{"id":2418,"date":"2025-08-25T11:32:09","date_gmt":"2025-08-25T09:32:09","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2418"},"modified":"2025-09-01T09:11:01","modified_gmt":"2025-09-01T07:11:01","slug":"003-advon-versteckt-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/003-advon-versteckt-sich\/","title":{"rendered":"003: Advon versteckt sich"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"MK_Thiumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1987\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"2772711686c57ca8050f53081516d333\">Das Tier hob den Kopf und spitzte aufmerksam die Ohren. Interessiert drehte es dann seinen wuchtigen K\u00f6rper um, so gut es in der Enge seines Verschlages m\u00f6glich war. Die Kette, mit der es festgemacht war, klirrte dabei, viel zu laut in dem leeren, d\u00e4mmrigen Stall. K\u00fchl war es hier: Pataghi\u00fas Glanz drang ausreichend durch die schmalen Fenster an den W\u00e4nden, zugleich konnte der Wind hindurch streichen. An einem hei\u00dfen Mittag wie diesem war es angenehm, sie hier aufzuhalten. Es roch nach Stroh und Tier und Frieden.<\/p>\n<p data-p-id=\"c8753bfe8a8b40f0311502c7b2f2e8b7\">\u201ePst! Ruhig!&#8221;, wisperte eine Kinderstimme.<\/p>\n<p data-p-id=\"c4196acd739b8b74247705483e365862\">Das Tier schnaubte und machte neugierig den Hals lang. Aber es gelang ihm nicht, durch das Gatter zu schauen.<\/p>\n<p data-p-id=\"878a7a479148040e44e6a4ed8cd6b609\">\u201eSei still! Du verr\u00e4tst mich!&#8221; Die Stimme kam n\u00e4her. Auf Zehenspitzen schlich der Junge sich n\u00e4her, sorgf\u00e4ltig darauf bedacht, nicht die Aufmerksamkeit des W\u00e4rters zu erregen, der am anderen Ende des langgestreckten Stallgeb\u00e4udes zu tun hatte. Die vergitterten Verschl\u00e4ge auf beiden Seiten des Mittelgangs waren zu dieser Stunde leer. Jedes Ger\u00e4usch konnte zu laut sein.<\/p>\n<p data-p-id=\"89a8a4b67ea223a89b615b11524132b3\">\u201eMach mal Platz&#8221;, forderte der Junge mit ged\u00e4mpfter Stimme. Dann dr\u00fcckte er sich um die Ecke und quetschte sich durch das Gitter, so gut es ihm mit seinem kindlichen K\u00f6rper gerade noch gelang. Das Tier schlurfte einen Schritt beiseite, das Stroh raschelte. Dann stupste eine samtige graue Schnauze mit weiten rosa N\u00fcstern das Kind gegen die Wange.<\/p>\n<p data-p-id=\"8309256549678a745cca427f489596ee\">Der Knabe umarmte den m\u00e4chtigen Kopf und zauste dem Tier die Ohren. An deren Spitzen standen flauschige wei\u00dfe Haarb\u00fcschel empor, die sich im Luftzug sanft bewegten. Dann f\u00f6rderte der Junge unter seinem Hemd einen Apfel und ein s\u00fc\u00dfes Milchbr\u00f6tchen hervor. Die Lippen des Tieres langten danach. Das Br\u00f6tchen \u00fcberlie\u00df das Kind dem Wesen, den Apfel durfte es noch nicht haben. Zu laut. Zuerst musste der W\u00e4rter weg, bevor es hineinbei\u00dfen konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"8085c44fad484d2400d2d65db5e4ed8a\">\u201eDu musst ganz leise sein&#8221;, wisperte der Junge dem gro\u00dfen Tier, das hier eingesperrt und angekettet stand zu. \u201eIch darf nicht hier sein. Ich bin weggelaufen. Sie &#8230; ach.