{"id":2440,"date":"2025-08-25T11:44:11","date_gmt":"2025-08-25T09:44:11","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2440"},"modified":"2025-09-01T09:07:29","modified_gmt":"2025-09-01T07:07:29","slug":"012-ehre-und-erbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/012-ehre-und-erbe\/","title":{"rendered":"012: Ehre und Erbe"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"MK_Thiumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1987\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"fa1af35dec5c6fbe911376eb1817e1e1\">Der Regen fiel seit dem sp\u00e4ten Vormittag. Es waren keine prasselnden, schweren Tropfen, sondern ein stetiges Nieseln, eine Feuchtigkeit, zu schwer, um Nebel zu sein und zu leicht f\u00fcr einen Schauer. Kalt war es. Der Wind vom Meer dr\u00fcckte die Feuchtigkeit durch das nur einen Spalt weit ge\u00f6ffnete Fenster. Ganz schlie\u00dfen konnte Osse Emberbey es nicht. Er ben\u00f6tigte das bisschen graue Licht, um zu lesen. Eine Laterne oder auch nur eine Kerze konnte er nicht zur Hilfe nehmen, jegliche Art von Flamme war in diesem Zimmer voller Papiere verboten. Sich mit dem Buch in ein anderes Gemach zur\u00fcckziehen konnte er auch nicht. Der <em>mestar <\/em>[~ Lehrer], der in einem gesch\u00fctzteren Winkel des Raumes in am Tisch sa\u00df, hatte ihn genau im Auge. Der Gelehrte stellte irgendwelche Berechnungen mit einem Z\u00e4hlbrett an und machte sich dann und wann Notizen. Daf\u00fcr kam er mit weniger Beleuchtung aus.<\/p>\n<p data-p-id=\"bb5cea9ad651d8b46d993e5a878a7fbb\">Der Junge fr\u00f6stelte, zog seine Jacke fest um sich und blinzelte auf die gedruckten Zeilen in dem Buch auf dem Pult vor ihm. Das schlechte Licht und die winzigen Buchstaben taten seinen Augen nicht gut, aber der <em>mestar<\/em> erwartete, dass er am Abend all die Namen und Daten auswendig daher sagen konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"aaf03a6430d44f42e5d00259d846ab6f\">Das allein w\u00e4re keine Schwierigkeit gewesen. Osse hatte ein ausgezeichnetes Ged\u00e4chtnis und eine schnelle Auffassungsgabe. Au\u00dferdem war er es gew\u00f6hnt, mit Wissen traktiert zu werden, das ihm irgendwann in seinem Leben einmal von h\u00f6chstem Nutzen sein sollte, wie der <em>mestar<\/em> es ihm immer und immer wieder mahnend vorhielt.<\/p>\n<p data-p-id=\"b48bcff71c9fdcb4a764f70e50caa876\">Indes fiel es dem Jungen immer schwerer, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Seit die Mutter fort war, dr\u00fcckte die Traurigkeit ihn noch mehr nieder als zuvor. Doch nicht nur das: Auch der Vater hatte sich ver\u00e4ndert. Alsg\u00f6r Emberbey, den Osse nie anders gekannt hatte als hart, unbewegt und achtbar, war <em>still<\/em> geworden. In den ersten Tagen hatte Osse ihn kaum mehr zu Gesicht bekommen. In der Burg fl\u00fcsterte man dar\u00fcber, dass dem alten <em>yarl<\/em> der Verlust seiner Gef\u00e4hrtin mehr zu Herzen gegangen war, als man es dem gestrengen Herrn zugetraut h\u00e4tte.<\/p>\n<p data-p-id=\"cfc22e29f9f0a8e769748f6fb8ace5b9\">Nicht einmal Truda gelang es, den Vater aufzumuntern, obwohl sie es anfangs auf eine verst\u00f6rend beharrliche Weise versuchte. Osse begriff nicht, was in seiner j\u00fcngeren Schwester vorgehen mochte. Nat\u00fcrlich wusste sie, dass die Mutter fort war und niemals zur\u00fcckkehren w\u00fcrde, um ihnen die Lieder zu singen, die Geschichten zu erz\u00e4hlen, die sie aus ihrer fernen Heimat mitgebracht hatte. Vielleicht war Truda noch zu jung, um diese Wahrheit g\u00e4nzlich zu erfassen. Wenn die Nacht kam, h\u00f6rte er sie in ihrer Kammer weinen, die <em>opayra<\/em> [~ Gouvernante] versuchte, sie zu tr\u00f6sten. Tags\u00fcber war das kleine M\u00e4dchen abgelenkt. Dann wich sie der Amme nicht von der Seite, die sich um Ra\u00fdneta k\u00fcmmerte, und fand das winzige Kindlein ausgesprochen aufregend. Beide, <em>opayra<\/em> und Amme, tuschelten oft miteinander und verstummten, wenn es sich so f\u00fcgte, dass er den Raum betrat.