{"id":2433,"date":"2025-08-25T11:48:14","date_gmt":"2025-08-25T09:48:14","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2433"},"modified":"2025-09-01T09:03:31","modified_gmt":"2025-09-01T07:03:31","slug":"019-galeon-am-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/019-galeon-am-abgrund\/","title":{"rendered":"019: Gal\u00e9on am Abgrund"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"MK_Thiumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1987\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"4ff6257872fd60021ad4b5f3a92bff22\">Als Gal\u00e9on wieder zu sich kam, hatte er jegliches Zeitgef\u00fchl verloren. Womit auch immer man ihn bet\u00e4ubt hatte, es machte ihn immer noch benommen und hatte einen dumpfen, dr\u00fcckenden Schmerz in seinem Kopf hinterlassen. Sein ganzer Mund war erf\u00fcllt von einem metallischen Geschmack. Er versp\u00fcrte instinktiv den Drang, auszuspucken, aber es lag ein Knebel zwischen seinen Z\u00e4hnen, mit etwas spitzem daran, das seine Zunge niederdr\u00fcckte. Gal\u00e9on seufzte innerlich. Er hasste diese widerlichen Dinger. Mancherorts pflegte man damit <em>b\u00e1chorkoray <\/em>zurechtzuweisen, die ein wenig <em>zu viel<\/em> erz\u00e4hlt hatten.<\/p>\n<p data-p-id=\"0519561e4724e8a0b522eec02184bdf9\">Aber was hatte er falsch gemacht? An das, was gerade \u2013 oder vor Tagen \u2013 geschehen war, hatte er keine Erinnerung. Er entsann sich nur noch an das feuchte, stinkende Tuch vor seinem Gesicht, und dann hatte die Zeit ausgesetzt.<\/p>\n<p data-p-id=\"20a31da709fd7c4dc5b47bb6da8b3608\">Er war nicht allein. Ein paar Schritte von ihm entfernt h\u00f6rte er M\u00e4nnerstimmen, ged\u00e4mpft, aber nicht allzu sehr um Ruhe bem\u00fcht. Das Gespr\u00e4ch, das sie f\u00fchrten, ergab erst einen Sinn als er begriff, dass sie offenbar in ein sehr einfaches Spiel vertieft waren. Wahrscheinlich vertrieben sie sich die Zeit, w\u00e4hrend sie ihn bewachten.<\/p>\n<p data-p-id=\"10eeacd156210e477876ad434d80fea4\">Gal\u00e9on blieb reglos liegen. Dass er wieder bei Bewusstsein war, mussten sie nicht zu fr\u00fch bemerken. Zuerst wollte er wissen, was mit ihm geschehen war, wohin man ihn gebracht hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"5f8ada747c718985e3c90358341994fe\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> lauschte an dem halb gelangweilten, halb aufmerksamen Gemurmel der beiden M\u00e4nner, sehr wahrscheinlich den Handlangern des <em>sinor<\/em> \u00daldaise, vorbei und probierte, ob er etwas ersp\u00fcren konnte. Hinter den Stimmen nahm er zum einen ged\u00e4mpfte Ruhe wahr, aber es war nicht lautlos. Eine stetige, aber sparsame Ger\u00e4uschkulisse war vorhanden, noch dumpfere, entferntere Stimmen, Schritte irgendwo \u00fcber ihm, ab und an war es, als w\u00fcrden T\u00fcren ge\u00f6ffnet oder geschlossen. Einmal h\u00f6rte er, ganz leise und weit weg, den Gong, der die Zeit einteilte. Und das fast unh\u00f6rbare Ger\u00e4usch von tr\u00f6pfelndem und murmelndem Wasser, gar nicht zu weit entfernt.<\/p>\n<p data-p-id=\"beaaf209e6e4a3be7d785509c874e346\">Seine H\u00e4nde lagen in metallenen B\u00e4ndern auf seinem R\u00fccken, aber seine F\u00fc\u00dfe waren frei. Unter Fingerspitzen, Kn\u00f6cheln und seiner Wange sp\u00fcrte er einen h\u00f6lzernen Untergrund. Die Luft war trocken und roch nach Holz und Stein, aber auch frisch und unverbraucht. Das passte nicht recht zu dem Wasser und nicht zu seinen Erfahrungen. Gal\u00e9on war in seinem Leben oft genug in Verliesen gelandet, um zu dem Schluss zu gelangen, dass dies hier h\u00f6chstwahrscheinlich kein offizieller Kerker war. Das war nicht unbedingt ein Anlass zu Erleichterung.<\/p>\n<p data-p-id=\"fabbffe61befdeb84e80a3ac55bac917\">Gal\u00e9on wagte es, ein Augenlid halb zu \u00f6ffnen. D\u00e4mmriges, nat\u00fcrliches Licht erhellte einen runden, blitzsauberen Raum mit wei\u00df verputzten W\u00e4nden. Es drang durch kreisf\u00f6rmige Fensterchen, die etwa den Durchmesser von Esstellern hatten und sich direkt unterhalb der Decke wie eine Perlenkette aneinanderreihten. Die Decke selbst war plan, aus hellen Holzplanken gefertigt und, wurde von speichenf\u00f6rmig angeordneten Streben gest\u00fctzt. Sie befand sich nicht allzu hoch \u00fcber ihm, etwa zweieinhalb Mannsh\u00f6hen nur.<\/p>\n<p data-p-id=\"36c15c61a8f589a2180bb4a48ca69895\">Gal\u00e9on \u00f6ffnete auch das andere Auge. Er lag auf einer h\u00f6lzernen, ebenfalls kreisf\u00f6rmigen Plattform in der Mitte des Raumes, etwa in H\u00fcfth\u00f6he oberhalb des Fu\u00dfbodens. Ringsum ragten einige metallene Streben auf, die \u00fcber ihm in spitzem Winkel zusammenliefen. Eine Umlenkrolle baumelte dort, mit einem lockeren Seil, dessen Enden am Boden lagen.