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"24b263f25f49d4e210ca2d569f48d271\">Er bewegte sich leise hin\u00fcber in die hintere Ecke des Verschlages und klaubte ein wenig Stroh zusammen. Wenn man ihn hier entdeckte, w\u00fcrde er nicht schnell genug weglaufen k\u00f6nnen, also musste er jede M\u00f6glichkeit nutzen, sich zu verbergen. Das Tier beobachtete ihn wachsam und schien ihm dann helfen zu wollen. Mit scharfen, gespaltenen Klauen scharrte es Einstreu zu ihm hin\u00fcber, mit einer Behutsamkeit, die nicht so recht zu dem riesigen K\u00f6rper passte. Die Kette, die den linken vorderen und den rechten hinteren Fu\u00df des Wesens so fesselte, dass es nicht auskeilen oder davonrennen konnte, klirrte. Dann legte es sich nieder und klappte seine Fl\u00fcgel auf, soweit das in der Enge m\u00f6glich war.<\/p>\n<p data-p-id=\"c34ed88a028a6db8e759d36758c7a10b\">Advon schmiegte sich dankbar unter das Gefieder. Noch konnte das Tier ihn buchst\u00e4blich unter seine Fittiche nehmen und vor fl\u00fcchtigen Blicken verstecken. Aber das w\u00fcrde enden. Bald w\u00fcrde er nicht mehr so einfach zu seinem vierbeinigen Vertrauten fl\u00fcchten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"3cca420fd465c7c5da342c0f941a3a3f\">Die Schnauze suchte nach dem Jungen. Das Horn, l\u00e4nger als der Unterarm eines Erwachsenen und wei\u00df schimmernd, stie\u00df gegen die Gitterst\u00e4be. Das Kind zuckte ertappt zusammen.<\/p>\n<p data-p-id=\"bb6055c8909ceda8075e84eb2b76d507\">Der Stallw\u00e4rter kam n\u00e4her. Er hatte keinen Grund, sich leise zu bewegen. Der kleine Junge erstarrte unter dem Fl\u00fcgel und wagte nicht zu atmen.<\/p>\n<p data-p-id=\"2292036741229ba0256f96fc82832ea9\">\u201eTut mir ja leid, Junge&#8221;, sagte der Mann. \u201eIch w\u00fcrd&#8217; dich auch lieber drau\u00dfen sehen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"54ba3cffb497eb3544f788e01d4ae06e\">Das Tier schnaubte und lie\u00df sein Horn an den Gitterst\u00e4ben entlang klirren. Das war laut in der Stille des mitt\u00e4glichen Stalls.<\/p>\n<p data-p-id=\"fe3ead3a5d7ace9da700ee1dc78089da\">\u201eWerd&#8217; den Meister drum bitten&#8221;, versprach der W\u00e4rter. Wortkarg war er, meist misslaunig und ohne Humor. Aber die Tiere hatte er gern. Er verstand sich darauf wie nur wenige Unkundige. Das war der Grund daf\u00fcr, warum er hier bei ihnen lebte und nicht unten in Aur\u00f3p\u00e9a. Advon hatte keinen Grund, sich vor diesem Mann zu f\u00fcrchten, im Gegenteil. So oft hatte er ganze Nachmittage hier mit ihm zugebracht, schon als ganz kleiner Junge, und ihn \u00fcber die Tiere ausgefragt. Alles, wirklich alles hatte Advon Ir\u00edsolor \u00fcber das Wesen und Verhalten der stolzen Tiere erfahren wollen. Das war in fr\u00fcheren Zeiten gewesen, als der Vater sich noch unbek\u00fcmmert an seinem munteren, aufgeweckten Sohn erfreut hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"b2684cc511a9cc993e30d08258c10a5d\">Bevor jemand die Angst hergebracht hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"4b47a34fc2284de5a90dd0d147367baf\">All das \u00e4nderte aber nichts daran, dass der W\u00e4rter ihn wieder zur\u00fcck in die Burg w\u00fcrde bringen m\u00fcssen, wenn er ihn entdeckte. Also hielt Advon still und flehte im Stillen zu Patagh\u00edu, dass der Mann nicht nachschauen solle, was das Tier unruhig machte,<\/p>\n<p data-p-id=\"ecc10bc14e6ec4f6abb2bbd87053d84e\">\u201eIs&#8217; nicht recht&#8221;, brummte der Mann und ging wieder zur\u00fcck an seine Arbeit. An der offenen T\u00fcr sa\u00df er, wo es heller war, und wartete das Sattelzeug. \u201eIs&#8217; nicht recht, sowas an der Kette zu haben, bei den M\u00e4chten!&#8221; Kurz darauf h\u00f6rte man wieder, wie S\u00e4ttel herumgetragen und Leder eingeseift wurde.