{"id":2416,"date":"2025-08-25T11:33:36","date_gmt":"2025-08-25T09:33:36","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2416"},"modified":"2025-09-01T09:09:57","modified_gmt":"2025-09-01T07:09:57","slug":"005-dyamiree-geht-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/25\/005-dyamiree-geht-spielen\/","title":{"rendered":"005: D\u00fdamir\u00e9e geht spielen"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"MK_Thiumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1987\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/MK_Thiumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"5991fde9edfc00adade3c60d3aa62122\">\u201eAber als der Mond aufging und sie sich auf den Weg nach Hause machen wollten, fanden sie <em>keinen einzigen <\/em>Brotkr\u00fcmel mehr, denn die V\u00f6gel des Waldes hatten alles aufgepickt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5d5d07d9008ac59aed5a86958bb8f62f\">Ich machte eine dramatische Pause, um meinen Worten Gewicht zu verleihen.<\/p>\n<p data-p-id=\"26710c2e9e1666b29ba215051888b32e\">\u201eDa werden die V\u00f6glein sich \u00fcber die leckeren Kr\u00fcmel sehr gefreut haben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b9eaff27e7b5b2a652a38673c4988e1c\">Ich seufzte. \u201eJa, nat\u00fcrlich. Aber H\u00e4nsel und Gretel standen nun mitten im Wald und wussten nicht, wie sie nach Hause kommen sollten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"506e69a2139c43f2f715e859d4f3fbcb\">Da ich nicht unterbrochen wurde, erz\u00e4hlte ich weiter, so gut ich mich an die Geschichte erinnern konnte. Den exakten Wortlaut hatte ich nat\u00fcrlich nicht im Kopf, aber im Groben wusste ich, wie es weiter ging. Ich versuchte, es spannend zu machen, schm\u00fcckte den Irrweg des Geschwisterpaares anschaulich aus und kam schlie\u00dflich zum n\u00e4chsten H\u00f6hepunkt des M\u00e4rchens.<\/p>\n<p data-p-id=\"4936058f87d13d36ba5cc3832432dfee\">\u201eUnd weil sie solchen Hunger hatten, brach H\u00e4nsel ein St\u00fcck von Dach ab und Gretel knabberte am Fensterladen und &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"85739d4e711f0f50636afaba2058d551\">\u201eAber die k\u00f6nnen doch nicht einfach das Haus essen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"01ab0e90caef9fbec36bbe2d102b512f\">\u201eNat\u00fcrlich k\u00f6nnen sie. Sie sind tagelang ohne Nahrung durch den Wald gelaufen, und &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"004449fdc1aa4b66a02e4716f45245d8\">\u201eAber das gibt ihnen nicht das Recht, das Haus zu essen. Da wohnt doch bestimmt jemand.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cabcc31aa31c1234d8377057518dcc0e\">D\u00fdamir\u00e9e M\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen war anstrengend. Ich wei\u00df selbst nicht, warum ich es immer wieder versuchte, wenn sie mich darum bat. Das Ergebnis war stets gleich: Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter kam man an einen Punkt, der die Geschichte f\u00fcr sie unglaubw\u00fcrdig, moralisch zweifelhaft oder schlichtweg absurd machte. Als ich ihr erstmals vom Aschenputtel erz\u00e4hlt hatte, hatte sie sich tagelang nicht dar\u00fcber beruhigen k\u00f6nnen, dass der Prinz sich eine <em>h\u00fdrdora<\/em> erw\u00e4hlte, nur weil der ein Schuh passte. Ob er sich w\u00e4hrend der ganzen wundersch\u00f6nen Ballnacht denn gar nicht ihr Gesicht angeschaut und wenigstens ihre Augenfarbe gemerkt h\u00e4tte?<\/p>\n<p data-p-id=\"f6ba2691d8cd0264c254848e7b9c0cc8\">D\u00fdamir\u00e9e war grunds\u00e4tzlich von anderen Aspekten meiner aus meiner eigenen Kindheit in dieses Weltenspiel mitgebrachten Geschichten fasziniert als zu erwarten gewesen w\u00e4re. Vielleicht waren aber auch die M\u00e4rchen von Unkundigen einfach unzug\u00e4nglich f\u00fcr den Verstand von <em>camat&#8217;ay<\/em> [Schattens\u00e4ngern].<\/p>\n<p data-p-id=\"c87926c10280691f94b3baebbcbb3477\">\u201eAls ich mit deiner Mutter zum allerersten Mal durch den Boscarg\u00e9n gewandert bin&#8221;, mischte sich Yalomiro wenig hilfreich ein, \u201eh\u00e4tte sie keine Hemmungen gehabt, ein Haus aus Brot zu anzuknabbern.