{"id":2239,"date":"2025-08-24T23:55:46","date_gmt":"2025-08-24T21:55:46","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2239"},"modified":"2025-09-01T10:05:38","modified_gmt":"2025-09-01T08:05:38","slug":"107-der-duft-des-regens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/24\/107-der-duft-des-regens\/","title":{"rendered":"107: Der Duft des Regens"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SH_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SH_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1991\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SH_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SH_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SH_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"7faef4421aa6dead8fc71696820fc43d\">Wir warteten, bis es Nacht war. W\u00e4hrend unten in der Burg die Unkundigen zaghaft mit dem Fest, das sie in den vergangenen Tagen vorbereitet hatten den hochedlen Gast ihrer Herrin begr\u00fc\u00dften, wurde es in Gor Lucegaths Turmzimmer immer finsterer.<\/p>\n<p data-p-id=\"484bf6683e0095d953e3fecbf4a0d925\">\u201eM\u00fcssen wir die beiden tragen?&#8221;, fragte ich Yalomiro skeptisch.<\/p>\n<p data-p-id=\"0f1dc7c0bdb86c8d669dde2ad901f248\">\u201eNein, ihn nicht. Wir lassen uns vom Schatten an unser Ziel bringen. Die M\u00e4chte werden uns den Ort zuweisen. Wir m\u00fcssen nur Geduld haben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"89fcf94f9c53b8df6de09a7813bc4133\">\u201eDas ist m\u00f6glich? Warum haben wir dann damals versucht, unter Wijdlant hindurch zu laufen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"afe32adbd6dd46d683f33441d769a129\">\u201eWeil du damals noch keine eigene Magie hattest. Es wird fortan vieles leichter werden.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"de4e643b318b4febf07ae22530aea56c\">\u201eWas muss ich dabei machen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9792881a5737c8cdcbd3420d62998285\">\u201eNimm du den Beutel mit seinen Dingen und das Schwert. Ich webe den Zauber, wenn es soweit ist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c6ea288414705ea7353b6037acf1a775\">Schlie\u00dflich war es so finster, dass die Dunkelheit mit den Schatten verschmolz. Ich sp\u00fcrte wieder die warme, sch\u00fctzende Dunkelheit um mich herum, so sanft und gut. Aber jetzt f\u00fchlte ich mich, als geh\u00f6rte ich dort hinein.<\/p>\n<p data-p-id=\"fdb362b7439f07a1f8af40adc7c1c18e\">Diesmal ben\u00f6tigte Yalomiro seine Geige nicht. Er sang und h\u00fcllte seine <em>maghiscal<\/em> behutsam um Ar\u00e1ma\u00fa, Gor Lucegath und mich herum, w\u00e4hrend es um uns dunkler wurde als die Nacht im Zimmer, ohne jede Spur von Mondlicht und Sternen. Wir sanken in Nokt\u00e1mas Dom\u00e4ne ein wie in zarten, substanzlosen Schaum. Den Leichnam der <em>camat&#8217;ayra<\/em> konnten wir einen Moment allein lassen. Nokt\u00e1ma w\u00fcrde auf Ar\u00e1ma\u00fa achtgeben. Yalomiro l\u00f6ste sie sanft aus seinem Zauber heraus und griff dann nach dem K\u00f6rper des Rotgewandeten. Die Dunkelheit klarte samtblau auf.<\/p>\n<p data-p-id=\"31aedfd6cba43a77c7d21b08880639b7\">Als wir wieder in die Welt eintauchten, schien der Mond \u00fcber einer weitl\u00e4ufigen Wiese mit kr\u00e4ftig aufwachsenden Blumen, \u00fcber denen Gl\u00fchw\u00fcrmchen schwebten und Grillen zirpten. In einiger Entfernung sah ich eine kleine Burg auf einem offensichtlich k\u00fcnstlich aufgesch\u00fctteten H\u00fcgel als Schattenriss. In der anderen Richtung wurde die Landschaft h\u00fcgelig und bewaldet.