<\/p>\n<p data-p-id=\"d52f450d9f15ea2d6818f922edcbbc56\">\u201eTut mir leid&#8221;, fl\u00fcsterte der Junge, als er wieder reden konnte, ohne sofort geh\u00f6rt zu werden. \u201eIch h\u00e4tte das nicht machen sollen. Kannst du mir verzeihen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"219d2856da3dbd07586f0e6fbe2da9ca\">Das riesenhafte Wesen hob seinen geklappten Schwanenfl\u00fcgel so weit, dass es mit seinen weichen Lippen das lange blonde Haar des Jungen erreichte. Spielerisch zupfte es daran. Advon lie\u00df es geschehen. Die Tiere waren intelligent, das stand au\u00dfer Zweifel, viel schlauer als die Pferde der Unkundigen oder deren Hunde. Advon war v\u00f6llig \u00fcberzeugt davon, dass sein m\u00e4chtiger Besch\u00fctzer genau verstand, was er sagte, sicher nicht den Worten nach, aber ganz gewiss in der Bedeutung. Damit war ihm das Tier zwischenzeitlich n\u00e4her als Vater und Mutter, seit die Angst gekommen war.<\/p>\n<p data-p-id=\"1a955c8c2811a12a39c8076a02f0e149\">Advon wusste, dass er die W\u00e4rme nicht allzu lange genie\u00dfen konnte. Wenn die Alte bemerkte, dass er sich davongestohlen hatte, anstatt seine Strafe zu verb\u00fc\u00dfen, w\u00fcrde es \u00c4rger geben. Was ihn selbst betraf, hatte er es l\u00e4ngst aufgegeben, aufzubegehren. Aber die Alte war in der letzten Zeit immer mehr dazu \u00fcbergegangen, ihren Unmut an dem auszulassen, was ihm etwas bedeutete. Das war der Grund daf\u00fcr, weshalb Farbenspiel nun hier festgekettet im Stall lag, anstatt mit seiner Herde drau\u00dfen in den G\u00e4rten der <em>faj\u00edae<\/em> [~ Feen] zu laufen. Drei Tage war es her, da Advon es im <em>Ciel\u00e1stel<\/em> bei der greisen <em>opayra<\/em> nicht mehr ausgehalten hatte. Ohne um Erlaubnis zu fragen, hatte er Farbenspiel aus dem Stall geholt. In die W\u00fcste waren sie gemeinsam galoppiert, nat\u00fcrlich nicht zu weit hinein. Soldes\u00e9r war gef\u00e4hrlich. Zu schnell verlor man die Richtung, und wer nicht achtgab, lief geradewegs ins Feuer vor dem Chaos. Aber die Alte hatte es bemerkt, und in heller Panik war der Vater mit den <em>arcaval&#8217;ay <\/em>ausgeritten, um ihn wieder einzufangen und zur\u00fcckzubringen in das Schulzimmer, das er so sehr hasste.<\/p>\n<p data-p-id=\"c7f26211181e2ca63090d2a1e95c5f0b\">Nat\u00fcrlich, dem Vater war sichtlich ein Stein vom Herzen gefallen, als sie ihn gefunden hatten. Fest umklammert hatte er ihn auf dem R\u00fcckweg, im Sattel seines eigenen Reittieres, der Junge hatte das Herz in der breiten Brust des Vaters selbst durch dessen goldenes Kettenhemd hindurch pochen gesp\u00fcrt. Wie leicht h\u00e4tte ihm hier etwas geschehen k\u00f6nnen. Mit acht Sommern war es bodenloser Leichtsinn, auf einem halbgez\u00e4hmten Einhorn mitten in die t\u00fcckische W\u00fcste zu reiten, ohne einen Erwachsenen, der die Richtung kannte. Advon hatte im Nachhinein verstanden, dass er eine wirklich gro\u00dfe Dummheit begangen hatte und sich aufrichtig daf\u00fcr gesch\u00e4mt. Wut und Trotz hatten ihm die Vernunft vernebelt. Reuig nahm er den Tadel des Vaters an, aus dem so viel Liebe klang.<\/p>\n<p data-p-id=\"61c259e00e7ed2cb3c8a8bcd4ea126f3\">Die Mutter hatte nicht einmal mit ihm geschimpft, sie hatte den Ausrei\u00dfer in die Arme geschlossen und liebkost und ihr Herz hatte ebenso geklopft wie das des Vaters. Sie tadelte ihn nie, beide straften und schimpften sie nicht. Sie priesen die M\u00e4chte, dankten Patagh\u00edu, dass er seine sch\u00fctzende Hand \u00fcber den Jungen gehalten hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"b7570585d939ec63039ea4eba0acf082\"><em>\u201eDu darfst die Weihest\u00e4tte nicht verlassen!