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e98ed429cccd58b70ab4cfcd4365a45f\">D\u00fdamir\u00e9e runzelte die Stirn. Vielleicht versuchte sie zu entscheiden, was l\u00e4cherlicher war: Die Idee, Behausungen aus Backwaren zu bauen oder der Gedanke, dass ausgerechnet ihre artige Mutter sich daran vergriff.<\/p>\n<p data-p-id=\"f256979a1b39b5a2757067b0f5a9bc45\">\u201eWollt ihr wissen, wie es ausgeht?&#8221;, fragte ich die beiden. \u201eOder soll ich aufh\u00f6ren?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3f9f313c3203d750284cce14243daea6\">Unsere Tochter \u00fcberlegte einen Augenblick. Es war ihr deutlich anzusehen, wie Gedanken in ihrem Kopf hin und her zuckten. \u201eIst das Kuchenhaus eine Falle?&#8221;, fragte sie dann.<\/p>\n<p data-p-id=\"cae51cfb794bd977686fddd3cbe63d1b\">\u201eNei- &#8230; ja. Ja!. Jemand hat den Kindern eine Falle gestellt. Willst du wissen, wer und warum?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"88b8515ea8a1228545407583df7e934d\">\u201eNat\u00fcrlich.&#8221; Sie r\u00fcckte begierig n\u00e4her an mich heran und schaute mit neu aufflammendem Interesse zu mir auf. \u201e<em>Das<\/em> ist spannend!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9d8c076c8fb0887c04902bd754d5ab17\">\u201eEs wird gruselig&#8221;, warnte ich.<\/p>\n<p data-p-id=\"1c431dfddb696be4fea572c664c8449d\">Yalomiro setzte sich demonstrativ zu D\u00fdamir\u00e9e ins Gras. Nun blickten mich zwei Augenpaare erwartungsvoll an, das braun-silbrige eines erwachsenen Magiers und das auffallend hellgr\u00fcne des kleinen M\u00e4dchens. D\u00fdamir\u00e9e kuschelte sich an ihn.<\/p>\n<p data-p-id=\"65d98f433e787c62ad269520c9f18a55\">\u201eErz\u00e4hl weiter, Mama&#8221;, schmeichelte sie. \u201eIch unterbreche dich nicht mehr.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"617409790c3b3d392134fe8918c0ab92\"><em>Und du?<\/em>, dachte ich kritisch in Yalomiros Richtung.<\/p>\n<p data-p-id=\"296c8cb6dc39d6fabb875e9148aba751\"><em>Ich bin still. Ich will diese seltsamen Geschichten verstehen.<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"2de10804683a5546d826036bc9a611e2\">Ich sp\u00fcrte eine z\u00e4rtliche Ber\u00fchrung, obwohl er einen Schritt von mir entfernt sa\u00df. Seine <em>maghiscal<\/em>, die magische Energie, die ihn umgab wie eine Aura, \u00fcberwand die Distanz und streifte jene, die um mich selbst lag, viel zarter und leiser als die seine, aber best\u00e4ndig. Wenn beide sich ber\u00fchrten, gab mir das stets ein Gef\u00fchl von Geborgenheit. Von Gl\u00fcck.<\/p>\n<p data-p-id=\"0bf35cf1655fa6e8a53e7d65b004ae53\">F\u00fcreinander.<\/p>\n<p data-p-id=\"d3c79a03127f34afa2f748326fa5e296\">Ich setzte meine kindische Geschichte von H\u00e4nsel, Gretel und der Hexe im Knusperh\u00e4uschen fort. Mein <em>h\u00fdardor<\/em> und unsere Tochter sa\u00dfen mir zu F\u00fc\u00dfen vor dem Eta\u00edmalon, Nokt\u00e1mas Weihest\u00e4tte im Gras und folgten interessiert der wunderlichen Erz\u00e4hlung, die in dem Weltenspiel, aus dem es mich hierher verschlagen hatte, zahllose Generationen von Kindern das F\u00fcrchten gelehrt h\u00e4tte. Es war ein lauer Sp\u00e4tsommerabend. Die Sonne war l\u00e4ngst \u00fcber den Montaz\u00edel, das gro\u00dfe Gebirge in der Mitte der Welt hinweg gezogen und von S\u00fcden folgte ihr der Nachthimmel wie ein blauschwarzer, samtener Schleier. Es war noch etwas Zeit, bis Yalomiro in Nokt\u00e1mas Halle gehen musste, um die Magie zu wirken, die unser Zuhause sch\u00fctzte und st\u00e4rkte.<\/p>\n<p data-p-id=\"ee76f361c6fa6fc4bee80139f57ec237\">Ich f\u00fchlte mich behaglich. Das Wispern des Windes in den \u00d6lb\u00e4umen, das Pl\u00e4tschern des Wassers am nahegelegenen Seeeufer, die vielen angenehmen D\u00fcfte der Pflanzen und die Tierger\u00e4usche, bei denen sich nun das muntere Vogelgezwitscher des hellen Tages mit den geheimnisvollen Lauten der Nachttiere abwechselten \u2013 all das war mir in den vergangenen Sommern so lieb und kostbar geworden. Intuitiv wusste ich, dass ich den Ort gefunden hatte, an dem ich <em>heilen<\/em> konnte, mich von all dem ausruhen konnte, was ich in meiner und dieser Welt erfahren hatte. Eine abgeschiedene Idylle, in der ich nichts anderes erfuhr als Frieden, Sch\u00f6nheit und eben das F\u00fcreinander, das mich und Yalomiro verband.