<\/p>\n<p data-p-id=\"2e977bb895dd7bb5cf4c923f276e30ef\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> runzelte misstrauisch die Stirn. Was war das? Ein Brunnen? Wo war er hier gelandet?<\/p>\n<p data-p-id=\"11f6fef0066f767a7a828295f9f2ddf8\">Ganz an der Peripherie seines Blickfeldes sah er die beiden schrankformatigen Begleiter des alten \u00daldaise sitzen. Die M\u00e4nner hatten sich neben einer unauff\u00e4lligen T\u00fcr auf dem Boden niedergelassen. Sie vertrieben sich die Zeit damit, eine M\u00fcnze zu werfen und zu raten, auf welcher Seite sie aufkommen w\u00fcrde. Besonders anspruchsvoll schien diese Besch\u00e4ftigung nicht zu sein, aber m\u00f6glicherweise waren ihnen die Gespr\u00e4chsthemen ausgegangen und sie hatten nichts anderes bei sich, um sich zu zerstreuen.<\/p>\n<p data-p-id=\"8de8c6df59eb7058642f398d5bbafd5e\">Gal\u00e9on \u00fcberlegte. Wenn man ihn hier auf Sicht bewachen lie\u00df, dann war dieser Ort nicht so ausbruchsicher wie es zum Beispiel die Zellen unten in der Stadt an den Marktpl\u00e4tzen waren. Demnach war er vermutlich ein <em>inoffizieller<\/em> Gefangener des Rats\u00e4ltesten, auch wenn er sich nicht zusammenreinem konnte, welches Interesse \u00daldaise daran haben konnte. Schiere Antipathie rechtfertigte weder den Aufwand noch die Neugier, die sein pl\u00f6tzliches Verschwinden aus der Villa von <em>sinor<\/em> Sah\u00e1al\u00edr wecken w\u00fcrde. Immerhin h\u00e4tte er heute Termine mit den anderen Alten gehabt, an die sich m\u00f6glicherweise noch einige von ihnen erinnern mochten. Auch dass ein <em>b\u00e1chorkor<\/em> fortging, <em>bevor<\/em> man ihm seinen Lohn ausgeh\u00e4ndigt hatte, musste dem Ratsobersten verd\u00e4chtig vorkommen.<\/p>\n<p data-p-id=\"ad9ecd650816add060b3cf2d4d4329d4\">Nun, es f\u00fchrte kein Weg daran vorbei. Er musste herausfinden, was vor sich ging. Gal\u00e9on regte sich und probierte, sich aufzusetzen, so gut es mit den gefesselten H\u00e4nden ging. Dabei versuchte er, auf sich aufmerksam zu machen, was abgesehen von ein paar erstickten Lauten nat\u00fcrlich nicht m\u00f6glich war.<\/p>\n<p data-p-id=\"8a2074953899ddd5549b11c1d84def19\">Die beiden M\u00e4nner warfen ihm einen wenig interessierten Blick zu. Dann warfen sie ein letztes Mal ihre M\u00fcnze. Einer stand auf, vermutlich der Verlierer der Runde, und ging durch die T\u00fcr fort. Der andere wartete einen Moment und stieg dann seinerseits auf die Plattform, um den <em>b\u00e1chorkor<\/em> unsanft auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen und dann mit verschr\u00e4nkten Armen Wache neben ihm zu beziehen.<\/p>\n<p data-p-id=\"51a8b656578a6afdd1b912c7c4500d81\">Es dauerte nicht lange und sein Kamerad kehrte zur\u00fcck, in Begleitung von \u00daldaise. Der <em>sinor<\/em> konnte sich nicht weit entfernt aufgehalten haben. Gal\u00e9on folgerte daraus, dass man ihn innerhalb der Oberstadt verschleppt hatte, was auch die moderaten Ger\u00e4usche von drau\u00dfen erkl\u00e4rte. Unten in der gesch\u00e4ftigen Stadt h\u00e4tte es viel mehr L\u00e4rm vor den Fenstern gegeben.<\/p>\n<p data-p-id=\"2b2035a338f676ef7ad60c2e025e54f0\">Der alte Mann trug andere Gew\u00e4nder als zuvor, hatte also wohl Zeit in seinem privaten R\u00e4umen verbracht. Und er schien Beschwerden beim Laufen zu haben, humpelte etwas und musste von seinem Diener gest\u00fctzt werden. Einen kurzen Moment \u00fcberlegte Gal\u00e9on, ob er hier wohl in \u00daldaises Villa war, aber dann entsann er sich, dass die K\u00fcchenmagd davon gesprochen hatte, dass der Alte irgendwo zur Miete wohnte. Er w\u00fcrde wohl kaum einen Gefangenen im Keller seines Hauswirtes verstecken.<\/p>\n<p data-p-id=\"6007e7ddfe2d6e31b855dffe30bb7040\">\u00daldaise musterte Gal\u00e9on mit seinem dunklen Blick. Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> hielt dem einen Augenblick stand, dann \u00fcberkam ihn wieder dieses unerkl\u00e4rliche und sinnlose Schaudern. Es gab keinen Grund, sich vor alten Leuten zu f\u00fcrchten.<\/p>\n<p data-p-id=\"e6d22b32d47e77f5ca7c3c3f3ddee0ed\">\u201eDu hast sicherlich Fragen&#8221;, brach der <em>sinor<\/em> schlie\u00dflich das Schweigen. \u201eWahrscheinlich willst du wissen, warum du hier bist. Nun, ich wollte vermeiden, dass du verschwindest, bevor <em>ich<\/em> deine Geschichte geh\u00f6rt habe.