">Alsg\u00f6r Emberbey sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eSo einfach ist es nicht, Osse. Du bist noch viel zu jung, um die Tragweite dessen zu verstehen, was du angerichtet hast. Wir k\u00f6nnen den M\u00e4chten danken, wenn wir ohne Schande aus dieser Geschichte herauskommen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"641fc3c88b64b10080ee2b356b924455\">\u201eWird Herr Wa\u00fdreth den Schwur seines Sohnes auch zur\u00fccknehmen wollen, Vater?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bd43a7abf6dc39b9f74d784a384b35e0\">Der alte Ritter antwortete nicht sofort. \u201eNein&#8221;, sagte er dann hart. \u201eSelbst wenn der Junge sich hat mitrei\u00dfen lassen. Eines Tages h\u00e4tte er es ganz offiziell ohnehin getan. Herr Wa\u00fdreth wird begeistert \u00fcber die Sache sein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8127e8fb5ad8d26efab1b68499889e43\">\u201eAlle Erwachsenen haben Beifall gespendet, Vater.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"883f126085040233ed2a99015238520a\">\u201eWarst du aus auf eitlen Beifall?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"512b34094c71d8acc3d85076194b6588\">\u201eNein. Ich will es nur verstehen. Ich will wissen, was <em>ihren<\/em> Augen gefiel und denen meines eigenen Vaters nicht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c610851614c4f112cee1c77207a3ce22\">Alsg\u00f6r Emberbey erhob sich und ging hin\u00fcber zum Fenster. Die Burg schlief noch nicht g\u00e4nzlich. Aus der Schankstube drang munteres Gel\u00e4rm, ein Musikant schien dabei zu sein. In einigen Fenstern sah man Lichterschein. Es war noch fr\u00fch. Der Mond stand genau \u00fcber dem Kamm des Montaz\u00edel, sein Schein leuchtete von S\u00fcden heran.<\/p>\n<p data-p-id=\"48e92c72c99eba8618a4346a42d1aa55\">\u201eEs ist kein Kinderspiel, Osse. Was immer dich geritten hat, und so sehr es mir imponiert, dass du von diesem alten Brauch wusstest \u2013 wenn der <em>teirand<\/em> dich nicht daraus entl\u00e4sst, es nicht als l\u00e4sterliches, unverst\u00e4ndiges Spiel gelten l\u00e4sst, dann ist dem Haus Emberbey ein ehrenvoller Weg in die Zukunft verbaut.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"496013f2e4372c1252abc2e6610b90c7\">Osse Emberbey nahm seine Brille ab. Sein Vater, wenige Schritte entfernt, verschwamm vor seinen Augen. Das war besser. Es machte die Wut, die Entt\u00e4uschung des alten Mannes ertr\u00e4glicher.<\/p>\n<p data-p-id=\"c9c084e49f24ce3c4bff1e1e62cd6205\">\u201eEs tut mir leid&#8221;, sagte der Junge. \u201eIch &#8230; ich wollte, dass du stolz auf mich bist. Ich wollte der <em>teirandanja<\/em> zeigen, wie ergeben ich &#8230; unsere Familie ihr ist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2c15633f1be202d8d42768b32278613b\">\u201eDas&#8221;, sagte der Ritter, \u201eist nicht <em>deine<\/em> Aufgabe, Osse. H\u00e4tten die M\u00e4chte gewollt, dass es so ist, dann &#8230;&#8221; Er seufzte tief. Sein Zorn schien verraucht, daf\u00fcr war nun eine Bitternis in seinen Worten, die fast noch schwerer zu ertragen war.<\/p>\n<p data-p-id=\"fb5985a101f5ee8ce2c5322be6321ad3\">\u201eVater&#8221;, fragte Osse zaghaft, \u201ewas <em>ist<\/em> meine Aufgabe? Was wollen die M\u00e4chte, das <em>ich<\/em> im Weltenspiel tue?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"48d680a633fd095980e25ae7e20cc465\">\u201eIch wei\u00df es nicht, Osse.&#8221; Alsg\u00f6r Emberbey wandte sich dem Jungen zu. \u201eIch wei\u00df es wirklich nicht. Und ich mag nicht mit dir \u00fcber Dinge diskutieren, aus denen es keinen Ausweg gibt. Geh nun schlafen. So die M\u00e4chte wollen, sind wir morgen um diese Zeit bereits auf dem R\u00fcckweg. Ich mag nicht l\u00e4nger hier bleiben als n\u00f6tig &#8230; danach.