<\/p>\n<p data-p-id=\"a8fa61e54f29aa09a3ed51782392f3c3\">Ihn, mich \u2013 und D\u00fdamir\u00e9e.<\/p>\n<p data-p-id=\"e5ffff36fbe5f79c67fd608f9ff0c7b6\">Dass D\u00fdamir\u00e9e bei uns war, schien mir das gr\u00f6\u00dfte Wunder und Geschenk von allen zu sein. In meinem alten Leben hatte ich mir nie auch nur vorstellen k\u00f6nnen, eine Mutter zu werden. Kinder waren mir unheimlich gewesen, so laut und impulsiv und wild. Yalomiro hatte es seinerseits f\u00fcr ausgeschlossen gehalten, Nachkommen zeugen zu k\u00f6nnen. Irgendwie war es dennoch &#8230; passiert.<\/p>\n<p data-p-id=\"6b547f076a19694a3fe33b5c37c64f0a\">Wir waren gl\u00fccklich. Und doch &#8230; wieso hatte Nokt\u00e1ma uns gew\u00e4hrt, was sie all den Schattens\u00e4ngern aller vergangenen Zeiten verwehrt hatte?<\/p>\n<p data-p-id=\"8c3a4469b9a8d4923b505c2ae80f9550\">Was hatte sie vor?<\/p>\n<p data-p-id=\"ee4650af20c8d43701d419aa5ad9a30f\">D\u00fdamir\u00e9e war weder laut noch wild noch impulsiv noch unberechenbar. Im Gegenteil. Manchmal erschien sie mir verst\u00f6rend ernst und erwachsen zu sein. Die Art, wie sie Fragen stellte und \u00fcber Dinge nachsann, die ihr neu waren, hatte oft nichts Kindliches an sich. Sie war neugierig, wissbegierig und strahlte in allem, was sie sagte und tat, so viel arglose Freundlichkeit aus, dass es mir zuweilen unheimlich wurde.<\/p>\n<p data-p-id=\"d3e49f1f13e85de418c233282b0a1fbd\">Vielleicht h\u00e4tte es ihr gut getan, Kontakt mit anderen Kindern, mit Spielkameraden zu haben. Aber wo sollten die herkommen, hier, mitten im Boscarg\u00e9n, im Wald, den Unkundige nur in Ausnahmef\u00e4llen betraten, weil sie sich f\u00fcrchteten?<\/p>\n<p data-p-id=\"8c4f666f289d9078fa6cd662a7fab527\">D\u00fdamir\u00e9e f\u00fcrchtete sich nicht, nicht einmal, als ich zu der Stelle kam, an der die Hexe ernsthaft plante, H\u00e4nsel aufzuessen, so wie jener zuvor das Lebkuchenhaus. Zumindest lie\u00df sie sich nicht anmerken, ob die Vorstellung, dass b\u00f6se Hexen kleine Kinder fr\u00e4\u00dfen, f\u00fcr sie etwas Beunruhigendes hatte. Nachdem ich bei vielf\u00e4ltigen Gelegenheiten mit angeh\u00f6rt hatte, wie Yalomiro ihr Schattens\u00e4ngerm\u00e4rchen erz\u00e4hlt hatte, wunderte mich das nicht. Geschichten, die Schattens\u00e4nger einst ersonnen hatten, waren &#8230; dunkel. Abstrakt. <em>Beunruhigend<\/em>. Seine Art von M\u00e4rchen hatte oft weder eine einfache Handlung noch eine klare Trennung von Helden und Schurken. Ein einziges M\u00e4rchen aus Yalomiros Repertoire h\u00e4tte Kinder aus meiner Welt m\u00f6glicherweise nachhaltig traumatisiert.<\/p>\n<p data-p-id=\"109b2da70241d848aced29bb6d738edd\">Doch D\u00fdamir\u00e9e liebte es, ihrem Vater zuzuh\u00f6ren. Was ich zu erz\u00e4hlen hatte, von kinderfressenden Hexen in Lebkuchenh\u00e4usern und dergleichen, brachte sie eher zum Staunen und Lachen. Trotzdem bestand sie immer wieder darauf, dass auch ich erz\u00e4hlte. Das lie\u00df ich mir nicht nehmen, so frustrierend es war, erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, warum Rotk\u00e4ppchen nicht angesichts der pl\u00f6tzlich bepelzten Gro\u00dfmutter misstrauisch geworden war oder warum sich fallende Sterne in etwas so Profanes wie Goldtaler verwandeln sollten.<\/p>\n<p data-p-id=\"fe31bc5fd4f0643172b8a8b0927428f2\">Allerdings erz\u00e4hlte ich ihr die entsch\u00e4rfte Version, bei der die Kinder die b\u00f6se Hexe am Ende nicht umbrachten. Ich lie\u00df ihnen stattdessen eine erfolgreiche Flucht gelingen.<\/p>\n<p data-p-id=\"2bed13e34a2409e073b76678cb3516ee\"><em>Warum verdrehst du die Geschichte?, <\/em>fragte Yalomiro \u00fcberrascht. Nat\u00fcrlich sp\u00fcrte er, dass ich improvisierte. Ich hatte ihm einmal die unzensierte Fassung erz\u00e4hlt, um ihm zu erkl\u00e4ren, wie Magie in meiner Welt interpretiert und d\u00e4monisiert wurde. So etwas wie Hexen gab es in seiner Welt nicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"4015461d9e5689de0959977a56662bd1\"><em>Es ist zu grausam. Sie ist zu jung.