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"035f39ba9d4e737f2c9648e14e819a43\">Gal\u00e9on versuchte, zu antworten. \u00d9ldaise schnaubte abf\u00e4llig, dann nickte er dem anderen Leibw\u00e4chter zu, damit der den Knebel l\u00f6ste.<\/p>\n<p data-p-id=\"6fbb831e5df5a3ed02dc3230b60b9c7d\">\u201eWenn du redest, dann nur in angemessene Lautst\u00e4rke. Wenn du versuchst, zu schreien oder sonstwie laut wirst, machst du es unangenehmer f\u00fcr dich&#8221;, warnte der Alte. \u201eIch will mit dir sprechen, nichts weiter. <em>Noch<\/em> nicht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bf65a935ca36309c8450b171d57b3ba3\">Gal\u00e9on nickte und versuchte, seinen Kiefer soweit zu lockern, dass er wieder reden konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"071e3759a3b7fe163c4a40d0d984d658\">\u201eWozu der Aufwand?&#8221;, fragte er dann. \u201eIch w\u00e4re schon nicht so schnell aus Aur\u00f3p\u00e9a verschwunden.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2e5eae41a687bca9b2227af65622fb01\">\u201eGlaub mir, du h\u00e4ttest nichts Eiligeres zu tun gehabt, als zu verschwinden, bevor Sah\u00e1al\u00edr bemerkt, dass seine kostbaren Edelsteinfiguren aus Iva\u00e1l fort sind.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d195d11c32b21949a488e9b56df2c119\">\u201eWelche Edelsteinfiguren?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d9c26ef7c9f6ccbbc6b17bbf177750bf\">\u00daldaise nickte seinem Diener zu, und der f\u00f6rderte aus seiner Tasche eine zierliche, fingerlange Spielfigur hervor, die aus so klarem Bergkristall gefertigt war, dass sie fast durchsichtig war. Ein Lichtstrahl reflektierte darauf. Gal\u00e9on erkannte, dass das kleine Kunstwerk den <em>jor<\/em>, einen Magier darstellte.<\/p>\n<p data-p-id=\"3a69e2a2d858e9e3ecba90929596515f\">\u201eDiese Edelsteinfiguren. Ich sch\u00e4tze, du h\u00e4ttest in der Unterstadt einen guten Preis daf\u00fcr bekommen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"134b728f13ab37da8ec199dbf1d39904\">Gal\u00e9on war gekr\u00e4nkt. In seinem ganzen Leben hatte er auch in der gr\u00f6\u00dften Not niemals etwas gestohlen. Dass \u00daldaise seine Redlichkeit besch\u00e4digte, war ein billiger und schmutziger Zug. Aber damit konnte er sich nicht aufhalten.<\/p>\n<p data-p-id=\"5f0b09f0e0ae130c1a99787ce1f912f2\">\u201eEs ist nicht n\u00f6tig, mich zu verschleppen, edler Herr. Ich erz\u00e4hle jedem das, was er zu h\u00f6ren w\u00fcnscht, ganz freiwillig.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d8f6c9224923bb72cdf11dbe5fc0b425\">\u201eGut. Dann will ich wissen, was du bist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f86f6ce3d85b87d443bc9addaa5f27b7\">\u201eIch bin ein <em>b\u00e1chorkor<\/em>. Ich hei\u00dfe Gal\u00e9on.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"429c500f7dc2724306be7a5796fcad16\">\u201eIch habe nicht gefragt, wer du bist, sondern <em>was<\/em> du bist. Stell dich nicht dumm, Bursche!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a701b7f134e37f1dfef71de6f3ab3e78\">\u201e<em>Was<\/em> ich bin?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ddb77634c5444297f78d6d02dcace032\">\u201eDenkst du denn, mir w\u00e4re entgangen, dass du nicht das bist, was du zu sein vorgibst? Die senilen Greise des <em>konsej<\/em> kannst du leicht einlullen, aber ich bin noch lange nicht so wirr im Kopf, dass du mich so billig t\u00e4uschen k\u00f6nntest.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"76327f7cccdc5b49a4207d484d36d0b6\">\u201eAber was bringt Euch dazu, mir zu unterstellen, dass ich jemanden t\u00e4uschen wolle?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4c5619c9813e4e0ac2191ba8321a15f9\">\u201eDu hast dich selbst verraten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6545de26aeec6d9a0e7a7cdc8580d2ba\">\u201eIch verstehe nicht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4db1b911619ee15ec8ef148612bf6a66\">\u201eWie alt bist du, Bursche? Zwanzig Sommer? F\u00fcnfundzwanzig? Sicherlich nicht mehr, nicht wahr?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"55f3678fd3cf2fc2eb6a47c489128893\">\u201eIch habe nie gez\u00e4hlt, Herr. Ihr m\u00f6gt Recht haben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"307de8405d61f84e00834d5bee541f48\">\u201eWie konntest du dann so getreu von dem alten B\u00fccherpalast von Iv\u00e1al wissen, von dem du dem alten Sah\u00e1al\u00edr gestern Nacht so eindringlich erz\u00e4hlt hast? Dieses Geb\u00e4ude steht seit gut siebzig Wintern nicht mehr. Sie haben die B\u00fccher l\u00e4ngst in ein neues, besseres Haus gelagert und das alte Gem\u00e4uer geschliffen, als der Boden darunter absank.