<\/p>\n<p data-p-id=\"93fdfd500a1de60487d7c9b3a3bd7996\">Truda hatte es schlie\u00dflich aufgegeben, den Vater mit ihrem kindlichen Trost zu bedr\u00e4ngen. Wenn sie abends gemeinsam am Kamin sa\u00dfen, spielte sie still vor dem Feuer mit ihren Puppen. Der <em>yarl<\/em> gr\u00fcbelte vor sich hin. Und Osse las verstohlen in geheimen Schriften.<\/p>\n<p data-p-id=\"0dd980001acbfe14b39ecc417d202725\">Eilig hatte er die wenigen B\u00fccher, die die Mutter mit nach Emberbey gebracht hatte, aus ihrem Gemach genommen, bevor jemand auf den Gedanken kommen konnte, sie fortzur\u00e4umen und wegzuwerfen. Nun lag der Stapel schmaler B\u00e4ndchen zwischen anderem Ger\u00fcmpel in einem Abstellraum unter dem Dach. In einem altmodischen, verbeulten Topfhelm hatte Osse sie versteckt, genau so einem, wie der Held in einem der B\u00fcchlein ihn auf den bunten Abbildungen darin trug, ein stolzer Recke in smaragdfarbenen Gew\u00e4ndern. Wovon die Geschichte handelte, verstand Osse Emberbey noch nicht so recht. Die B\u00fccher, die man ihm zur Lekt\u00fcre gab, enthielten keine Geschichten.<\/p>\n<p data-p-id=\"9425029e06e48fb7c29c87140c80f9c9\">Mit dem Einband eines zerfallenen alten Rechnungsbuches, das er unweit des Helms gefunden und das in etwa dasselbe Format hatte, hatte er den zerlesenen Ritterroman getarnt. Nun versuchte er geduldig zu verstehen, wovon die Mutter m\u00f6glicherweise einst getr\u00e4umt hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"256a170ca4ea0943b25fd151263efc7f\">Ab und zu sp\u00fcrte er dabei, dass der <em>yarl<\/em> ihn gedankenvoll anschaute und, wenn er aufblickte, so tat als sei es Zufall gewesen. Vater und Sohn, obwohl im selben Raum, fanden nicht zueinander. Bei Tisch redeten sie nur das N\u00f6tigste miteinander. Osse wagte nicht zu fragen, wie es weitergehen sollte. Und Alsg\u00f6r Emberbey wusste es m\u00f6glicherweise selbst nicht. Aber in den letzten Tagen, das hatte Osse dem entnommen, was er vom Gesinde aufschnappte, hatte der Vater viele Stunden mit dem <em>maedlor<\/em> [~ Beamter, Schreiber] verbracht. Es wurden Briefe verfasst, Briefe, aus denen offenbar ein gro\u00dfes Geheimnis gemacht werden sollte. Geheimnisse machten Osse <em>nerv\u00f6s<\/em>. Sie beunruhigten ihn und lenkten ihn von seinen Pflichten ab.<\/p>\n<p data-p-id=\"d5295cea784f6fde8f42b1117e6ea56f\">Der Junge warf einen fl\u00fcchtigen Blick hin\u00fcber zum <em>mestar<\/em>, der in seine Rechnungen vertieft war und wagte es f\u00fcr einen ganz kurzen Moment, seine Brille abzusetzen. Seine Augen schmerzten davon. Nur f\u00fcr ein paar Atemz\u00fcge wollte er ihnen Ruhe g\u00f6nnen. Das regnerische Grau vor dem Fenster, die Wand aus Nieselregen und das endlose weite Meer dahinter, im tr\u00fcben Licht schlammig gr\u00fcn, war angenehm verschwommen und dumpf. Sehns\u00fcchtig blickte der Junge einen Moment hinaus aufs Wasser, sp\u00fcrte die Augengl\u00e4ser kalt unter seinen Fingern und schauderte. Er <em>hasste<\/em> die Sehhilfe. Von wo der Vater vor vielen Sommern die kunstvollen Gl\u00e4ser herbei geschafft hatte, wusste Osse nicht. Aber der <em>mestar<\/em> hatte ihm gesagt, er solle sich gl\u00fccklich dar\u00fcber sch\u00e4tzten, denn es sei selbst unter den Allerreichsten in For\u00e9tern nicht \u00fcblich, etwas so Kostbares einem ungeschickten Kind anzuvertrauen. Und so trug Osse die Brille, ohne zu klagen und setzte sie hastig gerade noch im rechten Moment auf, bevor der Vater das Schulzimmer betrat.