<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"032d5b960fe8df1b14ec4a1cc909268e\">Er erhob sich. \u201eDas war eine erbauliche Geschichte. Aber nun habe ich zu tun. Er w\u00fcrde mich freuen, wenn du mit mir k\u00e4mest, Salghi\u00e1ra. Dy\u00e1mir\u00e9e?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"53dfe1882301159b7b86486d66d7af3a\">\u201eIch gehe lieber zum See&#8221;, sagte sie stand auf und klopfte sich Staub vom Rock. \u201eIch will mir die Sterne im Wasser anschauen. Danke f\u00fcr die Geschichte, Mama.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"46864a87a1e43f8ee5b23b59511716b2\">\u201eGerne.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"293f76f346c9c20851b2c0da7d267d81\">Sie schickte sich an, fortzulaufen, besann sich aber und blickte noch einmal fragend in meine Richtung. Ihre hellgr\u00fcnen Augen musterten mich skeptisch.<\/p>\n<p data-p-id=\"12d885b149f08845c111a0f0fcca79e2\">\u201eAber wenn jetzt die Hexe immer noch in dem Wald wohnt und die n\u00e4chsten Kinder das essbare Haus finden &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7d110e386cb8ef1f64d99f36ae2cd205\">\u201eEs gibt keine Hexen, D\u00fdamir\u00e9e. Die haben sich die Leute in meinem alten Weltenspiel nur ausgedacht, damit Kinder sich gruseln.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0a98e84470f8eeeefd99a2e36796dae3\">Das schien ihr nicht zu reichen.<\/p>\n<p data-p-id=\"aa19bafb11cf5b7d6b64a89ad536a9c4\">\u201eIhr lasst mich nicht alleine, oder? Ihr w\u00fcrdet mich doch nicht im Wald stehenlassen und hoffen, dass ich nicht nach Hause finde?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5ebafc2abd97569d3fc5eeb792c4b3b9\">Das war ein neuer, ein <em>irritierender <\/em>Gedanke, der mich beunruhigte. Tats\u00e4chlich ging es in meinen M\u00e4rchen \u00fcberm\u00e4\u00dfig h\u00e4ufig um Eltern, die auf die eine oder andere Weise versuchten, ihre Kinder loszuwerden, auch durch gezielte Mordanschl\u00e4ge.<\/p>\n<p data-p-id=\"bdaf1b1862c5d79d06f83abc26682535\">Yalomiro schien zu sp\u00fcren, dass ich mich f\u00fcr einen Moment schuldbewusst f\u00fchlte. Er kniete sich zu D\u00fdamir\u00e9e hin und fasste sie sacht bei den Schultern. Stirn an Stirn verharrten die beiden einen Moment.<\/p>\n<p data-p-id=\"eba5b9d62d65d813822986aef974de7a\">\u201eSolange du uns brauchst&#8221;, versprach er, \u201ewerden wir bei dir sein. Wir werden nie erlauben, dass dir ein Leid geschieht, mein kleiner Stern.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"94b35aa4e8b5d94e0aa76e8ae5144558\">\u201eAuch nicht, wenn eine Hexe mich holen wollte, oder ein hungriger Wolf?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"39724e9651d63f12391bdf56c60761f1\">\u201eEgal, wer es w\u00e4re, egal wer es wagt. Wir w\u00fcrden dich besch\u00fctzen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0b8dc4612aaa25267042b04612354419\">\u201eW\u00fcrdest du gegen den Wolf oder die Hexe oder die b\u00f6se K\u00f6nigin k\u00e4mpfen, Papa?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5be12e2492e531e53e81601308f7f83b\">Yalomiros Augen flackerten silbrig auf. \u201eIch w\u00fcrde sie <em>bezwingen<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1266f5a771426715964b7ed152c89ad2\">\u201eDann ist es ja gut&#8221;, antwortete sie zerstreut. Sie l\u00e4chelte und rannte los, einem blau glimmenden Gl\u00fchw\u00fcrmchen hinterher. In ihrem schwarzen Kleidchen und ihren langen blauschwarzen Haaren verschmolz sie augenblicklich mit den Schatten des Waldes.