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"332a1b736f6ae6bbee08681adfbdf62d\">\u201eM\u00f6glich. Aber der ehrenwerte <em>sinor<\/em> wird sicherlich das alte Geb\u00e4ude gekannt haben, wenn er in seiner Jugend ein <em>maedlor<\/em> in Iva\u00e1l war. Es war mir ein Anliegen, ihm f\u00fcr seine Gro\u00dfz\u00fcgigkeit mit einer sch\u00f6nen Erinnerung zu danken.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f5fe8c778e124ddfe9fed302acc654e6\">\u201eRede keinen Unfug. So bunt und anschaulich, wie du geredet hast, musst du den Palast mit eigenen Augen gesehen haben. Ich war n\u00e4mlich auch eine Weile in Iv\u00e1al. Vor <em>f\u00fcnfundsiebzig<\/em> Sommern.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"29e19f5e7d1083138900034277bc5773\">\u201eDas ist Unsinn, Herr, mit Verlaub. Denkt Ihr denn, ich h\u00e4tte in Iva\u00e1l nicht mit Alten \u00fcber die Sch\u00f6nheit und Ruhm ihres <em>yarlmal\u00f3n<\/em> gesprochen und alte Bilder gesehen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2d40d4ac55dd0f5cd6b9058c597ec21e\">\u201eDenkst du denn, ich k\u00f6nnte nicht <em>sp\u00fcren<\/em>, dass du mich dreist anl\u00fcgst?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8befea56852e0086faee3c07bd896019\">\u201eWie, ehrenwerter Herr, sollte denn die Wahrheit aussehen? Welches Interesse sollte ich haben, jemanden \u00fcber ein altes Gem\u00e4uer anzul\u00fcgen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9896c13f64cee927c4fb947f981416f5\">\u201eIch wei\u00df nicht M\u00f6glicherweise willst du dir das Vertrauen von Sah\u00e1al\u00edr und seinen Freunden erschleichen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"17f11bb9691420209053758e347481dd\">\u201eWas sollte mir das Vertrauen des <em>konsej<\/em> n\u00fctzen, Herr? Ich bin ein heimatloser armer <em>b\u00e1chorkor<\/em>. Ich habe von einer Mahlzeit und einem sicheren Schlafplatz weit mehr Nutzen als vom Vertrauen alter Leute.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4e2f662c8c03a0d8e55043640ddcb248\">\u00daldaises Blick verd\u00fcsterte sich. Gal\u00e9on erschien es f\u00fcr einen Lidschlag, als n\u00e4hmen seine Augen die Farbe von fl\u00fcssigem Blei an, aber sicher war das nur ein Effekt des schwindenden Abendlichtes.<\/p>\n<p data-p-id=\"10d2c8dfc11c4118f4818d288b66a200\">\u201eVielleicht bist du ein Spion?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"28983b985220890d33e97f7116a8ef63\">\u201eEin Spion?&#8221; Nun war der <em>b\u00e1rchorkor<\/em>, ungeachtet seiner Lage, am\u00fcsiert. \u201eF\u00fcr wen sollte ich spionieren?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"660a7b457f96710c2af1d373ddd0face\">\u201eVielleicht f\u00fcr die, die dich f\u00fcr deine Dienste mit einem Unma\u00df an Lebenszeit belohnen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b8bd647436d224e5c479a6c61577c6f9\">Gal\u00e9on hob fragend die Brauen. \u201eWie soll das zugehen? Und wen verd\u00e4chtigt ihr einer solchen Unm\u00f6glichkeit?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"db8da73b10d79883827dd27ca0a7cc80\">\u201eWillst du dich \u00fcber mich lustig machen?&#8221;, zischte \u00daldaise.<\/p>\n<p data-p-id=\"7e6a75583a185bfba5edfb3853d6d455\">\u201eIhr beiden&#8221;, wandte Gal\u00e9on sich an die beiden Leibw\u00e4chter, die schweigend dabeistanden und zuh\u00f6rten, \u201ewer von uns mag der gr\u00f6\u00dfere M\u00e4rchenerz\u00e4hler sein? Ich, der ich zuweilen von Berufs wegen mit alten Menschen \u00fcber die Vergangenheit rede oder Euer Herr, der mir langw\u00e4hrende Jugend unterstellt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"14f190aecd89cac81b21b84a64af1b3b\">\u201eNa ja&#8221;, lie\u00df sich einer der beiden h\u00f6ren, aber sein Partner knuffte ihn tadelnd in die Seite. Offenbar durften die zwei nicht allzu viel reden.<\/p>\n<p data-p-id=\"c4ac8e104818d010bf1218a4d35ba5cb\">\u00daldaise beachtete seine Gehilfen nicht weiter. \u201eDir soll die Frechheit schon noch vergehen&#8221;, drohte er gelassen.<\/p>\n<p data-p-id=\"a1f5a358eb1a1b96b13f0bd3c5ca3627\">\u201eHerr&#8221;, beharrte Gal\u00e9on, \u201ewas immer Euch eine so wunderliche Idee eingibt, und wie sehr Ihr auch \u00fcberzeugt davon sein m\u00f6gt und falls etwas daran sein sollte \u2013 was habt Ihr mit mir vor? Stellt Eure Fragen und lasst mich dann meiner Wege gehen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"41ca30a78b5bd9c9d69d3cb1d7f6d8cb\">\u201eDann leugnest du, dass die Regenbogenritter dich geschickt haben?