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"99a5ca3a2274509f17a88d60ee5605d5\">Osse erhob sich. Aber er wollte ihn noch nicht loslassen, diesen d\u00fcnnen Spinnenfaden eines Gespr\u00e4ches, an dem er sich hinzuhangeln versuchte zu dem, was sein Vater tats\u00e4chlich auf dem Herzen hatte, hinter der unerbittlichen und doch so verwundeten Maske, hinter der er sich versteckte.<\/p>\n<p data-p-id=\"8329377b0395808bf47860c391ece6e4\">\u201eVater? Was h\u00e4tte <em>Mutter<\/em> gesagt, h\u00e4tte sie gesehen, was ich &#8230; angerichtet habe?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"754eb00ca7c23ac49aae5438d8d0ff25\">Alsg\u00f6r Emberbey zuckte zusammen, Osse sah es ungeachtet des verschwommenen Blickes. Einen Augenblick lang f\u00fcrchtete er, der Vater k\u00f6nnte wieder aufbrausen. Aber er blieb gefasst.<\/p>\n<p data-p-id=\"c666c0fc3571bc6b36585cd481c1a116\">\u201eWahrscheinlich w\u00e4re sie stolz auf dich gewesen&#8221;, sagte der Ritter nach einer Weile. \u201eSo stolz, wie nur eine Mutter es auf ein unschuldiges Kind sein kann. Aber dies, mein Sohn, ist keine Welt, in der Unschuld eine Tugend ist. Nicht f\u00fcr unseresgleichen. Nicht f\u00fcr <em>yarlay<\/em>. Nicht f\u00fcr Schutzherren.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"485bfa98d3000a03a5b67caed4a0498f\">Osse Emberbey verneigte sich. \u201eM\u00f6gen die M\u00e4chte dich sicher in den Tr\u00e4umen beh\u00fcten&#8221;, sagte er steif.<\/p>\n<p data-p-id=\"34387bb010141b557be8c8a5e9c6aee5\">\u201eGeh. Schlaf. Und denk dar\u00fcber nach, was du uns beiden heute angetan hast.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0a2993a0f089f2bb87e4c2d7d5a82842\">Der Junge wusste, weiter w\u00fcrde er an diesem Abend nicht kommen. Leise zog er sich in den winzigen Nebenraum von des Vaters Gemach zur\u00fcck, der Stube, die er bewohnte, solange er in Wijdlant zu tun hatte. Dort lag eine komfortable Strohmatratze f\u00fcr den Jungen bereit. Osse Emberbey entkleidete und wusch sich, befahl seinen Schlaf den M\u00e4chten und schl\u00fcpfte unter die Decke. Eine Weile horchte er, bis auch nebenan nichts mehr zu h\u00f6ren war. Der Vater hatte sich selbst zur Ruhe begeben, w\u00e4hrend in der Burg noch Munterkeit herrschte, wie er sie von daheim nicht kannte.<\/p>\n<p data-p-id=\"a2e5d5c64ad34dba63bc7f6cc62a0f9d\">Dass er nicht in einem der Lehrb\u00fccher, sondern in dem sch\u00f6nen Roman mit dem gr\u00fcnen Ritter und der klugen Dame von dem Ritual gelesen hatte, musste der Vater nicht wissen. Er h\u00e4tte es nicht verstanden.<\/p>\n<p data-p-id=\"514faf5a71b4f0f67374c388f37aa0d7\">**<\/p>\n<p data-p-id=\"b09967632481f18b7a36221424388621\">Merrit Althopian schlief nicht. Er war allein in dem Gemach, das der Vater in der Burg bewohnte, hatte aber nicht vor, lange dort zu verweilen. Wa\u00fdreth Althopian hatte sich von Daap Grootplen und Andri\u00e9r Altabete \u00fcberreden lassen, sich ihnen noch auf einen Krug Bier anzuschlie\u00dfen. Der <em>yarl<\/em> hatte keine rechte Lust dazu gehabt, aber Merrit hatte ihm zu verstehen gegeben, dass er m\u00fcde und knapp vorm Einschlafen war. Der Vater mochte sich nicht um ihn k\u00fcmmern und den Abend mit seinen Kameraden verbringen, hatte der Junge ihn so harmlos bedr\u00e4ngt, wie es ihm nur m\u00f6glich war, ohne Verdacht zu erregen. Sicherlich habe er den beiden viel zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p data-p-id=\"e99fe345338bad953a54d30f126be1ad\">Wa\u00fdreth Althopian, den es tats\u00e4chlich dr\u00e4ngte, mit den anderen M\u00e4nnern zu reden, hatte noch abgewartet, bis der Sohn tats\u00e4chlich zu Bett und augenscheinlich eingeschlafen war. Dann hatte er das Gemach verlassen.