<\/p>\n<p data-p-id=\"7ed918c77e4cb15c5001fd74bc5574e0\">Ich musste mir keine Gedanken machen, dass sie plante, allein mitten in der Nacht am Ufer eines bodenlosen Sees im tiefen Wald zu spielen. Im Boscarg\u00e9n konnte ihr nichts zusto\u00dfen. Weder der See, noch die B\u00e4ume noch die Finsternis w\u00fcrden nach ihr greifen. Hier waren auch keine Hexen und gierigen W\u00f6lfe, nichts, was Yalomiro w\u00fcrde bezwingen m\u00fcssen. Sie war <em>sicher<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"b2d98bed89d4a1721c723cba6428b374\">Ich folgte ihm in den Eta\u00edmalon, durch den Korridor, von dem unsere Wohnr\u00e4ume abgingen, zum gro\u00dfen Saal, der Nokt\u00e1ma geweiht war, blieb aber vorerst am Portal stehen. Bei dem, was Yalomiro nun, wie jeden Tag bei Einbruch der Nacht tun musste, wollte ich ihn nicht st\u00f6ren. Es sah immer so kompliziert aus, dass ich mir einbildete, es erforderte seine absolute Konzentration.<\/p>\n<p data-p-id=\"62dcdacd07f2c010da9cc836fb3aaee3\">Er lie\u00df sich auf dem schwarzen steinernen Sessel auf dem Podium in der Saalmitte nieder und beschwor mit ernstem, dunklen Gesang ein silbriges Licht herauf. Im Gegensatz zu den kleinen Gebilden, die er oft nebenher als Beleuchtung oder Spielzeug entstehen lie\u00df, war dieses gr\u00f6\u00dfer und massiver, sah ein wenig aus wie ein Wollkn\u00e4uel aus leuchtendem Garn. Yalomiro lenkte das Licht in einem mir nicht nachvollziehbaren Muster kreuz und quer durch den Raum; die Spur, die es dabei hinterlie\u00df, bildete ein wirres Zickzackmuster, das sich zwischen den R\u00e4ndern des sternf\u00f6rmigen Dachfensters und den Stufen des Thronpodestes aufbaute, wie das Netz einer chaotischen Spinne.<\/p>\n<p data-p-id=\"a4b7a5209cf0f5a7d05bf2deae7ee8cc\">Ich wartete, bis Yalomiro damit fertig war, kam dann hinzu und setzte mich vor ihm auf den schwarzen Steinboden. Bei den ersten Gelegenheiten, bei denen ich angeschaut hatte, wie er Nokt\u00e1mas Magie mit dem Eta\u00edmalon verwob, war ich beunruhigt gewesen. Er sa\u00df auf dem Thron des Gro\u00dfmeisters, die Augen in stetem Silber schimmernd, unbeweglich. Anfangs hatte ich gedacht, er sei in diesem Zustand weggetreten und nicht ansprechbar. Was genau er da tat, verstand ich auch nach zehn Sommern noch nicht in allen Details. Aber ich wusste, dass es ihn k\u00f6rperlich ersch\u00f6pfte und damit zu tun hatte, die Weihest\u00e4tte zu erhalten, den Boscarg\u00e9n ringsum vor Eindringlingen abzuschirmen.<\/p>\n<p data-p-id=\"7e2d54f2ad47d5f6d6fb00d86952a75c\">Es sei eine Meisterpflicht, hatte er erkl\u00e4rt, etwas, wozu meine eigene fl\u00fcchtige <em>maghiscal<\/em> noch nicht ausreichte. Ich war nicht mit Magie geboren worden, jene, die ich in mir trug war eher eine Art Erbst\u00fcck, etwas, das man mir anvertraut hatte. Yalomiro hatte mich in den vergangenen Jahren zwar geduldig angeleitet, sodass ich durchaus eine Reihe kleinerer Alltagszaubereien wirken konnte, aber das war l\u00e4ngst nicht das selbe, als wenn ich als Kind damit angefangen h\u00e4tte. Zum Gl\u00fcck w\u00fcrde ich im Boscarg\u00e9n wohl niemals in die Verlegenheit kommen, einen m\u00e4chtigeren Bann zu wirken oder gar zu <em>k\u00e4mpfen<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"529ee1ed3f78b290d28c90d5670524d5\">Er hatte mir anvertraut, dass es ihm gut tat, wenn ich anwesend war. Fr\u00fcher, als sein Meister Ask\u00fdn diesen kryptischen Zauber wirkte, hatte es noch weitere Schattens\u00e4nger gegeben, die alle in der Halle versammelt gewesen waren. Manchmal sa\u00df D\u00fdamir\u00e9e nachts bei mir und leistete uns Gesellschaft. Aber nicht allzu oft. Ich stellte mir vor, dass es f\u00fcr sie \u00e4hnlich langweilig war wie einem Erwachsenen bei B\u00fcroarbeiten zuzuschauen. Drau\u00dfen war es nachts spannender.<\/p>\n<p data-p-id=\"c5d5527f8787331a571b006b16c3d0d9\">\u201eHattest du bef\u00fcrchtet, D\u00fdamir\u00e9e k\u00f6nne Mitleid mit der alten Frau aus deiner Geschichte haben?&#8221;, fragte er pl\u00f6tzlich.<\/p>\n<p data-p-id=\"97997999fcfecff5b691ce1d42607152\">Ich blickte auf. Dass ihn das alberne M\u00e4rchen gerade jetzt besch\u00e4ftigte, erstaunte mich.<\/p>\n<p data-p-id=\"388e0b25af4de93aec09ceba91bca07c\">\u201eIch wei\u00df nicht so recht. Ich h\u00e4tte nachdenken m\u00fcssen, bevor ich ausgerechnet diese Geschichte begonnen habe.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"093cbd92e14ae136348c297c02c0b77e\">\u201eEs w\u00e4re darauf hinausgelaufen, dass die Kinder sie besiegt und umgebracht h\u00e4tten, nicht wahr?