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"77e95fb4c6ddf1079631649a7939638a\">Nun starrte Gal\u00e9on den Rats\u00e4ltesten verbl\u00fcfft an. \u201eDie <em>Regenbogenritter<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"44a66754971b8fb6c5d1666c573afb64\">\u201eWer sonst? Hast du nicht ihren Ruhm genug gepriesen, in deiner abgeschmackten Geschichte \u00fcber die Chaoskriege? Hast du nicht selbst den gro\u00dfen Schwur, den sie den Menschen von Aur\u00f3p\u00e9a geleistet haben, infrage gestellt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7c0fecee3c8bfefdabee4534146a72a6\">\u201eMacht mich meine unma\u00dfgebliche, bescheidene und m\u00f6glicherweise vorlaute Meinung gleich zum Spion der Magier?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"39a495c3907130ee98016e8fdb76f225\">Der Ratsherr \u00e4chzte \u00e4rgerlich und lie\u00df sich auf dem Rand der Plattform nieder. Offenbar wurde ihm das Stehen langsam zu anstrengend. \u201eJe l\u00e4nger du es leugnest, desto verd\u00e4chtiger macht es dich.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"900022da7fe1e10f3230b81968f33cb1\">\u201eUnd was, edler Herr, sollte ich, angenommen Ihr w\u00e4ret im Recht und ich derjenige, der nicht bei Verstand ist, f\u00fcr die Regenbogenritter ausspionieren? Denkt ihr im Ernst, die Hellen Magier w\u00e4ren darauf angewiesen, einen sterblichen Menschen mit Spitzeldiensten zu betrauen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cb69a718c7a4009b78046c405aa37283\">\u201e<em>Bist<\/em> du sterblich?&#8221;, fragte \u00daldaise ruhig.<\/p>\n<p data-p-id=\"adfbde25be1a516db15049cd267765e3\">Gal\u00e9on biss sich auf die Lippen. Der Rats\u00e4lteste l\u00e4chelte zufrieden. \u201eWarum z\u00f6gerst du?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9eeeff49d6afe29154963d57917746d7\">\u201eMir missf\u00e4llt die Frage, Herr. Immerhin wei\u00df ich immer noch nicht, was ihr mit mir vorhabt. Ich habe wohl bemerkt, dass ein Menschenleben in dieser Stadt weniger wertvoll ist als an anderen Orten, die ich auf meinen Reisen sah.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7379d0e22a9737b849821e7f8ddd95c0\">\u201eAch ja.&#8221; \u00daldaise rieb sich zerstreut den R\u00fccken. \u201eNun, ich denke noch dar\u00fcber nach.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"79845eded2b360b46cbd1f9ec7353234\">\u201eWenn ich denn nun ein Spion f\u00fcr die Regenbogenritter oder ein sch\u00e4biger Dieb auf eigenes Recht w\u00e4re, Herr &#8230; was soll dieser Aufwand? Wieso klagt Ihr mich nicht offen vor dem <em>konsej<\/em> an und lasst die edlen <em>sinoray<\/em> die Wahrheit herausfinden?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0a84a365e3619a0358fb5bb6314872b9\">\u201eVielleicht ist es einfach nicht in meinem Interesse, die edlen Damen und Herren \u00fcber die Ma\u00dfe zu beunruhigen. Es gibt Dinge, f\u00fcr die sie sich in ihrem Alter nicht mehr interessieren sollten. Es k\u00f6nnte f\u00fcr so manchen zu aufregend sein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e9d2cf981ae876a660ec430074ac88cb\">\u201eIch verstehe. Es ist Euch lieber, wenn die M\u00e4chtigen dieser Stadt sich um nichts weiter Sorgen m\u00fcssen als \u00fcber die Bek\u00f6mmlichkeit der n\u00e4chsten Mahlzeit?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f7a8a1d78aedd201dd3feb067abd2d44\">\u00daldaise lachte. \u201eF\u00fcr einen <em>b\u00e1chorkor<\/em> bist du gar nicht so dumm.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"703d125f761f06cea3e953c33c85c129\">\u201eUnd was ist es nun, das Euch interessiert?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"55ed578a5a07c143558c2040a4bb71aa\">\u201eDu wei\u00dft, dass die Regenbogenritter nicht davon abgelassen haben, die W\u00fcste zu bewachen, um jegliches Anzeichen daf\u00fcr, dass die Chaosgeister zur\u00fcckkehren k\u00f6nnten rechtzeitig zu erkennen. Das tun sie seit ewigen Zeiten, lange bevor sich die ersten Menschen in Aur\u00f3p\u00e9a niedergelassen haben. Die <em>faj\u00eda<\/em> und ihre Leute sind unfassbar alt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0dc29d422b359f94d3d088b743eb74ce\">\u201eJa&#8221;, sagte Gal\u00e9on. \u201eAber sie sind nicht unsterblich, wie sich in der gro\u00dfen Schlacht zeigte.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b9786f6fe94fa1d5df7e39d563893b3c\">\u201eDu kennst das Geheimnis ihres langen Lebens?