<\/p>\n<p data-p-id=\"5168a95960b2b7d6b73c735d81d5d12e\">Der <em>mestar<\/em> erhob sich eilig beim Anblick seines Herrn und verneigte sich. Aber Alsg\u00f6r Emberbey beachtete den Gelehrten kaum. Er blieb in der T\u00fcr\u00f6ffnung stehen, als erinnere er sich nicht so recht, warum er gekommen sei. Dann schritt er auf das Pult zu, neigte sich \u00fcber das Buch und \u00fcberflog die Zeilen.<\/p>\n<p data-p-id=\"3a1303e9b74ce5e09f05576668b22102\">\u201eWas lernt der Junge gerade?&#8221;, fragte er dann, ohne sich dem <em>mestar<\/em> zuzuwenden.<\/p>\n<p data-p-id=\"0d52237f6188184fee9321a0ed27d581\">\u201e\u00dcber die Vergangenheit der edlen n\u00f6rdlichen Familien und ihre Allianzen w\u00e4hrend der Chaoskriege, Herr&#8221;, antwortete der <em>mestar<\/em> eifrig.<\/p>\n<p data-p-id=\"f5b2cca0a014fe2a76f29a9c78b69599\">\u201eUnd wie stellt er sich dabei an?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9afdb46f74febe11e3f7de17e2376677\">\u201eIch habe keinen Grund, \u00fcber ihn zu klagen, Herr. Er ist still und gelehrsam.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"789892c1be0bb7a41ee9fb7dd4947e4d\">Osse wartete. Es war oft so, dass der Vater mit anderen \u00fcber ihn sprach, obwohl er ihn ebenso gut selbst h\u00e4tte fragen k\u00f6nnen. Aber dass der <em>yarl <\/em>selbst erschien, um sich zu vergewissern, dass er lernte, das war ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p data-p-id=\"8e2d97b19270261baa8525dfa2ee1198\">Nun bewegte sich der Blick des Vaters von dem Verzeichnis weg hin zum Gesicht des Jungen.<\/p>\n<p data-p-id=\"1c91ad96baadf7d31c63567e31bad690\">\u201eOsse, wer war der <em>yarl<\/em> von Emberbey in jenem Winter, in dem die Chaoskriege endeten?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e8d4c5e3493fc0f574a2211f816ec99f\">\u201eHerr Thorgar Emberbey&#8221;, antwortete Osse, ohne zu z\u00f6gern. \u201eDer Vater deines Gro\u00dfvaters.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"01e6592ac986ffabde9ff4d3506075e9\">\u201eWar Thorgar Emberbey ein guter Schutzherr seines <em>yarlm\u00e1lon<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ef47e7e7c65679dc69d69378946026f0\">\u201eJa, Vater. Er hat die Burg und seine Leute gegen eine \u00dcbermacht von Angreifern verteidigt, zu Land und zur See.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f22a0ef896832a237ac3b6163a637ad9\">\u201eWer hatte angegriffen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4b633d0b729be4994694df23875aabfe\">\u201eDer <em>teirand<\/em> Athgey Ho\u00fdvant.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"23d37422d27ef68865b312acea3becf0\">\u201eWer war der <em>teirand<\/em> der Herren von Emberbey?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"64cc00e40c5277ced7e64f914ed3db88\">\u201eAthgey Ho\u00fdvant&#8221;, antwortete Osse verunsichert. Was sollte das? Warum fragte der Vater ihn \u00fcber so alte Geschichten ab?<\/p>\n<p data-p-id=\"77172f3cc853447d56936fd46f661953\">\u201eUnd nun, Osse, sag mir: Darf ein <em>yarl<\/em> gegen seinen eigenen <em>teirand<\/em> aufbegehren?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e51c1c3c69ede6eb819593829e5a891a\">Osse schwieg. Was f\u00fcr eine Antwort erwartete der Vater?<\/p>\n<p data-p-id=\"0bc720cf966f5a70d280f1e54eea8b15\">\u201eIch wei\u00df nicht&#8221;, gab er dann zu. \u201eSo weit bin ich noch nicht mit dem Buch. Davon steht nichts darin.