&#8221;<\/em> Das eindringliche Wispern der Mutter klang in seiner Erinnerung immer noch flehend an sein Ohr. <em>\u201eDu darfst uns nicht verlassen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"6969a3baf0b621efe40a83c2d4232def\"><em>\u201eWenn dir etwas zustie\u00dfe&#8221;<\/em>, so sagte der Vater, <em>\u201edas Weltenspiel ginge in Tr\u00fcmmer und die Nacht senke sich ewig \u00fcber die W\u00fcste.&#8221;<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"9195fa8f32507e0a264e5a335e5a6ba8\">Advon verstand wohl, dass die Eltern sich um ihn sorgten, aber dennoch kam ihm das Drama, das sie daraus machten, etwas gro\u00df vor. Er h\u00e4tte andere Kinder danach fragen sollen, ob alle Eltern derart handelten, aber das war nicht m\u00f6glich. In der Weihest\u00e4tte war er allein unter Erwachsenen.<\/p>\n<p data-p-id=\"001441c5c4ebc4998f7ceb350bea46c5\">Keine Antwort, aber Strafe kam von der <em>opayra<\/em>. Sie tat es stets so, dass er sich nicht \u00fcber sie beklagen konnte, ohne dass Vater oder Mutter \u2013 meist beide \u2013 ihm ins Gewissen redeten. Die <em>opayra<\/em>, davon waren die Eltern \u00fcberzeugt, wusste was zu tun war, um den Jungen vor dem zu sch\u00fctzen, was au\u00dferhalb der Weihest\u00e4tte auf ihn lauerte. Er solle ihr vertrauen und auf ihre Worte achten, wiesen die Eltern ihn an. Es sei zu seinem besten.<\/p>\n<p data-p-id=\"3804f8d73a6f45f620bdac8b8208207b\">Das mochte sein, aber es \u00e4nderte nichts daran, dass Advon die <em>opayra<\/em> f\u00fcr eine gemeine alte Frau hielt, die ihn plagte und den Eltern einredete, es sei der Wille der M\u00e4chte. All das, sagte sie best\u00e4ndig, sei nur dazu da, um ihn vor dem gro\u00dfen Unheil zu sch\u00fctzen, das aus dem Norden aufgestanden war.<\/p>\n<p data-p-id=\"8ad2da8fd23b99247467c98fb24f0295\">Und nun hatte sie ihm als Antwort auf den unerlaubten Ausritt, nicht nur das Einhorn verboten, sondern das arme Tier gleich selbst zur Gefangenschaft im Stall verurteilt. Es war Advon unm\u00f6glich, es unbemerkt aus seinem Verschlag zu holen, und sei es nur, um es zur Herde zu lassen, zu den Reittieren der <em>arcaval&#8217;ay <\/em> [Regenbogenritter], die drau\u00dfen vor der Burg in der Sonne grasten.<\/p>\n<p data-p-id=\"8bea00ccd1f955773a008f3ef4814fc0\">\u201eIch bitte Vater auch noch einmal&#8221;, versprach Advon. \u201eDu bist doch ein Tier. Du kannst gar nichts B\u00f6ses tun. Du w\u00fcrdest mich nicht in der W\u00fcste allein lassen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"126ce77bf59607899f5a74d386004399\">Farbenspiel schnaufte geduldig. Der Knabe kraulte nachdenklich die lange M\u00e4hne, zart wie Daunenfedern. Wenn das Tier galoppierte, flogen Haar und Schweif duftig wie Fuchszahnschirmchen, die sich nicht voneinander trennen konnten. Nach Advons Meinung war Farbenspiel das sch\u00f6nste Einhorn in der Herde des Vater. Sein Fell und Gefieder hatten die Farbe von Perlmutt, je nachdem wie das Licht darauf fiel, irisierte es bunt wie eine Seifenblase. Farbenspiel war ein junges Tier, noch lange nicht ausreichend ausgebildet, um einen Regenbogenritter zu tragen. Entsprechend ungest\u00fcm und wild geb\u00e4rdete sich der Hengst, wenn man ihn frei laufen lie\u00df. Dann donnerten seine Hufe, dass die Erde bebte, bis er sich auf seinen Fl\u00fcgeln in die Luft erhob. Wuchtig und gro\u00df wie ein schweres Kriegsross war er, seine starken Fl\u00fcgel, Horn und Klauen gef\u00e4hrliche Waffen im Kampf. Farbenspiel liebte Honigkekse und scheute, wenn er nach dem Regen eine Pf\u00fctze zu sp\u00e4t bemerkte.