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f8984e45566d29d1e1cfdca47fbb7333\">\u201eNein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6b7b75ef0b1a04b9d08c415bf61056f4\">Der <em>sinor<\/em> sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eDie falsche Antwort, Bursche.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3449410f5781d6d838d2d9721a5e7eda\">\u201eWenn sie ein Geheimnis haben, w\u00fcrden sie es kaum mit mir teilen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"925b34b19ff137f21e4b4d76e8f9d353\">\u201eWarst du schon einmal im <em>Ciel\u00e1stel, b\u00e1chorkor<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"81de3ec62b7265d026ff3133ead98d83\">\u201eNein&#8221;, antwortete Gal\u00e9on wahrheitsgem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p data-p-id=\"95907b19d95bc4b03a7219a566cfccfd\">Nun schaute der alte Mann skeptisch zu ihm auf. \u201eDann leugnest du, dass du dich bei Sah\u00e1al\u00edr eingeschlichen hast, um dich davon zu \u00fcberzeugen, wie es um den Rat von Aur\u00f3p\u00e9a bestellt ist?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4b6d89dac826eafb0a8941984640f22b\">\u201eDas muss ich nicht erst leugnen, denn es ist Unsinn. Warum sollte ich das tun? Warum sollten Magier nicht <em>ohnehin<\/em> ohne mich davon wissen, dass die F\u00fchrung der Stadt nur noch wenige Atemz\u00fcge von kompletter Senilit\u00e4t entfernt ist? Dass in der Unterstadt nicht nur die Sitten, sondern auch die Moral v\u00f6llig aus dem Gef\u00fcge sind? Dass Aur\u00f3p\u00e9a sich selbst ruinieren wird? Wieso sollten die <em>arcaval&#8217;ay<\/em> einen Spion ben\u00f6tigen, um all dessen gewahr zu werden? Haltet Ihr die Magier f\u00fcr <em>schwachsinnig<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a629e87f0d50a54778a93134cd65b4fe\">\u201eSie brauchen Spione, weil sie sich in der Ehre und Redlichkeit ihres Schwures nicht selbst in Aur\u00f3p\u00e9a herumtreiben, Bursche! Sie lassen die Stadt in Ruhe und wir scheren uns nicht um ihre Gesch\u00e4fte.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"40c8f4c458b40768da7ee29090353b16\">\u201eUnd weil die <em>arcaval&#8217;ay<\/em> trotz allem neugierig sind, schicken sie Eurer Meinung nach <em>b\u00e1chorkoray<\/em> in die Oberstadt, um den Rat auszuspionieren? Was ist das f\u00fcr ein wunderlicher Verfolgungswahn?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e88aa2022fb20539e1d9524933e80c5c\">\u00daldaise hob schweigend die Hand, was einer seiner M\u00e4nner zum Zeichen nahm, Gal\u00e9on mit einer Hand den Mund zuzuhalten und mit dem anderen Arm zu umschlingen und festzuhalten, damit der andere ihm schwungvoll einen unfairen und sehr schmerzhaften Tritt versetzen konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"4189b55cdf88c61538c5664b1f7382ec\">Der Ratsherr wartete geduldig, bis der Schmerz verebbte und der <em>b\u00e1chorkor<\/em> wieder bei Atem war, bevor er weiter sprach. \u201eDie <em>arcaval&#8217;ay<\/em> haben sich bislang an ihr Ehrenwort gehalten. Es ist nicht n\u00f6tig, dass sie gerade jetzt beginnen, sich f\u00fcr Menschenangelegenheiten zu &#8230; <em>interessieren<\/em>. Wenn du dabei bleibst, dass du nicht von ihnen geschickt wurdest, um, sagen wir &#8230; nachzusehen, dann soll es gut sein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2b42ad6f4eab037a87c3f8783da93bab\">\u201eDann lasst Ihr mich wieder gehen?&#8221;, \u00e4chzte Gal\u00e9on.<\/p>\n<p data-p-id=\"1a37ea26a1fefbedb9b3671d05274303\">\u201eWo denkst du hin? Selbst wenn du tats\u00e4chlich nur zuf\u00e4llig gerade jetzt so nahe daran bist, dich in meine Angelegenheiten einzumischen, w\u00e4re es viel zu riskant, dich laufen zu lassen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b48b9f12177d853b96a1e69340a6bd15\">\u201eBef\u00fcrchtet Ihr, ich k\u00f6nne jemandem von dieser seltsamen Angelegenheit erz\u00e4hlen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fb0cd76f011e6bd69efbeb11350deabb\">\u201eNein. Niemand w\u00fcrde dir glauben. Du bist ein <em>b\u00e1chorkor<\/em>. Die Leute <em>erwarten,<\/em> M\u00e4rchen von dir zu h\u00f6ren.&#8221; Er wandte sich seinen Helfern zu, mit denen er in einer sehr effizienten Zeichensprache zu kommunizieren wusste. Jedenfalls warf der eine Gal\u00e9on auf die Knie, sodass er direkt neben dem Alten aufkam.