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"88c854b0c49aeaabcb8ce0499a7a7830\">\u201eWollt Ihr, dass ich Euren Sohn \u00fcber die n\u00e4heren Umst\u00e4nde jener diffizilen Geschichte aufkl\u00e4re?&#8221;, fragte der <em>mestar<\/em> eifrig.<\/p>\n<p data-p-id=\"feeeea238f75126d15181c122d3ce8fe\">\u201eNein. Es reicht, wenn er wei\u00df, dass das Thorgar Emberbey damals getan hat, was das Beste f\u00fcr das <em>yarlm\u00e1lon<\/em>, f\u00fcr seine Schutzbefohlenen war, ganz egal, wie die Umst\u00e4nde sich darstellen m\u00f6gen.&#8221; Der <em>yarl<\/em> zog das Buch zu sich hin\u00fcber und klappte er zu. \u201eKomm mit mir, Osse. Ich habe dir einige Dinge zu sagen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"866cc9f040ce6ef6419ff8e7d7401d23\">Der Junge nickte und ging gehorsam hinter seinem Vater her. Das leichte Eisenzeug, das der <em>yarl<\/em> angelegt hatte, kaum noch mehr als ein Symbol, eine Andeutung seines Standes als wehrhafter Dienstmann, klirrte sacht. Der <em>mestar<\/em> war sichtlich verbl\u00fcfft. Dass man seinen Unterricht unterbrach und ihm seinen Sch\u00fcler entf\u00fchrte, hatte er noch nicht erlebt. Aber dagegen aufbegehren konnte er nicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"99534a47b76a6485faeab04f208945f4\">Alsg\u00f6r Emberbey f\u00fchrte seinen Sohn schweigend durch das Geb\u00e4ude und dann im Wehrturm die steile Treppe hinauf. Einen Moment lang bef\u00fcrchtete Osse, der Vater k\u00f6nne durch irgendeinen dummen Zufall die versteckten B\u00fccher gefunden haben und wolle ihn daf\u00fcr zur Rede stellen. Aber der <em>yarl<\/em> durchquerte den Raum mit dem alten Zeug schweigend und erklomm dann die Stiege, die durch eine Fallt\u00fcr aufs Dach des Turmes herauf f\u00fchrte.<\/p>\n<p data-p-id=\"010fbcd83a05cef70567c5897a6a65ad\">Dort standen sie dann beide in diesem sonderbaren Mittelding aus Regen und Nebel, neben dem im Wind knatternden, mit roten B\u00e4ndern versehenen Banner, wei\u00dfe Fische auf gelbem Grund. In Richtung Meer ausgerichtet stand eine schlecht gewartete, funktionsunf\u00e4hige Balliste aus morschem Holz. Angeblich, das wusste Osse, war es eben diese Waffe gewesen, mit der Thorgar Emberbey damals die Burg gegen Angreifer in der Bucht verteidigt hatte. Heute war es nicht mehr n\u00f6tig, Schiffe zu versenken. Das alte Ding stand seit Ewigkeiten hier herum, weil man es wohl aus Respekt vor Herrn Thorgars Andenken nicht entfernen wollte; vielleicht aber auch, weil sich niemand die M\u00fche machte, die sperrige Wurfmaschine abzubauen. Ein paar Schritte davon entfernt befand sich ein kleiner gemauerter Taubenschlag. Dort kauerten zusammengedr\u00e4ngt und aufgeplustert mehrere V\u00f6gel unter dem Dach und warteten auf Sonnenschein.<\/p>\n<p data-p-id=\"221017f28c4186019ff497f1294a1cff\">Aber Alsg\u00f6r Emberbey schaute nicht aufs Meer. Er f\u00fchrte seinen Sohn zu den nach Osten ausgerichteten Zinnen. Links lag schmutziggr\u00fcn das Meer, rechts erstrecken sich die Weiden von den schroff abfallenden Klippen bis ins Hinterland herein. Osse erkannte das Dorf in einiger Entfernung von der Burg und dazwischen viele wei\u00dfe Punkte auf dem Gr\u00fcn, gro\u00dfe Schafherden. Doch Regentropfen, die auf den Brillengl\u00e4sern abperlten, tr\u00fcbten seine Sicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"3a55be99a7425310a03083c92752f09e\">Warum, bei den M\u00e4chten, standen sie hier im Regen und schwiegen? Was wollte der Vater ihm sagen und brachte es doch nicht heraus?<\/p>\n<p data-p-id=\"d78c7db5c73cbf456746bf7a2e479365\">\u201eIch werde in ein paar Tagen nach Wijdlant aufbrechen&#8221;, sagte der <em>yarl<\/em> nach einer Weile. \u201eIch habe mit meinem <em>teirand<\/em>, gegen den ich niemals mein Schwert erhoben h\u00e4tte, etwas zu bereden.