<\/p>\n<p data-p-id=\"643bbe6dd355e077bb045560c56984cb\">\u201eHier wird ihn kein Unbefugter st\u00f6ren&#8221;, sagte Yalomiro. \u201eDiesen Landstreifen nutzen nur die Bienen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"57c8b14414787e78a14a864078a5f887\">Er beschwor die Erde und schuf mit einem stillen Lied eine Grube, die gerade gro\u00df genug war, um Gor Lucegaths K\u00f6rper in sich aufzunehmen. Ich gab Yalomiro das Schwert und den Beutel. Er legte beides dem <em>goala&#8217;ay<\/em> in die Arme und zauberte den Aushub zur\u00fcck an seinen Platz. All das geschah ohne Eile, aber schnell und ohne gro\u00dfe Geste,<\/p>\n<p data-p-id=\"fe4d4a7483b3bde3e61a7837f037b19e\">\u201eM\u00fcssen wir &#8230; irgendetwas sagen?&#8221;, fragte ich. \u201eGibt es rituelle Formeln oder so etwas, um &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bfecf2b3064c23defebf2d03184121df\">\u201eWillst du ihm denn noch etwas sagen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"27bbf6f77b759bee9bce959f99a57af7\">Ich dachte nach. \u201eIch glaube schon&#8221;, kam es mir dann in den Sinn. \u201eVielleicht kann er es auf irgendeine Weise h\u00f6ren.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4f3da265e4ef6b92f7469974957117ed\">\u201eDann tu es einfach.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e6c368ae7e8e0909fe28c0c7ca140183\">Einen Moment zierte ich mich. Dann kniete ich nieder und ber\u00fchrte die frische Erde. \u201eDanke, Meister Gor.&#8221;, sagte ich leise. \u201eDanke f\u00fcr &#8230; alles, was Ihr mir letztlich erm\u00f6glicht habt. Ich hoffe, dass Ihr hinter den Tr\u00e4umen Euren Frieden findet und dass das Licht Euch als das annimmt, was Ihr immer sein wollet. Ich glaube, ich habe die Geschichte verstanden, die Ihr mir anvertraut habt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"52031aefb5ed24248ff1384f1eb48065\">Yalomiro regte sich. Dann ber\u00fchrte auch er das Grab.<\/p>\n<p data-p-id=\"c0d33fab4dc3ce4831d56245787561e1\">\u201eM\u00f6gen die M\u00e4chte den hierher f\u00fchren, der w\u00fcrdig ist, Euer Nachfolger zu sein&#8221;, sagte er. \u201eIhr habt Recht behalten. Ich bin ein anma\u00dfender, eitler und gedankenloser Kerl. W\u00e4re ich Eurem Angebot gefolgt, Ihr h\u00e4ttet bald die Geduld mit mir verloren. Und doch habt Ihr mich mehr gelehrt als ein guter Meister es vermocht h\u00e4tte. Frieden, Gor Lucegath. Frieden zwischen den Dienern der Dunkelheit und denen des Lichtes. <em>Ad&#8217;ree<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"556551916e1fdac06b4fe5e7c1024b0c\">Er erhob sich und holte etwas aus seiner Tasche hervor. Es war das Fl\u00e4schchen, das er zuvor im Turmgemach gefunden hatte. Er sch\u00fcttete den Inhalt auf seine Handfl\u00e4che und warf dann zuerst trockene Kr\u00fcmel und dann einen weiteren Zauber \u00fcber die frische Erde, so zart, als streue er Saatgut aus. Und tats\u00e4chlich: wie Flaum streckten sich im gleichen Moment winzige Pfl\u00e4nzchen hervor.<\/p>\n<p data-p-id=\"0d3a3c67cd364b855c3b8ef3ddea87a2\">\u201eEs ist getan&#8221;, erkl\u00e4rte er. \u201eMorgen fr\u00fch wird nicht mehr zu erkennen sein, wo die Erde bewegt wurde.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"726cb6d79e0a4becdfc8970674eb0892\">\u201eUnd wie soll jemand, der &#8230; danach sucht, die Stelle finden?&#8221;, wandte ich ein und stand meinerseits auf.