<\/p>\n<p data-p-id=\"ed48e2bcf8a3b4465324786f947fce14\">\u201eIch habe verstanden, dass du mit mir nicht reden willst&#8221;, sagte er. \u201eAber das ist gar nicht so schlimm. Ich habe meine Mittel, Dinge auch zu erfahren, ohne dass du deine Zunge anstrengen musst. Also kannst du dein Zaumzeug auch ebenso gut wieder tragen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cc7158e1d14a27dff7aa56c9798ef977\">Es hatte keinen Zweck, sich dagegen zu wehren. Gal\u00e9on lie\u00df es \u00fcber sich ergehen, um \u00daldaises Knechten gar nicht erst Grund f\u00fcr \u00fcbertriebene Brutalit\u00e4t zu geben, aber diesmal bekam er zus\u00e4tzlich einen Riemen um Kinn und Hinterkopf. Das hie\u00df nichts Gutes.<\/p>\n<p data-p-id=\"148494cc93616540e515e84cf21cf04d\">Dann griff der Alte mit beiden H\u00e4nden nach dem Gesicht des jungen Mannes. Die d\u00fcnnen Fingerspitzen legten sich eiskalt und kr\u00e4ftig auf Stirn, Schl\u00e4fen und Wangen.<\/p>\n<p data-p-id=\"a9f39a44a522ed0a8859778fee7bad48\">Gal\u00e9on keuchte. Erneut schienen die Augen im Gesicht das Alten sich zu <em>verfl\u00fcssigen<\/em>, zugleich ergoss sich etwas \u00fcber seinen Geist wie Schleim, etwas, das sein Denken \u00fcberzog und l\u00e4hmte, als lege sich ein Schmutzfilm dar\u00fcber. Es tat weh und war zugleich ekelhaft.<\/p>\n<p data-p-id=\"971fa24b9546ba12738abd644a603fb1\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> wand sich so heftig, dass die beiden Leibw\u00e4chter fest zugreifen mussten, um ihn zu halten. Es war, als tauche er in etwas <em>Verwesendes<\/em> ein, und alles, was er tun konnte, um sich zu wehren war, seinen eigenen Geist so glatt und hart zu denken wie die Oberfl\u00e4che einer Glaskugel. Die F\u00e4ulnis rutschte daran ab, tropfte ins Leere und \u00daldaise wimmerte seinerseits auf, \u00fcberrascht, angestrengt und wie es Gal\u00e9on schien, sogar ein klein wenig ver\u00e4rgert.<\/p>\n<p data-p-id=\"f85f189afaf64b1db4dc7011e93fb8f9\">Tats\u00e4chlich: Der alte Mann lie\u00df ihn los und stie\u00df ihn von sich, sprang beh\u00e4nde auf von seinem Sitz am Rand der Plattform und kam augenblicklich ins Straucheln. Offenbar hatte er sich tats\u00e4chlich den R\u00fccken verrenkt. Seine M\u00e4nner kamen ihm zu Hilfe, w\u00e4hrend Gal\u00e9on sich zusammenkr\u00fcmmte und unsagbar schmutzig f\u00fchlte.<\/p>\n<p data-p-id=\"6d480ec7ec06863d6426d04fbac18fcd\">Einen Moment lang h\u00f6rte er nur die pflichtschuldig besorgten Stimmen der Leibw\u00e4chter auf den <em>sinor<\/em> einfl\u00fcstern. Dann hatte der Alte wieder seine Fassung zur\u00fcckgewonnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"92544ab9375536c300c9ad4d7087236e\">\u201eWas bist du?&#8221;, fragte er, leise, gef\u00e4hrlich. \u201eEs ist &#8230; <em>etwas<\/em> da, aber ich erkenne es nicht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"dfe04bff3c30d904b8da1d7dde0aa106\">Gal\u00e9on blickte auf. Die Augen des <em>sinor<\/em> waren nun wieder menschlich.<\/p>\n<p data-p-id=\"9f520ea673dd093d6ca78a2877d93635\">\u201eIch verstehe. Du wei\u00dft es selbst nicht genau, nicht wahr?&#8221;, fragte der Alte. \u201eDu <em>kannst<\/em> mir nicht antworten, weil du es nicht wei\u00dft, habe ich recht?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"70a3c9bd6d2837efde751ab5f42d9e1e\">Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> regte sich nicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"db0c7f7495ab5e25b67169064374f8e6\">\u201eDann lass es uns zusammen ergr\u00fcnden. Finden wir f\u00fcr den Anfang heraus, wie sterblich du bist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cfd30e15deec627c74d6be4084965673\">Wieder ein Wink hin zu den Leibw\u00e4chtern. Der eine griff das eine Ende des Seils vom Boden, das zur Umlenkrolle zwischen den Metallstreben f\u00fchrte, um es an den Handfesseln zu befestigen. Der andere begann, das andere Seilende aufzurollen und \u00fcber seinem Arm zu sammeln. Es war ein sehr langes, stabiles Seil. Als der endlich eine handgerechte Menge abgemessen hatte, zog er ohne Vorwarnung an.<\/p>\n<p data-p-id=\"d9532f6fdb090ef6362dcb74637c25fb\">Gal\u00e9ons Arme wurden hinter seinem R\u00fccken in die H\u00f6he gezerrt, Der <em>b\u00e1chorkor<\/em> h\u00e4tte gellend geschrien, h\u00e4tte er seinen Mund \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Dann verloren seine F\u00fc\u00dfe den Kontakt zum Boden. W\u00e4hrend er unterhalb der Seilrolle pendelte, konnte er sehen, wie \u00daldaises Handlanger eine Schlaufe des Seils straff durch einen am Boden befestigten Ring legten und mit einem kurzen Rundholz sicherten. All das geschah mit einer solchen Routine, dass Gal\u00e9on klar wurde, dass sie dies nicht zum ersten Mal taten.