<\/p>\n<p data-p-id=\"23f567754c70d602736e03f59275c6fd\">\u201eBald&#8221;, versprach Advon dem Einhorn, \u201efliegen wir weit weg. Wir finden dir eine neue Herde. Und ich &#8230; ich komm schon zurecht. Dann muss sich niemand mehr Sorgen machen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0e46e42db23e718a9cbb4cd4b2c50db4\">Farbenspiel grummelte freundlich. Advon dr\u00fcckte sein Gesicht in das Fell und trocknete eine unerlaubte Tr\u00e4ne daran. Einen Moment genoss er noch die W\u00e4rme. Das Einhorn war sein einziger Vertrauter, seit es so schwer geworden war, bei den Eltern Geh\u00f6r zu finden. Wann hatte es begonnen, dass sie so wenig Zeit f\u00fcr ihn hatten? Dass er sie am Tag nur kurz zu Gesicht bekam, und fast nie beide zugleich? War es schlimmer geworden, in der letzten Zeit?<\/p>\n<p data-p-id=\"9c8d3fd026c0c100e77a91f466c7056c\">Unvermittelt wuchtete Farbenspiel sich hoch, unbeholfen und gehemmt von seinen Ketten. Advon plumpste ins Stroh zur\u00fcck und zuckte zusammen. Das Tier spreizte die Fl\u00fcgel und seine Augen, leuchtend gelb wie die eines Reptils, funkelten.<\/p>\n<p data-p-id=\"19ffa3aedec204017fd2c7c4f6351928\">\u201eKomm da raus&#8221;, sagte Sileda\u00fa, die alte <em>opayra<\/em> streng. \u201eSofort.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2cb9334a0d77a8132f1ccb0998821e1f\">Der Junge stand gehorsam auf. Widerstand war m\u00fc\u00dfig. Sileda\u00fa musste er gehorchen. Gegen die <em>mestara<\/em> konnte er nicht aufbegehren.<\/p>\n<p data-p-id=\"82ed714e2e94120f2ce6af8dcb4e9ce1\">Der W\u00e4rter kam herbeigeeilt, entdeckte den ungebetenen Besuch im Verschlag des Einhorns und wurde kreidebleich.<\/p>\n<p data-p-id=\"e93e155477176862e5fbe4c71e6c774d\">\u201eAchtest du so auf deine Pflichten?&#8221;, schalt die Alte den verbl\u00fcfften Mann. \u201eWie leicht h\u00e4tte das Biest den Jungen verletzen k\u00f6nnen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"564194591976a3ab3ce87023417fd9c2\">\u201eHatte keine Ahnung, dass er da ist&#8221;, verteidigte der Stallmeister sich unbeholfen. \u201eMuss durch die andere T\u00fcr gekommen sein!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4c4b70d07189ea4067efe658fc28ca38\">\u201eWird wohl Zeit, das die <em>ytraray<\/em> sich einen zuverl\u00e4ssigeren Knecht einstellen&#8221;, z\u00fcrnte die Frau. \u201eMach ihm auf!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2414c3ca145e271c500ffdd82a2b9139\">\u201eEr kann nichts daf\u00fcr! Ich hab mich rein geschlichen&#8221;, verteidigte Advon den Mann hastig und schl\u00fcpfte aus dem Verschlag. Den Apfel lie\u00df er aus der Hand gleiten. Den sollte Farbenspiel sp\u00e4ter noch haben.<\/p>\n<p data-p-id=\"88f1f100744747b2e97193761a603ad0\">\u201eWarum? Warst du schon fertig mit deinen Aufgaben?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f4573ff813c54a2f9add4283f4013ba3\">\u201eNein, aber &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"94538dbd23ab03ef33881532641db495\">\u201eWer hat dir dann erlaubt, das Zimmer zu verlassen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"57484de403c4c90915653d7c7859de7a\">Advon senkte den Blick. Was sollte er darauf antworten?