<\/p>\n<p data-p-id=\"34ac2282f3bb4642a4b19f51bf5a0991\">Yalomiro l\u00e4chelte. \u201eM\u00f6glicherweise gedeiht hier fortan aus unerfindlichen Gr\u00fcnden die blutrote Traumraute besonders gut und unausrottbar. \u00c4u\u00dferst ungew\u00f6hnlich auf dieser Seite des Montaz\u00edel.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2647a838df8deb4b4ee8abbf54f1fa35\">Den Weg zum Boscarg\u00e9n kannte Yalomiro. Er trug Ar\u00e1ma\u00fa nun auf seinen Armen, als sei sie schwerelos. Ich bildete mir ein, ihr helles Haar selbst in v\u00f6lliger Finsternis erkennen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"71c0079d6c2bb54aa3c2455c86bd8bf9\">Der Gang durch den Schatten fiel mir immer leichter. Die v\u00f6llige Finsternis beunruhigte mich nicht mehr. Ich hatte keine Angst, dabei verloren zu gehen. Die Magie, die es sich nach und nach in meinem K\u00f6rper einrichtete, \u00fcberzeugte mich, dass das, was ich gerade tat, v\u00f6llig <em>normal<\/em> war.<\/p>\n<p data-p-id=\"224d0afb851ea97aa106ae3729f14322\">Meine Bef\u00fcrchtung, dass wir viele Tage lang bis auf die andere Seite des Montaz\u00edel laufen m\u00fcssten, bewahrheitete sich nicht. Zumindest f\u00fchlte es sich nicht so an. Obwohl, wer wusste schon, wie unter Sonne und Mond au\u00dferhalb des Schattens die Zeit verstrich.<\/p>\n<p data-p-id=\"343b8ef1f15ff3603c8f20d646a27163\">Wir redeten w\u00e4hrend des ganzen Weges kein Wort miteinander. M\u00f6glicherweise klingt das schrecklich, aber tats\u00e4chlich schwiegen wir <em>miteinander <\/em>und hatten uns dabei mehr und Tieferes zu sagen, als wir mit Worten h\u00e4tten ausdr\u00fccken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"68a43920eafe119965ea7f98eed4e01e\">Und dann, Minuten oder Monate sp\u00e4ter, ver\u00e4nderte sich das Dunkel, wurde fester, massiver, wurde zu Fu\u00dfboden und W\u00e4nden und einer T\u00fcr, die Yalomiro kurz besang und dann, da er keine Hand frei hatte, mit der Schulter aufschob.<\/p>\n<p data-p-id=\"b72e261ed240f4fee50b76fcd55d0685\">Milchig-nebliges Tageslicht blendete, und vor uns lag die verw\u00fcstete Ein\u00f6de des Boscarg\u00e9n mit den verdorrten B\u00e4umen und dem br\u00fcchigen kahlen Boden. Aber \u00fcber dem Nebel schien sich heller Sonnenschein Bahn zu brechen. Es war k\u00fchl und ein leiser Luftzug strich zwischen den toten St\u00e4mmen hindurch.<\/p>\n<p data-p-id=\"7c1bcf6d12253002efb44c7b3fd9c7ac\">Yalomiro verlie\u00df den Eta\u00edmalon und schaute sich um. Dann trug er Ar\u00e1ma\u00fa ein St\u00fcck weiter weg, die B\u00f6schung hinab bis an das Ufer des Sees. Dort legte er sie ab, bettete sie sanft auf den Boden.<\/p>\n<p data-p-id=\"4c77c2d3ba11dd2ace1d4898c37fa171\">Eine Weile verharrte er reglos. Ich stand scheu zwei Schritte entfernt und wartete befangen.<\/p>\n<p data-p-id=\"b4622f077ae8087479e6e1f6f7b303e8\">\u201eIn Geschichten&#8221;, sagte er ruhig, \u201egeht es immer sehr schnell mit der Heilung von Wunden, nicht wahr? Ist es das, was du mit einem gl\u00fccklichen Ende meintest?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"677fa54ad0e1a1ccc64c7e268297f83a\">\u201eVermutlich. Es war dumm von mir.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5cb2f16c45cf8b58c033c2e0b05f9fb8\">\u201eNein. Nur ungeduldig.&#8221; Er warf einen kleinen Zauber gegen den staubtrockenen Abhang. \u201e<em>Yal<\/em>!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"64891028eda63157b222c02550978051\">Die Magie l\u00f6ste einen kleinen Erdrutsch aus und formte einen Hohlraum unter den Wurzeln eines der abgestorbenen B\u00e4ume. Ohne sich zu mir umzudrehen, brachte er Ar\u00e1ma\u00fa in den Schutz dieser Wurzeln. Dann kniete er nieder und summte beschw\u00f6rend.