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"627bee1699a3f6c6d7a2c831a04621fb\">Osse horchte auf. Dass der Vater, wie es Sitte war, immer wieder f\u00fcr einige Monde den Hofdienst versehen musste war nicht ungew\u00f6hnlich, aber \u00fcblicherweise ritt er nach Spagor, zur Burg seines Herren westlich von V\u00edrhavet, ungeachtet dessen, ob dieser dort vor Ort war . Dass er ins Landesinnere zur Festung der <em>teiranda<\/em> reiste, war selten und hatte folglich mit Sicherheit gewichtigere Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p data-p-id=\"6554b332cdcb09074d42b4cb6a07c8fb\">\u201eIch werde artig sein und dir keinen Anlass zum Tadel geben&#8221;, sagte der Junge vorsichtig.<\/p>\n<p data-p-id=\"132a2b5a09501a807d092dc634a176db\">\u201eDu wirst mich begleiten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7bd42ce00729da045b67ad7c9a42df2f\">\u201eIch?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"65c6caef9729cf878903724185d47fa7\">\u201eDu hast mich verstanden.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f96d39dec8bddbc6a8454d81b42956fb\">\u201eJa, nat\u00fcrlich. Aber &#8230; ich war noch nie am Hof der <em>teiranda<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"575ea0069e88c68d341ec9d010322eab\">\u201eEs gab zuvor noch keinen Grund dazu, dich dort vorzustellen. Aber die <em>teiranday<\/em> w\u00fcnschen ausdr\u00fccklich deine Anwesenheit.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"092e797203b757f7d68865f0e4a008e1\">\u201eAber warum?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"63171e0ed73976a61df51d169de26cc5\">\u201eVielleicht wollen sie sich mit eigenen Augen davon \u00fcberzeugen, dass &#8230;&#8221; Er unterbrach sich, sprach es nicht aus. Osse ahnte indes l\u00e4ngst, was seinen Vater so sehr besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p data-p-id=\"3109db1f1f177807be30258edfb8df8f\">\u201eVielleicht haben sie in Wijdlant etwas, wozu du besser passt&#8221;, brachte der <em>yarl<\/em> schlie\u00dflich hervor. \u201eEtwas, was ich dir hier nicht einrichten kann.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ef2359319472655b1c4819d1598a1404\">\u201eAber &#8230; ich kann hier nicht weg. Ich muss doch &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2a4f66e4d83bed041ec2ac644de9fc31\">\u201eWas?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bad327e667888ca33b9290e9a8b1eee5\">\u201eIch muss auf Truda und Ra\u00fdneta aufpassen. Ich habe es Mama versprochen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"83093ffc21db5dce4a7265659c06c251\">Der <em>yarl<\/em> l\u00e4chelte freudlos. Ein Lachen wurde nicht daraus. Nein, verspotten w\u00fcrde der Vater ihn nicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"1de9c6d5d4a8302c299dcee0ccb3104f\">\u201eWas w\u00fcrdest du machen, wenn die Burg angegriffen w\u00fcrde, Osse? Womit w\u00fcrdest du deine Schwestern verteidigen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6af956f673de63e1cefd036982619157\">Der Junge blickte zu Boden. Auf dem flachen Dach hatten sich einige Pf\u00fctzen gebildet. Manchmal schlug ein gr\u00f6\u00dferer Regentropfen auf einem Eisenst\u00fcck auf, das der Vater am Leib trug. Dann nahm er die Brille ab und steckte sie in den K\u00f6cher an seinem G\u00fcrtel. Das Glas beschlug und nahm ihm die Sicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"25f0f5ec8edaa4b51c574298bd946365\">\u201eWann brechen wir auf?&#8221;, fragte er leise.<\/p>\n<p data-p-id=\"e56c0621974295b53f91f528ef8df1c1\">\u201eIch erwarte eine Nachricht. Sobald ich Antwort habe, machen wir uns bereit.