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"67395b5773442358c575af723abeaf0e\">\u201eEs &#8230; ja. Nachdem sie \u00fcbergriffig in deren Heim eingedrungen sind. Ich habe als Kind nie dar\u00fcber nachgedacht. \u2013 Meinst du, ich sollte es mit meinen alten M\u00e4rchen lassen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ee83ef6c71095faace77f688f004c05b\">\u201eNein. Die Geschichten geh\u00f6ren dir. Und auch wenn sie dir nicht mehr gefallen, sind sie dir doch kostbar. Warum solltest du sie D\u00fdamir\u00e9e nicht zeigen, damit sie deine Freude teilt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e45d65b0b8865903425b418b02d57898\">\u201eWie kommst du darauf, dass sie mir kostbar sind?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a0620dd1e0cefc59919fc2f564481754\">\u201eWeil du gl\u00fccklich warst, als du sie geh\u00f6rt hast.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"799036716bc66d1589d586d22ec5e22e\">Ich blickte auf den schwarzen, gl\u00e4nzenden Boden. Gl\u00fccklich? Vielleicht. Meine Oma hatte mir damals vorgelesen, Wort f\u00fcr Wort, aus einem altmodisch illustrierten M\u00e4rchenbuch. Frei erz\u00e4hlen konnte sie nicht, hinterfragt hatte sie auch nichts. Aber ich hatte mich geborgen gef\u00fchlt. Die verst\u00f6renden Geschichten kamen aus einem alten Buch und waren tot. Sie ver\u00e4nderten sich nicht. In meiner Welt gab es keine Lebkuchenh\u00e4user im dunklen Wald. Es gab nicht einmal mehr einen dunklen Wald. Die M\u00e4rchen konnten mir nichts zuleide tun. Und Oma h\u00e4tte mich auch nie allein zur\u00fcckgelassen. Bis sie es schlie\u00dflich doch tat und hinter die Tr\u00e4ume ging.<\/p>\n<p data-p-id=\"e36f4d081446ac985cc00f55c588b7b1\">\u201eIch will nicht, dass sie sich f\u00fcrchtet. Vielleicht erz\u00e4hle ich es <em>richtig<\/em>, wenn sie etwas \u00e4lter ist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"36f1a8a4a52fdf086912a21ba58a60e8\">\u201eDies hier ist keine heile Welt, Salghi\u00e1ra&#8221;, erinnerte er mich sanft. \u201eSich zu f\u00fcrchten, geh\u00f6rt dazu.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ebe42b190869f4bb0e212bdd8371ef74\">Wir schwiegen eine Weile. Das Lichtgewirr um ihn herum verglomm langsam.<\/p>\n<p data-p-id=\"0673f4f58bb22bdc45efc014af7eae09\">\u201eWovor f\u00fcrchten sich Schattens\u00e4ngerkinder?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d7a6bd4003f1dfb83514a126291237d7\">\u201eVor dem \u00dcblichen. Vor Gold. Vor Chaosgeistern. Vor Rotgewandeten.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5cc1b61c172109b0b820febd558632a0\">\u201eHast du D\u00fdamir\u00e9e etwa von <em>Lichtw\u00e4chtern <\/em>erz\u00e4hlt?&#8221;, fragte ich \u00fcberrascht.<\/p>\n<p data-p-id=\"394bb4533efa1bce6a0aea91a30ba686\">\u201eNein. Noch nicht. Sie w\u00fcrde es nicht verstehen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5059a235b9ba496cd51723d143d31ef7\">\u201eWeil sie zu klein ist?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0d9501ccec8f014e123f40536e6630fc\">\u201eWeil es vergangen ist.&#8221; Er erhob sich und wechselte das Thema. \u201eWir bekommen bald Besuch.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"acdc7aef630854c4a00106deac5c77a7\">\u201eWoher wei\u00dft du das?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"19de92430cbd3d259a3bf6e1663d4ab4\">\u201eIch sp\u00fcre, dass jemand kommt und zu uns will.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5e23895613a6324efd43c57a81aa5033\">Das war ungew\u00f6hnlich. Es kam \u00e4u\u00dferst selten vor, dass Unkundige den Boscarg\u00e9n betraten. In den ersten Jahren nach unserer R\u00fcckkehr hierher, nachdem der ver\u00f6dete und verdorrte Wald nach und nach wieder zum Leben erwacht war, hatten sich vereinzelt Unkundige herangewagt. Der gr\u00fcne Schimmer der frischen Bl\u00e4tter musste an klaren Tagen deutlich zu sehen gewesen sein. Yalomiro hatte versucht, mit ihnen zu reden, aber als sie seiner gewahr worden waren, waren sie panisch geflohen.<\/p>\n<p data-p-id=\"58f0abd412331587ef00b634ac9d510e\">Anfangs.