<\/p>\n<p data-p-id=\"da3e93f56eaecaf7d305ef3cca66f28f\">Ich beobachtete fasziniert, aber l\u00e4ngst nicht mehr \u00fcberrascht, wie die Baumwurzeln sich bewegten. Sie griffen nach dem M\u00e4dchenk\u00f6rper, umrankten ihn, zogen ihn nahezu z\u00e4rtlich an sich. Die dr\u00f6ge, trockene Erde rieselte gegen die Schwerkraft zur\u00fcck und deckte sie zu wie eine sch\u00fctzende Decke. Der Boden des Boscarg\u00e9n nahm Ar\u00e1ma\u00fa in seinen Schutz.<\/p>\n<p data-p-id=\"fb12f46e99311d7213ae52b018ba10e0\">Yalomiro breitete die Arme weit aus. Dann grub er seine Finger tief in die Erde, warf den Kopf in den Nacken und sang, ein Lied mit einer so gro\u00dfen Energie, dass ich erstaunt davor zur\u00fcckwich.<\/p>\n<p data-p-id=\"ccb554b10430e03eeba180d1367e5798\">Dabei geriet ich mit den F\u00fc\u00dfen ins Wasser. Der See war eiskalt und mir war, als stie\u00dfen tausend kleine Nadeln zugleich in mein Fleisch. Aber es tat nicht weh. Es war nur ein fl\u00fcchtiges, ein irritierendes Gef\u00fchl. Dann pl\u00f6tzlich <em>umarmte<\/em> mich das Wasser, ich wei\u00df nicht, wie ich es anders h\u00e4tte sagen sollen. Das Wasser hie\u00df mich willkommen.<\/p>\n<p data-p-id=\"fc83697d0f3baccced71c40e4510a2cd\">Ich streifte meine Schuhe ab und watete tiefer in den See hinein. Ich dachte nicht nach. Ich <em>wollte<\/em> nicht nachdenken. Ich folgte einem Bed\u00fcrfnis, einem <em>Trieb<\/em>, ich tauchte so tief ein, wie es mir m\u00f6glich war, um dabei noch zu singen. \u00dcberraschenderweise ertrank ich dabei nicht. Der See umarmte mich mit seinen weichen Wellen und hie\u00df mich willkommen.<\/p>\n<p data-p-id=\"b05b6ea39e6f48bd19d61154817639ff\">\u00dcber dem Boscarg\u00e9n brachen die starren Wolken auf und es begann, zu regnen.<\/p>\n<p data-p-id=\"bbf5ba90aca47226fbff94922bdc71ff\">Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich oberhalb der B\u00f6schung und war klatschnass. Yalomiro kniete im Regen unter einem m\u00e4chtigen Baumstamm auf halber Strecke zu dem H\u00e4uschen, das die \u00e4u\u00dfere H\u00fclle des Eta\u00edmalon war, und schichtete dort einen kleinen Haufen aus Kieseln vom Ufer zusammen. Ich musste nicht fragen. Ich wusste, er hatte Meister Ask\u00fdns Knochen begraben, w\u00e4hrend er darauf wartete, dass ich aus meiner Trance erwachte.<\/p>\n<p data-p-id=\"1d812ae41b8849eab9c4f980211a3f94\">Ich setzte mich benommen auf. Der Regen prasselte heftig auf die Wasseroberfl\u00e4che. Die Spiegelbilder der B\u00e4ume sahen bizarr aus. Zwischenzeitlich hatte sich eine Wolkenl\u00fccke ge\u00f6ffnet. Die Sonne projizierte einen zarten Regenbogen auf den Regenschleier.<\/p>\n<p data-p-id=\"bded3053783fb0c2fdcf032bba1b97cb\">\u201eSchau&#8221;, sagte Yalomiro. Er stand auf und wirkte ersch\u00f6pft, fast wie damals, als Meister Gor ihn durch den Spiegel auf Pianmur\u00edt wieder hinaus geholt hatte. Doch diesmal schien er guter Dinge zu sein. \u201eAuch Patagh\u00edu hei\u00dft dich willkommen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"27f5e21a0528003f63f2c4d5db9fe130\">\u201eWas ist passiert?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b318afe6f344a98ecb94e10638fecd90\">\u201eIch h\u00e4tte dich warnen sollen&#8221;, sagte Yalomiro und schien nicht im Geringsten reuig. \u201eObwohl &#8230; mich hatte damals auch niemand darauf vorbereitet. Meister Ask\u00fdn, m\u00f6ge er hinter den Tr\u00e4umen seinen Frieden finden, meinte es sei am besten, wenn jeder seine Gabe f\u00fcr sich selbst entdecke.