<\/p>\n<p data-p-id=\"9c8cfb4d2837b37b20fdccd21c37e6b5\">Dann begannen die beiden, sich an der Holzplatte zu schaffen zu machen. Kurz darauf hing der junge Mann \u00fcber einem dunklen Schacht mit gemauertem Rand. Ganz in der Tiefe war das Wasser nun deutlicher zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p data-p-id=\"9b9169596a811de2da1385703f151589\">\u201eHier eine Geschichte f\u00fcr dich, da dich Historisches doch so sehr interessiert. Dieser Brunnen&#8221;, erkl\u00e4rte \u00daldaise, \u201ewurde von den ersten Bewohnern Aur\u00f3p\u00e9as angelegt. Weil der Grundwasserspiegel \u00fcber die Zeiten sank, mussten sie ihn immer weiter vertiefen und in den H\u00fcgel treiben. Sp\u00e4ter wurde das Wasserproblem anders gel\u00f6st, und so ist die urspr\u00fcngliche Lebensquelle der Stadt heute nicht mehr als ein sehr tiefes Loch. Ihren Palast haben sie \u00fcber dem alten Brunnen erbaut. Ein Denkmal. Etwas, das sie ihn Ehren halten wollten. Du verstehst dich auf Traditionen, wenn du doch so viele Erinnerungen gesammelt hast, oder?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"69813feef321432c4172b47aa6c9e277\">Gal\u00e9on versuchte, sich irgendwie in eine angenehmere Haltung zu bringen, seine Arme zu entlasten. Dennoch h\u00f6rte er dem Alten aufmerksam zu.<\/p>\n<p data-p-id=\"6f68a82b34f5308813110554cb0523ed\">\u201eIch habe leider keine M\u00f6glichkeit, dich anderweitig unterzubringen. Aber ausgerechnet hier, unter dem Fu\u00dfboden des gro\u00dfen Ratssaales, wird niemand auf die Idee kommen, dich zu suchen. Sie k\u00f6nnen alle nicht mehr gut Treppen steigen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4fb08dc40e7c8ed13fa214ffcf42fa1d\">Er schien am\u00fcsiert ob seiner \u00dcberlegenheit. Aber Gal\u00e9on antwortete nur mit einem finsteren Blick.<\/p>\n<p data-p-id=\"29e4d1dbd7160d06edb4bc421c008d0c\">\u201eEs geht weit hinunter in die Erde von hier aus. Mindestens so tief, wie die Stadtmauer hoch ist, vielleicht etwas mehr. Aber keine Angst. Wir werden dich nicht bis <em>ganz<\/em> zum Boden fallen lassen, von wo wir dich nicht mehr bergen k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f902e92d3ccbf10afe22eb559c58cc6e\">Der <em>barch\u00f3rkor<\/em> schimpfte zwischen aufeinander gepressten Z\u00e4hnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"bd6b58750eba1639d1fb9c7a36f29cc0\">\u201e<em>Falls<\/em> du \u00fcberlebst, ohne dass es dir die Glieder zersprengt&#8221;, fuhr der <em>sinor<\/em> unger\u00fchrt zu, \u201esolltest du nach einer Weile das Bewusstsein verlieren und sp\u00e4testens gegen Sonnenaufgang hinter den Tr\u00e4umen angekommen sein. Wir werden morgen nach dir schauen. Es ist unwahrscheinlich, dass dich in dieser Zeit jemand zuf\u00e4llig hier entdeckt. Meine treuen Dienstleute hier werden die T\u00fcr im Auge behalten. Wenn wir dich sp\u00e4ter wieder heraufziehen und du noch leben solltest, werden wir unser Gespr\u00e4ch fortsetzen. Wenn nicht &#8230;&#8221; Der alte Mann musterte ihn mit bleigl\u00e4nzenden Augen. Gal\u00e9on schauderte.<\/p>\n<p data-p-id=\"fc5e96c3cdbd6397794b1706f5173a25\">\u201eDann muss ich mich wohl f\u00fcr meinen falschen Verdacht bei dir entschuldigen. Dann war es wohl mein altersseniler Verfolgungswahn und ich habe einem unschuldigen <em>b\u00e1chorkor<\/em> \u00fcbel mitgespielt. Nun, das kommt vor. Hast du noch etwas zu sagen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"75e65957582b3bb6b123c0e00d7db56e\">Gal\u00e9on schnaubte panisch.<\/p>\n<p data-p-id=\"d6b243193c78daa1c5d0be5ffab2f13e\">\u00daldaise hob wieder die Hand. Neben ihm b\u00fcckte sich sein Gehilfe und zog das Holz heraus, welches das lose Seil gehalten hatte. Gal\u00e9on st\u00fcrzte ungebremst hinab, in eine, finstere Schw\u00e4rze, bis ein heftiger Ruck den Fall stoppte und ihm zugleich Atem und Bewusstsein nahm. \u00dcber ihm schob jemand schweigend den Deckel zur\u00fcck \u00fcber die Brunnen\u00f6ffnung.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/morgenkind-oder-die-grenzen-des-dunklen-band-2\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2433","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-02_morgenkind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2433","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2433"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2433\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3756,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2433\/revisions\/3756"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2433"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2433"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2433"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}