<\/p>\n<p data-p-id=\"c2e0e66e979f6b71c3845198da4b4ba0\">Merrit wartete etwa hundert Herzschl\u00e4ge lang. Dann schl\u00fcpfte er wieder aus dem Bett und in seine Tunika, kletterte auf das Fensterbrett und schaute hinaus. Etwa auf H\u00f6he des Fensterbretts verlief ein handbreiter Sims an der Mauer entlang, nicht zu gebrauchen als Trittfl\u00e4che f\u00fcr einen Erwachsenen, aber nicht schlecht f\u00fcr gewandte Kinderf\u00fc\u00dfe. Trotzdem h\u00e4tte Merrit Althopian es nicht gewagt, hier hinauszusteigen, w\u00e4ren nicht die Ranken einer \u00fcppigen Lornizere [<em>~ Gei\u00dfblatt-artige Pflanze<\/em>] in Griffweite gewesen. Daran lie\u00df sich ein St\u00fcck die Mauer entlang und dann an dem Stamm, der abw\u00e4rts f\u00fchrte, auf den Hof klettern. Im Prinzip, das war dem Jungen klar, h\u00e4tte er mit viel geringerem Risiko auch einfach die T\u00fcr, Korridor und Stiegen benutzen k\u00f6nnen. Allerdings h\u00e4tte ihn dort mit gr\u00f6\u00dferer Wahrscheinlichkeit jemand gesehen, denn zwischen den S\u00e4len und Zimmern waren auch zu dieser Stunde Menschen unterwegs, und in der fremden Burg kannte er sich nicht aus. Wenn er sich jedoch an der Au\u00dfenmauer entlang tastete und dabei keinen L\u00e4rm machte, w\u00fcrde man ihn vielleicht nicht bemerken. Warum sollte jemand im Dunklen die Mauer hinauf schauen?<\/p>\n<p data-p-id=\"208f608165b708d2963203f23acfd5d7\">Einen Augenblick lang z\u00f6gerte Merrit Althopian. Sollte er es wirklich tun? Sein Vater hatte ihm nicht ausdr\u00fccklich verboten, nachts aus einem Fenster zu klettern. Andererseits war der Junge sich durchaus dar\u00fcber im Klaren, dass er gescholten werden w\u00fcrde, wenn er mitten in der Nacht von der zweiten Etage des Wohngeb\u00e4udes in einen fremden belebten Burghof st\u00fcrzte.<\/p>\n<p data-p-id=\"91ec1f5ca1980e640a6dc4727b3f82f7\">Indes hatte der Knabe im Heimlichen schon weitaus gef\u00e4hrlichere Kletterpartien absolviert. Damit vertrieb er sich die Zeit. Auf des Vaters Burg hatte Merrit nur wenig Kontakt mit anderen Kindern gehabt; es lebten dort direkt im Haus nur wenige Familien, deren Nachwuchs zum Teil deutlich j\u00fcnger oder \u00e4lter war. Merrit h\u00e4tte auch gar nicht allzu viel Zeit zum Spielen gehabt. Gro\u00dfe Teile seines Tages verbrachte er bei dem Gelehrten, der ihm gegen ein gro\u00dfz\u00fcgiges Entgelt Lesen und Schreiben, Rechnen und all das andere beibrachte, das er f\u00fcr sein Leben wissen mochte. Die andere H\u00e4lfte des Tages geh\u00f6rte seiner Ausbildung, nicht nur im Umgang mit seinen \u00dcbungswaffen, sondern auch dem Reiten, Laufen und Schwimmen.<\/p>\n<p data-p-id=\"f9ac45fadd717c25a101b908373c8910\">Merrit sog all das in sich auf wie ein Schwamm, die k\u00f6rperliche Bet\u00e4tigung vielleicht etwas gen\u00fcsslicher als die f\u00fcr seinen Geist, denn er h\u00e4tte anderenfalls kaum gewusst wohin mit seiner Energie, seiner Kraft. Der Junge war, seit er denken konnte, besessen davon gewesen, ein vortrefflicher K\u00e4mpfer zu werden, einer, dessen purer Ruf und Anblick Feinde davon abhielt, Untaten zu vollbringen. Er eiferte seinem Vater in allem nach, der sich genau solche Tugenden und Fertigkeiten erarbeitet hatte, der seinen Rang bei jedem Turnier, jedem freundschaftlichen Gepl\u00e4nkel aufs Neue best\u00e4tigte.<\/p>\n<p data-p-id=\"690d9837184a6c9f986a669198900c23\">Die Mutter war stolz gewesen auf den Jungen, der so sehr danach strebte, eines Tages seinem Vater nachzufolgen, unangreifbar, loyal und in seinen Pflichten und seiner Ehrbarkeit einer, unter dessen Obhut die Schutzbefohlenen in Frieden und Wohlstand wirtschaften konnten.<\/p>\n<p data-p-id=\"1fe93dd19b21e0dace5366944df7e8ff\">Die Mutter &#8230; die geliebte Mutter hinter den Tr\u00e4umen &#8230;<\/p>\n<p data-p-id=\"6e380a18b11178c46212f9addff62316\">Merrit Althopian z\u00f6gerte, hockte sich in der Fenster\u00f6ffnung nieder und schaute hinab. Der Burghof war anders als der daheim, durchgehend mit Kopfstein gepflastert. Hart.<\/p>\n<p data-p-id=\"f88aa3a182c8ba26265bd066acf3828b\">Einen viel zu langen Moment sann der Junge dar\u00fcber nach, pl\u00f6tzlich von seinem verbotenen Abenteuer abgelenkt in etwas viel D\u00fcstereres, Verzweifelteres. Dann gab er sich einen Ruck, erhob sich und griff nach den Ranken seitlich am Fenster. T\u00f6richt war das. Von hier aus w\u00fcrde er sich mit Pech allenfalls Arm oder Beine brechen. Das w\u00fcrde sicher \u00c4rger geben. Und es konnte warten.