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"69732e30c3a6fea8e97630b9201f89e4\">\u201eWas hei\u00dft das?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2730a5f06d92a1471b5b6a0e2f29c0f1\">\u201e<em>Camat&#8217;ayra<\/em> haben Gewalt \u00fcber das Wasser. Komm mit!&#8221; Er zog mich auf meine wackligen F\u00fc\u00dfe und f\u00fchrte mich hin\u00fcber zum See.<\/p>\n<p data-p-id=\"693a668bde65b7d66c11e1981fd781c4\">Dort, wo meine Schuhe noch im Kies lagen, glitzerte das Wasser kristallklar unter Sonnenstrahlen. Der graue Himmel klarte mehr und mehr auf. Die Tr\u00fcbung des Sees schien langsam, sehr langsam zur\u00fcckzuweichen.<\/p>\n<p data-p-id=\"4cb5613915388682abf9ec15155e7271\">Ich wandte mich um. Dort, wo Yalomiro vorhin gekniet hatte, reckten sich kleine gr\u00fcne Bl\u00e4ttchen aus der Erde. Weiter oben am Baum entdeckte ich eine einzelne, saftigbraune Blattknospe. An der Stelle, wo Ar\u00e1ma\u00fas Grab im Hang war, bl\u00fchte eine einzelne, mondwei\u00dfe Blume, so strahlend und fr\u00f6hlich, dass ich glaubte, Ar\u00e1ma\u00fa lachen zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p data-p-id=\"fead696a83d92848241814a13cca3b6e\">\u201eIch bin ein G\u00e4rtner&#8221;, sagte er. \u201eIch habe Macht \u00fcber Pflanzen. Dir wird das Wasser gehorchen. Wir werden all das hier in Ordnung bringen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"25bc5e3b19713f28bb5a9771738652cc\">\u201eDas ist wundersch\u00f6n&#8221;, antwortete ich leise.<\/p>\n<p data-p-id=\"93b9d394b1378f6891bc4062b19a5cfd\">\u201eEs wird Zeit brauchen. Aber wir haben nun alles getan, was wir tun konnten. Wir m\u00fcssen jetzt warten. Wir k\u00f6nnen uns ausruhen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5800d2adcd9fca65d7b05f91158a27fb\">\u201eAusruhen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4a8b0c06478a0ce5a918f1a18425f408\">\u201eWir sind im Boscarg\u00e9n. Wir sind beim Eta\u00edmalon, im Haus Nokt\u00e1mas. Wir sind in Sicherheit. Wir sind &#8230; beieinander.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"25a8913d7525a85f6a315efc2d5c5731\">Ich lehnte mich an seine Schulter und betrachtete die Blume. \u201eIch muss so viel lernen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"148dce9a37059b3ba981362ca114d22f\">\u201eDaf\u00fcr haben wir nun Zeit, Ujora. Viel, viel Zeit.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"da8875eabab6d7c125002907472ed12a\">Wir blickten eine Weile still auf den glitzernden Flecken im See, auf das zarte Gr\u00fcn am Fu\u00df des wiederbelebten Baumes.<\/p>\n<p data-p-id=\"630bab67a214d405f367b731dcab17fd\">\u201eIch habe etwas f\u00fcr dich&#8221;, fuhr er fort. \u201eEin Geschenk.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7f8f337186cd00512bf88880dccc9a55\">\u201eEin Geschenk?&#8221;, entgegnete ich verwirrt.<\/p>\n<p data-p-id=\"8b6d43b86bc4b3979aa5ab652ff44aa4\">Er vollf\u00fchrte eine elegante Geste und legte es mir in die Hand. Es war kalt und metallisch. Der Weltenschl\u00fcssel. Er hatte ein zierliches Kettchen daran befestigt.<\/p>\n<p data-p-id=\"ba61c5f26d44e71a604c196b14bb4e18\">\u201eEs ist Silber&#8221;, sagte er sanft. \u201eEs ist nichts weiter mehr als ein leeres St\u00fcck Silber. Ich dachte mir, es mag noch als Schmuck, als Erinnerungsst\u00fcck taugen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4232eabb71c7b67a3ff06f15a8495446\">\u201eDanke&#8221;, sagte ich leise. Der Schl\u00fcssel war tats\u00e4chlich sehr h\u00fcbsch anzusehen. Ich h\u00e4ngte ihn mir um und machte mir klar, dass ich nie zuvor ein so pers\u00f6nliches Geschenk erhalten hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"981d99c8a3cfc34a6f594c4e0dd22e46\">\u201eIch denke, es ist nun auch in Ordnung, wenn du mir deinen Namen sagst.