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"47ed5405addf51c01d6b9223f157d6b8\">\u201eWartest du auf eine Taube? Sind wir deshalb hier oben?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8a6d511cfe33ae33bad6b1cc00580fb3\">\u201eDas auch. Aber ich wollte auch nicht, dass der <em>mestar<\/em> uns dazwischen redet&#8221;, erwiderte der <em>yarl<\/em>. Der Junge fragte sich, ob sie gerade tats\u00e4chlich ein richtiges Gespr\u00e4ch miteinander gef\u00fchrt hatten.<\/p>\n<p data-p-id=\"8f2d903ee6d42837e6dc9b2d3468892c\">\u201eSchau dich um, Osse&#8221;, fuhr Herr Alsg\u00f6r fort. \u201eall das, was du um dich siehst, ist Land, \u00fcber das die <em>yarlay<\/em> von Emberbey zu wachen haben. \u00dcber das Land, aber auch die Menschen und das Vieh darauf. Wenn ich hinter die Tr\u00e4ume gehe, wirst du daf\u00fcr verantwortlich sein. Aber du wirst es nicht verteidigen k\u00f6nnen, wenn jemand es dir streitig machen wollte. Jemand anderes muss es f\u00fcr dich tun.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2172503a288b0325e9973b8e9493cad0\">\u201eJemand anderes? Aber &#8230; wer?&#8221;, fragte Osse verwirrt.<\/p>\n<p data-p-id=\"6568bede779d58c0615b82c4f86feda2\">\u201eM\u00f6gen die M\u00e4chte geben, dass ich darauf bald eine Antwort habe.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c7f5f5b5a1330a55df42845978a403a9\">Sie standen noch eine Weile l\u00e4nger gemeinsam neben dem Taubenschlag, bis es allm\u00e4hlich zu dunkel wurde, als dass ein Vogel nun noch geflogen w\u00e4re. Der Junge war bald durchgefroren und regennass in der klammen K\u00e4lte. Dem Vater schien es nichts auszumachen. Er trug einen wetterfesten Wollmantel.<\/p>\n<p data-p-id=\"f9ac8a7e0931ff54177c0d18f458bf97\">\u201eDanke&#8221;, sagte Alsg\u00f6r Emberbey schlie\u00dflich leise. \u201eDu musst mir hier nicht l\u00e4nger Gesellschaft leisten. Geh hinein und zieh dir trockene Sachen an. Sieh zu, dass du p\u00fcnktlich beim Essen bist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8010b43baff2ddda2dec87eeb80a2b56\">Osse Emberbey gehorchte seinem Vater, aber nicht sofort. Kaum war der Junge wieder im Haupthaus, stahl er sich hin\u00fcber zu den Stuben der Frauen, wo die Amme \u00fcber Ra\u00fdneta wachte. Die Frau musterte den Jungen in seinen nassen Hausgew\u00e4ndern verwirrt, lie\u00df ihn aber gew\u00e4hren, als er leise an die Wiege seiner Schwester herantrat. Der Knabe war so r\u00fchrend sanft und vorsichtig, dass sie nicht bef\u00fcrchten musste, er k\u00f6nne das friedlich schlummernde Kindlein aufwecken. Sie nickte ihm nur zu und bedeutete ihm, still zu sein.<\/p>\n<p data-p-id=\"c8be1f7315f0f7009373a233fdbca147\">Sacht schob er einen Zipfel des Kissens, auf dem das Wiegenkind schlief, etwas beiseite, sodass er ihr Gesichtchen sehen konnte. So stand er eine Weile and\u00e4chtig und l\u00e4chelte z\u00e4rtlich.<\/p>\n<p data-p-id=\"8d4bc0ddbaea84d6bdc141842050e6ff\"><em>Dich besch\u00fctze ich, <\/em>dachte Osse Emberbey entschlossen. <em>Ich ganz allein. Egal, womit und gegen wen.<\/em><\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/morgenkind-oder-die-grenzen-des-dunklen-band-2\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2440","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-02_morgenkind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2440"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2440\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3765,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2440\/revisions\/3765"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}