<\/p>\n<p data-p-id=\"e559a7c7b109471680fb718a31156dbe\">Zwischenzeitlich kamen ab und an Menschen an den Waldrand. N\u00e4her heran wagten sie sich nicht. Aber einige ganz Mutige hatten begonnen, in Sichtweite des Waldes erste Felder neu anzulegen und zu bestellen. So, wie es fr\u00fcher gewesen war. Yalomiro beobachtete sie aufmerksam aus der Ferne. Ich wusste, er w\u00fcrde sie gew\u00e4hren lassen, solange er ihr Treiben als den M\u00e4chten gef\u00e4llig bewertete. Aber er w\u00fcrde sie zurechtweisen, wenn sie Grenzen \u00fcbertraten. Vielleicht wie H\u00e4nsel und Gretel, die das Lebkuchenhaus anknabberten.<\/p>\n<p data-p-id=\"ec604044143ba3efe821db0139fc82b2\">Nur eine einzige Gelegenheit hatte es gegeben, an denen tats\u00e4chlich eine Unkundige einige Tage im Eta\u00edmalon verweilt hatte. Ich habe nie herausgefunden, wie Yalomiro es fertiggebracht hatte, Isan zu uns zu rufen, gerade rechtzeitig, bevor es so weit war. Die <em>doayra<\/em> war damals noch ein ganz junges M\u00e4dchen gewesen, deutlich zu jung, um ohne fremde Hilfe als Hebamme zu fungieren. Aber Isan w\u00e4re nicht Isan gewesen, wenn sie das in irgendeiner Weise davon abgehalten h\u00e4tte, es zu versuchen, denn immerhin hatte sie schon mehrfach erfahreneren Frauen assistiert. Eines Tages war sie aufgetaucht, forsch und furchtlos mitten durch den Wald geritten, auf einem sch\u00f6nen, gepflegten Damenpferd, offensichtlich einem gro\u00dfz\u00fcgigen Geschenk von <em>yarl<\/em> Althopian. Ich konnte es nicht fassen, dass sie f\u00fcr mich die weite Reise aus dem <em>teirandon<\/em> Spagor auf sich genommen hatte und war unendlich erleichtert gewesen. Yalomiro hatte Isan ihre Hilfe reich entgolten, indem er sein Wissen \u00fcber heilkr\u00e4ftige Pflanzen mit ihr geteilt und ihr seltene Samen f\u00fcr ihren eigenen kleinen Kr\u00e4utergarten am Meer geschenkt hatte. Isan w\u00fcrde damit eine geachtete \u00c4rztin werden.<\/p>\n<p data-p-id=\"38afb64ad57bc971fc65f9671b64858c\">\u201eWei\u00dft du, wer es ist?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0a74ac30828094b5596b3a1276f2c7b0\">\u201eNein. Er ist noch zu weit weg, doch er kommt in Frieden. Aber es ist etwas Wichtiges.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"af082f22ce7a01d7d7bce0b933bf751f\">Ein kurzer silberner Schimmer flog \u00fcber seine Augen, aber nicht schnell genug, dass es mir entgangen w\u00e4re.<\/p>\n<p data-p-id=\"9fd0cd522f00bb2b20d8c9ae9da16f2b\">Nichts Wichtiges also. Etwas <em>Beunruhigendes<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"af7013e35806c05fe175e72fe69e60ae\">D\u00fdamir\u00e9e sa\u00df derweil am Ende des Findlings, der vom Ufer aus ein St\u00fcck weit in den See ragte. Das Wasser war fast unbewegt. Im hellen Mondlicht spiegelten sich die B\u00e4ume am Ufer, ragten hinein in eine unendliche Tiefe. Dies war der Lieblingsplatz der Eltern am See, und das M\u00e4dchen verstand instinktiv, wieso dem so war. Dies war ein wahrhaft magischer Ort.<\/p>\n<p data-p-id=\"baa88b9f00d2b6911b5efaccffcdf98e\">Das kleine M\u00e4dchen hatte ein B\u00f6tchen aus Rinde und einem gro\u00dfen Blatt gebastelt und lie\u00df es auf dem schwarzgl\u00e4nzenden Wasser schwimmen. In seiner Vorstellungskraft war es ein gro\u00dfes, feines Schiff mit starken Segeln, das \u00fcber das weite gr\u00fcne Meer segeln k\u00f6nnte, hin zu den Inseln von Ov\u00e9stola und vielleicht weit dar\u00fcber hinaus. Der Vater hatte ihr vom Meer erz\u00e4hlt und die Mutter auch, von einem anderen Meer zwar, einem, das D\u00fdamir\u00e9e niemals zu Gesicht bekommen w\u00fcrde, weil es irgendwo au\u00dferhalb des Chaos in einem fremden Weltenspiel lag. Aber D\u00fdamir\u00e9e stellte es sich vor, das Rauschen der Wellen, \u00e4hnlich wie bei Wind hier am See, nur lauter und regelm\u00e4\u00dfiger. Sie versuchte, sich auszumalen, wie salziger Wind roch und wie es wohl sein mochte, keinen einzigen Baum im Blick zu haben. Sie war acht Sommer alt und hatte den Wald nie verlassen, aber ihr Vater konnte Erinnerungen mit ihr teilen. So hatte das M\u00e4dchen Bilder gesehen, von den Orten, an denen er einmal gewesen war. Die endlose Weite hatte das Kind zutiefst beeindruckt.