<\/p>\n<p data-p-id=\"e3f58638206ed2fbed489a16f40a423e\">Zun\u00e4chst musste er den anderen Jungen, den Sohn von <em>yarl <\/em>Emberbey finden. Dazu mochte ein Blick durch die Fenster reichen. Das war auf jeden Fall diskreter, als offen auf dem Flur von T\u00fcr zu T\u00fcr zu gehen.<\/p>\n<p data-p-id=\"12327e6b7e8e8b42e842e55e75a20f59\">Was dieser andere Junge, Osse hie\u00df er wohl (was f\u00fcr ein seltsamer, altmodischer Name. Greise hie\u00dfen so, keine Kinder in ihrem Alter!) am Abend getan hatte, hatte Merrit Althopian auf eine ihm unverst\u00e4ndliche Weise imponiert und verwirrt. Er hatte nicht begriffen was da vorgegangen war, nicht, warum die Erwachsenen es offenbar so possierlich (Merrit sch\u00fcttelte sich) gefunden hatte, dass sie beide ein St\u00fcckchen Brot von der <em>teirandanja<\/em> angeboten bekommen hatten. Er hatte das sonderbare Gef\u00fchl, dass der andere Junge etwas getan hatte, dessen Tragweite ihm allein klar gewesen war. Und er, Merrit Althopian, der nichts im Sinn hatte als Fechten, Reiten und die \u00fcbergro\u00dfe Schwere in seinem Herzen &#8230; instinktiv hatte er <em>mitgemacht<\/em>. Hatte gewusst, dass dieser andere Junge, so l\u00e4cherlich und schw\u00e4chlich er aussah mit seinem d\u00fcnnen K\u00f6rper und der Brille, so kompetent war, dass er ihn anleiten konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"c01b32f0ba91556099b9619cfc94cf43\">Merrit hatte anschlie\u00dfend versucht, seinen Vater nach der Bedeutung von alldem zu fragen, aber die anderen Herren, die diese seltsame Szene wohl als Kinderspiel abtaten, hatten Wa\u00fdreth Althopian in Beschlag genommen, mit wichtigen Themen, mit <em>erwachsenen<\/em> Themen. Da hatte Merrit nicht st\u00f6ren wollen. Im Gegenteil, es passte ihm hervorragend in seine Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p data-p-id=\"bd88a42afc155e8e97434414b7b3f2b6\">Nun, solange er sich nicht so ungeschickt anstellte, dass er hier von der Mauer fiel wie ein reifer Apfel vom Baum, musste der Vater nicht erfahren, dass er sich seine Antwort selbst holte. Vielleicht konnte der Gleichaltrige ihm Dinge beibringen, von denen <em>mestar<\/em>, Schwertlehrer und der Vater selbst nichts verstanden.<\/p>\n<p data-p-id=\"ef843561dc3aacd013dbf6dd95836ea0\">Merrit Althopian setzte seinen schmalen Fu\u00df l\u00e4ngs auf den Sims und griff mit seinen H\u00e4nden, die bereits ausdauernd Schwerter aus Holz und Z\u00fcgel halten konnten, in die Lornizere.<\/p>\n<p data-p-id=\"8dfc5f7b0cbb42567d99deaab112ca3e\">Den schwarzgewandeten Mann oben auf dem Dach der Burg bemerkte er nicht. Der hatte das Kind l\u00e4ngst bemerkt, ber\u00fchrte sacht mit den Fingern die obersten Spitzen der s\u00fc\u00dfduftend bl\u00fchenden Pflanze und bewirkte damit, dass die Ranken fest wurden wie Str\u00e4nge aus Draht.<\/p>\n<p data-p-id=\"39318b0db53fbf823540c85fbc80bb57\">Yalomiro Lagoscyre l\u00e4chelte.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/morgenkind-oder-die-grenzen-des-dunklen-band-2\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2465","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-02_morgenkind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2465","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2465"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2465\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3754,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2465\/revisions\/3754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2465"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2465"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2465"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}