<\/p>\n<p data-p-id=\"1fc1829244f70ce0ac5acf59cc8d4117\">\u201eKomm mit&#8221;, verlangte die alte Frau. \u201eDie doppelten Aufgaben f\u00fcr dich. Und wenn du noch einmal unerlaubt bei den Tieren bist, dann kommt das Vieh weg!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d4033e9d69aae1a797af13a90c8d357f\">\u201eNein!&#8221;, begehrte der Knabe auf. \u201eDas Einhorn darf mir niemand wegnehmen. Der soll meiner sein, sobald &#8230; Papa hat es mir versprochen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f150b39faf9237be34734b802dd3c163\">\u201eUnsinn! Ein Maulesel tut es genau so, f\u00fcr einen ungeratenen Burschen wie dich! Was machst du deinen Eltern nur f\u00fcr Sorgen! und wie siehst du wieder aus! Voller Dreck und Stroh und Tierhaar. Ach, was machst du deinen Eltern f\u00fcr eine Not!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0fd97d61e30ada8badb39b967651585f\">Advon Ir\u00edsolor bis sich auf die Lippen. Nun kein falsches Wort. Nein, Sorgen machen sollten sich die Eltern nicht. Niemals sollte die Mutter wegen ihm traurig, nie der Vater bek\u00fcmmert sein.<\/p>\n<p data-p-id=\"35983481108f7d611e1b678ee9506de7\">\u201eIch wollte nichts schlechtes.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b8420a85142f51f89986b24cf025aedc\">\u201eDu wei\u00dft nicht, was gut f\u00fcr dich ist&#8221;, sagte Sileda\u00fa hart. \u201eUnd nun komm mit.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9528169be10862e4f636afc44b026e40\">Noch bevor Advon ein entschuldigendes Wort an den Stallw\u00e4chter richten konnte, hatte die alte Frau ihn mit d\u00fcrren Fingern fest an der Hand gepackt und zog ihn energisch zum Stall hinaus durch die andere T\u00fcr, die dem Innenhof entgegengesetzt lag und durch die der Knabe sich auch eingeschlichen hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"0d0a3af5e8696a50d8bba98b141f2779\">\u201eEs macht deine Mutter sehr traurig, wenn du so ungehorsam bist&#8221;, schimpfte sie. \u201eIch sollte dich einsperren!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b1e7cb3765e94ec37803927047f91979\">\u201eIch habe doch nur Farbenspiel besuchen wollen!&#8221;, murmelte Advon.<\/p>\n<p data-p-id=\"bfef6555bf6f0cf8d4c1ee0c4fc3fa73\">\u201eUnd du denkst gar nicht daran, dass das Tier dich h\u00e4tte tottrampeln k\u00f6nnen? Wie sollte ich das deinen Eltern erkl\u00e4ren?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0ee787e4773711f75d3a1d0292fb40fe\">\u201eEs tut mir leid.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ecd828f2014bd18b507d665d301ce985\">\u201eDas glaube ich dir nicht. Bei den M\u00e4chten! Wie kann man nur so unvern\u00fcnftig sein!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"399d1801d976b236e7df6a02f146e888\">Sie stupste Advon voran, die Treppe hinauf. Der Junge stieg zerknirscht Stufe um Stufe hinauf. Den Unterricht hatte sie gewiss nur in den Turm verlegt, um ihn besser unter Kontrolle zu haben. Als sie in dem Gemach ankamen, in dem Sileda\u00fa ihn Tag um Tag unterrichtete, war das Kind au\u00dfer Puste.