<\/p>\n<p data-p-id=\"a64faa67e87e38f388b2d80872453130\">Die Mutter konnte keine Bilder teilen. Es w\u00e4re zu verwirrend, zu kompliziert, behauptete sie. Ihre Welt sei so sehr anders gewesen als diese hier. Aber die Mutter schenkte ihr <em>Gef\u00fchle<\/em>, so warme, z\u00e4rtliche Empfindungen. D\u00fdamir\u00e9e hatte keine Worte, um all das zu benennen, denn sie kannte nichts anderes als die Geborgenheit, die ihre Eltern ihr gaben, als das F\u00fcreinander, das sie mit ihr teilten. Niemals hatte sie sich einsam gef\u00fchlt. Den Gedanken, Geschwister zu haben oder zumindest anderen Kinder in ihrer N\u00e4he, fand sie allerdings faszinierend. In den M\u00e4rchen der Mutter hatten die Figuren oft Br\u00fcder oder Schwestern.<\/p>\n<p data-p-id=\"3fc5a3dd39b55c86cd670e94146fadf9\">Das Borkenboot segelte still \u00fcber das Wasser, genau auf den Streifen Licht zu, den der Mond auf das Wasser warf. Ein paar Gl\u00fchw\u00fcrmchen begleiteten seine Fahrt, schwebten dar\u00fcber, und ein besonders vorwitziges lie\u00df sich auf der Mastspitze nieder. Das Kind l\u00e4chelte, wartete noch eine Weile und entschied dann, es sei an der Zeit zur\u00fcck ins Haus zu gehen. Sicher war der Vater zwischenzeitlich zum Ende gekommen mit seinem Dienst an Nokt\u00e1ma, der Lebendigen Nacht.<\/p>\n<p data-p-id=\"cc5ac0adc4a1d7883b99c6f48e0bdea0\">Sie legte sich b\u00e4uchlings auf den Stein und tauchte ihre Fingerspitzen ins Wasser.<\/p>\n<p data-p-id=\"0aa2521b5f694220ce35de15edf698d3\"><em>Komm her, <\/em>beschwor sie das Boot. <em>Komm zu mir.<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"9b375df78dd53ffc05646fb0e65e69fd\">Aber das Schifflein setzte seine Fahrt fort, immer weiter. Es fuhr auf dem Mondlicht wie auf einer Stra\u00dfe.<\/p>\n<p data-p-id=\"27087abfd5acacfcbe063690debe245b\"><em>Komm zu mir! Ich will, dass du zu mir kommst!<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"737e1fdc1032421f43bd620ec016f876\">Kaum noch waren die Gl\u00fchw\u00fcrmchen auf ihrer Seereise zu erkennen. Viel zu weit waren sie schon vom Ufer entfernt.<\/p>\n<p data-p-id=\"9f6c174b374997926958c1836d94e076\"><em>Bringt es mir zur\u00fcck, <\/em>wandte D\u00fdamir\u00e9e sich an das Wasser. <em>Ich will es zur\u00fcckhaben!<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"944f6402c0b080d3e57804be5b6c955d\">Und nun waren ihre Augen nicht mehr in der Lage, das kleine Spielzeug noch auszumachen.<\/p>\n<p data-p-id=\"8798a597e2db0384dec2d89a3601f23c\"><em>Bitte, <\/em>flehte D\u00fdamir\u00e9e. <em>Bitte!<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"38c91ce1decf5f91dd253418019b11bc\">Aber niemand h\u00f6rte auf sie, nicht das Boot, nicht das Wasser, nicht die Nacht.<\/p>\n<p data-p-id=\"c9dd8c5f491dd1c31b4ab27158af8faf\">Entt\u00e4uscht setzte D\u00fdamir\u00e9e sich auf. Eine Weile blickte sie schweigend in die Dunkelheit, die ihr das Boot genommen hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"8ad353f7480c62abef0d8fe31c034c87\"><em>Warum bist du b\u00f6se mit mir, Nokt\u00e1ma?, <\/em>dachte das kleine M\u00e4dchen verbittert. Aber niemand antwortete ihm.<\/p>\n<p data-p-id=\"555420dea1c2797e329741f56c01ccba\">Das Kind seufzte tief auf, erhob sich und kehrte dem See den R\u00fccken, trottete entt\u00e4uscht zur\u00fcck zum Haus. Niemals w\u00fcrde es gl\u00fccken. Es <em>gab<\/em> keine Magie. Nicht f\u00fcr D\u00fdamir\u00e9e Lagoscyre.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/morgenkind-oder-die-grenzen-des-dunklen-band-2\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2416","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-02_morgenkind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2416","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2416"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2416\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3774,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2416\/revisions\/3774"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}