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"342c4ad06f7d47d8c7f9da63af51c2f6\">Ich dachte kurz dar\u00fcber nach.<\/p>\n<p data-p-id=\"b539fdc4698c51ea67e267db8c1de518\">\u201eNein&#8221;, entschied ich dann. \u201eIch bin aus meiner Welt weggegangen. Vermutlich bin ich dort mittlerweile ein mysteri\u00f6ser Vermisstenfall, der niemals aufgekl\u00e4rt wird. Aber das ist mir egal. Ich habe abgeschlossen mit diesem anderen, \u00f6den Weltenspielkasten. Ich habe meinen Ort gefunden.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"468825701673bf21e356a72e909732de\">Er hob die Brauen. \u201eWie du meinst.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"bfce5882a9696b30bf13674a89cdc527\">\u201eKann ich nicht weiterhin Ujora sein?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c7fa2bd56b8800c58f41da35b499a01a\">\u201eNein. Du bist keine <em>ujora<\/em>, keine Unkundige mehr. Du bist <em>meinesgleichen<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"54084657a9a476be8bea42aeafd3e9c0\">\u201eDann gib mir einen neuen Namen. Einen, der besser passt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"24e7eef6adedb453302912988b96a76b\">\u201eDar\u00fcber muss ich nachdenken.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b37e85a616569a6ce36a263bafb18f12\">\u201eLass dir nur Zeit dam-&#8220;<\/p>\n<p data-p-id=\"226e68d9cf8dc859c5d9e03aaa791ebe\">\u201eSalghi\u00e1ra. Salghi\u00e1ra Lagoscyre.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3432014b1aebebdbea64c5465a74083c\">So h\u00f6rte ich das erste Mal meinen neuen Namen von seinen Lippen. Es war ein unendlich sch\u00f6ner Klang.<\/p>\n<p data-p-id=\"58e4a2602ede136ed0bb755830805c2e\">Er legte seine Arme um mich und seine Stirn an die meine. Ich schmiegte mich an ihn und lauschte seinem Geist.<\/p>\n<p data-p-id=\"07ff25ba76383bc205958b8df6079d15\"><em>Du duftest so gut, <\/em>dachte er<em>. Wie Regen, der auf trockene Erde f\u00e4llt.<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"fe71b5aa4484c69f2a90f1c48930863d\">Und w\u00e4hrend der Boscarg\u00e9n mit jedem unserer Atemz\u00fcge ein winziges bisschen lebendiger wurde, ging das Weltenspiel weiter. Patagh\u00edu, der Helle Tag, war nun am Zug.<\/p>\n<p data-p-id=\"0d924a6a0be85260e52f7c18d6f05186\">Weit im S\u00fcden, dort wo die W\u00fcste Soldes\u00e9r an die Stadtgrenzen von Aur\u00f3p\u00e9a stie\u00df, horchte eine alte Frau auf. Einen Moment stand sie still und lenkte ihre Gedanken hin zu der St\u00f6rung, die sie getroffen hatte wie ein Wespenstich.<\/p>\n<p data-p-id=\"94483d610a5b137c5a77b0c144a3f9e1\">Dann gab sie ein ver\u00e4chtliches Schnauben von sich und ging ans Werk. Es gab viel zu tun!<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/schattenherz-oder-die-ergaenzte-seele-band-1\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-2239","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-01_schattenherz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2239"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3932,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239\/revisions\/3932"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}