<\/p>\n<p data-p-id=\"f828c0dfdefabbb9e19699e3a3e0508f\">Die Alte hatte damals, vor drei Wintern, ein ger\u00e4umiges Zimmer im Wohnturm des <em>Ciel\u00e1stel, <\/em>Pataghi\u00fas Weihest\u00e4tte auf dem H\u00fcgel neben der Stadt Aur\u00f3p\u00e9a bezogen. Advon war sich nicht ganz sicher, ob sie hier auch wohnte, denn es gab kein Bett hier. Nur einen Tisch, Sitzgelegenheiten und Unmengen von B\u00fcchern. Jede freie Handbreit zwischen T\u00fcren und Fenstern war mit Wandregalen gef\u00fcllt, in denen sich Buch an Buch reihte, riesige Exemplare, die Advon selbst nicht h\u00e4tte anheben k\u00f6nnen ebenso wie d\u00fcnne Heftchen mit Pappeinband.<\/p>\n<p data-p-id=\"71e25dfe46eaff230be0f914695bfff1\">\u201eNimm das Buch hier&#8221;, sagte die Alte und legte energisch einen dicken Folianten auf den Tisch. \u201eAbschreiben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c39b97d44a2a995761187cd2cfd05311\">\u201eAbschreiben?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b791f686202315ade61e976590a589f6\">Sie f\u00fcgte eine Wachstafel und einen Griffel dazu. \u201eSo lange, bis du Vernunft annimmt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a0540810b3d350690f618a292183c505\">Er neigte sich ergeben \u00fcber das Buch. Zumindest kam sie nicht auf die Idee, ihn irgendetwas abzufragen. Aber &#8230;<\/p>\n<p data-p-id=\"6c16f9f4f83b7a8e652d6842974649b6\">\u201eWas ist das denn f\u00fcr ein Buch? Das sind ja gar keine richtigen Worte!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c9cc006f9cae8d4b36601da9d0dfa965\">\u201eNein&#8221;, sagte Sileda\u00fa knapp und setzte sich in den Sessel. \u201eDas ist eine zuf\u00e4llige Abfolge von Buchstaben. F\u00fcr <em>deine<\/em> Augen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9b01bc3d5e1b3f6023b1dc0e8e0ef7cf\">Der Junge st\u00f6hnte. <em>So ein Buch<\/em> also. Er hatte davon geh\u00f6rt. Aber dass Sileda\u00fa eines besa\u00df, hatte er nicht gedacht. Aber warum auch nicht? In all den Jahren, die sie im Weltenspiel zugebracht hatte, hatte sie gewiss Unmengen an B\u00fcchern zusammengetragen, aus der ganzen Welt, die neuen gedruckten von den <em>forscoray<\/em> [~ Gelehrten] bis hin zu uralten Handschriften aus Zeiten vor den Magischen Kriegen. Nun stand all das Wissen hier in den Regalen und blieb ihm unzug\u00e4nglich, weil sie ihn diese Dinge nicht lehrte. Weil niemand daran dachte, ihn einzuweisen. Warum auch? Es hatte keinen Sinn.<\/p>\n<p data-p-id=\"104fbac3f6132b2ec7695f71d22dc5f7\">\u201eAber so lerne ich doch nichts!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bf39c6f4a551eae0c2e80c3d9515619f\">\u201eDoch&#8221;, sagte die Alte gelassen. Ihr hageres, runzliges Gesicht war starr wie Holz. \u201eGehorsam.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"faf6df5b5e3548cc628e10248cca06aa\">Advon seufzte und setzte den Griffel auf die Wachstafel. Stoisch begann er, ungelenk die Buchstaben einzuritzen. Sobald er eine Zeile beendet hatte, verschwand sie und machte die Tafel frei f\u00fcr die n\u00e4chste. Auf diese Weise ging der Platz zum Schreiben nicht zuende.<\/p>\n<p data-p-id=\"488e478fd9387ada3dc405adb5e34229\">M\u00f6glicherweise kopierte er gerade m\u00e4chtige Zauberformeln. Wissen konnte er das nicht. <em>Unkundigen <\/em>Augen blieb die Magie verborgen.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/morgenkind-oder-die-grenzen-des-dunklen-band-2\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2418","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-02_morgenkind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2418"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3777,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2418\/revisions\/3777"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}